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Full text of "Mitteilungen Der Schlesischen Gesellschaft Volkskunde Yr 1917yr 1918yr 1919"

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MITTEILOHGEN 

DER 


SCHLESISCHEN GESELLSCHAFT 
FÜR VOLKSKUNDE 

herausgegeben 


THEODOR SIEBS 


Mit einer Sprachkarte 


Band XIX ' ? 

Jahrgang 1917 


BKESLAU 

Kommissionsverlag von M. & H Marcus 
1917 


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Alle Beeilte Vorbehalten 


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Inhalt. 


Aufsätze und Mitteilungen. 


Klapper, Oberlehrer Dr. phil. Josef, Altschlesische Schreiberverse . . 1 

Hilka, Oberlehrer und Privatdozent Professor Dr. phi\. Alfons, Die 
Wanderung der Erzählung von der Inclusa aus dem Volksbuch 

der sieben weisen Meister.29 

Kanipers, Universitätsprofessor Dr. phil. Franz, Turm und Tisch der. 
Madonna. Studien zu den orientalischen Kultureinflüssen auf das 

Abendland und zur Gralsage.73 

Olbrich, Oberlehrer Professor Dr. phil. Karl, Deutsche Himmelsbriefe 

und russische Heiligenamulette im Weltkriege.140 

Giernoth, Oberlehrer Dr. phil. Josef, Die Sprache des Kuhländchens 

nach der Mundart von Kunewald. Mit einer Sprachkarte . . . 157 

Schoppe, Dr. phil. Georg, Wortgeschichtliche Studienil.215 

W r ocke, Oberlehrer Dr. phil. Helmut, Ein schlesisches Quellenbuch der 

Kundensprache.248 

Kother, Taubstummenlehrer Karl, Wie der Bauer den Flachs zubereitete 253 

Schultheiss, Tassilo, Mundartenproben aus Mazedonien.260 

Andreae, Privatdozent Dr. phil. Friedrich, Husarenlied.262 

Landau, Rabbiner Dr. A., Agla. Zu Mitteilungen XVII, 55 . 263 

— Zum schlesischen Wörterbuch. Zu Mitteilungen XVI, 111 ff. . . 264 

Kampers, Universitätsprofessor Dr. Franz, Nachtrag zu Seite 105, Anm. 2. 265 


Besprechungen. 


Günther, Fritz, Die schlesische Volksliedforschung (H. Jantzen) . . . 266 

Schweizerisches Archiv für Volkskunde. XX. Jahrgang (Siebs) . 268 
Freud, Prof. Dr. Sigm., Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Siebs) 269 

Bohn, Dr. Erich, Der Spuk in Öls (Siebs).270 

Bruinier, J. W., Das deutsche Volkslied. 5. Aufl. (Siebs).270 

— Die germanische Heldensage (Siebs).270 





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Böcke 1, 0., Die deutsche Volkssage. 2. Aufl. (Siebs).270 

Bet sch, Robert, Das deutsche Volksrätsel (H. Jantzen).272 

Mogk, Prof. Dr. Eugen, Deutsche Heldensage (Siebs).278 

Bö ekel, 0., Das deutsche Volkslied (Siebs).273 

Fehrle, Eugen, Deutsche Feste und Volksbräuche (H. Jantzen) . . . 273 

Lauf-fer, Otto,, Niederdeutsche Volkskunde (H. Jantzen).274 

Meier, John, Das deutsche Soldatenlied im Felde (Siebs).274 

— Volksliedstudien (Siebs).274 

Bächtold, Hans, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube (Siebs) 275 s 

M ausser, Otto, Deutsche Soidatensprache (Siebs).275 

Löwis of Menar und Hoerschelmann, Märchen und Sagen der 

Baltischen Provinzen (Siebs).276 

Teutsch, F., Die Siebenbörger Sachsen in Vergangenheit und Gegen¬ 
wart .276 

Stenn er, Friedrich, Die Beamten der Stadt Brassö (Kronstadt) von 

Anfang der städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart. 1916. 276 

Manz, Gustav, 100 Jahre Berliner Humor (—e—) 277 

Nitschke, Richard, Geschichte des Dorfes Proschlitz Kr. Kreuzburg . 277 

Eckart, Rudolf, Der Wehrstand im Volksmund (H. Jantzen) .... 277 

Rößler, Hans, Der Förschter-Hons (—e—).278 

Der gemütliche Schläsinger. Kalender für 1918 (—e—) .... 278 

Geschäftliche Mitteilungen. 

Volkskunde und Jungdeutschland; Sitzungsberichte, Nachrichten und 

Anzeigen.273 


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Altschlesische Schreiberverse. 

Von Dr. Josef Klapper in Breslau. 


Ein Bild des deutschen Volkslebens wäre unvollständig, wenn 
der deutsche Student darin fehlte. In anderen Ländern könnte man 
hier den Studenten missen; bei uns sind Volkstum und Studententum 
noch nicht zu trennen. Der Studentenbrauch holt wesentliche Züge 
aus altdeutschem Handwerksbrauch; das Studentenlied ist zum Volks¬ 
lied geworden, und der Studentenwitz hat den philiströsen Bürger 
zum Ziele, und das Volk gibt ihm Recht. So war es in vergangenen 
Tagen mehr noch als heute. Die Volkskunde wird daher auch in 
diesem Felde deutscher Kultur Ernte halten dürfen. Und die 
Wandlungen des Studenten vom krassen Fuchs zum alten Haus, wie 
sie sich in der Überlieferung deutschen Schrifttums spiegeln, der 
Ausdruck von Weltanschauung und Seelenstimmung, von Lust und 
Leid seit den Tagen der Carmina Burana bis zum neuen Kommers¬ 
buche werden reichen Stoffauch der Volkskunde bieten. Anschauungen 
und Stimmungen fanden natürlich in vergangenen Jahrhunderten auch 
hier einen mehr formelhaften Ausdruck in der Wahl von Wort und 
Bild, ihr Inhalt war wohl auch enger begrenzt als heute; der Gründ¬ 
en ist damals wie heut der gleiche, es ist der im Studentenherzen 
wohl stärker als anderswo empfundene Zwiespalt zwischen Ideal und 
Leben, zwischen dem Hange zum frohen Lebensgenuß nnd der Er¬ 
kenntnis, daß der Weg zu ernsten Zielen Entsagung heißt. Zwei 
Seelen wohnen, ach! in des Scholaren Brust. Und noch ins finstere 
Philsterium hinein winken die heitren Bilder vergangener Scholarenzeit. 

Wenn vor fünfhundert Jahren der junge Kleriker das akademische 
Studium mit dem Philistertum der heiligen Theologie vertauschte und 
von nun an hinter den Klostermauern oder auf einsamer Expositur als 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 1 


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2 


Schreiber oder Seelenhirt sein weltentrücktes Amt zu üben hatte, 
dann blickte er so manches Mal zurück ins Land der jetzt verbotenen 
Freuden. Übermütige Liedchen, kräftige Sprüchlein voll Lebenslust, 
wie sie einst im Kreise heiteren Vaganteutums erstanden waren, 
kehrten dann wohl in seinen Sinn zurück, und seine Hand, die eben 
fromme Zeilen noch mühevoll und sauber auf dem Pergament beendet 
hat, kann solcher Lockung nicht mehr widerstehn. Im Buche, das 
jetzt glücklich abgeschlossen ist, blieb auf der letzten Seite noch 
ein Stückchen freier Raum, und wo nach alter Überlieferung ein 
Stoßgebetlein seine Stätte finden sollte, entstellt — o Schreck!, — 
ein tolles Verslein, aus Studentenübermut geboren, das fromme Werk. 
Ein Satirspiel nach der Tragödie. Ein kurz Gebetlein hätte dorthin 
gehört; was meistens schon mit einem frommen Verse begonnen 
ward, es sollte auch so enden. Nicht selten finden wir sogar, daß 
eine gleiche Hand den losesten Scholarenvers mit dem aus herzinnig 
frommem Sinne entquellenden Gebete vereint. 

Diese enge Welt der Schreibersprüche, deren Anfänge ins achte 
Jahrhundert zurfickzuverfolgen sind, soll uns hier beschäftigen. Doch 
nur soweit uns dies die schlesische Überlieferung ermöglicht. 
Auch auf diesem Gebiete reichen die Quellen in Schlesien nicht 
über die letzten 150 Jahre des ausgehenden Mittelalters zurück. 
Es ist kaum etwas Neues, was durch sie an Stoff erschlossen wird. 
Anderwärts sind solche Sprüche ja schon in beträchtlicher Zahl 
gelegentlich bei der Beschreibung von Handschriften mitgeteilt 
worden; wer eine reiche Auslese von sachkundiger Hand besorgt 
genießen will, der wende sich an den entsprechenden Abschnitt in 
Wattenbachs schönem Buche über das Schriftwesen im Mittelalter 1 ). 
Ein Versuch zur erschöpfenden Sammlung ist jedoch bisher, auch 
nicht einmal auf landschaftlich begrenztem Gebiete gemacht worden. 
Die vorliegende Sammlung verfolgt dieses Ziel für Schlesien, soweit 
die Handschriften in Betracht kommen, die auf der Königlichen und 
Universitätsbibliothek vereinigt sind. Sie wird uns einen, wenn 
auch notwendig unzulänglichen Einblick ermöglichen in dieStimraungs- 
und Gedankenwelt unserer alten schlesischen Schreibermönche und 
damit ein Gegenstück bilden zu der Sammlung altschlesischer Sprich¬ 
wörter, die uns die Stimmungen und Anschauungen des Bürger- und 
Bauernstandes spiegelten 2 ). 

l ) 3. Auflage, 1896. 

3 ) Vgl. in diesen Mitteilungen Bd. XIII (1910) 77 ft. 


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Gottes Lob soll nach altem Brauche das Werk beschließen, an 
dem der Mönch oft monatelang geschrieben hat. 

Lob dem Ewigherrschenden in der Himmelsburg; Lob dem Allmächtigen; 
Lob dem wahren Gotte; Dank dir, Gott, der du uns immerdar liebst. Gelobt 
sei Gott in den kleinsten Dingen wie in den größten. Gebencdeit sei der Drei¬ 
einige. Lob sei Christus, da das Buch beendet ist. Ehre dem Dreieinigen, 
<lem Vater, dem Sohne und dem Geiste. Lob und Ehre sei Christus, das Buch 
hat ein Ende. Lob sei dir, Christus, dafür daß das Werk vollendet ist. Das 
Ende der Laufbahn ist erreicht, lebt somit wohl, ihr Schreiber! So endet dies 
Werk im Namen Christi. Der das Alpha und 0 ist, Christus sei gelobt und 
gepriesen. Gebenedeit sei Christ, der für uns litt. Der Jungfrau Sohn sei 
gelobt, so oft jemand in diesem Buche liest. Amen, unser Trost sei der heilige 
Geist. Gebenedeit sei Gott und seine liebe Mutter. Lob sei dem Sohne 
Marias in alle Ewigkeit. Gelobt sei Gott mit allen seinen Heiligen. Lob sei 
Gott und dem heiligen Bartholomäus. Lob sei Gott und dem heiligen Augustin. 
(Nr. 1—40). 

Das einfache Lob Gottes und seiner Heiligen wandelt sich zur 
Widmung; das vollendete Werk wird den Himmlischen dargebracht, 
und an die Opfergabe schließt sich die Bitte an den Herrn um 
Verzeihung der Sünden, um Gnade und Seligkeit, das Gebet zu 
Maria und den Heiligen um ihre Fürbitte bei Gott und um Hilfe 
in irdischer Not. 

Nimm hin, Künder des göttlichen Wortes, was ich hier schrieb. Nimm 
an, o Christus, das Buch, das zu deinem Lobe vollendet ist; meines Herzens 
demütige Stimme singt dir Lob und Ehre; des Lesers heiliges Gebet sei meines 
Werkes Lohn; solches Gebet, aus ganzem Herzen dargebracht, erschließe uns 
den Himmel. Nun ist fürwahr ein Ende; gelobt sei Gott, Gnade mir Sünder. 
O Gott, segne das Leben des Schreibers und des Lesers. Höre, Christus, am 
Ende des Werkes mein Gebet; Zu dir seufze ich, bei dir zu leben sehne ich 
mich: um die Seligkeit liehe ich zu dir; laß mich die Sünde beweinen; nimm 
von mir die Furcht der Welt und ihre Liebe; gib mir ein Leben, das vor 
Sehnsucht nach dem Himmel glüht: ich grüß dich, Jesu Christ, nimm mich zu 
deiner Rechten, Schöpfer des Lebens, sprich in meinem Tode das Wort der 
Schrift zu mir: Kommet, ihr Seligen, Amen. Möchte mit Christus ewig leben, 
der dieses Buch geschrieben hat. Hilf, Gott, aus Not! Nun hat der Psalter 
ein Ende, Gott uns zum Himmel sende. Gott errette die Seele des Schreibers 
und des Lesers. Der Lohn des Schreibers sei der dreieinige Gott. Wer dieses 
Buch geschrieben, der möge nicht sterben, ohne seine Sünden aufrichtig zu 
Feichten. Der barmherzige Vergelter erbarme sich der Seele des Schreibers 
Möchte ich rein von Sünden bleiben, darum bitte ich zum Beschluß. Laßt uns 
Amen sprechen, damit wir vereint mit Christus bleibeu. Er gebe uns die 
Freuden des ewigen Lebens. Bessere, guter Jesus, den Schreiber dieses Buches; 
Amen, das geschehe, lieber Herr und Gott. Nun ist das Werk beschlossen, 
nun will ich dir, Christus, einen Lobgesang singen; doch sei mir Sünder gnädig; 
gib meiner Seele Frieden und erleuchte meinen Geist, daß ich, was in dem 

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Werk beschrieben ist, richtig erfasse. Anfang, Mitte und Ende lenke du r 
Maria. Führe, milde Jungfrau, meine Hand, daß ich nichts Eitles schreibe. 
Amen sagen wir nun alle; o Maria, gütige Mutter, hilf uns. Königin des 
Himmels, verlaß den Schreiber uicht. Nun reich ich, o Gott, dir dieses wert¬ 
lose Buch; ich habe es beendet; Lob sei dir, Jungfrau Maria; hilf mir, Himm¬ 
lische, daß ich die Freuden des lebendigen Gottes schaue. Hilf, Gott, Maria, 
gib Rat! Maria, Mutter, reine Magd, all unser Not sei dir geklagt. Amen, 
das walte Gott; und die Mutter sein möge unser aller Schutz und Schirm sein; 
Amen, das gescheh. Lob sei dir, Christus, der du unser Schöpfer, Erlöser und 
Heiland bist, Amen; so spreche ich Schreiber Heinrich und setze hinzu: 0 
Maria, Rosenkönigin, empfiehl uns Hilfeflehende dem Herrn. Maria sei gnädig 
uns, bitt dein liebes Kind für uns. Nun schließt das Buch von des Johann 
von Luberaze Hand; dies Buch schrieb Johann und segnete es; der allmächtige 
Gott gebe, daß auch er gesegnet sei; nun sollt ihr beten und eure Bitten aus- 
schütten, daß er zu Gottes Ruhme Gnade finde; zum Herrn des Himmels wollen 
wir mit gläubigem Sinne rufen, daß der Herr nach Verdienst seine Himmels¬ 
gaben schenke; loben wir ihn, weil des Johannes Taten des Lobes wert sind; 
loben wir ihn im Wettstreit jetzt und in Ewigkeit. Wach, Engel, wach! 
(Nr. 41—73). 

Mancher dieser frommen Wünsche, mit denen der Schreiber von 
seiner Arbeit Abschied nimmt, ist in ganz allgemeiner Form gehalten, 
ohne daß Gott oder die Heiligen besonders genaunt werden: Amen 
wollen wir alle sagen. Das Buch ist zu Ende, der Schreiber bleibe von Sünden 
frei. Des Schreibers Lohn sei die Liebe des heiligen Geistes. Wer dieses 
schrieb, des Hand sei gesegnet. Wer dieses schrieb, schreibe und lebe noch 
lange Zeit. Ich hoffe, einst von Sünden frei zu sein. (Nr. 74—80). 

Einigemal beschränkt sicli der Schlußvers auf die Bitte des 
Schreibers, der Leser möge seiner im frommen Gebete gedenken: 
0 lieber Freund, bitte du für mich Laurentius, der ich harte Not erlitten habe* 
als ich dieses Buch schrieb mit eigener Hand. So bitte ich euch, geliebte 
Brüder, zum Beschluß, daß ihr beim Lesen an mich armen Sünder denkt. Mit 
frommem Sinne bittet der Schreiber um ein Ave Maria. Betet für mich armen 
Sünder. Nun zum Beschluß sei Lob und Ehre Christus; und betet ein Vater¬ 
unser und ein Ave, so bitt ich, für mich, der das Buch schrieb. (Nr. 81—85). 

Bisher bewegen sich die Verse in der bekannten Gedankenwelt 
mittelalterlichen Mönchtums, ohne daß die Gebetlein besondere volks¬ 
tümliche Färbung zeigen. Anders steht es in der folgenden Gruppe, 
in der derber Volks- und Scholarenhumor immer wieder zur Geltung 
kommt. Teils ist nur auf den Verlauf, die Art der Schreibarbeit 
hingewiesen, wobei wiederholt scheinbar ernsthaft gebeichtet wird, 
daß Sonn- und Feiertagsruhe dafür geopfert wurden, teils wird Ab¬ 
schied genommen vom Leser und ihm das Buch gewidmet; aber es 
wird auch der übermütigen Freude über die Beendigung der mühe¬ 
vollen Arbeit in kräftigen Worten Ausdruck verliehen. Bald spottet 


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ein Verslein über drohende Schulstrafen und bakelschwingende Lehrer, 
bald trifft der Spott den ungebildeten Bauern, wobei es zweifelhaft 
bleibt, ob er auch noch sozusagen unter die Menschen gerechnet 
wird. Manche dieser scherzhaften Bemerkungen verläuft sich auch 
mitten in den ernsten Text hinein, wenn nur ein Plätzchen dafür 
frei geblieben war. 

Da habt ihr die Bescherung; tantum de feste. Nun ist das Ziel erreicht, 
und ich sag euch Lebewohl. Ich habe das Werk beendet, oft hab ich die 
Festtagsruhe geschändet. Christus mache seiner Mutter zur Ehr den Schreiber 
selig: die Rechte des Schreibers schütze des Allmächtigen Hand; ich habe 
das Werk vollendet, oft wurde das Fest geschändet; doch möge meiner sich 
erbarmen, dessen Name Jesus Christus ist. Höre nun auf, Schroiber, denn 
deine Hand ist ermüdet. Stelle jetzt die Arbeit ein, sie hat dich lange genug 
beschäftigt. Dieweil das Buch beendet ist, springt der Schreiber in hohem 
Freudensprung empor. Paul aus Mainz hat dies Buch beendet, trag es heim. 
Das Buch schrieb einer, den ich nicht kenne. Ich schrieb das Buch nicht mit 
dem Fuß, ich schrieb es mit der Hand. Ich habe das Buch ohne Hände ge¬ 
schrieben, das ist kein Scherz, sondern stimmt ganz genau. Mielchen, ich frage 
dich, liebst du von Herzen mich? Sag es nur. wenn’s nicht sollt sein, gibt's 
ja noch andre Mägdelein. Schluß, sprich Amen, liebes Kind mein, Amen. Hier 
fehlt nichts im Texte, mir aber fehlt ein hübsches Kind. Schluß, beiß mich 
nicht, alter Schulhund. Ich lache übers ganze Gesicht, den mächtigen Rohr¬ 
stock furcht ich nicht. Laßt es mich am Schlüsse sagen: Bauern können 
Feigen nicht vertragen. (Nr. 80—109;. 

Auch an ernsten Hinweisen auf die Schwierigkeit der Arbeit 
fehlt es nicht. Zu hohe Anforderungen von seiten des Lesers werden 
zurückgewiesen, dabei die Hoffnung ausproehen, daß das Buch 
gerechten Anforderungen genüge, auch die Bitte um günstige Be¬ 
urteilung und um gütige Berichtigung der Schreibfehler geäußert. 
Die Schuld für Fehler der Abschrift wird der schlechten, unleser¬ 
lichen Vorlage zugeschoben, doch auch die eigene Ungeschicklichkeit 
bekannt. 

Ich habe das Buch beendet, ich schrieb es nach Gebühr. So ist es zu 
Ende: Gott gebe, daß es geraten sei. Habt mir es nicht für übel. Ein Schuft 
der, der von einem Schreiber fordert, was nur zwei leisten können. Wenn 
du, lieber Leser, alles, was ich schrieb, lobtest, war es um deine Urteilsgabe 
nicht gut bestellt; doch wenn du alles tadeln wolltest, so sagte ich: du gönnst 
inirs nicht. Was der Schreiber verfehlte, mögest du, Leser, bessern. Hätte 
ich ein besseres Exemplar benutzen können, dann hätt ich allein manch falsches 
Wort vermieden. Hätte der Schreiber besser schreiben können, so hätte er es 
auch getan. Ach, ich hab es nicht richtig abgeschrieben, weil ich es nicht 
lesen konnte. Hätte ich besser geschrieben, so hätte ich auch meinen Namen 
hinzugesetzt. Nuu ist das Buch beendet, Lob und Ehre sei Christus dafür; 
ach. ich habe es schlecht vollendet, da ich uicht gut schreiben kann; wer es 


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schrieb, des Hand möge gesegnet sein; Ainen, sage dir fürwahr, du mögest 
geminnet sein. (Nr. 110 — 123). 

Die letzte Probe leitet schon zu jenen Versen über, in denen 
in einfacher Angabe oder in gelehrtem Versteckspiel unter halb 
rätselhaften Andeutungen der Name des Schreibers oder die Ent¬ 
stehungszeit des Buches mitgeteilt werden : Wer das Buch schrieb, trug 
den Namen Ottelin. Wer mich schrieb, hieß Konrad. Dies Buch schrieb ein 
Hieronymus, er betet allezeit zu Christus. Wer mich schrieb, hieß Ludwig. 
Wenn du, Leser, meinen Namen wissen willst, ich heiße Blasius und mit dem 
Zunamen Buriak. Nachdem ich dies mit meiner Hand in Kürze geschrieben 
habe, mach ich hier Schluß; wenn du meinen Namen wissen willst, so kan ns 
du dir hier den Vornamen und den Zunamen bilden; Bar ist die erste Silbe, 
to die zweite, lo die dritte, me kommt zu viert; us ist der Schluß; nun lindst 
du, wie ich heiße; setze dann Buch und endlich wald, so weißt du meinen 
Zunamen; das Jahr lindst du durch Rechnung aus dem Worte Muccucculim 
(1453); der Tag des Jahres war der vierte vor dem Johaunistage. Nach 
Tausend, nach dreihundert, nach sieben und viermal zehn ist dieses Buch an 
einem Dienstage beendet worden; wer es schrieb, war Johannes geheißen; wer 
es schrieb, des Rechte sei gesegnet. Im Jahre Tausend nach der Geburt Christi 
aus der Jungfrau und dazu vierhundertfünfundsechzig, am zehn und neunten 
Tage vor den Kalenden des August hab ich zur Ehre Gottes und aus Liebe 
zur Gottesgeb&rerin dies Buch beendet; möchte mich der Herr rein von Sünden 
bewahren heut und gestern und immer und an allen Tagen. (Nr. 124—132). 

Manche Angaben gewähren einen Einblick in die persönlichen 
Verhältnisse der Schreiber; es sind meistens Klagen über die schwierige 
Lebenslage des Klerikers. „Geschrieben in der Verbannung durch 
mich Martin Tilo, der ich auf unsicherem Grunde stehe und von 
einem Tage zum andern mein Dasein friste; hoffen und harren ist 
wahrlich eine Qual; wenn die Hoffnung zergeht, heißt sie nicht 
mehr Hoffnung, sondern Pein“. — „Wenn es dir wohl geht, so 
gedenke an einen armen Gesellen“, klagt der Breslauer Nikolaus 
Niederbein 1451 in Lemberg. — „Lob dir, Christus“, ruft ein anderer, 
„denn das Buch ist zu Ende; wer reichlich von dem Seinen spendet, 
wird von allen gelobt: doch gibt es in der Welt keinen Reichen, 
der sagen möchte: Ich habe genug“. „Ich -lasse alles allen, laßt 
mir meine Träume“. — Und ein vierter warnt: „Wenn ich auch jetzt 
arm bin, soll mich doch niemand verachten; Christus war arm, und 
doch herrscht er nun über die Welt“. (Nr. 133—136). 

So nähern wir uns bereits den Sentenzeu. Vom Werke, das 
beendet ist. greift der Schreiber gern auf eine sprichwörtliche Wendung 
über. Daneben gelten teilweise kurze Versgebetlein, die keinen Hin¬ 
weis mehr auf das vollendete Werk enthalten, als Beschluß. 


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Das Ende des Buches ist da, unser aller Ende kommt auch einmal. So 
ist endlich der Schluß da, doch will ich armer Erdenwurm nicht frohlocken, 
denn unser aller Ende ist der Tod. Lobe den Beginn, wenn die Sache gut 
ausging; erst wenn das Ende gut ist, ist das Ganze lobenswert. Amen, das 
gescheh! Ach Mensch, wenn du wüßtest, was du bist und woher du stammst, 
•dann würdest du dich nie freuen, du würdest allezeit weinen. Hier schließt 
das Buch von der Hand C. Krapitz; wer die Teile der Logik nicht kennt, strebt 
vergebens zur Weisheit; die Weisheit erforsche mit Hilfe der Logik, nicht um¬ 
gekehrt. Schluß des Buches; über jede Pest geht doch ein unaufrichtiger Mensch, 
der mit blumiger Rede die Pfade seiner Seele schmückt; oft tötete schon durch 
ihren Biß die Schlange einen gewaltigen Stier; vom zwerghaften Hunde wurde 
manches Mal ein Eber gestellt. Wenn Gott allen Doppelzüngigen die Sprache 
rauben wollte, gäbe es ai^ einem Tage mohr als hundert, die wie einst Zacharias 
verstummen müßten. Bricht einer das Wort, so brich es ihm auch. Es wird 
kein großer Weiser aus dem, der nur immer spielen möchte. Der süße Name 
unseres Herrn Jesus Christus und der Name der glorreichen Jungfrau Maria 
seien gebenedeit; ihr schwarzen Mönche, ihr seid zu allem Guten träge, ihr 
seid, Gott ist dessen Zeuge, die schlimmste Pest. Nun gehen wir hin und 
singen Lob und Dank: doch nehmt euch vor den Kellerlöchern in acht, sonst 
brecht ihr euch den Hals. Nun ist das Buch zu Ende, ich schrieb es ohne 
Hände; überlege dir alles gut, tu das Gute, meide das Böse. Hüte dich vor 
den Katzen, die vom lecken und hinten kratzen. Wer seine Fehler wohl erwägt, 
nicht nach meinen Fehlern fragt. Heilige Maria, Gottesgebärerin, reine Jung¬ 
frau, nimm dich meiner an in diesem Tale der Tränen; denn der Sünden- 
schmutz droht mich zu überwältigen: dich, Gütige, bitte ich, laß mich nicht 
darin versinken. Vater im Himmel, dein Name sei geheiligt; dein seliges Reich 
komme in diese Welt; dein Wille geschehe auf Erden wie im Sternenreiche; 
gib du uns unser tägliches Brot: vergib uns unsre Schuld, wie wir unseren 
Schuldnern vergeben; laß nicht zu, daß uns Versuchung schade; dein Schutz 
verteidige uns gegen alles Übel. (Nr. 137—150). 

Bunter und volksmäßig derber wird die Sprache der Beschlüsse, 
wenn der Wunsch nach Entgelt der mühevollen Arbeit zum Aus¬ 
drucke kommt. Die Bitte um den handgreiflichen Lohn wird in die 
verschiedensten Formen gekleidet; die Hoffnung, daß die Schreib¬ 
arbeit nicht unbewertet bleibe, die ganz allgemein gehaltene Forderung, 
die das Wesen des erwarteten Entgelts nicht näher bezeichnet, die 
K läge, daß der Lohn zu gering ausgefallen and nur ein Dankschön 
gewesen sei, das Bedauern, daß die Bezahlung schon vorweg geleistet 
und verbraucht sei, die Bitte um Geld zu einem Trunk, um ein 
Rind oder ein Pferd, um einen Mantel oder einen Becher Bier, der 
scherzhaft geäußerte Wunsch, daß der Lohn ein hübsches Mägdelein 
sein möchte, die Zusammenfassung mannigfacher derartiger Wünsche 
in der Gebetsparodie. 

So steht geschrieben: Wer mehr arbeitet, soll auch mehr Lohn empfangen. 


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8 


Der schönste Trost in der Arbeit ist die Hoffuung auf den Lohn. Nun ist das 
Werk zu Ende, drum fordere ich den Lohn für die Arbeit. Das Werk ist 
beendet, den Lohn der Arbeit hab ich schon vertan. Da ist die gute, nützliche 
Ziege fertig; mir ist mein Lohn gar krank, mir wird nichts gegeben außer: 
Habe Dank. Hier schließt das Buch von der HancL des Schreibers, sein Lohn 
ist ein Dreck. Das ist das Ende, und der Schreiber braucht gar dringend Geld. * 
Das Ende ist da, das macht mir große Freude. Ach, Gott, wie sehr geht Geld 
vor Ehr; Geld geht vor alle Ding’: „Du lügst“ rief da der Pfenning. Der 
mich schrieb, hieß Albert; gebt dem Schreiber ein Rind zum Geschenk oder 
auch ein Pferd. Höre nun auf, Schreiber, deine Hand ist müde; gebt dem 
Schreiber ein Rind oder ein Pferd. Wenn du mir Armen einen Mantel schenkst, 
machst du, daß ich mich reicher fühle als der Papst. Hier soll ein Ende sein, 
schenk mir zu trinken ein, Amen. „Gieß ein gut Bier“, sprach der Lese¬ 
meister. Amen, nun laßt uns gehn nach Jubelwitz, holen wir uns die wohl¬ 
verdienten Hellerlein in Schlaup, versaufen wir sie im Kretscham, in den wir 
geraten; wer hierher seinen Namen setzte, der will gelobt sein. Das Ende 
ist wirklich da; ich begehre von Eurer Gnaden das Schlußgeld dafür; denn 
ich bin ein frommer Knecht, und mich gelüstet nach einem Trünke Wein. 
Dies schrieb Nikolaus aus Neiße, der gern gutes Bier trinkt, schlechtes aber 
garnicht mag. Hier hat das ein Ende, Gott uns sende in sein Reich, wo wir 
bleiben mögen ewiglich; ich habe das geschrieben, mir sind gar wenig Heller 
übrig blieben, sondern sie sind gegangen um Wein und Bier, jetzt und allezeit 
gar schier, denn das macht die Menschen schön und zier. — Nach Beendigung 
des zweiten Bandes setzt der gleiche Schreiber das Yerslein: An beiden 
Teilen hab ich viel geschrieben, mir sind wenig Heller übrig blieben, sie sind 
gegangen um Bier und Wein; Gott behüte den Schreiber vor ewiger Pein, 
Amen. Nun hat das Buch ein Ende; Gott geb uns nach diesem Elende die 
ewige Ruh, da helf uns Maria zu; etcetera, Schreiber, dem ist der Beutel leer, 
darein möchte er Pfennige haben und dazu ein Mägdelein wohlgetan; der ist 
Ellrich genannt und geboren zu Bayerland. Ach, Gott, durch deine Güte 
beschere uns Kappen und Hüte, Hausfrau und wenig Kinder, Mäntel und Röcke, 
Ziegen und Böcke und dazu Hellerlein, so wollen wir gerne deine Diener sein, 
Amen. So schließt dies Buch: der Schreiber bleibe von Sünden rein: wer das 
Buch vernichtet, dem breche der Teufel den Hals; lobe den Schreiber, bis du 
einen besseren findest; man gebe dem Schreiber für seine Feder ein schönes 
Mägdelein; das Buch ist vollendet, der Schreiber springt empor peto leto. 
(Nr. 151—177), 

Das mühsam geschaffene Werk wird der Obhut des Benutzers 
empfohlen; vor Beschädigung wird gewarnt. Der ehrliche Finder 
wird um Rückgabe gebeten; der Bücherdieb verflucht und mit der 
ewigen Höllenqual bedroht. 

Das Buch ist beendet ; wer es findet, der soll es dem Johann von Warten¬ 
berg wiedergeben. Wenn jemand dies Buch gestohlen hat oder findet und 
es nicht dem Bruder Johann Fleischer wiedergibt, der sei verflucht. Das Buch 
gehört nach St. Maria in Heinrichau; wenn es jemand entwendet, der sei ver¬ 
flucht. Hier endet der zweite Band der Homilieu des Marienklosters in Sagau; 

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wenn es jemand stiehlt oder mutwillig beschädigt, der sei verflucht. Das Los 
der Himmlischen möge der Schreiber dieses Werkes teilen; den Tod der Schufte 
möge der Dieb des Buches sterben. Nie soll derjenige Christus erblicken, der 
dieses Buch entwendet; nun sprechen wir geziemend Amen zum Beschluß. 
Wer das Buch stiehlt, dem breche der Teufel den Hals. Den Dieb sollen 
Erebus, Styx, Cocytus wälzen, dem der es wiederbringt werde der Himmel 
zum Erbe; wenn du den Namen des Besitzers erfahren willst, Si ist die erste, 
mon die zweite Silbe: zu Hirschberg ist er geboren, Feist ist er zubenannt; 
ihm möge man um der Ehre Christi willen dieses Buch wiedergeben. 

So führen die Buchschlüsse vom Himmel durch die Welt zur 
Hölle; ästhetisch wertvoller sind die Verse, die ernstes Gebet zum 
Inhalte haben, volkskundlich bedeutender die ungeschminkten, teil¬ 
weise derben Scherzverse. Die Stimmung, die bald zu der einen, 
bald zu der anderen Art der Buchschlüsse greifen läßt, ist mit Ort, 
Zeit, Alter und Lebenslage des Schreibers verschieden. Auf Grund 
der geringen und lückenhaften Überlieferung für die Jahrhunderte 
oder die Ordensgemeinschaften feste Ergebnisse herausfinden zu 
wollen, wäre verfehlt. Die Mehrzahl der Verse sind formelhaft 
überliefertes Gut; wenn einzelne Arten zu gewissen Zeiten nicht ver¬ 
wendet worden sind, so müssen sie doch in den Schreibstuben weiter¬ 
gelebt haben, da sie später wieder auftauchen. Die Klostersitte war 
eben nur zeitweilig gegen ihre Verwendung; die Bekanntschaft mit 
den verschiedenen Gruppen der Schreibverse können wir in jedem 
Kloster voraussetzen. Eine Anordnung nach Klöstern oder nach dem 
Stande des Schreibers an der Hand der zufälligen Überlieferung ist 
somit überflüssig. Die Gesamtheit dieser Überlieferung bietet also 
weniger ein Hilfsmittel-für die Charakteristik bestimmter Klöster 
oder Zeiten, als vielmehr ein Bild des Gedankenkreises des Scholaren- 
tums im allgemeinen. 

Die Form der Verse bietet im Vergleich mit der sonstigen 
mittelalterlichen Scholarenpoesie kaum etwas Eigenartiges. Überwiegend 
wird durch Rhythmus oder Reim eine poetische Form angestrebt, so- 
daß unter sechs Fällen immer nur ein Prosaschluß vorkommt. In 
diesen prosaischen Schlußbemerkungen handelt es sich dann um 
formelhafte Wendungen aus kirchlichen Gebeten (Nr. 27. 35. 36. 49. 
55. 97, zweiter Teil) oder um Wendungen, die der Predigt entlehnt 
sind (Nr. 82. 86. 87. 151); an einigen Stellen werden Angaben 
persönlichen Inhalts in Prosa gemacht (Nr. 81. 111. 134), diese 
meist in leicht scherzhafter Art (Nr. 94. 102. 104. 105. 159. 168. 
171); zweimal sind die Prosaschlüsse Entlehnungen aus Versen 


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(Nr. 96. 97. erste Hälfte), zwei enthalten Sentenzen (Nr. 113. 152), 
and der Rest sind Besitzervermerke mit der Bitte um Rückgabe 

oder der Strafandrohung für Bücherdiebe (Nr. 178 bis 181). Nur 

sechs von den Prosaschlüssen sind deutsch, darunter zwei auch nur 
teilweise, die übrigen sind lateinisch. 

Die Form der lateinischen Sprüche in poetischer Gestalt bietet 
keine Überraschungen, ln zwei Fällen liegt rhythmische Prosa vor, 
die reimlos bleibt (Nr. 74. 137), in elf weiteren Füllen bindet der 
Reim zwei Gedankenhälften, ohne daß ein Rhythmus beabsichtigt 
erscheint (Nr. 4. 10. 28, Vers 2. 40. 64, Vers 2. 115. 116. 116a. 
117. 118. 121). Zwei Zeilen rhythmischer Prosa sind durch Paar- 

reira gebunden in Nr. 85; zwei dreisilbige Satzhälften durch weib¬ 

lichen Endreim in Nr. 43; zwei siebensilbige Hälften durch Reim 
in der zweiten Silbe eines (Trochäus in Nr. 26. Einige Sprüche 
bilden antike Hexameter nach (Nr. 114. 129); ein Vierzeiler bringt 
antike Distichen (Nr. 142). Aber weitaus die Mehrzahl, 126 Fälle, 
weist die mittelalterliche Form des Hexameters mit Reimbindung der 
Zäsur und der Endsilbe auf; Freiheiten im Bau sind hier zahlreich, 
doch bleibt in der fünften Silbe immer der Daktylus gewahrt, wenn 
auch mit Verstößen gegen die antike Quantität. Einigemal (Nr. 8. 
11. 18. 33. 37. 52) zerstören Einschiebungen, in anderen Fällen 
die Verkürzung (Nr. 3) oder sonstige Unregelmäßigkeit (Nr. 155) 
die ursprüngliche Gestalt. Reirakünsteleien bekannter Art treten 
hinzu. Bald weisen in Hexameterpuaren die Zäsursilben andere 
Endreime auf als die Endsilben (Nr. 54, Zeile 2—3. 42. 66, Zeile 2 
bis 3. 149. 182. verderbt in Nr. 34); bald schreitet die Form zum 
Dreireim (Nr. 30. 32. 101, Zeile 2. 146, Zeile 2); besonders kunst¬ 
voll ist die Kongruenz des Reimpaars Nr. 183, in dem der erste 
Ve rs durch Dreireim mit dem zweiten gebunden ist; einmal liegt 
V ierreim vor (Nr? 147). Ein vermutlich aus einem leoninischen 
Hexameter entstellter leoninischer Pentameter läuft dabei unter 
(N r. 62), desgleichen Mischungen antiker und leoninischer Form 
(N r. 35. 150. 188). Vagantenrhythmik begegnet in Nr. 80 mit 
Re imbindung beider Hälften und in Nr. 70, wo rhythmische Prosa 
ra it zwei Rhythmenversen vereint ist, die ihrerseits reimgebunden 
sind . 

Die deutschen Verse sind ganz einfach gebaut. Bis auf ein 
Sto ßgebetlein (Nr. 73) lassen sich alle aus der vierhebigen Vers- 
zeile herlei ten (Nr. 50. 67. 68. 69. 71. 148. 161. 172. 173. 174. 176). 


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Dabei finden sich auch Fälle lateinisch-deutscher Sprachmischung 
in denen die Versform in die Brüche geht (Nr. 106. 108. 109); 
zweimal dringt die Sprachmischung in den Hexameter (Nr. 158 und 
verdorben 170); Sprachmischung in rhythmischer Prosa mit Binnen¬ 
reim zeigt Nr. 169. Sprachlich gehören die deutschen Stücke alle 
der ostmitteldeutschen Mundart an; nur Nr. 48 zeigt niederdeutschen 
Einschlag. Die in mittelalterlichen Dichtungen da und dort auf¬ 
tretende Neigung, mit griechischen Brocken zu prunken, begegnet 
einmal (Nr. 188). Unerklärte Wörter, wohl slavischen Ursprungs 
finden sich in Nr. 103. 

Die Zeit der Überlieferung ergibt sich aus der folgenden 
Aufstellung. 

12. Jahrhundert. Undatiert: Nr. 23. 

13. Jahrhundert. 1275: Nr. 48; undatiert: Nr. 123. 137. 147. 162, 
165. 180. 184. 

14. Jahrhundert. 1. Hälfte. 1347: Nr. 131; undatiert: Nr. 22. 
47. 64. 66. 120a. 163. 174. 177. 

14. Jahrhundert. 2. Hälfte. 1353: Nr. 135. J354: Nr. 72; 

1356: Nr. 13b: 1372: Nr. 60; 1374: Nr. 78. 124. 125. 154: 1376: Nr. 167a; 
1384: Nr. 3. 68. 119. 120. 126; 1385: Nr. 19. 61: 1386: Nr. 81. 96. 159; 
1389; Nr. 13c: 1390: Nr. 93. 110; 1392: Nr. 89; 1393: Nr. 13d 13e. 
nndatiert: Nr. 13f. 21. 32. 49. 62. 99. 101. 118. 139. 142. 145. 149. 150. 151: 
160. 182. 186. 187. 

15. Jahrhundert. Anfang. 1400: Nr. 183; 1401: Nr. 77. 94; 
1402: Nr. 28; 1404: Nr. 73. 154a: 1407: Nr. 39. 171: 1408: Nr. 69.140. 
154b: 1409: Nr. 82; 1410: Nr. 154c; 1412; Nr: 20. 103. 166; 1413: 
Nr. 74; 1414: Nr. 17. 141. 176: 1415: Nr. 45. 54. 55; 1417: Nr. 63. 156; 
14 19: Nr. 58.95; 1420: Nr. 106; 1422: Nr. 44. 72? 173?; 1423: Nr. 144; 
142 4 : Nr. 18; 1425: Nr. 5a; 1426: Nr. 12. 14a; 1427: Nr. 50; 1431: 
Nr. 52; 1434: Nr. 53; 1435: Nr. 8, undatiert: Nr. 6. 10. 13g. 13h. 15.30. 
31. 33 . 40. 46. 51. 57. 75. 80. 91. 102. 104. 107. 108. 111. 113. 133. 153. 155. 
158. 168. 178. 185. 

15. Jahrhundert. Mitte. 1441: Nr. 4. 67; 1446: Nr. 7; 1448: 
Nr. 97; 1449: Nr. 122. 138; 1450: Nr. 70. 179; 1451; Nr. 9. 116a. 134: 
1452: Nr. 16. 86; 1453: Nr. 116; 1454: Nr. 130; 1457: Nr. 164; 1459: 
Nr. 38. 115: 1460; Nr. 152; undatiert: Nr. 11. I3i. 13k. 131. 13m. 13n. 
14 b. 25. 29. 34. 41. 42. 42a. 56. 71. 79. 88. 90. 98. 100. 109. 127. 136. 146. 
157. 161. 170. 188. 

15. Jahrhundert. Ende. 1461: Nr. 37. 76; 1463: Nr. 128; 1464: 
Nr. 114. 175; 1465: Nr. 132; 1466: Nr. 65. 112; 1468: Nr. 26; 1469: 
Nr. 92. 121; 1472: Nr. 1. 83. 87. 143; 1474: Nr. 27. 35.36; 1476: Nr. 169; 
1478; Nr. 105. 117; 1487: Nr. 24; undatiert: Nr. 2. 5b. 43. 148. 

16. Jahrhundert. 1534: Nr. 129; 1573: Nr. 84. 

17. Jahrhundert. 1616: Nr. 85. 


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T exte 


Alle Sprüche entstammen, falls nichts anderes in den Anmerkungen 
gesagt ist, der Kgl. und Universitätsbibliothek zu Breslau. Sie sind 
nach dem Inhalte und in den einzelnen inhaltlich zusammengehörenden 
Spruchgruppen möglichst nach der Zeit geordnet. Die Anmerkungen 
enthalten die erreichbaren Nachweise über die Handschrift, die den 
Spruch enthält,- den frühesten Besitzer, das Kloster, dem die Hand¬ 
schrift gehörte, die Zeit der Abfassung und den Schreiber; in einigen 
Fällen ist auf verwandte Sprüche und die Literatur darüber hin¬ 
gewiesen. Vorangestellt mögen die folgenden in schlesischen Hand¬ 
schriften allgemein üblichen Schlußformeln sein: 

Amen. Deo gratias. Explicit. Explicit expliciunt. Finis. Finis huius 
libri. Finis huius operis. Et sic est finis. Explicit feliciter. Telos. Finis 
adest fauste. Et sic est finis, pro quo laudetur deus. Laus deo. Sit laus deo 
et sic est finis. Laus deo in seclorum secla. Deo sit laus et honor Amen. 
Laus deo omnipotenti. Et sic est finis, laudetur deus et eius mater. Explicit, 
pro quo deus gloriosus una cum matre omnibusque sanctis eviter sit benedictus. 

Lob Gottes, der Trinität, Christi, des heiligen Geistes, 
Marias, der Heiligen. 

1 Laus in arce poli in ewum regnanti. 

2 Lob sey got dem almächtigen. 

3 Finito libro sit laus deo vero. 

4 Deo gracias, qui nos semper amas. 

5 Deo gracias. Et sic est finis. Laudetur deus in ymis. 


1 Cod. II F 108 Bl. 180ra v. J. 1472: Dominikaner Breslau. —•. 2 Cod. I 
D 37 Bl. 144* Ende des 15. Jhdts.; Dominikaner Breslau. — 3 Cod. I F 269 
Bl. I58rb v. J. 1384: Elisabethkirche (Breslau?); Schreiber Couradus Schelhom 
d.e ciuitate Esschynwege posito Hassige. — 4 Cod. III F 15 v. J. 1441; in 
Breslau benutzt. — 5 Cod. I ^ 144 Bl. 288* v. J. 1425; Aug.-Chorh. Sagani 


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6 Et sic est finis. Laudctur deus in irnis. 

7 Sic adest finis. Laudetur deus in ymis. 

8 Et sic est ünis. Laudetur deus in summis et in imis. 

9 Et sic est finis. Laudetur deus in celis. 

10 Finis huius, laudetur deus. 

11 Et sic est finis. Sit deus benedictus in trinis. 

12 Sit laus Christo finito libro isto. Amen. 

Sit gloria trino, patri, filio et spiritu uno. 

13 Finito libro sit laus et gloria Christo. Vgl. Nr. 123. 153. 174. 

14 F inito isto sit laus et gloria Christo. Vgl. Nr. 12. 

15 Carmine finito sit laus et gloria Christo. 

16 Finito libro reddetur gloria Christo. 

17 Finis adest libro. Sit laus et gloria Christo. 

18 Explicit Über iste, sit tibi laus et gloria, Christe. 

19 Laus tibi sit, Christe, quoniam über explicit iste. 

Schreiber frater Bernhardus; ferner Cod. II Q4 Bl. 346 v 2. Hälfte 15. Jhdt. 
Aug.-Chorh. Sagan. — 6 Cod. I F 501 Bl. 289ra Auf. 15. Jhdt.; Corpus-Christi 
Breslau. — 7 Cod. I F 92 Bl. 257ra v . J. 1446; Corpus-Christi Breslau; Schreiber 
Andreas Gnechwitz presbiter. — 8 Cod. I F 319 Bl. 313 * v. J. 1435; Kollegiat- 
stift Glogau: vgl. zu diesen Sprachen Wattenbach, Schriftwesen 3. Aull. (1896^ 
502: Et sic est finis, laudetur Deus in hymnis. — 9 Cod. IV Q 21 Bl. 42 v v. J. 
1451; Schreiber Laurencius Conradi. — 10 Cod. I F 716 Bl. 339** Anf. 15. Jhdt. 
Dominikaner Breslau. — 11 Cod. I F 312a Bl. 87 vb 15. Jhdt. — 12 Cod. I F 560 
v. J. 1426; Kollegiatstift Glogau; früherer Besitzer Dominus Augustinus Ortlip 
vicarius. — 18 Cod. I F 142 Bl. 352vb Mitte 14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Breslau. 
Cod. IV Q 179 Bl. 255 r v. J. 1356; Zisterzienser Leubus; geschrieben per manus 
fratris Franczonis Löss. Cod. I F 143 Bl. 249 vb v. J. 1389: Kollegiatstift Glogau. 
Cod. IV Q 180 Bl 53* und 113v v. J. 1389; Zisterzienser Heinrichau. Cod. I 
F 276 Bl. 242 vb v. J. 1393; Zisterzienser Räuden. Cod. I F 569 Bl. 180vb Ende 

14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. Cod. I F 307 Bl. 78r Anf. 15. Jhdt.; Zister¬ 
zienser Heinrichau. Cod. I F 292 Bl. 109 ▼» Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. 
Cod. I F 666 Bl. 281 vb 15. Jhdt.; Zisterzienser Räuden; früher Domini Symonis 
in Brawnaw. Cod. I F 254 Bl. 183vb 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan. Cod. IV 
Q 102 Bl. 124vb 1. Hälfte 15. Jhdt. Zisterzienser Räuden; Schreiber Andreas 
Tinczer de Bythum. Cod. I F 202 Bl. 180'b Mitte 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
früher fr. Thomas. Cod. I F 726 Bl. 572rb 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
Schreiber Thomas Haselbach in studio Wienensi. Cod. IV Q 126 Bl. 282 ▼ v. J. 
1457; Corpus-Christi Breslau; Schreiber Rinthfleisch. Cod. I F 312b Bl. 83** 
v. J. 1488. Cod. II Q 16 Bl. 217r 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber fr. 
Bernhardus. — 14 Cod. I F ^ t. J. 1426; Matthiasstift Breslau. Cod. I Q 184 
Bl. 126▼ 15* Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 15 Cod. I F 662 Bl. 245vb Anf. 

15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Mathias de Melitz. — 16 Cod. I F 18 
Bl. 328vb y. J. 1452; Dominikaner Schweidnitz. — 17 Cod. IV Q 24 Bl. 135 ▼ 
v. J. 1414; Corpus-Christi Breslau; Schreiber Joh. Gerstmann de Lewenberg 
n Neiße. — 18 Cod. IV F 81 Bl. 204 vb v. J. 1424; Matthiasstift Breslau. — 
19 Cod. I F 718 Bl. 217v» v. J. 1385; Dominikaner Breslau. 


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20 Laus tibi, Christe, quoniam über explicit iste. Vgl. Nr. 135. 

21 Laus tibi sit, Christe, quoniam explicit über iste. 

22 Laus tibi sit, Christe, nam finitur Über iste. Amen. 

23 Laus tibi sit, Christe, quoniam labor explicit iste. 

Finis adest mete. Scriptores ergo valete. 

24 Explicit, pro quo completo sit laus et gloria Christo. 

25 Explicit hoc opus ueutrorum nomine Christi, 

Qui dedit alpba et o: sit laus et gloria Christo. 

26 Explicit. Sit Christus benedictus, qui pro nobis est passus. 

27 Laus filio Marie. Finis huius operis. 

2* Laus tibi, Christe, quoniam über explicit iste. 

Virginis filius laudetur, quando in iibro Malogranatu legetur. 

20 Cusus ab Alberto doctore fante referto 

Est codex iste, sit laus perpes tibi, Christe. 

80 Amen, solamen sit sanctus Spiritus, amen. 

81 Amen. Solamen. 

Explicit lumen anime. 

32 Amen, solamen sit sanctus Spiritus, amen. 

Qui sua perpendit, mea crimina non reprehendit. 

33 Explicit. Benedictus sit deus et pia mater eius. 

34 Explicit hic über totus de philosophia, 

pro quo deus sit benedictus materque eius Maria. Amen. Vgl. Nr. 97. 

35 Sit benedictus Marie filius in secula seculorum. 

36 Sit laus Jesu et Marie virgini. Vgl. Nr. 146. 

37 Et sic est finis. Laudetur deus cum omnibus sanctis. 


20 Cod. I F 270 Bl. 268rb v. J. 1412; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber Valen- 
tinus de Njssa. — 21 Cod. 1 F 179 Bl. 16vb Ende 14. Jhdt.: Aug.-Chorh. 
Breslau : früher frater Nicolaus Misnensis. — 22 Cod. I Q 128 Bl. 47 *b Auf. 
14. Jhdt. — 28 Cod. IV F 75 Bl. 206** 12. Jhdt.; Ecclesie Collcgiate B. V. 
•Glogovie Maioris. — 24 Cod. I F 140 Bl. 120« v. J. 1487; Schreiber Paulus 
<ie Frawenstat. — 25 Cod. IV Q 80 Bl. 11 r Mitte 15. Jhdt.; es handelt sich 
um einen Traktat über die verba neutra. — 26 Cod. I F 312b Bl. 167« v . J. 
1488. — 27 Cod. I F 99 Bl. 380*b v. J. 1474; Zisterzienser Heinriehau; Schreiber 
N. K. — 28 Cod. 1 F 299 Bl. 382« v J. 1402; Liber Malogranatus des Doms 
zu Neiße; Schreiber Matthias Leuthomisler de Czwicauia — 20 Cod. I F 325 
Bl. 258▼b 15. Jhdt.: Zisterzienser Bauden; Traktat des Albertus Maguus de 
missa. — 30 Cod I F 478 Bl. 233▼ Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
81 Cod. I F 52 Bl. 72« Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: vorher Gregor 
Pistoris de Lobin; Lumen animae ist der Titel des Traktats. — 82 Cod. IV 
F 33 Bl. 172« 14. Jhdt ; Zisterzienser Heinriehau: vgl. Wattenbach, Schrift¬ 
wesen S. 502, wo zu Amen, solamen sit sanctus spiritus, amen die Literatur 
verzeichnet ist. — 83 Cod. I F 479 Bl. 282« Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner 
Breslau. — 34 Cod. IV F4 Bl. 126 1 b Mitte 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan. — 
85 Cod. I F 99 Bl. 206 vb v . J. 1474; Zisterzienser Bauden. — 36 ebenda 
Bl. 300 r b. — 37 Cod. I F 712 Bl. 236« v. J. 1461; Corpus-Christi Breslau. 


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* 15 

88 Sit laus deo et sancto Barthoiomeo. 

89 Sit laus deo. 

Laudetur deus et sanctus Bartholomeus. 

40 Sit laus deo et beato Augustino. 

Gebet um Gnade zu Gott, um Fürbitte zu Maria und den Heiligeu. 

41 Suscipe nunc tanta per me scripta, gerofanta. 

49 Suscipe completi laudes, o Christe, laboris, 

Quas cordis lefci vox subdita reddit honoris. 

Sit rnerces operis oracio sancta legentis, 

Que iungat superis nos toto robore mentis. 

48 Finis adest vere. 

Laus deo, salus reo. 

44 Vitam scribentis benedic, deus, atque legentis. Vgl. Nr. 90. 

45 Ad te suspiro, tecum regnare requiro. 

Postulo gaudere, michi da me crimen flere. 

Mundi pauorem de me tollas et amorem, 

Et michi da vitam zeli feniore politam. 

Aue Jesu Christe, sub dextris me tibi siste, 

Conditor o vite, michi die in fine: Venite. Amen. 

46 Concludendo libellum presentem 
Audi me, Christe, dicentem: 

Ad te suspiro, tecum regnare requiro usw. wie vorher. 

47 Scriptor, qui scripsit, cum Christo vivere possit. 

48 Scriptor, qui scripsit, cum Christo viuere poscit. 

49 Amen schriber. 
god hilf vt noth. 

50 Alhie hod der Saltir eyn ende, 

got vns zeu hymmele zende. Vgl. Nr. 172. 174. 


88 Cod. I F 751 Bl. 216« v. J. 1459; S. Maria in Rosis Seminarii Nissensis 
Schreiber fr. Martinus Carnificis. — 39 Cod. I F 98 Bl. 205** v. J. 1407; Corpus- 
Christi Breslau. — 40 Cod. I F 190 Bl. 164 *b Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan ; 
Besitzer Benedictus Nayl alias Birlandius de Stynauia, später Gregor Pistoris 
de Lobin. — 41 Cod. I Q 322 Bl. 7r Mitte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 

49 Cod. I F 666 Bl. 214rb 15. Jhdt.; Zisterzienser Leubus; ebenso Cod. I F 323 

Bl. 84 r 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber Magister S. rector scole sanete 
Elyzabeth in Wratislauia; Lesarten cordis] corde; Que] Qui; superis] super hys. 
— 48 Cod. 4 F 85 Bl. 81 vc 2. Hälfte 15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; früher 
Georgius Fabri de Loben. — 44 Cod I F 22 Bl. 151 ▼ v. J. 1422 16. Mai; Aug.- 
Chorh. Sagan; geschrieben per manus cuiusdam Saxonis Johannes Andree 
nuncupati. — 45 Cod. I F 604 Bl. 161 rb v. J. 1415; Aug.-Chorh. Sagan. — 
46 Cod. I F 530 Bl. 286 rb Auf. 15. Jhdt. — 47 Cod. I F 118 Bl. 85 « Anf. 14. Jhdt. 

Literatur Wattenbach S. 503. — 48 Cod. I F 5 BL 186v. J. 1275; Liber s. 

Marie de Wladislauis, also Zisterzienser Räuden. — 49 Cod. I F 491 Bl. 218*b 
Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. - 50 Cod. I F 328 Bl. 288« v. J. 1427; 


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hi 


51 Saluet scribentis animarn dcus atque legentis. Vgl. Nr. 90. 

52 Cum finis datur, dcus in (personis) trinis laudatur. 

Ex isto line, deus, laus tibi in personis trine. 

53 Scriptoris munus sit Christus trinus et vnus. Amen. 

54 Codicis istius scriptor nunquam moriatur, 

Quin peccata prius sua pure contiteatur. 

Scriptoris munus sit Christus trinus et unus. 

55 Misereatur pius remunerator scriptoris anime. 

56 Explicit istud opus, numquam se mittat vopus. 

Sim vicio Über. Explicit iste über. 

57 Deo gracias. 

Amen dicamus, vt cum Christo maneamus. 

58 Cristus perpetue det nobis gaudia vite. 

59 Libri scriptorem, Jhesu bone, fac meliorem. 

e 

Amen, dass geschech, her got Über. 

60 Hoc opus est clausum. Jubilosum psallere plausum, 

Criste, tibi cupio, sed miserere reo. 

Mentis dare pacem velis et succendere facem, 
vt noscam scripta,que sunt hoc scemate picta. 

61 Principium, medium, linem, Maria, rege meum. 

62 Ne scribam vanmn, duc, pia virgo, manum. 

63 Duc, pia virgo, manum, ne posset scribere vauum. 

64 Amen dicant omnia, amen. 

0 Maria, iuua, mater pia. 

65 0 regina poli, scriptorem relinqucre noli. 

Kollegiatstift Glogau; Schreiber Johannes Lesswitz de Legnitz; ähnlich Watten¬ 
bach S. 525 Hie hat das puech ein end. Got allen trubsal von vns wend; Das 
buch hat ein ende. Gott uns sinen heiligen geist sende. — 51 Cod. 1 F 586 
BL 90« Auf. 15. Jhdt.: Corpus-Christi Breslau. — 52 Cod. III F 13 BL 308* 
v. J. 1431; Dom zu Neiße: vorher Doktor Mathias de Gorka. — 53 Cod. IV 
F 53 Bl. 269* v . J. 1422; Aug.-Chorh. Sagan: Cod. I F 592 Bd. II Bl. 259« 
v. J. 1434; Aug.-Chorh. Sagan. — 54 Cod. I F 131 Bd. II BL 181* v. J. 1415; 
Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Henricus Gobin. — 55 Cod. I F. 480 BL 85« v. 
J. 1415; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Nicolaus Hirsberg alias FlögiL — 
56 Cod. IV FI Bl. 274* Mitte 15. Jhdt.: Dominikaner Breslau; Sinn des ersten 
Verses unklar. — 57 Cod. I Q 158 BL 50« Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. 
— 58 Cod. IV Q 54 Bl. 279 v v. J. 1419; Aug.-Chorh. Breslau: geschrieben in 
Krakau von Jodocus de Czeginhals. — 59 Cod. I F 62 Bl. 174 va 2. Hälfte 14. 
Jhdt.; Zisterzienser Räuden; Schreiber magister Johannes de Czlewings. — 
60 Cod. I* F 135 Bl. 139r v. J. 1372; Zisterzienser Räuden; Schreiber frater 
Nicolaus Cujus, damals 72 Jahre alt. — 61 Cod. I F 588 Bl. 53« v. J. 1385; 
Aug.-Chorh. Breslau; häutig; vgl. Wattenbach S. 492. — 62 Cod. IV F 6 Bl. 68r 
oben, 14. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 63 Cod. III F 29 Bl. 112« v. J. 1417; 
geschrieben in Montpellier. — 64 Cod. I F 153 Bl. 164* Anf. 14. Jhdt ; Zister¬ 
zienser Heinrichau. — 65 Cod. IV Q 19 BL 51' v. J. 1466; Aug.-Chorh. Breslau; 
geschrieben in Breslau. 


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66 Explicit ecclesiastica historia. 

Hunc tibi dans librum sum, deus, exiguum. 

Librnm finivi. Tibi sit laus, virgo Maria, 

Meque dei vivi fac cernere gaudia, dya. 

67 Hilf got, Maria berot. ^ 

68 Maria mutir, reyne mayt, alle vnser not sye dyr geclayt. 

69 Amen. 

Das walde got vnde dy mutir seyn, 

dy müs allir vnsir fretschilt seyn. Amen, daz gesche. 

70 Explicit. 

Laus tibi, Christe, qui es ereator et redemptor idem et salvator. Amen 

sprach Heynrich. 

0 Maria, Dorum Dos, supplices commenda nos. 

71 Maria, bis genedic vns. 

Maria, bete deyn kynt vor vns. 

72 Explicit über iste per manus Johannis de Luberaze. 

Hunc librum scripsit Johannes, cui benedixit. 

Omnipotens dominus prestet, quod sit benedictus. 

Nunc orare decet et nostras fundere preces, 

CJuod in honore dei gracia tiet ei. 

Ad dominum celi ploremus mente fideli; 

Premia pro meritis det dominusque suis. 

Johannis gesta quia sunt, laudemus, honesta; 

Hic laudemus eum certatim nunc et in euum. 

73 Wach, engl, wach. 

Gebete und fromme Wunsche ohne Nennung Gottes 
oder der Heiligen. 

•74 Amen dicant omnia. 

75 Explicit iste Über; sit scriptor crimine über. 

Merces scriptoris sit sancti fervor arnoris. 

66 Cod. I F 127 Bl. 194*b Anf. 14. Jhdt; Zisterzienser Heinrichau. — 
67 Cod. III F 15 Bl. Ir v. J. 1441; in Breslau benutzt, wohl auch da ge¬ 
schrieben. — 68 Cod. I F 625 Bl. 186va v. J. 1384; Aug.-Chorh. Breslau; vor¬ 
her frater Nicolaus Misnensis; der Text des alten Marienliedes, dem die 
beiden Verse entnommen sind, ist aus einer schlesischen Handschrift ge¬ 
druckt in der Zeitschr. f. deutsches Altertum 50 (1908) 201. — 69 Cod. I 
F 293 Bl. 86* v. J. 1408; Franziskaner Jauer. — 70 Cod. I Q 124 Bl. 166* v. 
J. 1450; Dominikaner Schweidnitz; Schreiber Maternus Augustinus Pfaffenmolncr 
de Monsterberg. — 71 Cod. IV Q 175 Bl. 259* 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; 
Schreiber und Vorbesitzer dominus Conradus de Reichenbach. — 72 Cod. I 
F 650 Bd. 4 Bl. 198ra Y . J. 1354; Aug.-Chorh. Sagan. — 73 Cod. I F. 614 
Bl. 115* v. J. 1404; Dominikaner Breslau. — 74 Cod. I F 16 Bl. 328** v. J. 1413; 
Kullegiatkirche Otmachau; früher dominus Wenceslaus dictus Rothffridek. — 
75 Cod. I Q 191 Vorsatzbl. ** Anf. 15. Jhdt.; der erste Vers ist weit verbreitet; 
vgl. Wattenbach S. 509 Anm. 2. 

Mitteilungen d. Schien. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 2 


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76 Et sic cst finis. 

Finitus est über. Sit scriptor criminis über. 

77 Explicit i8te über; qui scriptor, sit crimine liber. Vgl. Nr. 177. 

78 Explicit. Qui scripsit scripta, manus eius sit benedicta. 

79 Qui scripsit, scribat et longo tempore uiuat. amen. Vgl. Nr. 123. 131. 

80 Sicut spero, mundus ero. Vgl. Nr. 175. 

Bitte um das Gebet des Lesers. 

81 Bone amice, ora pro Laurencio, qui satis et duris laboribus pressus 
opus proprijs manibus exarauit. 

82 Explicit. Rogo eciam vos, fratres dilectissimi, quatenus deum rogetis 
pro me peccatore. 

88 Scriptor mente pia petit vnum aue maria. 

Orate pro misero peccatore. 

84 Scriptor mente pia petit vnum aue maria. 

Orate deum pro eo. 

86 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Vnum pater et vnum ave in fine dicite, queso, nomine scribe. 

Angaben über die Schreibarbeit, Scholarenscherze. 

86 Tantum de festo. 

87 Et tantum de festo. 

88 Et sic est finis. 

Finis adest mete; vobis iam dico: valete. 

89 Hoc opus peregi, festum sepissime fregi. 

90 Christus scriptorem saluet per matris honorem. 

Dexteram scribentis protegat manus omnipotentis. 

Hoc opus peregi et festum sepissime fregi, 

Sed parcat iste, cui nomen est Jhesu Christi. • 

76 Cod. IV Q 81 Bl. 492 r v. J. 1461; Kollegiatstift Glogau; früher Job. 
Thorwartir de Steynavia, campanator in Lobin; Schreiber Jeorgius Naustat de 
Dresden — 77 Cod. I F 90 Bl. 212 vb v. J. 1401; Zisterzienser Räuden — 
78 Cod. IV Q 64 Bl. 64▼ v. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau; vgl. Wattenbach 
S. 504 Anm. 6; seit dem 12 Jhdt. üblich. — 79 Cod. I Q 181 Bl. 63* Mitte 
15. Jhdt; aus einem Zisterzienserkloster — 80 Cod. I F 486 Bl. 273*b 1. Hälfte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan — 81 Cod. IV F 76 Bl. 162vb v . J. 1386; Dom 
zu Neiße: vorher Eccl. colleg. sancti Nicolai Othmuchowiensis; Schreiber frater 
Laurencius — 82 Cod. I F 37 Bl. 306rb v . J. 1409; Aug -Chorh. Sagan; Schreiber 
Heinrich Gobin — 88 Cod. IV 0 7 Bl. 48 r v. J. 1472; Zisterzienser Leubus ; 
Schreiber Johannes Hungari de Bartpha. — 84 Cod. I Q 182 Bl. 150v v. J. 1573; 
Jungfrauenstift Trebnitz. — 85 Cod. I Q 260 Bl. 183r v. J. 1616; Jungfrauen- 
stift Trebnitz. — 86 Cod. IV F 24 Bl. 374 vb v. J. 1452; Corpus-Christi Breslau — 
87 Cod. IV 0 7 v. J. 1472 vgl. Nr. 83. — 88 Cod. IV Q 66 Bl. 47r Mitte 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. — 89 Cod. I F 298 Bl. 210rb v . J. 1393; 
Corpus-Christi Breslau. — 90 Cod. I F 714 Bl. 191 rb 15. Jhdt.: Aug.-Chorh. 
Sagan. — 


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91 Scriptor iam cessa, quia manus est tibt fessa. VgL Nr. 103. 163. 

92 Scriptor opus siste, tenit labor iste satiä te. 

Est hac in prosa completa sub online rosa, i 

Vnde mannm sisto; sit laus et gloria Christo. 

93 Libro completo scriptor saltat pede leto. Vgl. Nr. 177. 

94 Finitum est hoc opus per manus Pauli de Menicz. Trag is heym. 

95 Explicit Lucianus per manus nescio cuius. 

90 Expliciunt concordancie per manus et non per pedes. 

97 Et sic est finis. Finitus est Über iste per manus et non per pedes. 

Laudetur deus et sua mater Maria in sccula seculorum. Amen. 

98 Finiui librum, scripsi sine manibus illum. 

99 Finiui librum, scripsi sine inauibus ipsum. 

100 Finiui librum, scripsi sine manibus Jhesum. 

101 Finiui librum, scripsi sine manibus ipsuin. 

Omnia discernas, bona facias, pessima sperpas. 

102 Finiui librum, scrispi sine manibus ipsum. 

Hoc non sit iocum, verum esse congruum totutn. 

Ach Mila, te quero, si me diligis corde vero; 

Si non, pro vero die, quod alias michi quero. 

103 0 scriptor, cessa, quia iam manus est tibi fessa. 

Quis bibit Itywo, stabit sibi colauo ciziwo. 

Finiui librum, scripsi sine manibus ipsum. 

104 Expliciunt. Ameu, libes kint meyn, amen. Vgl. Nr. 123. 

105 Hic nicliil deest, nisi pulcra piiella. Vgl. Nr. 174 bis 177. 

91 Ood. I Q 142 Bl. 187r 1. Hälfte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
92 Cod. III F 2 Bl. 263 rb v. J. 1469; Corpus-Christi Breslau: Schreiber Matthias 
Gordan; es handelt sich um den medizinischen Traktat Rosa angücana. — 93 
Cod. I Q 112 Bl. 154v v. J. 1390; Aug.-Chorh. Sagan; vgl. Wattenbach S. 500 
Anm. 3. — 94 Cod. I Q 36 Bl. 73 v v. J. 1401: Dominikaner Breslau. — 95 Cod. 
IVF78 Bl. 81 ra v. J. 1419; Corpus-Christi Breslau: es ist der Lucianus, 
lexicum latinum. — 90 Cod. I F 568 Bl. 134▼!> v. J. 1386; Aug.-Chorh. 
Sagan. — 97 Cod. II Q 29 Bl. 241 r v. J. 1448; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber 
Donatus Jockrim in Frankfordis. — 98 Cod. I F 562 Bl. 203 Mitte 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; vgl. Wattenbach S. 509; nachweisbar seit 
dem 12. Jhdt.; r das kann wohl nur ein frostiges Spiel der Quantität in manus 
und manes sein.“ — 99 Cod. I F 148 Bd. I Bl. 124vb 14. Jhdt.; Zisterzienser 
Heinrichau. — 100 Cod. I F 562 Bl. 203vb Mitte 15. Jhdt.; Kollegiatstift 
Glogau. — 101 Cod. I F 189 Bl. 152 r* Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift 
Glogau. — 102 Cod. I F 166 Bl. 191rb Auf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; 
Schreiber pauper Nicolaus. — 103 Cod. I F 594 Bl. 139r v. J. 1412; Domini 
kaner Breslau. — 104 Cod. I Q 158 BI. 133'b Auf. 15. Jhdt.; Dominikaner 
Breslau: Schreiber Martinus Hübner de Pretin in Görlitz. — 105 Cod. IV 
Q 20 Bl. 109 ▼, wo der Text einige Zeilen frei läßt, v. J. 1478; Kollegiat¬ 
stift Glogau; geschrieben von Paulus Lehener zu Krakau: vgl. Wattenbach 
S. 503: Et hic nihil deficit nisi una pulcra puella, aus dem Stettiner 

2* 


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106 Explicit, expliciunt, 

beys mich nicht, du aldir 6chulhunt. 

107 Jam rident dentes magnam pertecam vidcntes. 

108 Explicit, expliciunt; 

dy feygyn zeyn den pawrn vngisundt. 

109 Explicit, expliciunt; 

den pawern synt die feyen vngcsunt. 

Beurteilung der geleisteten Arbeit. 

110 Finivi librum, scripsi ut decuit ipsum. Vgl. Nr. 23. 

111 Explicit. Got gebe, daz is gar sey. 

112 Non egre feratis michi. 

fk 

hot mirs nichet vor vbel. 

113 Qui vult habere scriptorem valentem pro duobus, nequam. Vgl. Nr. 177. 

114 Ad Lectorem. 

Qui legis ista, tuum reprehendo, si mea laudes 
Omnia, iudicium, si nihil, invidiam.. Vgl. Nr. 32. 

115 Laudetur deus in ympnis etcanticis. 

Quid errauit scriptor, hoc corrige, tu, lector. 

116 Si errauerit scriptor, debet corrigere lector. 

117 In quo erravit scriptor, tu corrige, lector. 

118 Si exemplar habuissem, libenter melius emendassem. 

119 Scriptor scripsisset bene melius, si potuisset. 


Verzeichnis S. 30 v. J. 1456, geschrieben ab honorabili baccalaurio Paulo 
Klinkkebyl. Et ipse erat bacc. Rostokkiensis satis sufficiens in scienciis. — 

106 Cod. IV Q 36 Bl. 12r v. J. 1420: Aug.-Chorh. Breslau; Schreiber frater 
Jodocus Bertold de Czeginhals. — 107 Cod. I F 284 Bl. 53vb 1. Hälfte 15. Jhdt.; 
Corpus-Christi Breslau; vgl. Wattenbach S. 611 und Anm. 3: Qui te finivit, 
partecas rodere scivit. — 108 Cod. IV Q 28 Bl. 147 ▼ Anf. 15. Jhdt. — 

109 Cod. IV F 35 Bl. 134 v Mitte 15. Jhdt. ; vgl. Wattenbach S. 520 aus Cod. 
germ. Monac. 3697: Explicit, expliciunt. Sprach dy kacz czu dem hunt: Dy 
fladen sein dir ungesunt. — 110 Cod. I Q 112 Bl. 74 ▼ v. J. 1390; Aug.-Chorh. 
Sagan. — 111 Cod. I F 580 Bl. 50** Anf. 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 

112 Cod. IV Q 19 Bl. 38 va v . J. 1466; Aug.-Chorh. Breslau; geschrieben von 
Johannes Snehut in Zittau. — 113 Cod. I F 596 Bl. 150'b Anf. 15. Jhdt.; Domi¬ 
nikaner Breslau. — 114 Cod. IV Q 123 Vorsatzblatt, v. J. 1664. — 115 Cod. I 
F 713 Bl. 265 vb y. J. 1459; Zisterzienser Kamenz; Schreiber Matthias Hanke. — 

116 Cod. I F 772 Bl. 333rb y. J. 1453; Dominikaner Breslau; früher Nicolaus 
Tempelfeldt de Brega; Schreiber Johannes Rosingart alias Sine cura de 
Stregouia; im 15. Jhdt. sehr verbreitet; vgl. Wattenbach S. 340; Cod. IV Q 41 
Bl. 274 v y. J. 1451; Aug.-Chorh. Breslau. — 117 Cod. II F 18 Bl. 118* v. J. 
1478; Schreiber frater Benedictus ord. minor. conuentus czerwysten. (Zerbst). — 
t 118 Cod. I F 627 Bl. 117 ™ Ende 14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; Eintrag , 

des Rubrikators; Tadel der sorglosen Vorlage vgl. Wattenbach S. 334 ff. — 

119 Cod. I F 625 Bl. 186 ™ v. J. 1384; Aug-Chorh. Breslau; vorher frater 


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120 Scriptor scripsisset melius, si potuisset. 

121 Et sic est finis huius epistole. 

Heu, non recte scripsi, quia legere nesciui. 

122 Si melius scripsissem, nomen meum apposuissem. 

123 Finito libro sit laus et gloria Criste. 

Qui me scribebat, Hilger nomen habebat. 

Heu, male fiuiui, quia non bene scribere sciui. 

Qui scripsit scripta, sua dextera sit benedicta. 

Amen dico tibi vere, du moesses gemynnet syn. Vgl. Nr. 104. 

Namen- und Zeitangaben. 

124 Explicit. 

Qui me scribebat, Ottelinnus nomen habebat. 

125 Finito libro sit laus et gloria Cristo. 

Qui te scribebat, nomen Conradus habebat. 

Explicit. 

126 Explicit über. 

Qui me scribebat, Conradus nomen habebat. 

127 Jeronimus scripsit, Christum semper benedixit. Amen. 

128 Qui me scribebat, nomen Lodwicus habebat. 

129 Quisquis es, nostrum nescis eloqui nomen, 

Blasius uocor cognomineque Buriak. 

130 Hisce prefixis manu fininem iungo prolixis 

Haud; si tu propria scire volueris nota, 

Sensum hinc primi nominis formas et ymi. 

Bar fore primani silbam to puto secundani, 

Lo tonet tercij, me die in ordine quarti, 

Nicolaus Misnensis; ferner Cod. I F 269 Bl. 125 r v. J. 1384: Elisabethkirche 
(Breslau?); Schreiber Conradus Schelhorn de ciuitate Esschynwege posito (!) 
Hassige; vgl. Wattenbach S. 507 aus St. Gallen v. J. 1379 (Scherrer S. 260): 
Ideo male finivi, quia non bene scribere scivi. — 120 Cod. I F 120 Bl. 231 rb 
Anf. 14. Jhdt.; Zisterzienser Bauden: vgl. Wattenbach S.508 Anin. 2 — 121 Cod. IV 
Q 53 Bl. 319 v v. J. 1469; Kollegiatstift Glogau: Schreiber Paulus de Lobin in 
Levtschovia — 122 Cod. I F 613 Bl. 107 ra y. J. 1449: vgl. Wattenbach S. 506 
aus Neumarkt in Steiermark: Et si melius scripsissem Nomen meum non appo¬ 
suissem — 128 Cod. I F 576 Bd. I Vorsatzblatt; Text des Vorsatzblattes aus 
dem 13. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: vgl. Wattenbach S. 504 und Anm. 6: Qui scripsit 
scripta, manus eius sit benedicta. — 124 Cod. IV Q 64 Bl. 79 vv. J. 1374 Aug- 
Chorh. Breslau; vgl. Wattenbach 502 Anm. 4; häufig ähnliche Wendungen — 
125 Cod. IV Q 64 Bl. 274w. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau — 126 Cod. I F 269 
Bl. 73r* v. J. 1384; Elisabethkirche (Breslau?); Schreiber Conradus Schelhorn 
de ciuitate Esschynwege — 127 Cod. I F 262 Bl. 6ra Mitte 15. Jhdt. — 128 Cod I F 
186 BL 301 vb v. J. 1463 — 129 Cod. I 0 126 Innenseite, v. J. 1534; Besitzer- 
verse — 180 Cod. I F 141 Bl. 255 v v. J. 1454: Minoriten Breslau; Schreiber 
Barlholemeus Buchwald: vgl. Wattenbach S. 517 mit Beispielen für diese be¬ 
liebten Versteckspiele 


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Us in pedc sita, nouicn inueneris ita. 

Buch inde loccs, waldi cognomine voces, 

Muccucculim statues, annum in calce rcquires, 

Diem in annis, quarta nat. ante Johannis. 

131 Post M post tria CCG post septern post quater XXXX que 
In martisque die completus erat über iste. 

Qui ine scribebat, Johannes liouien habebat. 

Qui scripsit scripta, sua dextera sit bcnedicta. 

132 Anno milleno Christo de virgine nato, 

Quadringentesimo sexagesimo quoque quiuto, 

Kalen augusti decimo sicque iungito uono 
Ob dei honorem genitricisque eius amorem 
Hunc liniui librum, ut me a crimine puruin 

Conseruet hodie, cras semper ac omni die. Vgl. Nr. 29. 72. 123. 133. 
171. 174. 178. 179. 188. 

Angaben und Klagen über die Lage des Schreibers. 

133 Scriptum in exilio per Martin um dictum Tylo, 

Qui sto super incerto, vitam cum lumine verto. 

In spe pendere non est nisi passio vere. 

Si spes frustratur, non spes, sed pena vocatur. 

134 Explicit. 

Wen dir is wol geet, zo gedencke an eynen armen gesellen. 

135 Laus tibi sit, Christe, quoniam über explicit iste. 

Qui sua dat large, laudatur ab omnibus ille. 

Non est in mundo diues, qui dicat: habundo. 

Omnibus omnia, non mea sompnia. 

133 Si modo sum degens, non debet spernere^me gens: 

Christus pauper erat, qui nunc super omnia regnat. 


Allgemeine moralisierende Sentenzen und Versgebetc. 

137 Finis est, finis uenit. 

138 Et sic est finis. 

Non gaude, cinis, 

Quia mors est super omnia finis. 


131 Cod. III F 28 Bl. 48 ?a v. J. 1347; kam nach 1572 ins Kollegiatstift 
Glogau — 132 Cod. I Q 179 Bl. 75 v v. J. 1465; Zisterzienser Kamenz. — 
138 Cod. I Q 133 Bl. 133r Anf. 15. Jhdt. — 134 Cod. 1 F 600 Bl. 143** 
t. J. 1451; Corpus-Christi Breslau; Schreiber frater Nicolaus Nedirbeyn, damals 
in Lemberg. — 135 Cod. IV Q 155 Bl. 239 v v. J. 1353; geschr. von Johannes de 
Sytewizc per tune capellanus in Wizzomels. — 136 Cod. I F 648 Bl. 212 xb Mitte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan, Schreiber Sigismundus Gleybicz. — 187 Cod. I 
F 256 Bl. 119rb 13, Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau; Schreiber frater Theodericus 
in Heinrichowe. — 138 Cod. I F 773 Bl. 128 fb v. J. 1449; Corpus-Christi Breslau. 


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139 Principium lauda, dum sequatur bona caude. 

Cum finis borius est, totum laudabile tune est. Vgl. Nr. 101. 

140 Amen, daz gesche. 

Ach, homo, si scires, quid esses vel vnde veniros, 

Nunquam gauderes, sed omni tempore tleres. 

141 Explicit per manus C. Krapicz. 

Qui nescit partes, in vanum tendit ad artes. 

Arteö per partes, non partes stude per artes. 

Explicit Über anno domini M° CCC° X1III 0 . 

142 Explicit. 

Omne genus pestis superat mens dissona verbis, 

Cum sentes animi florida lingua polit. 

Sepe necat morsu spaciosum vipera thaurum, 

A cane non magno sepe tenetur aper. 

143 Scripta anno 1472 per fratrem Johannem Bartpha. 

Si deus elingucs faceret quoscumque bilingues, 

Una quippe die lierent plus quam centum Zacharie. 

144 Frangenti fidem lides frangatur eidem. 

145 Non bene doctus erit, qui semper luderere querit. 

140 Amen. 

Dulce nomen domini nostri Jhesu Christi et nomen gloriose virginis 
Marie sit benedictum in secula seculorum. Amen. 

Ve, monachi nigri, vos estis ad omnia pigri. 

Vos estis, deus est testis, turpissima pestis. 

147 Imus, gaudemus, psallemus, gratilicamus. 

Et caveas caveas, ne pereas per eas. 

148 Hutt dich vor deyn kaczeyn, 

dy do vorne leckeyn vnde hyndene kraczen. 

149 Sancta Maria, dei genitrix, uirgo quoque pura, 

Hac in* valle rnei lacrimarum sit tibi cura: 

Nam cupiunt sordes mei peccati dominari, 

Sed pia tu cordes hys nunquam subpeditari. 

150 Explicit pater noster. 

Alme paterque tnum sit nomen sanctiticatum 

139 Cod. IV <4 193 Bl. 79* Ende 14. Jhdt.; Dominikaner Breslau. — 
140 Cod. I F 293 Bl. 94 r y. J. 1408; Franziskaner Jauer. — 141 Cod. I Q 100 
Bl. 172r v. J. 1414; Dominikaner Breslau. — 142 Cod. 1 P 82 Bl. 192** Ende 
14. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan: Schreiber Nicolaus Tellendorf Pruteuus, ambonista 
in Crosna. — 143 Cod. IV 0 7 Bl. 7r v. J. 1472; Zisterzienser Leubus. — 
144 Cod. I <^412 Bl. 38** v. J. 1423: Dominikaner Breslau; geschrieben in 
Erfurt. — 145 Cod. I Q 311 Bl. 104*» Ende 14. Jhdt.; Dom zu Neiße. — 
140 Cod. I F 761 Bl. 367** Mitte 15. Jhdt.; Corpus - Christi Breslau. — 
147 Cod. I F 661 Bl. 159 *a 13. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. — 148 
Cod. IV 0 2 Bl. 82* und 121*; 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; früher 
Schweidnitz; Schreiber frater Caspar de Forstenberck de conventu Swydnicensi. 
— 149 Cod. I F 59 Bl. 245 *b 14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau. — 150 Cod. I 


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Aducniatque tuum regnum per secla beatum. 

Veile fcuum fiat in terris sicut in astris. 

Tu panem nostrum da nobis cotidianum. 

Debita dimitte, ut nos debitoribus nostris. 

Et non permittas, vt nos temptacio ledat, 

Sed tutela malo tua nos defendat ab omni. 

Bitte um weltlichen Lohn; Gebetsparodien. 

151 Scriptum est enim, quia, qui plus laborat, plus mercedis accipiet. 

152 Spes premij solacium est laboris. 

158 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Finis adest operis, mercedein posco laboris. 

154 Finis adest operis, inercedem posco laboris. 

155 Finis adest operis, precium vult scriptor habere. 

156 Finis adest vcre, precium volt scriptor habere. 

157 Finis adest operis, mercedem consumpsi laboris. 

158 Explicit capra bona et vtilis. 

Est precium mir kräng, cum nichil dabitur nisi: habe dang. 

169 Explicit über tigurarum per manus scriptoris pro merda. 

160 Finis adest vere, scriptor nimis indiget ere. 

Finis adest certe, letatus sum bene per te. 

161 Ach got, wy serc 
get gelt vor ere?: 

F 73 Bl. 142 ra 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; Besitzer im 15. Jhdt. der 
Glogauer Kanonikus magister Johannes Buchwelder. — 151 Cod. I 0 128 Bl. 57 ▼ 
Ende 14. Jhdt.; Crucigeri in Neiße. — 152 Cod. I F 657 Bl. 216 va v. J. 1460; 
Aug.-Chorh. Sagau; Schreiber Laurencius de Newmarkt. — 158 Cod. I F 672 
Bl. I49rb Anf. 15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Sagan; gehörte 1453 dem frater Symon, 
der in profesto concepcionis virginis Marie vestitus est. — 154 Cod. IV Q 64 
Bl. 266* v. J. 1374; Aug.-Chorh. Breslau; Cod. I F 510 Bl. 165 v * v. J. 1404; 
Aug.-Chorh. Sagan; Cod. I F 293 Bl. 314* v. J. 1408; Franziskaner Jauer; 
Cod. I F 38 Bl. 210*t> v. J. 1410; Zisterzienser Heinrichau; Schreiber Petrus de 
Crelkaw; vgl. Wattenbach S. 512 und Anm. 7. — 155 Cod. IV Q 27 Bl. 163* Anf. 
15. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau; früher dominus Petrus Nachanze altarista. — 
156 Cod. I Q 278 Bl. 247* v. J. 1417; Aug.-Chorh. Breslau; Schreiber frater 
Georgius in Tyncz; vgl. Wattenbach S. 513 Anm. 2. — 157 Cod. I F 738 Bl. 578 
Mitte 15. Jhdt; Zisterzienser Räuden. — 158 Cod. IV F 80 Bl. 54 'b 1 . HMfte 
15. Jhdt.; Aug.-Chorh. Breslau; früher Magister Martinus Storni; vgl. Watten¬ 
bach S. 513 aus Hoffmann, Altd. Hss. S. 181 vom Jahre 1472: Finis adest operis» 
mercedem posco laboris. Est michi precium kräng, ubi nichil sequitur nisi 
habdaug; ferner Wattenbach S. 513 aus Hoffmann, Altd. IIss. S. 151 von Eberhard 
Schulteti de Möchingen 1405: Est michi precium kranck. Quia nichil datur 
michi nisi habdanck; ebenso Wattenbach S. 514 aus Mones Anz. f. d. Kunde 
der deutschen Vorzeit II 191: Est mcrces ibi krank, ubi datur nil nisi hab dank. 
159 Cod I F 770 Bl. 163 vb v . J. 1386. — 160 Cod. I Q 136 Bl. 142 ▼ 14. Jhdt.; Aug.- 
Chorh. Sagan. — 161 Cod. Q 317 Bl. 131 ▼ Mitte 15. Jhdt.; Dominikaner Breslau; 


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172 Hj hot das cyn ende. 

Got vns sende 
in seyn reych, 
do wir wesen ewicleich. 

Ich habe das geschrebin, 

mir ist gar wenig hellir obirblebin, 

zunder sy seyn gegangen vor weyn vnd byr 

Nw vnd alleczeyt vil schyr, 

wenne is machet dy menschen schon vnd czyr. 

178 An beyden teylen hab ich vy] gescraben. 

Mir ist wenig heller obirbleben. 

Se seyn gegangen vmb bir vnd vmb weyn. 

Got behüte den Schreiber vor der ewygen peyn. Amen. 

174 Finito libro sit laus et gloria Christo. 

Nu hat das buch ein ende. 

Got geh vns nach disem eilende 

di ewigen ru; 

do helf vns maria czv. 

etcetera schriber, 

dem ist der beitel 1er. 

dar ein inuz er phennig hau, 

vnd dar czv ein meidel wolgetan, 

der ist vlrich genant 

vnd geborn vz beiernlant. 

175 Votum 

Qui librum scripsit, cum sanctis vivere possit. 

Detur pro poeua scriptori pulchra puella. 

Ad auctorem. 

Eipetis, ut detur subito tibi pulchra puella, 

Carpitur ast scriptis pulchra puella tuis. 

Huius iudieio, cum scribis vera, inereris 

Pro poena, ut detur nulla puella tibi. Vgl. Nr. 105. 

178 Ach got, durch deyner gute 
beschere uns kogil vnd hüte 

Bl. 383rt> v. J. 1407; Missale magnum geschrieben im Breslauer Prämonstratensor¬ 
kloster zu St. Vinzenz unter Abt Johannes Hartlib; vgl. Wattenbach S. 517. — 
172 Cod. 1 F 684 Bl. 264ra v. J. 1442? Corpus-Christi Breslau; vgl. W&tten- 
bach S. 508 aus dem Breslauer Cod. Rhedig. in q. XXI der Goldenen 
Schmiede: Ich habe dys büchelyn gesehribin, Das Ion ist zu dem byer 
blebin. — 178 Cod. I F 684 Bl. 372rb v . J. 1442? Corpus-Christi Breslau. — 
174 Cod. I F 12 Bl. 169rt> Mitte 14. Jhdt.; Zisterzienser Heinrichau; vgl. 
Wattenbach S. 517 aus Anz. für Kunde der deutschen Vorzeit 1880 (XXVI, 306) 
einer Schweidnitzer Richtsteighandschrift des 15. Jhrts. entnommen: Hy hat 
das buch eyn ende. Got muz den schriber sendeu Vz disem eielende in daz 
ewige rieh Czu den iunevrowen suberlich. — 175 Cod. IV Q 123 Vorsatzblatt, 
v. J. 1664. — 176 Cod. IV Q 36 Bl. 199r v . J. 1414: Aug.-Chorh. Breslau; 


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Fil hawsfrawc 
vnd wenik kinder, 

Mantil Tnd ragke, 

Czegun vnd bagke 

vnd dorczu hellerleyn, 

zo wel wir gerne dcyn dyner zcy®. 

177 Explicit iste über, scriptor sit orimine über. 

Quis me consumat, demon collnm sibi frangat. 

Lauda scriptorem, donec videbis meliorem. 

Detnr pro penna scriptori pulchra puella. 

Libro conpleto scriptor saltat peto (!) leto. 

Bitte um Rückgabe gefundener Bücher: 

Verfluchung der Bücherdiebe. 

178 Et sic est tinis. 

Quis invenit, Johanno Wardenbrugo reddere debet. 

179 Si quis furatus fuerit librum istum aut invenit et non reddiderit fratri 
Johanni Carnificis, anathema sit. 


Schreiber Jodocus Bertold de Czeginhals; vgl. Wattenbach S. 515 aus dem Co<L 
Pal. germ. 19 bis 23 am Ende des 1. Bds.; der 4. Bd. ist geschrieben von propst 
Cnonrot von Nierenberg (Wilken S. 314—318): 0 got durch dine güte Beschere 
uns kugeln und hüte, Mcnteln und rocke, Geiszc und bocke, Schöffe und rinder, 
Vil frawcn und wenig kinder. Expl. durch den bangk. Smale dienst machent 
eime das jor langk; diese Verse des 15. Jhrts. sind, als die Bibelhandschrift 
im Vatikan war, den deutschen Besuchern als Lutherverse vorgewiesen worden: 
vgl. Herrn Maximilian Missons Reisen aus Hqlland durch Deutschland in Italien, 
Leipzig 1701 S. 464, wo sie etwas modernisiert sind: 0! Got durch deine 
güte / Bescher uns kleider und hüte / Auch mäntel und rocke / Felle, k&lber 
und bocke / Ochsen, schafe und rinder / Viele weiber, wenig kinder. Schlechte 
speis und trank Machen einem das jahr lang; ähnlich Wattenbach S. 515 aus 
einer Heilsbronner Handschr. der Gesta Romanorum v. J. 1476: Hie hat das 
puch ein cnd. Gott uns sein gnad send, darzu ochsen und rinder und ein schon 
frawe on kinder (Cod. Erl. Un. 139 aus Hocker, Bibi. Heilsbr. 1731 S. 124)^ 
vgl. dazu F. Latendorf im Anz. f. Kunde der deutschen Vorzeit, Neue Folge XXV 
(1878) Sp. 16; ebenda XXVI (1879) Sp. 276 stehen ähnliche Verse, die ein 
Wolff von Stehau (Stechau) ins Stammbuch des Hans Ludwig von Sperwerseck 
zu Steinreinach und Schneit, conciliarius provincialis, praeses in Burglengenfeld, 
pro tempore orator et legatus Principis Palatini, geschrieben hat (Bibi. d. Germ. 
Mus. Nr. 16280 Bl. 60 v. J. 1596): Her got durch deine güte Bescher Schwartze 
mentel vnd grnen Hütte, ein Schon weib, vil Rinder, wentzig kinder, einen 
guten mut, vffen winter Einen Zobeln Hudt. — 177 Cod. I Q 349 Bl. 263 ▼*> 
Anf. 14. JhdL; Dom zu Neiße; vgl. Wattenbach S. 506 Anm. 5: Lauda scriptorem, 
donec videas meliorem; zu 4 peto’ vgl. lat. t pedere\ — 178 Cod IV Q81*> 
Bl. 246 r Anf. 15. Jhdt. — 179 Cod. IV Q 22 Vorsatzbl. v. J. 1450; geschrieben 
in Wien; Dominikaner Breslau. 


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180 Liber in Heynrichau sancte Marie, quem si quis defraudauerit, 
anathema sit. 

181 Ezplicit über omeliarum pars secunda sancte Marie uirginis in Zagano, 
quem qui fraudauerit uel sponte uiolauerit, anathema sit. Amen. 
Scriptus est autem amno incarnacionis domini M° CCC° 1III sub abbate 
Theoderico. 

182 Explicit. 

Sorte supernorum scriptor Übri pociatur, 

Morte malignorum raptor libri moriatur. 

188 Expliciunt. 

Sorte supernorum scriptor operis pocietur, 

Morte malignorum raptor libri moriatur. 

184 Non uideat Christum, qui librum subtrahat istum. 

Amen finale pro fiat dicitur apte. Amen. 

186 Explicit. 

Qui te furetur, tribus ügnis associetur. 

186 Qui me furetur, tribus lignis associetur. 

187 Qui rapit hunc librum, demon frangat sibi colluin. Vgl. Nr. 177. 

188 Cleptentem herebus, stix, cochitusque rotabunt, 

Ac restitutor vsyon in testa potitur. 

Si possessoris nomen tu noscere velis, 

Sy tibi sit prima, mon sillaba sitque secunda, 

Hirsbergk est natus, sed feyssteque cognominatus. 

Ob laudem Christi presens codex detur isti. 

180 Cod. I F 256 Vorsatzblatt: Handschr. 13. Jhdt.; Eintrag des Ana¬ 
thema von Hand des 15. Jhdts.; Zisterzienser Heinrichau. — 181 Cod. I 

F. 660 Bd. II Bl. 212 v ®: Aug.-Chorh. Sagan; vgl. Wattenbach S. 527 ff.; 

G. A. Crüwell, die Verfluchung der Bucherdiebe im Arch. f. Kulturgesch. 4 
(1906) S. 197 ff. — 182 Cod. I F 30 Bl. 162rb Ende 14. Jhdt.; Zisterzienser 
Heinrichau; vgl. Wattenbach S. 528 aus Cod. lat. Mon. 14258; Crüwell S. 221. 

— 188 Cod. I F 667 Bl. 205 v » v. J. 1400; Aug.-Chorh. Breslau: Schreiber 

Magister Johannes Cniczburg. — 184 Cod. I F 256 Bl. 119rt> 13. Jhdt.; 

Zisterzienser Heinrichau; Schreiber frater Theodericus in Heinrichowe; vgl. 
Wattenbach S. 528 aus Cod. lat. Monac. 4683 und Cod. Haiberst. 102. — 
186 Cod. I Q136 Bl. 27 Anf. 15. Jhdt.: Aug.-Chorh. Sagan; Schreiber frater 
Nicolaus de Soravia. — 186 Cod. IV F 55 Bl. 178 T ü 14. Jhdt.: Dominikaner 
Breslau: Schreiber frater Georgius; vgl. Wattenbach S. 528 aus einer iu Italien 
geschr. Handschrift vom Jahre 1461: Quis ine furatur, in tribus tignis suspen- 
datur. — 187 Cod. I F 491 Bl. 218 v t> Ende 14. Jhdt.; Kollegiatstift Glogau. 

— 188 Cod. I F 32, hinterer Einbanddeckel, um 1450. 


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Die Wanderung der Erzählung von der Inclusa 
aus dem Volksbuch der Sieben weisen Meister. 

Von Dr. Alfons Hilka in Breslau. 


In der gesamten Weltliteratur erfreuten sich die Erzählungen 
von Frauenlist und Frauentrug besonderer Beliebtheit, sie liegen tief 
im Volksempfinden begründet, sind auch ganz unabhängig von den 
mannigfachen Wandlungen innerhalb des Anfangs, des Aufschwungs 
oder des Niedergangs eines völkischen Gesamtlebens. Nicht die 
frauenfeindliche Richtung schlechthin seit Evas und Adams Ver¬ 
fehlung gab solchen Tendenzen immer neue Nahrung, wenngleich 
asketischer Eifer verschiedener Jahrhunderte diese Bewegung in 
literarischer Form verstärkt haben dürfte, auch die Lust am Fabulieren 
und am Erfinden mannigfacher Listen und Ränke beim weiblichen 
Geschlechte dem schuldigen oder schwachen Hausherrn gegenüber, 
jener ingenia feminarum, die den Triumph sattsam berechnender 
oder schlagfertiger Berechnungskunst im Augenblick der Gefahr und 
zur Befreiung aus unwillkommenen Banden bedeuten, tritt hier im 
vollsten Maße hervor. Fast scheint es, als ob der Orient mit seiner 
traditionellen Unterdrückung und Einsperrung der Frau oder mit 
seinem vorwiegend asketisch-frauenfeindlichen Charakter religiöser 
Werke ein besonders fruchtbares Feld für diesen mächtigen Ableger 
der Erzählungsliteratur abgegeben hätte, aber das lebensfrohe Altertum 
wie das mönchisch-christliche Mittelalter und erst recht die Neuheit 
mit ihrem Eindringen in das komplizierte Gewebe der weiblichen 
Seele, wie Roman und Sittendraraa bekunden, sind in gleicher Art, 
wenngleich in mannigfach abgestuften Formen, an dieser ungemeiu 
reichen Variation eines uralten Themas beteiligt. Die Tendenz bleibt 
"dieselbe, mag sie auf Erheiterung oder moralische Erbauung und 


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Abschreckung der Hörer, Leser oder Zuschauer berechnet sein, nur 
die Formen treten in stets wechselnden Typen auf, die demnach ver¬ 
schiedene Wirkungen auszulösen vermögen. So führt uns eine fest¬ 
gekettete Überlieferung etwa von SalomonsSprüchen an (vgl.Ecclesiasticus 
25, 23: Commorari leoni et draconi placebit quam habitare cum 
muliere nequam) teils nach dem Orient mit Werken wie das Paiica- 

t 

tantra oder die Sukasaptati oder die buddhistischen Ausflüsse des 
Misogynismus, die noch im Barlaambuche für das Abendland einen 
mächtigen Nachhall gefunden haben, oder jener große Zweig der 
Sieben weisen Meister, teils nach dem Abendlande, schon im griechisch- 
lateinischen Altertum, das durch Namen wie Hesiod, Semonides, 
Euripides, Lukianos, Catull, Virgil (varium mutabile semper femina), 
Ovid, Properz, Juvenal, Seneca vertreten ist, aber auch in der Über¬ 
gangszeit zu den Kirchenvätern Tertullian und Hieronymus, oder 
im Mittelalter zu der hochbedeutsamen, in Byzanz ausgestalteten Novelle 
vom Philosophen Sekundus, wo die eigene Mutter zur Beleuchtung 
des Satzes dient: jiäoa yvvi) jtÖQvtj, t) de Äadoööa öäxpQOJV, und 
dann zu jenen reichhaltigen Kundgebungen innerhalb der mittel¬ 
lateinischen und der vulgären Literaturen x ), die, sämtlich vom moral¬ 
asketischen Geiste durchdrungen, mit Ironie und Satire rückhaltlos 
weibliche Untreue und Verschlagenheit geißeln oder in Predigt- 
exerapeln und Schwänken belehrend und unterhaltend zugleich 
wirken und teils kirchliche, teils profane Äußerungen wiedergebeu, 
endlich zu der Neuzeit mit ihren vielgestaltigen, bald idealistischen, 
bald realistisch-psychologischen, bereits arg verfeinerten und förm¬ 
lichen Studien des Frauenlebens samt dem Problem der Ehe, also 
des Ehebruchs überhaupt. 

Fast keine der mittelalterlichen Rahmenzählungen, der Predigten, 
Schwänke und Fabeln wie Legenden und Novellen hat sich solch 
nachhaltigen Einflüssen entziehen können, für den Freund der 
Volks- und Literaturkunde ist hier ein schier unerschöpfliches Feld 
gegeben, auf dem er mit Lust und 'Laune den inneren und äußeren 
Zusammenhängen von Themen und Motiven und vor allem der Frage 
nach dem Ursprünge solcher Stoffe und deren Wanderungen nach- 


l ) Vgl. jetzt August AVulff, L)ie frauenfeindlichen Dichtungen in den 
romanischen Literaturen des Mittelalters bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 
Halle 1914 und meine Besprechung dieses Buches im Literatnrblatt f. gerin. 
u. rom. Philologie 1916, Sp. 246 ff. 


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spüren darf. Soll aber die literargeschichtliche Betrachtung seitens 
des Folkloristen oder des anspruchslosen Philologen zu gegründeten 
Ergebnissen führen, so bleibt nur das Mittel übrig, unbeirrt vom 
Methodenstreit und unabhängig von Theorien über die Herkunft 
literarischer Stoffe, zu denen eine Verallgemeinerung nur allzuschnell 
verführt, jeden einzelnen Fall für sich zu prüfen 1 ), das Ergebnis 
zn buchen, mag es auch negativ ausfallen, und durch ein vor¬ 
sichtiges Verfahren die Grundlage für eine Forschung zu legen, die, 
höchst anziehend wegen ihrer Eigenart, mit einer Menge von 
Schwierigkeiten für einen jeden verknüpft ist, der sich nun einmal auf 
diesen oft schwankenden Boden dei vergleichenden Literaturbetrachtung 
zu begeben den Drang verspürt hat. Das Auftauchen einer bisher 
unbekannten Variante zu der unter dem Namen zwei Träume*) 
oder DieEntführung 3 ) oder Inclusa 4 ) weitverbreiteten Erzählung 
mag uns Gelegenheit geben, den Verzweigungen dieses Stoffes, der 
durch den Miles gloriosus des Plautus, durch die Sieben weisen 
Meister und durch Platens Lustspiel „Der Turm mit sieben Pforten“ 
am meisten bekannt geworden ist, nach der gründlichen Untersuchung 
durch Ed. Zarncke 5 ) erneut nachzugehen und die Ursprungsfrage 
unter Benutzung unseres neuen Zeugen zu vertiefen. Es ist das 
Thema „von dem Ehemanne, der vermittelst einer geheimen Tür 
oder eines Loches oder eines unterirdischen Ganges, die sein Haus 
mit dem Nachbarhaus verbinden, um seine Frau betrogen wird 6 )“. 
Auf eine Einleitung, die den Grund zum Verlieben aus der Ferne 

*) Versuche nach dieser Richtung hin bedeuten in jüngster Zeit mein 
Aufsatz: Die Wanderung einer Tiernovelle = Mitteilungen XVII (1915), S. 58 ff. 
und fUr den Stoff der Placidaslegcnde die Artikel von W. Bousset, Die Ge¬ 
schichte eines Wiedererkennungsmärchens = Nachr. der Göttinger Ges. d. Wiss. 
phil.-hist. Klasse 1916, S. 469—551 nebst W. Meyer, Die älteste lat. Fassung 
der Placidas-Eustasius-Legende = ebda 1916, S. 745—800. Zuletzt A. Milka u. 
W. Meyer, Über die neu-aramäische Placidas-Wandergeschichte = ebda 1917, 
S. 80—95. 

2 ) Dunlop-Liebrecht, Gesell, der Prosadichtungen. Berlin 1851, S. 199. 

8 ) H. Ad. Keller, Li Romans des SeptSages. Tübingen 1836, S. CCXXVII. 
Dyocletianus Leben. Quedlinburg 1841, S. 61. 

*) K. Goedeke = Orient u. Occident III (1864), S. 422. K. Campbell, 
The Seven Sages of Rome. Boston 1907, S. CIX. 

6 ) Parallelen zur Entführungsgeschichte im Miles gloriosus = Rhein. 
Museum, N. F. XXXIX (1884), S. 1—26. 

•) R. Köhler, Kleinere Schriften zur Märchenforschung. Weimar 1898, 
Bd. I, S. 488. 


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enthält, folgt die Schilderung von der täuschenden List in drei 
Teilen: a) der unterirdische Gang oder ein Wanddurchbruch, b) die 
Täuschungsobjekte, um beim Eheraanne allmählich die Überzeugung 
von einer Doppelgängerin reifen zu lassen, c) die Trauungszene. 

Die meisten Abarten schuf im Abend lande die Form der 
Inclusa im okzidentalischen Zweige der Sieben weisen Meister, nach 
Loiseleurs Urteil *) die beste ihrer Art unter allen Geschichten dieser 
Sammlung. In der altfranz. metrischen Version (KH-Ch) 2 ) lautet 
sie kurz folgendermaßen: 

I. Ein Ritter des Königreiches Monbergier träumt von einer 
wunderschönen Dame und beschließt, ihre Liebe zu erringen. Auf 
Grund eines Traumes schenkt auch eine Dame dem Ritter aus der 
Ferne ihre Neigung. Das Träumen war so lebhaft und so deutlich, 
daß jeder sofort den anderen, wollte er ihn auffinden, zu erkennen 
hoffte. Nach dreiwöchentlicher Irrfahrt gelangt endlich unser Ritter, 
stattlich ausgerüstet, nach Ungarn an ein hohes Schloß am Meer. 
Es ist wohl ummauert, von der Außenwelt ganz abgeschlossen wie 
die Gemahlin des Besitzers, der sie hinter zehn versperrten Toren, 
deren Schlüssel er stets bei sich trägt, voll Eifersucht hütet. Der 
Ritter erschaut zufällig die Frau hoch oben an einem Fenster, und 
beide erkennen alsbald in einander den ersehnten Gegenstand ihres 
Traumes. Sie darf ihm voller Angst vor dem bösen Gemahl kaum 
ein Wort zurufen, und begnügt sich mit dem Refrain eines Liebes¬ 
lieds (un son d’amors). Nun bietet der Ritter, der sich für einen 
durch Kriegswirren verbannten Krieger ausgibt, dem Schloßherrn seine 
Dienste an, unterwirft in kürzester Frist all dessen Gegner und 
weiß sein Vertrauen zu erringen, so daß er bei ihm Seneschall wird. 
Aber es ist Zeit, daß er den Zugang zur Geliebten sich durch List 
erschleicht. Sie selbst hat ihm gelegentlich einen hohlen Binsenhalm 
vom Fenster herabgeworfen, um ihn zur Tat aufzufordern. 

IIa). Er erbittet vom Burgherrn die Gnade, neben dem Turme 
ein Haus für sich aufbauen zu dürfen, und bei dieser Gelegenheit 
legt ihm ein erfahrener Maurermeister einen unterirdischen Gang bis 

*) Loiselcur Deslongcliamps, Essai sur les fables indienncs. Paris 
1838, S. 158. 

2 ) A. Keller, Li Romans des Sept Sages, v. 4218 ff. (K). H. A. Smith = 
Romanic Review III (1912), v. 1447 ff. (l'h). Eine moderne Nacherzählung in franz. 
Prosa unter dem Titel „Le Chevalier ä la trappe“ bot Logrand d’Aussy, 
Fabliaux et contcs (3me ed.). Paris 1829, S. 156 ff. 


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zur Kemenate der Geliebten an. Eine Falltür erschließt'den Zugang 
hierzu. Aber um ganz sicher zu gehen, tötet er den Meister. Jetzt 
gelangt er leicht ans Ziel seiner Wünsche, b) Beim Abschiede gibt 
ihm die Dame einen goldenen Ring mit. Bei der nächsten Zu¬ 
sammenkunft mit dem Ehemann erkennt dieser am Finger des Ge¬ 
fährten sein Eigentum wieder, wagt aber nicht darnach zu fragen, 
sondern eilt nach dem Turm, wohin inzwischen der Fremde mittels 
des Ganges und der Falltür ihm vorausgeeilt ist, um den Ring der 
Dame einzuhändigen. Jener läßt sich durch den Anblick des Ringes 
täuschen und denkt, daß es gar leicht zwei ähnliche Ringe auf der 
Welt geben könne, c) Am folgenden Morgen schlägt unser Ritter 
die Einladung zur Jagd mit dem Hinweis auf die Ankunft seiner 
Braut (amie) aus, mit der er nunmehr so bald wie möglich heimzu¬ 
kehren gedenke. Er lädt ihn zum Mahl unter dreien ein, und der 
Schloßherr schafft selbst reichlich Wildpret herzu. Doch wie er¬ 
staunt er, neben dem Seneschall die angebliche Braut, die seiner 
Frau aufs Haar gleicht, zu sehen! Verstört und schweigsam bleibt 
er und kostet auch trotz der Zureden der Dame nichts von den auf¬ 
getragenen Speisen. So fest vertraut er auf seinen Turm mit dem 
Schatze darin, daß er nicht den Mut hat, den Ritter zur Rede zu 
stellon. Sobald es nur der Anstand zuläßt, stürzt er nach dem Turm, 
fieberhaft schließt er sämtliche Pforten auf, doch in der erleuchteten 
Kemenate sieht er seine Frau, die die Ahnungslose trefflich zu spielen 
weiß. Sein Mißtrauen ist ganz geschwunden, er redet sich sogar 
ein, daß ganz leicht auch zwei weibliche Wesen völlig einander 
gleichen können. Inzwischen hat der Ritter ein Schiff am Strande ge¬ 
mietet und alles zur Abreise vorbereitet, es weht ein günstiger Wind. 
Er bringt vor dem Schloßherrn sein Anliegen vor, dieser möchte 
persönlich ihm als Trauzeuge in der Kirche dienen. Gern übernimmt 
jener diesen letzten Freundschaftsdienst, begleitet sogar nach der feier¬ 
lichen Trauung das Paar bis ans Schiff und ist seiner Frau beim Ein¬ 
steigen behiflich. Mit geschwellten Segeln entführt das Schiff das Paar 
in die Ferne, aber der Burgherr, der nach seinem Turme eilt, erkennt 
zu spät, daß er der Angeführte ist. Seine Trauer und seine Reue 
ist nutzlos. — Die Hs. Chartres (Ch) ist fast gleichlautend, spricht 
aber von zwanzig Pforten und schmückt die Beschreibung des Baues 
der Ritterherberge aus. Hingegen kürzt die aus dem gereimten 
Original hervorgegangene Prosaversion D 1 ) vieles ab, gibt überhaupt 

’) G. Paris, Deui redactions du Roman des Sept Sages. Paris 1876, S. 44 fl'. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 3 


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nur den allgemeinen Gang der Erzählung wieder. So fehlt die An¬ 
gabe über die Herkunft des Ritters, der hier seinen Freunden eine 
Pilgerfahrt vorlügt. Ungarn ist nicht erwähnt, ebensowenig der 
Liebessang und die Liebesbotschaft der Dame. Nur drei Pforten 
verschließen den Turm. Das wichtige Ringmotiv ist ausgelassen. 
Die Frau weist selbst auf die Ähnlichkeit von Personen hin und 
schließlich entläßt der Ehemann das Paar mit reichen Geschenken. 

Lückenlos ist die Überlieferung im altfr. Prosatext A 1 ), des¬ 
gleichen in der daraus geflossenen italien. Prosa 1 ), wo aber als die 
Heimat des Ritters Paris genannt wird, von zwanzig Toren die Rede 
ist und die Dame selbst die Ähnlichkeit von zwei Ringen betont. 
Die in der lat. Übersetzung der hebräischen Version (Mischle 
Sendabar) angefügte Erzählung 3 ) bringt mehrere eigene Züge: der 
Hauptheld ist ein miles gallicus, der nach Spanien kommt zum 
Turm mit zwanzig Schlössern, und die Dame wirft ihm bei der 
ersten Begegnung ihren Handschuh herab. Der geheime Zugang 
zum Turm wird mit einem versiegelten Steine verschlossen, es fehlt 
die Tötung des hilfsbereiten Maurers, die Dame selbst weist 
nach dem gemeinsamen Mahle in der Herberge des Ritters darauf 
hin, daß schöne Frauen stets einander gleichen. — In der mittel¬ 
englischen Hs. D 4 ) fehlt die Ermordung des Maurers, auch die 
Trauungsszene; der Schloßherr stürzt sich zuletzt vor Gram von 
den Zinnen seiner Burg herab, wobei er sich den Hal6 bricht. — 
Über etwaige Änderungen von M = Male Marrastre vermag ich 
nichts zu sagen, da diese Fassung noch inediert ist. 

Besser bin ich infolge der Auffindung weiterer Hss. über J = 
Versio italica 5 ) unterrichtet. Der Eifersüchtige ist hier ein weiser 
Richter, der seine Frau in einem fensterlosen Turme mit sieben 
Pforten verwahrt hält und ihr nur an vier Festtagen im Jahre das 
Ausgehen gestattet. Gerade bei einer solchen Gelegenheit sieht sie 

*) B. Plomp, De iniddelnederlaudsche bcwerking van het gedieht van 
den VII Vroeden van binnen Rome. Utrecht 1899. S. 37 ff., I.oiseleur a. a. 0. 
S. 89 ff. 

,J ) H. Varnhagen, Eine italien. Prosaversion der Sieben Weisen. Berlin 
1881, S. 36 ff. 

3 ) Meine Ausgabe im 4. Hefte der Sammlung mittellat. Texte. 
Heidelberg 1912, S. XIX nebst Teit S. 30. 

4 ) Campbell a. a. 0. S. CX. 

5 ) A. Mussafia= Sitzungsberichte der Wiener Akad. d. Wiss., phil.- 
hist. Klasse, LVII (1868), S. 92 ff. 


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«in Jüngling, den das Gerücht von ihrer seltenen Schönheit zur Reise 
übers Meer dahin gelockt hat. Die Dame aber wird von Liebe ent¬ 
zündet, weil er ihr überall nachgeht. Der Fremde kauft ein be¬ 
nachbarte! Haus und wird durch seinen großen Aufwand mit dem 
Ritter bekannt, der ihn öfters zu Tisch einladet. Darauf legt er 
ganz allein (der Maurer fehlt,) den unterirdischen Gang an, der 
unter dem Bett der Dame mündet; Teppiche verdecken den Rest, 
so daß der Ehemann nichts merkt. Die Frau selbst, die sich wie 
ein Vogel im Käfig eingeschlossen wähnt, gibt dem Liebhaber die 
Täuschuugslisten an; zunächst tritt er vor den Mann in dessen 
Kleidern auf, sodann gibt sie ihm ein Hündchen mit, das die 
gleiche täuschende Wirkung ausübt, und viele Zimmergegenstände. 
Endlich rät sie ihm zur Trauungskomödie, bei der viele Anwesende 
infolge des Schweigens des Gatten den Trug ruhig gelten lassen. 
Das Ganze erscheint also bereits stark ausgeschmückt, wie die Ver¬ 
mehrung der Zahl der Täuschungsobjekte (ursprünglich nur der 
Ring) beweist. Die nämliche Fassung bietet II Libro dei Sette 
Savi di Roma 1 ). dieStoria d’una crudele matrigna 2 ) und der 
wichtigste Vertreter des Erasto-Kreises, nämlich L’Araabile di 
Continentia 3 ). ln letzterer Prosa ist die Erzählung «tark gedehnt 
und mit allerlei Zusätzen versehen worden, um die Spannung des 
Lesers zu erhöhen, aber der Hauptcharakter dieses italienischen 
Zweiges der Sieben Weisen bleibt gewahrt. Am Schlüsse wird vom 
geprellten Ehemanne, der zum römischen Hochadel gehört, berichtet, 
daß er vor Verzweiflung ob der ihm angetanen Schmach sich vom 
Turm herabstürzte und so einen elenden Tod fand. Der Erasto 
selb?t, von dem mir keiner der alten Drucke zur Verfügung steht, muß 
nach der Analyse in der Bibliotheque universelle des romans (Paris 
177.'), S. *29 ff.) eine Kontamination des italienischen mit dem fran¬ 
zösischen Zweige der Sieben Weisen enthalten. Denn das Ausgehen 
an Festtagen und das Hündchen erinnert an J, dagegen der Maurer, 
der Ring und das Mahl, das übrigens an Bord der Fregatte verlegt 
wird, stammt aus den franz. Versionen. Der Gatte, ein griechischer 


■> ed. A. CappelU = Scelta di curiositä lettcrarie 64. Bologna 186), 

S. 20 ir. 


s ) ed. G. Uomagnoli = Scelta di curiositä letterarie 
S. 37 ff. 

s ) ed. A. Cesari = Collezione di opere inedite o 
1896, S. 63 ff. 


14. Bologna 1862, 
rare 37. Bologna 

3* 


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Prinz und Gouverneur von Morea, läßt in seiner Wut, das flüchtige 
Paar verfolgen, was - erfolglos bleibt, und stirbt aus Gram einige 
Tage später. Das italien. Gedicht in ottava rima = ^oria di 
Stefano, figliuolo d’un imperatore di Roma 1 ) gehört zur selben 
Gruppe. Der Eifersüchtige ist aber nur un castelano, der Turm hat 
wie in der italienischen Prosa nur Oberlicht vom Dache aus. Der 
Jüngling scheint aus derselben Stadt zu stammen, da von seiner 
Reise nichts gesagt wird. 

G. Paris 2 ) hat den Beweis geliefert, daß die lateinische Hi stör ia 
septem Sapientum Romae, die die größte Verbreitung erhielt, 
nebst ihren germanischen und slavischen Ausflüssen lediglich auf 
einen altfranzösischen Text, etwa auf die Redaktion A zurückgeht 
und höchstens gegen 1330 entstanden sein mag. In der bisher ältesten 
Innsbrucker Hs. weist unsere Geschichte folgende Eigentümlichkeiten 
auf: Nach dem Doppeltraum und der Reise des Ritters in ein fernes 
Land, das nicht nachher angegeben wird, stimmt dieser am Fuße des 
Turmes ein Liebeslied (canticum amoris) an, die Dame teilt ihm durch 
einen herabgeworfenen Brief ihre heftige Neigung mit. Der König, 
der von seinen Heldentaten hört, fordert ihn zum Verbleiben in 
seiner Nähe auf. Als der Ritter endlich durch den geheimen Gang 
zu seiner Dame im Turm (Zahl der Verschlüsse fehlt) gelangt ist, 
sträubt sich diese gegen den unsittlichen Verkehr, was uns nach ihrem 
Brief durchaus verwundern muß. Erst die Androhung des Todes durchs 
Schwert zwingt sie, ihm zu Willen zu sein (offenbar verfolgt der 
Redaktor hier seine bei ihm übliche moralisierende Tendenz) und 
geht so drei Übeln aus dem Wege, nämlich, daß sie in üblen Ruf 
gerät, ihrem Manne Schmach zufügt und die Tötung des Liebhabers 
nach dessen Entdeckung herbeiführt. So meint sie schließlich: „Diese 
Torheit will ich nicht begehen, den Fremden abzuweisen.“ Die Ent¬ 
deckung des Ringes am Finger des Ritters erfolgt bei Gelegenheit 
einer Jagd, als dieser an einer Quelle eingeschlafen ist. Beim Er¬ 
wachen schützt er Krankheit vor, worauf beide nach Hause sprengen. 
Rückgabe des Ringes, Bedrohung der Königin mit dem Tode, falls 
sie nicht sofort den Ring vorweise. Dann nimmt sie ihn aus einer 
Truhe hervor. Sie meint, daß zwei Ringe oft einander ähnlich seien. 


*) hgb. P. Rajna = Scelta di curiositä letterarie 176. Bologna 1880, 
S. 106 ff. 

2 ) a. a. 0. S. XXVIII ff. 


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Daran schließt sich die Täuschung beim Mahle, dadurch verstärkt, daß 
die Königin ihre Sangeskunst zum besten gibt und man den Gatten 
am Fortgehen hindern will, als er eilige Geschäfte auf seiner Burg 
vorgibt. Wiederum wird er enttäuscht und seine Frau hält ihm vor, 
die Vernunft müsse ihm sagen, daß Ähnlichkeit zwischen Menschen 
oft bestehe, wie dies auch beim Ringe der Fall gewesen sei. Wieder¬ 
holt heißt es vom Könige, daß der feste Turm ihn hinters Licht 
führte, sodaß er seinen Augen nicht glauben mochte. Bei der 
Trauung in der Kirche ist seine Bereitwilligkeit so groß, daß er der 
Braut wegen der Ähnlichkeit mit seiner Frau sein besonderes Wohl¬ 
wollen zusichert, ja bei der Abfahrt am Strande ihr noch ausdrücklich 
Treue und Gehorsam gegen den neuen Gatten einschärft und beiden 
seinen Segen erteilt. — Mit dieser Darstellung deckt sich jene in der 
französischen Übersetzung im Genfer Druck, welche G. Paris 1 ) zum 
Abdruck gebracht hat. Das Sträuben der Dame ist jedoch gemildert: eile 
fit ce qu'il demandoit apres aucunes deffenses gracieuses. — Auf die 
deutsche Prosa geht der Ludus septem sapientum zurück, von 
dem mir ein Druck Frankfurt (gegen 1560) zur Verfügung steht, 
aus der Bibliothek des St. Vinzenz Stiftes zu Breslau in die Kgl. 
und Univ. Bibliothek übergegangen. Unsere Geschichte hat hier 2 ) 
einige Ausschmückungen erhalten: Der getäuschte Ehemann ist 
Menelaus, König von Sparta, der seine Gemahlin Helena so sehr 
liebte, daß er sie in einem festen Turm eingeschlossen hielt und 
die Schlüssel dazu stets bei sich trug. Der Liebhaber ist natürlich 
Paris Alexander in Phrygien, des Königs Priamus Sohn. Im Traume 
sieht und umarmt er Helena, nach deren Besitz er dann unablässig 
trachtet. In Sparta wirft ihm Helena einen Brief (schedula) vom 
Turmfenster herab und erklärt ihm ihre Liebe. Wie in der Historia 
läßt sich Helena bei der ersten Zusammenkunft zunächst mit dem 
Tode bedrohen. Auch im übrigen folgt dieser Text mit nur gering¬ 
fügigen ausschmückenden Zusätzen (Trauung im Minervaterapel) der 
Historia, und am Schluß heißt es, daß Menelaus den Rest seines 
Lebens in größter Trauer zubrachte (in luctu et squalore quod reli- 
quum erat vitae miser exegit). 

Dies sind der Hauptsache nach die wesentlichsten Formen unserer 
Geschichte im Volksbuche der Sieben weisen Meister. Die Fassung des 
altfranzösischen Dolopathos versparen wir uns absichtlich für später zwecks 


l ) a. a 0. S. 139 fl‘. *) Als septimum reginae exetnplum. 


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besonderer Gegenüberstellung zu der von uns neuaufgefündenen Version, 
Wir haben es also mit einer in sich durchaus abgerundeten und 
wohl motivierten Erzählung zu tun, in der die Steigerung der glücklich 
durchgeführten List bemerkenswert ist. Wenn daher eine Stelle aus 
der provenzalischen Dichtung Fl amen ca 1 ) hierher gestellt worden- 
ist, die nur das Motiv des unterirdischen Ganges verwendet (übrigens 
nur für die Zwecke des Eifersüchtigen), so trägt dies zur Entwicklungs¬ 
ireschichte unseres Stoffes ebensowenig bei, wie das Vorkommen des 
Schlußteils in einer lat. Cambridger Hs. 12 ) zum Zwecke der Kon¬ 
tamination mit einem anderen Stoffe, da hier der Doppeltraum so¬ 
wie die Täuschungsobjekte fortgefallen sind. Beachtung verdient 
aber, daß für das Antrauen durch einen Freund des Bräutigams von 
einem „sarrazenischen“ Gesetz die Rede ist. Diese Kürzung lautetr 
Die Gattin aber sinnt nach dieser Versöhnung auf neue Mittel, den 
Mann zu betrügen. Auf ihren Rat kauft der Liebhaber einem armen 
Nachbarn sein Haus ab und verkehrt dann fortwährend mit ihr mittels 
eines unterirdischen Ganges. Hiermit nicht zufrieden, will sie eine 
förmliche Heirat mit dem Freunde zustande bringen. Sie spricht 
zu ihm folgendermaßen: „Mein Gatte ist dein Waffenfreund. Sage 
ihm, daß aus deinem Vaterlande eine gekommen ist, die du heiraten 
möchtest; aber da es Sitte deines Landes und sariazenisches Gesetz 
ist, daß man seine Braut nur aus der Hand eines Mannes empfangen 
darf, so bittest du ihn, dir diesen Dienst zu erweisen, da du keinen 
näheren Freund hier hast. Wenn er mich dann sieht, kann er wohl 
Verdacht schöpfen und in der fremden Frau seine Flau erkennen. 
Begibt er sich deshalb nach Hanse, um sich von meiner Anwesenheit 
zu überzeugen, so eile ich voraus und begegne ihm im Schlafzimmer. 
Seines Irrtums gewiß kehrt er dann zu dir zurück, und ich eile 
wieder voraus und werde von ihm dir übergeben ‘in Gegenwart aller 
derer, die sich eingefunden haben.“ Dieses geschieht auch. Daß 
das Paar davonreist und der Mann nur das Nachsehen hat, ist nicht 
ausdrücklich gesagt, aber es versteht sich von selbst. — Ganz ver¬ 
flacht und nichts weiter als eine freie Bearbeitung der Inclusa ist 


J ) v. 1304 — 1317 der Ausgabe ;2. Aull.) von P. Meyer, Paris 1901. 

-) Anhang zur Ausgabe der Disei plina clericalis von A. Hilka und 
\V. Soderbjelui. Helsingfors 1911, S. 70. Vgl. dazu die Bemerkungen beider 
Vl. : Vergleichende» zu den mittelalterlichen Frauengeschichten = Neupililol. 
Mitteilungen (Helsingfors) 1913, S 4 ff. 


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die Erzählung in Marques de Rome 1 ), einer Fortsetzung zu den 
Sieben Weisen, wo an die Stelle des Doppeltraumes das Verlieben 
infolge der 'bloßen Anpreisung der Tüchtigkeit des Helden (Zoroas, 
eines Sohnes des Seneschals des Perserkönigs Darius) getreten ist. 
Die eingesperrte Prinzessin entbietet ihm, als sie den schlafenden 
Ritter am Fuße des Turmes erblickt hat, durch einen Brief ihre 
Liebe. Somit hat sich nur der Anfang unseres Motivs erhalten, da 
sofort weitere Berührungen mit dem Inclusastoff (die heimlichen Zu¬ 
sammenkünfte erfolgen mittels eines heraufgewundenen Korbes (cor- 
beille), was durch diensteifrige damoiseles geschieht) ausgeschaltet 
sind. „Die einzelnen Abweichungen unserer Novelle von der Dar¬ 
stellung der Inclusa sind lediglich Erfindungen und Schöpfungen der 
Phantasie unseres unbekannten Verfassers“ (J. Alton). — Ganz über¬ 
flüssig war der häufige Hinweis bei Keller u. a. auf eine metrische 
Variante bei Imbert, womit wohl nur sein conte „Les amants 
corsaires ou l’heureux stratagöme“ 2 ) gemeint sein kann; denn 
hier werden uns zwei eifersüchtige Greise vorgeführt, die ihre jungen 
französischen Frauen hinter dreifachem Verschlüsse halten, bis sie 
ihnen durch die als Korsaren verkleideten Liebhaber endgültig auf 
einer Spazierfahrt zur See entführt werden. — Zum bloßen Streich 
in Fabel form ist bereits im Mittelalter unsere Geschichte, wozu sich 
nur der Schlußteil in entstellter Form eignen konnte, herabgesunken, 
wozu Liebrecht 3 ) allerlei Parallelen, darunter aus Laßbergs Lieder¬ 
saal, beigebracht hat, im Schwank „Des trois femmes qui trou- 
verent un anneau“ 4 ). Drei Frauen kommen überein, daß der Ring 
derjenigen gehören soll, die ihrem Manne den besten Streich spielen 
würde. Die dritte greift zur List der täuschenden Ähnlichkeit: 
Sie schlägt ihrem Liebhaber vor, sie zu heiraten, und zwar solle 
dies mit Bewilligung ihres Mannes geschehen. Ein gewisser Eustache 
wird durch Geld für ihre Zwecke gewonnen, sodaß er seine Nichte 
zu verheiraten vorgibt. Ihr Mann gibt dann seine eigene Frau vor 
dem Geistlichen fort, da diese sich rasch verkleidet und die Rolle 
der angeblichen Braut übernommen hat. Es bleibt bei diesem Tausch, 

*) J- Alton, Le roinan de Marques de Rome. Tübingen 1889, S. 123 u. 173. 

*) B. Imbert, Historiettes ou nouvelles en vers (2d* ed.). Amsterdam 
1774, S. 167 ff. 

3 ) Zur Volkskunde. Heilbronn 1879, S. 127 ff. 

4 ) A. de Montaiglon, Recueil general et complet des fabliaui. t. I. 
Paris 1872, S. 175 ff. 


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weil der Gatte damit durcli seine feierliche Erklärung einverstanden 
gewesen ist, und die Frau triumphiert: „Je di que ce n’est pas prester 
(dies ist kein bloßes Verborgen).“ 

In der italienischen Novellistik fand der Stoff weitere Aus¬ 
gestaltung. Bei Sercambi 1 ) ist der Eifersüchtige der Sultan von 
.Babylonien, der seine Lavina im Turm versteckt hält. Ein vor¬ 
nehmer junger Genuese hat von ihrer Schönheit und ihrem elenden 
Dasein gehört und, als Kaufmann auftretend, erwirbt er das uneinge¬ 
schränkte Vertrauen des Sultans; er mietet einen an den Turm anstoßen¬ 
den Palast und gelangt durch den von einem Baumeister bewerk¬ 
stelligten Wanddurchbruch zur Geliebten. Doch das Mittelstück der 
Täuschungsgegenstände ist stark abgeändert. Die Schlußszene spielt 
sich zunächst an Bord des Schiffes ab; der Sultan verlobt ihm seine 
Frau, die inzwischen gut Italienisch gelernt hat, so daß jener über sein 
anfängliches Stutzen leicht hinwegkommt und schließlich beim Ar,- 
stecken des Ringes durch den Bräutigam seiner Frau den Finger 
hält 2 ). Dann findet das Mahl im Palaste des Antoniotto statt. Vorher aber 
hat er sich im Turme rasch davon überzeugt, daß Lavina in ihrem Kätig 
steckt, und auch ihr Festkleid, das sie bei der Feier getragen hat, 
wird ihm von ihr aus der Truhe vorgewiesen. Nach dem Essen führt das 
Paar dem Gaste einen tadellosen türkischen Tanz vor, was ihn zur 
raschen Heimkehr mit dem üblichen Erfolge veranlaßt. Das Feiern 
der Hochzeit wird noch mehrere Tage fortgesetzt, und nachdem des 
Nachts sämtliche Kostbarkeiten aus dem Turm in die Schiffe ver¬ 
schleppt worden sind, fährt das neue Paar, vom Sultan an den 
Meeresstrand begleitet (Lavina muß den im letzten Augenblicke der 
Abreise mißtrauisch Gewordenen nochmals enttäuschen) mit falscher 
Reisezielangabe davon. Die Verfolgung durch die gesamte Flotte 


') ed. A. d’Ancona, Novelle di Giov. Sercambi. Bologna 1871 = Scelta 
di curiosita letterarie 119, S. 96 (nov. XIII. De furto unius mulieris) — Nur 
eine entfernte Ähnlichkeit mit Inclusa hat die zweite Novelle des vierten 
Tages bei Sfraparola ed. Gins. Rua. Bologna 1898, S. 206 ff. (Verkehr des 
Paares mittels einer Kiste, in der sich der Liebhaber im Zimmer der Filenia 
versteckt hält. Der Schauplatz ist Athen. Am Schluß steht der falsche, aus der 
Tristansagc bekannte Reinigungseid). Noch weniger gilt dies für die vierte 
Novelle desselben Tages. — Die Fassungen bei Sansovino, Cento novelle 
antiche X 8 und Masuccio, Novellino nr. 38 und 40 sind mir leider augen¬ 
blicklich unerreichbar. 

2 ) Vgl. zu diesem eigentümlichen Brauch R. Köhler, Kleinere Schriften 
11 S. 586. 


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des Sultans schlägt fehl, da dessen Abgesandte in Neapel keine 
Spur der Flüchtigen finden, und der trübsinnig gewordene Sultan 
segnet bald darauf das Zeitliche. — Bei Sercarabi nimmt demnach 
der häufige Ortswechsel zwecks Enttäuschung des Eifersüchtigen die 
Stelle der Täuschungsobjekte ein, an die das Hochzeitskleid nur noch 
ganz entfernt erinnert. Immerhin bleibt der Gesamteindruck der 
Überlieferung noch gewahrt. 

MitMalespini gelangen wir wiederum zu einer schwankhaften 
Ausgestaltung, die sich weit von der Urform entfernt. Die 53. Novelle 
„Der kürzere Weg zwischen zwei Häusern“ lautet nach E. Misteli 1 ): 
„Ein reicher Schatzmeister ist der Nachbar eines Mannes, dessen 
schöne Frau es jenem angetan hat, und um deren willen er mit dem 
Manne enge Freundschaft schließt. Die Abwesenheit des letztem 
soll den Schatzmeister zum gewünschten Ziele führen. Aber uner¬ 
wartet kommt schon in der Nacht der Mann zurück und wird nur 
ungern bei seinem Freund., dem Schatzmeister, vorgelassen, wo er 
eine Weibsperson zu sehen vermeint, welche mit seiner Frau die 
größte Ähnlichkeit hat. Da die beiden Häuser miteinander in Ver¬ 
bindung stehen, so wünscht er den Verbindungsgang zu benutzen, 
um nach Hause zu kommen, wird aber genötigt, einen Umweg zu 
machen. Unterdessen kehrt aber die Frau über diesen Gang heim 
und empfängt den Mann mit einer zündenden Anrede wegen seines 
so späten Erscheinens, das sich nur durch die Annahme erklären 
lasse, daß er andern Weibern nachgezogen sei. Der Mann muß um 
Verzeihung bitten und bleibt auch in Zukunft getäuscht.“ — Diese 
Version geht auf die erste Novelle von La Sale’s Cent nouvelles 
nouvelles 2 ) zurück, wozu noch weitere Parallelen in der Fabel- 
und Novellenliteratur beigebracht werden können. Wir lassen jedoch 
diese Ableger unseres Stoffes füglich bei Seite, da sie bei ihrer 
Verflachung der Hauptform unser Problem kaum zu fördern ge¬ 
eignet sind. 

Ganz künstlerisch und frei hat das Inclusa-Motiv Bojardo in 
seinem Epos Orlando Innaraorato für die Leodilla-Episode (I, canto 
XXI—XXIII verwertet, wie C. Searles 3 ) gezeigt hat. Leodilla mußte 
den alten Folderico heiraten, der sie im Wettlauf (Atalanta-Motiv) 

') Emil Misteli, Celio Malespini und seine Novellen. 2. Aufl. Aarau 
1905, S. 60. 

*) Hg. Th. Wright, Paris 1857, I S. 1 ff. nebst Anm. II S. 252. 

3 ) Modern Language Notes XVII (1902), S. 165 ff. 203 ff. 


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4‘J 


überlistet hat, indem er drei verlockende Äpfel vor ihr zu Boden warf. 
Der eifersüchtige Alte hütet seinen so erworbenen Schatz in einem 
Schloß mit sieben Mauern und ebensoviel Türmen und Toren, was 
auf die Versio Italica zurückgeht. Der unterirdische Gang, den 
sein junger Nebenbuhler Ordauro ohne Hülfe eines Baumeisters an¬ 
legt zu seinem zwei Meilen weit davon entfernten Palaste, die die 
Dame bei ihrer fabelhaften Schnelligkeit später spielend zurückzu- 
legen weiß, die List des Gastmahls, aber ohne die Täuschungsobjekte 
(Ring, Kleider), die Entführung vor den Augen des die Liebenden 
auf ihrer Reise sechs Meilen weit begleitenden Eifersüchtigen, nach¬ 
dem Ordauro seinen Aufbruch damit begründet hat, daß ihm das 
Klima dieses Landes nicht Zusage, dies alles gibt im ganzen den 
. Rahmen unserer Erzählung gut wieder. Hingegen hat der Dichter 
ein neues Element eingefügt, das berechnet war, jene Täuschungs¬ 
gegenstände überflüssig zu machen: der Jüngling sucht nämlich von 
vornherein alle Verdachtsmomente mit dem Hinweis darauf zu ent¬ 
kräften, daß des Alten Frau eine ihr überaus täuschend ähnliche 
Zwillingsschwestern habe, die nicht einmal ihre Eltern von jener 

hätten unterscheiden können. Über die hierdurch geschaffene Un- 

• 

Wahrscheinlichkeit, da doch Leodilla nie von einer solchen Schwester 
hat etwas verlauten lassen, geht freilich nnser Epiker leicht hinweg, 
es ist klar, daß er diesen Zug der plautinischen Komödie entlehnt 
hat, auf die wir noch zurückzukommen haben. Dies paßt auch zu 
einem sonstigen Verfahren, größere Mannigfaltigkeit des Erzählten 
durch Kombination verschiedener Stoffe zu erzielen, zumal er auch 
die Antike gern umformt. 

Wenn wir nun einen Blick auf das Vorkommen unseres Themas 
in der abendländischen Märchenliteratur w'erfen, so ergibt sich 
bald, daß bei der mündlichen Verbreitung eigentümliche Formen 
entstehen, die im schmückenden Beiwerk, in Kürzungen und Zusätzen 
am meisten hervortreten. Im griechischen Märchen l ) „Die Gold¬ 
schmiedin und der treue Fischersohn“ bringt das Mittelstück die 
Entführungsgeschichte, die nicht lokalisiert ist. Ein reisender Prinz 
verliebt sich auf das bloße Gerücht hin in eine Goldschmiedsfrau, 
die mit der goldenen Krone auf dem Kopfe am Fenster sitze und 
mit dem goldenen Apfel spiele. Sein Freund, der Fischersohn, mietet 

’) I. G. v. Hahn, Griechische und albanesische Märchen. Leipzig 1864 1 

S. -201 ft'. 


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43 


für ihn ein Haus in der Nähe der Behausung des Eifersüchtigen 
und gräbt eine Höhle zu ihr. Der Turm hat sieben Stockwerke, 
•de sind mit sieben Schlössern verschlossen und die sieben Schlüssel 
führt der Goldschmied stets bei sich. Um diesen zu täuschen, ent¬ 
leiht der Prinz Goldapfel wie Goldkrone, nach deren Muster er beim 
Goldschmied Bestellungen macht. Dann muß der Mann bei der 
angeblichen Hochzeit den Brautführer machen. Durch die Höhle 
wird die Frau an den Strand auf das Schiff gebracht. Ein letztes 
Mal eilt der Eifersüchtige zurück; da sitzt sie aber noch mit der 
goldenen Krone auf dem Kopf im Sessel und spielt mit dem goldenen 
Apfel. Noch zweimal macht er diese Probe, hierauf hält er nach 
griechischer Sitte während der Trauung die Brautkronen, die er 
beide selbst verfertigt hat, über seine Frau und den Prinzen. Heim- 
gekehrt findet er das Nest leer, verwünscht seine Augen und reißt 
'ich beide aus dem Kopfe. (Die Fortsetzung geht in einen anderen 
Märchenstott über). Manches erinnert hier an Sercambi. — Der 
erste Teil eines albanischen Märchens 1 ) „Der Pope und seine 
Krau“ bringt statt des unterirdischen Ganges eine Tür zwischen den 
Nachbarhäusern und nur die Trauungszene. Der Schluß ist schwank- 
artig, da der Pope betrunken und von den Flüchtigen als Räuber aus- 
^estattet wird. Er tröstet sich nach dem Erwachen in der Gesell- 
'chaft von fünf vorbei komm enden Räubern. — Mehr scherzhaft wie 
10h ist die listige Entführung der Frau eines (buckligen) Schneiders 
•largestellt, aber in den Einzelheiten stark verwischt, in einem 
römischen Volksmärchen 2 ), in einer Novelle des Batacchi 3 ) und 
in sizilianischer*) Tradition, die zusammen eine Gruppe bilden, 
wobei mit dem Namen der Entführten Grazia für die zweideutige 
Eheeinwilligung (mi date la vostra buona grazia?) witzig gespielt 
wird. Ein Loch in der Wand beider Häuser vermittelt den Verkehr, 
eine Puppe die endgültige Täuschung. Im übrigen sind wir hier 
weit von der vollkommenen literarischen Form unseres Stoffes ent- 

1 ) (j. Meyer und R. Köhler, Albanische Märchen = Archiv f. Literatur- 
fesch. XII (1884), S. 134 ff. 

2 ) R. H. ßusb, The Folklore of Rome. London 1874, S. 399 ff. Inhalt 
b-i E. Zarncke a. a. 0. S. 4 und bei W. A. Clouston, Populär tales and 
n tions, vol. II. Edinburgh 1887, S. 218 ff. 

3 ) Novelle galanti (1800), nr. 2 r Re Barbadicane e •irazia“. 

4 ) Gius. Pitre, Fiabe, novclle e racconti popolari siciliani, vol. III. 
Palermo 1875, S. 308 ff., nr. I1G .Lu Custurcri*. 


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44 


fernt. Dasselbe wird wohl für ein schottisches Märchen 1 ) gelten, 
das mir widriger Umstände wegen heute nicht zugänglich ist. 

Die Übersicht über die abendländischen Fassungen schließe ich, 
mich zur Neuzeit wendend, mit dem Hinweis auf die dramatischen 
Bearbeitungen bei Karl Weiß 2 ), mir unzugänglich), von Kotzebue 3 ) 
„Die gefährliche Nachbarschaft“ (Lustspiel in einem Aufzuge (erinnert 
stark an das römische Volksmärchen, zu dem durch eine Vertauschung 
zweier Bräute ein glücklicher Ausgang gedichtet worden ist; der um 
seine Braut Gefoppte ist auch hier ein Schneider, die Täuschung er¬ 
folgt gleichfalls vermittels einer Öifnung in der Wand der Nachbar¬ 
häuser nebst einem sie verdeckenden Bilde) und auf Platens „Turm 
mit sieben Pforten“, Lustspiel in einem Akt (1825) (ursprünglich: 
mit achtzehn Pforten) 4 ). Platen gibt selbst an, daß er durch die 
Analyse bei Le Grand d’Aussy, Fabliaux et Contes IV. zu seinem 
Stück angeregt worden ist, das beweist auch die Erwähnung des 
Kinges, aber vom literargeschichtlichen Standpunkte aus muß man 
sich eigentlich wundern, daß er den alten lebenskräftigen Stoff 
mancher wesentlicher Motive entkleidet und das Ganze zu einer 
bloßen Entführungsszene herabgedrückt hat. Hierher gehört auch 
ein episches Gedicht von Gramberg 5 ) „Die Entführung“ (1801). 
Es beginnt mit der Irrfahrt des durch den Traum um seine Ruhe 
betrogenen Ritters, der endlich zu einem Schloß am Meer gelangt, 
vom greisen Schloßherrn wohl bewirtet wird und am Morgen eine 
Falltür entdeckt, die ihn durch einen düstren Gang zu dem so oft 
im langen Traum der Phantasie erblickten holden Wesen führt. Die 
aus einem edlen Hause Entführte und im Turm hinter zehnfachem 
Schloß Gehütete berichtet dem Ritter, daß sie den Werbungen des 


0 Campbell, Populär Tales of the West Highlands, I S. 281 ff. 

а ) Die Wiener Haupt- und Staatsactionen, Bd. VI „Der betrogene Ehe¬ 
mann“ (1724) in 3 Akten. Wien 1854, S. 75 ff. 

s ) Theater von August v. Kotzebu e, 4. Bd. Wien 1831, S. 135 ff. 

4 ) krit. Ausgabe der sämtl. Werke durch M. Koch u. E. Petzet, Bd. 
XI Leipzig, S. 265 ff. 

б ) Braga hg. Anton Dietrich, 9. Bändchen. Dresden 1828, S. 49 ff. — 
Eine Entstellung unserer Geschichte, ohne den unterirdischen Gang oder die 
heimliche Tür, steht innerhalb der mit allerlei Motiven verquickten bulgarischen 
Erzählung von der Egyluda und dem Trojanerprinzen Alexander, mit einer 
latein. Übersetzung von P. Syrku abgedruckt im Archiv f. slav. Philologie VII 
(1884), S. 81 ff. Vgl. die Schlußbemerkungen von K. Köhler zu diesem 
„kuriosen Text.“ 


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Alten bisher standhaft -widerstrebt haba, ihr aber nur noch eine drei«* 
tägige Frist beschieden sei, und sie bittet den Fremden, sie aus 
dieser Haft zu befreien. Des Jünglings • lebhafte Erzählung von 
seinem Traum und der fernen Suche erweckt alsbald den Argwohn 
in des Alten Brust: 

Er eilt, sobald er kann, die Sorge zu bekunden, 

Beurlaubt sich von seinem Gast, 

Und sucht das Liebchen sonder Rast. 

Und sieht sie wohlverwahrt in ihrem festen Kerker, 

Kein Winkelchen, das ihm Verdacht erweckt; 

Und leicht entgeht dem spähenden Bemerke!* 

Der Teppich, der den Weg zum hohen Turme deckt. 

Denn freundlicher wie sonst dünkt ihm die Holde, 

Der Argwohn flieht vor ihrem heitren Blick, 

Die Hoffnung kehrt vertraulich ihm zurück; 

Die Liebe naht mit ihrem süßen Solde. 

„Zwei Tage noch“, so ruft entzückt der Greis, 

„Wird neue Jugend und wirst du mein Preis.“ 

Unterdes hat der Ritter, der zum Strande gewandelt ist, dort einen 
Seemann gefunden, der, ausgesandt, die einem edlen Prinzen bei einer 
Jagd entführte Tochter aufzusuchen und zurückzuholen (dies ist 
durch günstige Schicksalswendung eben unsere Dame), zur raschen 
Entführung entschlossen ist. In Anwesenheit des Burgherrn wird des 
Ritters angebliche und tiefverschleierte Braut, die soeben angekommen 
sei, am Altar dem Jüngling übergeben, die Abfahrt soll bald statt¬ 
finden. 

Der Greis begehrt des Gastrechts alte Sitte; 

Er faßt das schöne Weib an zarter Hand, 

Und führet nun mit langsam schwerem Schritte 
Die Eilende zum längst ersehnten Strand. 

Das edle Paar empfängt des Schiffes Mitte; 

Das Weib zerreißt das leichte Zauberband; 

Der Schleier fällt, — der Greis sieht sich betrogen, — 

Und sicher fliegt das Schiff durch weite Wogen. 

Wir wenden uns nun den orientalischen Parallelen unseres 
Stoffes zu. Im Hauptteile einer neu-aramäischen Erzählung 1 ) 
„Der Prinz und die Frau des Juden lllik“ wird die Frau des jüdischen 
Goldschmiedes Illik in Bagdad hinter vierzig Türen gehalten. Der 
freigebige Prinz läßt sich ein kostbares Schwert, dann einen kunst¬ 
vollen Dolch vom Goldschmiede anfertigen, macht aber absichtlich 

*) M. Lidzbarski, Geschichten und Lieder aus den neu-aramäischen 
Handschriften der kgl. Bibi, zu Berlin. Weimar 1896, S. 229 ff. 


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4 « 


ihm beides, abgesehen von der reichlichen Bezahlung, zum Geschenk. 
Dasselbe geschieht mit ein Paar Armbändern, die für seine Braut 
bestimmt seien. Die Goldschmiedsfrau war auf den Bericht von der 
Freigebigkeit dieses Fremden schon lange auf ihn aufmerksam ge¬ 
worden und setzte es endlich durch, daß er in das wohlgehütete 
Heiligtum eingeladen wurde. Der Mann wird betrunken gemacht 
und an den Füßen herausgezogen. Am nächsten Tage wird ihm 
auf Anraten der Frau ein benachbartes eingefallenes Haus abgemietet, 
und der Jüngling läßt im Neubau alsbald einen unterirdischen Gang 
graben, der unter den Sessel der Frau mündet. Der Tunnel ver¬ 
mittelt den ungestörten Verkehr. Jenes Schwert, der Dolch und die 
Armbänder bilden die in der bekannten Art verwendeten Täuschungen, 
um den Juden, der sie bald bei seinem Gast, bald in seiner Behausung 
am richtigen Orte vorfindet, in falsche Ruhe einzuwiegen, Sehr fein 
bemerkt zu ihm die Frau: „Hundert Dinge gibt es, die einander 
gleichen. Was du auch jetzt bei dem Manne siehst, immer sagst, 
du, es ist mein. Es ist möglich, daß, wenn er morgen mit 
einer Frau kommt, die mir ähnlich ist, du dann auch sagst: 
es ist meine Frau. Wie sollte er zu mir gelangen, wo vierzig 
Türen vor mir verschlossen sind? Aber das ist nur, weil du ein 
böses Her/, hast und kein Vertrauen kennst, weil du ein Lump und ein 
schlechter Kerl bist.“ Dann stellt der junge Mann, der Schwert und 
Dolch mitnimmt, dem Juden dessen Frau als seine Braut vor, und 
der Gang bewerkstelligt wiederum die Enttäuschung, sodaß der 
Mann nicht mehr wußte, was er sagen sollte und so für den Schluß 
des Abenteuers gut vorbereitet war. Dem Charakter dieser binnen¬ 
ländischen Erzählung entsprechend ist von keiner Seefahrt die Rede, 
der Prinz entführt die Goldschmiedsfrau, eine weite Strecke von 
Illik begleitet, zu Pferde. Als der Jude nach seiner Heimkehr nichts 
mehr, weder Frau noch Sachen, vorfindet, rührt ihn der Schlag und 
er erliegt seinem Schmerze. — Wir sehen, daß im allgemeinen diese 
Fassung recht gut mit den Sieben weisen Meistern zusammengeht. 
Offenbar bringen beide dieselbe Urform zum Ausdruck, wobei der 
Aramäer im Bestreben nach spannender Darstellung stärkere Änder¬ 
ungen vorgenommen hat. Jedenfalls bildet seine Geschichte ein 
wertvolles Bindeglied innerhalb der Entwicklungsgeschichte unseres 
Themas. Geschickt ist das Ganze abgerundet und alles von Anfang 
bis zum Ende wohl motiviert, wie wir dies bisher nur in Frankreich 
beim ersten Auftauchen des okzidentalischen Zweiges der Sieben 


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weisen Meister gesehen haben. — Die anderen orientalischen Zeugen 
der Inclusa bieten bei weitem nicht die gleiche Ursprünglichkeit. 
In einem syrischen 1 ) Märchen liebt ein Armer die Frau eines ihm 
befreundeten reichen Juden. Sie veranlaßt den Armen, einen großen 
unterirdischen Gang bis in ihr Hans anzulegen. Als Täuschungs¬ 
gegenstände gelten hier ihres Mannes Stnte und der silberbeschlagene 
Sclinh der Frau. Diese erklärt ihm immer: „Ein Ding gleicht dem 
andern.“ Dann kommt der Hochzeitsschmauß mit der bekannten 
List. Der Schluß aber ist roh ausgestaltet, der Reiche wird betrunken 
gemacht, vergiftet and begraben, und das saubere Paar kann sich 
heiraten vor aller Welt und den Dumrakopf noch nach seinem Tode 
höhnen. — Der Stoff erscheint hier volkskundlich vergröbert. — 
Eine romantische Ausschmückung begegnet uns in der großen 
Märchensammlung von Tausend und eine Nacht in der Habicht 
sehen Ausgabe (Breslau) 2 ) „Geschichte vom Fleischhauer, seiner 
Gattin und dem Soldaten.“ Der Soldat, der die Fleischersfrau bereits 
oft genug besucht hat, legt zur größeren Bequemlichkeit den unter¬ 
irdischen Gang an, und die Frau muß vorgeben, daß des Soldaten 
Schwester, die ihr überaus ähnlich sei, nach langer Abwesenheit 
inzwischen von der Reise mit ihrem Gatten angekommen sei. Die 
Täuschungsobjekte fehlen. Der betrogene Ehemann wird in der 
Trunkenheit (vgl. das albanische Märchen) kahl geschoren, in ein 
Türkenkleid gesteckt und hinausbefördert, in diesem Wahn durch 
die Beschimpfung seiner Frau bestärkt und dadurch unschädlich 
gemacht. — Das Motfv von der zum Verwechseln ähnlichen Schwester 
erinnert uns sofort an das plautinische Lustspiel Miles gloriosus, 
das sich herübergerettet zu haben scheint. — Besser ist die Über¬ 
lieferung in einer anderen Tradition von Tausend und eine 
Nacht in der Geschichte von Kamaralsaman 3 ) und der Frau des 

*) E.Pr yin u. A.Socin, Syrische Sagen und Märchen. Güttingen 1881,8. i>7 ff 

a ) XIV, S. 60 ff. (896. Nacht) „Geschichte des Gerbers und seiner Frau.“ 
Vgl. W. Bacher, Der Miles gloriosus in 1001 Nacht = Zeitschrift der dt. 
morgen! Gesellschaft XXX (1876), S. 141 ff. W. A. Clouston, Populär tales 
and fictions, II S. 223 ff. Ausg. Henning (Reclani), Bd. XVIII, S. 158 ff. — 
VgL V. Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes, t. VIII (1904), S. 95—96. 

s ) J. von Hammer, Der Tausend und einen Nacht noch nicht übersetzte 
Märchen, Erzählungen und Anekdoten, aus d. Frz. ins Dt. übs. von Aug. F,. 
Zinserling, III.Band. Stuttgart u. Tübingen 1824, S. 355 ff. Ausg. Henuing 
(Beelam), Bd. XVII S. 5 ff. Vgl. V. Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes 
t. IV (1900), S. 212 ff. 


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Juweliers in Ba^ra gewahrt. Die Freigebigkeit dem Juwelier gegen¬ 
über erinnert zunächst durchaus an die aramäische Version, sie dient 
dem Liebhaber zur Einführung in das Haus des Ehemanns, auch der 
wiederholte Schlaftrunk bei der ersten und späteren Begegnung mit der 
jungen Frau. Das Verlieben geschieht auf das bloße Gerücht von 
der Schönheit der Dame hin, eine durch zwei Schränke verdeckte 
Öffnung in der das Nachbarhaus trennenden Wand bewerkstelligt 
den Verkehr. Es findet die Komödie mit vielen Täuschungsgegen¬ 
ständen statt: die Reichtümer des Juweliers, Möbel, kostbarer Dolch 
und Uhr, die zum Freunde herübergeschafft werden. Zuletzt ver¬ 
kleidet sich die Frau als Sklavin, und nach der letzten Probe gelingt 
die Flucht unter Mitnahme aller Schätze und einer getreuen Dienerin 
auf dem Landwege nach Ägypten. Der Juwelier folgt der Un- 
getreuen nach Kairo, wo Kamaralsaman auf Befehl seines Vaters eine 
andere ehelichen mußte, und tötet dort seine Frau nebst deren Dienerin. 
Zum Entgelt erhält er Kamaralsamans Schwester und kehrt später 
in die Heimat zurück. — Die persische *) Geschichte von den drei 
betrügerischen Frauen, von denen jede ihrem Gatten einen besonderen 
Streich spielt (vgl. das altfrz. Fablel), bringt jene erste Variante 
aus 1001 Nacht. Die Richtersfrau veranlaßt einen nach ihr schmachten¬ 
den Zimmermann den unterirdischen Gang zu ihr zu graben (die 
Botschaft überbringt ihm eine Sklavin) und sie gleich am folgenden 
Tage in seiner Behausung für seine Braut auszugeben. Der vorbei¬ 
kommende Ehemann wird gebeten, einzutreten und die Trauungs¬ 
formel zu sprechen; sofort ist er beim Anblick seiner Gattin betroffen 
und eilt, halb gefaßt, heim, da er sein Gebetbuch vergessen habe. 
Dann erregt ein schwarzes Mal an der Lippe der Frau, das er oft 
geküßt hat, seinen Argwohn und er eilt unter dem Vorwände zurück, 
erst eine notwendige religiöse Waschung zu Hause vornehmen zu 
müssen; eine Apfelhälfte, die er ihr schenkt, und ein Rubinhalsband 
dienen weiterhin zur Täuschung, bis er nach langem Sträuben in 
aller Form das Paar getraut hat. Die durch den Gang zurückgeeilte 
Frau aber mißhandelt mit ihrer Sklavin den Richter, der, ganz von 
Sinnen, in einem Irrenhause Zuflucht sucht. — Das meiste ist hier 
phantastisch ausgeschroückt und die Komik dadurch erhöht, daß der 
Mann in seiner Eigenschaft als Standesbeamter die Trauungszeremonie 
vornehmen muß. — Ein türkisches Märchen »Das mit List ge- 

*) W. A. Clouston, A group of Eastem romance6 and tales, privately 
printed (1889), S. 358 ff. nebst Anm. 9, S. 548 ff. — 


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freite Mädchen J )“ ist dadurch bemerkenswert, daß der Jüngling sich 
in ein Bild der Schönen verliebt und sich in die Stadt des Originals 
begibt. In Mädchenkleidung findet er Zutritt im Hause des Vaters 
der jungen Dame, eines Fürsten, gibt sich ihr zu erkennen, greift 
auf ihren Rat zur List des unterirdischen Ganges, und der Vater 
selbst spricht über seine eigene Tochter, die als ihre Gesellschafterin 
keck auftritt, den Trausegen, begleitet auch das Paar eine Strecke 
Weges. „Als er in das Haus seiner Tochter eingetreten war, war 
seine Tochter verschwunden. Da schickte er jenem reichen, jungen 
Manne eine Schrift: „Du hast meine Tochter mit List entführt.“ 
Das Mädchen schickte ihm seine Schrift zurück: „0 Vater, nach 
deinem eigenen Befehle hast du mich gegeben“. — Die Erzählung 
bei Gueulette*) „Aventures du vieux Calender“ können wir hier 
füglich übergehen, da der unterirdische Gang nebst sonstigem Auf¬ 
putz der Handlung nur dazu dient, einen Eifersüchtigen von seinem 
Laster durch eine von seinem Vater abgekartete Komödie zu heilen. 
Die Täuschung erhöht hier ein Muttermal der Frau an ihrem Ohr. — 
Stark abgeändert erscheint endlich der Stoff, in eine längere Novelle 
hineingebracht, deren Rahmen an Floire et Blancheflor u. ä. erinnert, 
in der auf neupersische Tradition zurückgehenden Reise der Söhne 
Giaffers 3 ). Ein bereitwilliger Freund unterstützt die von einander 
infolge der Heiratspläne eines rücksichtslosen Königs am Hochzeits¬ 
tage getrennten Liebenden Feristenus und Giulla. Diese hat den 
König, der sie in einem versteckten Gemache seines Harems zurück¬ 
hält, hinzuhalten gewußt, während der Bräutigam, ungerecht 
zum Tode verurteilt, sich aus der Haft hat in Sicherheit bringen 
können. Auf den Rat seines Vertrauten wird ein großer und schöner 
l’alast neben dem Ort, wo seine Giulla schmachtet, einem Kaufmann 
abgekauft, und nun gelangt er durch den Gang, den der in solchen 
Dingen wohlbewanderte Freund mit einer Zauberrute macht, bis in 
das Gemach der Giulla, die ihren lieben Mann mit tausend Freuden 
empfängt. Der König nimmt eine Einladung in den Palast des an¬ 
geblichen Kaufmanns an und sieht überrascht beide jungen Eheleute, 

1 ) W. Radi off, Proben der Volksliteratur des türkischen Stämme Süd, 
Sibiriens, IV. Teil.* St. Petersburg 1872, S. 393 ff. 

a ) Contes tartares (101. —104. Viertelstunde) = Cabinet des fees XXII. 
S 89 ff. dt. Übersetzung, II. Teil, Leipzig 1728, S. 151 ff. 

*) H. Fischer u. Job. Bolte, Die Reise der Söhne Giaffers. Tübingen 
1895, S. 133 ff. nebst Anin. S. 219 ff. 

Mitteilungen d. Sch los. Ges. L Vkde. Bd. XIX. 4 


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die ihn da begrüßen und die er durchaus zu kennen glaubt. Er 
kehrt um, findet aber stets alles in schönster Ordnung daheim (Hals¬ 
schmuck als Täuschungsobjekt), und als er das dritte Mal Giullas 
Arm blau und gelb drückt, um durch dies Zeichen sicher zu gehen, 
beseitigt letzteres ein von jenem Freunde auf den Arm geriebenes 
Heilkraut. Die Entführung zu Schiff geschieht bei Nachtzeit und 
ohne Begleitung des Königs, der, um alle Hoffnung betrogen, sich 
so sehr grämt, daß er in eine schwere Krankheit verfällt und in 
zwei Tagen elendiglich stirbt. — Damit sind auch die orientalischen 
Parallelen erschöpft. Wir haben aber bereits gesehen, daß sie 
sämtlich sich von jener in sich geschlossenen Form, wie sie in 
Frankreich am durchsichtigsten erscheint, nur mit Ausnahme etwa 
des Aramäers, entfernen. Auch der Umstand ist recht auffällig, daß 
der orientalische Zweig der Sieben weisen Meister unsere Wander¬ 
novelle durchaus nicht enthält. Auf Grund unseres vorliegenden, 
wenngleich reichlichen Materials ist die Ursprungsfrage kaum in 
einer bestimmten Kichtung zu beantworten möglich. Nun scheint 
allerdings das Motiv vom Wanddurchbruch in Verbindung mit der 
betrügerischen Vorspielung einer • zum Verwechseln ähnlichen 
Schwester antik zu sein, da es bereits im plautinischen Lustspiel 
Miles gloriosus auftritt und auf Griechenland, als ihren Ent¬ 
stehungsort, hinzudeuten, weil nach dem Prologe des zweiten Aktes 
ein griechisches Original ’AAagcjv *) die Fabel des Stückes ent¬ 
halten habe. Allerdings betont Clouston 2 ), es sei zweifelhaft, ob 
der griechische Dramatiker die Fabel des Stückes selbst erfunden 
oder eher einer orientalischen. Tradition entlehnt habe. Daß aber 
die Fassung von 1001 Nacht „Geschichte des Gerbers und seiner 
Frau“ direkt auf Plautus zurückgeht, erscheint trotz des auch hier 
auftretenden Schwesternmotivs, auf das Bacher 3 ) so starkes Gewicht 
legt, unwahrscheinlich (von dem Zuge, daß ein Soldat die gleiche 
Hauptrolle spielt, sehe ich ganz ab, da in 1001 Nacht ein solcher 
der Mitbetrüger, bei Plautus aber der Betrogene ist.) Bacher kann 
für den orientalischen Ursprung nur Vermutungen äußern: „Man 
könnte immerhin annelunen, daß der Stoff des Miles gloriosus, zu 

einer kurzen Prosaerzählung verarbeitet, auch in den Orient gelangte, 

. __ . % 

l ) 0. Ribbeck. Alazon. Ein Beitrag zur antiken Ethologie. Leipzig 1882 
S. 55 ü*. 

“) Populär tales and fictions. II S. 227. 

s ) a. a. O. S. 142. 


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51 


durch Erzählertradition sich forterhielt und endlich modificiert in 
unserer Erzählung fixiert wurde. Vielleicht stammt aber jener Stoff 
aus dem großen indischen Sagenquell, welcher ja von den ältesten 
Zeiten her den Occident gespeist hat, und gelangte einerseits sehr 
frühe in den Kreis der klassischen Komödie, während er andrerseits 
im Oriente selbst bis zu den Begründern der berühmtesten Märchen¬ 
sammlung sich fortpflanzte.“ *) Da aber in 1001 Nacht der geheime 
Verbindungsweg zwischen zwei von einander weit abliegenden Häusern 
mehr an die Version der Sieben Weisen gemahnt, so liegt Grund zur 
Annahme vor, daß diese letztere in der arabischen Fassung mit dem 
plautinischen Motiv, das dann eben auch sich im Orient fortgpeflanzt 
hat, kombiniert wurde. Dieser neuere Einfluß könnte demnach für 
unseren Urstoff ausscheiden. Wie Bojardo zu dieser Verquickung 
mit der Urform kam, wurde bereits oben gezeigt. 

Am kräftigsten hat noch immer E. Zarncke das schwierige 
Problem anzupacken gewußt und die verschiedenen Traditionen mit¬ 
einander zu vereinigen gesucht. Er betont 2 ) die Übereinstimmung 
zwischen dem Miles gloriosus und der orientalischen Geschichte von 
Kamaralsaman und hält alles, für Ausläufer einer ursprünglich 
griechischen Fabel, in deren Urform die Zwillingsschwester und 
die Entführung zu Schiff mit Einwilligung des Ehemannes gestanden 
habe. Nicht unwesentlich sei auch der Zug der Ausplünderung des 
Ehemannes und der Schenkung des Sklaven. Ich schätze dies 
Nebenmotiv nicht so hoch ein, es findet sich auch in der Versio 
italica und bei Sereambi, es wird uns auch im neuen Texte begegnen. 

.Vielleicht darf man aber, ohne das stillere Fortleben der 
griechisch-plautinischen Überlieferung ganz ableugnen zu wollen, 
zur Annahme übergehen, daß zu Beginn des Mittelalters eine ganz 
neue Originalform unseres Stoffes in bewußt künstlerischer Absicht ent¬ 
standen ist und teils in mündlicher teils in schriftlicher Überlieferung 

') Ganz zuversichtlich äußert sich E.Roh de in seinem Vortrage „Übergriech. 
Novellendichtung und ihren Zusammenhang mit dem Orient“ = Verhandlungen 
der 30. Versammlung dt. Philologen u. Schulmänner in Rostock. Leipzig 1870, 
S. 67 = Griech. Roman S. 596: „Wenn ich bedenke, daß die Fabel des Miles 
gloriosus in einer Erzählung der 1001 Nacht sich vollständig wiederholt, so 
weiß ich diese Tatsache, die doch gewiß nicht aus einer Kenutnis der Komödie 
selbst bei dem orientalischen Erzähler erklärt werden kann, nicht andejs zu 
deuten, als aus einer gemeinsamen Benutzung einer älteren griechischen 
Novelle.“ 

*) a. a. 0. S. 22 ff. 

4 * 


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eine ungeahnte Verbreitung im Abend- wie Morgenlande gewonnen 
hat. Ihren besten und ausgeprägtesten Charakter hat sie im west¬ 
lichen Zweige der Sieben weisen Meister erhalten, und Frankreich 
hat ihr zur reinsten literarischen Fixierung zunächst verholten. Diese 
Urform enthielt folgende Motive: 1. Verlieben durch Doppeltraum 
(oder mit einer Abart: durch Hörensagen). 2. Der unterirdische 
Gang (später wiederum gelegentlich durch Wanddurchbruch ersetzt, 
was durchaus nicht auf Plautus zurückzugehen braucht). 3. Die 
Täuschungsobjekte als Vorbereitung zu 4. Trauung im Beisein des 
Mannes oder direkte Übergabe der Frau an den Liebhaber durch 
den eigenen Gatten. 5. Die Entführung zu Schiffe. Dies ist der 
mittelalterliche Inclusa-Stoff, der nun den merkwürdigsten 
Wandlungen und Wanderungen ausgesetzt worden ist. Wir haben 
sehen können, wie Kürzungen und Auslassungen einzelner Teile 
ebenso sehr wie Erweiterungen (etwa in der Zahl und Art der 
Täuschungsgegenstände oder im Schicksal des gefoppten Ehemannes) 
in buntester Fülle den Occident wie den Orient betroffen haben, 
letzteren aber besonders schwer, so daß nur die aramäische Erzählung 
ein gutes Bindeglied darstellt. Wird sich ein Schluß über die 
Herkunft der Inclusa ziehen lassen? Gern greift man alsbald 
zur orientalischen Hypothese. Dafür ist aber bisher nur das erste 
Motiv (Verlieben durch den Traum) ins Feld geführt worden, 
an das selbst Zarncke 1 ) erinnert und das nach Clouston 2 ) durch¬ 
aus orientalisch („essentially Oriental“) sein soll. So weist er bezüglich 
des Anfangsmotivs des Träumens von einem fernen geliebten Wesen 
auf die indische Väsavadattä des Subandhu (7. Jhdt.) hin- und 
Chauvin 3 ) bringt weitere Beispiele bei. In der Tat mag dies 
„poetische Motiv der Traumliebe“, von E. Rohde 4 ) meisterhaft 
beleuchtet, ein asiatischer und namentlich indischer Einschlag 
sein, zumal noch das erste Erblicken des Geliebten im Traum mit 
der freien Gattenwahl des Mädchens verknüpft erscheint, was gleich¬ 
falls Rohde treffend betont hat, so daß auch der griechische Roman 
diese Traumliebe (im Bericht des Chares vonMytilene) übernommen hat. 

') a. a. 0. S. 22, Anm. 1 u. 26. 

a ) Populär tales and fictions, II S. 228 und The Book of Sindibäd, 
S. 346—47. 

3 ) Bibliogr. des ouvrages arabes V S. 132. 

4 ) Der griechische Roman und seine Vorläufer. 3. Auflage. Leipzig 1914, 
S. 47 ff., besonders S. 53 Anm. 4. 


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„Die Beliebtheit eines so sonderbaren Motives erklärt sich gerade 
im Orient sehr einfach aus dem eingeschlossenen Leben der Frauen 
und der dadurch veranlaßten Verlegenheit der Romanschriftsteller 
um ein Mittel, ihre Paare zusammenzuführen. Aus demselben 
Grunde lieben sie es, den Helden in ein Bild *) des nie zuvor 
gesehenen Mädchens sich verlieben zu lassen. Auch dieses Motiv 
stammt vermutlich aus Indien. Zuweilen werden beide Motive, 
Traum und Bild verbunden.“ Immerhin fragt es sich, ob dieses 
Kriterium des Anfangsmotivs ausreicht, den Gesamtstoff von 0 (Urform 
der Inclusa) als orientalisch anzusehen, selbst wenn man nicht zur folk- 
loristischen Deutung eines solchen rein märchenhaften Motivs (ich 
erinnere an Jaufre Rudels amor lonhtana) übergehen will. Zarncke 
äußert sich ganz vorsichtig: „Es ist schwer zu sagen, wie die 
Inclusa nach Frankreich gekommen ist. Ihre auffallende Ähnlich¬ 
keit (Verlieben aber auf Grund einer Schilderung der fernen Schönen!) 
mit dem griechischen Märchen könnte uns wohl veranlassen, sie als 
direkt aus Griechenland entlehnt zu betrachten; nimmt man doch 
dasselbe jetzt allgemein von Flor und Blancheflor an. Freilich 
scheint das Motiv der beiden Träume dem zu widersprechen, das 
doch wohl orientalischen Ursprungs sein wird; aber wer wollte jetzt 
noch feststellen, wie eine derartig weithin verbreitete Erzählung und 
wo vor allem sie die Gestalt erhielt, in der sie aufgezeichnet wurde?“ 2 ) 
So müssen wir die erneut aufgeworfene Frage in der Schwebe lassen 
und Zusehen, ob ein bisher unbekannter Text, auf den wir gestoßen 
sind, uns weiter bringen kann. 

Die Handschrift der Herzogi. Bibliothek Wolfenbüttel 671 
(Heimst. 6*22 3 ), ein Sammelkodex mit 17 Stücken, von verschiedenen 
Händen des XV. Jahrhunderts geschrieben, bringt als Nr. 10 ein 
Filo überschriebenes lat. Gedicht in 472 Hexametern, das nach der 
Inhaltsangabe der Hs. auf einem Vorsatzblatte, wohl von Polykarp 
LeysersHand, näher beschrieben wird als: Filo, seu Carmen Amatorigm, 
ad modum Roraanzarum quas lmdie vocamus, descriptum, incerti 
Auctoris. Die Dichtung entstammt derselben deutlichen Hand wie 
von BI. 75—181 die Stücke: Bernhardus de laudum titulis — 
Descriptio cuiusdam doctoris Henrici praepositi in Erfordia = 

] ) V. Chauvin V S. 132 bringt weitere Belege. 

2 ) a. a. 0. S. 22 Anm. 1. 

3 ) Vgl. v. Heinemann, Die Hanrlscbrifteu der Bibi. 7.u Wolfenbüttel, I 2 
'1886j, S. 83. 


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r>4 

Oecultus 1 ) — Peregrinus seu Carmen de instructione peregrinantium 
— Pyramus bis carmine expressus 2 ). Unser Text steht auf Bl. 14ti r — 
15tiv, einspaltig zu je 21 Zeilen. Die Initialen sind nicht aus- 
geführt, dafür ist freier Raum gelassen. Diese Dichtung, von der Polykarp 
Leyser 3 ) bereits den Anfang (v. 1 —113) abgedruckt hat, ist bisher 
unberücksichtigt geblieben, wie mir auch ein hervorragender Kenner 
wie Joh. Holte freundlichst bestätigt hat. Dies rührt auch daher, 
daß die Anfangsverse bei Leyser keinen Einblick in den Gang der 
Handlung gewähren, ebensowenig seine dort angeführte Angabe: Narrat 
deinde carminis auctor Filonem voti sui memorem Tyrum naue con- 
scensa profectum, a Zenone hospitio exceptum, et tandem singulari 
artificio Feloniam secum in Graeciam duxisse. Jenes „singulare artifi- 
cium“ bildet aber gerade den Kernpunkt unseres Themas. Der Inhalt 
lautet nämlich folgendermaßen: 

In Griechenland, der Mutter aller Studien, lebte ein au allen irdischen 
Schätzen reich gesegneter Mann, namens Filo (= Philo). Schönheit und edle 
Geistesgaben zeichneten ihn aus, dazu der Jugend Kraft und Anmut. Er ließ 
eine weibliche Statue aus parischem Marmor, alles täuschend nachgebildet und 
reich verziert, mit einer Krone auf dem Haupte und in prächtiger Gewandung, 
wobei weder Gold noch Edelsteine gespart wurden, von Künstlerhand für sich 
verfertigen und in seinem Hause in einer Halle aufstellen, zu der nur wenige 
Vertraute Zugang hatten. Von der Schönheit dieses Bildes bezaubert nahm er 
sich vor, nur ein gleiches lebendiges Ebenbild dereinst zu seiner Gemahlin zu 
erheben. So blieb er lange Zeit unvermählt. Einst kam aus Tyrus ein reicher 
Mann zu ihm, namens Zeno, den er aufs beste bewirtete und dem er alle 
Schätze seines Hauses vorwies, das goldene Hausgerät und die stattliche 
Dienerzahl. Dem Gastfreund zu Ehren erscholl lauter Festesklang bei Musik 
und Tanz, als ob alle neun Musen die Feier verschönern wollten. Endlich 
führte, er ihn auch vor sein geliebtes Bild in seinem Heiligtum. Kaum ward 
Zeno dessen ansichtig, so stürzte er, vor Schrecken und Staunen starr, zu Boden 
und erholte sich nur langsam von seiner Ohumacht, worauf er in heftige Klagen 
ausbrach, welch unseliges Geschick oder welcher Räuber ihm seine geliebte 
Frau Filonia (= Philoneia) entführt und hierher gebracht habe. Mit Mühe be¬ 
ruhigte ihn der Grieche durch den Hinweis darauf, daß er nur ein Bild vor 
sich habe, doch sofort richtete er an ihn die neugierige Frage, ob seine Gattin 

1 ) Hgb. Theobald Fischer, Nicolai de Bibera Cannen satiricum = 
Gcschichtsquellen der Provinz Sachsen I. Erfurter Denkmäler. Halle 1870> 

S. 37 fl. 

2 ) Hgb. E. Farad, Recherches sur les sources latines des contes et romans 
couitois du mojen äge. Paris 1913, S. 41 ff. 

3 ) Polycarpi Leyscri Hißtoria poetarum et poematum medii aevi. Halae 
1721, S. 2081 ff. Folgende Lesefehler darin: v. 17 Immo — 25 similis — 62 
simile — 71 varias — 74 resoluit — 86 se pelle — 96 natum — 100 conueniunt. 


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55 


sich durch gleiche Schönheit auszeichne. Dies bestätigte der Tyrier, voll Lobes 
über die täuschende Ähnlichkeit. Der Grieche aber bewahrte alle seine Worte 
wohl in seinem Herzen und hörte mit Vergnügen auf alle Lobeserhebungen des 
Tyriers, der nicht müde wurde, seine Frau zu preisen. Im kühlenden Schatten 
prächtiger Bäume eines Gartens, in den beide traten, setzten sie ihre Gespräche 
fort und hier hatte Filo Gelegenheit, alles Nähere über die Heimat und 
Wohnung seines Gastes zu erfahren (77). 

Nach einigen Tagen verabschiedete sich Zeno von seinem edlen Wirt und 
kehrte nach glücklich überstandener Seefahrt nach Tyrus zurück. Freudig 
begrüßte ihn seine Filonia und, nach dem Grunde seiner längeren Abwesenheit 
befragt, gestand ihr Zeno, noch immer von jenem seltsamen Zusammentreffen 
mit dem seiner Frau so sehr gleichenden Bilde aufs heftigste erschüttert, 
was er in Griechenland gesehen batte. Er rühmte die jugendliche Schönheit 
seines Wirtes, seinen Reichtum, seiuen feinen Anstand und seine Klugheit und 
bei der Erzählung von seiner durch jähe Bestürzung hervorgerufenen Ohnmacht 
vergaß er nicht, ihr seine hierdurch bewiesene große Liebe zu versichern. 
Filonia tröstete ihn wegen der ausgestandenen Angst und fügte hinzu, daß 
sein Erlebnis in der Tat wunderbar sei (113). 

Filo jedoch, eingedenk seines Vorsatzes und des fernen vor ihm gerühmten 
Ebenbildes, beschloß sein Glück zu wagen. Auf zwei mit allerlei Kostbar¬ 
keiten beladenen und prächtig ausgeschmückten Schiffen stach er in See, nach¬ 
dem er getreuen Dienern die Obhut über seine Statue anvertraut hatte. Die 
Fahrt verlief glücklich, angenehm verkürzt durch Musik, Tafelfreuden und 
Becherklang. Bald sahen sie die Zinnen von Tyrus vor sich zu ihrer Freude 
aufsteigen. Heiter stieg Filo mit seiner Begleitung ans Land und vor den 
Mauern der Stadt «schlugen sie ihr prächtiges Zeltlager auf. Von den hohen 
Mauern aus hatte bereits Zeno die Ankunft der Fremdlinge bemerkt, er eilte 
hinaus und begrüßte den griechischen Gastfreund mit unverhohlener dankbarer 
Freude., Hierauf führte er Filo nebst Gefolge in seinen Palast, wo er ein 
rauschendes Fest für sie veranstaltete. Filonia aber, die von der Ankunft des 
Griechen Filo bereits vernommen hatte, trauerte voll Bitterkeit, daß es ihr nicht 
vergönnt war, ihn zu sehen. Am Abend fand das Festmahl statt, zu dem all 
erdenklicher orientalischer Luxus aufgeboten wurde; Speisen, Getränke, Musik 
bewiesen des Tyriers dankbare Gastlichkeit, aber Filonia blieb unsichtbar und 
Filo mußte ohne den Genuß ilirea Anblicks in sein Lager draußen vor der 
Stadt zurückkehren. Am nächsten Tage besuchte ihn dort Zeno. Man trieb 
Kurzweil mit Schach- und Würfelspiel, die reichlich versehene Küche bot ein 
auserlesenes Mahl und das Spiel gab ihrem Beisammensein einen harmonischen 
Abschluß. Da wagte Filo die scheinbar harmlose Frage, warum sich noch 
immer Filonia seiner Begrüßung entziehe. Zeno erwiederte kurz, er könne 
niemandem ihren Anblick gestatten. Von einer Schar Jungfrauen umgeben, 
müsse ihr der Verkehr mit dem Gatten genügen. Darüber verwundert billigte 
Filo diese Art von Verwahrung eines so kostbaren Schatzes, erbat aber die 
Erlaubnis, ihr seine Hochachtung durch ein Ehrengeschenk zu bekunden. Da¬ 
mit war Zeno zufrieden und verlangte nur, daß eine der Jungfrauen es persönlich 
abhole. Daheim übermittelte er Filonia den Wunsch des Fremden, sie zu ehren, 
und bald erschien in Filos Zelt ihre Vertraute Dina mit besonderen Grüßen 


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ihrer Herrin, viel bewundert von den anwesenden Griechen. Sie nahm die 
Ehrengabe in Empfang, auch ein persönliches Geschenk und der freigebige 
Grieche bat sie zu melden, daß er lieber das Geschenk an Filonia selbst iiber- 
braeht als nur übersandt hätte. Dies richtete Dina getreulich aus und wurde 
nicht müde, all die Vorzüge des unvergleichlichen Fremdlings anzupreisen (218). 

Filonia besaß einen kostbaren King aus Gold mit einem Hyazinth und 
schickte durch Dina diesen als Gegengabe au Filo, zugleich als Unterpfand ihrer 
Liebe und Treue. Denn bereits war ihr Herz in Liebe entflammt, da sie schon 
längst durchschaut hatte, daß Filos Reise nur ihr gelte und keinem anderen. 
Da unterdessen Zeno seinem Freunde ein Absteigequartier nahe bei seinem 
Palaste eingeräumt hatte, so bat sie Dina, ihr behilflich zu sein, eine heimliche 
Zusammenkunft zu ermöglichen. Sie möge dem bereits heißgeliebten Manne 
den Auftrag ihrer Herrin schlau ausrichten, durch zwei ihm ergebene Griechen 
einen unterirdischen Gang bis zu ihrem Gemach anlegeu zu lassen; der eine 
könne graben, der andere die Steine sichernd zusammenfügen, und nur des 
Nachts dürfe die Arbeit von statten gehen, damit in Zenos Abwesenheit das 
Herüberschlüpfen Filos gelinge. Zeno, der bei seiner Gemahlin erschien, 
bewunderte das Geschenk seines Gastfreuudes und gab gern seine Einwilligung, 
daß Dina das Gegengeschenk überbrachte. Sie entledigte sich des Auftrages 
Filonias überaus gewandt. Filo schwamm in eitel Freude, desgleichen seine 
Mannen, die er ins Geheimnis einweihte Es dauerte auch nicht lange, so hatte 
er zwei tüchtige Meister zur Hand, die freiwillig ans Werk gingen und umso 
eher es vollendeten, als bereits ein solcher Gang von ihnen nach den ersten 
Spatenstichen vorgefunden wurde, so daß sie alles eben nur auszubauen und zu 
vollenden brauchten. Filo jubelte, daß ihn das Glück bei seinem Vorhaben 
so sehr unterstützte. (265). 

Dina selbst konnte eines Tages, als sie die fremden Männer aus dem Gange 
in der Kammer ihrer Herrin emportauchen sah, die Ankunft Filos ankündigen, 
da eben Filonia sich allein befaud. Kaum wollte diese der freudigen Bdtschaft 
Glauben schenken, doch schon stand der vielgepriesene, so lange von ihr ge¬ 
trennte Grieche vor ihr da. Es war frühmorgens, die Schar der Jungfrauen 
schlief noch und von Zeno war nichts zu befürchten. Beide konnten sich im 
gegenseitigen Bewundern nicht genugtun und erneuerten das Band unverbrüch¬ 
licher Zuneigung und Treue, während Dina sich zartfühlend zurückzog. Beiin 
Abschied nahm Filo allerlei Gegenstände; die Zeno gehörten, an sich, einen 
Tisch, mehrere Leuchter und eine Schüssel, die seine Getreuen durch den Gang 
in seine Behausung fortschleppten und dort auf seinem Tische recht deutlich 
sichtbar aufstellten. Inzwischen tilgten Dina und Filonia alle Spuren seiner An¬ 
wesenheit hinweg, die Mündung des Ganges und den Fußboden verdeckte ein 
Teppich (291). 

Wie gevföhulich stattete einst Zeno seinem Filo einen Besuch ab und 
entdeckte erschrocken seinen Tisch, die Leuchter und die Schüssel. Aber auf 
seine verwunderte Frage nach dem Ursprung dieser Geräte bekam er von Filo 
die Antwort, daß dieser dies alles aus Griechenland mitgebracht habe. Uber 
diese Ähnlichkeit brauche er nicht zu staunen, da Zeno doch selbst zu seiner 
vollen Zufriedenheit über ein weit bedeutenderes Zusammentreffen ähnlicher 


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Umstände bei jenem Bilde in Griechenland aufgeklärt worden sei, das er an¬ 
fänglich für seine eigene Frau gehalten habe. Noch immer betroffen schwieg 
Zeno, mußte ihm aber kleinlaut beigeben und eilte auf seinem weiteren Ober¬ 
wege zu Filonia, um seines nicht gänzlich überwundenen Verdachtes loszuwerden. 
Geschickt und weit schneller brachte Filo durch den geraden Tunnel die Geräte 
an ihren früheren Standort zurück, ohne Filonia zu sehen oder zu begrüßen. 
Als Zeno bei Filonia erschien, fand er alles in schönster Ordnung am richtigen 
Platze wieder, konnte es aber nicht unterlassen, ihr seine merkwürdige Be¬ 
obachtung mitzuteilen. Ihrem Nachweis, daß niemand außer den zu ihrer 
Hut befohlenen Jungfrauen ihr nahen könne und auch Dina nichts von seinem 
Hausrat mitgenommen habe, konnte er sich nicht verschließen. Wie könne er 
sich überdies über die Ähnlichkeit der von Filo aus der Heimat mitgebrachten 
Gegenstände wundern, da jenes Standbild ihr gleichfalls so maßlos ähnlich 
gewesen sei! (325). * 

Am nächsten Tage begab sich Zeno auf die Jagd und war vom Waidglück 
begünstigt, während Filo bei Filonia verweilte. Diesmal nahm er Waffen des 
Hausherrn, Panzer, Schild und Helm zum gleichen Zwecke wie früher mit. 
Als nun gegen Abend Zeno bei ihm erschien, fiel sofort sein Blick auf die be¬ 
wußten Waffen und er glaubte sie als sein Eigentum beanspruchen zu müssen. 
Doch rasch fiel ihm Filo ins Wort, er tadelte ihn wegen dieses abermaligen 
Mißtrauens einem Freunde gegenüber und hielt ihm vor, daß er wiederum sich 
durch ähnliche Äußerlichkeiten bestechen lasse, während doch ein Künstler 
auf der ganzen Welt unschwer solche Nachbildungen verfertigen könne. Wie 
jenes Bild, so seien auch diese Waffen unfehlbar sein Eigentum. Zeno konnte 
nicht umhin, ihm recht zu geben. Die Rückgabe der Waffen durch den Gang 
erfolgte prompt genug und Zeno, dem dieselben Gründe von seiner Frau entgegen¬ 
gehalten wurden, mußte diesmal Abbitte leisten und feierlich versprechen, sie 
nicht mehr mit seinem kleinlichen Verdachte zu belästigen (362). 

Frühmorgens trat Zeno eine dreitägige Geschäftsreise an. Unser Paar 
war wieder beisammen und wagte etwas Entscheidenderes, insofern als Filo 
seine Filonia mit derselben prunkhaften Gewandung, wie sie daheim ihr Eben¬ 
bild trug, versah und in seine Herberge führte. Seine griechischen Begleiter 
staunten alle über diese feenhafte Erscheinung, die alles von ihnen bisher Ge¬ 
sehene überstrahlte und sie huldigten begeistert ihrer seltenen Schönheit. Als 
Zeno von seiner Reise heinikehrte und Filo den gewohnten Besuch abstattete, 
sah er das ganze Haus voll Festesstimmung und seine Frau an der Seite Filos, 
so daß er verblüfft sich dies alles nicht erklären konnte. Filonia aber hatte 
die Weisung erhalten, weder zu sprechen noch eine Bewegung zu machen. 
Endlich gedachte Zeno des bei Filo gesehenen Bildes und fragte, ob er es etwa 
nochmals vor seinen Augen sehe und ob es sich bewegen könne und ob etwa 
die mitleidige Natur inzwischen der schönen Gestalt auch Stimme und Bewegung 
gewährt habe. Es fehlte nicht viel, so wäre das Paar in lautes Lachen aus¬ 
geplatzt. Als Filo die Frage verneinte, stürzte Zeno eilends von dannen unter 
dem Vorwände, das Wunderbare seiner Frau berichten zu müssen. Schnell 
hatte Filonia die Prunkgewänder abgelegt und war ihrem Manne durch den Gang 
vorausgeeilt. Bald berichtete er ihr von dem unerwarteten Auftauchen des 
marmornen Ebenbildes, sie jedoch hieß ihn gutes Mutes sein, könne er doch 


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ein geliebtes Weib aus Fleisch und Blut sein eigen nennen, während der Grieche 
nur den Marmor anbeten könne. So war auch diese Täuschung, der Vorbote 
einer größeren und letzten, gelungen (413). 

Am nächsten Tage mußte Zeno seinen Geschäften nachgehen, sein Weib 
nahm die Griechen bei sich auf und diese schafften alle Kostbarkeiten Zenos 
zu den Schiffen fort. Indes war bereits das Gerücht verbreitet, daß die 
Fremden alles zur Abreise vorbereiteten und Kilo, bei dem Zeno dann vorsprach, 
bestätigte diese Nachricht: es sei unziemend, die Gastlichkeit eines Freundes 
allzu lange in Anspruch zu nehmen und ohnehin habe er weit länger bei ihm 
als umgekehrt geweilt. Nichts könne jetzt seine Rückkehr aufhalten: nur das 
eine bedauere er schmerzlich, nie Filonia erblickt zu haben. Zeno tröstete ihn 
gutmütig: deren Anblick ersetze doch stets das Anschauen des geliebten und 
so ähnlichen Bildes. Filonia saß wieder stumm und wie versteinert auf ihrem 
Piedestal in der bekannten Gewandung und wurde nun durch Filos Gefolge 
zum Strande getragen. Zeno begleitete sie dahin und küßte alle beim Abschied, 
auch die vermeintliche Bildsäule. Noch lange stand er da und verfolgte mit 
den Augen die hurtig davonsogelnden Griechen. Als er jedoch heimkehrte und 
ein6ah, daß er der Gefoppte sei, brachte er seine Klage ob des Betruges bei 
allen Tyriem vor. Zum Schaden hatte er aber den Spott seiner Landsleute zu 
tragen, die die Schlauheit des Griechen bewundern mußten. Kilo legte glücklich 
die Heimreise mit seinem Schatze zurück und veranstaltete ein rauschendes 
Hochzeitsfest, zu dem von nah und fern Gäste erschienen, die nicht müde 
wurden, seine Erwerbung zu preisen. Schließlich führte Kilo die Neuvermählte 
vor das Marmorbild, die Ursache ihres Glückes, und Filonia spendete reichliche» 
Lob des Bildhauers Kunst, der sie alles verdankten. 


Text der neuen Version. 

Incipit Filo. 

Qrecia, suinmorum fecunda parens studiorum, fol. 146 r. 

Clara viris doctis, argeuto dives et auro, 

Filonem genuit, pollentem rebus et arte. 

Res sibi Fortuna partim, non oinnibus una, 

5 Ars partim dederat, partim quoque cura parentum; 

Agros, ancillas, pecus, aurum, rnenia, villas, 

Gemmas, argentum, vestes numerumque clientum 
Hic homo possedit, nichil ex hiis defuit illi. 

Annis florebat nec erat quis pulchrior illo; 

10 Prudens, facundus, hilaris nullique secundus. 

Nil Deus hic oblitus erat Naturaque dives. 

9 pulchior. 


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59 


Hic speciem üeri iussit similem inulieri, 

Marmore descctam Pario, varie redimitam. 

Os, nares, oculi, guttur, collum, caput omnc, 

15 Crura, pedes, digiti, manus utraque, brachia, venter 
Pulchre disposita sunt, gratissima cuncta videnti. 

Juno, Diana, Venus, Pallas cum Dcjdanira 
Isti cessissent aut, si presens Paris esset, 

Hic Helenam forma decerneret inferiorem. 

20 Kilo diversis ornatibus induit illam: 

Aures cum collo, cum pectore brachia gemmis fol. 146^ 

Justis auro micuere caputque corona. 

Jaspis, smaragdus, carbunculus atque topazon, 

Sardis, crisolitus, saphirus, onix, ametistus 
25 Hic fulget, hie iacinctus sirnul atque berillus, 

Purpuream clamidem viridi tunice superaddit. 

Gemmis intextis auro micat utraque vestis; 

Digna suo cultu speciosa probatur ymago. 

Sic ars artiiicis, sic est manus hic operata. 

80 Hane Kilo celsa servandam ponit in ede. 

Aula patet paucis, paucis accedere fas est, 

Tactibus liumanis ne degeneraret ymago. 

Hic quoque secum decrevit Votum faciendo 
Uxorem sibi ducendam nunquam nisi talern, 

35 Tarn pulchram, quoque tarn mundam sicut et redimitam. 

Sic aliquod vir deduxit sine coniuge tempus. 

Vir quidam Tyrius, cui Zeno nomen, ad huius 
Hospicium venit casu quo nescio ductus. 

Filo dives erat nec dives eo minus ille. 

40 Suscipitur dives a divite diviciasquc fol. 147*, 

Ostendunt, sumptus, ex auro vasa domusque 
Inclita cortinis, fainuli famulatus et ordo; 

Organa cum cithara, lira, timpana menia coinplent, 

Hospes susceptor, hospes susceptus ovantur. 

45 Musice dulcedo mulcet famulos utriusque, 

Congaudent, plaudunt, saltant ducuntque coreas, 

Ut Musas hic iurares cantare novenas. 

Post ludum Filo Zcnonem ducit in aulam, 

Inclita qua stabat, qua servabatur ymago. 

50 Quam cum vidisset hospes, ruit obstupefactus 
Atque diu sine voce iacet, tandem redit in se 
Cumque gravi gemitu, clamore gravi replet aulam: 

„Hach me! ve misero! michi qualiter uxor amanda 
Huc mea devenit? quis eam michi casus ademit? 

55 Egrcdiens te, cara v domi, Filonia, reliqui! 

_ • 

32 ne dignaretur ym. — 37 cui ceno n. — 45 Musica d. — 4S ccnonem 


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_«0 

Quis predo, quj s f ur h uc ra pt am michi duxit?“ 

1 o refert. „Hospes, erras: non huc tua venit 
oniunx. Hec ad me spectat, quam cernis, ymago. 
* c ’ ro & 0: numquid habes uxorem tarn speciosam, 
Que tanto cultu niteat, sic inclita vultu?* 

H,c ait: „A specie nichil hac uxor mea differt, 

Si tarnen hec simili fruitur spiramine vite.* 

Ergo miratur speciem mirandoque laudat 
Hospes et assidua Filoniam mente revolvit, 

€5 Nil differre duas repetens, similes sed utrasque. 

Filo notat que Zeno refert, auditque libenter. 

Post hec hospicio simul egrediuntur in hortum. 

Hic gratum gramen, hic colloquiis locus aptus; 
Expansi rami prebent hic arboris umbram. 

70 Hic residere viris placet, hic describit uterque 
Inter sermones varios, quos mutuo dicunt. 

De regione sua quesivit ab hospite Filo ^ 

Atque locuin nomenque loci, sua que domus esset. 
Ille suo susceptori quesita revolvit: 

75 »Filo, mee patrie nomen Tyrus, Tyri urbis 
Diviciis mee nemo mea precellit in urbe: 

Cunctas in patria specie mea femina vincit.* 

Paucis mansit apud Filonem Zeno diebus. 

Ad patriam tandem rediens proticiscitur ille 
^ Per mare, per terras silvasque, pericula magna 
Evadens patriam terrain reprehendit et urbem. 
Occurrunt et suscipiunt famuli venientem 
Et gaudens sua gaudentem Filonia recepit. 
Consederunt et, colloquiis dum dulcia iungunt 
85 Oscula multa, virum rogat hec causamque morarum. 
Ille refert se veile prius nec posse redisse. 

Tune illi subiit in mente Filonis ymago: 

„Heu michi! a proclamat, „que me vidisse recordor, 
Delectat mea visa loqui, dum visa retrudit! 

90 Dum recolo, stupor invadit mentera recolentis, 

Ille stupor, qui me tenuit, dum talia vidi.* 
lila virum quod narret ei, que viderat, orat, 

Oscula dans collumque viri complexibus arctans. 
„Hospicio me Grecus“, ait, „Filo, vir honestus, 

95 Excepit, quem divicie, virtus, honor ornant. 

Hunc fecit Fortuna virum michi prospera noturn. 
Nemo fere laudare potest, ut convenit, illuin; 

Ut taceam de diviciis et menibus altis, 

80 tanta c. — 68 ceno — 67 in ortum — 69 arbore — 71 v 
— 78, Adque — 88 Ey michi — 92 que vidit o. — 96 natum 


fol. 147* 


fol. 148 r. 


. qui m. 4. 


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61 


Annis, consiliis Höret vultusque dccore. 

100 Virtutes convenerunt omnes in eundem. 

Grecia tota parem Piloni non habet unum. .fol. 148*. 

Huius in ede viri, quc mira modo loquar, audi: 

Par tibi, nil distans, stat ymago statu specieque, 

Tarn vultu tibi quam cultu penitus similatur. 

105 Hane vidi stupuique videns, de te michi raptam 
Esse putans, cecidi iaeuique diu sine voce. 

Vix solans michi restituit sensum pius hospes. 

Ne talem mirere, rogo, dilecta, stuporem: 

Hoc tuus egit amor tidumque meum tibi pectus. 

110 Filo tuam commendabat spcciem licet absens, 

Qua sua me testante pari fulgebat ymago.“ 

Auditum conquesta viri Pilonia stuporem 
Esse probat miranda satis que dixerat ipse. 

Filo sui voti memor et pulchre mulieris, 

115 Quam se Zeno domi iactarat habere maritam, 

Expensis binas multis studioque carinas 
Instituit, rerum complens opibus variarum, 

Argentum, gemmas, ebur, aurum, strenua vasa, 

Aureas ciatos, discos, vestes preciosas, 

120 Hec et que numerum superant fert omnia secum, 

Gaudia que mundi dicuntur honorque decusque. 

Eius ymago domi servata remansit in aula, fol. 14$*. 

Cetera custodes sua [iussit] servare fideles. 
llli quique rates ingressi carbasa tendunt, 

125 Remos inponunt, assumitur anchora, pergunt, 

Ornant et firmant pendencia stura (?) carinas. 

Intus lorice, galee servantur et enses, 
ln summis malis utriusque ratis micat aurum, 

Velorum synuosorum pictura refulget. % 

130 Cursus prosper eis Fortunaque prospera favit, 

Naves Filonis portant genus omne melodis, 

Hec utreque ferunt naves quoniam et bona multa. 

Hic tuba, tympana, lira, iigtula dulce resultat, 

Organicum, cithara delectat et lira nautas 
135 Dantque dapes varie, dat gaudia nobile vinum. 

Multas a dextris regiones atque sinistris 
Castraque firma vident, que pretereunt sine clade. 

Tandem Filo Tyri turres et menia celsa 
Aspiciens gaudet, cui congaudet sua turba, 

140 Qui reliquis maiora notans, hic menia quedam. 

Tendit eo ratus esse sui Zenonis amici 

105 Hunc — 107 V. solens — 115 ceno d-iactaret — 119 Auleas. — 141 T. 
eo ixatns e. 


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PRINCETON UNIVERS1TY 




Et ccrte Zcnonis erant in littore structa. 

Applicuerc rates, iniungitur anchora ponto. 

Filo sagax prope Zcnonis nmros sua figi 
145 Castra iubet, qtiibus io summo micat aurea pinna. 
Sed Zeno per cancellos a menibus altis 
Prospiciens et castra videns descendit ad illa. 

Qui vcniens et cognoscens in pace salutat 
Filonem miroque modo letatur in huius 
150 Hospitis advcntu, cui donans oscula grates 
Pre collatormn meritis agit officiorum. 

Non inodus est ibi leticie, convivunt utrique; 
Suscipiens hospes gaudet susceptus et hospes, 
Filonis quoque suseeptis nautis famulisqae 
155 Oscula dans pro magnificis grates refcrendo 
Obsequiis sibi collatis apud hos aliquando. 

Hospicio caris introductis peregrinis 
Vasa iubet poni cum dulcibus aurea vinis. 

Filonie patuit quod Filo Grecus adesset. 

160 Quem dolet ipsa sibi licitum non esse videre. 
Tempus adest vcspertinum, iain cena paratur: 

Hic Tjrie monstrantur opes et gloria Grecis, 

Pallia, cortine cameras, laquearia muros, 

Pulvilli molles auro sericoquc micantes 
165 Exornant sedes, pavimenta tapecia strata. 

Mense ponuntur conditaque fercula dantur 
Pigmentis variis, hec debita Zeno rependit 
Officii memor exhibiti Filonis in aula. 

Hic cibus argento, potus conunittitur auro, 

170 Hic hilaris dapifer, hylaris pincerna minis tränt, 
Hic adeo diversa sonat dulcedo melodis. 

Cum Musis ut adesse novcm credatur Apollo. 

Cena transacta Zeno redit in sua castra 
Nec longum per circuitum via ducit ad aulain, 

175 Qua nulli cernenda viro Filonia manebat. 

Mane suum rediit Filonem visere Zeno. 

Appositi scaci breve tempus et alea reddunt. 

Dam ludunt, dum disponunt [bec] prandea servi, 
Corrumpit cruor effusus pavimenta coquine, 

180 Hic lepus, hic Silvester aper, cervus, caper, agnus, 
Hic anser, mergus, grus, perdix, ardea, cignus. 
Surgunt a scacis ad mensam hospes et hospes. 
Prandent iocunde cuncti, servitur habunde. 

Surgant a mensis, ludis iterum repetitis. 

185 Filo miratur Zenonis abesse maritam 

181 predii 


fol. 14 *t. 


fol. 150 r. 


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Original fro-m 

PRINCETON UNIVERS1TY 



M _ 

Hospitibus, inenais, ludis causainque requirit. 

Zeno refert: „Cernenda viris non est mea coniunx 
Nec vultus illi concedo videre virorum; 

Virgyneus servire solet pulchre mulieri 
190 Cetus et his solis cnecurn solet illa videri.“ 

Filo refert: -,Tu mira refers et rara. sed esto; 
Illam custodia, quia diligis utpote dignam. 

Nunc tarnen hanc concede meis me visere donis: 
Diviciie licet innumeris fulcita probetur, 

195 Forsitan huc allata sibi mea dona placebunt.“ 
Inclinano desideriis hiis hospitis hospes 
„Filonie reddeutur“, ait, r tua munera grata, 

Nemo tuis tarnen e famulis ascendat ad illam. 

Una suis de virginibus, que mittere gestis. 

200 Afferat!“ Ista placent Filoni. Zeno reversus 
Explicat audita; iuvat hec audire maritam. 
Mittitur a domina fidissima nuncia Dina; 

Cum famulis hanc Filo suis suscepit honeste. 

Que submittendo vultum visumque müdeste 
205 „Te mea domna“, refert, „Filo, Filonia salutat, 
Mittit in affectu quod in effectu tibi mailet.“ 

Filo Filonie gratcs ait atque puelle. 

Verba, pudor, gestus Dine Grecis placuere. 

Per quam donorum Filo precium varioruin 
210 Mittit Filonie clam dicens ista puelle: 

„Noveris hec pocius dare me quam mittere Teile.“ 
Insuper et Dine donum donat speciale. 

Ad dominam redit illa suam transmissaque dona 
Exponit. Que suscipiens exultat in illis. 

215 Quam dives, quam iocundus, quam sit speciosus 
Filo, Dina refert domine laudandoque prefert 
Omnibus: huic non posse viro quemquam similari. 
Hec mulcent domine cor et aures nuncia Dine, 
lacincto fuit uxori Zenonis et auro 
220 Annulus insignis, tali caruit Tyrus omnis; 

Per Dinam quem Filoni mittens ait: „Affer 
Hoc fidei pignus et amoris, vir quia dignus 
Laudibus, obsequio, donis et honore probatur; 

0 quociens te teste meus Zeno probat illum! 

225 Que mando, tibi commendo secreta tegenda. 
Crudelis non esse velis hec ad peragenda; 

Söllers, subtilis, sis prorida, cauta, fidelis. 

In Tyrio9 hunc duxit amor velud estimo fines; 
Adxentus sum causa sui, me cernere Yenit» 

188 Nec Tultis ulli — 190 et hie s. — 192 digna — 195 
900 Alleret — 201 i. hic — 228 In tirioa 


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fol. 150». 


fol. 151». 


huc illata — 


Original from 

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<;4 

230 Nec certe minus eius ego desidero vultum, fol. 151 ▼. 

Sed prohibet me Zenonis custodia clausain. 

Consilium fer et auxilium nos mutuo cerni. 

Fama viri me delectat, sed plus sua forma. 

Quod fieri valet, absque gravi valet arte, labore: 

235 Zeno viro dedit hospicium nostros prope muros. 

Huc per directum spacium breve tenditur inde. 

Hunc hortare, viros ut provideat sibi binos 
De Grecis, quos adduxit, quos seit sibi bdos; 

Alter humum fodiat, lapides secet alter et aptet 
240 Et 6ic occultus et non nisi nocte meatus 
Ad nostmm conclave sua tendatur ab ede. 

Cum Zeno fuerit absens, hic Filo valebit 
Ad me transire, me visere clamque redire.“ 

Post breve Zeno redit a Filoniaque rogatur, 

245 Reclusis ut Dina seris exire sinatur, 

Filonis subitarc casam portareque munus. 

Vir simul aperit portas exitque puella 
Filonisque domum subiens missum sibi donum 
Filonie defert et post secreta subinfert. 

250 Letificant secreta virum plus munere misso 
Et sibi Fortunam gaudet favisse secundam. 

Qui famulis audita suis secreta revelat; 

Omnes congaudent dominoque iuvamina spondent. fol. 152 
Inter quos sector lapidum fuit unus et alter 
255 Fossor humi, qui prosiliunt seseque fatentur 

Artes scire, quibus opus est, ut res modo poscit. 

Instrumenta parant sua certatimque laborant 
Non nisi nocturnis horis cessantque diurnis. 

Vix opus est ceptum, sub humo(que) repente meatum 
260 Inveniuut longum, quo casu uescio factum; 

Hunc ars Humana Natura vel est operata, 

Ad conclave fere Filonie tenditur iste. 

Aitifices peragunt, quod restat adbuc peragendum, 

Angulus occurrit conclavi(s) ydoneus illi(s). 

265 Filo de tantis succesaibus exhilaratur. 

Casu Dina subit ipsuin conclave recludens; 

Que terra prodire viros cernens stupefacta 
Ad dominam currit, que sola sedebat in aula, 

Atque refert iam Filonem conclave subisse. 

270 lila negat sc posse fidem dictis dare, tandem 
Exurgens illa conclave preeunte puella. 

Ecce diu separatus adest gratissimus hospes. 

Mane fuit, reliqua vicina dormit in ede 
Turba pucllarum nec Zeno domi fuit hospes. 

238 fides — 239 fodeat — 246 snbitatur c. letaturque munns 


Gck igle 


Original ftorri 

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65 


280 Filonem Filonia videns et leta salutans fol. 152*. 

* In sua colla ruit, compleiibus oscnla iungens. 

lila viri speciem miratur, quia illius ipse, 

Mutue se laudant et iungunt fedus amoris. 

Fas fuit audire, non omnia eemere Dine. 

285 Colloquiis tandein Unitis pluribus ille 

Tollit Zenonis discum, candelabra, pelvem 
Datqne suis, repetendo domum per concava terre 
Inque sua mensa cernenda palarn dedit illa. 

Ast aditum Filonia tegens et Dina ineatus • 

290 Decens quod erat reparant camere pavimenta, 

Janua non potuit dinosci strata tapeti. 

Tune veniens solito Filonem visere Zeno, 

Cemere quippe suos in rus descenderat agros. 

Vidit et agnovit discum, candelabra, pelvem 
295 Et quis eo tulerit mirando stupendoque querit; 

Ex faiis onichilo pars claro, pars micat auro. 

Filo refert: „Ad me suppellex pertinet ista. 

Partibus hanc Tyriis induxit Greca carina, 

Hane eadem nisi vi magna prokibente reducet.“ 

300 „Hiis“, ait ille, „meum conclave simillima servat.“ 

„Nullum par“, ait, „est id cui par esse videtur; 

Ex quo sint paria, tua non tarnen esse probentur. foL 153 r. 
Ne mirere tuas res, Zeno, meis simulari, 

Cum tibi visa tue mea par sit ymago marite.“ 

305 Credulus assentit, silet, repetit sua castra 
Excelsum per circuitum per firmaque castra. 

Interea Filo per directum gradiendo 

Res, quas abstulerat, Zenonis in ede reponit 

Nec sibi Filonia visa redit in sua castra. 

310 Zeno domum rediens a Filouiaque receptus 
Interius conclave subit, fit ei comes illa. 

# Hic varii precii cum suppelectili multa 

Servantur posita: discus, candelabrum, pelves 
Inque suis ex more locis sunt cuncta reperta. 

315 Statim Filonie, que viderat, indicat ipse: 

„Res* ait „hiis similes vidi Filonis in ede 
Atque stupens admirabar super hiis.* At illa: 

„Tu scis mea quanta custodia nostraque cuncta 
Servat et accessus datur huc nulli nisi nostris 
320 Virginibus, que concluse non egrediuntur. 

Egrediens Dina nuper nichil hinc tulit horum. 

Scis huc quod tulerit, tu scis hanc esse fidelem. 

286 candelebra — 290 Decet — 291 capeti — 294 candelebra — 298 
tlriis — 304 me par sit — 312 cum supplectile in. — 313 candelebrum — 
319 null um — 

Mitteilungen d. Schlw*. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 5 


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Original ftom 

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Sed inir&ris, quia miraris quod res habet hospes 
Iste pares nostris, michi cum sua par sit ymago.“ fol. 153*. 
325 Et sic illusus est coniugis arte maritus. 

Noz abiit, aurora surgit, surgit quoque Zeno, 

Qui saltus ad venanäum petit arva nemusque. 

Prebet successus Uli Fortuna secundos 
Dumque foria ludit venando, domi suus hospes 
330 Illum deludit et fraudis conscia tamquam, 

Nam sibi per notum Filoniam Filo meatum 
Visitat et revocat alternum fedus arnoris. 

Zenonis qui loricam, scutum galeamque 
Dempta sua coram cernenda reponit in ede. 

835 Post nonam de venatu cum Zeno redisset, 

Hospitis hospicium solito subit huncque salutans 
Loricam videt atque suum cum casside scutum. 

„Instrumenta“, refert, „certe mea bellica sunt hec. 

Sin autem, differre nichil mea miror ab istis.“ 

340 „Non decet“, ille refert, „tociens ut amicus amicum 
Exprobret: en alia vice grande satis michi crimen 
Si non inponis, tarnen inposuisse probaris. 

Te fallit tua simplicitas similesque coiores, 

De simili massa plerumque simillima formant 
345 Artifices opera variis in partibus orbis. 

Sicut ymago tue par est mea, Zeno, marite, fol. 154 r. 

Bellica sic parea nobis quoque sunt tegumenta.“ 

Ille refert: „Hiis, Filo, tuis assencio dictis.“ 

Sic hospes Tyrius fraudatur ab hospite Greco 
850 De scuto, de lorica galeaque. Reversus 
indicat uxori que viderat omnia Zeno. 

Interea Filo per directum gradiendo 
Restituit camere, de qua tulerat prius arina, 

Ante tarnen reditum Filonie fretus amore. 

355 Mota viro mulier, dum narrat ei sibi visa, 

„En“, ait, „arma tue camere custodia servat. 

Si tot diviciis pollet vir ut asseris illum, 

Non eget ille tuis, propriis qui rebus habundaL 
Pelves sunt illi, discus, candelabra, scuta. 

360 Sed ne mircris hec euncta tuis simul&ri, 

Cum te teste michi sit par illius ymago.“ 

Hee dicens plorat et. eam ne plus gravet, orat 
Ignotumque viri cesset nomen reeitare. 

Quam solans, placans, complectens, oscula iungens 

865 Exüt acturus sua mane negocia Zeno 

Permansitque tribus sollers in agendo diebus. 

159 candelebra — 36S eodem — 


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67 


Interea solito Filoniain Filo frequentat; 

Ornatam tandein cultu vestivit eandem, fol. 154▼. 

Tali cultura, domi quali sua stabat ymago 
370 Hancque domum secam duxit Zenonis ab aula. 

Cernunt, inirantur, laudant Greci mulierem, 

Obsequium prestant, huic pronis vultibus astant, 

Testantos tote quod non habeatur in orbe 
Femina par specie, cultu, par gestibus illi. 

375 Post triduum rediens post acta negocia Zeno, 

Hospitis hospicium nolens transire subintrat, 

Hunc ibi visurus ex more suosque clientes. 

Ecce suam videt uxorem iuxta latus eius 
Gaudentesque viros de persone novitate. 

380 Jusserat hanc Filo nec vocem nec dare moturn. 

Ille diu stupet inspicietis illam dubitansque; 

Inde recordatus Filonis ymaginis inquit: 

„Hec vel ymago tua vel coniunx est mea, Filo. 

Die tua, queso, loqui valet bec per seque moveri?* 

385 Nam dubium reddit an ymago sit an sua coniunx, 

Quod neque dat vocem presente viro neque motum, 

Ars aut hanc humana quidem de marmore fecit, 

Sed dare non potuit illi motum neque sensum, 

Post Natura sui miserans concessit utrumque, fol. 155*". 

390 Sed certis horis meruit decor eius id uns. 

Yix certe tenuei;e viri, vix femina risum. 

Filo sedere rogat illum prope se, negat ille: 

„Hic tt ait r ulla micbi non esse potest mora, vadam 
Filonie nova dicturus mirandaque dicta.* 4 
395 Qui miraus, festinans repetit sua castra. 

lila novum, gradiens pariter prevenerat illum, 

Cultum deponens, gemmas simul atque coronam. 

Iamque domum vix ingressus vir coniuge visa 
Exclamat: „Filonia, tibi fero nuncia mira: 

400 Par tibi vera michi venit Filonis ymago! 

Ecce viri tenet hospicium iuxta latus eius. 

Huius in adventu gaudent omnes novitate, 

Omatu specieque sua spiendet domus eius; 

Non specie, sed te vultus precellit honore. 

405 Indue te cultu sirnili: nil differet a te.* 

Cui Filonia refert: „Felix esset tuus hospes, 

Si tua quam laudas vita frueretur ymago 
Et simul et specie gauderet et eius amore, 

Sed michi tu rnulto felicior esse probaris, 

410 Qui non letaris in ymagine non animata, 

Sed viva, racionali pulchraque marita. 4 * foL 155▼. 


405 nil differt — 410 n*i i imica — 


5* 


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_«8 

„Me tuus,“ inquit“, amor delectat, ymaginis illum.“ 
lila refert: „Quod quisque tenet, teneat fruiturus.“ 

Eiiit mane suis Zeno disponere rebus; 

415 Filo venit. Quem cum Dina Filonia recepit, 

Inducit camere secumque viros venicntes. 

Ancille relique sibi disponunt opus aptum; 

Tune cultu vestita suo mulier meliore 
Scrinia cum gemmis, argento tollit et auro, 

420 Sed remanet Filonia sedens in sede priori, 

Cetera turba suas res omnes navibus inferL 
Hos iubet obscurum celare Filo meatum. 

Zeno superveniens iam volle recedere Grecos 
Audierat subiitque domum Filonis et ecce 
425 Assurgens Filo Zenoni „Convenit“ inquit, 

„Ne quis apud carum longo nimis hospes amicum 
Tempore durando gravet hunc fiatque molestum: 

In patriam cogit me res tempusque redire. 

Dignus es ut magnas pro magnificis tibi grates 
430 Officiis reddam, quas devotus tibi reddam. 

Per breve tempus eras Grecis meus hospes in oris, 

Hie ego per longuin iam duravi tuus hospes. 

AflFectus nullus michi defuit hic pietatis, fol. 156r # 

Si modo Filonie lieuisset cernere vultum.“ 

435 Zeno refert: „Hane, Filo, brevem depone querelam! 

Que nuper venit tecumquc redibit ymago, 

Vultum Filonie tibi presentare valebit.“ 

Post Filo cum sede simul tolli mulierem 
Mandat et inferri illam manibus famulorum. 

440 Spes quoque Zenonis fit eundo collateralis, 

Ad naves veniunt, hic ultima basia iungunt 
Nec puer unus erat, cui non daret oscula Zeno. 

Postremo dixit Filonie propter amorem: 

„Hec eciam secum mea basia ducet ymago.“ 

445 Dixit et illa dedit nec ei vox est neque motus. 

Post hec inpulsis Greci remis abierunt 
Estque viros oculis de littore Zeno secutus. 

Quos ubi non vidit ultra, sua castra revisit 
Atque videns se delusum sibi coniuge rapta 
450 Conqueritur cunctis Tyriis de rebus sie artis. 

Sed cum res ut gesta fuit, cunctis patuisset, 

Stultam derident Zenonis simplicitatem, 

Artem Filonis laudant et calliditatem. 

Auster qui flavit ad terga viris, bene favit 
455 Inque brevi spacio longum spacium maris alti fol. 156 v. 

431 in horis — 439 i. naro m. f. — 450 tiriis et r. et artis — 451 potuisset 


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Metitur, Grecos properat adtingere fines. 

Occurrit nil triste viris in utraque carina. 

Leticiam dat preda Tyri nec dampna marina 
Obsistunt ipsis, delphini, Scilla, Caribdis. 

460 Pilo Bnique domum tandem cum pace reversi 
Felices sc successys gaudent habuisse. 

Ergo iubente viro convivia magna parantur, 

Eins in adventu multi novitatc vocantur 
Finitimi Greci qui Ictantes epulantur, 

465 Electa delectati specie mulieris, 

De Tyriis quam subtilis vir duzerat oris. 

Hic quoque diversis augentur gaudia ludis. 

Exinde Filoniam Filo deducit in aulam 
Qua custodita, qua multiplici redimita 
470 Ornatu, par Filonie sua stabat ymago. 

Quam mulier cemens et se miratur et illam, 

Artificis manum doctam coinmendat et artem. 

Explicit Filo. 

Werfen wir nun einen Blick auf diese eigentümliche Fassung 
zurück, so ergibt sich unschwer, dal.* sie sehr kunstvoll aufgebaut 
ist und ihr festes Gefüge sie ohne weiteres der Inclusa in den 
Sieben weisen Meistern durchaus ebenbürtig zur Seite stellt. Die 
Täuschungsobjekte sind wirkungsvoll gewählt, freilich der Ring mußte 
hier als Gegengabe dienen, damit der Verkehr zwischen dem Paare 
zustande kam. Das Plündern der Schätze des Mannes begegnete uns 
auch sonst (Miles gloriosus, Versio italica, Sercambi, Kamaralsaman). 
Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der das Ganze beherrschenden 
uud sehr fein berechneten Intrigue, wonach die Ähnlichkeit des 
Marmorbildes von Anfang an das Motiv abgibt, das die letzte große 
Täuschung des Ehemannes überaus glaubhaft, erscheinen läßt. Jeden¬ 
falls ist der unbekannte Verfasser mit der größten Kompositiousgabe 
mit dem Stoffe umgegangen und es ist nur zu bedauern, daß wir 
die Entstehungszeit dieser Dichtung nicht genauer festlegen können, 
zumal sie nur in dieser einzigen, späten und nicht ganz korrekten 
Handschrift überliefert ist. Sprachliche Kriterien des mit der Antike 
wohl vertrauten Dichters reichen kaum aus, für uns aber über¬ 
wiegt das stoffliche Interesse. Und da finden wir alsbald, daß be¬ 
züglich des Motivs vom Marmorbild unsere Version die größte 

459 cilla — 461 gaudet — 463 nouitatis — 466 De tiriis — horis. 


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Ähnlichkeit mit einer -anderen zeigt, mit der wir füglich unsere 
Untersuchung beschließen. 

Diese steht in demaltfranz. Dolopathos des Herbert 1 ) (vor 1223) 
als Einleitung zur Erzählung Puteus, und es ist merkwürdig, daß . 
sie dem lat. Original l ) gänzlich fehlt, während Herbert sonst ziemlich 
getreu übersetzt hat. Man wird G. Paris 3 ) beipflichten, daß ihm 
eine zweite, ausführlichere Redaktion des Dolopathos, der einen 
Sonderzweig der occidentalischen Gruppe der Sieben weisen Meister 
darstellt und sich auf mündliche Überlieferung stützt, Vorgelegen 
hat. Hier wird folgendes berichtet: 

Ein junger, reicher und angesehener Römer wird von seinen 
Verwandten zum Heiraten gedrängt, aber er ist dazu wenig geneigt, 
da er über Frauentreue sehr skeptisch denkt. Um den Zureden zu 
entgehen, läßt er durch einen Bildhauer eine weibliche Statue ver¬ 
fertigen und auf einer hohen Säule aufstellen mit der Versicherung, 
nur das lebende genaue Ebenbild dereinst heiraten zu wollen. Vor¬ 
überziehende Leute aus Griechenland begrüßen freudig und ehr¬ 
furchtsvoll dies Standbild und melden ihm, daß sie eine diesem 
Konterfei völlig ähnliche Dame im Turme einer Hafenstadt, wo ihr 
Gatte sie eingesperrt halte, kennen gelernt haben. Deren trauriges 
Los gehe ihnen umsomehr zu Herzen als sie sehr freigebig sei und 
sie überaus freundlich behandelt habe, da sie bei ihr Zuflucht 
suchten. Nun bestürmen den Römer die Verwandten erst recht, 
diese Dame zu suchen und durch eine Heirat mit ihr dem früher 
gegebenen Versprechen nachzukommen. Nach glücklicher Seefahrt 
erreicht er den Hafen und sieht die selten schöne Frau am Fenster 
ihres Turmes stehen. Sie klagt ihm ihr trauriges Geschick, zu dem 
sie durch ihres Mannes Eifersucht verdammt sei; er berichtet von 
seiner edlen Herkunft und versichert, daß er um ihretwillen übers 
Meer gekommen sei. Sie gibt ihm nun den Rat, in die Dienste 
ihres Gemahls zu treten, dicht neben dem Turm einen zweiten zu 
bauen und einen unterirdischen Gang bis zu ihrem Gemach zu 
graben. Dies geschieht, und er macht sich durch sein freigebiges 


J ) Ch. Brunet et A. de Montaiglon, Li romans de Dolopathos. Paris 1856, 
S. 353 ff. (t. 10324 ff.) 

2 ) Vgl. meine krit. Neuausgabe Historia septcui sapicntuin II. Johannis de 
Alta Silva Dolopathos. Heidelberg 1913 = Sammlung mittcllat. Texte, Heft 5. 

8 ) In seiner gehaltvollen Besprechung von H. Oestcrleys Ausgabe des 
Dolopathos, Straiiburg 1873 = Romania II (1873), S. 497 ff. 


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71 


Auftreten sehr beliebt. Nun erhalten wir die üblichen Kniffe: als 
Täuschungsobjekte dienen zunächst ein kostbares Schach- und Damen¬ 
spiel, dann ein Gewand (sorcot) seiner Frau, Geschirre wie Messer, 
Becken, Kleinodien, zuletzt eine goldene Schale. Schließlich 
bekommt der Mann die eigene Frau zu Gesicht, die der Fremde 
für seine bis dahin kranke Gemahlin ausgibt, die erst jetzt habe 
bei ihm eintreffen können. Alle angestellten Proben beseitigen des 
Ehemannes Argwohn und persönlich begleitet er das Paar bei der 
Heimfahrt eine Strecke von drei Tagen. Daheim entdeckt er, daß 
er das Opfer eines Betruges geworden ist. 

Damit ist aber die Geschichte nicht zu Ende: der betrogene 
Ehemann verfolgt das Paar bis nach Rom. Der Römer versteht es, 
ihn wiederum auf Anraten der listigen Frau hinters Licht zu führen, 
indem er scheinheilig seine Reue über diese Entführung bekennt 
und ihm versichert, daß das uDgetreue Weib in jenes steinerne 
Bild verwandelt worden sei, das er als abschreckendes Beispiel auf 
hoher Säule öffentlich ausgestellt habe. Dies glaubt der Mann, 
bringt das Standbild nach der griechischen Heimat und bestattet 
es prunkvoll! 

Prüfen wir, auf den neuen Text gestützt, die Frage nach 
dem Ursprünge unseres Themas nochmals, so müssen wir gestehen, 
daß die Vermutung, die Geschichte sei auf griechischem Boden 
entstanden, einen gewichtigen Zeugen gewonnen hat Das Lokal¬ 
kolorit des Filo, die Beziehungen zwischen Griechenland und Tyrus, 
die Entführung zur See durch einen Gastfreund, das die Liebe er¬ 
regende Bild neben der sonstigen Traumliebe mögen einen matteren Ab¬ 
glanz einer alten vorderasiatischen, also wohl phönizischen Liebesfabel 
bedeuten. Es ist möglich, daß diese letztere selbst ein letzter 
Reflex der von Rohde betrachteten asiatischen Sagenüberlieferung 
durch die Kombination von Traum- oder Bildliebe mit der Gatten¬ 
wahl, sodaß man selbst nach Indien gelangen dürfte, darstellt. Da 
aber in keiner der orientalischen Versionen unseres Stoffes diese 
freie öffentliche Gatten wähl seitens einer Jungfrau auftritt, viel¬ 
mehr fast durchweg es auf eine raffinierte Täuschung des Ehemannes 
abgesehen ist, so daß wir eine Entführungsgeschichte erhalten, so 
kann man Rohdes Satz auch hier gelten lassen: „Es scheint, daß 
die Kenntnis orientalischer Liebesfabeln hie oder da griechische 
Stämme zu einer wetteifernden Ausbildung ähnlicher Sagen auf 
heimischem Boden angeregt habe“ (S. 47). Dabei wird man un- 


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willkürlich an jene „milesischen Erzählungen“, die Rohde (S. 584 ff.) 
beleuchtet hat, erinnert, an „solche Novellen, in welchen allerlei 
bedenkliche erotische Abenteuer nicht ohne Lüsternheit dargestellt, 
List, Kühnheit, Geistesgegenwart, ja unbedenkliche Ruchlosigkeit der 
Liebenden vergnüglich ausgemalt werden“ und die „sich an den 
Namen des üppigen Milet knüpfen“. Damit ließe sich denn auch 
das Auftauchen unseres Stoffes in der Fabel des Miles gloriosus gut 
in Einklang bringen, indem nämlich des Plautus verlorene griechische 
Quelle unser Thema wohl frei ausgestaltet hat. Unsere besten Haupt- 
formen, der Miles gloriosus, die Sieben weisen Meister (Frankreichs 
Rolle bei der weiteren Wanderung), Dolopathos, Filo sind vermutlich 
Glieder einer und derselben Entwicklungsreihe, als deren Wurzel 
eine ältere, von Vorderasien befruchtete griechische Novelle an¬ 
zusehen auch unsere kleine Studie geneigt ist. In gewissem Sinne 
kann man also noch immer E. Zarnckes Schlußsatz gelten lassen: 
„Soviel nur steht fest, daß Unsere Erzählung, von Hellas ihren Ur¬ 
sprung nehmend, im Laufe der Jahrhunderte die Welt durchwanderte 
und überall dahin ihren Fuß setzte, wo man Gefallen fand an 
Schwänken und Märchen, im Orient und im Occident.“ 


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Turm und Tisch der Madonna. 


Studien zu den orientalischen Kultureinflüssen 
auf das Abendland und zur Gralsage. 

Von Dr. Franz Kampers in Breslau. 


Der typologischen Exegese des Alten Testaments, die schon im 
Neuen, wie bekannt, anhebt und dann in der Folge einen Augustinus, 
Beda Venerabilis, Walafried Strabo und andere phantasiebegabte 
Vertreter fand, verdanken im späteren Mittelalter Frömmigkeitsbücher 
mit zumeist gesucht wunderlichem, oft naiv rührendem, manchmal 
dichterisch fruchtbarem Inhalt ihre Entstehung. Unter diesen zieht 
sowohl durch die Mannigfaltigkeit seiner Vergleiche, wie auch durch 
seine große Verbreitung und Beliebtheit das „Speculum humanae 
salvationis“ die Augen auf sich'). 

Ein Dominikanermönch hat dieses Erbauungsbuch um die Mitte 
des 14. Jahrhunderts wohl in Straßburg zusammengestelll. Der 
Verfasser kennzeichnet in den ersten Versen des Prologs sein Werk 
bescheiden mit den Worten: „ad eruditionem multorum decrevi librura 
corapilare.“ In der Tat! Aus dem Eigenen hat unser Mönch wohl 
nur recht wenig beigesteuert, als er, dem Hange der Zeit folgend, den 
Versuch unternahm, die alttestamentliche Geschichte mit Einschluß 
der heidnischen in eine wohlgeordnete Summe von Vorbildern der 
Einzeltatsachen des christlichen Heilswerkes aufzulösen. Manches 
Seitenstück hat er in der „Summa“ des großen Thomas von Aquin, 
manches in der „Legenda aurea“ des vielgelesenen Jacobus a Voragine 

*) Speeolam humanae salvationis. Par J. Lutz et P. Perdrizet. Tome I 
(Mühlhausen 1907) 2. Ygl. auch die Schrift von P. Poppe, Über das Speculum 
humanae salvationis und eine mitteldeutsche Bearbeitung desselben. Berliner 
Dias. 1887. Auf das „Speculum“ machte mich Herr Dr. Max Pfeifer aufmerksam. 


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gefunden, manches hier und dort in der schriftlichen Überlieferung 
aufgelesen 1 ); daneben aber sehen wir auch Züge auftauchen, welche 
über die schriftliche Überlieferung hinaus unmittelbar in den Mythus 
des Ostens verweisen. Zu den letzteren gehören vornehmlich die 
beiden Vorbilder der Madonna: Turm und Tisch, welche noch deutlich 
nicht nur in unserem „Speculum“, sondern auch in der Sage dieser 
Zeit ihren ursprünglichen mythisch kosmologischen Gedankeninhalt 
erkennen lassen. 

Einen Turm der Madonna kennt auch der heute noch in der 
katholischen Kirche fortlebende Rest dieser seltsamen Frömmigkeits¬ 
literatur des 14. Jahrhunderts: die Lauretaniselie Litanei. Dabei 
denke ich nicht an den „Elfenbeinernen Turm“, oder an den „Turm 
Davids“ dieses dichtenden Zwiegebetes. Der letztere wird freilich 
auch in unserem „Speculum“ der jungfräulichen Magd des Herrn 
angeglichen in den Versen: 

„yuapropter etiam turn David couiparatur cius vita, 

C^uae mille clipeis erat couiumnita. 

Clipei sunt virtutes et opera virtuosa, 

Quibiis munita erat Mariae Virginis vita gloriosa.“ 2 ) 

Ich meine die andere Bezeichnung der Gottesmutter in dieser Litanei: 
„Sitz der Weisheit“. Was dieses Gedankenbild mit dem Turm zu 
tun hat, werden wir gleich sehen. 

Eine Münchener Handschrift s ) unseres „Speculum“ zeigt uns 
im Bil de den Thron Salomons, der sich — mit Einschluß des Thron¬ 
sitzes — ,in sieben sich verjüngenden Abstufungen aufbaut. Aut 
der Höhe sitzt Salomon, während unten die Königin von Saba steht. 
Darunter sind die Verse geschrieben 4 ): 

„Thronus veri Salomonis est Beatissima Virgo Maria, 

In quo residebat Jesus Christus, vera Sophia. 

Thronus iste factus erat de nobilissimo thesauro. 

De ebore videlicet candido et fulvus nimis auro.“ 

Gold und Elfenbein werden mystisch auf Eigenschaften der jung¬ 
fräulichen Mutter gedeutet. Dann heißt es weiter: 

„Thronus Salomonis super sei gradus erat exaltatus, 

Et Maria superexcellit bcatorum sex status .... 

') Ebenda S. 255 ff. über die Quellen des „Speculum' 4 . 

2 ) Ebenda S. 15 v. 83 sq. 

3 ) Clm. 146. l)ie Wiedergabe im 2. Bande des obengenannten Werke« 
ron Lutz und Perdrizet Taf. 18. 

«) Ebenda S. 21. v. 53. 


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i i) 


Vel sex gradus Salomonis thronus habebat, 

Ouia post sex aetates mundi Maria nata erat.“ 

Nebenbei sei bemerkt, daß der Verfasser bei der Erwähnung der 
„Sophia“ das Adjektiv „vera“ ersichtlich unterstreicht — wohl mit 
absichtlicher Wendung gegen diejenigen, welche, wie das frühzeitig 
geschah, in der alttestamentlichen Sophia die Gottesmutter erkannten 1 ). 

Hier haben wir also den „Sitz der Weisheit,“ zugleich aber 
auch den Turm. Es ist nämlich die kosmische Bedeutung dieses 
salomonischen Stufenthrones längst erkannt. Ausdrücklich heißt es 
im Midrasch Esther aus dem 7. oder 8. Jahrhundert: „Der Thron 
war in der Form des Wagens desjenigen gebaut, welcher sprach und 
die Welt ward, des Heiligen, gebenedeit sei er! Und so heißt es: 
»Der Thron hatte sechs Stufen, entsprechend den sechs Himmels¬ 
sphären. Es sind doch aber sieben? R. Abtin sagte: Der Ort, wo 
der König (Gott) thront, ist verborgene J ). Dieser sagenberühmte 
Thron Salomons will sein ein Abbild des göttlichen Herrlichkeits¬ 
thrones auf dem Weltenberge, des ragenden Mittelstückes im Welt¬ 
bilde der Assyrer 3 ). Der göttliche Thron des Weltenberges, auf den 


1 ) Ebenda S. 254. Vgl. meinen Aufsatz: Aus der Genesis der abend¬ 
ländischen Kaiseridee. Mitteilungen d. schles. Gesellsch. f. Volkskunde. XVII 
(1916) 168 ff. 

2 ) Herr Prof. Dr. Krebs in Freiburg i. B. macht mich auf eine nach 
mehreren Richtungen hin anziehende Deutung des Salomonischen Thrones auf¬ 
merksam. In Bonaventuras Itinerarium mentis in Deum [I n. 5] lesen wirc 
„Sicut deus sex diebus perfecit Universum mundum et in septimo requievit, sic 
minor mundus (seil, homo) sex gradibus illuminationum sibi succedentium ad 
quietem contemplationis ordinatissime perducatur. In cuius rei ligura sex gra¬ 
dibus ascendebatur ad thronum Salomonis“ [III Reg. 10, 19]. Und ebenda 
[VII n. 1] heißt es: „His igitur sex considerationibus excursis tanquam sex 
gradibus throni veri Salomonis quibus pervenitur ad pacem, ubi verus pacificus 
in mente paciiica tanquam in interiori Hierosolyma requiescit“ .... Wir 
haben also hier die Auffassung von der Stufenwanderung der Seelen, welche 
auch in der Sage vom Priesterkönig Johann in die Erscheinung tritt. Bona- 
venturae Opera omnia. V (Quaracchi 1891) 297; 312. 

*) Nach dem Vorbild des Salomonthrones errichtete eine Recension der 
„Historia de proeliis“ den Thron des Cyrus, worauf mich Herr Kollege Hilka auf¬ 
merksam machte. „Erat enim thronus ex auro totus septem cubitis super alia 
sedilia elevatus et per septem gradus ascendebant reges ad thronum. Erantque 
ipsi gradus mirilico opere constructi. Primus gradus erat ex amatisto, secun- 
dus ex smaragdo . . .“ Die Edelsteine werden dann, ganz wie im Steinbuch 
des Albertus Magnus, gedeutet. F. Pfister, Die Historia de preliis und das 
Alexanderepos des Qüilichinus. Münchener Museum. 1 (1911) i'Ö.Wf. 


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76 


«illmorgendlicli der Sonnengott emporsteigt, um sein Tagesregiment 
anzutreten, ist gekrönt von dem heiligen Steine, oder dem Altäre, 
oder dem Throne, oder dem Tische des Gottes, dem Sonnentische 
des griechischen Mythus, der nach Pomponius Mela stets mit Speisen 
besetzt ist. Diese babylonische Auflassung des göttlichen Bergthrones 
hat auch die jüdischen Religionsvorstellungen beeinflußt. Hingewiesen 
sei hier nur auf die Übersetzung dieses mythischen Gedankens ins 
Architektonische in der Stelle des Buches Henoch: „der Turm war 
ragend und hoch, und der Herr der Schafe stand auf dem Turm, 
und man setzte ihm einen vollen Tisch vor.“ Der Turm dieser 
Vision hat ohne Zweifel die himmelstrebenden Zikkurats, die Sakral- 
türme des Orients zum Modell, die wiederum Abbilder des göttlichen 
Bergthrones sein wollen 1 ). 

Von alledem weiß natürlich der kindlich fromme Schreiber und 
Maler unseres „Speculum“ nichts mehr. Er hat selbst auch kaum 
einen derartigen Zikkurat gesehen. Auch kein Palästinapilger dürfte 
ihm dessen Beschreibung vermittelt haben; denn die wenigen damals 
noch erhaltenen sakralen Steinriesen lagen weitab vom Heiligen Lande. 
Trotzdem werden hier und, wie wir gleich sehen werden, in der 
gleichzeitigen Dichtung des Abendlandes die architektonischen Formen 
eines solchen plumpen Giganten richtig überliefert. 

Das Bild des siebenstufigen Sakralturmes wiederholt sich in 
unserer Handschrift. Die Arche wird hier nämlich als Schiff mit 
zwei Schnäbeln dargestellt, auf dem sich der Zikkurat erhebt, der 
oben mit einer Art Tempelhäuschen, dem Sitze Noes, gekrönt ist*). 
Die Deutung dieses Bildes wird erleichtert durch die „Christliche 
Kosmographie“ des Kosmas Indikopleustes. In dieser erscheint die 
Erde, was ja auch sonst vielfach der Fall ist, als Schiff mit zwei 
Schnäbeln, auf dem sich der freilich nicht abgestufte Weltenberg er¬ 
hebt 3 ). Die Ähnlichkeit zwischen beiden, ein Jahrtausend auseinander¬ 
liegenden Bildern ist geradezu verblüffend. Der alte Usener 4 ) hätte 

*) F. Kam per a, Das Lichtland der Seelen und der heilige Gral. Köln 
1916, S. 25 u. S. 88 ff. Ich kann auf dieses .Buch — namentlich gegen den 
Schluß dieses Aufsatzes — nur in wichtigeren Fällen, um größere Wieder¬ 
holungen zu vermeiden, verweisen. 

*) Lutz n. Perdrizet, Bd. II. Taf. 4. 

s ) Le miniature della topografia cristiana di Cosma Indicopleuste. Cod. 
Tat. greco 699. Con introduz. di C. Stornajolo. Milano 1908. Tav. 5 aq. 

*) H. Usener, Die Sintflutsagen in Religionsgeschichtliche Unter¬ 
suchungen. 3. Teil (Bonn 1899). 


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77 


seine helle Freude an dieser mythisch kosmischen Darstellung der 
Arche gehabt und ihr sicherlich einen bedeutsamen Platz in seinen 
„ Sintflutsagen“ angewiesen. In der Tat erinnert diese Münchener 
Miniatur deutlich an die von Usener behauptete Tatsache, daß zu 
irgend einer Zeit der Noebericht der Bibel mit, dieser solarischen 
ßergsage verquickt worden ist. Noe ist hier an die Stelle des 
Sonnengottes getreten, welcher auf dem von dem Erdschiffe ge¬ 
tragenen Länderberge thront. So nehmen wir in diesem Bildchen 
unseres Erbauungsbuches deutlich das geheimnisvolle Fortleben uralter 
Züge wahr, deren Bedeutung längst freilich in Vergessenheit geriet 
— ein neuer Beweis dafür, daß wir erst am Anfang unserer Er¬ 
kenntnis der orientalischen Kultureinflüsse auf das Abendland stehen. 
Daß wir tatsächlich und unbedingt ursprünglich vorhandene Be¬ 
ziehungen zwischen dem Weisheitsthrone der Gottesmutter und dem 
Bergthrone der göttlichen Herrlichkeit annehmen müssen, wird durch 
die Abwandlungen dieses gedankentiefen mythischen Zuges in der 
profanen Sage noch offensichtlicher. 

Beziehungen zwischen diesem orientalischen Weltbilde und der 
vielgeästelten Artursage habe ich unlängst festgelegt. Ich wies hin 
auf die Bergsitze dieses bretonischen Königs, die Cathedra Arthuri, 
von der Giraldus 1188 berichtet, oder den „Arthurs Seat“ bei 
Edinburg, oder den Berg „Cadair-Arthur“ in Wales, den man auch 
als Dom dieses Helden feierte: ich unterstrich den solarischen 
Charakter dieser bretonischen Sage, nach der König Artur, dem 
Sonnengotte gleich, aus dem Berge hervorkommt und von dessen 
strahlendem Gipfel aus die Welt regiert. Auch auf den Weltentisch 
wies ich hin, der hier als runde Tafel König Arturs sich, wie die 
Erde, dreht, oder nach anderen Dichtungen als Rad mit einem .Thron¬ 
sitz darauf von einer göttergleichen Fürstin — so wie die Erdachse 
auf dem Länderberge durch Rheia-Kybele — gequirlt wird. Das sind 
alles Bilder von kosmischer Bedeutung. Aber auch Architekturen, 
welche Dichtungen dieses* oder eines eng verwandten Sagenkreises 
auf bauen, erwiesen sich nicht nur als Nachbildungen der alten 
Zikkurats, sondern haben ersichtlich auch noch deutliche Bezug¬ 
nahmen auf den sich drehenden Bergthron der Welt. Ich zeigte, 
wie die Salomonsage anknüpfend an jene sakralen Türme des Orients 
zunächst der Sage vom Priesterkönige Johann einmal das mythische 
Motiv von der Lichtlandsreise nach dem Urbilde des im Zauberschiff 
allnächtlich zum Berge des Sonnenaufganges fahrenden Sonnengottes, 


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78 


sodann die Vorstellung eines siebenstufigen, in seinem obersten Teile 
sieh wie das Firmament drehenden, kosmischen Palastes der Seelen 
vermittelte *). Alsdann s ) wird in Parzivals Gralsuche in den Epen des 
Wolfram von Eschenbach und des Chrestien von Troyes unbewußt 
der alte Zug der Lichtlandfahrt des Sonnengottes abgewandelt. An 
den Berg der Herrlichkeit erinnert beim Eschenbacher nicht nur die 
paradiesische Umgebung und die Vorstellung eines Seelenlandes, 
sondern auch die Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel, die, wie 
Wolfram den alten Zug rationalistisch umdeutet, von fern gesehen 
sich wie im Kreise henirazudrehen scheint, und noch manches andere*). 
Deutliche Spuren solcher kosmischer Architekturen weist auch sonst die 
französische Dichtung auf. Der sich drehende Palast zu Konstantinopel, 
der in Karls des Großen „Reise nach Jerusalem und Kcmstantinopel“ 
eingehend beschrieben wird, beschäftigt uns später noch 1 2 3 4 5 * ). Die 
Turmform dieses konstantinopolitanischen Palastes mit Stockwerken 
ist im Clig6s des Chrestien von Troyes festgehalten*). Ich zweifle 
nicht, daß diese literarische Geschichte des Zikkurats sich noch durch 
anziehende Kapitel erweitern ließe. Für die richtige Einordnung der 
Miniaturen unseres „Speculum“ in die uralte Überlieferungsreihe ge¬ 
nügen diese Seitenstücke vollauf. 

Sowohl in dem Paradiesespalast des Priesterkönigs Johann, als 
auch in der Gralburg findet sich nun der stets mit Speisen bedeckte 
Tisch, der Sonpentisch des Mythus, wieder*). Diesen kennt auch das 
„Speculum“; es erzählt uns von ihm eine seltsame Geschichte 7 ): 

„Piscatores quidam rete suum in inare proiccerunt 

Et casu mirabili mensain auream extraxerunt. 

Mensa illa erat tota de auro et multuin pretiosa 

1 ) Kain per s, Lichtland. S. 91 ff. 

2 ) Weiter unten werde ich meine früheren Nachweise ergänzen und etwas 
berichtigen. 

3 ) Ebenda S. 57 ff. u. S. 91 f. 

4 ) Karls des Großen Reise nach Jerusalem mnd Konstantinopel, herausg. 
v. Koschwitz. 2. Aufl. Heilbronn 1883. S. 342 ff. O. Söhring, Werke bildender 
Kunst in altfranzösischen Epen. Romanische Forschungen. XII* (1900) 513 f. 
Auch das Rad in dem Vers: „et misent une roe que li vens fet torner u in 
„Floire et Blanceflor“, das Söhring auf ein Wasserrad deuten möchte, gehört 
meines Erachtens in diesen Zusammenhang und entspricht dem Rade des Königs 
Artur und des Apollonius [Kampers, Lichtland S. 60 f.]. 

5 ) Darüber Söhring S. 515 f. 

ß ) Kampers, Lichtland S. 30f. 78 f. 90 ff. 

7 y Speculum I, 12. 


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7<> 


Et videbatur omniam oculis mirabilitcr speciosa. 

Ibidem in littore maris templum quoddam erat aedificatum 
Et in honorem solis, quem gens illa eoluit, dedicatum. 

Ad templum illud mensa illa est deportata 
Et ipsi soli tanguam deo, quem colebant, oblata. 

Mensa illa per totum mundum usa est hoc vocabulo, 

Quod communiter dicebatur mensa solis in sabulo: 

Sabulum enim arenosa terra appellatur, 

Et ibi templum solis in arcnoso loco habebatur. 

Per mensam igitur solis Maria est pulchre praeflgurata, 

Quae vero soli, id est summo deo, est oblata . . . 

Mensa solis facta fuit de materia purissima, 

Et Maria erat mente et corpore mundissima. 

Pulchre Maria est per mensain solis praefigurata, 

Quia per eam coelestis esca nobis est collata; 

Nam ipsa filium Dei Jesum Christum nobis generavit, 

Qui nos suo corpore et sanguine refocillavit. 

Benedicta sit illa beatissima mensa, 

Per quam collata est nobis esca tarn salubris et tarn immensa.* 
Eine ähnliche Geschichte ist uns in der antiken Sage von den 
sieben Weisen Griechenlands überliefert. In deren Fassung bei 
Valerius Maximus ist es die „mensa Delphica“, welche aus dem 
Meere gefischt wird, und wegen deren es zum Streite kommt. Das 
Orakel des Apollo bestimmt dann, daß der Weiseste sie erhalten 
solle. Nun wird sie dem Thaies gegeben, der sie dem Bias über¬ 
mittelt, und indem sie darauf stets von ei gern zum andern der sieben 
Weisen weitergegeben wird, gelangt sie zuletzt in den Besitz des 
Solon, welcher sie dem Apollo als dem Weisesten darbringt. Das 
Fortleben dieser Sage im Mittelalter ist durch die Gesta Romanorum 
mit ihrem krausen Fabelgestrüpp bezeugt. Hier ist es ein goldener 
Tisch, der aus einer Hand in die andere wandert und schließlich in 
den Besitz Salomons gelangt, der an Stelle Solons zum letzten der 
weisen Sieben geworden ist 1 ) „qui in ea pinxit ymaginem humilitatis 
et posuit eam in templum Apollinis“. 

*) Gesta Uomanorum. Hrsg. v. H. Ocsterlev. Berlin 187-2. S. 618. 
Für das Fortleben dieses Mythologems vgl. u. a. auch die bei Oesterley — 
allerdings bibliographisch schauderhaft! — genannten parallelen Stellen bei 
dem Dominikaner R. Holkot, Moralisationes Historiarnm. Venedig 1605, p. 232, 
der auch Salomon nennt. Die „mensa aurea“ findet sich weiter bei Joh. 
Manlius, Locorum cornnmnium collcctanea. Francofurti 1508. p. 5. Gxilium 
melancholiae [Auß Ludovici Caron Frantzösischem Tractat Le Chasse-Ennuy.J 
Strafiburg 1643, p. 531 und sonst noch öfter. Holkot gilt, wie mir Herr Kollege 
Hilka mitteilt, als Quelle der Gesta Romanorum. 


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Von jenen sieben Weisen erzählen die Verse des „Speculum“ 
nichts, trotzdem gehen sie sogar über die antike Überlieferung dieser 
Sage durch die Bezeichnung des Tisches als „mensa Solis“ hinaus. 
Diese Bezeichnung muß die ursprüngliche gewesen sein. Der mittel¬ 
alterliche Dominikaner konnte nun unmöglich aus freier Erfindung 
aus der „mensa aurea“ der Gesta Romanorum, oder aus der „mensa 
Delphica“ des Valerius Maximus einen Sonnentisch machen, ei muß 
deshalb einer anderen, uns unbekannten Quelle gefolgt sein. Tat¬ 
sächlich ist dieser Delphische Tisch, ebenso wie die anscheinend so 
gänzlich verschiedenen Gegenstände, die in den anderen antiken Über¬ 
lieferungen der Sage an dessen Stelle aus dem Meere gezogen werden, 
der Sonnentisch, der die Erde 1 ) oder das Fahrzeug bedeutet, auf 
welchem der Gott allnächtlich über das Meer zum Berge des Auf¬ 
ganges im Hyperboreerlande fährt. Den schwimmenden goldenen 
Dreifuß, auf dem Apollo über den Ozean schwebt, fand antiker Glaube 
in einem Sternbilde wieder 2 ), und die „phiala“, welche nach der 
Überlieferung des Kallimachos bei jenem wunderbaren Fischfänge aus 
dem Meere gezogen wurde, ist ebenfalls nur eine andere Erscheinungs¬ 
form für die gleiche mythische Vorstellung. Im goldenen, von 
Hephaistos geschmiedeten Becher schifft der Sonnengott zu den 
Hyperboreern 3 ). 

Indem die „Gesta Romanorum“ aus dem letzten griechischen 
Weisen, Solon, einen Salomon machen und diesen .Judenkönig auf 
jenem Tisch ganz im Sinnb der stets „Mäßigung“ predigenden Sage, 
deren Mittelpunkt er ist, ein Bild der Demütigung anbringen lassen, 
wird der Sonnentisch zu jenem Salomontisch, der die Phantasie der 
spanischen Goten und Mauren, sowie der Franken frühzeitig lebhaft 
beschäftigte. Weder in der jüdischen Sage, noch auch in deren 
späteren Schößlingen: den Sagen vom Priesterkönige Johann, von 
Artur und vom Gral, verleugnet letzterer seine mythische Herkunft. 
Der sich wie die Welt drehende Tisch Arturs und die Graltafel in 
der „Queste du Graal“, welche die Rundheit der Welt und den 
Kreislauf der Planeten und Gestirne bedeutet, ist sagengeschichtlich 
verwandt mit jenem von Einhard, Thegan und Prudentius beschriebenen 
Tisch des karolingischen Schatzes, „auf dem der ganze Himmelskreis 
und die Sterne und der verschiedene Lauf der Planeten in erhabener 

*) Über den Tisch als Erde Kampers, Lichtland, S. 31 n. 90f. 

*) F. Boll, Sphaera. Leipzig 1903, S. 126. 

s ) R. Eisler, YVeltenmantel und Himmelszelt. München 1910, S; 257. 


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Arbeit“ abgebildet war. Dieser wieder ist ein Nachfahre jenes 
salomonischen Tisches des Gotenschatzes mit seinen 365 Füßen, eine 
Zahl, die in ihrer kosmischen Bedeutung der jüdischen Tempel¬ 
symbolik entspricht, nach welcher der Schaubrottisch ein Gegenbild 
der Erde sein sollte. Das Urbild all dieser Tische ist aber jene 
mensa solis auf dem Götterberge, die von der jungfräulichen Mutter¬ 
göttin des Orients gequirlt wird 1 ), jene mensa solis, die in so über¬ 
raschender Ursprünglichkeit in unserem Speculum plötzlich wieder 
auftaucht. Der Mythus vom Sounentische ist in unserem Frömmigkeits¬ 
buche in seiner ganzen alten und gedankentiefen Einfachheit erzählt, 
in der profanen Dichtung dagegen wird dieses Mythologem abgewandelt. 

Wie in der Sage von den sieben Weisen Griechenlands erscheint 
der Sonnentisch in den Sagen von König Salomon vielfach als los¬ 
gelöst vom Götterberge. Seinen ursprünglichen Zusammenhang mit 
dem alten kosmischen Weltbild vergaßen aber auch diese nicht so 
ganz. An diese Beziehungen erinnern in den arabischen Quellen 
über dieses Prunkstück des Gotenschatzes der Berg Salomons bei 
der -Stadt des Tisches“ und die Grotte des Herkules mit dem 

i 

Salomonstisch, von dem spanische Romanzen singen. Auch die Mär 
vom Priesterkönig Johann und vom Gral verleugnet den alten 
kosmischen Grundgedanken der hier noch deutlich erkennbaren 4 Einheit 
von Stufenturm und Tisch nicht. Der speisespendende Tisch stellt 
in dem Parädiesespalaste des Priesterjtönigs. Hier aber ist seine 
Platte, wie schon zuvor in einigen arabischen Berichten, aus einem 
einzigen Riesensmaragd geschnitten. Daß er nicht mehr, wie in 
jenem visionären Bilde des Buches Henoch, auf dem Turme steht, 

J ) Kam per s, S. 70 ff. Hierher gehört auch wohl der von Eisler, a. a. O. 
8. 486 erwähnte schwimmende Feueraltar, die oder €öria üaXäoör]^ 

Über die Sage von den sieben Weisen vgl. F. A. Bohren, I)e septem sapientibus. 
Bonn 1867. H. Wulf, De fabellis cum collegii septem sapientium memoria 
coniunctis quaestiones criticae. Halle 1896. J. Mikolajczak, De septem 
sapientium iabulis quaestiones selectae. Breslau 1902. Die wichtigeren Text- 
steilen sind: Diog. Laert. I, 27 sq.: Dreifuß; ebenso Diod. IX, 3 u. IX, 13. 
Diog. I, 32: Von Vulcan gefertigt und dem Pelops geschenkt, kommt bis au. 
Menelaus, wird mit der Helena geraubt und von Alexander ins Meer geworfen 
Ähnlich Flut., Solon 4. Diog. I, 28: Nach Kallimachos war es eine. 
T (piäXrj u . Maßgebend für das Mittelalter war Valerius Maximus IV. Ext. 1,7: 
„A piscatoribus in Milesia regione everriculum trahentibus quidam iactuni 
eini rat. Extracta deinde rnagni ponderis aurea Delphica mensa orta coutro- 
ver.sia est“ . . . etc. Ausonius, Ludus septem sapientum in Oeuvres completes 
d'Ausone par E. F. Corpet. I (Paris 1842) 264. 

ViitteUmigen d. Schles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 


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82 


sondern in dessen Innerem, ist eine leicht erklärliche dichterische 
Verschiebung. Aber der Smaragd? Auch in Wolframs Gralburg im 
Lande der Seligen, die, wie wir aus Bauresten beim Eschenbacher 
schließen können, nach dem Vorbilde des Stufenpalastes der Un¬ 
sterblichkeit jenes Priesterkönigs von den ersten Graldichtern erbaut 
wurde, ist die Platte des Tisches, der auch hier eine bedeutsame 
Rolle spielt, ein einziger großer Edelstein. Als weitere Änderung 
kommt bei Wolfram hinzu, daß die speisenspendende Kraft hier nicht 
mehr am Tische haftet, sondern auf einen Gegenstand übergegangen 
ist, der „Gral“ genannt wird. Nun kannte die Graldichtung den 
kosmischen Bezug dieses Tisches, der ja in dem sich drehenden 
Tische König Arturs, dessen kreisrunde Form Wolfram besonders 
unterstreicht 1 ), so offensichtlich in die Erscheinung trat, an den ja 
die „Queste du Graal“ erinnerte. Da drängt sich nun ein Vergleich 
mit einer anderen, hochberühmten Tafel auf, welche mit dunklen 
Worten sicherlich kosmischen Inhalts beschrieben und aus einem 
Riesensmaragd geschnitten war. Es ist die „Tabula smaragdina“ 
des Hermes. 

Diese Urkunde auf dem Edelsteine galt den mittelalterlichen 
und auch den späteren Alchemisten bis hinein in das achtzehnte 
Jahrhundert als der Gründungsbrief ihrer Geheimwissenschaft. Der 
krause Text lautet 2 ): „Verum, sine raendacio, certurn et verissimum. 
Quod est inferius est sicut quod est superius, et quod est superius est, 
sicut quod est inferius, ad penetranda miracula rei unius. Et sicut 
omnes res fuerunt ab uno, meditatione unius, sic omnes res natae 
fuerunt ab hac una re, adaptatione. Pater eius est sol, mater eius 
est luna. Portavit il lud ventus in ventre suo. Nutrix eius terra est. 
Pater omnis telesmi totius mundi est hic. Virtus eius integra est, 
si versa fuerit in terram. Separabis terram ab igne, subtile a spisso» # 
suaviter, magno cum itigenio. Ascendit a terra in coelum, iterumque 
deseendit in terram, et recipit vim superjorum et inferiorum. Sic 
habebis gloriam totius mundi. Ideo fugiet a te omnis obscuritas. 
Haec est totius fortitudinis fortitudo fortis, quia vincet omnem rem 
subtilem, oranemque solidam penetrabit. Sic mundus creatus est. 
Hinc erunt adaptationes mirabiles, quarum modus est hic. Itaque 
vocatus sum Hermes Trismegistus habens tres partes philosophiae 

*) Kainpers, a. a. 0. S. 26 ff. Parziv. 309 u. 775. 

a ) Ich gebe den Text nach H. Kopp, Beiträge zur Geschichte der Chemie. 

I (Braunschweig 1869) 377. 


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totius mundi. Completum est, quod dixi de operatione solis.“ 
Daß hier Reste alter religiöser Lehre überliefert werden, beweist die 
verwandte Stelle bei Aristoxenos: „dvo elvai dn dg/fjg rol^ 
ovo iv atrta . . . jrarega /ui~v (p<x>£, /utjräQa di Ok6to< *)“, oder die 
andere des Plutarch von der Ehe zwischen Sonne und Mond 2 ), oder 
weiter die des Servius 3 ): „dicunt physici cum nasei coeperimus, 
sortimur a sole spiritum, a luna corpus,“ oder schließlich die alte 
Vorstellung von der Ehe zwischen Chronos und der Nacht und von 
der Geburt des von den Winden getragenen Welteies durch die 
letztere*). Da die älteren alchemistischen Texte den „Stein der 
Weisen“ als „Ei der Philosophen“ bezeichnen und deutlich Bezug 
nehmen auf diesen kosraogonischen Mythus von dem durch die Winde 
umhcrgewirbelten Weltei, so erkennen wir, wenn auch nur in Um¬ 
rissen, weit zurückgreifende religionsgeschichtliche Zusammenhänge. 
Der „Stein der Weisen“ wird zum „Mysterium des Mithras“, zum 
Weltei; er wird in einer alchemistischen Venetianer Handschrift des 
11. Jahrhunderts „rö tov höojuov fi/jutjfia" 5 ). Es wäre gewiß eine 
lohnende Aufgabe, die religionsgeschichtliche Grundlage der Alchemie 
systematisch zu durchforschen; hier genüge es, durch die Vergleichs¬ 
stellen den kosmischen Bezug der hermetischen Tafel sichergestellt 
zu haben. 

Frühzeitig hat sich die Sage dieser Tafel des Hermes bemächtigt. 
Freilich handelt es sich dabei nur um eine verhältnismäßig recht 
junge Überlieferung. So soll eine dem Albertus Magnus beigelegte 
Schrift „De secretis chymicis“ die Nachricht enthalten haben, daß 
Alexander die Wunder wirkende Schrift auf einer smaragdenen Tafel 
im Grabe des Hermes auf einem, seiner Züge entdeckt habe. Nach 
einer anderen Überlieferung soll sie ein Weib Zara in den Händen 
des Leichnams in einer Höhle bei Hebron gefunden haben 0 ). Diese 
letztere, ersichtlich jüdische Sage ist älteren Ursprungs. Sarai ist 
die Himmelsherrin; sie steht hier für Isis, die neben Hermes ja eine 


! ) H. Diols, Doxographi Graeei. Berlin 1879. S. 557 Z. 10f. 

-) Plutarch, De facie in orbe lunae. 28 u. 30. 

3 Servius zu Verg. Aen. XI,51. Zu diesen Stellen vgl. Eisler, a. :t. O. 
S. 55S u. 729. 

4 , Dazu siehe Eisler, a. a. 0. wiederholt; u. a. S. 391. 

r> ) M. Berthelot, Collection des anciens alchimistes grecs. 11 (Paris 


1888 ) 114 . 

6 ) Kopp, a. a. 0 S. 378. 


r>* 


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84 


hermetische Dialogfigur bildete, und an deren Stelle auch eine jüdische 
Maria gelegentlich tritt 1 ). Daß unter dem Hermes Trismegistus ur¬ 
sprünglich der Gott gemeint ist, den man als den Urquell aller 
Weisheit und sogar als den personifizierten Logos verehrte, ist sicher. 
Er ist identisch mit dem ägyptischen Thot, dem göttlichen Verfasser 
der 4‘J Papyrusrollen, die bei den religiösen Festen der Ägypter in 
feierlichem Zuge von den Priestern vorangetragen wurden. Als 
Schriftsteller erscheint er freilich schon bei Lactanz 2 ), und dessen 
Zeitgenosse Clemens Alexandrinus bezeichnet bereits jene heiligen 
Rollen als „hermetische Schriften“. Es lag nahe, diesen Hermes 
auch als Verfasser einer jener alchemistischen Schriften anzusehen, 
die sich früzeitig gerade in Ägypten eines großen Ansehens erfreuten, 
oder auch als Verfasser astrologischer Werke, die bei den Arabern 
in hohem Ansehen standen 3 ). 

Zuerst soll die Tabula smaragdina von einem Ortholanus oder 
Hortulanus erwähnt sein, der vielleicht im 11. Jahrhundert in England 
lebte 4 ). Unzweifelhafte Bezugnahme auf sie läßt sich aber im 
13. Jahrhundert nachweisen, wo sie einem Albertus Magnus, Arnaldus 
de Villanova, Raymundus Lull bekannt ist 5 ), was unbedingt schon eine 
weiter zurückliegende Vorstufe dieser Überlieferung voraussetzt. 

Zwei Überlieferungsreihen über eine kosmische Tafel stoßen also 


J ) Berthelot, Coli. II, 172: „Xv/nt]g tcai Magia.' Über diese Maria vgl. 
Kopp, a. a. 0. S. 402. Auch in dem unten Anm. 5 genannten Werke von 
Manget ist u. a. [II, 896] die Rede von einer ..Maria Hebraea Moysis soror“. 
Über diese jüdische Maria und deren Schrift über den philosophischen Stein 
handelt auch M. Berthelot, Les origines de l'Alchemie. Paris 1885. p. 171 sv. 

a ) Lactantius, Div. inst. VI de vero cultu c. 25. I de falsa religione c. 6. 

3 ) H. W. Schaefer, Die Alchemie. Ihr ägyptisch-griechischer Ursprung 
und ihre weitere historische Entwicklung. Progr. d. Gymnas. zu Fleusburg 
1887. S. 14 f. Eine arabische Handschrift „Hermetis Trismegisti de lunae 
mansionibus liber“ erwähnt M. Steinschneider, Iber die Mondstationen 
(Naxatra) und das Buch Arcandam. Zeitschr. d. deutsch, morgenländ. Ges. 18 
(1864) 135. 

4 ) Schäfer, a. a. 0. S. 25; Kopp, a. a. 0. S. 379 f. Jöchers Gelehrten¬ 
lexikon [II, 863] unterscheidet zwei Autoren dieses Namens, die aber beide, 
was nicht denkbar ist, auch den anderen Namen Johannes de Garlandia führten. 

5 ) Albertus magnus, Mineralium libri V. L. I. Tract. I. C. 8 und L. III 
Tract. I. C. 6 sowie Tract. II. C. 1. Opera omnia cura ac labore A. Borgnet.* 
V (Paris 1890) 5: 66; 75. Arnaldus Villanovanus, Rosarium. L. I c. 7 in 
J. J. Mangeti Bibliotheca chemica curiosa. T. I. (Genevae 1702) 665; Raymund 
Lull, Codicillus c. 9 et c. 53 in Manget, 1. c. I, 884 et 904. 


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im arabischen Spanien, wo die Alchemie mit ganz besonderem Eifer 
gepflegt wurde, zusammen: die Sage vom salomonischen Tisch und 
die von der Smaragdtafel des Hermes. Die innere Verwandtschaft 
zwischen beiden legt die Übertragung von Eigenschaften der einen 
auf die andere nahe: aus der goldenen Platte des salomonischen 
Tisches wurde in der spanischen Sage eine smaragdene und zugleich, 
behaupte ich, wurde dieser nunmehr einbezogen in die wirren 
Gedankengänge der kabbalistischen Wissenschaft der gotisch-jüdisch- 
arabischen Mischkultur Spaniens. 

Ein solcher Übergang wurde durch die Tatsache, daß Salomon 
schon frühzeitig als großer Zauberer und später als ebenso großer 
Alchemist galt, erleichtert. Als großen Steinkundigen und Hexen¬ 
meister rühmt ihn besonders die arabische Sage 1 ). Bei älteren 
griechischen Alchemisten wird Salomon dann auch als Kunstgenosse 
bezeichnet, so bei Zosimos und Christianos. Eine vielleicht dem 
11. Jahrhundert angehörende alchemistische Handschrift enthält das 
„Labyrinth des Salomo“ mit kabbalistischem Inhalt 2 ). Die wahr¬ 
scheinlich im 1*2. Jahrhundert entstandene, später so hoch bewertete 
alchemistische Turba philosophorura“ bietet auch „Dicta Salomonis, 
fllii David“ 3 ). 

Nach einem leider nicht genau bezeichneten spanischen Manu- 
script, das einen Text der „Vergilii eordubensis philosophia“ ent¬ 
hält, welcher vielleicht dem zwölften oder dreizehnten Jahrhundert 
angehört, ist die Rede von der „ars notoria“, welche in Cordova 
neben „nigromantia“, „pyromantia“ und „geomantia“ gelehrt wird. 
Diese „ars notoria“ ist eine „ars et scientia sancta, quia ista omnes 
aliae sciuntur et per istam omnes aliae scientiae possunt sciri sine 
difficultate aliqua et sine defectibiIitate aliqua et sine diminutione 
aliqua.“ Eine so hochheilige Kunst kann nur von einem heiligen 
Lehrer vorgetragen und von sündenlosen Hörern aufgenommen werden. 
Von dieser „ars angelica“ heißt es dann weiter: „angeli boni et 
sancti composuerunt eam et fecerunt, et postea sancto regi Salomoni 
angeli boni et sancti dederunt et ipsi angeli in ista scientia sanctutn 
Salomonem magistrum fecerunt et eum in ea imbuerunt.“ Durch 
diese Quintessenz aller Weisheit, welche auch Aristoteles beim Be- 

*) G. Salzborger, 1 »io Salomosage in der semitischen Literatur. Berlin 
1907. S. 23ff. Kainpers a. a. 0. S. 38 f. 

a ) M. Berthelot, Les origines de 1’Alchemie. Paris 1885. p. 16. 

*) Näheres bei Kopp a. a. 0. S. 471 Anm. 211. 


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{■uehe des großen Alexander in Jerusalem kennen lernte, bändigte, 
heißt es liier, Salomon die Dämonen seinem Willen. Selbst wenn 
diese seltsamen Ausführungen nicht der genannten Zeit angehören 
sollten, bieten sie eine genügend feste Grundlage für die Annahme 
einer Verknüpfung der älteren, von Engeln gelehrten Kabbala in 
Spanien mit der Person des jüdischen Königs'). Ja, man konnte 
wähnen, dali£>alomon bereits im Besitze des Steines der Weisen war; 
erzählte doch die Sage von seinem Ringsteine mit dem Siegel und 
dem Pentagramm Gottes, durch den er die Geister sich dienstbar 
machte, fabelte sie doch von dem Wunderstein Scharair, dem grünen 
Edelstein, welcher vielleicht derselbe ist, den Ger hundähnliche Geist 
Kabdos beim Tempelbau zeigt, und welcher zur Ausschmückung des 
Heiligtumes dienen soll 2 ). 

Dieser Zusammenhang der Graltafel mit der arabisch-jüdischen 
Kabbala könnte schon aus der von den Alchemisten frühzeitig 
behaupteten Möglichkeit, solche Riesenedelsteine, wie sie für die 
Herstellung einer Tischplatte nötig waren, mit Hilfe ihrer geheimen 
Kunst verfertigen zu können, gefolgert werden. Wenn auch nicht der 
Graltafel, so wird doch deren Vorläuferin, der Gotentafel und der 
Nebenbuhlerin des Gral, der heiligen Schale der Genuesen, in der besten 
Geschichte dieses wissenschaftlichen Irrwahnes 3 ) deshalb mit vollem 
Flechte in dem Kapitel „Smaragd“ Erwähnung getan. Indem ich 
nunmehr auch die Graltafel in dieses Kapitel einreihe, tue ich das 
also nicht auf Grund irgend einer luftigen Mutmaßung. Zwar stehen 
wir in den Tagen des Eschenbachers erst am Anfänge der Ausbreitung 
des alchemistischen Irrwahnes innerhalb des romanisch-germanischen 
Kulturkreises, und deshalb ist dieser Zusammenhang zwischen dem 

0 G. Heine [Bibliotheca anecdotoruni. I (Lipsiae 1848) 211 sq.j bringt 
den Text, der 1290 in Toledo aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt 
sein will. Ob der Kingstein Salomons identisch ist mit dem „Stein der Tiefe“, 
•len David fand, ist nicht ersichtlich. Dieser Stein verschloß den „Brunnen der 
großen Tiefe“, und auf ihm war der Schein ha-mephorasch, der Gottesname 
der Magie, eingegraben. Er soll von David ins Allerheiligste gebracht worden 
sein und auf ihm die Bundeslade gestanden haben. Unberufene, berichtet 
die Sage weiter, drangen wiederholt in das Allerheiligste ein, um jenen Gottes- 
namen für magische Künste zu entziffern. Dieser Schein ha-mephorasch, mit 
welchem schon Lilith, die erste Frau Adams, Magie trieb, ist auch auf dem Ringstein 
Salomons zu leseu. Vgl. E. Bisehoff, Die Kabbalah. Leipzig 1903. S. 82 u. 85. 

2 ) Salzberger a, a. 0. S. 95. 

*) Berthelot, Origines 1. c. p. 221 sv. 


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Tisch Salomons und jener Kabbala zunächst noch ein recht lockerer und 
nur schwer zu erkennen. Die Sage war es. Die als erste den Schleier, 
der geflissentlich über jene magische Weisheit gebreitet wurde, lüftete, 
Bruchstücke der Entstehungsgeschichte jener Zauberkunst weitertrug 
und allerlei Wunderbares und Nichtverstandenes über diese raunte. 
Daran konnten die sagenfrohen benachbarten Proven^alen anknüpfen. 
Die verschwommene Kunde von jener Kabbala in der ritterlichen 
Dichtung der Franzosen und Deutschen, von der auch Wolframs 
Kleinode in der Gralburg Zeugnis geben, hatte somit begonnen. 

Zauber und Märchen sind voneinander nicht zu trennen. Beim 
Eschenbacher handelt es sich aber nicht um einen beliebigen Zauber, 
sondern um einen bestimmten, im Orient erfundenen. Wolframs 
Wundermann ist Klinschor, der „phaffe der wol zouber las“. 
Chrestiens von Troyes *) kennzeichnet ihn, ohne seinen Namen zu 
nennen, mit den Worten: „sages clers d’astrenomie“, der im Auf¬ 
träge der alten Königin den Zauber des Wunderschlosses schuf. 
Weit mehr weiß Wolfram von ihm zu singen. Dieser Abkömmling 
des großen Zauberers des Mittelalters. Virgilfus, raubt hier nach 
seiner Entmannung schöne Frauen und bannt sie in jenes Zauber¬ 
schloß, damit andere ihrer nicht genießen können. Unter diesen 
waren auch Arturs Mutter, ihre Tochter und ihre Enkelinnen. 
Merkwürdigerweise wird in einer Version des „Livre d’Artus“ Arturs 
Mutter durch Merlin auf das Wunderschloß gebracht 2 ). Es will 
mich bediinken, daß Klinschor und Merlin Parallelfiguren sind. 
An sich ist es ja recht unwahrscheinlich, daß die sagenberühmte 
Gestalt aus der Umgebung des bretonischen Artur nicht in irgend einer 
Verwandlung mit diesem zugleich in die engverwandte Parzival- 
dichtung herübergenommen wäre. Ist das der Fall, so wäre auch 
Klinschor ebenso wie Merlin, ursprünglich der Dämon, welcher in 
der Saloraonsage eine Rolle spielt. Zwischen diesem Dämon 
Aschmedai und dem bretonischen Zauberer bestehen in der Tat der¬ 
artige überraschende, schon lange nachgewiesene Ähnlichkeiten 3 ), 
daß wir — unter Berücksichtigung der von mir dargelegten Bedeutung 
der Saloraonsage für den ganzen Sagenkreis vom König Artur — 

*) C'hrestien V. 8910. 

2 ) Parziv. 66,4. Wolfram von Eschenbach, Parzival. Neu bearb. von 
W. Hertz. 5. Autl. Stuttgart 1911. S. 539. 

3 ) M. Gr Unbau ui, Beiträge zur vergleichenden Mythologie aus der 
Hagada. Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellsch. XXXI (1877} 218. 


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in ihnen einen Beweis für den orientalischen Ursprung der Merlin¬ 
sage erblicken dürfen. Nach dem Orient verweist uns nun auch 
Wolfram; er sagt von Klinschor: 

„Clinschore ist staeteclichen bi 
der list von nigrömanzi, 
daz er mit zouber twingen kan 
beidiu wib unde man. 
swaz er werder diet gesiht, 
dien lsct er Ane kumber nibt 1 ).“ 

Und an anderer Stelle: 

„ez ist niht daz laut ze PersiA: 
ein stat heizet PersidA, 
da erste zouber wart erdAht. 
da fuor er hin und hAt dan brüht 
daz er wol schaffet swaz er wil, 
mit listen zouberlichiu zil 2 )* 

Aus dem Lande des Feirefis, also aus dem Orient, bringt 
Klinschor den großen Schatz, ja sogar den Wunderbau der Wendel¬ 
schnecke 3 ). Dabei ist zu beachten, daß arabisch und orientalisch für 
Wolfram gewöhnlich wesensgleiche Dinge sind. 

Von dem Vorhandensein einer irgendwie mit Alchemie in Ver¬ 
bindung stehenden Geheimwissenschaft geben diese mageren Aus¬ 
führungen über Klinschor keine Kunde. Wolfram kennt nun auch 
noch wirkliche arabische Gelehrte, so einen nicht mit Sicherheit fest¬ 
zustellenden Kancor und den wohl mit Thabith ben Korrah identischen 
Thebit, sowie ganz besonders einen sonst gänzlich unbekannten 
Flegetanis, der sein Gewährsmann für die Kunde vom Gral ist: 

„ein beiden Flegetanis 
bejagte an könste hohen pris. 
der selbe fision 
was geborn von Salmon, 
üz israhelscher sippe erzilt 
von alter her, unz unser schilt 
der touf wart fnrz hellefiur. 
der schreip vons gräles äventiur. 

Er was ein heiden vaterhalp, 

Flegetanis, der an ein kalp 
bette als ob ez waer sin got . . . 

*) Parziv. 617, 11 ff. Ich zitiere nach Wolfram von Es chenbach, 
Parzival und Titurel. Herausgegeben und erklärt von E. Martin. Halle 1900 

*) Parziv. 657, 27 ff. 

8 ) Parziv. 589. 


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Flcgetänis der heiden 
künde uns wol bescheiden 
iesliches Sternen hinganc 
unt siner künfte widerwanc; 
wie lange ieslicher umbe get, 
e er wider an sin zil gestet. 
mit der Sternen umbereise vart 
ist gepöfet aller menschlich art. 

Flegetänis der heiden sach, 
da von er bluwecliche sprach, 
im gestirn mit sinen ougen 
verholenbreriu tougen. 
er jach, ez hiez ein dinc der gral: 
des namen las er sunder twal 
inme gestime, wie der hiez 1 )“. 

Des Dichters Gewährsmann ist also ein heidnischer Jude, ein 
arabisch schreibender Nigromant und Astrologe. Hatte Wolfram 
vorhin eine Stadt Persida 2 ), über deren Lage er gewiß nicht orientiert 
war, als die hohe Schule der Magie genannt, auf der Klinschor seine 
Weisheit lernte, so denkt er jetzt an die auch sonst vorherrschende 
Ansicht, daß Spanien die Heimat der Zauberei sei 3 ). 

„Kyot der meister wol hekant 

ze Polet verworfen ligen vant 

in heidenischer schritte 

dirre äventiure gestifte. 

der karakter a b c 

muoser hän gelernet e, 

an den list von nigromanzi. 

ez half daz im der touf was bi: 

anders wser diz ma»r noch unveruumn. 

kein heidensch list mttht uns gefrumn 

ze künden umbes gräles art, 

wie man siner tougen inne wart 4 )“. 

Vom Gral aber weiß nun dieser Flegetanis noch etwas ganz Merk¬ 
würdiges zu berichten: 

') Parziv. 453, 23 ff. 

2 ) Nach E. Martin, Zur Gralsage. Straßburg 1880. S. 7, stammt der 
Name der Stadt Persida aus des Honorius Augustodunensis Imago mundi. 
L. I, c. 14: „in hac primum orta est ars magica“. 

s ) Hertz, a. a. 0. S. 538 verweist auf das Gedicht von Biterolf und 
Dietleib; darnach liegt ein Berg bei Toledo, „da der list nigromanzi von erste 
wart erfunden“. 

4 ) Parziv. 453, 11 ff. 


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Original frorn 

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„ein schar in üf der erden liez: 
diu fuor üf über die sterne hoch, 
op die ir unschult wider zoch, 
sit muoz sin pflegn getouftiu fruht 
init also kiuschlicher zuht: 
diu menscheit ist immer wert, 
der zuo dem grale wirt gegert 1 )*. 

In diesen seinem Gewährsmann Flegetanis gewidmeten Versen 
ist schon eine deutlichere Bezugnahme auf die von Juden und 
Arabern gepflegte Kabbala in Spanien zu erkennen. Aus dieser allein 
aber auf eine Verwandtschaft zwischen der Graltafel und jener Tabula 
smaragdina des Hermes zu schließen, ginge nicht an. Erst die Er¬ 
wähnung der Erdenfahrt der Engel gibt uns dazu ein Recht. 

Vom Falle der Engel spricht Wolfram noch an anderer Stelle: 

„di newederhalp gestuonden 

do ßtriten beguonden 

Lucifer und Trinitas, 

swaz der selben engel was, 

die edelen unt die werden 

muosen üf die erden 

zuo dem selben steine. 

der stein ist immer reine. 

ich enweiz op got üf si verkos, 

ode ob ers fnrbaz verlos. 

was daz sin reht, er nain se wider. 

des steiues ptligt iemer sider 

die got derzüo benande 

unt in sin engel samle. 

her, sus stet ez umben gräl 2 )*. 

Im Widerspruche dazu sagt der gleiche Trevrizent bei Wolfram 
später: 

„ich louc durch ableitens list 
vorne gral, wiez umb in stuende . . 
ich sol gehorsam iu nu sin. 
swester sun unt der herre min. 
daz die vertriben geiste 
mit der gutes volleiste 
bi dem grale waeren, 
kom iu von mir ze maeren, 
unz daz si bulde da gebiten. 
gut ist stad mit sölhen siten, 
er stritet iemmer wider sie, 

] ) Parziv. 454, 24 ff. 

2 ) Parziv. 471, 15 ff. 


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die icli iu ze hulden nante hie. 
swer sins lönes iht wil tragu, 
der inuoz den selben widersagn. 
eweclieh sint si verlom: 
die vlust si selbe haut erkorn 1 )' 4 . 

Eine weitere Stelle der Wolframschen Dichtung setzt dann den 
Fall der Engel in Beziehung zu einer höchst eigenartigen Geschichte 
von Adam: 

„uu priievt wie Lucifern gelanc 

unt sinen nötgestallon. 

si warn doch «ine gallen: 

ja her, wa na men si den nit, 

da von ir endelös er strit 

zer helle enpfahet süren Ion? . . . 

dö Lucifer fnor die hellevart, 

mit schar ein mensehe nach im wart. 

got worhte uz der erden 

Adamen den werden: 

von Adams verhe er Even brach, 

diu uns gap an daz ungemach, 

dazs ir sekepfaere überhörte 

unt unser freude störte. 

vun in zwein kom gebürte fruht: 

einem riet sin ungenuht 

<laz er durch giteclichen ruom 

siner anen nam den magetuom 2 )* 4 . 

Das wird bald darauf von Trevrizent erklärt: 

«diu erde Adames unioter was: 
von erden fruht Adam genas, 
daunoch was diu erde ein magt: 
noch hän ich iu niht gesagt 
wer ir den magetuom benain. 

Kains vater was Adam: 
der sluoc Abein umb krankez guot. 
dö üf die reinen erdenz bluot 
viel, ir magetuom was vervarn: 
den naui ir Adames barn 3 ).* 4 

Diese Geschichte des Urvaters Adam erhält dann später noch 
eine Fortsetzung. Zunächst werden Adams Kenntnisse der Wunder¬ 
kräfte der Natur, besonders der Sterne, gerühmt: 

1 ) Parziv. 798, 6 ff. 

2 ) Parziv. 463, 4 ff. 

3 ) Parziv. 4C4, 11 ff. 


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Original fro-m 

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92 


„Unser vatcr Adam, 

die kunst er von gote nam, 

er gap allen dingen namn, 

beidiu wilden unde zamn: 

er rekant ouch iesliches art, 

dar zuo der Sterne umbevart, 

der siben pläneten, 

waz die krefte heten: 

er rekant ouch aller würze mäht 

und waz ieslicher was geslaht 1 )“. 

Bestimmte Kräuter befiehlt er zu meiden; aber die Adamtochter 
kehren sich nicht an das Gebot: 

„diu wip täten et als wip: 

etslicher riet ir bneder lip 

daz si diu werc volbrähte, 

des ir herzen gir gedähte. 

sus wart verkert diu mennischeit.“ 

Sie bringen infolgedessen misgestaltete Wundermenschen zur Welt. 

Eine ähnliche Sage erzählt etwa hundert Jahre nach Wolfram 
der Verfasser des „Reinfried“. Hier errichten Adam und sein Sohn 
zwei Säulen 2 ), um ihre Kenntnisse auf diesen den Menschen nach 
4er verheißenen großen Flut zu übermitteln: 

„sit daz diu weit ein ende nimt 

mit wazzer ald mit fiure, 

mit hoher koste stiure 

sön wir zwo siule machen 

nä meisterlichen Sachen: 

so sol sin diu eine 

von liehtem marmelsteine, 

der mac geschaden wazzer niht. 

von gebranter ziegei pfliht 

sol diu ander sin gemäht, 

diu hat üf fiures brant kein aht.“ 

Die neugierigen Frauen lesen nach der Flut die Warnung vor den 
Kräutern und misachten diese. So kommen jene Wundermenschen 
auf die Welt. 

Wolframs Adamsage gibt sich deutlich nur als ein Bruchstück 
dieser Mär im „Reinfried“ zu erkennen. Jene Mär selbst ist uralt. 
Sie geht zurück auf zwei außerbiblische Überlieferungsreihen. Die 


1) Parz. 518 ff. 

2 ) Reinfried von Braunschweig. Herausg. v. K. Bartsch. Tübingen 
1871. S. 576. v. 19778. 


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erste ist jene Erzählung von den Wundermenschen, welche seit 
Ktesias und Megasthenes immer wiederkehrt in der Weltliteratur 1 ). 
Ihre Heimat ist die bodenwüchsige Dichtung der Inder. In der 
Naturgeschichte des Plinius *), der seine Kenntnis wohl der griechischen 
Berichterstattung verdankt, fehlen sie nicht. Der große Fabulant, 
welcher den Alexanderroman schrieb, kennt sie 3 ). Bei der Ver¬ 
wandtschaft dieses allbeliebten Machwerkes mit der Sage vom Priester¬ 
könig Johann treffen wir die Mär dann auch in dieser wieder an 4 ). 
Es wurde nun eine Verquickung dieser Sage mit dem biblischen 
Bericht über die Urzeit des Menschengeschlechtes nahegelegt durch 
die Stellen der Genesis: „Da sich aber die Menschen begannen zu 
mehren auf Erden und zeugten ihnen Töchter, da sahen die Kinder 
Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und 
^nahmen zu Weibern, welche sie wollten ... Es waren auch zu den 
Zeiten Tyrannen auf Erden; denn da die Kinder Gottes die Töchter 
der Menschen beschliefen und ihnen Kinder zeugten, wurden daraus 
Gewaltige in der Welt und berühmte Leute.“ Es lag nahe, jene 
Wundermenschen mit diesen Sprossen aus sündiger Vermischung 
in Verbindung zu bringen. Dabei aber ergab sich die Schwierigkeit, 
das von der Sage behauptete Fortleben dieser Misgestalten über die 
Sündflut hinaus zu begründen. Lehrreich dafür ist ein Bericht des 

J ) Hertz, a. a. 0. S. 532. Von dem Pharaonen El-Rajjän wird erzählt 
(F. Wüstenfeld, Die älteste ägyptische Geschichte nach den Zauber- und 
Wundererzählungen der Araber. Orient und Occident I [1862] 336), daß er in 
die Südländer Afrikas zog und dort Menschen wie Affen gestaltet sah und mit 
Flügeln, in die sie sich einhüllten. Vgl. F. Liebrecht, Zur Volkskunde. 
Heilbronn 1879, S. 90 ff. Dieser verweist auf Gervasius von Tilbury, Otia 
imperialia. Hrsg, von F. Liebrecht. Hannover 1856, S. 36, der von den 
Aethiopen erwähnt, daß sie Ohren, wie Flügel hätten. Vgl. auch W. Bousse t 
Die Religion des Judentums im Neutestamentlichen Zeitalter. Berlin 1903, S. 463 
W. Bousset, Die Beziehungen der ältesten jüdischen Sibylle zur chaldaeischen 
Sibylle und einige weitere Beobachtungen über den synkretistischen Charakter 
der spätjüdischen Literatur. Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft 
(1902) 42—49. Aus der Literatur über diese Sage hebe ich weiter hervor: 
L. Tobler, Über sagenhafte Völker des Altertums. Zeitschrift für Völker 
Psychologie und Sprachwissenschaft XVIII (1888) 237ff. E. Rohde, Der 
griechische Roman und seine Vorläufer. 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 185 ff. 

*) Plinius, Hist. nat. 7,2. 

3 ) A. Ausfeld, Der griechische Aleianderroman. Leipzig 1907, S. 92. 
Dazu die Bemerkung S. 183. 

4 ) F. Zarncke, Der Priester Johannes. Abhandlgn. d. phil.-hist. Classe 
der K. Sächs. Ges. d. Wiss. VII (1879) 911. 


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_ 

Johanues de Marignola ans dem Jalvre 1849: „Am Fuße des Berges 
mit dem Adamfußstapf auf Ceylon leben Religiöse, die sich Sühne 
Adams nennen, von dem sie aber, weder durch Kain, noch durch 
Seth, sondern durch andere Söhne abstammen wollen, was jedoch 
gegen die heilige Schrift ist. Sie behaupten, daß die Siindtlut niemals 
bis zu ihnen hinauf gereicht habe. Außer dem Hause Adams führen 
sie zum Beweise dafür auch ein gewisses im Morgenlande häutiges, 
unstät lebendes Gesindel an, das ich gesehen. Diese nennen sich 
Söhne Kains, ein verworfenes Geschlecht, das nie an einem und 
■demselben Orte bleibt. Zwar läßt sich dieses nur selten sehen, doch 
treiben sie Handel und führen Weiber und Kinder mit häßlichen 
Gesichtern auf Eseln herum 1 ).“ Aus Tabronit stammen Wolframs 
Wundermenschen und Taprobane ist der alte Namen von Ceylon bei 
Plinius 2 ). Ersichtlich schwankt unser bibelfester Reisender. Er ist. 
der strenggläubigen Meinung, daß die Sündflut auch diese Sprößlinge 
Adams verschlungen haben müsse, wagt aber doch nicht, die Sage 
so ganz zu verwerfen. Für das frühe Vorhandensein der Sage in 
der Fassung Wolframs spricht die Tatsache, daß im Decretum Gelasii 
«in „über de filiabus Adae“. verdammt wurde 3 ). Später überwiegt 
die Vorstellung, daß die Wundermenschen erst nach der Sündtlut 
■entstanden seien. Bei Augustinus 4 ) wird eingehender davon gehandelt. 
Er beginnt: „Quaeritur etiam, utrum ex filiis Noe, vel potius ex illo 
uno homine, unde etiam ipsi exstiterunt, propagata esse credendum dt 

4 ) Johannes von Marignola übersetzt von F\ G. Me inert. Abhandlgn. 
•d. böhm. Ges. II (1820) 85. I>as gekürzte Zitat nach P. Hagen, Der Gral. 
Straßburg 1900, S. 16 f. Vgl C. Ritter, Die Erdkunde VI (Berlin 1836; 59 11.; 
V (Berlin 1835) 928. Ritter denkt an die verstoßenen unreinen Kasten. \vel< he 
auch in Ceylon und in Malabar leben. 

J ) Vgl. Hertz, a. a. 0. 8. 518. 

3 ) H. Röuseh, Das Buch der Jubilacen. Leipzig 1874, 8. 477 fi'. 

4 ) Augustinus, De civ. dei. 16,8. Hagen, a. a. 0. S. 22 f. In den 
späteren Dichtungen ist gelegentlich auch der Zauberer Merlin ein solches 
Monstrum. E. Freyuiond, Beiträge zur Kenntnis der altfranzösischen Artus- 
romane in Prosa. Zeitschrift für französische Sprache und Literatur XVII 
(1895) 54. Vgl. zur Sage von den Wundermenschen auch S. Singer, Zu 
Wolframs Parzival. Abhandlgn. z. german. Philologie. Festgabe für R. Heinzei. 
Halle 1898, S. 361 ff., S. 406 ft'. Die Frage, ob die Engel wieder in den Himmel 
aufgenommen worden seien, hat anscheinend die Gemüter stark beschäftigt. Im 
Brandaugedicht (ebenda S. 370) wird deren Wiederaufnahme zugegeben. Ferner 
ist dazu zu vgl. J. v. Döllinger, Geschichte der gnostisch-manichaeischen 
Sekten. München 1890. S. 138 f. 


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V 


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quaedam monstrosa hominum genera, quae gentium narrat historia.“ 
Am Schlüsse dieser Ausführungen heißt es: „Quapropter ut istam 
quaestionem pedetentim cauteque concludam: aut illa, quae talia de 
quibusdam gentibus scripta sunt, omnino nulla sunt; aut si sunt, 
homines non sunt; aut ex Adam sunt, si homines sunt.“ Der ganze 
Bericht des großen Bischofs von Hippo hat zweifellos unsere spätere 
Sage wesentlich beeinflußt. 

ln der Fassung der Adamsage im „Reinfried“ läßt sich dann 
aber noch eine weitere außerbiblische Überlieferungsreihe erkennen, 
welche mutmaßlich im Babylonischen ihre Wurzel hat: ich meine 
die Sage von der Errichtung der beiden Säulen durch Seth. Nach 
Babylon deutet schon das Material der einen dieser Säulen, der 
tönernen. Man ist versucht, an ein Nachwirken der Erzählung 
in dem Sündflutberieht des Berossos zu denken, wonach der „höchst¬ 
weise“ Atra-hasis vor der Flut „alle Schriften, Anfang, Mitte, Ende“ 
in der Sonnenstadt Sippar vergraben habe 1 ). Mit Sicherheit weist 
auf den Orient hin die von Syncellus uns aufbewahrte Stelle des 
später von jüdischen und christlichen Gelehrten stark benutzten 
Manetho, der um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. schrieb 2 ), 
nach der die V iv rf) ZeiQiaÖiKf] yfj“ stehenden Säulen von Thot, dem 
Sohne des Hermes beschrieben worden seien 3 ). Unter der „JZeiqiöc; 
yfj" ist Ägypten zu verstehen. Der hier genannte Hermes entspricht 
dem ägyptischen Gotte Set. Dieser wird auch wohl als Lehrer des 
Hermes eingeführt, was auf die gleiche „Spaltung der hermetischen 
Persönlichkeit“ hindeutet, die sich in den Dialogen zwischen Hermes 
und Tat zu erkennen gibt 4 ). Der zufällige Gleichklang des Namens 
dieses ägyptischen Gottes mit dem Namen des Sohnes Adams hat 
dann zu einer Gleichsetzung des biblischen Seth mit Hermes geführt. 
Später tritt darauf an die Stelle Seths, der als Erfinder der Astrologie 
angesehen wurde, der Vater der Alchemisten, Cham. Im vierten 

O H. Usener, a. a. 0. S. 13. R. Eisler, Weltenmantel nnd Himmelszelt. 
München 1910, S. 572. 

*) Hagen, a. a. 0. S. 20 f. Die einschlägige Literatur bei Eisler, 
a. a. 0. S. 569. Vgl. besonders R. Reitzenstein, Poimandres. Leipzig 1904, 
S. 183: „Die ZeiQi&s yf) ist als Heimat der Isis durch eine Inschrift bezeugt.“ 

*) Die Sage von den Säulen begegnet uns auch im L’image du monde de 
maitre Gossouin [Lausanne 1913. p. 182 sv.j, wie mir Herr Kollege Hilka mit¬ 
teilte. Der Herausgeber, 0. H. Prior, verweist auf Josephus, Ant. jud. I, 2 
und auf Gervasius von Tilbury, Otia Imper. I, 20. 

4 ) Eisler, a. a. 0. S. 569. 


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;»h 


Jahrhundert sagt Johannes Cassianus, daß Cham sein Wissen 
„diversorum metallorum laminis, quae scilicet aquarum inundatione 
corrumpi non possent, et durissimis lapidibus“ eingemeißelt habe *). 
Der alte mythische Zug wird nun im lateinischen Adambuche auf 
den von Seth aufgezeichneten Sündenfallbericht übertragen 2 ). Es 
mag der Eitelkeit gelehrter Juden geschmeichelt haben, durch diese 
Vertauschung der Persönlichkeiten, den Erzpatriarchen Seth zum 
Verfasser der nach Isis Zoj-dlg oder ZeiQiäg benannten astrologischen 
Sothisbücher ansehen zu dürfen 3 ). „Schriften Seths zu besitzen, 
rühmten sich Juden, Samaritaner, gnostische Christen (insbesondere 
die Sethianer) und Muhammedaner“ 4 ). 

Unter dem Einfluß der angeführten Stelle der Genesis kommt 
aber, wie die Dichtungen „Parzival“ und „Reinfried“ aufzeigen, noch 
ein neuer Zug zu dieser Sethsage: im Verkehr der Engel Gottes mit 
den Frauen der Menschen lernen diese die geheimen Künste der 
Zauberei. 

Der Fall der Engel, ihr sündiger Verkehr mit den Frauen der 
Menschen hat die Dichtung im Osten und Westen frühzeitig und an¬ 
haltend beschäftigt. Alt ist dabei auch der Zug, daß die Engel zuin 
Zwecke der Verführung jene Weiber lehrten, wie es im Buche Henoch 5 ) 
heißt: „Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das Schneiden von 
Wurzeln und ihnen offenbarten die heilkräftigen Pflanzen.“ Der 
Sagenzug von den Säulen des Seth ist schon bei Josephus 6 ) vereinigt 
mit dem Zuge von jener verbotenen Vermischung. Nach der Er¬ 
richtung der Säulen tritt hier eine Sittenverderbnis ein: „noXXoi ydg 

*) Migne, Patrologia latina XL1X, 759. Vgl. dazu die Historia scholastica 
iu genesim des Petrus Coniestor c. 39 (Migne, Patr. lat. CIIC., 1098): 
„lnagicam arteui (sc. Cham) et septem liberales quattuordecim coluinnis inscripsit, 
septem aeneis, septem lateritiis contra duplex orbis excidium.“ Eisler, 
a. a. 0. S. 568 f. 

2 ) E. Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten 
Testamentes. Tübingen 1900, S. 528. 

3 ) Näheres bei Eisler, a. a. 0. 

4 ) Fabricius, Codex pseudepigraphicus Veteris Testamenti. I (1722) 
141-157; II (1742) 49—55. Hagen, a. a. 0. S. 20. 

5 ) Kautzsch, a. a. O. S. 239. Vgl. auch die Anmerkung bei R. H. Charles, 
The Apocrypha and Pseudepigrapha of the Old Testament. Oxford 1913, p. 191. 
Die Ehen zwischen den Engeln und Menschentöchtern kennt auch das Buch 
der Jubiläen (Kautzsch, a. a. 0. S. 48), nicht aber die Übermittelung des 
geheimen Wissens. 

®) Josephus, Ant. 1, 2, 8 . 


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97 


dyyeXoi \)eov yvvaißl ov/ifuyevxeg vßgioxäg iyevvrjoav Jialöag, Kal 
navxög vnegöircag xaÄod, öiä rrjv im rfj bvvduei nenoitirjOiv. ö/xoia 
ydg rotg vjiö yiyäv xojv xexoX/ufjodat Xeyofiivoig txp' 'EXX rfvatv 
Kal oirxot bgäoat nagabibovxai. u Gegen Ende des zweiten Jahr¬ 
hunderts bringt Clemens Komanus die gleiche Sage 1 ). Hier wird 
schon ganz besonders unterstrichen, daß die Kenntnis der Darstellung 
der edlen Metalle und der Edelsteine durch' die Engel den Töchtern 
der Menschen vermittelt worden sei: „2ov xovxotg bi rotg /xayeu- 
delöiv Mi)eng Kal rag xiyvag x6>v JtQÖg ixaoxa ngaynäxutv nagibooav, 
Kai /xayeiag vnibeißav Kai döxgovofilav iblbaßav.“ Etwas später 
erhält die Sage in Tertullians Schrift „De cultu feminarum“ folgende 
Fassung 2 ): „Nam et illi . . . damnati in poenam mortis deputantur: 
illi scilicet angeli, qui ad filias hominum de caelo ruerunt, ut haec 
quoque ignominia feminae accedat. Nam cum et raaterias quasdam 
bene occultas et artes plerasque non bene revelatas seculo multo 
magis imperito prodidissent, siquidem et metallorum opera nudaverant 
et herbarum ingenia traduxerant et incantationum vires provulgaverant 
etomnem curiositatem usque ad stellarum interpretationem designaverant, 
proprie et quasi peculiariter feminis instrumentum istud muliebris 
gloriae contulerunt, lumina lapillorum, quibus monilia variantur et 
eirculos ex auro quibus brachia artantur et medicamenta ex fuco 
quibus lanae colorantur et illud ipsura nigrum pulverem quo oculorum 
exordia producuntur.“ An anderer Stelle wird dieses Sagenbild er¬ 
gänzt durch die Mitteilung, daß die „angeli qui et materias eius- 
modi et illecebras detexerunt, auri dico et lapidum illustrium, et 
operas eorum tradiderunt, et iam ipsum calliblepharum, vellerumque 
tincturas inter cetera docuerunt, damnati a Deo sunt, ut Enoch refert.“ 
Noch ein Schritt und die Engel werden die Begründer der Chemie, 
oder besser der Alchemie. Ais solche erscheinen sie bei dem 
Byzantiner Zosimos, einem alchemistischen Schriftsteller des 4. Jahr¬ 
hunderts 3 ): „ (päOKOvöiv al legal ygaqxü rjxoi ßißXcu, <b yvvat, öxi 
ioxi xl baifiövutv yevog , ö ygfjxai ywaißiv. ifivtj/uöveuoe bi Kal 
’Eg/iijg iv xotg tpvOiKÖig, küI oyebov öjiag Xöyog (pavegög Kai 
djiÖKgvfpog xoüxo iavTjuövevoe • xof)xo ovv iipaoav al dgyalai Kai 

l ) Clemens Romanus, Hom. VIII, 12 sq. Vgl. H. Kopp, Beiträge zur 
Geschieht« der Chemie. I (Braunschweig 1869) 7 f. 

*) Tertullian, De cultu feminarnm. Lib. L c. 2. Lib. II. c. 10. 

*) K. Krumbachcr, Geschichte der byzantinischen Literatur. 2. Aull. 
Miiuchen 1897, S. 632 f. 

MitteUnngen d. Schien. Gen. t Vkde. Bd. XIX 7 


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98 


defai ygaqxii, oxi äyyekoi xiveg ensäu/LitjOar x<öv ywaiKüv koü 
tutxeAdövreg eöiöagav avxäg nävxa rd xfjg ipvoeojg tgya, cjv yägiv, 
iprjol, jtooöKQovOai'TEg , egro xov oügavoO iueivav, 6n nävxa xä 
novrjgä k ai juijdiv onpe/.oüvxa xt)v ywyijv eöiöagav xovg ävdgconovg. 
i§ avxäv (päöKOvOiv ai avxai ygarpai Kai xovg yiyavxag yeyevijodcu. 
iaxiv ovv avxCyv fj ngcoxtj nagäöocug ffl/iev negi xovxojv xG>v xeyv&v 
ivä/Leoe de xavxrjv xt)v ßiß/.ov yijuev, evdev Kai ij te%vi) yij/aela 
uaAelxai 1 ).“ Die Hagada der .Juden bietet eine Variante zu unserer 
Sage. Hier sind es die Söhne Seths, die Engeln Gottes gleichen, 
welche auf dem Berge Hermon einen erhabenen Wohnsitz haben. 
Von diesem steigen sie später, von Sehnsucht nach dem Paradiese 
getrieben, wieder hernieder und vermischen sich mit den Töchtern 
Kains. Auch in dieser Überlieferung ist Cham der Vater der Chemie 
und diese eine von den Kindern Gottes gelehrte Kunst 2 ). 

Unsere Sage hat uns zu Hermes-Seth geleitet und uns eineu 
Blick in die ältesten kabbalistischen Überlieferungen gewährt. Hängt 
nun vielleicht auch jene Adamsage Wolframs, die in ihrer Breite wie 
ein Fremdkörper im Rahmen der Dichtung anmutet, mit jenem 
alchemistischen Irrwahn zusammen, von dem damals die erste dunkele 
Kunde über die Pyrenäen drang? Ist der Gral etwa gar der Stein 
der Weisen? 

Die Burg, in welcher dieses Heiligtum der ritterlichen Dichtung 
aufbewahrt wurde, ist, wie ich mit den Aufrissen der Bauten Wolframs 
glaube dargetan zu haben, ursprünglich nach dem Vorbilde der 
Burg der seligen Unsterblichkeit des Priesterkönigs entworfen gewesen. 

Ein Wunderstein schlechthin wird nun ausdrücklich in der nach 
dem Orient deutenden Sage dieses indischen Herrschers nicht genannt. 
Wohl werden Steine gerühmt, deren Kräfte zusammengenommen etwa 
den Wunderwirkungen des Gral nahekommen 3 ). Und doch entbehrt, 


*) Erhalten bei Georgius Syncellus, Chronographia. Ex recens. 
G. Dindorf. Vol. I (Bonn 1829) 20 sq. Die Stelle p. 24. Über Cham ala 
Urvater der Chemie und über die Geschichte dieses Wortes vgl. Eisler, a. a. 0 
S. 328. — Über all diese Sagen ist auch M. Berthelot, Les origines de 
l’Alchemie. Paris 1885, p. 11 sv. zu vergleichen. Andere Belege für die Sage 
von den Sethiten und den Kainstöchtern bei M. Grünbaum, Neue Beiträge 
zur semitischen Sagenkunde. Leiden 1893, S. 73. 

2 ) Eingehend handelt darüber Grünbaum, a. a. 0. S. 215 ff. 
s ) Zarncke a. a. 0. S. 913 etc.: verjüngende Kraft, Verscheuchung von 
Haß, Zwietracht und Neid, lichtspendend, wirmegebend. 


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wie ich weiter nachwies, auch das Schloß des Priesterkönigs nicht 
dieses Kleinods. 

Dieser Palast ist nicht so ganz aus der Phantasie des Dichters 
heraus gezeichnet. Wir hörten schon, daß er gebaut ward nach dem 
Muster der siebenstufigen Zikkurats, jener sakralen Türme des Orients, 
und daß diese wiederum ein Abbild des siebenstufigen Bergthrones 
der göttlichen Herrlichkeit sein wollen, den jener stets mit Speisen 
bedeckte Sonnentisoh krönt, über dem die Sonne oder deren strahlendes 
Symbol schwebt. Diesem Sonnensyrabol entspricht nun der alles 
tageshell erleuchtende Edelstein auf der Spitze des Palastes des 
Priesterkönigs, und dem Sonnentische der jetzt natürlich in das 
Innere jenes Riesenbaus versetzte, zum Mahle ladende Tisch. Die 
großen Linien des Aufrisses dieses Bauwerks lassen also dessen Bezug 
auf das Weltbild des alten Orient noch ‘deutlich erkennen. Dieser 
Sagenzug vom kosmischen Hause mit dem Sonnensteine wiederholt, 
sich sogar in anderer Verarbeitung im Presbyterbriefe. Als nämlich 
die Wunderraühle des Priesterkönigs hier beschrifeben wird, heißt es-, 
„Quatuor nempe columpnas magnas et praecelsas de auro purissirao 
fieri l'ecimus, quae in quadam planicie in quadrum sunt dispositae 
. . . Inter quas quidem columpnas superius fieri fecimus domura 
ceu globum rotundaro, quae ita capitibus columpnarum est aequalis 
et iuncta, quod nichil praecellit columnas nec columpnae supereminent 
. . . Subtus rero domum infra columpnas est magna rota cum forti 
fuso de auro fulvissimo formata et disposita, velud est in aliis roolen- 
dinis. Quae rota ita fortiter currit virtute lapidis [qui est in pavi- 
mentoj quod si quis eam firmis oculis vellet intueri, statim amjtteret 
Visum *).“ Eine unzweifelhaft verwandte Architektur in der französi¬ 
schen Dichtung tut dar, daß es sich hier nicht um eine Mühle 
handelt, und daß der treibende Edelstein nicht, wie die interpolierte 
Stelle meint, im Boden ruht, sondern den Bau krönt. In „Karls des 
Großen Reise nach Jerusalem und Konstantinopel“, die ich schon er¬ 
wähnte, werden wir in das Innere des königlichen Palastes in der 
zuletzt genannten Stadt geführt. Dieser hat einen „kreisrunden 
Grundriß, ist eingewölbt und oben durch einen Schlußstein ab¬ 
geschlossen. Der Mittelpfeiler, der das Gewölbe trägt, geht in den 
nächsthöheren Stock durch ein Zimmer und ragt oberhalb des ganzen 
Bauwerks über dasselbe hinaus.“ Die merkwürdigste Eigenschaft 


') Zarncke a. a. 0 S. 918. 

7* 


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dieses Palastes ist die, daß der vom Meere herbrausende Wind ihr» 
dreht „soef et serit“, wie die Welle eine Mühle. Wir kennen diesen 
sich drehenden Palast schon, und auch der Versuch, diese 
Drehung rationalistisch zu erklären, ist uns nicht fremd *). Die 
columpna in medio palatii posita, ex lapidibus preciosis, ex auro et 
ex omni metallo conposita,“ die „exteriores lapides omnino porfiretici“ 
umgeben, kennt auch der Reisebericht des Elysaeus über das Land 
des Priesterkönigs aus dem 12. Jahrhundert. Diese Außenpfeiler 
sind nach dem Grundriß gewiß auch quadratisch geordnet 2 ). Die 
auf'alte Überlieferung zurückgehende Reisebeschreibung des Johannes 
Witte de Hese 3 ) erwähnt ausdrücklich die quadratische Form des 
Grundrisses, was natürlich einen runden Kuppelbau darüber nicht aus¬ 
schließt. Auch bei ihm ruht der Bau auf Säulen, „et media inter 
istas columpnas est maior aliis.“ Der obere Teil dieses Palastes 
dreht sich. In all diesen architektonischen Elementen haben sich 
uralte kosmische Vorstellungen erhalten. Die vier den Himmel 
tragenden Säulen ‘begegnen uns in dem „x öo/xog rer qoküdv“ der 
Orphiker 4 ) und in dem quadratischen Kosmogramm des Mar Aba von 
Nisibis, das uns Kosmas Indikopleustes überliefert hat 5 ), mit seinem 
kegelförmigen, oben gewölbten Berg der Länder auf dem Erdnachen. 
In den Kreis dieser kosmischen Architekturen gehört auch wohl 
das Grabmal des Alyattes, das Herodot neben die aegyptischen und 
babylonischen Wunderwerke stellt 6 ). Dessen Unterbau ist kreisrund; 
darauf erheben sich fünf Säulen. „Etruskische Parallelen zu diesem 
lydischen Bauwerk erlauben die Annahme, daß die mittlere, fünfte 
Säule höher war als die vier Randsäulen, das Ganze also in eine 
erhöhte Spitze auslief.“ Es findet sich hier also auch die Vereinigung 
des lrreisrunden und des quadratischen Grundrisses; auch die Mittel¬ 
säule der französischen Dichtung fehlt nicht. 

Genug! Dieser kosmische Palast des Priesterkönigs ist gekrönt 
von einem Edelstein, der seine ursprüngliche Sonnennatur nicht auf¬ 
gegeben hat; denn taghell breitet er sein Licht aus. Ist er doch 
ursprünglich das Symbol der Sonne über dem Weltenberg. In der 

') Nähere Angaben Oben S. 78, Anm. 4. 

а ) Zarncke a. a. 0. S. 125. s ) Ebenda S. 165. 

4 ) Orphica. Recens. E. Abel. Leipzig 1885. p. 58. v. 29. 

б ) Darüber Eisler a. a. 0. S. 621 ff. 

®) Herodot I, 93. Darauf wies hin in der Besprechung meines Buche» 
[Köln. Volkszeitung. No. 56. 21.1. 17.] A. Dyroff. 


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101 


Salomonsage trägt ihn der König am Finger; er soll den Schlußstein 
des ersichtlich kegelförmig gedachten Totenpalastes der praeadaraiti- 
schen Salomone auf dem Berge aus Goldsand bilden. Sein Glanz 
überstrahlt das ganze Meer. Als Knauf auf Salomons Wunderbau 
in Babylon, auf ‘dem Palaste der Unsterblichkeit des Priesterkönigs, 
und in doppelter Gestalt: einmal auf der Wendelschnecke Wolframs 
als Zauberspiegel oder freischwebend über der Gralburg im „Titurel“ 
finden wir ihn wieder 1 ). Eine solche Sage hatte den Trieb zur. 
Verselbständigung dieses Steines, der in der Salomonsage am Finger 
des Königs Gewalt verleiht auch über die Dämonen, bereits in sich. 
In den Gralsagen hat er sich in der Tat losgelöst von dem Bau 
der Seelen und ist wieder, ohne dabei den inneren Zusammenhang 
mit diesem preiszugeben, zum alten Wunderding des Zaubers 
geworden. Vielleicht geschah diese Bückwandelung ohne jede andere 
Einwirkung nur kraft jenes der Sage vom Ringsteine Salomons 
innewohnenden Triebes, vielleicht aber auch wurde sie herbei¬ 
geführt, oder doch beschleunigt durch jenes dunkele Raunen über 
den anderen Wunderstein der Philosophen und die andere Wunder¬ 
tafel des Hermes, das über die Pyrenäen drang. 

Die letztere, schon durch die besprochenen literarischen Fremd¬ 
körper in Wolframs Dichtung nahe gelegte Annahme entbehrt nicht 
eines gesicherten Untergrundes. In Wesen und Wunderwirkungen näm¬ 
lich ähneln diese Kleinode der schwarzen Kunst der Graltafel und dem 
Gral. Eine Gegenüberstellung wesentlicher Seitenstücke tut das dar. 

Eine Voraussetzung für die Gewinnung des Steines der Weisen 
war die höhere Bestimmung. Ein Julius Maternus Firmicus schrieb 
wohl in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, daß nur eine ge¬ 
wisse Stellung bei der Geburt eines Menschen diesem „scientiam chimi- 
cam“ zu Teil werden lasse. Später wird die Annahme herrschend, „daß 
es auf spezieller göttlicher Auswahl beruhe, wer sich zu dem höchsten 
alchemistischen Wissen erheben könne“, während ein „dazu nicht Aus¬ 
erkorener weder durch geistige Anstrengung noch durch Anwendung 
von Gewaltmaßregeln das Ziel der Alchemie erreichen könne 2 ).“ — Un¬ 
auffindbar ist auch die Gralburg; nur der Auserkorene erwirbt den Gral! 

*) Kampers, Lichtland S. 99. Vielleicht ist dieser Stein identisch mit 
dem Schamir, der beim Tempelbau Verwendung finden sollte. 

a ) H. Kopp, Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit. Heidelberg 188t>. 
S. 204 ff. C. Engler [Der Stein der Weisen. Festrede. Karlsruhe 1889.] geht 
darüber nicht hinaus. 


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Das Wissen von dem Steine der Weisen verrieten die Engel 
den Töchtern der Menschen. Aus Adam — oder Jungfernerde 
besteht die Materia prima, die der Berufene zu seiner Darstellung 
gebraucht 1 ). — Nur der Vorausbestimmte findet den von Engeln 
auf die Erde gebrachten Gral, und in dem Kapitel, in welchem 
Trevrizent Auskunft über dieses Kleinod erteilt, wird in unverständ¬ 
licher Breite der Verlust der Jungfernschaft unserer Allmutter Erde 
durch die Sünde des Kain erzählt 2 ): 

„Diu erde Adarnes muoter was: 
von erden fruht Adam genas, 
dannoch was diu erde ein magt: 
noch han ich iu niht gesagt 
wer ir den magetuoni bcnam. 

Kains vater was Adam: 
der sluoc Abein umb krankez guot. 
dö üf die reinen erdenz bluot 
viel, ir niagetuom was vervarn: 
den nam ir Adarnes barn.* 4 

Diese auch sonst in der mittelalterlichen Dichtung vorkommende tief¬ 
sinnige Vorstellung ist sehr alt. Schon Irenaeus und Tertullian be¬ 
ziehen sich darauf, und durch die Legenda aurea wird sie allgemeinere 
Verbreitung gefunden haben 3 ). Indem sie sich hier aber durch ihre 
Breite und ohne erkennbaren Bezug zum Aufbau der Dichtung als 
Fremdkörper kennzeichnet, zwingt sie uns nach ursprünglichen, tür 
den Sänger bereits verwischten Zusammenhängen zu forschen, die 
eine Hin Übernahme dieses Zuges in die Graldichtung erklärlich machen 
könnten. Zusammenhänge des Steins der Weisen mit der jung¬ 
fräulichen Erde kennt, wie wir sahen, die kabbalistische Überlieferung. 
So springt ein neuer Faden zu dem ersten von dem Gralkleinod zu 
dem Idol des Irrwahns vieler Jahrhunderte. 

J ) Kopp, a. a. 0. S. 6. M. Bcrthelot, Collection des anciens alchimistes 
grecs. II (Paris 1888) 230. Hermes oder Thot erscheint hier als erster Mensch. 
r 0l bi XaXbaiot Kai JJägdoi Kai Mfjboi Kai 'Eßgaloi KaAotiGiv abröv 'Abd/i, 
u iaxiv iiQfjLTjVFia yij nagfievog, Kai alfiaxa>br)$, Kai yf] nvgd, Kai yf) öaQKivr].“ 

2 ) Parz. 4G4, 11. Vgl. auch Berthelot, Origines 1. c. p. 63. Vgl. auch 
oben S. 91. 

*) Irenaeus, Contra baereses III, 21: Tertullianus, Adv. Jud. XIII; 
Tertullianus, I)e carne Christi XVII: „Virgo erat adbuc terra“; Jacobi 
a Voragine Legenda aurea. Receus. Th. Graesse. Dresden 1846. p. 17: 
„immaculata terra“; Ibid. p. 75: „terra, de qua Adam formatus est, inconupta 
<rat et virgo.“ Ii. Köhler, Di»; Erde als jungfräuliche Mutter Adams. 
Germania VII (1862) 477 ff. 


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103 


Der Stein oder das Ei der Philosophen — das Weltei der 
Mithriasten *) — hat durch den grübelnden Tiefsinn der Gnostiker J ) 
etwas Geheimnisvolles, Mystisches, ja, geradezu Göttliches angenommen. 
Als „tö toö KÖOfiov , wie er in dem erwähnten Venetianer 

Kodex des elften Jahrhunderts genannt wird, feiert man mit tönenden 
Worten „Aldov, röv ot) Xldov, röv ayvtooxov ttal jiüoi yvojöxov, tov 
drifxov kcu TioXvrifXov, röv döfbgrjxov Kai deoöcjgrjxov . . . ToOxo 
yÜQ ioxt tö (päQfianov, tö ttjv dova/utv iyov, xö uidgiauov 
HvoxrfQiov 3 ).“ Eine solche in überaus bedeutsame Formen der 
Religionsgeschichte sich verflüchtigende Auffassung mußte sich im 
christlichen Kulturkreise des Abendlandes abwandeln. Hier werden 
nun ähnliche Verquickungen des philosophischen Steins mit der 
christlichen Heilslehre vorgenommen. Wir sahen schon, daß der 
Lehrer jener „ars notoria“, welche in Cordova gelehrt wurde, ein 
heiliger Mann und dessen Hörer sündenlos und rein sein mußten. 
Was hier von den Lehrern und Schülern der Kabbala allgemein 
verlangt wurde, setzten die Alchemisten für die Beschäftigung mit 
ihrer besonderen Geheimkunst als Vorbedingung voraus 4 ). Der 
religiöse Schwärmer, zugleich aber auch der „erste bewußte Irrlehrer“ 5 ) 
der Alchemie in Europa, Rayraund Lull (f 1315), — wenn anders 
der sogenannte „Codicillus“ ihm mit Recht beigelegt wird — sagt, 
nachdem er als das Ergebnis der Alchemie die Reinigung und Ver¬ 
vollkommnung aller mineralischen Substanzen bezeichnet hat: „Ut 
Christus Jesus de stirpe Davidica pro liberatione et dissolutione 
generis humani peccato captivati ex transgressione Adae natnram 
assumpsit humanam: sic etiam in arte nostra quod per unum nequiter 
maculatur per aliud suum contrarium a turpidine illa absolvitur, 
lavatur et resolvitur.“ Noch kühner ist Marsilius Ficinus (f 1499). 

J ) Darüber Eisler, a. a. 0. S. 524, der an Beziehungen zur „petra genitrix“ 
denkt. 

2 ) Die älteste uns bekannte Anweisung zur Herstellung des Goldes im 
griechischen Papyrus von Leiden wurde zusammen mit anderen Papyrusrollen 
magischen, astrologischen, gnostischen Inhalts gefunden, „so daß auch hierin 
die Beobachtung uns entgegentritt, wie die Chemie mit den genannten mystischen 
Richtungen verquickt war“. H. W. Schaefer, Die Alchemie. Progr. d. Gymn. 
zu Flensburg 1887, S. 17. 

3 ) Borthelot, Collection 1. c II, 18 et 114. Vgl. auch Krumbacher 
a. a. 0. S. 632. 

4 ) Vgl. oben S. 86 Anm. 1. 

5 ) Schäfer, a. a. 0. S. 25f. Kopp, Alchemie S. 210f., 252 ff. 


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104 


Er spricht von der jungfräulichen Geburt des Erlösers und stellt die 
Gottesmutter dem Mercurius der Alchemisten, dem Quecksilber, gleich: 
„Unde nobis puer, hoc est lapis naseitur, cuius sanguine inferiora 
Corpora tincta in coelum salva reducuntur, et permanet virgo 
Mercurius sine labe, quaiis antea fuerat unquam*“ Der spätere ge¬ 
lehrte Basilius Valentinus, über dessen Leben wir nichts Sicheres 
wissen, vergleicht den philosophischen Stein mit der Dreieinigkeit l ). 
Wo solcher Unfug sich breit machen durfte, mußten auch die 
Folgerungen gezogen werden. Die Ausübung der Alchemie galt als 
etwas Geheiligtes, nur gläubig durfte der Kunstgenosse sein „frommes 
Werk“ vollbringen. So lehren schon jener Lull und der berühmte 
Arnald von Villanova 2 ). Der Stein der Weisen ist also nach diesen 
Vorstellungen kein religiöses Heiligtum, und doch weiß man ihn 
durch jene mystischen Vergleiche zu einem Gegenstände frommer 
Scheu zu machen. — Wolframs Gralkleinod ist makellos und rein :i ). 
Der sündige Mann kann den Stein nicht erheben, weil er ihm zu 
schwer ist, aber die reine Jungfrau trägt ihn leicht 4 ). Erst als 
Feirefis die Taufe empfangen hat, ist er befähigt, den Gral zu sehen. 
Wolfram läßt keinen Zweifel darüber, daß sein Wunderstein kein 
christliches Heiligtum ist. Die Verehrung, die ihm zu Teil wird, 
ist völlig frei von religiösen Beweggründen. Auch das Gralkleinod ist 
aber aus dem Dunstkreise des Beinmenschlichen herausgehoben und 
in das mystische Zauberreich des Seelenlandes des Gral zwischen 
dem Himmlischen und Irdischen entrückt. Die Eigenart seines 
Wesens und der ihm gezollten Verehrung hat also ihr Seitenstück 
in jener Wertschätzung des Steins der Weisen. Die Fäden, die 
zwischen beiden laufen, verdicken sich zum Garne. 

Das Mittel, mit dem die Metallveredelung herbeigeführt wurde, 
hieß auch wohl Elixir, so bei Albertus magnus 5 ). Dieser Ausdruck 
wird besonders dann gern von den Alchemisten gebraucht, wenn sie 
die leben verlängernde Kraft ihres Idols hervorheben wollen. Dieses 
Elixir dachte man sich als Stein, dessen bloßer Anblick belebt, oder 
als Pulver, oder als Balsam. — In den französischen Graldichtungen 
begegnet uns auch ein solcher wiederbelebender Balsam und zwar 


l ) Schaefer, a. a. 0. S. 29. Kopp, Alchemie S. 253. 

*) Kopp, a. a. 0. S. 210 ff. 

s ) Parziv. 471, 22: „der stein is immer reine“. 

4 ) Parzir. 235, 477, 809. 

6 ) Kopp, Chemie S. 450 ff. 


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in merkwürdiger Beziehung zum Gral 1 ). Wir werden jetzt nicht 
mehr allzu zaghaft sein und das „lapsit exillis“, wie Wolfram sein 
Kleinod nennt, als „lapis elixir“ autlösen 2 ). Die Tatsache, daß 
Wolfram gleich naöh dem Gebrauche seines ersichtlich verzerrten 
Ausdrucks von der Verjüngung des Phoenix durch den Gral spricht, 
würde gerade diese Richtigstellung empfehlen. Vom Gralstein sagt 
hier der Eschenbacher: 

„des geslähte ist vil reine. 

hat ir des niht erkennet, 

der wirt iu hie genennet. 

er heizet lapsit exillis. 

von des steines kraft der fenis 

verbrinuet, daz er zaschen wirt: 

diu asche im aber leben birt. 

sus rert der fenis müze sin 

unt git dar nach vil liehten schin, 

daz er schoene wirt als e 8 )“. 

Es scheint mir nicht ganz unwesentlich zu sein, daß dieser Bericht 
vom Phoenix sich bei Wolfram im Zusammenhänge mit jener Engel¬ 
sage findet. Da auch die Sage vom Priesterkönige Johann 4 ) den 
Wundervogel in Verbindung mit den Misgestalten erwähnt, so scheinen 
mir hier zusammengehörende Reste einer alten Paradiesessage vor¬ 
zuliegen. Nach Ovids Erzählung hat der Phoenix ja im Elysium 
seinen Wohnsitz, und dementsprechend läßt ihn Lactanz, der den 

l ) Bei Gerbert. Näheres darüber bei V. Juuk, Gralsage und Graldichtung 
des Mittelalters. Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiss. in Wien. Pbil.-bist. Kl. 
168 (1911) 92 f. 

a ) Diese Auflösung bat K. Burdach, wie er mir liebenswürdiger Weise 
mitteilte, in einem größeren Aufsatz über den „Parzival“ eingehender begründet. 

3 ) Parziv. 469, 4 ff. 

4 ) Im Presbyterbrief wird er nach den pygmei, cenocephali, gygantes, 
monoculi, cyclopes nur erwähnt als „avis quae vocatur fenix“. Eingehender 
sind die Übersetzungen* Das noch dem 13. Jahrhundert angehörende Gedicht 
in der Berliner Handschrift sagt zum Schluß, daß der Phoenix 

„zu puluere verbrinne. 

Von dem puluer wechset dar vnder 
ein ander: daz tut ouch daz wunder.“ 

Nach dem nicht viel späteren Gedicht in der Ambras-Wiener Hs. gewinnt 
nach der Verbrennung des Vogels 

„der asche solhe crafft, 

daz er wirt weerhafft 

vnd wirt darnach iebentig wider.“ 

Za rucke, a. a. 0. VII, 911, 950, 960. 


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Vogel „mit den Motiven des Paradieses“ schildert, in der Lebens¬ 
quelle baden 1 ). Die Alchemie kennt den Phoenix als Symbol des 
Absterbens und Wiederauflebens in der Natur 2 ); er kann somit recht 
wohl auch das Symbol des festen Glaubens der Anhänger jener 
Geheimkunst an die lebenverlängernden Wirkungen des Steins der 
Weisen gewesen sein. Spuren dieses Glaubens finden sich schon bei 
den arabischen Gelehrten, so bei Geber; bestimmt tritt für ihn ein 
der schon genannte Arnald von Villanova. Dann nimmt diese Lehre 
geradezu groteske Formen an 3 ). — Bei Wolfram lesen wir: 

,do der könec den gräl gesach, 
daz was sin ander ungemach, 
daz er niht sterben mohte, 
wand im sterben dö niht dohte 4 ).“ 

Noch sind die Garne, welche ich von dem einen Kleinod zum 
anderen zog, nicht zum festen Seile gedreht. Das könnte überhaupt 
unmöglich erscheinen angesichts der Tatsache, daß von der am meisten 
in die Augen fallenden Eigenschaft des Steins der Weisen: der Ver¬ 
edelung der Metalle, des Goldmachens, in den Gralsagen nicht die 
Rede ist. Auch mein Einwand dagegen, daß dieser Zug sehr schlecht 
zu dem tiefernsten Lebensepos Wolframs paßt und deshalb vom 
Dichter ausgeschieden sein könne, würde nicht viel Gewicht haben 
angesichts der Tatsache, daß auch das nicht minder aus dem Rahmen 
jener Dichtung fallende Motiv vom „Tischlein-deck-dich“ Aufnahme 
fand. Aber in dieser Zeit, in welcher die erste dunkle Kunde von 
jener geheimnisvollen Kunst zu den Franzosen und Deutschen aus 
Spanien drang, dürfen wir uns wohl damit begnügen, statt einer 
solchen Erwähnung des Goldmachens im „Parzival“ vom Gral zu 
hören, daß er dem Märchenreich der Königin Sekundille an Reichtum 
weit überlegen sei: 

.dö sagete man ir umben gräl, 
daz üf erde niht so richcs was 5 ).“ 

Auf große Reichtümer, die der Gral gewährt, deutet es doch auch 

*) K. Burdach, Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Refor¬ 
mation. Sitzungsbcr. der k. preuß. Akad. d. Wissenschaft. XXXII (1910) 
627 ff.: 639 f. 

2 ) C. W. Gessmann, Die Geheimsymbole der Chemie und Medizin des 
Mittelalters. Mönchen 1900, S. 103. 

3 ) Kopp, Alchemie. S. 96 ff. 

4 ) Parziv. 480, 27 ff. Vgl. u. a. auch 469, 16 ff. u. 501,29. 

5 ) Parziv. 519,10 f. 


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107 

wohl hin, wenn in (lern späteren Gedicht „Lorengel“ der Gral jeden 
Wunsch erfüllt, nnd alles gewährt: 

„er hat vom stein wes er begert, 

heit er sich dar mit rechte 1 ).“ 

Überhaupt kann man eine restlose Übernahme eines neuen Stoffes 
von den Sagendichtem dieser Zeit nicht erwarten. Die Phantasie 
jener Tage, berauscht von der bunten Fülle alter und neuer Stoffe, 
kümmert sich überhaupt nicht um alte geschlossene Überlieferungen. 
Keck zugreifend formt sie mit losgerissenen Einzelzügen ihre neuen 
Gebilde. Es kann nicht Wunder nehmen, daß bei einem solchen 
Arbeiten der Gehalt eines solchen Sagenzuges nicht richtig erfaßt 
wird, oder daß das aus dem Zusammenhänge Gerissene sich nach 
der Übernahme in der fremden Umgebung als ein Bruchstück, viel¬ 
fach auch als Fremdkörper kennzeichnet, oder aber endlich, daß der 
gleiche Zug, nur in verschiedener Abwandlung, ohne daß der Dichter 
diese Wiederholung bemerkt, Eingang in die neue Sage findet. Für 
all das ist die Gralsage der klassische Zeuge; sie ist so ganz das 
Kind dieser wahllos in den überreich zuströmenden Stoffen haschen¬ 
den, sagenfrohen Zeit. 

So zieht die Kabbala ihre Spinnfäden von dem einen Kleinod 
zum anderen — hinüber, herüber. Das gleiche, graue, duftige 
Gewebe, das den Stein der Weisen und den Stein des Gral umgibt, 
ist dünn genug, um die seltsame Tatsache erkennen zu lassen, daß 
Züge vom Weltei der Mithriasten und Alchemisten auf das Sonnen¬ 
symbol der Herrlichkeit Salomons übergegangen sind, ehe dieses von 
den Graldichtern zum Idol der weltfliehenden Zeitseele erwählt wurde. 

Die Sage vom Weisen und Zauberer Salomon, der den wunder¬ 
wirkenden Stein mit dem magischen Gottesnamen am Finger trägt, 
der die Sraaragdtafel mit den geheimnisvollen kosmischen Zeichen 
sein Eigen nennt, war wie geschaffen, einen derartigen Übergang 
nahezulegen. Sollte bei diesen Einwirkungen der Geheimwissenschaft 
auf die mystischen Vorstellungen von dem Kleinode der ritterlichen 


*) Lorengel. Hrsg. v. E. Steinmeyer in Zeitschrift für deutsches Alter¬ 
tum XV (1872) 181 ff. Junk a. a. 0. S. 63. Derartige Beziehungen ahnte schon 
H. B. Schindler, Der Aberglaube des Mittelalters. Breslau 1858. S. 134: 
„Wie die nordische Mythe das Erlangen alles Ersehnten im „Wunsche" 
(Wünschelrute, Wünschelreis, Tischlein-deck-dich, Heckethaler) ausgemalt, so 
die Sage im „Gral“. Der Gral gibt Fülle des Reichtums, Kraft und Un¬ 
besiegbarkeit, Schönheit und ewige Jugend, Tugend und Glückseligkeit.“ 


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108 

. Welt vielleicht auch der vielurastrittene Name „Gral“ der jüdischen 
Kabbala entnommen sein? 

Dieser Name ist mit Sicherheit noch nicht erklärt. Dem Zeugnis 
des Mönches Helinand aus dem Anfänge des 13. Jahrhunderts folgend, 
leitete man ihn zumeist ab von gradalis in der Bedeutung von 
„weite Prunkschüssel, worin an reichen Tafeln Delikatessen stufen¬ 
weise, gradatim, abgeteilt lagen 1 )“. Das ist nicht ohne Widerspruch 
geblieben 2 ). Andere haben auf das etymologisch dunkele, in 
England und Italien aber bereits im 9. und 10. Jahrhundert belegte 
garalis, Behältnis für Getränke 3 ), zurückgegriffen, aus welchem 
Worte, nachdem es zu gradalis latinisiert worden, das provenyalische 
Wort grazal, Schüssel, entstanden sei. Guiot-Wolfram aber belehrt 
uns, daß das Kleinod keine Schüssel, sondern ein Stein ist, und 
unser Stammbaum der Gralsage tut dar, daß er im Rechte ist. 
Übrigens hat auch die älteste Graldichtung das Wort nicht in der 
Bedeutung von Schüssel gebraucht; sonst wäre eine gelegentliche 
Scheidung in dieser zwischen „li saint Gr6als et li saint vaissialz“ 
einfach unmöglich 4 ), sonst wäre ferner ein solches unsicheres Ab¬ 
gehen von der Urform graal, wie es die Abwandlungen greal und 
grial dartuen, in fast gleichzeitigen Dichtungen nicht zu erklären. 
Nach wie vor besteht die Möglichkeit einer Ableitung von turris 
oder mons gradalis 5 ) — aber nur die Möglichkeit. In der Auffassung 
der ältesten Graldichter war das Kleinod etwas Geheimnisvolles in 
Steingestalt mit rätselhaftem Namen. 

Unlängst ist nun ganz gelegentlich die Vermutung ausgesprochen 
worden 6 ), daß jenes vielgebrauchte und hochgefeierte Wort aus dem 


l \ Hertz a. a. O. S. 419 f. 

*) G. Gröber, Grundriß der roman Philologie. 2. Aufl. II, 1 (Straßburg 
1902) 502. G. Bai st, Parzival und der Gral. Rektoratsrede. Freiburg i. B. 
1909. S. 37 Amn. 

3 ) Gröber a. a.O. S. 502. Hertz a. a. 0. S. 420. Besonders F. Diez, 
Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen. 5. Ausg. Bonn 1887, 
S. 601 mit seinem Hinweis auf das Vorkommen des Wortes garrales in Collecciou 
de poesias castellanas anteriores al siglo XV por T. A. Sanchez. IV (Madrid 
1790) 189 u. 311. 

4 ) Näheres bei R. Heinzei, Über die französischen Gralromane. Denk¬ 
schriften der Kais. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 40 (1892) 47. 

ft ) Diese Erklärung schlug ich Lichtland S. 101 vor. 

6 ) In einer Notiz zu meinem „Lichtland 1 * von Poschmann in der Köln. 
Volkszeituug No. 69 vom 25. Jan. 1917. Wenn Poschmann aber auch noch einer 


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hebräischen goral, Los und Losstein, abzuleiten sei. Diese Wort¬ 
erklärung paßt einmal ausgezeichnet zu dem von mir entworfenen 
Stammbaum der Gralsage und beleuchtet namentlich auch den alche- 
mistischen Eiuschlag in diese noch heller. Denn dieses Wort goral 
hat, wie wir gleich sehen werden, in der jüdischen Kabbala Spaniens 
eine große Rolle gespielt. In der unsicheren, mit abergläubischer 
Scheu verbreiteten Kunde von der Geheimwissenschaft jenseits der 
Pyrenäen konnte das unverstandene Wort leicht jene anderen Formen 
annehmen. Durch diesen Nachweis erhöht sich die linguistisch nicht 
zu läugnende Möglichkeit dieser Ableitung des zweisilbigen graal 
aus goral durch Umstellung des r zur Wahrscheinlichkeit und er¬ 
klären sich zugleich die Unsicherheit verratenden Abwandlungen 
des Wortes, das völlig sprachfrerad war und deshalb leicht in der 
mit abergläubischer Scheu weitergetragenen, an sich schon höchst 
dürftigen Kunde von jenem geheimen Wissen der Orientalen in 
Spanien verzerrt werden konnte. 

Ob das Wort goral in der Salomonsage größere Bedeutung 
beanspruchte, weiß ich nicht, wohl aber kann ich mit Sicherheit 
dartun, daß es in der Astrologie und Magie der Hebräer vor Wolfram 
einen besonders starken Klang hatte. Erinnern wir uns, wie Wolfram 
uns glauben machen wollte, sein Gewährsmann, der Heide und 
Nigromant Flegetanis, habe den Namen Gral in den Sternen gelesen. 
Wolfram, oder besser Guiot, war also der Meinung, daß das Wort 
einmal orientalischer Herkunft sei und weiter Bezug habe auf die 
Wissenschaft, das Schicksal der Menschen durch die Stellung der 
Gestirne zu bestimmen. Wenn wir nun wiederholt von einem Buche 
„Goraloth“, einem Losbuche mit allerlei astrologischem Irrwahne 
hören, so erhalten die Verse Wolframs auf einmal ein ganz anderes 
Gesicht. 

Derartige Losbücher, namentlich solche spanischer Herkunft, 
gibt es in Fülle 1 ). Diese sind durchweg nicht jüdischer, sondern 


Beeinflussung der Gralsage durch die Psalmen das Wort redet, so vermag ich 
ihm leider nicht zu folgen. 

*) Für das Folgende verweise ich auf Sotzmann, Die Losbücher des 
Mittelalters. Serapeum. 1850 Nr. 4—6. 1851 Nr. 20—22. H. B. Schindler 
Der Aberglaube des Mittelalters. Breslau 1858, S. 228 ff. Flügel, Die Los¬ 
bücher der Muhammedaner. Berichte über die Verhandlungen der kgl. Büchs_ 
Ges. d. Wies. Phil.-bist. CI. 13 (1861) 24 ff. M. Steinschneider, Hebräische 
Bibliographie. VI (1863) 120 ff. Ders., Über die Mondstationen (Naxatra) und 


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arabischer Herkunft, Wir wissen, daß vielleicht Abraham ibn Esra, 
4er spanische Meister in der Astrologie, Kabbala und Medizin im 
12. Jahrhundert, dem ein hebräischer „Sepher goraloth“ zugeschrieben 
ward, sicher aber, der etwas spätere Jehuda alCharisi von Spanien 
aus Europa bereisten und die geomantische arabische Wissenschaft 
durch Losbücher zunächst auf hebräischen Boden verpflanzten. Das 
Wort goral ist bei einem solchen Sepher Goraloth an die Stelle des 
arabischen Wortes fäl getreten. 

Das Losorakel erfreute sich bei den Arabern großer Beliebtheit. 
Ihre Lose waren gewöhnlich zwei Pfeile ohne Spitzen; der eine Pfeil 
war dann der heißende, der andere der verbietende. Gelost wurde 
im Heiligtume vor dem Idol. Diese Sitte kennt auch das jüdische 
Volk; es besaß ein ähnliches priesterliches Orakel 1 ). Jene arabische 
Divination nun reicht weit zurück. Dem Dscha‘faras-Sädik (f 7<i‘») 
unter anderen, der zur Familie Muhamraeds gehörte, wird eine Ab¬ 
handlung über Alchemie, Vorhersagung aus dem Vogeltluge und Fäl 
zugeschrieben. Sehr geschätzt war auch ein „Buch der Physiognomik, 
des Fäl und der Wahrsagung aus dem Vogelfluge“ des Abu Hasan 
Ali bin Muhammad (f 830). Später wird der Begriff des Fäl zu 
einer auf astrologischem Wege zu gewinnenden divinatorischen 
Losung. Doch mischt sich dann auch alchemistisches Zeug auf¬ 
dringlich unter den älteren Stoff, wie die Bücher vom Fäl und 
Goral dartuen. Leider kann ich als Laie auf dem Gebiete orientalischer 
Sprachen aber nicht untersuchen, ob der Stein der Weisen dem 
Lossteine der Hebräer angeglichen, oder gar gleichgesetzt wurde. 

Immerhin! Angesichts der Tatsache, daß unsere Graldichter 
unter dem Einflüsse der spanischen Kabbala standen, angesichts der 
weiteren Beobachtung, daß in dieser geheimen Wissenschaft das 
Wort goral eine ganz bedeutende Rolle spielte, angesichts der Be¬ 
das Buch Arcandam. Zeitschr. d. deutsch, uiorgenländ. Ges. 18 (1864) 176 ff. 
Ders., Die „Skidy“ oder geomantischen Figuren. Zeitschr. d. deutsch, morgenl* 
■Ges. 31 (1877) 762 f. Ders., Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters. 
II (Berlin 1893) 867 ff. Ders., Die hebräischen Handschriften der k. Hof- und 
Staatsbibliothek in Mönchen. Mönchen 1895. Zu den Codd. hebr. 228, 294, 341. 
J. Wellhausen, Reste arabischen Heidentums. Berlin 1897, S. 132. 
T. W. Davies, Magic Divination and Demonology. London 1898, S. 74 F. 
The Jewish. Encyclopedia. VIII (1904) 187. Auf die Losbücher verwies mich 
liebenswürdigst Herr Prof. Dr. Brann-Breslau. 

') 1. Sam. 30. Wellhausen, a. a. 0. S. 133. Besonders die interessante 
Notiz zu Ezcch. 21, 21. 


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111 

hauptung Wolframs, daß ein Jude das Wort aus den Sternen gelesen 
habe, glaube ich einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit dafür 
dargetan zu haben, daß das Kleinod der ritterlichen Welt wirklich 
▼on jenem hebräischen Worte seinen Namen erhielt. Der Wunder¬ 
stein der Salomonsage wäre darnach zum Losstein, Schicksalstein der 
Juden geworden und vielleicht haben wir in ihm — eine Kenn¬ 
zeichnung, die vorzüglich zu dem Doppelsinn des Wortes „goral“ 
passen würde — jenen obengenannten „ Aidov, röv ov Mdoi' u , das 
Mysterium der Mithriasten und Alchemisten, zu erkennen. 

So hat mich also ein etwas wagemutiger Kitt ins linguistische 
Land entführt, und schon spürt mein Rößlein Lust, sich auf dem 
gefährlichen Boden munter zu tummeln. Wenn der Gral der jüdische 
„goral“, der arabisch-persische „fäl“ ist, warum soll dann Parzival nicht 
der persische färis-i fäl 1 ), der Perser oder Ritter des Loses oder der 
guten Vorbedeutung, sein? Bei dem engen Nebeneinander und häufigen 
Durcheinander der hebräischen und arabischen Sage und Kabbala 
braucht es nicht Wunder zu nehmen, wenn dieser Name der einen 
und jener der anderen Sprache entnommen wurde. So hätten also 
der alte Görres und ihm folgend Richard Wagner das Richtige 
geahnt? Geahnt sage ich; denn Görres leitete den Namen von „parsi 
oder parseh fal“ ab; das sollte arabisch sein und „der reine oder 
arme Dumme“ bedeuten *)“. Diese und verwandte Auflösungen 
hängen gewiß in der Luft; der raeinigen muß man wenigstens das 
zuerkennen, daß gerade die rätselhafte Schlußsilbe eine ansprechende 
Bedeutung durch sie gewinnt. 

Bislang hat sich die Sprachforschung vergeblich bemüht, den 
Namen des Gralhelden restlos zu erklären. Zwar haben einige mit 
Sicherheit behauptet, daß die Vorsilbe Per in den altfranzösischen 
Fassungen eines Namens, wie bei den Namen Peredur und Peronnik, 
auf das Keltische zurückzuführen sei*). Indes der gleichfalls in 
dem altfranzösischen Parceval frühzeitig belegte Name Parzival 
Guiot-Wolframs ist die ursprüngliche Form, und die Iraperativnamen 

*) Arabisch färisu ’lfäl. Der Name Faris ist wiederholt nachweisbar. 
Die Herren Dr. Gratzl und Dr. Reißmüller in Mönchen haben mich bei diesem 
sprachlichen Versuche freundlichst unterstützt. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 492 verweist daneben auch auf den Versuch 
Bergmanns, das Wort vom persischen färisifäl, der unwissende Ritter, und 
jenen Opperts, es von Parsi vil oder füll, Persiens Blume, herzuleiten. 

*) Hertz a. a. 0. S. 490ff. 


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n-2 


Perceval, Percheval, Perseval etc. erscheinen mir als ein Versuch, 
den sonst dunkelen Eigennamen durch diese leise Umformung zu 
erklären. Vollends der letzte Teil des ursprünglichen Namens ist 
niemals einwandsfrei aufgehellt worden. 

Gern räume ich ein, daß auch meine Deutung des Namens noch 
gar sehr der Stützen entbehrt. Nur eine kann ich ihr noch geben 
in dem Nachweis einer sehr engen Verwandtschaft der Mär von 
Parzival mit der persischen • Heldensage. Daß man auch diese Tat¬ 
sache nicht als unbedingt entscheidend ansehen wird für die von mir 
vorgeschlagene Namenerklärung, weiß ich. Wenn ich aber auch mit 
der Aufdeckung dieses Zusammenhanges den Sprachforscher nicht 
überzeugen kann, so glaube ich doch auf jeden Fall der ver¬ 
gleichenden Literaturgeschichtschreibung zu nützen 1 ). 

Gerade in den Tagen Fulcos von Jerusalem, dessen Königtum 
an heiliger Stätte auf den ersten Graldichter Guiot einen so tiefen 
Eindruck machte, belebte ein an sich unscheinbares Ereignis die in 
der romantischen Kreuzzugstimmung niemals ganz verschollene Mär 
von jenen ritterlichen Helden des Ostens und besonders von jenem 
dort so hochgefeierten Weltherrscher Chosro. 

Im Jahre 1138 unternahm der byzantinische Kaiser Johannes 
seinen Siegeszug gegen Schaisar, das er so lange belagerte, bis der 
Emir Abu-1 Asakir ihm außer einem jährlichen Tribute kostbare 
Geschenke sandte. Darunter befand sich ein herrliches Kreuz aus 
einem glänzenden Steine und ein Tisch von unschätzbarem Kunst¬ 
werte 2 ). Beide sollten unter Kaiser Romanus Diogenes in die Hände 

') Ein solcher Nachweis ist nur ein neuer Ring einer starken Kette. Schon 
vor einem halben Jahrhundert hören wir die Behauptung: „Die Ritterromane 
haben . ihre Heimat nicht bei den britischen Völkern, wie allgemein gelehrt 
wird, sondern im Oriente.“ [Der große Wolfdietrich, herausg. v. A. Holtzmann, 
Heidelberg 1865. S. XCV.]. An dieses und ähnliche Urteile anknüpfend ist neuer¬ 
dings mit Erfolg der Versuch unternommen, die Abhängigkeit des Urtristan von 
einem persischen Roman des 11. Jahrh. oder dessen älterer Quelle darzutun. 
Vgl. die mir von Herrn Kollegen Appel genannte Studio von R. Zenker, Die 
Tristansage und das persische Epos von Wis und Hämin. Roman. Forschungen. 
29 (1910—1911) 321 ff. Vgl. auch das weiter unten über die Kyrossage 
Vorgetragene. 

2 ) Nicetas, Historia. Rec. J. Bekker, Bonn 1835, p. 41. Joannc g 
(Jinnamus, Epitome. Rec. A. Meineke. Bonn 1836, p. 20. Vom Kreuze heißt 
es hier: „kiöog i)v kvyvirrjg fieyi&ovg lxavüg d^cov, ig övaugtxöv de 

biakagevodeig oyf/na ökiyov rfjg <pvntKf)g iv r<£> kageveodai bJtoßeßklpiet ygotAg « 
R. Röhricht, Geschichte d. Königreichs Jerusalem. Innsbruck 1898. S. 216 


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113 


der Ungläubigen gefallen sein. Der Tisch und besonders der Stein 
in Kreuzesform mußten die neuen Hüter der salomonischen Terapel- 
stätte und des heiligen. Grabes an das uns bekannte Kleinod 
des Judenkönigs und zugleich an die Heimholung des heiligen 
Kreuzes aus dem Besitze der Perser erinnern. Mit diesem frommen 
Gedenken aber verband sich der Rückblick auf die Helden der Kreuzes¬ 
legende. Gerade in dieser Zeit beginnt eine bald in Dichtungen 
festgehaltene Verherrlichung des Befreiers des heiligen Kreuzes, des 
Kaisers Heraklios, welche freilich überaus gekünstelt war, da der 
später noch dazu als Häretiker gebrandmarkte Byzantiner so gar nichts 
von einem Volkshelden an sich hatte. Mit Heraklios zugleich aber stieg 
der Schatten seines Gegenspielers riesengroß empor: Chosro, der Gott¬ 
könig der Perser, von dem Heldensänge des Ostens stolze Märeu 
kündeten und dem die Byzantiner hingerissen und erbebend zugleich 
dämonische Züge gegeben hatten. Als Träger des Weltherrschafts¬ 
gedankens und mit den Ansprüchen eines solchen, umgeben von de 
paradiesischen Pracht des Ostens, war er ganz nach dem Herzen der 
Kreuzzugsromantik geschaffen. 

Die Vorstellung eines die ganze Oikoumene umfassenden Reiches 
wurzelt in der alten Welt und im Mittelalter ganz im religiösen 
Untergrund. Weltbezug, Weltdauer, Weltberuf geben ihr den Inhalt.. 
Von den Gottkönigen des Ostens, von den Augusti Roms, von den 
germanischen Caesaren des Mittelalters erwartete man die Wieder¬ 
herstellung des Einklanges zwischen dem Schöpfer und dem Ge¬ 
schaffenen. Das ist der Grundgedanke der hochgestimmten Schilderungen 
des Königpriestertumes des großen Karl, das ist die Dominante der 
übervollen Akkorde der augusteischen Preislieder, und den Dichter 
der vierten Ekloge glauben wir zu hören, wenn Firdusi von seinem 
das All befriedenden Chosro also singt: 

„Er saß auf dem Throne der Weltherrschaft 
Auf seinem Haupt die Krone der Kraft; 

Gerechtigkeit ringsum breitet’ er aus, 

Die Wurzel des Unrechts reutet’ er aus. 

Wie er der Hoheit Krön' aufgesetzt, 

Ergetzt’ er die Krone, von ihr ergetzt. 

Wo Wildes war, ward es zahm gemacht, 

Was Gram hatte, frei von Gram gemacht. 

Die Frnhlingswolkc regnete Tau 
Und wusch, von Kummer die Erdenau. 

Voll Heil und Frieden ward das Land, 

Und gebunden war Ahrimans Hand. 

Mitteilungen d. Sehles. Ges. f. Vhde. Bd. XIX. 8 


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114 


Gesandte aus jedem Gaue kamen 
Von allen Fürsten und hohen Namen. 

Zu seiner Zeit war kein hohes Genick, 

Das sich nicht gab in seinen Strick. 

Die Welt war bewässert und belaubt, 

In Schlummer sank des Kummers Haupt, 

Die Erde war ein Paradeis* 

Voll Gerechtigkeit, Huld und Preis 1 ).“ 

Mit den Farben der glückseligen Urzeit schildert Firdusi, eben¬ 
so wie Vergil in seiner vierten Ekloge, das Walten seines Welt¬ 
herrschers. Hier wie dort gewinnt das Bild des Helden märchen¬ 
hafte Züge. 

In Chosros Landen liegt die von Sijawusch erbaute Stadt Gang 
Düz, welche an die Stadt des Priesterkönigs Johann und an das 
Beich des Gral lebhaft erinnert. Hinter den Wassern erhebt sich 
auch sie weltentlegen: 

„Zehn Tagreisen jenseit des Meers von Tschin 
Im Lande, dem sonst kein Namen verliehn, 

Kommt Wüste, wo vorbei ist das Meer, 

Du siehst eine Fläch’ ohne Wasser umher . . . 

Drauf siehst du hohe Bergesreihn, 

Da Niemand weiß, wie hoch sie sei’n. 

Gang Düz in Mitten der Berge liegt. 

Merk’ es, das Merken schadet dir nicht! 

An hundert Meilen im Kreis umher 
Sind dem Auge die Höhen zu sehn.“ 

Unauffindbar erscheint auch sie: 

„Wo du magst suchen, kein Weg ist da. 

Alles ist steil, fem und nah, 

Auf dreiunddreißig Meilen so 

Ist hüben und drüben Steinwand hoh 2 ).“ 

Kündet Wolfram von der Gralburg: 

„si [seil, diu burc] stuont reht als si w»re gedraet. 
ez enflüge od hete der wint gewaet, 

. mit sturme ir niht geschadet was. 

vil turne, inanec palas 
da stuont mit wunderlicher wer. 
op si suochten elliu her, 
sine g^ben für die selben not 
ze drizec jären niht ein bröt 3 ),“ 

1 ) Firdosi’s Königsbuch (Schahname) übersetzt von F. Rückert. 
Sage XV-XIX. Berlin 1894. S. 259 f. 

2) Ebenda S. 99 f. *) Parz. 226, 15 ff. 


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so heißt es ähnlich bei Firdusi: 

„Wenn auf fünf Meilen dort fünf Mann 
Stehen im Wege zum Kampf angetan. 

Finden nicht Durchgang tausende 
Beharnischt auf Rossen brausende.* 

Dann wird ein Bild der Stadt entworfen, dessen leuchtende Farben 
wir in der Beschreibung des Reiches des Priesterkönigs und der 
Grallmrg mit dem Zauberschlosse wiederfinden: 

„Weiterhin siehst du die weite Stadt, 

Die Schlösser, Hallen und Gärten hat, 

Überall Bäder und Fluß und Bach 
Und Lust in allen Gassen wach . . . 

Die Wärm' ist nicht warm dort, die Kälte nicht kalt, 

4 Für Lust und Gelag ein Aufenthalt. 

Keinen Kranken du siehst in der Stadt? 

Ein Himmelsgarten nur ist die Stadt, 

Hell all’ ihre Wasser und gut zu verdaun, 

Beständiger Frühling auf ihren Aun . . . 

Er macht einen Ort wie ein Paradies, 

Viel Rosen und Tulpen er wachsen ließ 1 ).“ 

Ein andermal, als Firdusi erzählt; wie Chosro den Zauber von 
Behmens Schlosse bricht, ist von einem ragenden Bauwerke, dessen 
Umrisse uns gleich bekannt Vorkommen, die Rede: 

„Dort ließ Chosro erheben im Raum 
Einen Bau bis zum Wolkensaum 
Zehn Fangschnurlängen breit und lang 
Und ringsum hoher Säulengang, 

Der Umkreis h^lb eines Rosses Lauf; 

Drin stellt 1 er das heilige Feuer auf. 

Da saß dann mancher Mobed" im Kreise, 

Manch Stemonkundiger, mancher Weise, 

Chosro weilt’ in der Burg so lang, 

Bis fest der Feuerkult im Schwang 2 ).“ 

An Wolframs Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel, in welchem 
manj alles sieht, erinnert Chosros Weltenbecher. Der Schah nimmt 
iSn auf die Hand: 

„Und schaute drin die sieben Gaun. 

Von Stand und Zeichen der Sphären er maß 
Ein jedes Wie, Warum und Was. 

Gebildet iin Becher zauberisch 

War jedes Gebilde vom Widder zum Fisch, 

Saturn auch und Jupiter, Mars im Azur, 

* . Sonne, Mond, Anahid und Merkur;, 

--- . • :; , r ; • 

l ) Firdosi a. a. 0. S. 100. i 2 ) Ebenda S. 251. , 

9* 


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11 « 


Alles kUuftigc sab darin 

Der Weltherr init prophetischem Sinn. 

Er schaute in allen sieben Gaun, 

Ob Bizhens Spur er mochte schaun. 

Als er kam zum Gau von Kergcsar, 

Da ward er nach Gottes Rat ihn gewahr 
In jener Grub in Banden schwer, 

Den Tod im Elend wünscht’ sich er; 

Ein Mädchen von fürstlicher Geburt 
Band zu seiner Wartung den Gurt 1 ).“ 

Wellenbecher und Zauberspiegel sind Verkörperungen des 
gleichen kosmischen Gedankens, deren zwiefache, anscheinend völlig 
verschiedene Formen sich aus dem Doppelsinn des persischen 
Wortes gäm, Spiegel und Becher, hinreichend erklären. In einem 
moderneren persischen Wörterbuch wird gäm mit poculum und 
speculum übersetzt, und dann heißt es: „poculum Gamshedi, in quo 
secreta septem orbium coelestium conspicienda erant; idem poculum 
etiam nominant »poculum mundum repraesentans« s ). Der alte 
d’Herbelot 3 ) erzählt uns, daß der König Dschemschid, den er als 
Salomon der Perser bezeichnet, und Alexander der Große „avaient 
de ces coupes, globes, ou miroirs par le moyen desouels ils connais- 
saient toutes les choses naturelles et quelquefois meme les sur- 
naturelles. La coupe qui servait ä Joseph le Patriarche pour deviner, 
et celle de Nestor dans Homere oü toute la nature etait representee 
symboliquement, ont pu fournir aux Orientaux le sujet de cette 
fiction.“ Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Becher und 
Spiegel begegnet uns auch in dem Ausspruch des türkischen Dichters 
Hafez*): „Der wahre Spiegel Alexanders ist ein Glas Wein.“ Dem¬ 
entsprechend treffen wir auch später Zanberspiegel und Wunder¬ 
becher nebeneinander und durcheinander in den verschiedenen Sagen 
an. Die mohammedanische Legende $ ) kennt einen Pokal des Propheten, 
den Gott zu dessen Erleuchtung erschaffen hat, welcher Hoheit, 
Glanz und Segen verleiht und alle Geheimnisse der Welt erschließt 
und zuerst im Geschlechte der voradamitischen Saloraone forterbte. 


') Firdosi. Sage XX-XXVI. Berlin 1895. S. 51. 

а ) J. A. Vullers, Lexicon Persico-Latinum. I (Bonn 1855) 500 f. 

*) d’Herbelot, Bibliotheque orientale. Haag 1777. p. 127. 

4 ) A. Hilka, Studien zur Alexanderaage. Roman. Forschungen. 29 
(1910—1911)6. 

б ) Näheres Kampers, Lichtland. S. 84 f. 


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117 


tim dann an den persischen König Dscliemschid, den indischen Jatna, 
fiberzugehen. Von einem solchen Wunderbecher ist dann später 
auch wiederholt in der mittelalterlichen Salomonsage die Rede. Ich 
erwähne nur den Vers aus den Chansons de geste des Auberi le 
Bourgogne über den Zauberbecher aus Onyx: 

„Rois Salemons l’ot faite menouvrer. 

Li rois Artus l'ot si faite fermer 
Et parmi fist le soleil coinpasser, 

Et les estoiles qui moult reluisent der 1 )“. 

Neben solchen Wunderbechern gibt es dann eine Fülle von 
Zauberspiegeln in mittelalterlichen Sagen, von denen ich später 
noch kurz reden muß. 

Der Anreiz lag nahe, diese Vorstellungen von einem alles Nahe 
und alles Ferne wiedergebenden Spiegel auf den antiken Pharos 
zurückzuführen 2 ). Damit aber hat man deren tiefere Wurzel noch 
nicht bloßgelegt. Das Bauwerk eines solchen Pharos an sich mit 
seiner leuchtenden Spitze war gewiß auffällig und merkwürdig genug, 
um zur Legendenbildung anzuregen. Es entstanden in der Tat 
Pharoslegenden, die aber schließlich doch wieder auf jene alten 
sakralen architektonischen Nachbildungen des Götterberges mit dem 
Sonnensymbol oder der Sonne zurückgehen. Dort ist jene leuchtende 
Spitze des sich in Absätzen verjüngenden Steinriesen, in unserer 
Sagengruppe ist der strahlende Edelstein auf der Säule, auf dem 
Turme, auf dem schneckenförmigen Unterbau ursprünglich nichts 
anderes als das Sonnensymbol auf dem Abbild des göttlichen Berg¬ 
thrones. Nun erscheint aber die Sonne in indischen Mythen und 
auch sonst wiederholt als Becher. So könnte eine Gleichsetzung von 
Spiegel und Becher nicht nur durch sprachliche, sondern auch durch 
mythologische Gründe gerechtfertigt erscheinen. Indes will ich nicht 
unbemerkt lassen, daß der Becher in der persischen Überlieferung 
nicht die Sonne, sondern die Welt versinnbildet; da könnte man 
dann wieder an den Erdnachen oder an den goldenen Becher des 
Sonnengottes denken. Indes diese Fragen berühren unseren Nach¬ 
weis nicht — ich lasse sie offen. Die Tatsache der Gleichsetzung 
von Becher und Spiegel genügt. 

Doch eine Nachricht von einem Zauberspiegel ist für unser 

•) Ebenda S. 81. 

2 ) So H. Thierach. Pharos. Leipzig 1909. S. 94 ff. 


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gan zes Problem von Bedeutung. Beim Turm des Herkules zu 
Coruna in Spanien wird von einem Spiegel berichtet, in dem man 
die entferntesten Schiffe habe sehen können 1 ). Nun erzählen uns 
spanische Romanzen, daß im Turme des Herkules irgendwo in 
Spanien der Saloraontisch gehütet wurde 2 ). Einen Tempel des 
Herkules, in welchem der berühmte „Smaragd“ der Genuesen, der 
Doppelgänger des heiligen Gral, gefunden wurde, kennt auch die 
bis in das 12. Jahrhundert zurückreichende Sage vom „sacro catino 3 )“, 
sucht diesen aber im Orient, in Tyrus. Diese ersichtlich verwandten 
Züge machen offenbar, wie jener Turm zu Coruna zum Pharos, zum 
'veitbedeutenden Zikkurat mit dem Sonnentische und dem Sonnen¬ 
symbol darüber ward. Die Beziehungen des Salomonischen Tisches 
zu den kosmischen Bauwerken des fernen Ostens sind nun unwider¬ 
leglich erhärtet. Es zeigt sich, daß in Spanien die Kulissen der 
alten Chosrosage nur ganz wenig verändert wurden, und darnach ver¬ 
schiebt sie der Graldichter nur, als er die Burg der Seligen mit 
dem Wundertische und die Wendelschnecke mit dem Zauberspiegel 
für den späten Nachfahren des Dümmlings Chosro erbaut! 

Die Örtlichkeiten der Chosrosage gleichen also sehr denen, 
welche uns in den Sagen vom Priesterkönig Johann und vom Gral, 
deren innere Verwandtschaft uns ja schon bekannt ist, wieder be¬ 
gegnen. Eine byzantinische Sage von jenem persischen Gottkönige 
verstärkt diese Ähnlichkeit noch. Besonders eingehend schildert 
Cedrenus den Feuerterapel und Palast dieses Herrschers, die sich in 
der von Heraklios eroberten Stadt Gazakon erhoben, allwo auch die 
Schätze des Kroisos aufgestapelt waren. Besonders merkwürdig aber 
war hier das ragende Bildnis^ des sich zum Gotte .machenden Chosro, 
über das sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen wölbte. 
Der an die Wolken strebende Bau, den Chosro bei Firdusi aufführt, 
wird also hier ganz — allerdings wohl mehr in Anlehnung an die 
Gestalt und Bedeutung der babylonischen Sakraltürme — nach den 
uns bereits bekannten kosmischen Bauwerken beschrieben 4 ). Die 


1 ). A. Graf [Roma nella memoria 9 uclle imaginazioui del medio evo I 
(Turin 1882) 208, nota 48] verweist auf Euseb. N ierembci g, De miraculosia 
naturis in Europa. (?) I c. 67. [Mir unzugänglich]. 

' *) Kampers a. a. 0. S. 28. 

s ) Ebenda S. 85. 

4 ) Georgius Cedrenus ab J. Hekkero einend. 1 (Bonu 1888) 721 sq.: 
„Kai Kaxa/.aßö)V rr/v ’.ra'£,anöv nokiv, ev fj for f)Q%ev ö vadg rov zr vQÖg Kai tA 


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119 


spätere abendländische Sage fügt dem noch Züge bei, die ausgezeichet 
zu all dem passen, was wir von den Zikkurats und deren sakraler 
Bedeutung wissen. Bei dem älteren Aimoin setzt Chosro sich, nach¬ 
dem er sein Reich seinem Sohne übergeben, in einem silbernen Turm 
zur Ruhe, um sich darin als Gott anbeten zu lassen. Diesen silbernen 
Turm kennt auch Vinzenz von Beauvais, der dessen von Edel¬ 
steinen leuchtende Pracht hervorhebt und ausdrücklich auf die 
kosmischen astralen Symbole zu Haupte» des Königs hinweist. 
Ähnliches erzählt Jacobus de Voragine. Vollständig altsgeführt ist 
dann das Sagenbild im 14. Jahrhundert bei Herrmann von Fritzlar 
und Enenkel. Letzterer erzählt, daß Chosro sich viermal im Jahre 
im Fenster dieses Turmes zeige. Wer denkt da nicht an das Noebild, 
in unserem Münchener Speculum? Hier wie dort der ursprüngliche 
Gedanke des auf dem Götterberge thronenden Sonnengottes 1 ). 

Die Verbindungslinien zwischen den Sagen von Chosro und von 
Parzival werden nun noch vermehrt durch die offenbaren Ähnlichkeiten 
in wichtigen Zügen der Heldenlaufbahn beider. 

Wie Chosro, so ist auch Gachmuret, der Vater des Helden, 
gleichzeitig doppelt vermählt, zuerst mit der Mohrenkönigin Belakane, 
welche ihm den Feirefis gebiert, und dann mit Herzeloyde, welche 
er zur Mutter Parzivals macht. Gachmuret betrachtet sich als 
Belakanens rechtmäßigen Gemahl; um so überraschender wirkt die 
gezwungene Motivierung seines Verlassens der eben erst Erkorenen 
und den Sprossen des jungen Bundes Erwartenden mit Gewissens¬ 
bedenken. In seinem Abschiedsbriefe heißt es: 

„w<er din ordn in miner e, 

so waer mir immer nach dir we . . . 

frouwe, wiltu toufen dich, 

du mäht oueh noch erwerben mich 2 ).“ 

XQTjuaza KqoLoov zov Avb&v ßaoiAetog Kai i] jzA&vt) zcüv ävbgdxoyv, kcu 
eioeAücjv ev avzij svge zö uvoagöv etboAov zov Xogqöov, zö ze ixzvnto/ia 
avzov iv Tj) zov nakaziov otpatgoetbei oziyr] tog iv ovgavco Kaürjfi&vov, Ktü 
Ttegi zovzo FjAiov Kai oeAipnp' Kai äozga, oig 6 beioibai/icov d>£ tieoig iAdzgeve, 
Kai dyyiAovg abztp OKrjnzQotpÖQOvg 7t€Qi€Ozrjoev. u Weitere verwandte Stellen 
des Zonaras und Theophanes sind abgedruckt in dem Kommentar zu Eraclius. 
Hrsg. v. H. F. Maßmann. Leipzig 1842, S. 500. 

1 ) Auch diese Quellen sind in dem von Maß mann hrsg. Eraclius S. 4% ff. 
abgedruckt. 

2 ) Parz. 55 u. 56. Eine laxe Auffassung ‘der Ehe scheint mir trotz dieser 
Worte hier von Wolfram vorgetragen zu werden. Anders A. Sattler, Di© 
religiösen Anschauungen Wolframs von Eschenbach. Graz 1895, S. 92 f. 


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Unter dem Gesichtswinkel der Verchristlichung einer heidnischen 
Vorlage gewinnt die widerspruchsvolle Haltung Gachmurets ihre Er¬ 
klärung. 

Wie Parzival stammt auch Ohosro väterlicher- und mütterlicher¬ 
seits von zwei berühmten Geschlechtern ab. Die Konstellation ver¬ 
kündet: 

„Daß von Tur und von Eelkobad 
Ein Schah wird stammen hoch von Kat. 

Von beiden Geschlechtern soll ein Held 
Kommen, der nimmt in den Schoß die Welt . . . 

Aus diesem doppelten Adel entspringt 
Ein Kronenhaupt, das zur Sonn' aufringt. 

Er waltet in Irans und Turans Haus, 

Zwei Reiche ruhn von dem Kampfe aus •).* 

Fernab vom Getriebe der Welt wächst der junge Gralkönig auf. 
Ebenso wird der junge Chosro den Hirten vom Berge Kalu zur Er¬ 
ziehung übergeben. Dort 

„Jagt' er den Wolf, den Bär und den Eber: 

Dann ging er an Löw und Leopard, 

Und Holz nur war seine Waffenart 2 ).“ 

Dem Schah, dem Mörder seines Vaters, wird der „reine Tor“ 
geschildert: 

„Ein kleiner Kuab', unsinnig noch, 

Was wüßt’ er vom Vergangnen doch ? 

Der im Gebirg wuchs als Hirtengespiel, 

Ist wie ein Wild, was dacht' er viel? 

JUngst hört' ich selbst von der Hirtenzunft. 

Der engelgleiche sei ohne Vernunft 3 ).“ 

Freilich nur um den Schah zu täuschen gibt der an den Hof 
geholte junge Held dann überaus törichte Antworten 4 ). 

Gleich der Parallelfigur Parzivals, gleich Gawan, muß auch er 
den Zauber eines Schlosses brechen *). Wie Parzival entflieht auch er 
dann weiter der Welt 6 ), um ganz Gott zu dienen. Schließlich geht 
er mit den Pehlewanen auf einen Berg, allwo er verschwindet: 

„Als ein Teil von der Nacht entwich. 

Erhob zum Beten Chosro sich. 

Ira hellen Quell wusch er Kopf und Brust 
Und sprach leise dazu Zend Ust. 

*) Firdosi, Sage XV-XIX, S. 93 f. 

») Ebenda S. 153. 3 ) Ebenda S. 155. 

4 ) Ebenda S. 238. 5 ) Ebenda S. 248. 

•) Sage XX-XXVI. S. 235 ff. 


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Dann grüßt er die Helden liebevoll: 

^Nun lebet mir auf ewig wohl! 

Wenn jetzt sich die Sonn 1 erhebt im Raum, 

Seht ihr mich nimmer als nur im Traum. 

Morgen verweilt nicht hier in dem Sand, 

Und regneten Wolken Muskus aufs Land! 

Denn vom Gebirg wird ein Wind aufstehn. 

Der Blatt und Zweige wird vom Baume wehn, 

Und fallen wird aus der Wolk 1 ein Schnee, 

Ihr findet nach Iran den Weg nicht meh. < 

Da ward den Fürsten schwer der Mut, 

Bekümmert schliefen die Helden gut. 

Als die Sonne vom Berg aufstand, 

Der Schah aus den Augen der Fürsten schwand. 

Den Schah zu suchen, sie sprangen auf 
Und nahmen durch Sand und Wüste den Lauf. 

Sie fanden nirgend von Chosro 

Ein Zeichen und kehrten zurück unfroh.“ 

Laut klagen die Helden: 

„Wer weiß, wohin auf der Welt er kam?“ 

Dann brechen die von Chosro verkündeten Unwetter herein: 

„Der Schnee zog Segel übers Land, 

Darin jede Lanze der Heldeu schwand. 

Alle blieben verschneit an dem Ort; 

Niemand weiß, wie sie blieben dort 1 ).“ 

Dieser Erzählung stelle ich die Verse von Jans dem Enenkel, 
der wohl um die Mitte des 13. Jahrhunderts schrieb, an die Seite: 

„Dar nach der kaiser wart verholn 
den kristen allen vor verstoln, 
wan nieman west diu maere 
wa er hin körnen waere. 
ob er w»r tot an dH* r.it, 
da von ist wserlich noch ein strit 
in welhischen landen über al 2 ).“ 

Der spätere Oswald der Schreiber weiß noch raeht“. In seiner 
Rahmenerzählung zn jenem bekannten Briefe des Priesterkönigs 
Johann, in welchem dieser die Wunder seines Reiches beschreibt, ist 
von dem Ringe mit den wunderwirkenden Edelsteinen die Rede, 
welchen Kaiser Friedrich II. von jenem erdichteten Herrscher des 
Ostens zum Geschenk erhielt. Mit diesem Ringe, berichtet Oswald, 
sei der Kaiser in den Wald gegangen und durch die Kraft des 

i) Ebenda S. 264. 

*) Veitchronik. Hrsg. v. Ph. Strauch. Deutsche Chroniken III, 574. 


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Steines vor den Augen seines Gefolges verschwunden 1 ). An anderer 
Stelle habe ich gezeigt, daß es das Reich der Unsterblichkeit de» 
Priesterkönigs, oder das Reich des solarischen Königs Artur im 
Innern des Länderbeiges, oder das Reich des Gral — und im letzten 
Grunde der babylonische „Palast der Ewigkeit“ im Bergthrone der 
Sonne ist, in welchem der weltentrückte Kaiser Aufnahme findet 2 ). 

Prüfen wir nun diese sich aufdrängenden Ähnlichkeiten näher, 
so ist eines von vornherein festzuhalten: An eine unmittelbare Ab¬ 
hängigkeit Wolframs, oder besser Guiot’s von der Dichtung Firdusis 
ist nicht zu denken; das schließen allein schon jene bei dem 
deutschen Dichter, oder doch in der seinem Epos verwandten deutschen 
Dichtung, sich zugleich auch vorfindenden Elemente der byzantinischen 
Chosrosage aus. Wahrscheinlich aber ist ein Nachwirken jener 
älteren persischen Reichsgründungssagen in irgend einer Form, aus 
welchen auch der persische Nationaldichter, die byzantinischen Ge¬ 
schichtsschreiber und die Salomonsage schöpften. 

Es ist längst erkannt, daß die spätere Chosrosage mit den 
Farben der Kyrossage entworfen ward. Auch die Kyrossage beginnt 
mit dem Sturze eines guten Königs und Richters durch einen fremden 
blutigen Tyrannen. Der Mederkönig Astyages, welcher in dieser 
alten Sage nach den Berichten des Herodot und Ktesias auf Grund 
eines Traumgesichtes den persischen Prinzen Kyros, den Sohn seiner 
Tochter Mandane und des Persers Kambyses, umzubringen gebietet, 
ist eine Parallelfigur des Afrasiab, welcher nach arabischen Über¬ 
lieferungen den Sohn seiner Tochter Ferengis, unseren Chosro, zu 
töten befiehlt, während nach dem Schahname der König erlaubt, daß 
das Kind am Leben bleibt. Kyros wie Chosro wachsen in der 
Bergwildnis bei annen Hirten auf. \n den Hof gekommen erfreut 
jener, wie Xenophon, der überhaupt vielfach aus persischen Liedern 
und epische^; Überlieferung schöpfte, erzählt, seinen Großvater durch 
kindliche Naivität, während dieser ihn durch seine törichten Antworten 
täuscht. Zum Dümmlingsmotiv, das bei Firdusi stärker unterstrichen 
ist, gesellt sich dann in beiden Sagen auch das andere, episch frucht¬ 
bare der Rache 3 ). 

’) F. Zarncke, Der Priester Johannes 1. Abhaiullg. Abhandlgn. d. phil.- 
hist. CI. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. VII (1879) 1027 f. 

2 ) Kampers, Lichtland, S. 105 ff. 

3 ) Ich verweise auf A.Bauer, Die Kyros-Sage und Verwandtes. Sitzungs¬ 
berichte der K. Akademie d. Wiss. Phil.-hist. CI. 100 (1882) 495 ff. R. Schubert, 


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Die Sage von diesem Reichsgründer, hinter dem sich das alte 
Rild von dem mythischen Musterkönig zeigt, wie ebenfalls liingst 
erkannt ist, wurde von Kyros zunächst auf Artaschir, den Gründer 
des Sasanidenreiches übertragen. Eine Geschichte dieses Königs im 
Pehlewi erzählt von einem Hirtensohn aus Persien. Traumdeuter 
erkannten aus Träumen der Eltern dieses Helden dessen Größe» 
Als Knabe kommt dieser an den medischen Hof und muß hier durch 
Schicksalsfügung Knechtsdienste tun, kann aber in seine Heimat 
Persis entfliehen, wo er das Königtum erhält 1 ). 

An die Stelle des Rassegegensatzes zwischen Medern und Persern 
in der herodoteisehen Erzählung tritt im Schahname der Gegensatz 
zwischen Turan und Iran. Die Namen wechseln, aber die Fabel 
bleibt die gleiche. Das Dümmlings- und Rachemotiv, das die 
C'hosrosage aus altem Sagengut somit übernimmt, sollte ein Erbstück 
der Weltliteratur werden. 

Eine ganze Fülle von Mären, so die von Lug, Hamlet, Kaiser 
Heinrich, Genovefa, Wieland, Teil und andere hat man auf diese 
Wurzel zurückzuführen 2 ) gesucht — mit welchem Recht jeweils, 
lasse ich unentschieden. Daß aber die Mär, gerade in der Fassung, 
wie sie bei Wolfram und in der mittelenglischen Romanze von Syr 
Percyvelle of Galles 3 ) vorliegt, sicherlich auf diese persische Helden¬ 
sage zurückzuführen ist, läßt sich erweisen. 

Wie Chosro ist also auch der junge Gralheld väterlicher- und 
mütterlicherseits der Erbe zweier hochgefeierter Geschlechter; wie 

Herodots Darstellung der Oyrussage. Breslau 1890. G. Hüsing, Beiträge zur 
Kyros-Sage. Orientalische Literaturzeitg. VI—IX (1903—11*06). H. Lollmann 
Die Kyrossage in Europa. Jahresb. über d. städt. Realschule zu Charlotten¬ 
burg. 1906. Bemerkenswert ist der Hinweis von Th. Nöldeke, der auch sonst 
das Material zu dieser Sage zusaminenstellt (Das iranische Nationalepos. Grund- 
rili d. iran. Philol. II [Straliburg 1898 — 1904.] 12211. Besonders S. 140), auf 
die Tatsache, dali der syrische Text des Alexanderromans für Xerxes überall 
t'hosro setzt, woraus gefolgert werden kann, dali dem l'bersctzer der mythische 
Musterkönig vorschwebte. 

A. von Gutschmid in der Besprechung von Th. Nöldekes ÜbcrBet/ung 
(i- r Gedichte des Artasir i Päpakän aus dem Pehlewi. Zeitschr. d. deutsch, 
morgen). Ges. 34 (1880) 585 f. 

2 ) 0. J. Jiriczek, Hamlet in Iran. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde X 
(1900) 353 ff. Leßmann a. a. 0. 

3 ) Vgl. hierzu die Anmerkung von G. Rosenhagen bei Hertz a. a. 0. 
S. 565 f. J. L. Weston, The legend of 8ir Perceval. London 1908. Besonders * 
nenne »ch C. Stru?ks, Der jung« Parzival. Dis6. Münster. Börna-Leipzig 1910. 


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124 

dieser wächst er fernab der Welt auf* wie jener sich als Tor ge¬ 
bärdet, so spricht aus dem mit Narrenkleidern ausgestatteten Gral¬ 
helden die ganze Unerfahrenheit des Naturkindes; wie Chosro endlich 
den Mord seines Vaters rächt, so tötet Parzival, wie uns die mittel- 
englische Romanze in ihrer ursprünglichen Fassung der Mär zeigt, 
in dem „roten Ritter 44 den Mörder seines Vaters 1 ). Diese Ähnlich¬ 
keiten mit den anderen von mir oben zusamraengestellten Seitenstücken 
als einheitliches Ganzes genommen auf die „Gleichheit der im 
menschlichen Geiste überhaupt wirkenden Kräfte zurückzuführen, 
welche unabhängig von einander analoge Erzählungen hervorrufen 44 , 
ist denn doch bei dieser Fülle verwandter Züge nur sehr schwer 
möglich. Es kommt noch hinzu, daß etwas anderes — ganz ab¬ 
gesehen davon, daß das arabisch-orientalische Kolorit der ursprüng¬ 
lichen Sage in der Wolframschen Dichtung bald hier, bald dort noch 
durehschimmert — zur Annahme einer Entlehnung der Parzivalsage 
aus einer Überlieferung des Ostens zwingt. 

Wolfram erzählt, wie Gachrauret vom Fürsten von Babylon er¬ 
schlagen und dann sein Leichnam nach Bagdad übeiführt ward: 

r Er wart geleit ze Baldac. 
diu koste den baruc ringe wac. 
mit golde wart gehöret, 
groz richeit dran gekeret 
mit edelem gesteine. 
da inne lit der reine, 
gebalsemt wart sin junger re. 
vor jämer wart vil liuten wo. 
ein tiwer rubin ist der stein 
ob sime grabe, da durch er schein, 
uns wart gevolget hie mite: 
ein kriuze nach der marter site, 
als uns Kristes tot loste, 
liez man stozen im ze tröste, 
ze scherm der sele, überz grap. 
der baruc die koste gap: 
ez was ein tiwer smarät. 
wir tätenz änc der heiden rät: 
ir orden kan niht kriuzes pblegn. 
als Kristes tot uns liez den segn. 
ez betont heiden sunder spot 
an in als an ir werden got, 
niht durch des kriuzes ere 

*) Darüber vgl. Strucks, a. a. 0. S. 45 ff. • 


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noch durch des toufes lerc, 
der zem urteillichen ende 
uns loesen sol gebende 1 ).“ 

Der Zug in der deutschen Dichtung, daß der im goldenen Sarge 
Beigesetzte als Gott verehrt wird, ist an sich schon auffällig; er 
wird es noch mehr, wenn wir dem unter Berücksichtigung der 
byzantinischen Berichte von der göttlichen Verehrung Chosros eine 
scheinbar von Firdusi völlig abweichende Überlieferung zur Seite 
stellen. 

Eine syrische Chronik, die bald nach 6ß0 entstand, erzählt uns 
von dem silbernen Sarge des „heiligen Daniel“; der fast gleich¬ 
zeitige Sebeos aber berichtet: „Und es geschah in jenen Tagen, daß 
der König der Griechen (gemeint ist Mauritius) vom Könige der 
Perser (Chosro II) sich den Leib jenes toten Mannes ausbat, der sich 
in der Stadt Saus (Susa) befand, im königlichen Schatze, in einem 
kupfernen (ehernen) Becken liegend, den der Perser Kav Xosrov 
nennt, die Christen aber den (Leib) des Propheten Daniel.“ König 
Chosro will, so heißt es weiter, den Leichnam ausliefern, als dieser 
aber aus der Stadt geführt wird, vertrocknen die Quellen, und die 
Maultiere, welche den Wagen ziehen, kehren um usw. Kurz, der 
Leichnam bleibt in der Stadt 2 ). 

Dieses Grab Daniels war im Orient hochgefeiert. Die Sage 
suchte es aber nicht nur in Susa, sondern auch in Babylon. Nach 
der byzantinischen Sage ist Babylon eine Totenstadt, um die ein 
Drache seinen Riesenleib schlingt. In ihr erhebt sich der von 
Salomon erbaute Zikkurat, den das strahlende Sonnensymbol krönt. 
Diese Totenstadt ist der Aufenthaltsort der heiligen drei Jünglinge. 
Auch hier finden wagemutige Eindringlinge riesige Schätze 3 ). 

Durch den Nebel dieser orientalischen, byzantinischen und 
abendländischen Sagen sehen wir die goldigen Linien einer mythischen 
Mär von einem großen Musterkönige aufleuchten. Der Welt in 
geheimnisvoller Fahrt entrückt, thront er — gleich dem Sonnengotte 
auf dem Länderberge im Paradieseslande — auf der Höhe der 
sakralen architektonischen Nachbildung dieses Weltensitzes in der 
Stadt der Toten. Wir erkennen die gleiche Wurzel der Sage vom 


') Parz. 106, 29 ff. 

*) H. Hübschm&nn, Ir&nica. Zeitschr. d. deutsch, morgenl. Ges. 47 
(1893) 625. 

s ) Die näheren Angaben Kam per s, Licbtland S. 51 u. 82. 


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Verschwinden und von der Beisetzung König Chosros im kupfernen 
Becken — vielleicht dem Becher, in welchem der Sonnengott allnächt- 
lich über das Meer fährt. So verschwindet auch der König Manuel von 
der Romanei, um einzuziehen in den siebenstufigen Bau der Un¬ 
sterblichkeit des Priesterkönigs Johann im Paradieseslande, so ver¬ 
schwindet auch Parzival in jener mittelenglischen Romanze in das 
Mädchenland, das keltische Land der Seligen, oder im deutschen 
Epos in die Gralburg der Abgeschiedenen im glücklichen Traum¬ 
reich der Sehnsucht zwischen Himmel und Erde 1 ), so verschwindet 
auch Kaiser Friedrich in das Reich der Fee Morgane im Innern des 
Götterberges. 

Nunmehr verstehen wir auch, wie die abendländischen Dichtungen 
im Stande waren, jene Steinriesen der Zikkurats, welche es nur im 
fernen Osten, nicht aber im Westen Kleinasiens, im Heiligen Lande, 
gab, richtig zu schildern und besonders deren ursprüngliche kosmische 
und solarische Kennzeichen wiederzugeben, die dem Franzosen oder 
dem Deutschen doch ganz unverständlich sein mußten. Nicht un¬ 
mittelbare Kunde durch Kreuzfahrer oder Reisende bot die Grundlage 
für diese Schilderung, sondern diese ist geradeaus zurückzuführen 
auf mündliche oder schriftliche Überlieferung des Ostens selbst. 

Die Kreuzzugsromantik hat sich vor Wolfram auch dieser per¬ 
sischen Heldensage bemächtigt. Meister Gautier und Meister Otte 
arbeiteten sie zu einem christlichen Epos um. Das Rachemotiv ver¬ 
schwindet; das Dümmlingsmotiv übertragen die Dichter in abgewandel¬ 
ter Form auf den Helden der Kreuzeslegende, Heraklios. Chosro ist 
der Übermensch, welcher in seinem Turme Gott gleich sein will. 
Das war die Zeit, in welcher auch die Elemente der Parzivalmar 
sich zu jenem leuchtenden Krystall unseres nationalen dichterischen 
Eigengutes zusammenschließen konnten und wirklich zusammen¬ 
schlossen. Unmöglich also wäre es nicht bei diesem Sagenbezug, daß 
die Graldichter, als sie die Fabel übernahmen, zugleich auch den 
von mir vermuteten Beinamen des persischen Helden: färis-i fäl, 
Perser der guten Vorbedeutung, sich zu eigen machten. Spricht 
doch auch Hugo von Fleury einmal ganz allgemein von Chosro 
als dem „vir Persa giganteus“ 2 ). 

Wir haben somit in dem persischen Heldensang den Kern der 
Parzivalerzählung gefunden. Mit diesem Kern wurden dann von 

•) Auch über diese Dinge handelte ich in dem eben genannten Buche. 

% ) Maß mann, Kaiserchronik a. a. 0. III, 889. 


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127 


dem ersten Graldichter andere Sagen und Einzelzöge aus solchen 
▼erarbeitet. Das Werk dieses ersten Sängers des ritterlichen Kleinods 
lag in seiner ursprünglichsten Form dem Eschenbacher vor; denn 
er allein bringt die persische Mär am getreuesten. Auch der Ver¬ 
fasser der mittelenglischen Romanze geht ziemlich unmittelbar auf 
diese östliche Überlieferung zurück. Früher 1 ) hatte ich schon aus 
der Tatsache, daß dieses Spielmannsmärchen des 14. Jahrhunderts 
nichts von einem Gralkleinode weiß, gefolgert, daß es uns ursprüng¬ 
liches Sagengut darbiete. Dieses Märchen hätte seiner Natur nach 
sicherlich niemals auf diesen uralten Wunschgegenstand verzichtet, 
wenn es einer Vorlage nacherzählt worden wäre, in welcher der 
Gral bereits das Ziel des Strebens Parzivals war. Wie die Parzival- 
sage zur Gralsage wurde, ist jetzt, hoffe ich, völlig klar zu legen. 
Nicht geblendet vom Glanz des ragenden Kunstwerkes, das Guiot- 
Wolfram schuf, nicht ergriffen von dessen tiefem Lebensinhalte, 
kalt und nüchtern untersuchend, erkennen wir doch, daß manches 
überkommene Sagenbruchstück nicht genügend behauen ward, um 
restlos dem Ganzen eingefügt zu werden, daß vielfach ungenügender 
Verputz die Schichtungen des Aufbaues nicht hinreichend verbirgt. 
Versuchen wir nunmehr unter Bezugnahme auf meine älteren Unter¬ 
suchungen und auf Grund der vorliegenden Erörterungen Bestandteile 
und Schichtungen des Baues in Kürze von einander zu sondern. 

Die persische Mär mit dem Dümmlings- und Rachemotiv wurde 
auf abendländischem Boden zunächst mit der allbekannten und hoch¬ 
gewerteten Artursage in eine ziemlich lockere Verbindung gebracht, 
wie ja dieser volkstümliche Sagenheld auch später nur eine Statisten¬ 
rolle in den Graldichtungen zugewiesen erhielt. Der englische Spiel¬ 
mann, welcher im 14. Jahrhundert den durch diese Verbindung 
seinem Hörerkreise angepaßten Sang weitertrug, hat sein Lied nicht 
selber erfunden. Die Nichterwähnung des Gral ist ein hinreichender 
Beweis dafür, daß das abendländische Parzivalmärchen, vielleicht 
geradeso, wie jener es kündete, schon vor den Graldichtungen hier 
und da erzählt wurde. 

Der rote Ritter, so erzählt es, hat Percyvelles Vater erschlagen. 
Die Mutter erzieht ihren Sohn in der Wildnis. Unerfahren und 
überaus naiv zieht der junge Held mit lächerlicher Ausstattung in 
die lockende Welt. Als Erkennungszeichen gibt ihm die Mutter 


Lichtland S. 8 ff. 


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I 


1*28 


einen Ring mit. Unterwegs steckt er diesen der schlafenden „Dame 
im Zelte“ an den Finger, nachdem er dieser, dem Rate seiner Mutter 
folgend, den ihrigen geraubt hat. Der Ring jener Dame hat die 
Zauberkraft, unverwundbar zu machen. Dann kommt Percyvelles an 
Arturs Hof, wo gerade der rote Ritter, wie alljährlich, den goldenen 
Recher raubt. Nun erfüllt sich die Prophezeiung, daß die bislang 
von Niemandem bezwungenen Kräfte dieses gewaltigen Räubers durch 
den Sohn des von ihm Ermordeten überwunden werden würden. 
Auf seiner weiteren Fahrt gelangt Percyvelles ins Mädchenland, 
dessen Königin er von einem aufdringlichen Sultan befreit und dann 
heiratet. Nach Jahresfrist aber zieht es ihn heimwärts, zur Mutter. 
Den Spuren seines Ringes nachgehend, der inzwischen von der einen 
Hand an die andere wanderte, findet er die Gesuchte. 

Das Märchen offenbart, daß etwas von dem Schmelz des heimischen 
Mythus trotz der geistig stark bewegten Luft der Kreuzzugsromantik 
durch den neuen Zug vom Elfenlande des Paradieses mit seinen 
sinnlichen Freuden auf den fremden Stoff überging 1 ), der seine 
orientalische Herkunft durch die Gestalt des aufdringlichen Sultans 
noch deutlich verrät. Ganz leise hören wir auch das Leitmotiv der 
späteren Gralsuche bereits anklingen; denn jener Zug vom wandern¬ 
den Ringe, den Percyvelles mühsam sucht, konnte die Fahrt in die 
Welt leicht zu jener Gralsuche abwandeln. Gerade dieser letztere 
Zug ist nun aber für uns nach einer anderen Richtung hin noch 
bedeutsam: er weist gleichfalls nachdrücklich nach dem Osten. 

Die Sage vom verlorenen und auf wunderbare Weise wieder¬ 
gefundenen Ringe müßte in eigener, sich lohnender Untersuchung 
klar gelegt werden. So weit sie unsere Parzivalmär angeht, glaube 
ich aber auch ohne diese Vorarbeit die Umrisse der bedeutsamsten 
Zusammenhänge aufzeigen zu können. Vorausgeschickt sei der Hin¬ 
weis darauf, daß ich an anderer Stelle 2 ) die Verwandtschaft der 
Kaiser- mit der Gralsage in einer Reihe wichtiger Züge darlegte. 
Insbesondere wird jene im Aufbau der Gralepen geradezu im Mittel¬ 
punkt stehende und doch dabei so unendlich banale Frage Parzivals 
erst verständlich durch das entsprechende Seitenstück der Kaisersage, 
und weiter entspricht dem Einzuge Parzivals in die Gralburg, die, 
wie gesagt, nichts anderes ursprünglich ist als der Bergthron der 

J ) Kampera a. a. 0. S. 52, 64, n. 66.. 

2 ) Ebenda S. 101 ff. 


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129 


göttlichen Herrlichkeit im Paradieseslande, dem Einzuge des welt¬ 
entrückten Kaisers in den Berg. Indes auch der wandernde Ring 
spielt hier wie dort eine auffallende Rolle. 

In der englischen Romanze gewährt Percyvelles Ring Unverwund¬ 
barkeit; der Zauberring der Kaisersage hat noch andere Kräfte, 
so die, unsichtbar zu machen. Mit seiner Hilfe verschwindet der 
Kaiser vor den Augen seines Gefolges. Französische und italienische 
Prophezeiungen des Merlin überliefern daneben noch einen andern 
Zng. Hier tragen Fischer eine Krone mit Wundersteinen, welche 
sie zufällig im Meer finden, zum Kaiser Friedrich. Daß der rätsel¬ 
hafte Fischzug des Gralkönigs Anfortas durch dieses Sagenmotiv 
anfgehellt wird, führte ich gleichfalls bereits aus. Daß diese Züge 
tatsächlich auch schon der orientalischen Heldensage und darüber 
hinaus dem orientalischen Mythus eigneten, läßt sich erweisen. 

Zunächst spricht die enge Verwandtschaft der Schilderung des 
Verschwindens der beiden Herrscher Chosro und Friedrich für die 
Annahme, daß jenes Ringmotiv ursprünglich schon der persischen 
Heldensage angehörte. Diese Voraussetzung wird verstärkt durch 
die weitere Beobachtung, daß der Zug von dem wunderbaren Fund 
im Bauche des Fisches uns auch im Umkreise jener Märchen wieder 
begegnet, welche ebenso wie die Chosrosage auf die Kyrossage 
zurückgeführt werden, und zwar in jener Gruppe, in denen ein Weib 
zur Hauptgestalt wird x ). In dem englischen Märchen „The ring 
and the fish“ 2 ) haben wir eine solche Umkehrung der alten Sage 
vor uns. Hier will ein Tyrann und Zauberer seinen Sohn vor der 
durch das Schicksal bestimmten Heirat mit einem ihm nicht genehmen 
Mädchen bewahren. Es wird auf seinen Befehl ins Wasser 
geworfen, aber gerettet. Später findet er es bei einem armen 
Fischer wieder. Abermals entkommt es seinen Nachstellungen. Nun 
wirft der künftige Schwiegervater einen Ring ins Wasser mit der 
Erklärung, daß er das Mädchen nur, wenn es diesen Ring wieder¬ 
fände, anerkennen würde. Sie entdeckt das Kleinod alsbald im 
Bauche eines Fisches. Ebenso erhält Geuovefa in dem bekannten, 
auch hierher gehörigen Märchen ihren Trauring zurück 3 ). „Diese 

') Dazu Leßmann a. a. 0. S. 27. 

2 ) Ebenda und J. Jacobs, English Fairy Tales. London 1892 p. 190. 

s ) Der Fisch als Wiederbringcr des Ringes begegnet uns auch in Heiligen- 
legmden, die sich dieser Sagengruppe unschwer einordnen lassen. Vgl. 
A. Maury, Oroyances et legendes du moyen äge. Paris 1896. p. 276 »y. Hier- 
Mitfeilnngfü d. Schics. Ges. L Vkde. Bd. XIX. •* 


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130 


ganze Ringgeschichte schlägt Fäden bis ins fernste Morgenland. In 
dem bekannten indischen Märchen von Sakuntala, das auch noch in 
anderen Beziehungen der Genovefalegende gleicht, gibt König Dusch- 
janta der Sakuntala, als er mit ihr die Gandharvenehe schließt, einen 
Ring. Sie verliert ihn beim Baden und wird von diesem Augen¬ 
blicke an von ihrem Gemahle vergessen, der sich aber sofort der 
mit ihr eingegangenen Verbindung wieder erinnert, als ihm der 
Ring, der im Bauche eines Rotkarpfen gefunden wird, wieder vor 
Augen kommt 1 ).“ Überzeugender aber wirkt der schon früher von 
mir dargebotene Hinweis auf die Tatsache, das der Ringstein oder 
Stein im Fischbauch schon in der Alexander- und Saloraonsage eine 
bedeutsame Rolle spielt. Dort strahlt er wie die Sonne, hier über¬ 
gießt er durch den Leib seines Trägers das Meer mit goldenem 
Abendlicht. Ich zeigte, daß dieser Stein ein Herrschafts- und 
Sonnensymbol, ja, die Sonne selbst ist. Der Fisch als Träger des 
Göttlichen ist dem Erdnachen, oder dem Becher, oder der Truhe, 
gleichzusetzen, auf welchem seltsamen Fahrzeug der Sonnengott in 
den verschiedenen Spielarten dieser solarischen Mythen allnächtlich 
zum Bergthrone des Aufganges über das Meer fährt. Und also 
erklärt sich auch das Motiv der Aussetzung des Helden auf das 
Wasser in den Kyrossagen. Der Träger des Ringes ist ursprünglich 
ein solarischer Held. Dem entspricht es, wenn Chosro auf der Höhe 
des Turmes, umgeben von Sonne Mond und Sternen, den Sonnengott 
auf der Höhe des Götterberges spielt. 

So ist der gleiche mythische Grundgedanke wirksam im Helden¬ 
sange des Ostens, wie in der Sage und in der Graldichtung der 
Kreuzzugsromantik des Westens. Das englische Parzivalmärchen, 
welches durch unsere Kaisersage ergänzt wird, der Kern der Grai- 
dichtungen, ist demnach als Ganzes und in seinen wesentlichen 
Hauptzügen die gefällige, leicht mit heimischen Erinnerungen durch¬ 
setzte Nacherzählung eines — wer weiß wie? — aus dem Oriente 
zugeflogenen Stoffes. 


mit bringt Maury auch Matth. XVII, 27, sowie den in der Heraldik wiederholt 
verkommenden Fisch mit dem Ringe im Maul in Verbindung. — Das alte 
Polykrates-Motiv ist auch auf Harun al Raschid bezogen worden. Vgl. M. 
Reinaud, Description des monumens musulmans du cabinet de M. le duc de 
Blacas. I (Paris 1828) 128. — Zu erinnern wäre auch an den unsichtbar machen¬ 
den Ring des Gyges. Vgl. u. a. Cicero, De officiis III, 9. 

') LcUnianrn, a. a. 0. S. 30. 


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Unsere schlichte Fabel mußte sich in dem von Sagenstoffen 
übersättigten Luftkreise der Kreuzzugsepoche alsbald erweitern. Die 
nach Neuem gierige Sage pflückt, bald hier, bald dort, einen Zweig 
zum Kranze für ihren Dümmling Parzival. Wahllos und sorglos 
nach den schillernden fremden Stoffen haschend fügt sie dem Kerne 
stellenweise sogar die gleichen Züge, aber in verschiedenen, sich 
gegenseitig eigentlich ausschließenden Abwandlungen hinzu. Nament¬ 
lich die vielgeästelte Salomonsage wurde in dieser Art ausgeplündert. 

Der Hauptstamm der alten Salomonsage wuchs im Heiligen 
Lande weiter; ein Ableger, durch die Juden und Araber nach 
Spanien gebracht, schoß dort in der phantastischen Literatur des 
Moriscos üppig ins Kraut. In mehreren Zügen sind diese Salomon - 
sagen mit denen von Kyros-Chosro verwandt. Auch Salomon tut 
Knechtsdienste, und zwar unter armen Fischern; auch er findet im 
Bauche eines Fisches seinen Ring wieder, welcher ihm Herrsch¬ 
gewalt auch über die Dämonen verleiht, auch er errichtet einen 
Zikkurat und zwar in Babylon, den ein Sonnenstein krönt. Eine 
andere schon erwähnte Fassung dieses letzteren Zuges erzählt von 
einem Dome, der aus den Ringen aller praeadamitischen Salomone 
aufgetürmt wird, bei dem nur noch der Schlußstein fehlt, den 
Salomon noch am Finger trägt. Hier wird der Sonnenberg, ebenso 
wie im babylonischen Mythus, zugleich zum „Grabe der Sonne“, 
zum „Palast des Schlafens“, zur „Wohnung der Ewigkeit“. Diese 
architektonischen Übersetzungen des Mythus vom Länderberge konnten 
in Israel an die kosmische Tempelsymbolik der Juden anknüpfen. 
Nach diesen Vorbildern erbaute die Sage dem Priesterkönige Johann 
aus Salomons Geschlecht einen Palast der Unsterblichkeit, der ein 
weiteres Modell bot zu der Gralburg, welche der Eschenbacher im 
Seelenlande seinem Dümmling errichtet. Wenn aber Wolfram, un¬ 
bewußt an das Weltbild des alten Orient anknüpfend, das Haus des 
ewigen Schlotes und dabei die Weudelschnecke der Sakraltürrae und 
den auch der Chosrosage bekannten Zauberspiegel, sowie den 
leuchtenden Sonnenstein übernimmt, tut er das nicht, wie mir scheint, 
ohne sich zugleich an eine italienische, zu seiner Zeit bekannte Sage 
zu erinnern. 

„Munsalvaesch“ nennt der deutsche Dichter seine Gralburg. 
Dieses Wort deutet meines Erachtens auf die Wolfram wohlbekannte 
Sage vom Zauberer Virgilius, der ihm, wie anderen, zu einem 
arabischen Philosophen geworden ist. Dieser, so wird erzählt, baute 

9* ’ 


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auf dem Kapitol einen Spiegel auf einer Säule, die „Salvatio Komae“, 
in dem man alles sehen konnte, was sich irgendwo ereignete.. Das 
ist keine originäre Sage *). Ganz Gleiches erzählte man u. a. von jenem 
Pharos Alexanders des Großen in Alexandrien und von dem Wunder¬ 
spiegel auf grüner Säule, den der König Saurid errichtete. Es ist 
kein Zweifel, daß der Zauberspiegel des Priesterkönigs auf der Säule 
und der Wolframs auf der Wendelschnecke nach jenen Vorbildern 
errichtet wurden. Auch die „berühmte Säule“ auf dem Berge, von 
der ein Fortsetzer Chrestiens, Gautier de Doulens, erzählt, gehört 
hierher. Da nun eine dieser Säulen „salvatio“ und darnach wohl 
das Kapitol „Mons salvationis“ genannt werden konnte, so liegt es 
nahe, damit den Namen Munsalvaesch in Verbindung zu bringen 2 ). 

5 ) Eine eigentümliche Auffassung des Kapitols wird von Ranulphus 
Higden [Polycbronicon ed. by Ch. Babington. Rer. Brit. Script. XI, 1. 
(London 1876) 216. I c. 24] vorgetragen: „Item in Capitolio, quod erat 

altis muris vitro et auro coopertis, quasi speculum mundi sublimiter erectum, 
ubi consules et senatores mundum regebant etc.“ Zu den ältesten Erwähnungen 
der „Salvatio“ vgl. Graf, Roma 1. c. p. 188 f. Darunter die Beda vielfach 
zuerkannte Schrift: „De septein miraculis mundi.“ Dort heißt es: „Quod 
primum est Capitolium Romae, salvatio civium, maior quam civitas, ibique 
fuerunt gentium a Romanis captarum statuae, vel deorum imagines, et in 
statuarum pectoribus nomina gentium scripta, quac a Romanis capta fueraut, 

et tintinnabula in collibus eorum appensa.si quaelibet eorum moveretur, 

sonum mox faciente tintinnabulo, nt scirent, quae gens Romanis rebellaret.“ 
In anderer Überlieferung ist die „Salvatio“ ein Spiegel. In den „Seven Sages“ 
[by „Wright. London. 1845. (Percy Society LIII) 1] ist der Erbauer des 
Spiegels nicht Virgilius, sondern Merlin. Zu dieser uns angehenden Fassung 
der Sage vgl. Graf, 1. c. p. 206 f. Von den Belegen ist für uns besonders 
anziehend die Stelle bei Filippo Mouskes, La destruction de Rome. Hrsg, 
v. G. Gröber, Romania II (1873) v. 666—9; hier ist von einem Turm 
„Miraour“ die Rede. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 506 f., leitet das Wort von altfr. „mons salvaiges“, 
der „wilde Berg' 4 ab. Vgl. K. Bartsch, Die Eigennamen in Wolframs Parzival 
und Titurel. Germanistische Studien II (1875) 139 mit dem Hinweis auf 
Wolframs eigene Burg „Wildenberg“. Dieser vielleicht beabsichtigte Doppel¬ 
sinn des Wortes würde auch durch meine Deutung nicht ausgeschlossen, welche 
übrigens neben San Maile [Germania II, 392] schon Mone aber mit ganz anderer 
Begründung vorschlug. Mone, Zeugnisse für die Gedichte vom Gral. Anzeiger 
f. Kunde des deutschen Mittelalters. II (1833) 294 ff. Zum Zauberspiegel vgl. 
Kampers, Lichtland S. 57ff. F.Liebrecht, Zur Volkskunde. Heilbronn 1879* 
S. 88 f. D. Comparetti, Virgilio nel medio ovo. II (Firenze 1896) 76 sq. 
Eine „Virgilii cordubensis philosophia“ bei Heine, Bibliotheca aneedotorum 
1. c. p. 2 11 sq. Hier wird Bezug genommen auf eine spanische Hs. angeblich 


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133 _ 

Noch unmittelbarer wirkte dann weiter ein anderer Zug der 
jüdischen Sage auf den Ausbau der Mär vom Gral ein: es ist jener 
von dem salomonischen Tisch, der als Prunkstück des gotischen und 
karolingischen Schatzes von den zeitgenössischen Berichterstattern 
hoch gefeiert wurde. Spanische Romanzen und maurische Sagen 
künden, daß dieser geheimnisvoll irgendwo in der Welt gehütet 
werde. Dieses Sagenbild findet nur in dem orientalischen Weltbilde 
seine Erklärung. 

Mit dem Tische ,in der Burg hat die Parzivalsage ihr erstes 
Kleinod empfangen. Die Angaben, daß dieser Tisch aus einem 
einzigen Edelstein gefertigt und mit kosmischen Figuren verziert 
ward, tuen dar, daß wir einen Nachfahren des Smaragdtisches des 
Priesterkönigs, des kosmischen Tisches im Schatze der Goten und 
Karolinger, des die Erde bedeutenden Schaubrottisches des jüdischen 
Tempels, des Sonnentisches auf dem Götterberge vor uns haben. 
Ein mythischer Doppelgänger dieses Tisches ist bei Wolfram Arturs 
kreisrundes Tafeltuch. Auch die Erinnerung, daß Arturs runde 
"Tafel, die in anderen Sagen dieses Helden sich „wie die Welt dreht“, 
ursprünglich im Paradieseslande, oder im hretonischen „Mädchen¬ 
lande“ zu suchen ist, blickt noch beim Eschenbacher durch; denn 
jeder Ritter der Runde — dieser Zug ist freilich etwas verzerrt — 
muß, wie im Mädchenlande, seine Liebste zur Seite haben 1 ). 

Die spanischen Sagen und Lieder von Salomon haben dann 
weiter auch die einfache Handlung des alten Parzivalmärchens bunter, 
üppiger und gedankenvoller gestaltet. Der Held selbst erscheint 
jetzt in französischen Fassungen der Gralsage als Nachkomme 
Salomons, und auch Wolfram, der als dessen Stammmutter die Fee 

aus dem 13. Jahrhundert, die für die Geschichte des Aberglaubens von Belang 
ist und 1290 in Toledo aus dein Arabischen ins Lateinische übersetzt sein will. 
Sehr viel interessantes Material zu dieser Sage findet sich auch schon in Der 
keiser- und kunige buoch oder die sogenannte Kaiserchronik, hrsg. v. 
H. F. Ma Um an n III (Leipzig 1854) 425 fl". Hierher gehört auch die bei B. de 
Montfaucon, Diarium italicum, 1702, p. 186 sq. sich findende Sage von der 
großen Kalkdrüse [rota lapidea ad inolae forinain] in S. Maria in Oosmedin, 
der heute noch bekannten bocca della veritä, die Orakel kündete. Nachträglich 
sehe ich, daß über den Zauberspiegel auch A. Hilka [Studien zur Alexander¬ 
sage. Roman. Forschungen 29 1910—1911) 5 f.] eingehend gehandelt hat. 
Dort noch einige Literaturnachweise: besonders erwähuenswert: V. Chauvin, 
Bibliographie des ouvrages arabes. VIII [Liege 1904.] 191. 

') Parz. 776. 


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134 


Morgane nennt, widerspricht dem nicht. Seine Gralsuche Parzivals 
ist eine Lichtlandreise. Diese wieder ist gezeichnet nach dem sagen¬ 
haften Bilde der solarischen Fahrt Salomons zuy Königin von Saba 
im Mohrenlande, dort, wo nach dem antiken Mythus die Sonne hinter 
dem Länderberge mit dem Sonnentische emporsteigt. 

Jene neue Handlung wird zugleich aber auch vertieft. Im 
Märchen steckt Parzival seinen Ring der schlafenden Schönen an den 
Finger, und nachher muß er ihn mühsam suchen. Auch die jüdische 
Sage weiß, daß Salomon seinen Ring mit dem zauberwirkenden 
Sonnenstein einer seiner Frauen zur Aufbewahrung gibt, als er zur 
Buße in die Wüste geht. Mit dieser Ringsage vereinen die Moriscos 
die Sage von seiner Brautfahrt. Als einfacher Fischer lindet der 
König sein Kleinod im Bauche eines Fisches wieder und entführt 
dann — wieder im Besitze seiner Zaubermacht — in einer Wolke 
des Königs Tochter. Von diesem Ringe aber heißt es: „Er tat ihn 
an seinen Finger, und alsbald kamen aus der Luft mit großem 
Geräusch alle Dämonen, zugleich mit kostbaren Gewändern und 
vielen wohl zu bereiteten Speisen, und sie erbauten zur Stelle einen 
prächtigen Palast.“ Also auch „wohlzubereitete Speisen“ werden 
hier von dem Ringe gespendet. Noch mehr aber konnte für das 
Lebensepos Wolframs aus dieser Fischersage entnommen werden: 
das Motiv der Demütigung, als Vorbedingung der Heiligung. Indem 
nun die Parzivalsage diese Fischersage übernimmt, läßt sie zugleich 
eine Spaltung der Persönlichkeiten eintreten. Als Fischer erscheint 
im Epos nämlich nicht Parzival, sondern Anfortas, der wegen seiner 
Sü nde dahinsiechende Gralkönig. Parzival ist auch auf einer Braut- 
lährt und zwar zur Kondwiramur gedacht, die in anderen Über¬ 
lieferungen dämonische Züge annimmt und recht wohl an die Stelle 
der Königin im Mädchenlande treten kann. Ihr Schloß ist nur eine 
Variante der Gralburg. Der seltsame Fischfang des siechen Anfortas 
ist unter Zuhilfenahme der Salomonsage von mir wie folgt erklärt 
worden: Anfortas verlor durch seine Versündigung, ebenso wie 
Salomon den Stein, an den seine Herrschaft im Gralreiche gebunden 
war. Er fiel ins Meer, und Parzival kommt gerade hinzu, als der 
todesraüde Greis die Netze darnach auswirft und gewinnt das Kleinod 
für sich. Unter der späteren Übertünchung wird der Fischfang des 
Anfortas bei Wdfram zu einer rätselhaften Episode. 

Das Motiv der Demütigung ist in der Salomonsage begleitet von 
dem Motive der Schuld. Ich denke dabei weniger an die sündige 


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Original fro-m 

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Liebe des Anfortas als an das Vergehen des Helden. So sehr hier 
anch die Graldichter aus dem Eigenen hinzugeben, durch den neuen 
Zug von der erlösenden Frage wird auch hier wieder ein Zusammen¬ 
hang mit der Sage vom Priesterkönige und mittelbar mit der 
Salomonsage dargetan, ja, die bei Wolfram im Hinblick auf ihre 
Bedeutung in der Handlung ganz unverständliche Frage wird durch 
diese erst sinngemäß wieder hergestellt. Im Widerstreite mit den 
Pflichten des feinen ritterlichen Anstandes und den Pflichten des 
Herzens versäumt es Parzival auf der Gralburg jene Frage — es 
ist, wie wir aus der Kaisersage schließen können, die Frage nach 
den Bedingungen des seligen Lebens — zu stellen, welche den 
totkranken Gralkönig erlösen kann. Durch das Unterlassen verscherzt 
Parzival den Besitz des Gral, ebenso wie der Kaiser Friedrich in 
der Sage vom Priesterkönige Johann den Besitz des Wundersteins. 

Auch diese letztere Sage mag an der oben erwähnten Loslösung 
des Sonnensymbols von der Spitze der Gral bürg und zur Ver¬ 
selbständigung des Gral beigetragen haben. Wie sich die Kabbala 
dann des Kleinods bemächtigte, haben wir gesehen. 

Weniger stark ist der Einfluß einer gotischen Königssage auf 
die Gestaltung unserer Dichtung gewesen. Der alte Mone zwar war 
anderer Ansicht 1 ): „Abgesehen von jüdischer und bretoniseher 
scheint der Gral eine alte und volksmäßige Grundlage zu haben. 
Es ist nämlich darin die Rettung des gotisch-spanischen Volkes vor» 
den Mauren enthalten.“ Er sucht die „montes salvationis“ in Asturien 
wohin sich Pelagius mit seinen Goten zurückzog, und wovon dann die 
Rettung der Spanier ausging. Das ist nicht haltbar; nur ein 
bedeutungsloser Niederschlag dieser Königssage in Wolframs Epos 
ist wahrnehmbar 2 ). Merkwürdigerweise hat dieser, ohne daß Wolfram 
sich dessen bewußt wird, nicht nur zu einer Spaltung der Personen, 
sondern auch der Dinge geführt. 

Die gotische Sage erzählt: „König Roderich liel an der Spitze 
seines Heeres in der Schlacht bei Xeres. Nach der Schlacht, so 
erzählt die Sage, tänd man nur sein Streitroß Orelia, seine Krone 
und seine mit Gold und Edelsteinen besetzten Prunkgewänder am 
Rande des Flusses, nicht aber den Leichnam des Königs. Haid 

') Mone, a. a. 0. S. 294 ff. 

2 ) Th. Sterzenbach. Ursprung und Entwicklung der Sage vom heiligen 
Gral. Münster i. W. 1908 S. 33. 


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13 « 


entstand nun die Sage, der König sei gar nicht gefallen, sondern 
habe sich schwer verwundet aus dem Getümmel der Schlacht gerettet 
und einige Tage in einem Kloster geborgen. Darauf sei er in Be¬ 
gleitung eines Mönches in das heutige Portugal geflüchtet und habe 
dort in einer Grotte auf einem steilen, fürchterlichen Berge, von 
niemand auffindbar, mit seinem Begleiter gelebt. Ein kostbares 
Marienbild, das aus Jerusalem stammen sollte, hätten sie auf ihrer 
Flucht mitgeführt. — Gestorben und begraben sei der König unweit 
Visien 1 ).“ Es scheint hier die andere Nachricht, daß Pelagius nach 
der unglücklichen Schlacht von Xeres die Trümmer des vernichteten 
gotischen Heeres in einer Felsenhöhle im wilden Gebirge vor dem 
Feinde barg, mit sagenbildend tätig gewesen zu sein. Das aus 
Jerusalem stammende Marienbild ist in dieser späten Nacherzählung 
jener Königssage ersichtlich das gotische Nationalheiligtum: der 
Salomonische Tisch. Die Sage konnte es nicht glauben, daß dieses 
vom heidnischen Feinde entführt sei; geheimnisvoll raunte sie von 
jener verzauberten Grotte mit dem Tische, die wir aus spanischen 
Romanzen ja schon kennen. Das spätere Wiederauftauchen dieses 
Tisches im Schatze der Karolinger, im Schlosse des Priesterkönigs 
und des Gral setzt eine solche weiterdichtende Überlieferung voraus. 
Bewiesen aber wird die Identität dieses Marienbildes und des Tisches 
durch die mit den Farben jener gotischen Königssage gezeichnete 
Episode vom Klausner Trevrizent bei Wolfram. In Sevilla traf 
dieser mit Parzivals Vater zusammen, und Trevrizent erzählt: 

„In tninc herberge er fuor . . . 
er gap sin kleinoete mir: 
swaz ich iin gap daz was sin gir. 
mine kefscu, die du saaehe e, 

(diu ist noch grüener denn« der kle) 
hiez ich wurken liz eim steine 
den mir gap der reine*).“ 

Der Klausner hütet seinen Schatz in seiner 

„klösen in ein relses want. 
eine kefsen Parziväl da vant, 
ein gemAlet sper derbi gelent. 3 )“ 


l ) Ich zitiere nach Sterzenbach, a. a. 0. S. 31. Dort auch die Nach¬ 
weise. 

*) Parziv. 498, 1 ff. 

*) Martin. Kommentar S. 240 leitet „kefse“ von capsa ab und erblickt 
darin einen Reliquieuschreiu. Vgl. dazu, was ich von Schrein und „Arche“ 


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Die Übereinstimmung zwischen dieser Episode einerseits mit jener 
gotischen Königssage, andererseits mit der Sage vom Gralkönig und 
dem Gral drangt sich auf. Trevrizent ist nur ein Doppelgänger 
des Gralhüters Anfortas, und der Gral selbst ist hier, wie in der 
spanischen Sage und wie in der späteren „Krone“ des Heinrich von 
dem Türlin, eine „kefse“, ein Schrein geworden 1 ). Die Erinnerung 
an die ursprüngliche Steingestalt des Gral blickt aber auch hier 
durch. Aus grünem Stein — also auch hier wieder der Smaragd 
— ist jener Schrein geschnitten. Neben dem Gral begegnet in 
dieser Episode zugleich auch der Speer wieder, der hier nicht blutig, 
sondern bemalt ist. Daß dieser bemalte Speer mit der Lanze des 
Longinus garnichts zu tun hat, dürfte offensichtlich sein. Was es 
überhaupt mit dieser Lanze, die uns also in zweifacher Form bei 
Wolfram begegnet, für eine Bewandtnis hat, ist nicht zu ersehen. 
Einen Fingerzeig bietet vielleicht Chrestien, der sie auf die alte 
Weissagung der Barden von Wales bezog: „Durch die blutige 
Lanze werden die Reiche der Sachsen vernichtet werden 2 ).“ Das 
legt die Annahme einer ähnlichen gotischen Sage nahe. Im letzten 
Grunde freilich wird der Speer irgend ein Wetterinstrument oder 
dergl. im Mythus gewesen sein. 

Neben all diesen fremden Einwirkungen auf den Werdegang 
unserer Sage darf man aber auch die bodenständigen Anregungen 
nicht außer Acht lassen. Die Feenwelt der Bretonen lieh ihren 
Zauber und spendete manchen einzelnen Zug. Sie gab dem fremden 
Stoße vielfach das Leben, ohne diesen aber äußerlich wesentlich urn- 
zuwandeln. Bretonische Sagen ragen in unsere Dichtung hinein, 
aber nur wie fast unkenntliche Trümmer. König Artur wird wieder¬ 
holt ohne Grund eingeführt, und der eigentliche Held eines ganzen 
Sagenkreises muß, wie wir sahen, die Rolle eines Statisten spielen. 
Ein Torso einer bretonischen Sage ist auch wohl die Episode von 
dem steinalten Titurel, den der Anblick des Gral am Leben erhält. 
Nichts deutet darauf hin, was dieser Mann mit dem Scheindasein 
eigentlich bedeutet. Vielleicht ist er jener Elbensohn Tydorel, der 
wie ein der Marie de France zugeschriebener Lay singt, niemals 


(I.ichtland S. 94 ff.) sage. Der „gemalt sper“ und die „kefsen“ ist nicht nur 
hier (268, 27 ff.), sondern auch 459 u. 460 erwähnt. 

') Sterzenbach, a. a. 0. S. 36. 

*) Hertz, a. a. 0. S. 434 f. 


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188 


schläft und schließlich in das Wasserreich seines Vaters verschwindet 1 ). 
Genug! Die rätselhafte Gestalt des Greises an sich tut dar, daß die 
Einführung des Gralgeschlechtes durch eine uns nicht näher bekannte 
Sage bedingt ward. Mit jener sagenhaften Vorgeschichte des Gral¬ 
königtums nun wurde die Parzivalsage zusammengeschweißt. In 
seiner unverhüllten Absicht, dem Hailse Aniou eine feine Huldigung 
darzubringen, erweitert Wolframs Gewährsmann, der Provence Guiot 
— oder vielleicht schon eine ältere Vorlage — diese Sage von der 
Vorgeschichte des Gralgeschlechtes und von den Kindern Parzivals 
in der Art, daß sich der Stammbaum des neuen Gralkönigs und 
sein und seiner Söhne Landbesitz den Verwandtschaftsverhältnissen 
seines Aniou und dessen und seiner Söhne Machtstellung in England 
und auf dem Festlande einander angleichen 2 ). Es ist dabei sehr wahr¬ 
scheinlich, daß die Wahl einer elbischen Ahnmutter für Parzival und 
Feirifis durch eine verwandte Stammsäge der Anious nahegelegt wurde. 

Im Durcheinandertinten von Sagen und Vorstellungen hat sich 
also vor Wolfram das großartige kosmische Bild von dem abgestuften 
Götterberge mit dem Tisch der Sonne abgewandelt zum Stufenpalast 
des seligen Lebens mit dem Tische des himmlischen Hochzeitsmahles 
und dem Symbole der vollen Beglückung, dem Gral. Die Farben¬ 
pracht des Orient, der Tiefsinn jüdischer Sage, das Grübeln der 
Gnosis 3 ), spanisch-arabische Kabbalistik, heimische Märchenzüge — 
all das kam in bunter Fülle eingeströmt auf den ersten Sänger vom 
Gral. Der Wucht der wechselnden Eindrücke ist dieser erlegen. 
Wesentliche Sagenzüge dieses abgewandelten Weltbildes werden zu 

') Le lay de Tydorel. Hrsg. v. G. Paris in Romania VIII (1879) 66 sv. 
W. Hertz, Spiclniannsbuck. 2. Aufl. Stuttg. 1900, S. 139 ff. u. S. 388ff. 

2 ) Kainpers, Lieht]aml S. 33. G. Baist [Parzival und der Gral. Rektorats- 
rede Freiburg i. B. 1909, S. 39] glaubt, daß die Plantagenets sich nicht als Anje- 
vinen, sondern als Normannen betrachteten, wie aus ihren Hofdichtem und Hof¬ 
chronisten zu ersehen sei, und daß Wolfram Aniou gewählt habe, weil cs an 
der Peripherie seiner geographischen Kenntnisse in einer für das Wunderbare 
geeigneten Entfernung lag. Dem Provenealen Guiot, der die Anious im Heiligen 
Lande kennen lernte, blieben die Plantagenets das, was sie wirklich waren, 
trotz der von ihnen in England beliebten Stimmungsmache, die unserem Dichter 
nicht bekannt zu sein brauchte. 

3 ) Die Gnosis ist eng im Bunde mit der Kabbala. Das Mahl auf der 
Gralburg ist gleich dem himmlischen Hochzeitsmahle der Pistis Sophia, ln 
den verwandten Sagen vom Priesterkönige und von Apollonius kommen auch 
die Lichtgewänder der Gnosis vor, die der Himmelswanderer an der Kosntos- 
grenze empfängt. Näheres in meinem Lichtlande S. 80 u. 96 f. 


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rätselhaften Bruchstücken, das Gralkleinod selbst verdichtet sich zum 
Tischlein-deck-dieh, zum Wunschkleinod. Über das Ganze breitet 
sich der schimmernde Nebelduft der Kreuzzugsromantik. 

Aber mitten in dieser verschwommenen Märchenpracht sehen 
wir das große und doch so unklare Sehnen dieses Jahrhunderts nach 
Wiedergeburt ‘Gestalt annehmen in Parzival. Der lichte Held opfert 
das Weltliche einem höheren Streben. Er ringt sich durch zu einer 
Erneuerung seiner Seele, zu einer Vita nova im Einklänge mit dem 
Göttlichen. 

Ein Jahrhundert später türmt ein Gigant auch einen Berg in 
sieben Schichten übereinander, dessen Scheitel das irdische Paradies 
trägt. Der Dichter selbst besteigt ihn als Protagonist der Mensch¬ 
heit. Während aber Wolfram unter dem auf seiner Zeit lastenden 
Druck des ungeheuren Zwiespaltes zwischen dem Reiche der Frau 
Welt und dem Reiche Gottes die Erneuerung der Seele in einem 
Traumreiche — höher als die Erde und niedriger als der Himmel 
— feiert, schaut der Sänger der „Commedia“ in gewaltiger Vision 
die Möglichkeit, jenen Widerstreit auf der Erde selbst durch die 
Wiederherstellung des Einklanges zwischen dem Irdischen, dem 
Himmlischen und dem Schönen zu überwinden. Dnrch die Mär des 
Eschenbachers von dem Traumreiche des Gral zittert ein Ahnen des 
kommenden neuen Lebens; Dantes erhabene Terzinen erfüllt der Grund¬ 
ton der köstlichen Feiertagsstimmung der anbrechenden neuen Zeit. 

ln der strahlenden Wirklichkeit des „Neuen Lebens“ mußte die 
Märchenpracht verblassen, Und doch! Ganz verscheuchen konnte 
der tatgewaltige Gegenwartssinn die lockenden Gestalten weltfliehender, 
vergangener Träume nicht. Hier und da singt man auch später 
noch von Parzival und seiner Lichtlandburg mit den wunderwirkenden 
Kleinoden. Daneben aber können dann jene Reste vom uralten 
Weltbilde des Ostens: der Turm und der Tisch der Sonne 1 ), noch 
einmal, wie damals beim Werden der Gralsage, ihre dichterische 
Kraft offenbaren. In die fromme Bildersprache unseres Erbauungs¬ 
buches und der Glasgeraälde jener Mühlhausener Kirche aufgenommen, 
künden jene Mythologeme nunmehr den Preis der hohen Himmelskönigin* 

’) Ich bin geneigt, die Anrufung „Goldenes Haus“ in der Lauretanischen 
Litanei durch unseren goldenen Tisch zu erklären. Der heilige Stein auf dem 
G<>tt<rberge ist in griechischen Hymnen zugleich Altar und Haus des Zeus. 
Die Göttermutter Kybele begegnet uns als göttliches Haus. R. Eisler, Kuba- 
Kybele. Philologus LXV11I ;1909) 162 f. 


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Deutsche Himmelsbriefe und russische 
Heiligenamulette im Weltkriege. 

von Dr. Karl Olbrich in Breslau. 


„Talisman im Karneol 

Gläubgen bringt er Glück und Wohl, 

Alles Übel treibt er fort 

Schützet dich und schützt den Ort. 

Amulette sind dergleichen 

Auf Papier geschriebne Zeichen, 

Und vergönnt ist frommen Seeleu 
Längre Verse hier zu wählen. 

Männer hängen die Papiere 
Gläubig um als Skapuliere.“ 

Goethe: Westöstlicher Divan. 

In breiten, aber oft recht dünnen Schichten hat sich das 
Christentum über Glauben und Brauch der Völker gelagert. Doch 
das mächtige Urgestein der früheren Anschauungen wirkt in der 
Tiefe weiter und bildet mit den jüngeren Schichten oft die selt¬ 
samsten Konglomerate. Wenn es aber in der Welt gärt, wenn er¬ 
schütternde Ereignisse die Menschen gewaltig erregen, dann stößt 
es mächtig empor; das Verlangen der Menschheit, überall vom 
Göttlichen umgeben, vor allem durch einen übernatürlichen Schutz 
gefeit zu sein, erfährt die höchste Spannung: da wird, was nur 
fromme Belehrung, leuchtendes Vorbild, sinniges Symbol sein sollte 
(ein Bibelspruch, ein Heiliger, das Kreuz), als magisch wirkendes Wort, 
Bild, Zeichen zum zauberkräftigeD Talisman, der seinen Träger in Ge¬ 
fahren beschützt. Das zeigen Streit und Kampf vergangener Zeiten *), 
das ist auch im jetzigen Weltkriege wieder in Erscheinung getreten. 

*) Vgl. K. Olbrich, Über Waffensegen. Mitt. 1897. Heft IV, S. 88—92. 


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einer übernatürlichen Einwirkung überall ablehnt, will Grabinski den 
Beweis erbringen, daß nicht alles Aberglauben ist, was auf dem 
Gebiete des Mystischen berichtet wird (S. 84). So behandelt er denn 
mit Vorliebe „vom katholischen Standpunkte aus“ die „mystischen, 
vor allem die ausgesprochen übersinnlichen, ja geradezu über¬ 
natürlichen Phänomene, welche mit dem Weltkriege in Verbindung 
stehen“ (S. VIII). In Wirklichkeit verschwinden auch hier vereinzelte 
Beobachtungen aus unserer Zeit unter einem Wüste geheimnisvoller 
Erscheinungen oft recht wunderlicher Art, welche er aus den ver¬ 
schiedensten Quellen aller Zeiten wahllos entnommen hat. Dieser 
bei weitem größte Teil seines Buches scheidet für die Zwecke der 
Volkskunde völlig aus. Nur von dem kleinen ersten Teile „Der 
Aberglauben im Weltkriege“ bringen etwa 15 Seiten einigen brauch¬ 
baren Stoff. Zwar sind es auch nicht eigene Beobachtungen, sondern 
Auszüge aus Zeitungen und Zeitschriften, doch ist diese Sammlung 
einschlägiger Mitteilungen recht reichhaltig und enthält auch manches 
Verwendbare. Ich selbst habe, soweit es mir fern von der Kultur 
möglich war, entsprechende Zeitungsausschnitte gesammelt, stehe aber 
allen diesen Aufsätzen in der Presse inbezug auf ihre wissenschaft¬ 
liche Brauchbarkeit mißtrauisch gegenüber. Die meisten von ihn« u 
sind Lückenbüßer für „unter dem Strich“ oder für Unterhaltungsbeilagen 
und tragen nur zu deutlich den Stempel feuilletonistischer Gelegeu- 
heitsplauderei. Wer wollte Wahrheit und Dichtung da unterscheiden, 
wo es dem Verfasser lediglich darauf ankommt, den Leser durch 
interessante Mitteilungen und fesselnde Darstellung zu unterhalten ? 

Aufgabe der Volkskunde ist es zunächst, festzustellen, inwieweit 
durch Tatsachen aus dem bisher gesammelten Stoffe schon bekannte 
Dinge erneut bestätigt, neue Gesichtspunkte aus ihnen gewonnen 
werden können. Da lenken vor allem die Himmelsbriefe die 
Aufmerksamkeit auf sich. Der Weltkrieg hat gezeigt, daß in der 
langen Friedenszeit der Glaube an dieses alte Schutzmittel gegen 
alle Fährnisse des Streites nicht geschwuuden war. Seine Ver¬ 
wendung hat sich sogar bei Beginn des Krieges sehr gesteigert, 
nicht zum wenigsten durch die von geschickten Kolporteuren unter¬ 
stützten Anpreisungen gewissenloser Verleger, welche viele Tausende 
gedruckter Exemplare absetzten, und durch gewinnsüchtige Quack¬ 
salber, welche unter der Hand die (mehr wirkungsvollen!) Abschriften 
alter Stücke an die — Frau zu bringen wußten. (Einer bot an¬ 
geblich sogar Schutzbriefe gegen Läuse feil!) 


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Ein auch nur einigermaßen sicherer Überblick über die Ver¬ 
breitung des Himmelsbriefes laßt sich freilich vorläufig noch nicht 
gewinnen# Daß er auch auf der Flotte bekannt sein mußte, war 
vorauszusetzen und ist durch Funde bei Leichen von Matrosen, welche 
nach der Seeschlacht bei Helgoland an den Sylter Straud getriebeu 
wurden, bestätigt worden (Hauptmanu Lohmeyer im 2 . Kriegsblatt 
des klassisch-philologischen Vereins zu Bonn. Oktober 1914). Aber 
die einzelneu Feststellungen sind zerstreut und zum Teil unsicher. 
Von den 8 Schreibern und Ordounanzen unserer Bahuhofskommandantur 
waren z. B. zwei nachweislich im Besitze eines Schutzbriefes, von 
drei anderen vermute ich, daß sie ihn trugen, aus gewissen Gründen 
(s. u.) es aber verheimlichten. Ich wandte mich an die oft wechselnden 
Mannscliaften unserer Sanitätswache und an die Ärzte und Pfleger 
der durchkommenden Lazarett- und Krankenzüge als wohl beste 
Quellen: ihre Aussagen waren völlig verschieden. Die einen be¬ 
haupteten, den Brief fast bei jedem Verwundeten und Toten ge¬ 
funden zu haben; andere kannten wieder nur vereinzelte Fälle. 
Diese Verschiedenheit der Angaben geht wahrscheinlich darauf 
zurück, daß sie bei verschiedenen Truppenteilen tätig waren; Landes¬ 
zugehörigkeit und religiöser Standpunkt (nicht Konfession!) sprechen 
jedenfalls hei der Verbreitung des Briefes mit, freilich auch Vorbild, 
Anregung und Nachahmungstrieb. Wie so manches (oft wunderliche!) 
Marschlied, zunächst von einzelnen gesungen, allmählich Eigentun) 
eines ganzen Truppenteils wird, so verbreitet sich auch der Himmels¬ 
brief. Ist er erst in eine Korporalschaft eingedrungen, so besitzt 
ihn bald ein großer Teil der Kompagnie, ja des Bataillons. Eiue 
besondere Wertschätzung genießen die alten, vergilbten, schweiß- 
durchtränkten Briefe, welche bereits in früheren Kriegen getragen 
wurden und ihre Kraft schon wiederholt bewährt hatten. Einen 
solchen besaß z. B. unser Schreiber und war darauf nicht wenig 
stolz (vgl. auch Lohmeyer a. 0. S. 16 und meine Abhandlung „Zehn 
Schutzbriefe unserer Soldaten“ Mitteilungen Heft XIX, S. 46 u. 67 f). 

Übermittler des Briefes sind zunächst stets Frauen. Der 
ßchein kirchlicher Frömmigkeit, womit der Text harmlose Gemüter 
leicht täuscht — die Neigung des weiblichen Geschlechtes zum 
Geheimnisvoll-Mystischen —- das Streben, den ins Feld ziehenden 
Lieben außer Gebeten und Segenswünschen noch einen vielleicht 
doch wirksamen Schutz mitzugeben, erklären diese Erscheinung ge¬ 
nügend'. Ob dabei — vielleicht unbewußt — auch die uralte An- 


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schauung noch mjtwirkt, daß die Übertragung des Zaubers von einem 
Geschlechte auf das andere seine Wirkung besser verbürgt, muß dahin¬ 
gestellt bleiben. Andeutungen darüber habe ich weder selbst gehört 
noch irgendwo gelesen. Gewöhnlich lassen die Soldaten, welche in 
den Besitz eines Briefes gelangen wollen, sich eine Abschrift aus der 
Heimat von Angehörigen nachschicken; doch schreiben sie ihn auch selbst 
im Schützengraben oder in der Ruhestellung von anderen ab (Mit¬ 
teilung mehrerer Offiziere). 

Hierzn eine Zusammenstellung aus den von mir gesammelten Berichten: 
Vielfach wurde beobachtet, wie Frauen einberufener Reservisten noch am Tage 
vor dem Ausrücken unter Hintenansetzen alles anderen Himmelsbriefe ab¬ 
schrieben, welche eine Freundin oder Nachbarin ihnen geliehen hatte. Andere 
Soldaten bekamen sie durch die Post von unbekannter Seite zugesandt. 
Nicht wenige treue Mütter schickten mit anderen Gaben auch einen Himmels¬ 
brief dem Sohne nach mit der Mahnung, ihn ja stets bei sich zu tragen, dann 
könne ihm kein Leid zustoßen. In Lazaretten zeigten kirchlich fromme Soldaten 
ihren Pflegern und tröstenden Besuchern als „Beweis ihres besonderen Ver¬ 
trauens“ den Brief, den sie, in Leinwand eingenäht, an einer Schnur um den 
Hals trugen. Bezeichnend ist, daß mancher meint, die liebe Mutter müsse den 
schönen Brief wohl von dem Pastor bekommen haben. 

Mit eioer alten Anschauung hängt es auch zusammen, daß der 
Träger des Briefes ihn nur ungern anderen zeigt, vor allem aber 
ihn vor den Augen Ungläubiger ängstlich hütet. Denn hierbei spricht 
'icher nicht nur die Scheu mit, einem Aufgeklärten den eigenen 
Glauben an solche abergläubische Dinge zu verraten. Unser Gefreiter 
L. und mein Bursche gaben z. B. ohne weiteres zu, daß sie einen 
Schutzbrief besaßen; nichts aber konnte sie bewegen, ihn mir zu 
zeigen. „So was zeigt man nicht!“ war die stete Antwort. Es ist 
eben der alte Glaube, daß der Zauber durch Bekanntgebeu an 
andere seine Kraft einbüßt. „Mein Weib, nichts von den Dingen 
sag! Solch geistlich Ding muß heimlich sein!“ sagt der Bauer in 
Hans Sachsens „fahrend Schüler im Paradies.“ Viele verschweigen 
deshalb wohl überhaupt, daß sie einen Brief besitzen. Wenn 
(Hellwig a. 0. S. 47 ff.) ein schwer verwundeter Kanonier behauptet, 
der Brief habe ihn nur deshalb nicht vor dem Geschoß beschützt, 
weil er ihn einem Ungläubigen zum Abschreiben lieh, so bestätigt 
dies genau obige Anschauung. Den Text sämtlicher Briefe, welche 
während des Krieges mir zur Kenntnis kamen, habe ich unter 
Zugrundelegen der von mir (Mitteilungen Heft XIX, S. 46 ff.) auf¬ 
gestellten Haupttypen nachgeprüft. Sie zeigen ohne Ausnahme die 
eine oder andere der vier dort nachgewiesenen Zusammensetzungen; 


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auch der Wortlaut bietet — abgesehen von den üblichen sinnlosen 
Verccbre.bungen - nichts Neues. Durch diese Übereinstimmung 
j.'rd abe ™*'s besttttigt, daß, wie bei jedem Zauber, so auch hier 
die geringste Änderung ängstlich vermieden wird; jede Eigen¬ 
mächtigkeit, jedes Versehen kdnute ja die Wirkung abschwächen oder 
gar anfbeben. Wer, wie ich, eine grellere Sammlung solcher Briefe 
besitzt, beobachtet immer wieder, mit welch peinlicher Sorgfalt die 
meist ungeschickten Hände Buchstaben für Buchstaben langsam nach¬ 
gemalt haben. In dem einen Falle, wo genau derselbe Brief in ein 
und demselben Stücke zweimal hintereinander steht, mag wohl auch 
weniger der Glaube an eine gesteigerte Wirkung, als die Angst vor 
einem Fehler in der ersten Niederschrift, die wunderliche doppelte 
Ausfertigung veranlaßt haben. 


Während so der Himmelsbrief von den Soldaten nachweislich 
gern als Schutzmittel getragen wird, sind eigentliche Amulette 
meines Wissens beim deutschen Heere bisher nicht festgestellt 
worden. Alle jenen lieben Andenken oder Erbstücke, die man stets 
bei sich trägt, deren Verlust Unruhe und Unlustgefühle auslöst, sind 
wie Hellwig (a. 0. S.26ff.) mit Recht betont, doch nur amulett^ 
ähnlich, die damit verbundenen Empfindungen etwa ein verfeinerter 
Amulettglauben. Auch jene Gegenstände, die nach Kronfelds An¬ 
gaben (a. 0. S. 63 ff.) bei Kriegsausbruch in Wiener Geschäften aus- 
lagen und bei den ausrückenden Soldaten guten Absatz fanden, kann 
ich nicht unbedingt als Amulette ansehen. Spielereien, wie Glücks- 
schweinchen, Kleeblätter, u. a., scheiden von vornherein aus; aber 
auch die Svastikakreuze und Thorliämmer, womit wohl vor allem die 
deutschösterreichischen Wodansverehrer sich schmückten, und die im 
offiziellen Aufträge des K. K. Kriegshülfsbureaus aus eisernen Huf¬ 
nägeln gefertigten „Glücksringe- mit der Aufschrift „Kriegsglück 1914 “ 
sind doch schließlich nur Schmucksachen, Anhänger für die ührkette 
kleine Liebesgeschenke. Den Glücksring sah ich bei durchkommenden 
Österreichern:* sie machten sich selbst darüber lustig, an eine wirk¬ 
liche Schutzwirkung glaubte schwerlich einer. Zum Begriff Amulett 
gehören aber zwei wesentliche Eigenschaften: zunächst ein Gegen¬ 
stand, dessen Stofl, Bild, Inschrift nach einer verbreiteten Anschauung 
das bewirkt, was in amolimentum'), der lateinischen Übersetzung von 
(f vöaKtriQiov liegt, d. h. daß es Gefahren von mir abwendet (amoliri). 


l ) An die Herleitung von arabischem humulet = portari glaube ich ni^it 

recht. 


Mitteilungen d Scbles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 


1 # 


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14K_ 

Damit aber muß bei dem Träger verbunden sein der feste 
Glaube an seine Wirkung, wie er sich eben in einem bestimmten 
Verhalten (siehe oben Himmelsbrief) unverkennbar äußert. Beides 
ist nun der Fall bei den Münzen, welche die russischen Soldaten 
ohne Ausnahme an einer Halsschnur tragen. Oft sind es so viele, 
daß sie, zusammengerutscht, einen wahren Ballen oder, einzeln auf¬ 
gereiht, eine lange Kette bilden; bisweilen aber ist es auch nur ein 
einziges, meistens größeres und von den Ahnen ererbtes Stück. 
Getragen werden sie auf der bloßen Brust unter dem Hemde; so 
bilden sie und die Schnüre eine gegebene Brutstätte für das 
russische Haustierchen, die Laus. Es sind durchweg kirchlich gesegnete 
Medaillen, sie besitzen aber trotzdem die oben gekennzeichneten 
Merkmale eines Amuletts. Der russische Gefangene zeigt sie nur 
ungern; falls bei Untersuchungen das Hemd anf der Brust sich 
verschiebt, steckt er sie meistens schnell weg. Falls er, dazu auf¬ 
gefordert, sie zeigen muß oder, zutraulicher geworden, von selbst 
zeigt, bemüht er sich, sie wenigstens nicht aus der Hand zu geben, 
wobei wohl noch nicht allein die Besorgnis, man könnte sie ihm 
wegnehmen, mitspricht. Spaß macht es, das Verhalten der Gefangenen 
bei den Entlausungen zu beobachten, wo sie sich völlig entkleiden 
und alles, was sie am Körper tragen, /um Entlausen und Entseuchen 
abliefern müssen. Hier fruchtet kein Versprechen, daß sie nachher 
alles wiedererhalten — auf jede Weise suchen sie ihr Amulett am 
Körper mit durchzuschmuggeln: sie bergen es geschickt in den 
geschlossenen Händen, stecken es in den Mund oder klemmen es in 
einer Körperhöhlung fest. Natürlich suchen die bedrängten Läusescharen 
in Schnur und Münzvertiefungen ihre Zutlucht und klettern nach 
erfolgter Entlausung fröhlich wieder hervor — aber das Amulett 
ist gerettet! Fast jeder Versuch, diese Münzen im Tauschhandel 
(etwa gegen eine Schachtel der sehnsüchtig begehrten Zigaretten) 
zu erwerben, schlägt fehl, obwohl sie meistens weder künstlerischen 
noch Metallwert haben. Seine Orden verkauft der russische Gefangene 
sofort, schwerlich aber sein Amulett! Die Stücke, welche ich be¬ 
sitze. sind zum Teil nach der Verpflegung größerer russischer 
Gefangenentransporte gefunden worden, zum Teil haben sie mir 
befreundete Ärzte überlassen, welche sie Leichen bei den Sektionen 
abnahmen. 

Hierzu einige Beispiele aus meinen Erfahrungen: Ich habe mich in dieser 
Angelegenheit wiederholt an die Transportführer der Gefangenentrupps gewendet, 


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147 


welche aus dem benachbarten Sammellager nach dem Inneren abgeschoben 
wurden. Mit Hülfe der deutschsprechenden Gruppenführer wurde stets fest- 
gestellt, daß alle Gefangenen solche Amulette besaßen, aber nur wenige ent¬ 
sprachen meiner Aufforderung, sie zu zeigen, und auch dann erst, nachdem 
der Dolmetscher sich ausdrücklich verpflichtet hatte, sie nicht aus der Hand zu 
geben. — Einmal besuchte ich mit unserem Stabsarzt Gefangene, welche in 
einer Eisenbahnwerkstatt beschäftigt waren. Durch gute Behandlung und reich¬ 
liche Beköstigung waren sie zutraulicher geworden, insbesondere ihrem Doktor 
zu Danke verpflichtet. Als sie von meinem Wunsche hörten, zeigten sie bereit¬ 
willig ihre Münzen, aber nur einzelne ließen es zu, daß ich sic t in die Hand 
nahm und abzeichnete. Mit ihnen zusammen arbeiteten auch einige französische 
Gefangene, welche spöttisch zusahen, wie, die Ententegenossen ihre Heiligtümer 
vorwiesen. Auf meine Frage, ob sie nicht auch etwas ähnliches besäßen, gaben 
sie mit überlegenem Lächeln die Antwort, Franzosen seien nicht so aber¬ 
gläubisch, höchstens könnten Elsässer solche Dingen besitzen (!) Das wäre denn 
doch von einem Kameraden, der an der westlichen Front tätig ist, nachzuprüfen. 
Nachdem die anderen sich entfernt hatten, brachte der jüdische Dolmetscher, 
der sich gefällig zeigen wollte, noch einen Russen heran, der nach einigem 
Zureden seine Brust entblößte und sein Amulett zeigte. Es war ein sehr altes 
Stück, handtellergroß, in Gestalt eines Triptychons, und sehr stark abgenützt. 
Nach seinen Angaben war es schon mehrere hundert Jahre in seiner Familie. 
Sowohl beim Herausnehmen als beim Einstecken küßte er es ehrfürchtig drei¬ 
mal — Ein gefangener russischer Fliegeroffizicr, der bei uns durchkam und 
sich auf eigene Kosten besser verpflegen durfte, wies, nachdem ein Gespräch 
über Puschkin und Gogol uns näher gebracht hatte, ein sehr wertvolles Kreuz 
vor, dem nach seinem Glauben er allein die Rettung aus dem abgeschossenen 
Doppeldecker verdankte. Nach seinen Erzäungen geht Sitte und Glaube bis 
in die höchsten Kreise. Ich möchte hier auf die bekannte Stelle in Schiller 8 
Demetrius binweisen: 

„schon kniet* ich nieder an dem Block des Todes, 
entblößte meinen Hals dem Schwert. 

In diesem Augenblicke ward ein Kreuz 
von Gold und kostbarn Edelsteinen sichtbar, 
das in der Tauf mir umgehangen ward. 

Ich hatte, wie es Sitte ist bei uns, 

das heilge Pfand der christlichen Erlösung 

verborgen stets an meinem Hals getragen 

von Kindesbeinen an, und eben jetzt, 

wo ich vom süßen Leben scheiden sollt, 

ergriff icl» es als meinen letzten Trost 

und drückt es an den Mund mit frommer Andacht.“ 

Bekanntlich rettet es dem falschen Zarewitsch das Leben. Die Stelle ist 
wieder ei/i Beweis dafür, wie Schiller auf Grund sorgfältiger und eingehender 
Quellenstudien selbst feinere Züge aus Volkssitte und -brauch in seine histori¬ 
schen Dramen,zu verweben wußte. 

10 * 


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148 


Ich gehe nun zu eiuer Besprechung der Stücke über, welche 
sich in meinem Besitze befinden. Zwei davon sind polnischer 
Herkunft. Das eine, in Barockforrn, aus Aluminiuty, zeigt auf der 
einen Seite Papst Pius X., darunter eine kleine und eine große 
Krone, dazu die Umschrift: „Andenken an die zweite Krönung der 
Mutter Gottes von Czenstochau, geopfert durch Pius X. 22. 5. 1910.“ 
Auf der anderen Seite befindet sich die Mutter Gottes mit dem 
Christuskinde und die Umschrift: „Königin der Krone Polens, bitte 
für uns.“ Trotz dieses rein kirchlichen Charakters wird man die 
Münze als Amulett ansprechen dürfen, wenn man bedenkt, daß 
die fanatisch in Russisch-Polen verehrte schwarze Schutzherrin als 
Wundertäterin in allen Notlagen angerufen wird. Deutlicher tritt 
der Amulettcharakter bei der zweiten Münze hervor. Sie ist eben¬ 
falls aus Aluminium gefertigt, aber in der Gestalt eines oben und 
unten spitz zulaufenden Schildes. Auf der Vorderseite befindet sich 
ein Kreuz; in seinen Innenwinkeln stehen vier Buchstaben L (ist) 
S (kutecz) A (ntoniego) P (adawskiego) „wundertätiger Brief 
(= Schutzbrief) des Antonius von Padua“. Anf der Rückseite ist 
das Bild des heiligen Antonius mit dem Jesuskinde, rings herum 
steht der „Brief“: „Hier ist das Kreuz des Herrn f, fliehet ihr 
Satanasse f es wird siegen der Löwe aus dem Stamme Juda aus der 
Wurzel Davids f.“ Legenden bestehen über den frühzeitig heilig 
gesprochenen Antonius von Padua nicht, desto mehr umranken ihn 
volkstümliche Wundergeschichten. Ans dem Kreuze, den Anfangs¬ 
worten des Segens und den drei dazwischen stehenden Kreuzeszeichen 
ergibt sich eine Beziehung auf die Erzählung, daß Antonius schon 
als zehnjähriger Knabe den Teufel aus der Kathedrale von Lissabon 
durch das Kreuzeszeichen vertrieb (vgl. Kerler: „Patronate der 
Heiligen“ S. 237). Die Münze ist ein unverkennbares Amulett gegen 
Angriffe höllischer Mächte. 

Viel mehr, als bei den katholischen Polen, ist bei den orthodoxen 
Russen das Amulett verbreitet. Das russische Christentum besteht ja 
bei der größten Masse nur in gedankenloser Aneignung der äußeren 
Form und des Ritus, von deren peinlicher Beachtung ihnen die Heils¬ 
kräftigkeit des Inhalts abhängt. Ein Gebet ohne heiligen Gegenstand, 
zu dem er betet, ist z. B. für den Russen unmöglich. Der Bauer, 
auf dem Acker von der Stunde der Andacht überrascht, stößt 
sein Grabscheit in die Erde und betet zu dem durch Schaft und 
Handgriff gebildeten Krenze. Im Notfälle legt der Russe, wie ich 


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es selbst öfters bei Gefangenen gesehen habe, die Finger zum Kreuze 
zusammen und küßt sie mit Andacht. Ähnlich steht es mit der 
Bilderverehrung. Die orthodoxe Kirche lehrt zwar, daß das „wunder¬ 
wirkende Bild nur als ein Mittel der von Gott und den Heiligeu 
ausgehenden Gnadenwirkung zu erachten sei“, für den gemeiuen 
Mann aber geschieht die Wunderwirkung durch das Bild selbst — 
damit wird es zum Amulette. Dazu kommt noch, daß die meisten 
Inschriften dieser Münzen infolge alter Überlieferung als (oft rätsel¬ 
hafte) Abbreviaturen mit Titulusstrich geschrieben sein müssen, 
welche die meisten‘Russen selbst'nicht entziffern können; so wirken 
sie denn auch auf den gemeinen Mann als arcana sacra, als magische 
„Charakteres“ ’). 

Am häutigsten sah ich bei den Gefangenen jene eiförmigen, 
dünnen Münzen aus schlechter Bronce, welche angeblich auf Befehl 
der Zarin geprägt, von den Popen geweiht und zu vielen Tausenden 
an die ausrückenden Soldaten verteilt wurden. Die Vorderseite zeigt 
bald einen byzanthinisch-archaischen Christus in Halbtigur mit 
Evangelienbuch und erhobenen Schwurtingern, bald den heiligen 
Georg hoch zu Roß, den Drachen tötend. Er ist ja der Patron aller 
Krieger, der ihnen im Kampf und Streit beisteht (Kerler a. U. S. ßO. 
ii5. 300. 338.). Auf der Rückseite der Münzen stehen mit großen 
schwarzen Lettern die Worte: „spasi i sochrani“ Errette und erhalte! 
als bindender Spruch. 

Ebenso verbreitet, wie diese ovalen Amulette, sind die aus Messing, 
Bronce oder Silber angefertigten, sehr dünnen und leichten Kreuze. 
Ihre Größe schwankt zwischen einem und vier Zentimetern. 
Die Rückseite trägt nur den Fabrik- oder Silberstempel. Es ist für 
den Massenvertrieb hergestellte, billige Ware. Das Kreuz ist stets 
etwas zierlicher gestaltet: bald erweitern sich die vier Ecken durch 
die bekannten, in Rußland sehr verbreiteten kleeblattartigen Ansätze, 
. bald — aber viel seltener — zeigt sich eine dem Johanniterkreuze 
ähnliche Form, welche manchmal durch Aufsetzen von Knöpfchen 
an den Spitzen und in den Winkelecken noch weiter ausgeschmückt 
wird. Der Grund ist blau, seltener grün oder schwarz emailliert; 
bisweilen heben sich auch Zeichnung, Inschrift und Verzierungen in 

*) Beim Entziffern der Inschriften buben Herr Prof. 1 »r. Abicht und 
Fräulein E. Härtel mich wesentlich unterstützt: Herrn Prof. Abicht bin ich 
auch für die wertvollen Hinweise auf die einschlägige russische Literatur zu 
besonderem Danke verpflichtet. 


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Emaille vorn Metallgrunde ab. Das Bild zeigt nur selten Christus 
am Kreuze, meistens ist es ein nacktes Kreuz mit sehr schmalen 
Hölzern, selten das einfache, meistens das Patriarchenkreuz mit drei 
Querbalken, von denen der obere für die Inschrift, der untere als 
Fußptlock gedacht wird; durch Schrägliegen des letzteren ist öfters' 
das Andreaskreuz mit dem Patriarche'nkreuz vereint. Dazwischen 
gestellte Sterne und Arabesken bilden eine weitere, beinahe heraldische 
Ausgestaltung. Zu Füßen des Kreuzstammes liegt fast immer ein 
Totenschädel, dem manchmal gekreuzte Gebeine oder ein Erdhügel 
beigegeben sind *). Neben dem Kreuze ragen bisweilen Lanze und 
Rohr mit Schwamm empor, welche ebenso, »wie Zangen und Nägel, 
in dem Erdboden stecken. Meistens ist am Kopf des Kreuzes 
ein Täfelchen schräg befestigt, auf dem man die vier Buchstaben 
I. N. Z. J. „Jesus Nazarenus König (Zar) der Juden“ erkennen kann. 
Die Inschriften 2 ) laufen den Querbalken entlang, sind zu Füßen 
und Häupten des Kreuzes, auf die Außenecken und Innenwinkel 
verteilt. Sämtliche Münzen tragen in der üblichen Abbreviatur ICXC 
die Inschrift Jesus Christus auf zwei Seiten verteilt. Über dem 
Kreuze stellt abgekürzt meistens das Wort uskres „er ist auf- 

*) Der Schädel, auf dein das Kreuz steht, ist der Schädel Adams. Die 
entsprechende Legende ist wohl im Anschluß au I. Korinth. 15, 45 ff. entstanden, 
im Morgenlande sehr verbreitet und i» den russischen Apokryphen enthalten. 
Dem entspricht die Schilderung, welche der russische Abt Daniel von der 
Kreuzigungsstätte gibt. Seine „Pilgerfahrt ins Heilige Land“ aus den 
Jahren 1113—1115 (mit französischer l’bersetzung und Anmerkungen heraus¬ 
gegeben von Abraham von Noroff. (Petersburg 1864) ist eines der ältesten und 
wertvollsten russischen Schriftwerke. Dort heißt es S. 22 f.: ,,Das Kreuz Christi 
erhob sieh auf einem Steine . . . dieser Stein ist rund wie ein Hügel“ (vgl. die 
Darstellung auf unseren Münzen!) . . . Unter diesem Steine liegt der Schädel 
des ersten Menschen Adam . . . Als unser Herr Jesus Christus am Kreuze 
seinen Geist aufgab ... da zersprang der Stein über Adams Schädel, und in 
diesen Sprung llossen Blut und Wasser aus «len Rippen des Herrn und wuschen . 
die Sünden des Menschengeschlechtes ab . . . und dieser Sprung ist noch in 
dem Steine bis auf den heutigen Tag.“ 

2 ) Jedes russische Heiligenbild muß eine Inschrift als Bezeichnung des 
Gegenstandes tragen, damit der Gläubige nicht etwa etwas Heidnisches oder 
teuflisches anstatt eines Heiligen anbetet. Deshalb wild wohl auch meistens 
obraz = Abbild des . . . hinzugefügt. So ließ der heilige Despot Stephanos 
auf den „Bildern aus dem Westen auf Papier", welche, während er im Sterben 
lag, eingeschmuggelt wurden, sofort eine Unterschrift anbringen, um wenigstens 
den Hauptanstoß zu beseitigen, (vgl. vita Stephani Lazari filii von Konstantin 
Kostenski 1431. p. 324. 28. 


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erstanden“; einige fügen zu Jesus Christus nach tsar slawy „Herr 
des Buhmes“ oder gospoda nasch „unser Herr“. Recht altertümlich 
ist das bei einigen Münzen am Fußende stehende, auf vier Felder 
verteilte vma, eine Erinnerung an Kaiser Konstantins berühmtes 
„fv tovtüi viud“, welches seit der Schlacht bei Saxa rubra bekanntlich 
an den Kreuzen und Fahnen angebracht wurde, unserer Münze aber 
als einem Kriegsamulett vielleicht noch besondere Bedeutung verleiht. 
Nun stehen noch rings um den Kopf Christi auf sämtlichen (den 
ovalen wie kreuzförmigen) Münzen drei rätselhafte Buchstaben; sie 
sind auf drei abgesetzte Felder des Nimbus verteilt und bedeuten: 
„obraz ot nebes = Bild vom (oder aus) dem Himmel.“ Bei dem 
auftauchenden Zweifel, ob ot hier geistige Abstammung oder räum¬ 
liche Herkunft bezeichnet, entscheide ich mich ohne Bedenken für 
die letztere und übersetze „aus dem Himmel gefallenes Bild“. Die 
russische Kirche kennt ja eine Reihe eixöveg ä%eigojtör)TOi, nicht durch 
Menschenkunst hergestellte Bilder; außer den wenigen von Christus 
auf einem Tuch „abgedruckten“ (Bild zu Edessa, vgl. das Schwei߬ 
tuch der Veronika) sind es zahlreiche „erschienene“ oder „gefundene“. 
Das Schestokowsche Marienbild fällt z. B. durch den Schornstein 
in die Ofenhöhlung (Menologion IE, 31). Eine Weiterbildung dieses 
Herabkommens der Bilder vom Himmel als Gnadenzeichen ist es, 
wenu beim Tode des Despoten Stephanos „die heiligen Bilder in der 
großen Kirche von Belgrad von der Stadt weg sich in die Luft er¬ 
heben“ als Zeichen „daß sie die Stadt verlassen“ 2 ). Außer diesen 
beiden, immer wiederkehrenden Formen des Amuletts sind mir noch 
einige andere bekannt geworden, die ich kurz besprechen will. Eine 
ovale Silbermünze zeigt auf der einen Seite Christus, in dessen ver¬ 
goldetem Heiligenscheine sich wieder die vier Buchstaben befinden, mit 
Unterschrift: „Abbild unseres Herrn Jesus Christos“, auf der anderen 
Seite die Mutter Gottes in herabfallendera jüdischen Kopf- und 
Armschleier, welche das vor ihr stehende Christuskind an sich 
zieht. Das vergoldete Schriftband besagt: „Abbild der sehr heiligen 

3 ) Vgl. die oben zitierte vita Stephani p. 324. 13.- woher Stephanos weiß, 
in welcher Reihenfolge die Bilder aufstiegen, weiß ich nicht, doch stimmt diese 
Reihenfolge (Gottesmutter — Johannes der Täufer — je 6 Apostel von beiden 
Seiten) genau mit der Anordnung der Bilder auf mehreren Triptychen (s. u.) 
überein. — Ein in den Lüften schwebendes Kreuz s. Daniel a. 0. S. 12. — 
Orientalisch-hellenistische Einflüsse haben bei diesem Glauben wohl vorbildlich 
eingewirkt, vgl. Hesychius s. v. öioneTTjt; und Euripides Iph. Taur. 87 f. äyaX/ia 

6 <paoiv iv&äöe elg xovobe vaovg ovQavov neaelv äno. 


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Gottesmutter, Rettung für einen Verlorenen 1 ).“ Der Stern der 
Magier auf dem Kopfschleier, der ernste Gesichtsausdruck der nicht 
jugendlich dargestellten Maria, der eigenartig muschelförmig gewölbte 
und geriefte Hintergrund weisen ebenso, wie die archaisch steife 
Darstellung des Ghristuskindes, auf alte Vorbilder hin. Eine zweite 
Silbermünze zeigt auf der einen Seite zwei durch eine Säule ge¬ 
trennte Mönche; nach der auf dem Emaillenbande stehenden Inschrift 
sind es „Abbilder des sehr heiligen Antonius und Theodosius“; 
zwischen ihren Füßen erhebt sich eine winzige Kirche. Es sind die 
berühmten Begründer des Höhlenklosters zu Kiew, an das sich die 
Anfänge des Christentums in Rußland knüpfen, und das Kirchlein 
mit der Zwiebelkuppel und sehr hohem Kreuze ist das Höhlenkloster 
selbst. Die andere Seite trägt nach der Umschrift das „Abbild der 
sehr heiligen Großmärtyrerin Barbara“. Hinter der Krone, Nimbus 
und Kreuz tragenden Heiligen erhebt sich ihr Symbol, der Turm 
mit den drei Schießscharten, von dem die Legende berichtet und der 
sie vermutlich auch zur Waffenheiligen gemacht hat (Kerler a. 0. 
s. v.). So steht der Träger des Amulettes zugleich unter dem 
Schutze der wundertätigen Begründer seiner Kirche und der Patronin 
aller, die Kriegsgerät anfertigen und mit Waffen umgehen. Leider 
hat eine Barbarenhand auf beiden Münzen mitten zwischen die auf 
kleinstem Raume (1,5 cm) schön ausgeführten Gestalten Fabrik- und 
Silberstempel eingeprägt. Eine dritte, rechteckige (3 : 2 cm) Münze 
aus guter Bronce weist auf der Vorderseite in sehr schöner Zeichnung 
den „sehr heiligen Nikolaos, Wundertäter“ im vollen Schmucke eines 
Erzbischofs mit. Evangelienbuch und segnend erhobenen Fingern 
(weiteres s. u.). Auf der Rückseite sieht man ebenso, wie bei 
der nächsten Münze, das Patriarchenkreuz mit Andreasbalken, Adams¬ 
schädel und Marterwerkzeugen. Die Vorderseite des vierten Amuletts, 
eines plumpen, schwarz emaillierten Messingkreuzes (5 cm hoch mit 
der schwerfälligen Öse), ist völlig mit Schriftzeichen bedeckt, die 
ohne Absetzen hinter einander über beide Balken geschrieben sind. 
Soweit sie sich überhaupt entziffern lassen, bedeuten sie: „A. A. 
(Amen, Amen?) und Gott wird aufstehen, uud es werden auseinander¬ 
gehen seine Feinde, und es wird siegen seine Bande.“ Es ist eine 
etwas seltsame, für ein Kriegsamulett aber ganz passende Über¬ 
setzung von Psalm 68, 2. Das Kreuz macht in seiner ganzen Aus- 


*) Die Richtigkeit dieser Übersetzung bleibt fraglich. 


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gestaltung, in Schrift- und Sprachform einen recht altertümlichen 
Eindruck; im Anschluß an weißrussische Wortformen wäre nach¬ 
zuprüfen, ob es etwa einem besonderen (Kosaken?) Stamme eigen¬ 
tümlich ist. Das Museum schlesischer Altertümer besitzt ein gleiches 
Stück. 

Das bei weitem interessanteste Amulett aber sind jene zusammen¬ 
klappbaren Tragaltärchen, welche der Russe ikony nennt. Das 
hiesige Museum schlesischer Altertümer besitzt deren 14 Stück, 
welche vermutlich in Kriegszeiten, 1813/14 oder schon 1761/72, nach 
Schlesien gekommen sind. Cybulski hat 1867 einige in der Zeit¬ 
schrift: „Schlesiens Vorzeit in Bild und Schrift“ (7. Bericht S. 61 ff.) 
beschrieben und erklärt; ihm verdanke ich eine Reihe wichtiger 
Aufschlüsse. Ich selbst habe drei Altärchen von Ärzten aus dem 
Gefangenenlager erhalten, einige bei durchkommenden Gefangenen 
gesehen und zwei abgezeichnet. Die Größe der Triptychen mit auf¬ 
geklappten Seitenflügeln bewegt sich zwischen sieben und zwölf 
Zentimetern in der Breite, fünf bis sechs Zentimetern in der Höhe. 
Sie bestehen aus Messing oder Bronce, einige sind emailliert und 
vergoldet; bei drei Stücken ist auch die Außenseite mit Bildern 
und Inschriften geschmückt. Abgesehen von einem vortrefflich er¬ 
haltenen, reich verzierten Stücke in der Museumssammlung, zeigen 
sie sämtlich Zeichen einer langen Verwendung (s. oben); wie wir 
später sehen werden, können sie mindestens bis in die zweite Hälfte des 
17. Jahrhunderts zurückreichen. Dieser lange Gebrauch des Erb¬ 
stücks in vielen aufeinander folgenden Geschlechtern, das übliche 
Tragen auf der bloßen, mit Schweiß und Schmutz bedeckten Brust, 
schließlich auch das viele Abküssen haben ihre Spuren hinterlassen: 
die Amulette sind, namentlich an den Rändern, stark abgerieben, 
die Inschriften und Reliefbilder abgestumpft, verwischt, z. T. un¬ 
erkennbar. Der kirchlich-künstlerische Typus ist uralt, die Zeichnung 
meistens plump und ungeschickt. Cybulski hat aus dieser archaischen 
Darstellung, welche die Eigentümlichkeiten der ältesten Überlieferung 
wahrt, dem eigenartigen Zusammenhalten der Finger bei der Be- 
kreuzigung und einigen anderen Merkmalen den Schluß gezogen, 
daß diese Altärchen der Ende des 17. Jahrhunderts zuerst auf¬ 
tauchenden Sekte der „Altgläubigen“ oder raskolniki (Abtrünnigen) 
angehören *). Dies mag im allgemeinen zutreffen. Hat man darauf 

*) Über die raskolniki vgl. den guten Aufsatz in Herzog-Haucks: r Keal- 
encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche.“ s. v. 


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achten gelernt, so erkennt man die Angehörigen dieser Sekte an 
ihren Bräuchen alsbald heraus. Als wir z. B. den größten Teil der 
Besatzung des eroberten Modliu (etwa 50000 Mann) zu verpflegen 
hatten, fiel die große Anzahl derer auf, die, ehe sie aßen, nieder¬ 
knieten, ihre Mütze abnahmen, vor dem Essen und nach ihm sich 
dreimal bekreuzten und die gekreuzten Finger küßten. 

Die christlichen Triptychen waren eine Weiterentwicklung der 
römischen Dyptichen, welche die ältesten Christen als ihren Zwecken 
dienlich herübergenommeu und umgestaltet hatten. Sie dienten zu¬ 
nächst als Namensverzeichnisse der Heiligen, Märtyrer und Bekenner, 
dann als tabulae itinerariae, altaria portabilia. Sie waren damals 
schon z. T. nur handtellergroß, wurden, aufgeschlagen, als Altar¬ 
schmuck aufgestellt, in der Zeit der Christenverfolgungen aber 
als Gegenstand der Verehrung von den Gläubigen in ihre Zufluchts¬ 
stätten mitgenommen 1 ). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie, wie 
Cybulski meint, bei den von Kirche und Andacht ausgeschlossenen, 
von den Rechtgläubigen verfolgten Raskolniki eine ähnliche Rolle 
gespielt haben. Sie sind mit einer Öse versehen, so daß sie am 
Halsbande befe.-tigt werden können; so trug man sie bald als 
Amulett bei sich, bald stellte man sie mit halbgeöffneten Seiten¬ 
flügeln auf, um seine Andacht davor zu verrichten. Zu gleichen 
Zwecken hat der altgläubige russische Soldat sie wohl auch diesmal mit 
ins Feld genommen, obwohl das Scheuern der schweren, harten 
Metallstücke auf der bloßen Brust gewiß keine Annehmlichkeit ist. 
Bilder und Inschriften dieser Tragaltärchen sind recht verschieden. 
Von den mir bekannten tragen auf dem Mittelstück: eines den 
Oftenb., Job. 2, 13. erwähnten Rischof und Großmärtyrer Antipas, 
fünf Christus, sechs die stets als ösotöko >g gekennzeichnete Jungfrau 
Maria, sieben den Bischof und Bekenner Nikolaos von Myra. Eine 
Beschreibung und Deutung im einzelnen liegt dieser Abhandlung 
fern; nur dem am meisten vertretenen Nikolaus müssen wir noch 
etwas näher treten, dem größten Heiligen Rußlands, den auch 
Muhammedaner verehren und die heidnischen Burgaten als „grauen 
Greis“ anbeten 2 ). Dieser lykische Bischof war ein glaubenseifriger, 

’) Vgl. die Realencyklopädie der christlichen Altertümer von Kraus s. v. 
„Dyptichon*. Nach Philostorgios hist. eccl. II, 3 hat der heilige Lucian „auf 
seiner eigenen Brust zelebriert“ d. h. wohl auf dem dort getragenen Tryptichon. 

2 ) Vgl. Maltzews, „Menologion der orthodox katholischen Kirche des Morgen- 
landes u I, 492 ff. 


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streitbarer Herr, der auf dem Konzil zii Nicäa einem Arianer eine 
Ohrfeige gab, deshalb seines Priesterschmuckes verlustig ging, ihn aber 
später von zwei Engeln wiedererhielt und nun auf allen Darstellungen 
in kostbarer Ausstattung und ungewöhnlicher Größe trägt 1 ). Nun 
führt er aber auf vier von den sieben mir bekannten Darstellungen 
ein Schwert in der Rechten, welches auf folgende Legende hindeuten 
soll: Drei junge Soldaten waren vom Konsul unschuldig zum Tode 
verurteilt worden und sollten eben hingerichtet werden, da trat 
Nikolaos heran, entriß dem Henker kühn das Schwert und befreite 
sie. Die Heiligen behalten je in dem orthodoxen Glauben nach dem 
Tode ihre Individualität bei, zeigen besonderes Interesse für Dinge, 
welche mit Ereignissen ihres Lebens Zusammenhängen, und erweisen 
sich da hilfreich 2 ). Der russische Soldat wird demnach wohl wissen, 
warum er gerade diesen Heiligen in den Kampf gegen die Un¬ 
gläubigen mitnahm! 

Die russische Regierung hat es sehr geschickt verstanden, der 
großen Masse den Krieg gegen Deutschland als einen heiligen Krieg 
gegen die Andersgläubigen darzustellen. Dafür spricht auch der 
bei einem russischen Gefangenen in Debreczin gefundene „Heilige 
Brief an die russischen Soldaten' 4 , den nach seiner Angabe die 
Armeeleitung unter die Soldaten verteilen ließ 3 ). 

.Heiliger Brief an die russischen Soldaten! Dieses Schreiben wurde in 
der Potschajewer Klosterkirche hinter dem Bilde der heiligen Jungfrau 
gefunden. Den Brief selbst hat der Sohn Christus der heiligen 
Jungfrau geschrieben, und wer ihn liest, dem bringt der Krieg Glück, der 
bringt dem Väterchen Glück, dem Zaren aller Russen, auf daß er seine Feinde 
niederringe. Russischer Soldat! Ich, Jesus Christus, gebiete Dir, daß Du 
diesen Brief, wenn Du ihn gelesen hast, Deinen Kameraden weitergeben 
sollst. Unser Herr und Gebieter, der große und mächtige Zar, ist mit seinen 
Völkern in Gefahr geraten. Feinde haben ihn angegriffen, wiewohl er über die 
ganze Welt seine Macht ausbreiten muß, damit alle Lebewesen auf Erden die 
Güte und den Segen seiner Hand fühlen können. Der große und mächtige Zar 
hat zu den Waffen gegriffen, damit er mit Euch, russischen Soldaten, das Erbe 
seiner Väter vergrößere. Er ist mit Euch in einen siegreichen Krieg gezogen, 
und Euere Pflicht ist es, für den Zaren das Blut zu vergießen und das Leben 
zu opfern. lu wilden Schlachten ist der Segen der heiligen Jungfrau mit Euch 
und begleitet Euch auf dem Wege der Gerechten. Ruchlos ist der Feind und 

') Cybulski a. O nach dem Catalogus Sanctorum. Venedig 1500. 

2 ) Menologion: Einleitung S. LXXIV. 

3 ) Er stand zuerst im Pester Lloyd, dann auch in mehreren deutschen 
Zeitungen. Sollte er wirklich nicht echt sein, so hätte der ungarische Redakteur 
damit ein Meisterstück gemacht. 


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verursacht Rußland Schaden. Denkt an Eure daheim gebliebenen Familien, an 
Eure Weiber und Kinder. Verteidigt Ihr aber das Land des Zaren nicht, und 
erntet Ihr keinen Sieg, dann verdient Ihr nicht die Sonne, daß Ihr ihre 
Wärme fühlt, verdient Ihr nicht die Luft, daß Ihr sie einatmet, nicht die Ernte 
der Erde, nicht die Gnade des Zaren, die um Euch Strahlen des Glückes windot. 
Seid auf der Hut! Wer in des Feindes Hand gerät, stirbt den Tod der Tode. Er 
fällt der Verdammnis anheim, verliert das Seelenheil, seine Familie wird 
bis zum siebenten Gliede büßen und den strafenden Zorn des Zaren 
fühlen. Kämpfet im Namen der heiligen Jungfrau und des Zaren, denu sie 
sind allgegenwärtig.“ 

Id gewissen Redewendungen klingt dieser .heilige Brief deutlich 
an unsere Himmelsbriefe an. Wie dieser „während der Wandlung 
über die Taufe“ sich herabließ, so wurde der russische hinter dem 
von allen Russen hochverehrten, wundertätigen, von Legenden um¬ 
rankten Muttergottesbilde zu Potschajew (vgl. Menologion I, S. 53) 
„gefunden“. Wie im Himmelsbrief gefordert wird „es soll diesen 
Brief immer einer den andern abschreiben lassen“, so wird hier 
befohlen, den Brief an die Kameraden weiterzugeben. Sonst ist der 
Brief ein in dem üblichen Tone gehaltenes, sehr geschickt auf die 
Instinkte der russischen Volksseele berechnetes Manifest, kein Amulett. 

Amulette sind lür den Russeu nur jene oben geschilderten 
Münzen mit Darstellungen des Heiligen. Sie weisen uns hin auf die 
ältesten Zeiten des Christentums, sie zeigen uns jenes Zeitalter, wo 
unter der ständigen Beeinflussung des Orieutalismus die östliche 
Kirche allmählich erstarrte. Der Himmelsbrief enthält in seineu 
Einleitungsworten einen versteckten altgermanischen Zaubersprueh, 
in der Erzählung vom Grafen Philipp eine Geschichte aus dem 
Mittelalter, welche mit ihren magischen Worten und Zeichen wieder 
auf orientalisch-kabbalistische Einflüsse schließen läßt; der eigent¬ 
liche Himmelsbrief ist als armenischer Text aus dem Ende des 
ersten nachchristlichen Jahrhunderts nachgewiesen *). So enthalten 
diese Unterschichten religiöser Vorstellungen ein gutes Stück Kultur¬ 
geschichte; sie lassen uns aus dem Glauben der Gegenwart blicken 
in das Dunkel der Vergangenheit. Volkskunde, Völkerkunde und 
Religionswissenschaft sind bei ihrer Erforschung auf einander an¬ 
gewiesen. Wenn einst die Kulturgeschichte des Weltkrieges ge¬ 
schrieben werden wird, darf auch dieses Kapitel nicht fehlen. 

') vgl. Mitteilungen XIX S. 51, 59, 62. 


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Die Sprache des Kuhländchens 
nach der Mundart von Kunewald. 

Mit einer Sprachkarte. 

Von Dr. Josef Giernoth in Ratibor O./S. 

Inhalt: Einlcitendens aber Lage, Grenzen und Besiedelung des Landes; 
Literatur. §§ 1—27 Vokalismus. — §§ 28—42 Konsonantismus. — §§ 43—50 Be¬ 
merkungen über Betonung, Wortbildung, Fremdwörter' und Namen. 


Einleitung. 

Nicht weit von den Grenzen der preußischen Provinz Schlesien 
und von der Quelle ihres Hauptstromes, der Oder, dort, wo diese 
in scharfem Knie nach vorübergehend südöstlich gerichtetem Laufe sich 
endgültig gegen Norden wendet, liegt, unweit der Hanna, zwischen 
den Ausläufern der Sudeten und der Beskiden die anmutige Land¬ 
schaft des österreichischen Kuhländchens, für jeden Schlesier durch 
die Zugehörigkeit zum schlesischen Sprachgebiet noch ganz besonders 
anziehend. Zu beiden Seiten der Eisenbahn Oderberg-Wien sich 
ausbreitend, ist es von Breslau in wenigen Stunden mit dem Schnell¬ 
zug — freilich jetzt während des .Krieges nicht so bequem — zu 
erreichen. Weniger schnell, aber mit landschaftlich reizvoller Fahrt, 
gelangt man dahin über Ziegenhals—Jägerndorf—Troppau—Schön¬ 
brunn oder Jägerndorf— Olmütz—Prerau, namentlich aber auf der 
herrlichen Gebirgsfahrt über Mittelwalde oder Neiße—Hannsdorf— 
Sternberg (—Olmütz). 

Sobald man sich von der einen oder von der andern Seite — 
von Oderberg oder von Prerau — dem eigenartigen Ländchen 
nähert, erfreuen seine grünen Fluren und seine malerische Lage 
das Auge. Sanftwelliges Hügelland tritt zu beiden Seiten an die breite 


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Oderniederung heran, die wir entlang fahren. Von Südosten grüßen 
die majestätischen Berge der Beskiden, Lysa Hora und Smrk :-owie 
Radhost, Jawornik, Dlouha uud Kratka, auf der anderen Seite der 
langgestreckte Steilrand des niederen Gesenkes, das von Nordwesten 
an das Kuhländchen herantritt, auf den Vorbergen dieser Randge¬ 
birge Burgen und Schlösser, unter ihnen das Wahrzeichen des Kuh- 
ländchens, der Alttitscheiner Berg (488 m) mit der gleichnamigen 
Burgruine, in seinem dunklen Waldkleide schon von großer Weite 
sichtbar. 

i • i • , 

Die saftigen, blumigen Wiesen und kräuterreichen Triften der 
gesegneten Landschaft begönstigeli die Rindviehzucht, der das Land- 
chen seinen Ruf und wahrscheinlich auch seinen Namen verdankt. 
Die Straßen und Gärten sind reich mit Obstbäumen bestanden. 
Weite Getreidefelder bedecken im Sommer den fruchtbaren Lehm¬ 
boden, und dunkle Wälder auf den ländlichen Gebirgen, und in der 
Niederung der Oder schattieren die Landschaft, die von der jungeu 
Oder und ihren ersten Nebenflüssen reichlich bewässert wird. Unter 
den letzteren ist der größte die Titsch, die von den Beskiden kommt 
und durch Seitendorf, Sohle, Neutitschein, Schönau und Kunewald 
fließt. 

Zwischen den flachen Hügeln zu beiden Seiten der Oder liegen 
die wohlhabenden Ortschaften, meist Reihendörfer, an den Rändern 
im Gebirge auch Haufendörfer. Die großen Reihendörfer sind zu¬ 
meist an den Seitenbächen der Oder zwischen den Hügelu gelegen, 
•von denen die größeren „Hübel“ heißen (wie der Kriegshübel, Hexen¬ 
hübel, Fuchshübel um Kunewald). Zu den größten dieser Reihen¬ 
dörfer gehören Botenwald und Zauchtel (links der Oder), Schönau, 
Kunewald, Paitschendorf und Sedlnitz (rechts der Oder). Beiläufig 
sei bemerkt, daß in Sedlnitz der schlesische Dichter Eichendorff 
seinen Sommersitz gehabt hat, während zu gleicher Zeit, vor hundert 
Jahren, in Partschendorf der Prager Geschichtsprofessor Meiaert, 
der mit Eichendorff im Briefwechsel stand, mit dem Ortspfarrer 
Bayer gemeinsam Kuhländer Lieder sammelte. Eine auffallend lange, 
ununterbrochene Reihe von der Oder bis an die Beskiden bilden die 
Ortschaften Kunewald, Schönau, Neutitschein, Söhle, Seitendorf, 
Murk (dieses letztere bereits tschechisch). Fast überall in den 
deutschen Dörfern erfreuen die stattlichen Kirchen, wie die zwei- 
türmige in Kunewald, un^ die schmucken, weißgetünchten Häuser 
der Bauernhöfe im schlesischen Stil. Hier und da haben sich noch 


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alte Kuhländer Holzhäuser (mit dem „Schietzle“ = Schürzlein am 
Giebel, s. § 8) und ebensolche achteckige Scheunen erhalten. Vgl. 
die beiden Abhandlungen von St. Weigel: „Haus und Ikirfanlagen im 
Kuhländchen“ und „Das alte Kuhländler Hauernlmus und seine Ver¬ 
änderungen bis in neuester Zeit“ in den Heimatsblättern „Unser 
Kuhländchen“ (s. unten!) Bd. I, S. ^35 ff. und •2i»7 - ff. 

Nach dem bisher Gesagten verstelltes sich von selbst, daß sich die 
landschaftlich schönsten Partien des Kuhländchens an den ge¬ 
birgigen Rändern desselben finden. Malerisch liegen hier nament¬ 
lich die Städte Odrau, Fulnek und Neutitschein. 

Neutitschein, rechts der Oder in ausgedehnter Lage zwischen 
den Vorbergen der Beskiden und an der diesen letzteren ent¬ 
quellenden Titsch, ist die politische Hauptstadt des Ländchens. mit 
dem Sitz der Behörden. Von ihrem kuhländischen Charakter hat 
diese alte Tuchmacherstadt, von deren witzigen Bewohnern ein 
Sprüchlein sagt .„neunundneunzig Juden und ein Zigeuner machen 
noch lange keinen Neutitscheiner“, leider viel verloren, namentlich 
durch ihre rege Industrie und das mit solcher in diesen Gegenden 
stets eindringende Tschechentum. Eigenartig ist nur der ganz voh 
Lauben umzogene baumlose Ring mit seinem bunten Marktleben. 
Die vielen beschotterten Straßen mit den meist kleinen, einstöckigen, 
oft sogar nur ein Erdgeschoß aufweisenden Häusern wirken im Ver¬ 
gleich zu der Größe der Stadt dürftig. Einige bessere öffentliche 
Gebäude retten, zumal sie vernachlässigt sind, den Gesamteindruck 
nicht, der jedoch durch die reizvolle Umgebung reichlich ausge¬ 
glichen wird. 

Echt kuhländisch mutet dagegen Fulnek an, links der Oder am 
nördlichen Gebirgssaume reizend zwischen den Ausläufern des Ge¬ 
senkes eingebettet und besonders malerisch durch das langgestreckte 
Schloß und die stattliche Kirche an der Berglehne gerade über dem 
großen Markte, der hier ohne Lauben ist. Neben der Kirche auf 
der Höhe steht die Schule, an der einst Amos Comenius als Rektor 
und Brüderprediger gewirkt hat. Die sauberen Straßen und die freund¬ 
lichen Häuser dieses eigenartigen, stillen Landstädtchens stehen in 
wohltuendem Gegensatz zu der geräuschvollen Geschäfts- und 
Industriestadt, als die uns Neutitschein entgegentritt. 

Überraschend großartig ist jedoch das Bild, das uns vom 
Pohorschberge (südlich von Fulnek) Odrau mit seinem Gebirgs- 
panorama bietet. Es ist die erste Stadt an der Oder, wenige 


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Meilen hinter ihrer Qaelle am Ansgange des Odergebirges, das für 
jeden Preußisch-Schlesier ein besonderes Interesse haben muß — 
nach dem Kriege sollte es mehr als früher von Provinz-Schlesiern, 
insbesondere auch von Breslauern besucht werden. Es ist über 600 
Meter hoch, von plateauartigem Charakter, jedoch mit tief ein¬ 
geschnittenen waldigen Tälern voll malerischer Reize und mit schönen 
Sommerfrischen, unter diesen das idyllisch gelegene Maria-Stein im 
engen Odertale. 

Es sei mir als dankbarem Sohn Breslaus und Schlesiens ver- 
stattet, hier noch ein paar Worte über dieses schöne Oder-Quellge- 
gebiet hinzuzufügen; war doch zu dem Entschluß, das Kuhländchen, 
dessen Sprache und Volkstum zum Gegenstände örtlicher Studien zu 
machen,, neben der Anregung, die ich <im germanistischen Seminar 
der Breslauer Universität empfing, die Lage dieses Ländchens an der 
jungen Oder und die Lust, die nahe Quelle dieses unseres Heimat¬ 
stromes einmal kennen zu lernen, wesentlich mitbestimmend. 

Die Oder entspringt auf mährischem Boden in 634 m Seehöhe 
— zwischen dem 681 m hohen Fiedelhübel bei Haslicht und dem 
653 m hohen Kreuzberg bei Koslau, auf einer waldig-romantischen 
Hochfläche — westlich des malerischen Städtchens Bodenstadt. Die 
Namen der beiden Erhebungen entnehme ich, da mir infolge der 
Kriegszeit kein Meßtischblatt zugänglich war, dem Buche von 
H. Schulig „Meine Heimat, das Kuhländchen* 4 , der S. 15 über den 
Quellauf der Oder noch folgende Angaben macht: „Die Hauptquelle, 
das sogenannte ,gemauerte ßründel 4 , treibt, durch zahlreiche Bäche 
verstärkt, bereits nach einem 2—3 km langen Laufe bei der Häuser¬ 
gruppe (!) Lieselberg eine Mühle und durchrauscht sodann, zwischen 
steilen und waldigen Bergen allmählich zum wilden Bergstrom an¬ 
wachsend, mit reißendem Gefälle ihr enges Tal, bis sie sich bei 
Odrau den Bergen - (dem Odergebirge!) entwindet und das erweiterte 
Wiesental des fruchtbaren Kuhländchens durchströmt.“ 

Dieses dicht bevölkerte Ländchen fällt so ziemlich mit dem 
politischen Bezirk (Bczirkshauptmannschaft) Neutitschein zusammen 
und gehört somit zu Mähren, nur in kleinen Teilen zu Österreichisch- 
Schlesien (hier zu den Bezirkshauptmannschaften Troppau und Wag¬ 
stadt). Im Westen reicht es, namentlich mit den Dörfern Pohl und 
Bolten, in die mährische Bezirkshauptmannschaft Weißkirchen hinein. 

ImNordwesten mitdem Gebiete desGebirgsschlesischen(Glätzischen, 
vgl. von Unwerth „Die schlesische Mundart“ § 118 l, 2) zusammen- 


Gck igle 


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hängend, bildet das Kuhländchen sprachlich eine Halbinsel mitten 
im slawischen Meere, die südöstlichste Zunge des geschlossenen 
schlesischen Sprachgebietes. Die beigefügte Skizze folgt der Karte 
des deutschen Sprachgebietes von Nordmähren und Schlesien von 
F. Held, die im großen und ganzen für das Kuhländchen auch heute 
noch richtig ist, wie ein Vergleich mit der neueren Karte von 
J. Ullrich zeigt; nur ist zwischen Petrowitz und Stauding die Sprach¬ 
grenze jetzt besser durch Botenwald zu ziehen, dessen Niederdorf 
bereits stark vertschechischt ist. 

Über den Ursprung des Namens und den Umfang des Kuh- 
ländchens gehen die Ansichten der Chronisten wie der Heimatforscher 
auseinander. Der Name „Kuhländchen“ scheint verhältnismäßig jung 
zu sein, da Comenins ihn in seiner reich ausgefüllten Karte von 
Mähren nicht vermerkt. Man hat den Namen von dem Adelsgeschlechte 
der Krawarze (zu deutsch „Kuhhalter“) abzuleiten gesucht, das hier 
im 13. bis 15. Jahrhundert reichen Grundbesitz hatte und tief in die 
Geschicke des Ländchens eingriiT. Es liegt jedoch sehr nahe, ihn 
mit der hervorragenden Rindviehzucht in Zusammenhang zu bringen, 
die hier bereits seit dem 18. Jahrhundert planmäßig betrieben wird. 
Und so sagt auch J. G. Meinert, dessen jetzt gerade 100 Jahre alte 
Sammlung Kuhländer Lieder (1817!) wir noch mehrfach zu erwähnen 
haben werden, im Anhang dazu (S. 300): „Die gemeine Meinung, 
daß das Ländchen von der Kuh seinen Namen erhalten, ist zugleich 
die wahrscheinlichste.“ Hier sei bemerkt, daß der berühmte Kuh¬ 
ländler Rinderschlag durch Kreuzung von Schweizer (Berner) Stieren 
mit Sudetenkühen entstanden ist. Die charakteristische Färbung des 
Kuhländler Rindes ist rotbraun mit weißem Kopf und ebensolchen 
Rücken- und Banchstreifen. Berner Vieh wurde schon im 18. Jahr¬ 
hundert von der Herrschaft Kunewald-Zauchtel (besonders durch die 
Gräfin Truchseß-Zeil-Waldburg), auch von der Herrschaft Fulnek 
und von anderen Großgütern im Kuhländchen eingeführt. (Im Jahre 
1902 machten Professor Dr. Holdefleiß und sein Assistent Dr. Frank 
vom landwirtschaftlichen Institut in Breslau eine Studienreise in das 
Kuhländler Zuchtgebiet, deren Ergebnisse in der unten aufgeführten 
Frankschen Abhandlung niedergelegt sind.) 

Von der Zwiespältigkeit der Auffassungen über die Ausdehnung 
das Kuhländchens möge die Nebeneinanderstellung zweier älterer 
Listen der ihm zugerechneten Ortschaften im folgenden ein Bild 
geben. Beide unterscheiden einen engeren und einen weiteren Bezirk. 

Mitt«ilnns'n d. Schles. Ge«, f. Vkde. Kd. XIX. 11 


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Nach den alten Chronisten K. J. Jurende und Felix Jaschke 
(1809 und 1818) liegen innerhalb der „gewissen, ganz sicheren und 
unzweifelhaften Grenze“ die Orte: Heinzendorf, Groß- und Klein- 
Petersdorf, Deutsch-Jaßnik, Grafendorf, Barnsdorf (tschechisch), 
Ehrenberg (tschech.), Neutitschein, Söhle, Schönau, Kunewald, Manken- 
dorf, Zauchtel, Odrau, Fulnek, Gerlsdorf, Stachenwald, Seitendorf b. F., 
Hausdorf, Sedlnitz, Partschendorf, Neuhübel, Petrowitz (tschech.), 
Klantendorf und Botenwald (26), die meisten in Mähren, einige in 
Schlesien. Die zweifelhaften Orte des Kuhländchens sind nach 
Jurende-Jaschke: Wagstadt, Stiebnig, Groß-Olbersdorf, Bölten, Bros- 
dorf, Stauding (tschech.), Engelswald, Libisch (tschech.), Blauendorf, 
Seitendorf b. N., Kleiu-Olbersdorf (tschech.) Pohl, Blattendorf, Hurka 
(tschech.), Halbendorf, Lutschitz, Daub und Schimmelsdorf (18). 
S. Heimatsblätter „Unser Kuhländchen“ I 310 f. II 369 f. 

J. G. Meinert nennt im Anhänge seiner Liedersammlung als 
„Ortschaften des eigentlichen Kuhländchens“ Botenwald, Deutsch- 
Jaßnik, Hausdorf, Klantendorf, Kunewald, Mankendorf, Neuhübel, 
Partschendorf, Schönau, Sedlnitz, Seitendorf, Stachenwald, Zauchtel, 
Liebisch, Petrowitz, Stauding (16), als „zweifelhafte Ortschaften“ 
Emaus, Fulnek, Heinzendorf, Neutitschein, Odrau, Klein- und Groß- 
Petersdorf, Schimmelsdorf, Barnsdorf (9; Barnsdorf sowie Liebisch, 
Petrowitz, Stauding sind bereits als slawisch angemerkt). Meinert 
bezeichnet somit die Städte Odrau, Fulnek und Neutitschein als 
zweifelhaft, was ihm schon F. Jaschke sehr verübelt. 

Von den neueren Meinungen wird die von J. Matzura zu Beginn 
seiner Abhandlung über das Kuhländchen, seine Chronisten etc. 
(s. unten) ausgesprochene den Verhältnissen am besten gerecht: 
„Das Kuhländchen ... ist ein geographischer und volkskundlicher 
Begriff von nicht ganz scharfen Umrissen. Wir meinen heute unter 
dem Namen des Kuhländchens ungefähr den fruchtbaren, diluvialen 
und alluvialen Flachboden der Oderniederung nördlich von der 
Weißkirchner Wasserscheide, talabwärts bis an die slawischen Dörfer 
zwischen Wagstadt und Braunsberg; gegen Abend aber die der 
Oderebene benachbarten niedrigsten und flachsten Abdachungen des 
niederen Gesenkes (von 250—300 Metern absoluter Höhe) bis in 
die Talwinkel von Fulnek und Odrau; und gegen Osten das Flach- 
und Hügelland bis Neutitschein und seine deutschen Nachbardörfer. 
Im allgemeinen umfaßt demnach das Kuhlandel nur deutschen 
Boden, und zwar den Südostflügel, die weitest vorgeschobene Halb- 


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insei der Sudeten-Deutschen (und allenfalls noch die eingeschobenen 
kleinen slawischen Enklaven [Einsehlußgebiete])“. 

Jedenfalls muß man bei der Frage nach der Umgrenzung des 
Kuhländchens die Grenzen der Mundart von denen der Laudschuft 
unterscheiden. Zu der Landschaft gehören nicht nur die deutschen 
Städte Odrau, Fuluek, Wagstadt und -Neutitschein (vgl. Schulig S. 2), 
sondern auch die südlichen und östlichen tschechischen Randgebiete 
um Alttitschein, Stramberg, Freiberg bis gegen Braunsberg und 
Königsberg. Zum Teil greifen diese slawischen Randgebiete tief in 
das deutsche Sprachgebiet des Ländcliens hinein. Die Grenzen der 
eigentlichen kuhländischen Sprache sind vermutlich weit' enger zu 
ziehen; wenigstens im Norden und Westen dürften sie nicht das ganze 
deutsche Gebiet umfassen. Mir wurden hier Botenwald, Klantendorf, 
Fulnek, Waltersdorf, Gerlsdorf, Jastersdorf, Pohorsch, Groß-Peters- 
dorf, Bölten als Grenzdörfer der Mundart bezeichnet. Ich habe diese 
Angaben aus weiter unten angeführten Gründen leider bisher nicht 
kontrollieren können. 

N. B. Nach der Zählurtg vom 31. Dezembei 1 1900 (Schulig 
S. 6—8) hatte das Kuhländchen über 70000 Einwohner, davon gegen 
€0000 Deutsche. <’ 

(Vgl. über Namen und Grenzen „Unser Kuhländchen, periodische 
Blätter für Volks- und Heimatskunde“, Bd. I S. 15 Hausotter, Ein 
Beitrag zur Frage der Größe des Kuhländchens; S. 211 Michel, 
Über die Größe des Kuhländchens; S. 307 Matzura, Das Kuhländchen, 
seine Chronisten und insbesondere Felix Jaschke. Bd. II S. 41 Fort¬ 
setzung der vorerwähnten Abhandlung; S. 365 Matzura, Das Kuh¬ 
ländchen, seine Grenzen und Größe.) 

Im folgenden beschäftigt uns nicht mehr die Landschaft. Sondern 
nur die Sprache und das Volkstum des deutschen Kuhläudchens. die 
sich von dessen frühester deutscher Besiedelung an eigenartig ent¬ 
wickelt haben. 

Das Ländchen wurde im 13. Jahrhundert unter Ottokar II., 
König von Böhmen und Markgraf von Mähren, gleich Schlesien aus 
mitteldeutschen Gegenden besiedelt. Besonders verdient um seine 
Kolonisation sind der Olmützer Bischof Bruno von Schaumburg, 
Ottokars Staatsminister (dessen Namen Braunsberg trägt!), ferner 
das Stift Hradisch bei Olmütz und das bereits früher genannte 
Adelsgeschlecht der Krawarze (der Herren von Krawarn bei Troppau); 
Die schon erwähnten Burgen der Gegend stammen aus jener Zeit; 

ll* 


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4 


_Hi 4 

Beaclitenswert ist es, wie der Chronist F. Jaschke (ein Bürger 
Fulneks) in seinen erwähnten „Gesammelten Nachrichten von dem 
Kühlandel“ uns die Kunewälder vor 100 Jahren schildert (Heimats¬ 
blätter 1 309 f): „Der Charakter der Bewohner ist im ganzen ge¬ 
nommen friedfertig; sie lassen sich mehr dnrch gute als durch strenge 
Behandlung leiten, sind nicht auffallend religiös, nicht abergläubisch, 
nicht kriechend, vielmehr etwas zu gerad, ohne daß sie es dadurch 
an der schuldigen Ehrerbietung gegen Vorgesetzte wollen mangeln 
lassen. Aus Gelegenheit des bestehenden Branntweinhauses lieben 
beide Geschlechter ein Gläschen, ohne ihnen indessen einen Hang 
zum Saufen vorwerfen zu können. Die festlichen Schmausereien sind 
schon in Abnahme gekommen, dagegen geht es bei Hochzeiten noch 
sehr verschwenderisch zu, wobei auch fleißig getanzt wird. Wöchent¬ 
lich werden wenigstens einmal Kuchen gebacken. In der Kleider¬ 
tracht herrscht bei den Wohlhabenden ländliche Pracht und ist im 
ganzen ordentlich; bei Männern Tuch, bei Weibern in Zeugen be¬ 
stehend, mit Bändern, Schnüren und Borten garniert.“ 

Kuuewald war eine Zeitlang der Wirkungsort von K. J. Jurende, 
dem Herausgeber des „Mährischen Wanderers“ und Chronisten des 
Kuhländchens, der hier (unter der verdienten Gräfin Truchseß-Zeil- 
Waldburg) Direktor der Stiftsschule war. 

Als Probe von den munteren alten Gebräuchen folge hier die 
Mitteilung über die Kunewälder Hochzeit aus dem Munde einer 
Kunewälderin. 

Di hokst ai Kunewatt. 

am kulandl tauft a hokst — wosda halt a re^htije hokst Tes — 
drai t$<jh, fo möntiqh wof of mietwo<$, on dö gets halt ofrhant hets 
drbain. 

om lönti«^ nö(^möti<£h dö gien son de bekrwaivr tsu dr hokst- 
mutr on tr^ernr a kwoek, di potr on ä'er, de kwäeglen on da fafr- 
kut^he hlen. dröqlf wän de kwäeglen on da fafrkuqlje gerieve, on dos 
wiet ols gesdaft tsom kuqljebake. 

mönti<^ frl dö kumen de bekrwaivr wTedr. dö wän da mulde 
rai gehuolt on dö wiet aigemaqljt. on wen dr täek öfgana les, dröqlf 
wietr ausgewirkt, dröqt) wän de kud>e bräet gemalt on gefeit. 
erSt maqljmr kwoekkuqlje, flauraa- on möku<jl>e, on Sdraiflkuqlje, on 
dmöqli wän firn braitri<£h, firn brautfirf on fir de geSbiel de trötSn 


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gamaqjjt. (dr trötsr dar wiet grqd afö bräet gamaqljd doswl an 
andr kuqhe, ok a besla grisr. f irm ausbräeta wietr met kwoek gefeit, 
dröqh wietr bräet gamaql^t on kuman llauma drof gasmiert on fafr- 
kuqija dröf gafet. dröqlj wän di flr eka aigaslöern on wenr drnöcj> 
qgabake Tes, dö wietr met meliöhi on potr bagosa on tsokr drof- 
geädreert.) dröqh giet di gaäbief met da trötsn tsom braitri<£h on 
tsom brautfirr. bam braitri^i fqrtfa: di braut löt de<£h slen grisa 
on dö Sektsa dr da trötsr on du foidrn raeöht §Ten gut smeka lön! 
drnöqh gietfe tsom brautfirr on lert: dö bren e<di dr a trötsr on lech, 
opmran hon gut gamaqht! da fraentsoft on da hokstgest krljn äo 
kucha häem gasekt. 

ets kernt s betföern, dof Tes om möntiöh nöqhmetiöh. dö wän 
tswfl pritäka yvr tswö galejnhäeta ganoma, on dö tsln feöh flra fo da 
bekrwaivn ols betawaivr <l on l'etsn feöh öf on näman da beta of da 
äüos. am bök fetst di gasbiet on höt s hemt firn braitriöh on da 
ädrausa om öerma. ets wiet nu lösgaf$ern on bam fqern wiet inda- 
fort gajukst. bam eräta wietshaus wiet sdien gablien, on di betawaivr 
ärain: ets brent ok wos tsu trenka, rar lain äon gants drlaekst 
[=„erlechzt“J! on dö brenn la wain raus on drnöch wiet watr ga- 
fqern, on dnvael sdäln da Iait da petstr [Kopfkissen], on dö müsmrfa 
wiedr auslTefa. bam braitriöh wiet qklqpt on garufa: macht ok öf, 
mr brenn da bet! on wen da tlr öfgamaqljt Tes, dö wiet ai dr sdöf 
dena öfgabet. drbain maqhn da monslait a hets on smaisn da betawaivr 
ai da bet nai, on dö misn dlfa inda wiedr fres maqha. dröqh tünfa 
bam braitreöh kucha asa, kofö on wain trenka; on wen fa ögasa 
fain, dröch feiern fa wiedr tsüdr braut tsurek. 

möntiöh tsövats dö gienfa erst tsom braitrich on drnöch tsur 
braut sderndela macha, dö *gien da möfiölikanta mTet, on dö gets 
wiedr kucha on hier qvr wain. 

om denstich dö ief erst da re<£l)tija hokstt<ik. dö gien da hokst¬ 
gest gatäelt fo dr braut Irr fait tsur braut on fom braitrich fainr 
fait tsom braitrieh tsom frlädek. dö gets halt br*f, kofe, kuclia on 
wain. ets kemt dr braitridh met fan laitn on hüolt fecli da braut ö. 
dr brautfirr giet bleta, op fe<5h dr braitriöh kein da braut hüola, on 
dr hokstfötr leert: eia] dröqh kemt dr hokstbletr on macht da önret, 
on wenr fqrtej Tes, dö giet dr brautfirr ais sdlevla em da braut on 
flrt fa ai da sdöf. diet kriölit fa da fqja fon eldn on drnöqh gien 
fa ai da kleöli on da hokstgest on da mnfiöhkanta gien ä mlet. 


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1 noch dr-traiunk giets ais wietshaus. diet wiets gatantst, gas» 
on gatrotok». em a l'eksa tsövats gienfa ola tsom övatasa, on dö gienfa 
wiedr gatäelt tsfl dr braut on tsom braitridh, on de müficjikanta täeln 
fe<£ji äo. ondam asa wiet da braut a sücjj gasdöla, on dän müs dr 
brautfTrr aushefa. tsom noqjitmöl w$er enr erst rentfup, renttläes met 
krlentonk, dröcji SwainfläeS met kraut, drnöch faälrtas raat gaderta 
flauma, dröqji kofe met böf on kuejja, on tsulertst. kemt hönidhgrls 
met fafrkucha dröf gafet. ets *les son fanr w! enr, ets gets son 
flrarlue fläes, tsom slüf äo nooji dort, on bakarei (tsokrwerk). nögm 
övatasa tantsn da bekrwaivr met da purSa era an mlest, on dröql^ 
giets wiedr ais wietshaus, on dö wiets gatantst wol' of frT. 

om dreta t^k dö wän da sdrausa on hüt gasdokt (om hokstt$k 
wyernfa forna ögasdokt), on dröcji maqhn le(di da hokstgest met da 
müfiöjikanta tsoma on gien tsu dam jona ep$er. dos liastmr öfgaija. 
on wenfe tsu dam jona epyer kuraan, do trafnl'a ots fest tsügamaejit. 
on dö hasts halt ems haus rena on batjn, wosmr eyntli<£h naikrin. 
on dö fent dr brautfTrr met da hokstknaeöjit: . 


dr brautfirr: satsla, etsr kpm eeji, satsla etsr kpm e<£ji, 

macji mr öf da komr, maqiji mr öf da kömr! 
da liokstknaedht: /: ech kön dr n'i öfmacj>e :/ 

/: meine eldn waqjin :/ 


dr brautfirr; /: müsdn äo 5on hait fain? :/ 

/: s kön ja äo of myern blain! :/ 
da hokstknae^ht: /: müsdn äo son ra$ern fain? :/ 

/: s kön ja äo ofs jyer blain! ':/ 
dr brautfirr: /: müsdn äo son ofs jyer lain? :/ 

/: s kyn ja äo son .gyer blain! :/ 


da hokstknaedl.it: /: dausa ai dam wenkl :/ 
/: lait raai wandrspinkl :/ 
dr brautfTrr: /: §weuan of da oksl :/ 

/: tsom adje mai satsl! :/ 


dröcji giets raflyn lös met dam jona myn, on dröcji wiet dam 
jona waip met ruöjiwys flr hets da häuf öfgasotzt; dö fain slene dena 
wos of da knlfcäla. dröcji wiets erst nög a besla gatöflt, on drnöqji 
giets met dr müfidji ais wietshaus, dos jona öpyer foraus. diet wirts • 
wiedr gatantst wos of frT, wöf ok a knoqh höt, on drnöcji höt da 
gantsa gase^jit an ernt. 


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167 


»Im Kuhländchen dauert eine Hochzeit — was eben eine richtige Hochzeit 
ist — drei Tage, von Montag bis Mittwoch, und da gibts halt allerhand Spaß 
dabei. 

»Am Sonntag nachmittag da gehn schon die Bäckerweiber zu der Hochzeits¬ 
mutter und tragen ihr den Quarg, die Butter und Eier, die Kuchenkäse und 
den Pfefferkuchen hin. Danach werden die Käse und die Pfefferkuchen ge¬ 
rieben, und das wird alles zum Kuchenbacken zurechtgestellt. 

»Montag früh kommen die Bäckerweiber wieder. Da werden die Mulden 
hereingeholt und da wird eingemacht. Und wenn der Teig aufgegangen ist, 
da wird er ausgewirkt, danach werden die Kuchen breit gemacht und gefüllt. 
Erst machen wir Quargkuchcn, Pflaumen- und Mohnkuchen, und Streuselkuchen, 
und danach werden für den Bräutigam, für den Brautführer und für die Ge¬ 
spielin (Brautjungfer) die Trotseher (Hochzeitskuchen) gemacht. (Der Trotscher 
wird geradeso breit gemacht wie ein anderer Kuchen, nur ein bißchen größer. 
Vor dem Ausbreiten wird er mit Quarg gefüllt, danach wird er breit gemacht 
und werden Pflaumen darauf geschmiert und Pfefferkuchen drauf gestreut 
Darauf werden die vier Ecken eingeschlagen und wenn er dann abgebacken ist. 
da wird er noch mit Milch und Butter begossen und Zucker darauf gestreut.) 
Danach geht die Gespielin mit den Trotschem zum Bräutigam und zum Braut¬ 
führer. Beim Bräutigam sagt sie: Die Braut läßt Dich schön grüßen und da 
schickt sie Dir den Trotscher und Du sollst Dir ihn recht schön gut schmecken 
lassen! Danach geht sie zum Brautführer und sagt: Da bring ich Dir den 
Trotscher und sieh, ob wir ihn gut gemacht haben! — Die Freundschaft und 
die Hochzeitsgäste kriegen auch Kuchen heimgeschickt. 

»Jetzt kommt das Bettfahren, das ist am Montag nachmittag. Da werden 
zwei Pritschen oder zwei Gelegenheiten (Wagen) genommen, und da ziehn sich 
vier von den Bäckerweibern als Bettweiber an und setzen sich auf und nehmen 
die Betten auf den Schoß. Auf dem Bock sitzt die Gespielin und hat das Hemd 
für den Bräutigam und die Sträuße auf dem Arme. Jetzt wird nun losgefahren 
und beim Fahren wird immerfort gejuxt. Beim ersten Wirtshaus wird stehen 
geblieben, und die Bettweiber schreien: Jetzt bringt nur was zu trinken, wir 
sind schon ganz vertrocknet! Und da bringen sie Wein heraus, und danach 
wird weiter gefahren, und derweil stehlen die Leute die Polster, und da muß 
man sie wieder auslösen. (NB. In diesem Berichte ist nicht erwähnt, daß die 
Dorfbewohner auf der Straße Barrikaden aus alten Möbelstücken errichten, 
deren Beseitigung ebenfalls nur durch Lösegeld möglich ist! So wird das 
„Bettfahren“ zur größten Belustigung fürs ganze Dorf). Beim Bräutigam wird 
angeklopft und gerufen: Macht nur auf, wir bringen die Betten! Und wenn die 
Tür aufgemacht ist, da wird in der Stube drinnen aufgebettet. Dabei machen 
sich die Mannsleute einen Scherz und weifen die Bottweiber in die Betten 
hinein, und da müssen die sie immer wieder frisch machen. Danach essen sie 
beim Bräutigam Kuchen und trinken Kaffee und Wein: und wenn sie abgegessen 
haben (= fertig gegessen haben), dann fahren sie wieder zu der Braut zurück. 

»Montag abend da gehn sie erst zum Bräutigam und danach zur Braut 
Ständchen machen, da gehn die Musikanten mit, und da gibts wieder Kuchen 
und Bier oder Wein. 


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Original frorn 

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168 


»Am Dienstag da ist erst der richtige Hochzeitstag. Da gehn die Hochzeits¬ 
gaste geteilt von der Braut ihrer Seite zur Braut und vom Bräutigam seiner 
Seite zum Bräutigam zum Frühstück. Da gibts halt Babe, Kaffee, Kuchen und 
Wein. Jetzt kommt der Bräutigam mit seinen Leuten und holt sich die Braut 
ab. Der Brautführer geht bitten, ob sich der Bräutigam die Braut holen kann, 
und der Hochzeitsvater sagt: Ja! Danach kommt der Hochzeitsbitter und macht 
die Anrede, und wenn er fertig ist, da geht der Brautführer ins Stübchen nach 
der Braut und führt sie in die Stube. Dort kriegt sie den Segen von den 
Eltern und danach gehn sie in die Kirche, und die Hochzeitsgäste und die 
Musikanten gehn auch mit. 

»Nach der Trauung gehts ins Wirtshaus. Dort wird getanzt, gegessen und 
getrunken. Gegen 6 Uhr abends gehn sie alle zum Abendessen, und da gehn 
sie wieder geteilt zu der Braut und zum Bräutigam, und die Musikanten teilen 
sich auch. Unter dem Essen wird der Braut ein Schuh gestohlen, und den 
muß der Brautführer auslösen. Zum Nachtmahl gab es früher erst Rindssuppe, 
Rindfleisch mit Krentunke, danach Schweinefleisch mit Kraut, darauf „Faschiertes“ 
mit gedörrten Pflaumen, danach Kaffee mit Babe und Kuchen, und zuletzt wird 
Honiggries mit Pfefferkuchen draufgestreut. Jetzt ist es schon feiner wie früher; 
jetzt gibt es schon viererlei Fleisch, zum Schluß auch noch Torte und Backerei 
(Zuckerwerk). Nach dem Abendessen tanzen die Bäckerweiber mit den Burschen 
um den Mist und danach gehts wieder ins Wirtshaus, und da wird getanzt bis 
gegen früh. 

»Am dritten Tag da werden die Sträuße an den Hut gesteckt (am Hochzeits¬ 
tage waren sie vorn angesteckt), und danach machen sich die Hochzeitsgäste 
mit den Musikanten zusammen auf und gehn zu dem jungen Ehepaar. Das 
heißt man „aufgeigen.“ Und wenn sie zu dem jungen Ehepaar kommen, da 
finden sie alles fest zugemacht. Und da heißt’s halt ums Haus rennen und 
betteln, bis man endlich hineinkann. Und da singt der Brautführer mit den 
Hochzeitsknechten (= die männlichen Hochzeitsgäste): 

Der Brautführer: Schätzchen, jetze komm ich, 

Schätzchen, jetze komm ich; 

Mach mir auf die Kammer, 

Mach mir auf die Kammer! 

Die Hochzeitsknechte: /: Ich kann Dir nicht aufmachen :/ 

/: Meine Eltern wachen /: 

Der Brautführer: /: Muß’s denu auch schon heut sein? :/ 

/: ’s kann ja auch auf morgen blcib’n :/ 

Die Hochzeitsknechte: /: Muß’s denn auch schon morgen sein? :/ 

/: ’s kann ja auch aufs Jahr bleib’u :/ 

Der Brautführer: /: Muß’s denn schon aufs Jahr sein? :/ 

/: ’s kann ja auch schon gar bleib’n :/ 

Die Hochzeitsknechte: /: Draußen in dem Winkel :/ 

/: Liegt mein Wanderspinkei :/ 

Der Brautführer: /: Schwing ihn auf die Achsel :/ 

/: Zum Adje mein Schatzel! :/ 


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169 


»Danach geht das Rasieren los mit dem jungen Mann, und alsdann wird 
der jungen Frau mit allerhand Scherz die Haube aufgesetzt; da sind Schlingen 
drin bis auf die Kniekehlen. Danach wird erst noch ein bißchen getäfelt, und 
dann gehts mit der Musik ins Wirtshaus, das junge Ehepaar voraus. Dort wird 
wieder getanzt bis früh, was nur eine Knoche hat, und danach hat die ganze 
Geschichte ein Ende.“ 

Ihre völkische Eigenart haben die deutschen Kuhländler fast nur 
noch in der Sprache bewahrt. Diese, die Kuhländische Mundart, 
hat bislang noch keine eingehende wissenschaftliche Darstellung er¬ 
fahren. In dem weitschweifigen, jedoch verdienten Volksbuche von 
H. Schulig „Meine Heimat, das Kuhländchen“ ist zwar der Sprache 
ein besonderer Abschnitt gewidmet, doch erscheint diese Darstellung 
auch als volkstümliche unzulänglich, sowohl ihrer Anlage nach als 
besonders wegen ihrer mangelhaften Wiedergabe der Laute. Auch 
die kleine Skizze im Anhang der erwähnten Meinertschen Lieder¬ 
sammlung entbehrt der fachwissenschaftlichen Grundlage, wenngleich 
die Schreibung sorgfältiger und für die Kenntnis des damaligen 
Standes der Mundart höchst lehrreich ist. Übrigens erscheint die 
heutige Sprache des Kuhländchens gegenüber der jener alten Lieder 
namentlich im Wortschatz ziemlich verblaßt, was uns gar nicht 
wunder nehmen darf, da das Ländchen durch seine Lage an der 
großen Verkehrsstraße, die von Wien durch das Marchtal nordwärts 
führt, dem zersetzenden Einfluß der modernen Kultur ganz besonders 
stark ausgesetzt ist. So ist das alte Volkstum hier fast ausgestorben, 
und auch die Landschaft, in der es sich entfaltete, ist durch die 
immer mehr sich breit machende Industrie vielfach entstellt. Nur wenige 
der alten Sitten und Gebräuche, unter denen die Hochzeitsgebräuche 
wohl die merkwürdigsten sind, haben sich noch erhalten. Auch die 
alten Lieder und Tänze, welche die heitere Gemütsart des sanges¬ 
frohen, fleißigen und reinlichen, gegen Fremde allerdings mißtrauischen 
Volkes zeigen, sind fast ganz vergessen, und die wunderliche Tracht 
kann man nur noch in Museen studieren, so in den Ortsmuseen in 
Kunewald und Neutitschein. (Die kleinen Häubchen tragen die 
Frauen noch zuweilen unterm Kopftuch.* Stubeneinrichtungen, d. h. 
Kuhländer Bauernstuben, sind auch im Gewerbe- wie im Landes¬ 
museum zu Brünn und im Museum für österreichische Volkskunde 
in Wien zu sehen.) Der der Mundart entgegenwirkende Einfluß der 
Schule und der Städte hat es sogar dahin gebracht, daß die Be¬ 
wohner sich ihrer Sprache schämen und dem Fremden gegenüber 
gar nicht recht damit heraus wollen. 


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170 


Diese Sprache der Kuhländler zeigt neben den typischen gebirgs- 
schlesisch-glätzischen Erscheinungen noch besonders solche des Ober- 
dörfischen. auf die an einzelnen Punkten der Abhandlung hingewiesen 
ist, aber auch wichtige Abweichungen gleich denen der Mundart 
von Kätscher (Abfall des End-e und Diphthongierung von ralid. i 
ü e oe schles. I >Te vor Dentalen jeder Art, z. B. rieflo Röschen, fiel 
Seele, slen schön, vgl. v. Unwerth § 136), sonst insbesondere noch 
reiche Diphthongierung und Abneigung gegen r. Im einzelnen ist 
die Stellung des Kuhländischen zu den übrigen schlesischen Mund¬ 
arten leicht durch Vergleich bei v. Unwerth zu ermitteln 1 ). Ebenda 
§ 137 ist auch bereits auf die Beziehungen des Kuhländischen zu 
den Mundarten von Schönwald (bei Gleiwitz) und um Bielitz-Biala 
(im äußersten Osten von Österreich-Schlesien) hingewiesen, zu denen 
noch die der ungarischen Zips tritt. Alle diese Mundarten teilen 
die den schlesischen Diphthongierungsmundarten eigene, oft bis zur 
Vokalisierung führende velare Aussprache des 1 (= I; Glogau taio 
Teil si^ljo Sichel, kühl, batt bald, fäovr selber, Schönwald weof Wolf, 
fautsa salzen, etc.). Insbesondere, um nur einiges Weitere heraus¬ 
zugreifen, teilt das Kuhländische mit dem Schönwäldischen (K. Gusinde, 
Eine vergessene deutsche Sprachinsel im polnischen Oberschlesien, 
Wort und Brauch, Heft 7) die Entwicklung von mhd. i ü > e und 
mild, u o > o (Sbene spinnen, sdopo stopfen — spena, stppa) und die 
reiche Diphthongierung, wie schles. I kühl. le > schönw. eo (sien schön 

— Seone), schles. ü kühl, üo > schönw. eo (füon Sohn, brüot Brot 

- feon, breot) — schles. ö hingegen bleibt in beiden erhalten (göt 
Gott — göt). Mit der Mundart um Bielitz-Biala (G. Waniek, Zum 
Vokalismus der schlesischen Mundart, Programm Bielitz 1880) teilt 
das Kuhländische u. a. seine äe und äo aus mhd. ei ou öu (kühl, 
läem Lehm, bäom Baum, bäem Bäume — Bielitz läem, baom, bäem 
neben böim). Die Endung -en, kühl, -o, lautet in Schönwald wie 
um Bielitz-Biala -a (kühl, halb Haufen, sdppa stopfen — Schönwald 
haufä, Stupa — Bielitz hefa, stopa); auch das Diminutiv -lin, (kühl, 
-la. haiflo Häuschen) ist hi Schönwald -<£}>a (fis<5ha Füßchen), um 
Bielitz -la (trepla Tröpfchen). Die bei v. Unwerth § 137 noch er¬ 
wähnte Mundart von Lautsch bei Odrau, von der .1. Seemüller in 
den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften, 


l ) l>ie bei v. Un werth § 137 gegebene Aufstellung der Eigentümlichkeiten 
dos Kuhländischen bedarf im einzelnen wohl einiger Änderungen. 


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philos.-histor. Klasse Bd. 158, 4. Abhandlung, eine Probe gibt, ist 
als vom benachbarten Sudetenschlesischen beeinflußte Randmundart 
des Kuhländischen anzusehen. 

Meiner Darstellung der kuhländischen Sprache liegt die Mund¬ 
art von Kunewald zugrunde, das mit Zauchtel, dem wichtigsten 
Eisenbahnknotenpunkte des Ländchens, in der Mitte desselben liegt 
und von jeher als der Sitz „erzkuhländischer“ Art und Sitte galt. 
(F. Jaschke, Gesammelte Nachrichten von dem Kühlandel, 1818, § 3 : 
„Die Kunewälder sind die Erzkuhländer; daher spricht man von 
Kunewälder Tracht, Tanz u. ä.“ Nach den Heimatsblättern II 369 
zitiert.) Die Sprache dieses Ortes darf wohl daher mit dem größten 
Recht als typisch für das Kuhländische überhaupt angesehen werden, 
um so mehr, als Vergleiche mit eigenen und fremden Aufzeichnungen 
aus anderen Dörfern und nicht zuletzt mit den Meinertschen Liedern 
mir die Einheitlichkeit der Kuhländler Mundart — trotz natürlich 
vorhandener lokaler Eigentümlichkeiten — bestätigten. Meine Absicht, 
die Sprachproben von Kunewald möglichst reichlich mit solchen aus 
anderen Dörfern des Kuhländchens zu vergleichen, erwies sich leider 
zur jetzigen Kriegszeit als undurchführbar — liegt doch das Ländchen, 
wie eingangs erwähnt, an der Nordbahnstrecke Wien—Krakau—Lemberg 
und somit an der Hauptheeresstraße Österreichs nach Rußland! Ein 
Umherziehen von Dorf zu Dorf erschien nicht mehr ratsam, nachdem 
ich am eigenen Leibe hatte übel erfahren müssen, daß man dadurch 
leicht in den Verdacht der Spionage kommen kann. Ich mußte daher 
auch die beabsichtigte genaue Feststellung der Grenzen der kuh¬ 
ländischen Sprache einstweilen unterlassen. 

Die folgende Darstellung der Mundart beschränkt sich auf die 
Lautverhältnisse, streift jedoch gelegentlich auch die Formenlehre. 
Die Lautschrift ist im allgemeinen die in den Mitteilungen der 
Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde zuletzt (1915) vorgeschlagene. 
Die Belege entstammen durchweg eigenen Aufzeichnungen. 


Zur Einführung in die Volkskunde des Kuhländchens können die nach¬ 
genannten Schriften dienen, unter denen ich die von mir für diese Arbeit mit 
herangezogenen näher bezeichne: 

K. J. Jurende, Über das Kuhländchen, in dessen Kalender „Mährischer 
Wanderer 1 ', Jahrg. 1809. 

*J. <i. Mt-inert, Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens, 
Wein und Hamburg 1817. Neudruck vom Deutschen Volkslied-Ausschuß 


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für Mähren und Schlesien, mit Biographie Meinerts von J. Götz. 
Brünn 1909. 

F. Jaschke, Gesammelte Nachrichten von dem Kühlandel, 1818. Manuskript¬ 
werk (im mährischen Landesmuseum in Brünn). 

•J. Enders, Das Kuhländchen. Eine geographisch-ethnographisch-historische 
Schilderung, Neutitschein 1868. 

•W. Müller, Beiträge zur Volkskunde der Deutschen in Mähren, Olmütz 1893. 
# F. Held, Das deutsche Sprachgebiet von Nordmähren und Schlesien. Brünn 
1896. (Karte!) 

*J. Ullrich, Handkarte des Bezirks Neutitschein. Neutitschein, bei Enders. 

(Berücksichtigt auch die sprachlichen Verhältnisse.) 

*H. Schulig, Meine Heimat, das Kuhländchen. Jägerndorf 1908. 

# Unser Kuhländchen, periodische Blätter für Volks- und Heimatskunde, Neu¬ 
titschein, seit 1911. 

J. Ullrich, Volkssagen aus dem Kuhländchen. Neutitschein und Wien (ohne 

Jahreszahl). 

E. Frank, Untersuchungen über das Kuhländler Rind, Breslau 1903. (Druck 

von Friedrich Stollberg, Merseburg.) 

Weitere Literatur ist bei Schulig (im Anhang) und in den Heimatsblättern 
zu linden. 

iSchuligs Buch und die Heimatsblätter „Unser Kuhländchen“ sind fortan 
in der Breslauer Stadtbibliothek erhältlich, Meinerts Lieder sowohl in dieser 
wie in der Universitätsbibliothek.) 

Außer den bezeichneten Spezialschriften habe ich noch folgende Hilfs¬ 
mittel vielfach benützt: 

M. Lexer, Mittelhochd. Handwörterbuch. 

— Mittelhochd. Taschenwörterbuch, 11. u. 12. 

Benecke, Müller und Zarncke, Mittelhochd. Wörterbuch, Leipzig 1854—61. 
Deutsches Wörterbuch. 

F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 7. Stra߬ 

burg 1910. 

H. Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik. 8. Halle 1911. 

W. Wilmanns, Deutsche Grammatik. I. Band, Lautlehre, 3. Straßburg 1911. 
Th. Siebs, Deutsche Bühnenaussprache, 10. Bonn 1912. 

W. v. Unwerth, Die schlesische Mundart, in Wort und Brauch, 3. Heft. 
Breslau 1908. 

0. Pautsch, Grammatik der Mundart von Kieslingswalde. I. Beiheft der 
Mitteilungen der Sehles. Gesellsch. f. Volksk. Breslau 1901. 

K. Weinhold, Über deutsche Dialektforschung. Wien 1853. 

J. Rank, Allgemeines Handwörterbuch der böhmischen und deutschen Sprache, 
8. Wien und Leipzig 1912. 

Das mitgeteilte Verzeichnis von Spezialschriften bietet nur eine 
kleine Auslese der wichtigsten literarischen Hilfsmittel allgemeiner 
Art. Aber schon der Inhalt der genannten Heimatsblätter „Unser 


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Kuhländchen“ läßt erkennen, daß über das Kuhländchen bereits eine 
rührige Heimatsforschung eingesetzt hat. Diese lehnt sich haupt¬ 
sächlich an die alten hervorragenden Zeugen für Land und Volksart 
daselbst, Jurende, Jaschke und Meinert an, und weist in ihren 
Reihen verdiente Männer auf wie den rührigen Sammler Stephan 
Weigel in Neutitschein (den besten einheimischen Kenner des Kuh- 
ländchens), den Herausgeber der Heimatsblätter Alexander Hausotter 
und den besonders durch seine mundartlichen Erzählungen verdienten 
Schuldirektor Emil Hausotter, sowie auch den um die Sammlung 
und Aufführung alter Kuhländler Weisen und Tänze bemühten Lehrer 
F. Kubiena, denen ich allen für freundliche Förderung meiner 
dortigen Studien zu Dank verpflichtet bin. In besonderem Grade 
gebührt dieser jedoch meinem hochverehrten Lehrer Herrn Professor 
Dr. Theodor Siebs, der die vorliegende Arbeit angeregt und mit 
seiner Teilnahme freundlich begleitet, wie auch Herrn Professor 
Dr. Wolf von Unwerth in Marburg, der sie gewissermaßen ans der 
Taufe gehoben hat. 


I 


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<t>l 


Vorbemerkungen 

über den Lautstand und die Aussprache der Mundart. 

1. Vokale. 

a) Kurze Vokale. 

a ist kurz und hell wie in bühnendeutsch (bd.) „Mann“. 

e ist kurz und offen wie in b/1. „hell“. (NB. Für überoft'enes e. 
zwischen e und a, habe ich öfters er, auch .00 gesetzt.). 

e ist kurz und geschlossen, etwa wie in bd. „Kemenate“ (kerne, 
näta), mit Neigung nach i (Meinert schreibt dafür ei, z. B. 
Streimperlai = Sdremplan Striimpfchen). 

o ist der schwache (gemurmelte) e-Laut in unbetonten Silben 
(ba-, ga-, -a). 

i ist kurz und neigt, besonders.im Diphthong ie, zu geschlossener 
Aussprache, etwa zwischen bd. „mit“ und „Spital“ (mit — 
Spitäl). Übrigens erscheint i ziemlich selten, meist ist es durch 
e ersetzt; metiqh Mittag. 

0 ist kurz und offen wie in bd. „offen“. 

0 ist kurz und geschlossen, etwa wie in bd. „Lokalkolorit“ (lokäl- 
kolorlt), mit Neigung nach u. (Meinert schreibt hierfür ou, 
z. B. Gould golt Gold). 

n ist kurz und hell, etwa wie in bd. „Luft“, jedoch selten, meist 
durch 0 ersetzt. 

b) Lange Vokale, 
ist lang und hell wie in bd. „Tat“, 
ist lang und geschlossen wie in bd. „Mehl“. 

<| ist lang und offen wie in bd. „Säle“. (Den häufig begegnenden 
Langvokal, der zwischen Q und ä liegt, habe ich mit [etwa 
= <jr] bezeichnet.) 


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175 


I ist lang und geschlossen wie in bd. „Liebe“, 
o ist lang und geschlossen wie in bd. „Lohn“. 

$ ist lang und offen, im Gegensatz zum bd. langen ö. 
fi ist lang und geschlossen wie in „Huhn“. 

c) Diphthonge. 

In ai sind kurzes a und ganz kurzes helles i eng verbunden. 
Ebenso ist in au kurzes a mit kurzem hellen u eng verbunden. 

Diesen gewöhnlichen Diphthongen stehen die dem Dialekt eigen¬ 
tümlichen äe und äo gegenüber. (Auch Meinert unterscheidet ae ao 
von ai au: 'Maedle Frao mäedlo fräo Mädchen Frau, Waiv Haus 
waip haus Weib Haus.) In äe verbindet sich langes ä mit kurzem 
offenen e, z. B. häem „heim“, äernöl „einmal“ (betont). In äo ver¬ 
bindet sich langes ä mit kurzem offenen o: fräo Frau, Herrin, bäom 
Baum. 

Die Aussprache der übrigen Diphthonge ergibt sich danach aus 
der Schreibung ihrer Bestandteile: le, $e, fle (flo) üo, ae, ie, ui (ae 
und ie ganz kurz!). Beispiele: kle<£ti Kirche, $em arm, wflerf Wurf, 
gdrüo Stroh, tsubrae^ljo zerbrechen, kieneöh König, fuim neben füorm 
Form. 

Neben f>er hört man oft oier, neben üer (üar) auch uir (ui(e)r). 
Ich hörte diese i-Aussprache vielfach bei jüngeren Frauen. Die 
älteren Leute sprechen §er und üer (üer), wie auch Meinert oe und 
ue schreibt (foen „fahren“, kuez „kurz“). 

2. Konsonanten. 

a) Gutturale und Palatale, g j <<j} k h entsprechen ,den 
betreffenden bühnendeutschen Lauten: bd. „gut, Jahr, acht, echt“ 
etc. 

g ist stimmhafter velarer Reibelaut und entspricht dem qIjl wie j 
dem <5h, z. B. äogoblek Augenblick. 

b) Labiale, b p w f entsprechen den betreffenden bühnen¬ 
deutschen Lauten. 

v ist bilabialer, stimmhaftei Reibelaut, z. B. sdäve sterben, 
b Stimmloses b erscheint namentlich in der Verbindung sp = sb, 
z. B. Sbaldo spalten. 

c) Dentale. dtsf§ wie im Bühnendeutschen. 

f ist stimmhaftes 8, stimmhafter postalveolarer Reibelaut, z. B. 
mtjrfl Mörser. : 


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17(5 


d Stimmloses d erscheint in der Verbindung st = sd: Sdoek stark. 

d) Nasale, m n n wie im Bühnendeutschen. (Silbisch: ip p », 
nur in besonderen Fällen bezeichnet.) 

e) Liquiden, r und 1 kennt der Dialekt in der gleichen 
Qualität wie das Bühnendeutsche, indes erscheinen beide häufig ver¬ 
ändert. 

r ist reduziertes r, oft fast vokalisch (e-ähnlich). 
t ist der sehr häufige velare Vertreter für 1. 

(Silbisch: r, 1, nur in besonderen Fällen bezeichnet.) 


I. Die Vokale. 

1. Die mittelhochdeutschen kurzen Vokale. 

§ 1. mhd. a. 

1 . mhd. a ist im Dialekt meist zu o entwickelt, namentlich vor 
mhd. Geminaten, vor Konsonantenverbindungen und vor sch. womp 
Bauch, komp Kamm, (irofe abraffen, krope Krapfen, lots Latz, kotp 
Kalb, kosta Kasten, bonfip Bansen (Lagerraum in der Scheune), lomp 
Lampe, ofc Esche (mhd. asch), posa passen, flonst. verzerrter Mund, 
Zerrmaul (mhd. vlans), opl Apfel, osp Espe (mhd. aspe), olp Alp, 
hombuos Amboß (mhd. aneböj), flora Flamme, Snora schnarren, sbona 
spannen, Sofa schaffen, Solk Schalk, sukora Schubkarren, Smotsa küssen, 
gos Gasse, tos weibliche Scham, Frauenzimmer, wosr Wasser, rots 
Ratte, wose waschen, floß Flasche. 

Nur ausnahmsweise erscheint o auch bei mhd. einfacher Kon¬ 
sonanz: gafotr Gevatter, tsoraa zusammen, drop Trab, komm Kamin, 
kolendr Kalender. 

tote schwatzen ist erst nhd. (schlesisch tallen aus älterem dallen, 
vgl. Grimm u. Kluge „dahlen“). 

2. Sehr häufig ist mhd. a zu 9 gedehnt, namentlich bei Wörtern 
auf -er, -el, -ein, -em und bei einfacher Konsonanz, auch wenn diese 
mhd. auf den Auslaut beschränkt ist. sn$vl Schnabel, h$vr Hafer, 
l 9 tr Vater, t$k Tag, fnk Sack, m$la mahlen, sd^l Stall, s(if Schaff, 
119 s Hase, ts^spl Zaspel, w$t Wade, d 9 Qlj Dach, m^n Mann, ts^pln 
zappeln, ts^m zahm, gröt gerade, hiimr Hammer, h$n Hahn, h§dr 
Hader, t$dln tadeln, u$s Nase, f(>t satt, lernet Sammet, sn(>tn schnattern, 
f(>t soll (zu mhd. sal), 9 ab, an, $dr (§vr) aber, fijfnoqht Fastnacht, 


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177 


p<)pl Pappel, kw$l Quelle (zu mhd. quäl), kymr Kammer, l$t Lade, 
kl^pr Klapper, k(>n kann, rfipan geräuschvoll arbeiten (mhd. raffeln): 
remrqpan her um wirtschaften, r^dwr Radwer, rr>te<£h Unkraut im Korn, 
§lypr Schwatzmaul (mhd. slappern = klappern), sdrywln strampeln 
(mhd. strabeln). 

In einsilbigen Wortformen findet sich diese Dehnung auch vor 
mehrfacher Konsonanz, z. B. (ist Ast, S$ft Schaft, smfits Kuß. 

töfl Tafel ist wie mhd. ä entwickelt. 

3. Vor r ist Diphthongierung zu ye (oie, vgl. Vorbemerkungen lc) 
eingetreten, mit Reduktion des r vor nachfolgendem Konsonanten: 
gyern Garn, gyerf Garbe, gyersdeöh garstig, gierte Garten, sbyern 
sparen, sn^e^ha schnarchen, Syer Schar, syerf scharf, fyern fahren, 
yema Arm. (Bei Meinert z. B. woem „warm“.) 

Auch pyer Paar und klyer klar haben im Schlesischen mhd. 
kurzes a. 

Kurzes o vor r zeigen kwoek Quark, moek Markt, sworts schwarz. 

4. Die mhd. Lautgruppe -age- ist zu yer entwickelt: klyern 
klagen, myert Magd, f$ern sagen, tryern tragen (oie), tciern tagen, 
Tag werden, jyern jagen, wyern Wagen (pl. wöörn), inner mag (e^h 
rayeran nl ich mag ihn nicht; r vor Konsonanten: e<^ myer ni* ich 
mag nicht), gaslyern geschlagen, nyerl Nagel. (Bei Meinert Moed 
„Magd“, foen „sagen“ etc.) Dagegen frtsyga verzagen. " 

5. mhd. a ist erhalten 

a) vor bloßem ch und k, soweit keine Dehnung eingetreten ist: 
kaclfi Kachel, bak Backe, baka backen, layjja lachen, macl>a machen, 
ganak Nacken, akr Acker, hak Hacke; ausnahmsweise auch in akst 
Achse (sonst vor ch (k) mit folgendem Konsonanten o (vgl. 1): troqljt 
Tracht, floks Flachs, oksl Achsel, wokst Wachs, woksa wachsen, noqlff 
Nacht, o<jl)te acht, slocljta schlachten, frsmo^ta verschmachten, und 
im Präter. gutturaler Verben mit sogen. Rückumlaut: gadokt gedeckt, 
gasdrokt gestreckt, gasmokt geschmeckt, gasdokt gesteckt, garokt ge¬ 
reckt, analpg gasopt geschöpft); 

b) vor n -f- g, n -+- k: ai»l Angel, krank krank, dank Dank, 
gana gegangen, gedran eng (adv.), gafana gefangen, tsan Zange; 

c) vor n H- d, n+t, n z: Sant Schande, ant Ente, swants 

Schwanz, lant Land, bant Band, tantse tanzen, hant Hand, kantsl 
Kanzel, gesdanda gestanden, gants ganz, analog auch in rantsa Bauch, 
Ranzen (mhd. rans); i : 

Mitteilungen ü. Schles. Ge«, f. Vkde. Bd. XIX. 12 


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178 


d) vor ld, lt, lz: walt Wald, falde falten, Sbatda spalten, altr 
Altar, falls Salz, halt bald, kalt kalt, gasdatt gestellt, hergerichtet, 
halde halten (hiel da gos! Halt den Mund!). 

§ 2. mhd. e (und ä). 

1 . mhd. e ist meist erhalten: hemt Hemde, teii]n dengeln, nets 
Netz, fetsa setzen, sdeka stecken, Slenkrle<$l) Perpendikel („Schlenker- 
ling“), smeka schmecken, swel Schwelle, sbera sperren, sepa schöpfen, 
fet fett, flerna weinen, dera dörren, deuka denken, ernt Ende, estre^j) 
Estrich, deka decken, eck Ecke, lesa löschen, bet Bett, bek Bäcker 
(zu mhd. becke), lefl Löffel, hena hängen, kelvr Kälber, esl Nessel 
(über Abfall des n durch Lautabtrennung s. § 40); zu welr welcher? 
vgl. Paul § 43 Anm. 3 (das Relativum lautet därda, dlda). 

2. Bei Dehnung ist e die Regel: efl Esel, wedl Wedel, tsedl 
Zettel, söml Schemel, gejr gegen, gahö^h Gehege, heva heben, lenloQl^t 
Sehnsucht, edl edel, enenkl Enkel (mhd. enenkel), drtsela erzählen, 
döna dehnen, bagrepnis Begräbnis, knöbl Knebel, reda sprechen 
reti<4) Rettich, bletr Blätter, rödr Räder, ket Kette, siech Schläge, 
grevr Gräber, ledeölji ledig. 

. 3. Vor r wird mhd. e zu 9 , unter Reduktion des r vor folgendem 
Konsonanten: gQrt Gerte, hervast Herbst, h^rverech Herberge, sdQrk 
Stärke, f^rte^li fertig, Qrva erben, (jrn Fußboden, dQrm Därme, drnQrn 
ernähren, kQrts Kerze, wtjrn wehren, aber war Wehr, Flußwehr. 

4. Die Lautgruppe -ege- ist zu Qr entwickelt: tr^rt trägt, %-t 
sagt, Qrda Egge (mhd. egede), Ujrn legen, (part. praet. galijrt). Da¬ 
gegen gahe<£l) Gehege, kejl Kegel, etc. 

5. Sekundärumlaut (mhd. ä) wird zu a, gedehnt ä, fo harf herb, 
fasr Fässer, haksa pl. Haxen, Beine, fät Pferd, gävr Gerber, äwas pl. 
Erbsen, äda Ernte, §äma schämen, (>fäwa abfärben, äwedl) verkehrt 
(mhd. äbich, vgl. schlesisch „ebsch“ = verrückt, eingebildet) und die 
Diminutiv- und Komparativformen, soweit sie nicht Primärumlaut 
haben: kastla Kästchen, kraplan pl. kleine Krapfen, Pfannkuchen, 
randla Rändchen, bandla Bändchen, §4 an< ^ 8 F^ Ständchen, gläfla 
Gläschen, häfla Häschen, gätla Gärtchen, betSdätla Schlafstätte, käovla 
Kälbchen; nasr, dam nasta nässer etc., glatr, dam glatsta glätter etc., 
aber tjrmr ärmer, lenr länger, (jijr ärger, eldr älter. 

6 . Vor Gutturalen und Palatalen wird ä zu ae bezw. äe: maeksl 
Mächsel (zu machen), waeöl)tr Wächter, kwäeglan „Quärglein“, kleine 
runde Käse, baenkla Bänkchen, näe<Jl)ta gestern abend, naeka necken. 


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17 ‘> 


# 


7. Die Lautgruppe -üge- wird durch äe vertreten, mit einigen 
Schwankungen: mäedlo Mädchen, täedija hin und her reden (mhd. 
tägedingen, teidingen, vgl. verteidigen). wT>rn pl. Wägen (§ ], 4), 
naiel pl. Nägel, nala Nägelchen (mit Kürzung); auch geträet Getreid e 
schließt sich dieser Entwicklung an (wie überhaupt gesamtschlesisch, 
vgl. v. Unwerth § 110). 


§ 3. mhd. e. 

1 . mhd. e ist gewöhnlich zu a, in den meisten Fällen unter 
Dehnung zu ä entwickelt, letzteres gilt namentlich vor Gemination 
außer 11 . 

a: mas Messe, malka melken, hats Herz, mats Metze, klat 
Klette, kala Kerl, sdalts Stelze, träte tretlen, sdape steppen, fanstr 
Fenster, frgase vergessen, faspr Vesper, fräse fressen, falt Feld, fafr 
Pfeffer, ar (här) er. drase dreschen, ase essen, lawündeeh lebendig, 
batln betteln, wat Welle, astr desto (zu mhd. düster, wohl wie es 1 
§ 2, 1 durch Lautabtrennung, etwa aus oiwlastr „und desto“ ent¬ 
standen), gwastr Schwester, masr Messer und talr Teller haben sich 
auch sonst im Schlesischen der Entwicklung' von e angeschlossen. 

ä: mal Mehl, gäma gähnen, däm dän dem den, bär Har, Eber, 
war wer, wätr Wetter, wän werden, sdätsa Pflugsterzen, ganäle ge¬ 
nesen, tsän zehn, gasän geschehen, gän gern, gän geben, gäst Gerste, 
galäft gelebt, gäl gelb, hat Herd, här her, träspa Trespe (Unkraut 
im Korn) jäte jäten, latän Laterne, sdrän Strähne, smär Schmer, 
kräves Krebs (mhd. krebej). 

2 . Vor ch- und k-Lauten gilt ae bezw. äe: snaek Schnecke, 
flaedht Flechte, (griech. nXenrij)^ sdaeke Stecken, tswaek Zweck, 
läe<Jhts 3 sechzehn, slaeöht schlecht, sneke<£h scheckig, faeöhto fechten, 
drsdaeöha erstechen, laeke lecken, drlaekst ausgetrocknet, verschmachtet, 
blae^l) Hlech, rae^ht richtig, braeche brechen; wäek Weg, lüe<£h Säge, 
fläek Fleck, brostfläek Leibchen, dräek Dreck, bäeölit Pech, räedlie 
rechen, räedht rechtsseitig, s fäeöh (das) Pflugmesser (mhd. sech), fäeöh 
Felge. Eine ähnliche Entwicklung zeigt auch das Oberdörfische (vgl. 
Pautsch, §40), wie überhaupt das Kuhländische im Vokalismus der 
Stammsilben vielfach Ähnlichkeit mit dem Glätzisehen hat (bisher 
mhd. a > »7 § 1 , 2 , mhd. e > e [> Q vor rl § 2 , 2 u. 3 ). äe zeigt 
auch kläewe kleben, part. kläeft geklebt (zu mhd. kleben, nicht kliben, 
welches ai entwickelt haben müßte, s. § 11 ). 

3 . Mitunter ist e erhalten, namentlich vor 1- und r-Verbindungen: 

«• 


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180 


gett Geld, helfe helfen, weit Welt, wela wollen, gelda gelten, kele 
frieren (mhd. keilen), z. B. s kelt meqh of de fenr es friert mich an 
die Finger. 

Bei Dehnung gilt in diesem Falle Q: je Segen, tleja pflegen 
(gatleöht), bewöje bewegen, nweje abwägen, wtjrmert, Wermut, s§r 
Schere, swijrt Schwert, sdtjrtse den Dienst wechseln (mhd. sterzen). 

4. Die Lautgruppe -ege- ist mit Kontraktion zu äe (gekürzt a) 
entwickelt: laens Sense, räen Regen, ran regnen, bagan begegnen, 
galan gelegen. 

§ 4. mhd. i. 

1 . mhd. i klingt im Kuhländischen meist wie geschlossenes e: 
destl Distel, ausgade» Ausgeding, went Wind, wenkl Winkel, bient 
blind, betr bitter, benda binden, breiia bringen, krestkendla Christ¬ 
kindlein, lenfa pl. Linsen, rent Rind, reifte richten, wek Wicke, 
tsens Zins, tseplmets Zipfelmütze, tsweSa zwischen, tsenka pl. Zinken, 
gafeöht Gesicht, gafent. Gesinde, hendmis Hindernis, henka gien hinken, 
hena hinnen, heml Himmel, nepa einnicken, teslr Tischler, trenka 
trinken, fe<$ljr sicher, fetsa sitzen, fena singen, felwr Silber. (Meinert. 
schreibt hier stets ei: Seilver, speinne „Silber, spinnen“.) 

Auch die Endung -ig (mhd. -ic, -ec) lautet regelmäßig 
z. B. %te<^), vertebh, g^ersdeöli fertig, artig, garstig. — smet Schmiede 
und raeli^h Milch zeigen sogar offenes e. 

2 . Während die gewöhnliche Entwicklung i > e mit dem 
Glätzischen übereinstimmt, ist bei Dehnung Diphthongierung zu Je die 
Regel: rief Rippe, mle<$ti mich (betont), mlet mit (betont), ralest 
Mist, tswievl Zwiebel, gasbiet Gespielin, Brautjungfer, gawies gewiß, 
gievf Giebel, hlen hin, nledrdef Niederdorf, l'ieva(na) sieben, sraiera 
schmieren, smlet Schmied, ädleft Stift, Snletliöh Schnittlauch, slieta 
Schlitten, srlet Schritt, Sief Schiff, fiel viel, llet Deckel (mhd. lit.), 
z. B. kälrliet Kellertür, bödmllet Bodentür, fiep Sieb, wleda pl. Wiede 
(mhd. wit), due^lledn vergerben, durchprügeln (mhd. lideren neben 
lederen). 

8 . r wird bei Dehnung reduziert: klers Kirsche, wiert Wirt, 
sbietsa spucken (mhd. spirzen), hlerS Hirse, tslerkl, Zirkel, gabie<£h 
Gebirge, kiermas Kirmeß. sierf Scherbe, kle^h Kirche, wierka wirken, 
gaSmiert geschmiert. (Meinert schreibt einfach ie, z. B. Wietein 
„Wirtin“). 

4. Auch monophthongische Dehnung findet sich; e besonder? 
vor <di, j, s: weg Wisch, gasdeja gestiegen, tsech Ziege, tes Tisch, 


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LSI 


sde<£h Stich, swejrfötr Schwiegervater, knet.se drücken, kneten, quetschen; 
I vor (dial.) n: kln Kinn, blnr Bienenzüchter (zu rahd. bin), golln 
geliehen, auch in ni (ni) nicht u. fik Sieg. 

5. Die participia praeteriti der 1. Ablautsreihe haben teils e, 
teils le (e): grefa gegriffen, garesa gerissen, gabesa gebissen, gasle^ha 
geschlichen; Te bei den Verben auf bgdtn: garieva gerieben, gasdeja 
(vgl. 4) gestiegen, galleda gelitten, garieta geritten, gasiena geschienen. 

6 . Abweichende Bildungen: fbs Fisch, pl. fes, Analogiebildung 
zu pös Busch, pl. pes; wüthop Wiedehopf stimmt zu älterem wudhup 
(steirisch Wudhup(f), in Schleital i. Elsaß Wutthahn), nach Suolahti 
(„Die deutschen Vogelnamen“, Straßburg 1909) onomatopoetisch. 

$ 5. mhd. o. 

1 . mhd. o ist meist zu ö gedehnt (wie gebirgsschlesisch-glätzisch): 
knöta Knoten, gaböt Vorladung, gröp grob, göt Gott, höfa pl. Hosen, 
höne<Jh Honig, töchtr (halblang!) Tochter, töeht taugte, sböt Spott, 
fnt voll, dönan donnern, ötr Otter, öva Ofen, öbast Obst, dön Zug 
(ai äenr dön in einem Zuge, immerfort, mhd. don Spannung), loch 
Loch. 

ebr- Ober- (in Zusammensetzungen, z. B. ebrdef Oberdorf) ist 
wohl umgelautet. 

2. Vor r tritt Diphthongierung ein (pe, glätzisch p): köerti 
(koiern, vgl. Vorbemerkungen l c) Korn, töer 'l'or, dyerf Dorf, k<)erp 
Korb, mpern morgen. Die Kürze bleibt erhalten in gafoe^it ge¬ 
fürchtet, morja Morgen. 

3. Die Lautgruppe -oge- ist zu töer (oier) entwickelt: gaflöern 
geflogen, gatsöern gezogen; aber gaböga gebogen, gawöga gewogen. 
(Die Entwicklung ist demnach die gleiche wie im Oberdörfischen, 
vgl. Pautsch, § 44). 

4. Bei erhaltener Kürze gilt o, oft zu p verdunkelt: golt Gold, 
knop Knopf, wolwl billig („wohlfeil“), forna vorn, et£h kont ich 
konnte, rar kondn, woldn, foldn wir konnten, wollten, sollten (sonst 
praet. selten!), sokjn schaukeln (mhd. schocken), fotdöt Soldat, glok 
Glocke, folk Volk, pks Ochs, rpsdl Pferdestall („Boßstall“), rptsa 
rotzen, wwjli Woche, sdopa stopfen; kuma kommen hat sogar u. 

Vor r tritt in diesem Falle ui ein: uigl Orgel, fuim (neben 
fuarrn) Form. 

5 . Die mittelhochdeutsch auf o lautenden participia praeteriti 
der II., III. und IV. Reihe haben in der Mundart teils p, teils ö : 


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kroctya gekrochen, gadroSa gedroschen, gösa gegossen, ganösa genossen 
(letztere beiden halblang!), gaföta gesotten, gaböga gebogen, gasdöla 
gestohlen, gawöga gewogen (dieses aus der V. in die II. Klasse über¬ 
führt). In gasduava gestorben ist o ganz zu u verdunkelt. 

<*. Besondere Entwicklungen: Neben doch „doch“ erscheintauch 
deöh, de^hr, z. B. mper deöh raags doch! Von mild, solch ist die 
Nebenform sülch zu feöha „solche“ entwickelt; über feta = „fotane“ 
solche vgl. Th. Schönborn, das Pronomen in der schlesischen Mund¬ 
art, § 87 (Wort und Brauch, Heft 9) und Zeitschr. f. deutsche 
Philologie, Bd. 4(>. S. 187. diet „dort“ ist vielleicht umgelautet. 

§ 6. mhd. u. 

1 . mhd. u erscheint meist erhellt als o (wie auch im Glätzischen): 
ir.ontr munter, wondr Wunder, gadonka Gutdünken (mhd. gedunc), 
tspkr Zucker, tson Zunge, gront Grund, font Pfund, gonst Gunst, 
hondrt hundert, dplda dulden, jomfr Jungfrau, liopa hüpfen, hont 
Hund, honr Hunger, polwr Pulver, notsa Nutzen, tomp dumm, tonkl 
dunkel, ton Tonne, tronk Trunk, fomp Sumpf, Ion Sonne, ron Runge, 
of auf (unbetont). 

u ist namentlich vor k und ch zu hören: kluk Gluckhenne, 
fuks Fuchs, dusdre<£h durstig, frsluka verschlucken, fup Suppe, snupa 
schnauben, kuchl Küche (zu mhd. kgche), kuka neugierig schauen 
(„gucken“); ebenso im Rückumlaut schwacher Verben: «"»gaflukt ab- 
gepflückt, ausgasut ausgeschüttet, gadrukt gedrückt, gabukt gebückt, 
frrukt verrückt. 

Auf Entwicklung durch Umlaut (§ 8) weisen: rem herum, nes 
Nuß, (wohl aus dem Plural), templeöh Dummkopf (mhd. tumplich), 
pekleöli bucklig, keparn kupfern, jeka jucken, seleeli schuldig, finkle<jh 
funkelnd, linövat Sonnabend. 

2 . Vor r gilt üe (ui), meist unter Reduktion des r: füeröl^ 
(fui('di) Furche, büarn (buirn) Born, Brunnen, wüarf Sensenstiel, güart 
Gurt, düech durch, gabüart Geburt, füerts (uie) Furz. (Meinert 
schreibt bloß ue, z. B. kuez kurz). 

3. Die participia praeteriti der III. Reihe haben p: gabpnda ge¬ 
bunden, gasbona gesponnen, gasonda geschunden, gaslona geschlungen, 
kwona bezwungen. 

4. Bei Dehnung erscheint ö, üo und ü: öf auf (betont), föutiöh 
Sonntag, sdöf Stube, pöfi Busch, jüot Jude, küogl Kugel, ffton Sohn, 
slüs Schluß, garüt^h Geruch, kümat Kummet, lük Lüge, trügt Truhe. 


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183 


Sme<£h Schwiegertochter (mhd. snurche) weist auf Entwicklung durch 
Umlaut, ebenso gasnledr Schnupfen (zu mhd. snuderen), vgl. § 8, 2. 

§ 7. mhd. ö. 

1 . rahd. ö erscheint als e: serts Schöps, tep Töpfe, tlek Pflöcke, 
fres Frösche, älesr Schlösser, ke<£hen Köchin, rekte Röckchen, un- 
kestn Unkosten, fele<Jh völlig. 

2. Bei Dehnung gilt e: fejl Vögel, hewleöh höflich, gewenle<£h 
gewöhnlich, heften Höschen, emerte schwaches Kind (mhd. ome 
Spreu, überhaupt etwas Unbedeutendes). 

3. Vor r gilt e c : kervte Körbchen, hQrnla Hörnchen, ijrtte kleines 
eigenes Besitztum („Örtchen“). 

NB. Die Entwicklung ist demnach dieselbe wie im Glätzischen. 

§ 8. mhd. u. 

1 . mhd. ü erscheint wie im Glätzischen gewöhnlich als e: keölj 
Küche (zu mhd. küche, vgl. § 6, 1), heps hübsch, melnr Müller, 
gabrest „gebrüstet“, stolz, kets Schürze (mhd. kiitze), glek Glück, 
templ Tümpel, sdek Stück, slepreöh schlüpfrig, dreka drücken, tsepD 
mcts Zipfelmütze, äeletseöh einzeln (rahd. einliitzec), letslwais stück¬ 
weise, eines nach dem andern (rahd. liitzel); offenes e haben Sesl 
Schüssel, hetlr kleiner Häusler („Hüttler“, mit eigenem Haus, aber 
gepachteten Feldern), lekeöli lückig (z. B. s köern is hair leke^h 
das Korn hat dies Jahr schwache Ähren); daneben erscheint auch i, 
z. B. kisa küssen, kit Schar, Haufen (Herde, mhd. kütte). 

Ansatz zu Diphthongierung zeigen sieta schütten, sietln schütteln, 
kienedh König, fiepas fürbaß, vorwärts (sämtlich mit ganz kurzem 
Diphthong!). 

v. Bei Dehnung tritt Diphthongierung zu le ein: krlept Krüppel, 
tiekl Edelstein (mhd. türkel), tlekltauf Turteltaube, mlel Mühle, 
sdievla Stübchen, sletsla Dachvorsprung als Giebelschutz (mhd. 
schürzelin), levr über, Tevl übel, Sdrietsl Striezel, jleden Jüdin, blet 
Bürde, hievt Hügel, 

len Söhne, teja taugen, meja mögen, kena können, gena gönnen 
sind wohl über mhd. ö entstanden (vgl. Pautsch!). 

3. Vor r erfolgt die Dehnung und Diphthongierung (letztere 
hier nicht immer deutlich!) wieder unter Reduktion des r vor Kon¬ 
sonanten : gletl Gürtel. sdTrts Stürze, sletsla Giebelschutz („Schürz- 


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chen“), §ierja schieben („scluirgen“), birSt Bürste, wiemIo Würm¬ 
chen, fe^li drbien (mhd. erbfirn erheben) sich erholen, fe<d> fiedn 
sich „federn“ = sich beeilen (mhd. vürdern), flrwost Schuh-Oberleder, 
Putzleder (mhd. färben putzen), tlr Tür, fir für, vor. (Meinert 
schreibt einfach ie, z. B. wiede „würde“.) 

In terla Türchen, fe^to fürchten bleibt die Kürze erhalten. 


2 . Die mittelhochdeutschen langen Vokale. 

§ 9. mhd. ä. 

1 . mhd. a ist durch 5 (wie gebirgsschlesisch-glätzisch) vertreten: 
möntiqh Montag, amöl einmal (unbetont), höt hat, hfiko Haken, Ruhr¬ 
haken, gotön getan, blö blau, grö grau, gröf Graf, töpan tapern, 
töqljt Docht (mhd. tälit), iiöqI} nach, nölt Nadel, Sbön Spahn, sdröf 
Strafe, Slöfa schlafen, söf Schaf, swögr Schwager, frröt Verrat, frögo 
fragen, döqht dachte, jöman jammern, ös Aas, övet Abend (tsövats 
abends, bei Meinert z ’Obed), klö Klaue, plö Plaue, krö Krähe, tröm 
Balken, dröt Draht, mölo malen, sdöl Stahl, mös Maß, sböt (adv.) 
spät, lön lassen, möfn Masern, und wohl auch böcl^t Schimpfname, 
besonders auf ungezogene Kinder (mhd. bäht Kot, Kehricht, Unrat). 

5 zeigen u. a. tot, loldöt Tat, Soldat, sbinöt Spinat, tsolyt 
Salat, nylt Ahle. 

Kürzung erscheint in hon haben (mr hon, fa hon), bopst Papst, 
nokwr Nachbar, host hast, slofa gien schlafen gehn. 

2 . Vor r gilt §e (oie): j$er Jahr, wyer wahr, kyert gekehrt, 
gal$ert gelehrt, gelernt (zu mhd. gekärt, gelärt). 

3. Abweichende Bildungen: pöka schreien (mhd. bägen) ist wohl 
ebenso wie gräts Schritt und grätsa schreiten durch Umlaut zu er¬ 
klären (§14; mhd. grat = lat. gradus, pl. graste). 

§ 10. mhd. e. 

1 . mhd. e ist bei konsonantischem Auslaut zu Ie diphthongiert: 
wlene<*h wenig, grledl gepflasterter Gang am Hause entlang (mhd. 
grede), krien Meerrettich, gien gehen, Sdlen stehen, fiel Seele, heröjji 
Lerche, tswlena zwei (männlich, ohne Beziehungswort; weibl. tswüa, 
sächl. tswy). 

2 . Im Auslaut ist ö geblieben: kle Klee, we weh, tswe zwei 


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(männl., mit Beziehungswort; weibl. tswü, sächl. tsw£), auch in enr 
eher, früher. 

3. Vor auslautendem r gilt offenes 3 : m<jr mehr, lijr Lehre, ^r 
Ehre (wie im Glätzischen). 

4. Verkürzung zeigen tsin Zehe, pl. tsina, erst erst. 

§ ii. mhd. i. 

1. mhd. i ist gewöhnlich durch ai vertreten: lai<£h Leiche, lait 
liegt, Iaido leiden, faifo pfeifen, aiveS Eibisch, raist Flachsreiste, 
drbain dabei, snait Schneide, Sdaija steigen, Sraiwa schreiben, srain 
schreien, swain Schwein, sdraito streiten, raitn reutern, sieben, faijo 
seihen, fait Seite, glai sogleich, gaijo geigen, wais weiß, tsailwais 
zeilenweise, taich Teich, goliai Spott (zu mhd. gehiwen), vgl. Grimms 
Wörterbuch ,Gehei‘ = „Hohn“ und ,geheien‘ 3 f, g, woselbst auch 
des Kuhländischen gedacht ist. 

2 . Oft ist dieses ai zu a verkürzt (ae vor <£h): dastl Deichsel, 
dratso dreizehn, am = ai dam in dem, bam = bai dam bei dem, 
wa(e)l weil, fanr feiner, san scheinen, strahlen, frati^ Freitag, smast 
schmeißt, rast reist, rat reitet, laedht leicht, watr weiter, falko 
Veilchen, bast beißt, snat schneidet, gran weinen (mhd. grinen). Die 
Verkürzung zeigt sich also namentlich in Komparativen, im Präsens 
(2. 3. sg., 2. pl.) der dental auslautenden Verben der I. Reihe und 
beim Zusammentreffen von Flexions-n mit Stammauslaut n. 

Abweichend von der Regel bleibt der Monophthong, nur ver¬ 
kürzt, in slisa schleißen, z. B. bam fädn slisa beim Federnschleißen. 
Auch kräfa kreischen stellt ganz abseits von der gewöhnlichen Ent¬ 
wicklung. 

§ 12. mhd. ö. 

1 . mhd. 6 ist gewöhnlich zu üo diphthongiert, zumal in ein¬ 
silbigen Wörtern: grüos groß, tüot tot, trüon Thron, nüot Not, nötig, 
Silos Schoß, sdrüo Stroh, srüot Schrot, brüot Brot, rüos Rose, rüot 
rot, grüosla Großmutter, büos Flachsbündel (mhd. bö$e). 

Daneben erscheint auch ö, so in fistn Ostern, galöla los werden 
(mhd. gelesen), sdöse stoßen, asö so (schles. afü, zu afünb „ein so 
einer“, vgl. Zeitsehr. f. deutsche Philologie, Bd. 4(>, 167); verkürzt 
in Son schon, hokst Hochzeit. 

2 . Vor r gilt fie (öie): köer Chor, rfier Rohr, gah^ert gehört, 
uir Ohr und luirwr Lorbeer werden mit ui gesprochen. 


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§ I3> mhd. fl. ' 

mhd. ü erscheint als an: kraut Kraut, tsaura Zaun, maul Maul, 
häuf Haube, graufle^h abscheulich, kauen kauern (mhd. hören) tauf 
Taube, taufet tausend, faule Säule, faur sauer, sdraus Strauß, kaut 
Kaute Flachs (= 10 Reisten), kaul Kugel, kaule kugeln (mhd. küle, 
killen neben kugel(en), tauvl(-gi) Faßdaube (mhd. düge). — Vor r: 
uir Uhr. 

Bei Verkürzung entstand a, wie in grap „Graupen“, Hagel, 
hafe Haufen, latr lauter (wie auch glätzisch). 

Unregelmäßige Entwicklungen sind u. a.: klaove klauben, müfi<& 
^ Musik, tüfl Dusel (zn mhd. tüzen, vgl. Grimm „dufen“ und „dnleln“), 
müfere<£h mauserig, unwohl (mhd. müjen mausern), dr£ödn er¬ 
schaudern, erschüttert werden; traiunk Trauung und slaidr Schleuder 
sind durch Umlaut über iu entstanden. 

§ 14. mhd. «. 

Dem mhd. ;«• entspricht in der Regel e (so auch glätzisch): 
gleöh Gelege, das Zusammengelegte (mhd. gelange; das Getreide wird 
beim Haun zu losen Häufchen zusammengelegt ai gleje geirrt), tet 
täte (dient zur Umschreibung des Konjunktivs), len säen, feie fehlen, 
dren drehen, kren krähen, sbet spät (adj.), kes Käse, kwel Qual 
(zu mhd. quade), legi Milchgefäß (mhd. la*gel), nenr näher, ge, 
geleöh plötzlich, hastig (zu mhd. gaehe) dret Drähte, sben Spähne 
trem pl. Balken, tööhtla kleiner Docht, fei Pfähle. 

Vor r gilt <*: Swör schwer, jörleöh jährlich. 

ä zeigen lär leer, sdät ruhig, langsam. Vgl. auch § 9, 3. 

§ 15. mhd. «. 

1 . Dem mhd. <e entspricht im allgemeinen le: khefle Klößchen, 
kries Gekröse, sien schön, sdiesr Habicht, bies böse, liefe lösen, 
rieste rösten, trleste trösten, krienle kleine Krone. 

2 . Vor r ist «* entwickelt: hörn hören, sdqrn stören, rörn 
Röhren. 

3. Verkürzung zeigen namentlich Komparative und Superlative: 
sinr. sinste schöner, schönste, grisr, griste größer, größte, retr röter, 
heölir he<jhsta höher, höchste; auch das Präsens des Verbums, z. B. 
Mist stößt. (2 und 3 ähnlich im Glätzischen!) 


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§ i6. mhd. iu. 

1 . mhd. iu (iuw) ist zu ai entwickelt: kaian kauen, tsai(s)t 
zieh(s)t, flai<y,it fliegt, baiöht biegt, haila heulen, haiflr Häusler, hait 
heut, hair dieses Jahr, trai treu, naisirech neugierig, slaiöjile kleiner 
Schlauch, nain(a) neun, taiwl Teufel, aitr Euter, blail Bleuel, blaijn 
bleuen = die Wäsche mit dem Bleuel klopfen, sbraitsle mhd. 
spriuz(e) „Spreize“, Holzscheitchen, aifaian einsauern, laigan (-ern!) 
lögen (zu mhd. liugen), frfaima versäumen (mit Umlaut), gerain reuen. 

2. Der Umlaut fehlt im Gegensatz zum Schriftdeutschen in 
knaul Knäuel, faule Säule, sauma schäumen, slaurae gefallen, Zu¬ 
sagen (unpersönlich gebraucht: s’ slaurat mr es gefällt mir). 

3. Häufig tritt Kürzung zu a ein (ae, ganz kurz, besonders vor 
<£h): gast gießt, genast genießt, san Scheune, nantsa neunzehn, 
fraen(t)soft, frlast verlier(s)t, fräst friert, rae<£ht riecht, lae<Hjit leuchtet 
(laeöht amöl! leuchte mal!), bedat bedeutet, latleutet; also namentlich 
im Präsens (1. *2. sg., 2. pl.) der II. Reihe und vor n, ch und t, 
zumal in dentalen Flexionsformen. 


3. Die mittelhochdeutschen Diphthonge. 

§ 17. mhd. ei. 

1 . Als regelmäßige Vertretung von mhd. ei ist für unsere Mund¬ 
art äe charakteristisch (wie im Oberdörfischen): läem Lehm, mäefl 
Meißel, mäe Mai, wäets Weizen, ech wäes ich weiß, mäene meinen 
gamäen Gemeinde, häela heilen, häelr „Heiler“, Arzt, äenletsec]} 
einzeln (einlützee), räetl Reitel, räetjn reitein, üräets „Anreiz“ (Back¬ 
werkgeschenk zum Taufen), häetsa heizen, häes heiß, häern heim, 
näe, inäe nein, täek Teig, täela teilen, faejr Wanduhr (mhd. seig*re 
von seigen seihen neben sihen, also ursprünglich wohl Sand- oder 
Wasseruhr), laef Seife, häet Heideland, sbäeöh Speiche, bräeta zu¬ 
wegebringen (mhd. bereiten). 

ä in gäsbpk (Ziegenbock, mhd. gei3) Spottname für Schneider, 
ist offenbar über äe entwickelt. 

Ausnahmsweise erscheint ai, z. B. tsaije zeigen. 

Im Auslaut ist ei zu entwickelt: Q Ei, tswij zwei (sächl., vgl. 
§ 10), gasrf> Geschrei. 

2 . Kürzung zu a (ae) zeigt sich namentlich in Komparativformen 
und beim Zusammentreffen von Stamm- und Flexions-n, auch im 


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Präsensdental auslautender Verba: klanr kleiner, dam bratsta am 
breitesten, met da sdan mit den Steinen, aetwa elf, brat, brätst, ga- 
brat, z. B. e<£h brats nl ich brings nicht zustande, e<di hörS ni gebrat 
ich habs nicht fertig gebracht, es ist mir nicht geglückt; oft auch 
e<£h was. du wast ich weil! etc. 

§ 18. mhd. ou. 

Dem mhd. ou (ouw-) entspricht äo (vgl. glätzisch ä!) tsäom 
Zaum, käoft gekauft, geräoft gerauft, häon hauen, täop taub, läop 
Laub, tüof Taufe, säon schauen, äo ä auch, äoch Auge, pl. äoga, 
bäom Baum, fäofa saufen, räodi Rauch. 

äe in käefa kaufen, räefa raufen, gläewa glauben u. a. geht auf 
md. Formen mit öu zurück. Ebenso weist häept Haupt (Teil des 
Pfluges und des Ruhrhakens) auf Umlaut. 

§ 19. mhd. ie. 

1 . Dem mhd. ie entspricht I: knl Knie, tsln ziehen, griwa pl. 
Griefen, gris Gries, slda sieden, Sdir Stir, fllja fliegen, idr jeder 
frlifa verlieren, frlfa frieren, fira vier, bija biegen, krija kriegen^ 
bekommen, brif Brief, llt Lied, batrija betrügen. 

2 . Verkürzung zeigt sich namentlich vor mhd. 5 und ch (h): 
gisa gießen, sisa schießen, slise schließen, lisa das Wetter Vorher¬ 
sagen (mhd. lie$en wahrsagen), ri^lia riechen, li<Jhta blitzen; ebenso 
in nirnt nirgends, denstich Dienstag. 

§ 20. mhd. uo. 

1 . mhd. uo erscheint meist als ü: hüt Hut, müm Muhme, ältere 
Frau, müs muß, glüt Glut, gut gut, lmf Huf, tun tun, sfiql,i Schuh, 
pl. sü, sül Schule, füs Fuß, blüm Blume, tswü(a) zwei (weibl., mhd. 
tswuo neben tswo). 

2 . Die Kürzung lautet u: kiudia Kuchen, mutr Mutter, rufa 
rufen, rat Rute, Sdruta Stute, fludita fluchen, drtsun dazu, bust Bast 
(zu mhd. buost). 

Vor r gilt fla (ui): füar (fuir) Fuhre. 

fnjlie suchen, rif(s)t ruf(s)t beruhen auf Umlaut. 

§ 21. mhd. öu. 

1 . Als legitime Vertretung von mhd. öu erscheint, dem Dialekt 
eigentümlich, äe, das zuweilen in a> (zwischen ä und <j) übergeht: 
räevr (rmwr) Räuber, häepla „Häuptchen“, kleiner Kopf, z. B. a 


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189 


häepla tsolört ein Kopf Salat, da bäem die Bäume, fäema säumen, 
einfassen, gäesl Handvoll (dim. zu mhd. goufe), säevl „Schäubel“ 
(dim. zu mhd. schoup) Strohbündel. Säevld§($ Strohdach. Vgl. außer¬ 
dem § 18. 

2. Die mhd. Lautgruppe öuw ist im Inlaut zu ai, im Auslaut 
zu entwickelt: Im Inlaut hair Heuer, Mäher, frain freuen, frait 
Freude, jedoch sdr^rn streuen; im Auslaut h^ Heu, sdre Streu. Über 
die verschiedene Entwicklung vgl. v. Unwerth § 41. 

§ 22. mhd. fie. 

1. mhd. üe ist durch, I vertreten: brin brennen (intr.), firn 
führen, fri früh, blimla Blümlein, rlf Rübe, krijla Krüglein, grin 
grün, kl Kühe, gllnw-h glühend, rlen rühren, flja fügen, sllan pl. 
Schuhchen, banlma versprechen (mhd. benüemen). 

*2. Die Kürzung lautet i: brita brüten, fitn füttern, lis Füße, 
fisa süß, hita hüten, grisa grüßen, mesa müssen, gitla kleines Bauern¬ 
gut, hitla kleiner Hut, kisdl Kuhstall, prela brüllen. 

In gahut gehütet zeigt sich Rückumlaut. 


4. Übersicht über die qualitativen Veränderungen der* 
Stammsilbenvokale. 

§ 23. Diphthongierung. 

1. Diphthongierung langer Vokale: 

6>le § 10. i > ai §11. ö>üo §12. ü>au §13. m>le 
§15. in > ai § 16. 

2. Diphthongierung kurzer Vokale: 

a) durchgehend: ä > ae (äe) vor ch und k, § 2, 6. e > ae (äe) 
vor ch und k, § 3, 2. i > Te bei Dehnung, § 4, 2. ü > Te bei 
Dehnung, § 8, 2. 

b) vereinzelt: u > üo § 6, 4. ii > ie § 8, 1. 

3. Diphthongierung vor r: 

a) kurze Vokale: ar > 9er (oier) § 1, 3. or>yer (oier) § 5, 2. 
ur > üar (ui(e)r) § 6, 2. 

b) lange Vokale: är>(>er (oier) §9,2. 6 r>ver (oier) § 12 
ür > üar (ui(e)r) § 13. 

4. Die mhd. Lautgruppen age, ege, äge, ege, oge: 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



190 


age > 9 er (oier) §1,4. ege > (jr (tjer) § 2, 4. äge > äe (gekürzt a) 
§ 2, 7. ege > äe (gekürzt a) § 3, 4. oge > <)er (oier) § 5, 3. 

§ 24. Monophthongierung. 

1. Regelmäßig tritt dieselbe ein bei: 

ie>l, i. § 19. uo > ü, u. §20. iie>i, i. §22. 

2. Nur bedingt: 

ei>a bei Kürzung § 17, 2. öu>tj im Auslaut § 2i, 2 . 

§ 25. Umlaut. 

Bezüglich des Umlauts tritt die Mundart oft in Gegensatz zum 
Schriftdeutschen. 

1 . Rein äußerlich ist dieser Gegensatz 

a) beim Diminutiv der a-Stämme: hafte Häschen, faste Füßchen, 
kante Kännchen, tarnte kleiner Damm, speziell auf dem Acker die 
Erhöhungen zwischen den Furchen (ädepltamte = Kartoffel furche), 
kastte Kästchen, safte Schäfchen, hänte kleiner Hahn, napte 
Näpfchen; 

b) bei Komparativen: nasr nässer, glatr glätter. — In all diesen 
Fällen stehen a und ä nur äußerlich zum schriftdeutschen ä im 
Gegensatz, mundartlich sind sie die Umlaute zu 0 und $. 

2. Der Umlaut fehlt 

a) beim part. praet. der schwachen Verben mit ü in der Stamm¬ 
silbe: garukt gerückt, (ga)drukt gedrückt, (ga)bukt gebückt, gahut 
gehütet, ausgasut ausgeschüttet; § 1, 5a. Bezüglich des Präteritums 
vgl. Schlußbemerkung zu § 43. 

b) auch sonst häufig, so bei manchen Nominalstämmen, zuweilen 
auch im Präsens der Verben: nocljte Nächte, knaul Knäuel, faule 
Säule, os Esche, osp Espe, sböt spät (adv.); yfyerva abfärben, sauma 
schäumen, hppa hüpfen, snufjn schnüffeln, wokst wächst, gadran 
gedrängt, eng, da sdrausa Sträuße. 

3. Umgekehrt erscheint der Umlaut mitunter, wo er im Schrift¬ 
deutschen fehlt: hert hart, wöörn pl. Wagen, unkestn Unkosten, ti-ch 
Tage (neben töqh), petstr pl. Polster, traiunk Trauung, kwel Qual, 
kiädl Kuhstall, fieha suchen, rifst rufst, kaian kauen, brain brauen, 
faierai Sauerei, schlechtes Wetter, menkjn munkeln, kaileöh kugelig, 
kullig, jeka jucken, u. a. (§ 6 , 1 pekle^lj bucklig, etc.). 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



191 


5. Die quantitativen Veränderungen der Stammsilbenvokale 

§ 26 . Dehnung. • 

1. In mhd. offener Silbe ist die Dehnung allgemein wie im 
Gesamtschlesischen. 

lytl Sattel, pypl Pappel, snywl Schnabel, küogl Kugel, tswievf 
Zwiebel, gievl Giebel, nyerl Nagel, knebl Knebel, edl edel, efl Esel, 
§eml Schemel, wedl Wedel, redr Räder, bletr Blätter, wädr weder, 
wätr Wetter, läva leben, käwr Käfer, sädl Schädel, swäwl Schwefel, 
lewl übel, t§djn tadeln, niedr- Nieder-, kiefl Kiesel, Swejrfytr 
Schwiegervater, dönr Donner, fädr Feder, ötr Otter (mhd. oter), 
kwändlan pl. Quendel (mhd. quenel), lädr Leder, kymr Kammer, 
hymr Hammer, snytn schnattern, geföte gesotten, rief Rippe (mhd. 
ribe), sdöf Stube, ket Kette (also auch wo durch jüngere Apokope 
später Einsilbigkeit entstand). 

Die Dehnung unterbleibt häufig in mhd. offener Silbe, auf die 
die Endungen -er, -el, -en, -ern, -ein folgen, wie in glatr glätter, 
gmelr schmäler, potr Butter, gafotr Gevatter, Seml Schimmel, heml 
Himmel, witiwr Witwer, tsomo zusammen, kuma kommen, bat ln 
betteln. Eine Sonderstellung nimmt kiene«^ König ein. 

2. In mhd. geschlossener Silbe zeigt die Mundart im allgemeinen 
in folgenden Fällen Dehnung: 

a) vor allen einfachen Konsonanten (im Gegensatz zum Neu¬ 
hochdeutschen auch vor t! vgl. Wilmanns § 239 ff.), ebenso vor ch 
und sch und vor auslautendem pf. Meist sind es einsilbige Wörter, 
auch solche, die mhd. inlautend Geminata zeigen. 

Syf Schaff, Sief Schiff, ryt Rad, glyt glatt, lyt satt, Sdyt Stadt, 
blyt Blatt, brät Brett, mlet mit, smlet Schmied, §n!etle<^ Schnittlauch, 
§rlet Schritt, sböt Spott, göt Gott, gaböt Vorladung, betsdätla Schlaf¬ 
stätte, fyk Sack, tyk Tag, gaSmyk Geschmack, wäek Weg, fläek Fleck, 
bök Bock, rök Weiberrock, Slyk Schlag, gröp grob, räophün Rebhuhn, 
gorüqlj Geruch, mleqh mich, dle<£h dich, ie<9i ich, sdeöfi Stich, köklefl 
Kochlöffel, IöqJ* Loch, kwyl Quelle, Sdyl Stall, fal Fell, gäl gelb, 
gd$m Stamm, Slym Schlamm, kln Kinn, föS Fisch, tes Tisch, nyp 
Napf, töp Topf. 

Natürlich finden sich Ausnahmen wie fet Fett, drop Trab, Slof 
schlaff, fre<jh frech, blaeölj Blech, doyj> doch, tswaek Zweck. 


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Original fro-m 

PRINCETON UNIVERS1TY 



m 


b) vor r und r- Zusammensetzungen: gperf Garbe, g^ersde^i 
garstig, gierte Garten, göer gar, g$ern Garn, wörn wehren, kqrts 
Kerze, drnern ernähren, här her, drkwär quer, war wer, hat Herd, 
sdän Stern, stftetse spucken, wlewl Wirbel, smlere schmieren (mhd. 
smirwen), kiers Kirsche, kiermas Kinneß, sdäva sterben, fir vor, d§erf 
Dorf, kqrvla Körbchen, snieröh Schwiegertochter (mhd. snurche), 
wüarf Sensenstiel, büarn, bienla Born Brunnen, tlr Tür, gietl Gürtel, 
sietsla Schürzchen, Giebelschutz, tlekltauf Turteltaube. 

Ausnahmen: sworts schwarz, moek Markt, kwoek Quark, fe<dite 
fürchten, gafoe<£ht gefürchtet, dusdrech durstig, harf herb, berk Berg 
(bäek niedrige Anhöhe — so wenigstens mitgeteilt!), kala Kerl. 

c) bei Wörtern auf -er, -el, -ern, -ein mit mhd. inlautendem 
p oder pp: krlepl Krüppel, klöpr Klapper, klypan klappern, ts^pln 
zappeln, l$pan läppern, trinken, analog röpan (meist remrppan) ge¬ 
räuschvoll tätig sein (herumwirtschaften, mhd. raffeln lärmen, klappern); 
ähnlich auch in kälr Keller (mhd. keller, kelre). 

3. Die Kürze bleibt in der Kegel erhalten bei mhd. Gemination 
und mehrfacher Konsonanz einschließlich z, ch und sch. 

a) Gemination: kesl Kessel, esl Nessel, Sesl Schüssel, älesl 
Schlüssel, fokl Fackel, pekle<£h bucklig, sietjn schütteln, knetl Knüttel, 
letl Löffel, tsepl Zipfel, wosr Wasser, masr Messer, talr Teller, akr 
Acker, fesr Fässer, tsokr Zucker, slesr Schlösser, betr bitter, wela 
wollen, klat Klette, gran weinen, flerna weinen, gawer Gewirr, tsuknelt 
zerdrückt, smeka schmecken, swef Schwelle, sbera sperren; maclja 
machen, waqlja wachen, laqlia lachen, kael)l Kachel, ke<^ (kueljl) 
Küche, ke<dien Köchin, woch Woche, brae^ho brechen, sdaedha stechen, 
drasa dreschen, tos weibl. Scham, Frauenzimmer, flos Flasche, woSa 
waschen, fe<^l Sichel, seqlir sicher, lesa löschen, fres Frösche, tsweSa 
zwischen. 

b) Mehrfache Konsonanz: noqht Nacht, ochta acht, slocljta 
schlachten, flae^it jFlechte, waeqhtr Wächter, golja Galgen, kroraf 
Krampf, klomp schnell vorübergehender örtlicher Krampf (am Finger, 
Fuß etc.), zu mhd. klambe Klemme? womp Bauch, gons Gans, floks 
Flachs, tsits Brustwarze, galedht Gesicht, gafent Gesinde, hendr hinter, 
henke gien hinken, teslr Tischler, trenka trinken, fenstr finster, frfetsa 
verfitzen (Fäden verwirren), slenda schlingen, schlucken, lenla pl. 
Linsen, krestkendla Christkindchen, ront rund, jomfr Jungfrau, Soldr 
Schulter, dolda dulden, gonst Gunst, gront Grund. 


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PRiNCETON UN1VERSITY 



193 


Ausnahmen: laovr selber, $st Ast, näst Nest, mlest Mist, Tes ist^ 
Syft Schaft, töqht taugte, räe<jht rechtsseitig, träspa Trespe, ts^spl 
Zaspel, dr fdmr Kflchenschrank (mhd. almerltn), näe<jhta gestern 
abend. 


§ 27. Kürzung. 

1 . Die Kürzung ist nicht so verbreitet wie die Dehnung; ein¬ 
silbige Wörter trifft sie fast gar nicht, namentlich nicht vokalisch 
auslautende. 

mös Maß, häes heiß, läest Leiste, röm Ruß, laei Seil, nie inäe 
nein, häem heim, wais weiß, kail Keil, srüot Schrot, brüot Brot, hüt 
Hut (dim. hitla!), müs muß, glüt Glut, güt gut, tün tun, brlf Brief, 
llt Lied, dröt Draht, k(>ert gekehrt, grfitS Schritt, ädrüo Stroh, kü 
Kuh, knT Knie, frl früh, wö wo, klö Klee, we weh. 

Auch bei mehrsilbigen Wörtern ist die Kürzung in geschlossener 
Silbe selten. Sie beschränkt sich somit fast nur. auf eine verhältnis¬ 
mäßig kleine Zahl der zahlreichen zweisilbigen in offener Silbe. 

Zweisilbige mit erhaltener Länge in geschlossener Silbe: mönti<^ 
Montag, döqljt dachte, fotd$t Soldat, laimat Leinwand, östn Ostern, 
j<jrle<$h jährlich, laens Sense, lierch Lerche, haiflr Häusler. 

2 . Kürzung erscheint namentlich: 

a) öfters bei monophthongierten Diphthongen: mhd. iu vor n; 
uo namentlich vor ch, auch vor anderen stimmlosen Lauten; üe 
gleichfalls vor stimmlosen Lauten, namentlich vor 5 und t, ie vor¬ 
züglich vor $ und ch; ei nur ausnahmsweise. Vgl. Unwerth, § 104. 

iu: fraentsoft Freundschaft (ae ganz kurz!), San Scheune, nantsa 
neunzehn; uo: kucha Kuchen, fi<ihe suchen, flucht» fluchen, mutr 
Mutter, rut Rute, rufa rufen, Sdruto Stute, drtsun dazu; üe: gitla 
kleines Gut, hitla Hütchen, brita brüten, fitn füttern, kiSdl Kuhstall, 
fisa süß, grisa grüßen, mesa müssen, prela brüllen; ie: sisa schießen^ 
gisa gießen, ganisa genießen, lisa das Wetter vorher sagen, riöha 
riechen, li<^ta blitzen, densti^h Dienstag, nirnt nirgends; ei: aetwa 
elf; auch in falka Veilchen (mhd. viol). 

b) in Steigerungsformen: sinr schöner, sinsta schönste, watr 
weiter, klanr kleiner, fanr feiner, grisr größer. 

c) in den dentalen Flexionsformen der Verben mit dentalem 
Anslaut: bedat bedeutet, hast heißt, gast gießt, rat(s)t reite(s)t, smast 
schmeißt, frlast verlier(s)t, fräst frier(s)t, ganast genießt, frdrast ver¬ 
drießt, brat(s)t bring(s)t zuwege, gabrat zuwege gebracht, gahut ge- 

Mitt*ilnne» , n d. Sehle*. Oe«, f. Vkde. Bd. XIX. 18 


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Original frorn 

PR1NCET0N UNIVERS1TY 



hütet, hast heißt, rast reißt, snat(st) sclweide(s)t, was(t) weiß(t), 
auch raecht riecht; 

d) meist beim Zusammentreffen der Endung -en mit Stamm¬ 
auslaut n: san scheinen, grau weinen, bagan begegnen, met fan 
Swan mit seinen Schweinen; 

e) häufig vor oht (mhd. lit): laeeht leicht, läei^t seicht, faecht 
feucht, (äeöhtüeh Seihtuch, lae^hta leuchten, baeel>t Beicht; 

f) sonst nur ausnahmsweise: wal Weile, dratsa dreizehn, dra- 
seeh dreißig, fratich Freitag, hafa Haufen, tsin Zehe, erst erst, hopst 
Papst, slepa schleppen, mr hon, ir hot wir haben, ihr habt, nokwr 
Nachbar, terla Türchen. 


II. Die Konsonanten. 

1. Gutturale. 

' § 28. mhd. g 

1. mhd. g ist im Anlaut erhalten (gierte Garten, gront Grund, 
glen gehen, gän geben, gejr gegen, etc.). Nur in vereinzelten 
Fällen erscheint es in Eigennamen und 'in Fremdwörtern als j: 
Jier<£h = Jura Georg, jeneräl General, k steht für g in kuka 
gucken, koksa gacksen, kluk Gluckhenne; in Fremdwörtern wie 
kulas Gulasch, kalup Galopp; in naisireqh neugierig beruht das S 
auf dem sg von nd. nisgirig. 

2. Im Inlaut erscheint mhd. g zwischen Vokalen und nach r 
und 1 als Reibelaut, und zwar nach dunklen Vokalen als stimmhafter 
velarer (g), nach hellen Vokalen und r. 1 als palataler Reibelaut (j): 
fröga fragen, wöga wagen, frts$ga verzagen, m^go Magen, gaböga 
gebogen, gawöga gewogen, äoga pl. Augen; sdaija steigen, gasdeja 
gestiegen, laeja pl. Säge?), öweja abwägen, bawya bewegen, ‘fleja 
pflegen, fijja Segen, teja taugen, krlja kriegen, tsaija zeigen, gaija 
geigen, batrija betrügeu. ^Terja schürgen, schieben, aieja eineggen, 
faija seihen, morja Morgen (aber möern morgen!), golja Galgen, 
frjj- ärger, fäeja pl. Felgen, folja folgen (jedoch uigl Orgel, guigl 
Gurgel). 

3. Wo im Dialekt durch Wegfall der Endung -e die Gutturalis 
in den Auslaut tritt, erscheint g als ch oder öl>, ebenso vor dentaler 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



1!)5 


Flexionsendung: fröqlji Frage, wl<£ljt Wiege, tyqh Tage, gle<^i Gelege, 
tse<d) Ziege, sdeqh Stiege, äoch Auge, gdhö^h Gehege, gableqh Ge¬ 
birge, fäeeb Felge, hyrweredh Herberge, wöclji Wage, sbäeeli Speiche, 
trych Trage, sleöh Schläge, krleli Krüge: baiclit biegt, fledht pflegt, 
flai<£l>t fliegt, gawöqht gewagt, gaplöqht. 

4. ln der Stellung vor 1 und r erscheint die Entwicklung zu 
g bezw. j nicht mehr so durchgehend: küogl Kugel, föjl Vögel, wäjr 
wegen, gejr gegen, laejr Wanduhr, swögr Schwager, swejrfntr 
Schwiegervater, Grejr Gregor, krljla Krügchen; daneben, offenbar 
unter dem Einfluß der Schrift: rcgl Riegel, guigl Gurgel, legi 
Milchgefäß, begln bügeln, sbigl Spiegel, uigl Orgel, ergernus Ärger¬ 
nis, m(>gr mager. 

In peko schreien (rnlid. bägen), klpnkrleöli liederlicher Mensch, 
Troddel (mhd. klungeier) wirkt der harte Anlaut auch auf den In¬ 
laut : 

Bezüglich ng vgl. § 4o. 

5. Außer in den Lautgruppen age, ege, äge, ege, oge (§§ 1, 2, 
3, ö) ist g auch sonst noch geschwunden: m<)ern morgen, nirnt 
nirgends. 

§ 29. mhd. k. 

1. Im Anlaut und im Inlaut ist k erhalten (kent Kind, körn 
Kammer, krlje kriegen, knmo kommen, akr Acker, trenka trinken, 
5eko schicken, etc.). 

mhd. qu lautet kw: kweua, praet. kwoiw bewältigen, bezwungen 
kwändlon pl. Quendel, kw$l Quelle, kwel Qual. 

2. k im Stammauslaut (mhd. c, ahd. g und k) ist ebenfa 11 
erhalten: grlntsaik Grünzeug, täek Teig, gasmök Geschmack, fyk 
Sack, krank krank. (NB. Demnach unterscheidet sich tök Tag von 
t 9 ch pl. Tage!) 

jomfr zeigt Ausfall des k und Assimilation. 

mhd. c im Auslaut unbetonter Silben wird im Dialekt durch 
stimmlosen palatalen Reibelaut vertreten (ch): mufeöli Musik (müfiölj- 
kanta Musikanten), f*»rteeh fertig, häeleöh heilig, aile<£h eilig, föntiöl* 
Sonntag, möntich Montag (etc.), fiwieh Viehweg, also namentlich in 
-ec = nhd, -ig, das im Dialekt -eöti lautet; analog ist köereeh karg, 
geizig gebildet. 

13 * 


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PRINCETON UNIVERSITY 



lfltt 

§ 3o. mhd. h, ch. 

1. mhd. Ii ist im Anlaut als' Hauchlaut erhalten (hont Hund, 
häes heiß, drheoan erhungern, etc), im Inlaut zwischen Vokalen 
geschwunden: tsai(s)t zieh(s)t, lain leihen, galin geliehen, lan sehen, 
gaSän geschehen, tsän zehn, tsin sg. Zehe, pl. tsina, kietla = „Küh- 
hirtlein“. 

NB. Das betonte har „er“ entspricht der md. Nebenform her. 

trügl Truhe und wögarn wiehern zeigen g vor liquiden End¬ 
silben des Dialekts. 

2. Der mhd. Verbindung hs entspricht im Dialekt ks: beks 
Büchse, feks sechs, wokst Wachs, woksa wachsen, floks Flachs, 
waeksjn wechseln (wie im Bühnendeutschen!); aber dastl Deichsel 
(vgl. lansitzisch daistl). 

3. Im Inlaut t vor Konsonant,erscheint mhd. h,als cl> bezw. ölj; 
noqht Nacht, ochta acht, slocljte schlachten, flaeqht Flechte, waedhtr 
Wächter, gafeeht Gesicht, sleöljta schlichten, kämmen. 

h in niht ist ausgefallen: nl (ni) nicht. 

4. mhd. h im Auslaut (entsprechend seiner spirantischen Aus¬ 
sprache meist ch geschrieben) behält diese spirantische Aussprache 
meist bei: rau rauh, rö roh, ge jäh, aber ^ü<jh Schuh (pl. SO Schuhe, 
dim. Silan und äücljlan), tu£h Vieh, Tier, flöql) Floh (pl. tlö<£l>, dim. 
tlllan Flöhlein!), fi<$h sieh, höqh hoch. Die Aussprache ch ist auch 
in den Inlaut übertragen: außer suchten Schuhchen auch fiöhr Tiere, 
he<!hr höher, he^hsta höchste. 

5. mhd. ch ist je nach dem vorhergehenden Vokal velar oder 
palatal entwickelt: mache machen, lacha lachen, löch Loch, ech ich, 
rae<ih mich (unbetont), Slae^ht schlecht, räocl) Rauch, bauch Bauch, 
sdraiehr Sträucher. Mitunter findet sich k für ch, so in köklefl 
(unter der Wirkung des Anlauts?) Kochlöffel; in nokwr (mhd. näh- 
gebür) Nachbar; drlaekst „erlechzt“ = ausgetrocknet, verschmachtet. 

Ausfall des ch in welr welcher? (nur Frage-Pronomen); Abfall 
in glai sogleich, äo ä auch, f statt ch zeigt blentslaif Blindschleiche 
(vgl. mhd. slifen gleiten). 

§ 31. mhd. j. 

mhd. j ist stimmhafter palataler Reibelaut geblieben (j\>ern 
jagen, jöman jammern, jorafr Jungfrau, etc.) 

Zwischen Vokalen ist es geschwunden: dren drehen, len säen, 
krön krähen, brln brennen (mh. briiejen), nen nähen, wen wehen, 
bien blähen. (Auch im Glätzischen so, vgl. Pautsch § 124). 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



197 


mhd. ieder hat im Dialekt kein j entwickelt: Idr jeder; ebenso 
ets (mhd. ie-zuo) jetzt, etse<5£ jetzig (mhd. iezec): em da etsija 
tsait. 


(Über mhd. g > j vgl. § 28, 2). 


2. Labiale. 

§ 32 . mhd. b. 

1. mhd.' b ist im Dialekt im Anlaut erhalten (bauch Bauch, 
bek Bäcker, blö blau, bäte beten, byda baden, etc.). 

Zu den Wörtern, die v. Unwerth in seiner Abhandlung über die 
schlesische Mundart § 71 als gemeinschlesisch mit p anlautend anführt 
tritt im Kuhländischen, wenigstens wie es in Kunewald gesprochen 
wird, noch peka schreien (mhd. bägen), prentsledh brenzlig, plus 
Bluse, hattpän entbehren und präf brav (frz. brave), ferner wie im 
Glätzischen (vgl. Pautsch. § 108), pankröt bankrott, pöntsltöp 
Bunzlauer Topf, preshoft bresthaft. Die übrigen lauten paur Bauer, 
pairejen Bäuerin, pokl Bnckel, pekle^li bucklig, pytr Butter, pöS 
Busch, prele brüllen, prel Brille, püers Bursche, (perslo Bürschchen), 
praka ausschneiden. 

2. Inlautendes b ist zwischen Vokalen und Liquiden zu bilabialem 
Reibelaut (v) entwickelt, dessen Bilabialität in der Stellung vor 1 am 
reinsten gewahrt ist, während er sonst zu labiodentalem w neigt. 
(Meinert hat v, z. B. lave „leben“, gave „geben“, Livle „Liebchen“). 

Nach Vokalen: hövr Hafer, räevr Räuber, raive reiben, grlwo 
pl. Griefen, mvo Rüben, aives Eibisch, sraivo schreiben, övot Abend, 
sdlevlo Stübchen, knövle<di Knoblauch, läva leben, krävos Krebs, hevo 
heben, kläovo klauben, lawendeöh lebendig, snövl Schnabel, tswTevl 
Zwiebel, gievl Giebel, lävr Leber, levl übel, fteva(na) sieben, rlewa 
pl. Rippen, r$dwr Radwer (mlid. radeber), söve schaben, gryva graben, 
kläewo kleben, gläewo glauben, navr neben, swäva schweben. Inevl 
Hügel, säwosdekl Schabbesdeckel, schlechter Hut. Bemerkenswert ist 
f in pufl Bubi, Hundename; ferner w$pe Waben (b > p). 

Nach r und 1: sdäve sterben, hörwere^ Herberge, kervta 
Körbchen, bolwlr Barbier, gosdüavo gestorben, hervast Herbst, yrva 
erhen, fäovr selber, käovta Kälbchen, lotwablötr Salbei, lelwr Silber. 

3. Tritt mhd. b im Dialekt in den Auslaut, so wird es zu f: 
slrf Scherbe, rlf Rübe, rTef Rippe, käf Kerbe, sdöf Stube, häuf Haube, 
fotf Salbe, dräf herrschaftlicher Diener. Gesindevorsteher (zu mhd. 


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.198 


(haben?); ebenso vor Flexions-t: sdieft stirbt, läft lebt, galäft gelebt, 
kläoft (ge)klaubt, kläeft (ge)klebt, gläeft (ge)glaubt. (Meinert schreibt 
auch in diesen Fällen v, z. B. Liv „Liebe“, derlaovt „erlaubt“). 

v 

wos bis zeigt im Anlaut w. wos of STen bis nach Schönau. 

4. Außerhalb der Flexion steht unter Verkürzung der mild. 
Nebensilbe p für b: heps hübsch, bopst Papst, häepla Köpfchen 
(mhd. hübesch, bähest, höubetlin). 

Zuweilen steht d für inlautendes b: ^dr aber, ädr-os Eberesche, 
waintraudl Weintraube. 

f>. mhd. mb im Inlaut wird zu m, auch wo es durch Wegfall 
des -e in den Auslaut tritt: kmnr Kummer, swem pl. Schwämme, 
kem Kämme, a tomr ein Dummer, temr dümmer, ein um, rem herum 
jedoch womp Bauch (mhp. wambe). 

mild. Inlauts-b ist ganz geschwunden in gän geben, blain 
bleiben, gablien geblieben. 

•I. Auslautendes b ist wie im Mittelhochdeutschen durch p ver¬ 
treten: laip Leib, waip Weib, gröp grob, gröp Grab, täop taub, läop 
Laub, räophnn Rebhuhn, köerp Korb, kolp ganz junges Kalb (kolf 
nicht mehr ganz junges Kalb, wohl fern. „Kalbe“, mhd. kalbe). In 
fätsdlf Pferdedieb ist f aus dem Inlaute flektierter Formen ein¬ 
gedrungen, vgl. bei Meinert z. B. S. *260 Waiv, Laiv „Weib, Leib“). 

b fällt all in n ab, rn herab (röfola herabfallen, rösdaij» herab¬ 
steigen). 


§ 33. mhd. p. 

1. mhd. p ist im Anlaut erhalten (plüga plagen, pemfl Pinsel, 
plompan plumpsen, mit dumpfem Aufschlag fallen, pöer Paar, etc.). 
Wo mhd. p neben b steht, stimmt der Dialekt mit der Schriftsprache 
übereiu: pltidn pleudern (mhd. blöderen, plöderen), prödija predigen, 
polstr Polster. 

mhd. pf (nh. pf) ist im Dialekt f: fafr Pfeffer, faife pfeifen, 
font Pfund, fät Pferd, tleja pflegen, fiel Kopfkissen, semfe schimpfen, 
fnüdn schnauben (mhd. pfnuten). 

mhd. sp in Anlaut ist sb: sbets Spitze, sbrena springen, sbletse 
spucken, sbnt spät (adv.); auch nach Vorsilben: gosbielt. gespielt. 

Inlautend wechseln sp und sb: faspr neben fasbr Vesper, hosp 
Haspe, roshln raspeln. 

*2. Inlautendes p (pp) (vgl. Wilmanns § ÖS) ist erhalten: raup 


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199 


Raupe, grap „Graupe“ = Hagel, p$pl Pappel, krlepl Kröppel. l^pan 
läppern, klQpon klappern. 

mhd. pf j m Inlaut und im Auslaut nach Vokalen erscheint in 
der Regel als p: hopo hüpfen, slepre<di schlüpfrig, snupo schnauben, 
keparn kupfern, sopo Schuppen, top Topf, tep Töpfe, klopo klopfen, 
sdopa stopfen, nepa einnicken, kropa Krapfen (kraplen pl. Pfannkuchen), 
tsopa Zapfen, füstopa pl. Fußstapfen, wütliop Wiedehopf, opl Apfel, 
templ Tümpel (mhd. tümpfel), plompen plumpsen, l'aur-ompr Sauer¬ 
ampfer. 

3. Im Auslaut nach Konsonanten erscheint pf unter dem Einfluß 
der Schriftsprache meist zu f entwickelt: kroraf Krampf, domf Dampf, 
komf Kampf, aber sdromp Strumpf (pl. sdrerap), fomp Sumpf. 

Im Gegensatz zum Schriftdeutschen bleibt auslautend mp (ahd. 
mb) erhalten (hier also keine Analogie nach dem Inlaut § 32, 5! 
So überhaupt im Gebirgsschlesischen und Glätzischen, vgl. v. Unwerth, 
§ 73): komp Kamm, tomp dumm, swomp Schwamm, slemp schlimm, 
krpmp krumm. 

p ist geschwunden in serts Schöps, ebenso in sukora Schubkarren 
(durch Assimilation), b steht für orthographisches p im Ortsnamen 
Böertsodef Partschendorf. 


§ 34. mhd. v, f. 

mlid. f (v) ist in allen Stellungen als stimmloser labiodentaler 
Reibelaut erhalten: f$tr Vater, fräo Frau, Herrin, räefo raufen, trafa 
treffen, sief Schiff, faef Seife, grof Graf. 

Wo es jedoch inlautend einem gei-manischen f entspricht, wird 
es zwischen Sonoren stimmhaft. Dabei bleibt es im allgemeinen 
labiodental: fern wo fünf, tswetwe zwölf, swäwl Schwefel, taiwl Teufel, 
käwr Käfer, hewle<*h höflich, slwr Schiefer, övo Ofen, ebenso im 
Lehnwort polwr Pulver. 

Verwechselung mit anderen Lauten zeigen holstr Halfter (offen¬ 
bar mit Holfter vermischt, vgl. Kluge „Holfter“), rypon geräuschvoll 
hantieren (mhd. raffeln). 

§ 35. mhd. w. 

1. mhd. w ist im Anlaut als labiodentaler Reibelaut erhalten: 
wö wo, wache wachen, woksa wachsen, waip Weib. 

mir, gewöhnlich mr, für „wir“ erscheint schon mhd. als Neben¬ 
form. 


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200 


mhd. w nach Konsonant erscheint auch in der Mundart labio¬ 
dental: Swastr Schwester, Swäwl Schwefel, swain Schwein, tswß tswü 
tsw? zwei (absolut tswlena tswüa tswij), tswlevl Zwiebel, tsweua 
zwingen, kwoek Quark. 

2. Im Inlaut klingt mhd. w bilabial, auch wo es spätmittelhoch¬ 
deutsch und Schriftdeutsch als b erscheint: nijerva pl. Narben, gyerva 
Garben, $f$erva abfärben, mlrvr mürber. 

Vor t in der Flexion und im Dialekt-Aus laut wird mhd. in¬ 
lautendes w zu f: farfit färbt, gaf^erft gefärbt, f$erf Farbe, n$erf 
Narbe, mirf mürb, gan$erft genarbt. 

m für w iu swolm Schwalbe und melm Milbe, (pl. swolma, 
melma) raelme<d? milbig (so auch im Glätzischen!) ist nach Pautsch, 
§118 durch Assimilation von w-t-n in den flektierten Formen ent¬ 
standen. 

3. Nach langen Vokalen und Diphthongen (ou, öu) ist mhd. w 
wie im Schriftdeutschen geschwunden: klö Klaue, häon hauen, säon 
schauen, traiunk Trauung (zu mhd. triuwen), sdr^ Streu, hair Häuer, 
Mäher, knaul Knäuel, nai neu, kain kauen, frain freuen, rün ruhen. 

In Übereinstimmung mit dem Schriftdeutschen fehlt w auch in 
ämlera schmieren; außerdem noch in den flektierten Formen von 
gäl gelb: pl. gäla. Assimilation ist in laimat Leinwand und laukart 
Langwiede eingetreten. 


3. Dentale. 

§ 36. mhd. d. 

1. mhd. d ist im allgemeinen im Anlaut und Inlaut als stimm¬ 
hafter alveolarer Verschlußlaut erhalten (d$ch Dach, donr Donner, 
dü du, denka denken, etc.). 

In Lehnwörtern erscheint im Anlaut oft t für d: tukyta Dukaten, 
tälia Dahlie, tistllrn destillieren, tesntern desertieren, tolln Doline, 
toplt doppelt, tüsl Dusel, tauvl Daube (mhd. düge), tauarn dauern. 
In tefa dürfen ist das t aus mhd. turren übertragen (vgl. § 37). 
Mit d fand ich datum Datum, dütsat Dutzend, derektr Direktor. 

Anlautendes d ist geschwunden in astr desto (genau so im 
Glätzischen, vgl. Pautsch, § 107), Beispiel für Lautabtrennung nach 
F. Vetter (Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizer- 
deutschen, Herrig’s Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen, 
Bd. CXXX 1913). Das Gegenteil findet bei dam „am“ beim Super- 


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201 


lativ statt, z. ß. dam miesta am meisten (Lautverwachsung, wie jene 
aus häufigem Zusammentreffen mit vorhergehendem dentalem Auslaut 
zu erklären). Auch in der Flexion des Artikels ist d geschwunden: 
e<£h h$r a kperp raem fläes frgasa ich habe den Korb mit dem 
Fleisch vergessen; eqh hnrJm f§tr gaf^ert ich habs dem Vater gesagt. 

2. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen steht d in ondr unter, 
hendr hinter, dropa draben, l'oldn sollten, kondn konnten, woldn 
wollten (einige der wenigen Präterita; das Präteritum wird meist 
durch die Formen von hon „haben“ und tön „tun“ umschrieben). 
Für dieselbe Erscheinung irn Glätzischen-vgl. Pautsch § 106. 

In polkrn poltern erscheint k (rahd. bollern, spätmhd. boldern). 
t für d findet sich auch in w$ta pl. Waden, sw$ta Schwaden. 

Im Inlaut fällt d gelegentlich nach Liquiden aus: wän werden, 
gawüarn geworden, öerntleöh ordentlich, seletfh schuldig. 

nd ist abweichend vom Schriftdeutschen auch in slenda schlingen, 
schlucken und grendl Grengel erhalten. In gline<£h glfihend (mhd. 
glüendec) und in on „und“ ist d geschwunden. 

4. Im Auslaut wird d stimmlos wie in der Bühnensprache (kent 
Kind, hont üund, etc.), natürlich auch, wo es erst im Dialekt in 
den Auslaut tritt (durch Wegfall von -e): ernt Ende (er = über¬ 
offenes e!), Sdunt Stunde, w(it Wade, nölt Nadel (mhd. nälde neben 
nädel); in fent findet, bent bindet, gabot gebadet, ijgatsent angezündet 
bei Verschmelzung mit dem Flexions-t von -et. überhaupt in ver¬ 
kürzten Formen (snat schneidet, lat leidet).' 

§ 37. mhd. t. 

1. mhd. t ist im allgemeinen in allen Stellungen, namentlich 
in der Gemination, als stimmloser alveolarer Verschlußlaut erhalten 
(tun tun, tüot tot, bäta beten, bieta bitten, betr bitter, haut Haut, etc.). 

Im Gegensatz zum Schriftdeutschen findet sich anlautendes t. 
auch in folgenden Wörtern erhalten (wie überhaupt gemeinschlesisch, 
vgl. v. Unwerth, §66): tqnkl dunkel, t<)m Damm, (tamla §25, la), 
tengjn deugeln, tötr Dotter, tomp dumm, tel Dille, tena düngen, 
ferner wie im Glätzischen (vgl. Pautsch, § 108) in töql^t Docht, traql> 
Drache, tröm Balken (tremlan), % darf, (terst darfst, tqrn neben 
tefa dürfen; zu mhd. tar, turren), dazu hier noch in te<^ta dichten. 

st wird im Anlaut Ad gesprochen: sdäen Stein, sdan Stern, sdien 
stehen; auch nach Vorsilben: gasdalt gestellt, zugerüstet. 


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202 


Im Inlaut und Auslaut bleibt st alveolar: hust Husten, host 
hast, fest fest, koste Kasten. 

Zu den schriftdeutschen Fällen mdh. tw > qu = kw (kwoek Quark, 
drkwär quer) tritt hier noch kweiia bezwingen, überwältigen. 

2. Nach 1 ist inlautendes t durch d vertreten (wie oft schon im 
Mittelhochdeutschen): xbatda spalten, fatda falten, hafda halten, soldr 
Schulter, eldn Eltern, getda gelten, golda gegolten. Die in diesem 
Falle gemeinschlesisch geltende Dehnung von a unter gleichzeitiger 
Assimilation des d (v. Unwerth § t>7, Pautsch § 109) tritt, hier nicht 
ein. 

Folgende Heispiele zeigen Verlust des t durch Assimilation 
bezw. Kürzung: hampri<ih Handwerk, hamtl Handvoll, hanska Hand¬ 
schuh, fransoft Freundschaft, tenk Tinte, käfamäk Kasematte. 

Die Verba auf d und t der ersten Klasse verhalten sich im part. 
praet. wie im Schriftdeutschen: gasdrieta gestritten, gasniete ge¬ 
schnitten, gamieda gemieden, nur analog dem letzteren galleda gelitten. 

rots Ratte (pl. rotsa) ist schon mhd. ratz(e). 

3. Die Wörter mit Stammauslaut -cht verlieren das t vor den¬ 
taler Flexionssilbe: dam laechste am leichtesten, dam läe<jhsta am 
seichtesten, lae^ljst leuchtest, laecht leuchtet, galaetjht geleuchtet 
(ae überall ganz kurz!). 

Stammauslauts-t verschmilzt mit dem Flexions-t: badat bedeutet, 
rat reitet, tot tatet, bit bittet, gabat gebetet. 

predig Predigt (mhd. bredige) und köri^h Kehricht sind gegen¬ 
über den schriftdeutschen Formen die ursprünglichen, moek Markt 
kann schon mhd. und les „ist“ bereits ahd. ohne t erscheinen. 
Ähnliche Bildungen wie kerieh zeigen auch Flurnamen, so sdekidl* 
Steckicht (vgl. Dickicht!), Oderwiese zwischen Kunewald und Seiten¬ 
dorf b. F., waide<£h Weidicht, Wiese zwischen K. und Hausdorf. 
Für nacket „nackt“ wurde nakeCji gebildet; hiräten ist zu haiarn 
heiraten verstümmelt. Bemerkenswert ist auch hie! halte (ganz kurz! 
hie! da gos halt den Mund! hie! dejem palänts halt dich im Gleich¬ 
gewicht! hieldrs behalt dirs!); vgl. schles. hilst hilt analog zu stilst 
stilt (schles. stäln-häln), Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft 
für Volkskunde, Heft 20 S. 37). 

4. Folgende Wörter zeigen unorganisches t (Wilmanns I § 152), 
eine rein physiologische Folge der Artikulation der voraufgehenden 
Spiranten: pulst Puls, übast Obst (mhd. obej), akst. Achse, wokst 
Wachs, löst Ferse (pl. tasda), tlonst Zerrmaul (mhd. flans), möst 


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Moos, ristl Rüssel, dosthotp deshalb, kaströl Kasserolle, Schmortiegel, 
ynst Anis, gesmäest „Geschmeiß“, Schimpfname besonders auf Ver¬ 
leumder, rjrtst Erz, femft Senf, fluchte fluchen (hier t im Inlaut 
nach Analogie des Auslauts!), bäedlit Pech, analog bechte pichen. 
Das bekannte Schimpfwort heißt jedoch ö$ Aas. 

§ 38 . mhd. s, z. 

2. Bezüglich des Unterschiedes zwischen stimmhaftem und stimm¬ 
losem Reihelaut gelten im allgemeinen im Dialekt dieselben Gesetze 
wie im Bühnendeutschen: f wird im Anlaut vor Vokalen und im 
Inlaut zwischen Sonoren (außer nach r) gesprochen (f$tl Sattel, (an 
sehen, föfnoeljt Fastnacht, kiefl Kiesel, läfe lesen, etc.), s stets im 
Auslaut und für mhd. 5 , 55 , ss (weis was, fös Faß, hftes heiß, häeso 
heißen, wosr Wasser, lesr Fässer, etc.) sowie in mhd. z und in nicht- 
sonoren Konsonantenverbindungen im In- und Auslaut — außer in¬ 
lautendem sp und nach r (tsitso saugen, koste Kasten, tlonst Zerrmaul, 
osp Espe, wokso wachsen, tsens Zins, mTest Mist, etc.). 

Die mhd. Verbindungen sl sm sn sw sp st werden im Anlaut 
wie im Bühnendeutschen mit Zischlaut (postalvaolar) gesprochen (wie 
mhd. nhd. sch = s): sl, sm, sn, sw, sb. sd. Also sl(>m Schlamm, 
slbn schlagen, smaiso schmeißen, smöl schmal, snyvl Schnabel, swemo 
schwimmen, sbets Spitze, sbrena springen, sdnl Stall, etc. 

sb erscheint auch im Inlaut (fasbr Vesper neben faspr, rosbln 
raspeln), aber nicht, wo es mit Auslautsstellung wechselt wie in 
wespo pl. Wespen zu wesp, auch nicht in träspa Trespe, ts^spl Zaspel. 

2. Die wichtigste Abweichung vom Bühnendeutschen (Siebs 
„Deutsche Bühnenaussprache“ § 17 A 5 ; § 1 <S, 2 ; § 11 ) A 2 ) ist in 
der eingangs aufgestellten Hauptregel bereits angedeutet: mhd. rs 
(rj) wird in der Mundart im Inlaut wie im Auslaut stets rs, vor 
Sonoren rf gesprochen; indes ist dies der gemeinschlesische Stand¬ 
punkt. Also andrs anders, erst erst (kurz!), %-s Vers, öers (oiers) 
Arsch. hierS Hirse, hirs Hirsch, merfl Mörser, le<Jh öfperlb 
sich stolz auf blähen, last Ferse, (pl. iasda), gast Gerste, duarst 
Durst, wuarst Wurst, smleri'lkucha Schmierseikuchen, ebenso in wirst 
wirst, werst wärst, werfe wäre sie, firfe für sie, im Genitiv (nopwrs 
hendla Nachbars Hündchen, waiwrslait Weibsleute) sowie in der 
Enklisis: gemrs gib mirs! nemdrs nimm dirs! 

3. s haben auch sonst zahlreiche Dialektausdrücke und Lehn¬ 
wörter: gräts Schritt, trotse schwatzen, grotsa pl. (unschöne) Hände, 


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Original fram 

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204 


trüsan = plfitsrn (stark) regnen, nütsln saugen, nesjn an den Haaren 
zerren, nuskarla Ferkel, hopats Hops, Sprung, sgäka spucken, sganits 
kleine Tüte, Papierbeutel, $foersJn vordreschen (vor dem Aufbinden 
der Garben, „anforscheln“), trötSr Hochzeitskuchen, STtserlan pl. Busch¬ 
birnen, lietsa tröern (Kinder) im Brusttuch tragen, hetSapets Hagebutten¬ 
marmelade, sllska pl. eine Art Knödel, Gänsenudeln, kats—kat$ (auch 
kätS) Lockruf für Enten, lüS Pfütze (pl. lüfa, dim. liflan), nüs Messer 
(pl. nüfa), gäS Gage, räs Wut, etc. etc. 

4. Besonderheiten: Mit s beginnende Nachsilben behandeln dieses 
wie im Anlaut, z. B. Sb$erfora sparsam. — In mäefl Meißel, klleflen 
Klößchen wird auch rahd. 5 stimmhaft gesprochen. — In frlfa frieren 
und frllfa verlieren hat sich im Gegensatz zum Schriftdeutschen das 
alte s erhalten. — Das Verbum lön lassen stößt das s aus: let läßt, 
löt laßt, galön gelassen (außer im Imperativ 1 . pl. lösmrs blain lassen 
wirs bleiben !). — Genetivisches s zeigen klaps leichter Schlag, sluks 
kleiner Schluck (partitiver Sinn!). — ts statt s erscheint in tsolört. 
Salat, tserlr Sellerie (mit überoftenem e!). 

4. Nasale. 

§ 39. mhd. m. 

1 . mhd. m ist überall erhalten (mal Mehl, smotsa küssen, 
närna nehmen, hemt Hemd, tröm Balken, etc.), auch im Auslaut der 
Wörter auf -ein häufiger als im Schriftdeutschen: ödm Atem, bödm 
Boden, bonsm Bansen, fodm Faden, bäfm Besen, büfm Busen, trydm 
Webabfälle, brödm Brodem. 

inda immer (nur so! indafort immerfort) gehört wohl nicht zu 
mhd. iemer, sondern iendert; zum Bedeutungsübergang vgl. die 
Beispiele mit inde bei Schönborn § 101 (s. S. 30). 

2. Auch im Artikel hat sich 111 besser als r und n erhalten, 
wie folgende Deklinationsproben zeigen: 

Sing. Mask. N. dar (da) fnk Sack, G. fom (fo dam) fr»k, I). 111 
(dam) fi)k, A. a (da) lok. 

Sing. Fern. N. da fon Pfanne, G. fo dar (da) Ion, D. dar (da) 
fon, A. da fon. 

Plur. N. da fek Säcke. G. fo a (da) fekn, D. a(da) fekn, A. da fek. 

Sing. Mask. N. a hont ein Hund. G. fo am hont, D. am hont, 
A. an hont. 


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Original frorn 

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205 


•* Sing. Fern. N. a m^ert eine Magd, Ö. fonar m^ert, D. anar 
m(>ert, A. a m$ert. 

Die betonten Formen des Artikels (da, dam) stellen den Gegen¬ 
stand als schon bekannt hin. Eine Genetivform gibt es nicht. Eine 
Dativendung -e erscheint nur ausnahmsweise, so bei einsilbigen 
Substantiven auf nd (m kenda dem Kinde, m honda dem Hunde). 


§ 40. mhd. n. 

1. n ist im An- und Inlaut erhalten (n^erl Nagel, näst Nest, 
ende finden, lüon Sohn, etc.) 

Anlantendes n ist in esl Nessel ausgefallen. Vgl. Natter — Otter; 
Nordschwaben > Ortschwaben, Ortschaft bei Bern (F. Vetter, Laut- 
- Verwachsung und L^utabtrennung im Schwei zerdeutschen, in Herrigs 
Archiv für das Studium der neueren Sprachen, Bd. CXXX, 1913). 

2. Im Inlaut atebt mitunter m für n (namentlich vor Labialen): 
femft Senf, hombuos Amboß (mhd. aneböj), fomft sanft, -kumft = 
kunft (anskumft Auskunft), laimat Leinwand, jomfr Jungfrau, femf 
fünf, femwa z. B. du konst me^h femwa etwa „du kannst mich gern 
haben, du bist mir gleichgültig“, ramftla (romtt) Ränftchen, hempl- 
bf;r Himbeere, peml'l Pinsel, hamfl Handvoll. 

Übergang zu m zeigen auch tsaum Zaun, Flaume (mhd. slünen) 
behagen, ylaum Alaun, gäraa gähnen. 

Vor Gutturalen gilt n > n wie in der Bühnensprache (Siebs „D. 
B.“ § 13 II). Ganz anders wie in dieser ist jedoch die Aussprache 
von ng (= 11 bezw. nk). ng im Inlaut = u: fena singen, fe» 
singt. Im Auslaut gilt nk (lauk lang, bank Bank), bei ausgefallenem 
-e nur n: lau lange Zeit, bau bange, ebenso im Imperativ: henf öf 
hängs auf! fei» amöl sing einmal! 

Inlautendes n.ist ausgefallen in äda Ernte, in fuftseQ} fünfzig, 
dröeh .= drnöi^h danach. Verschmelzung von Inlauts- und Auslauts- 
n ist bei den Wortformen auf -nen die Regel: «an scheinen, 
won wohnen, r.on regnen, bagan begegnen, met da &dan mit den 
Steinen, met dan bridn mit deinen Brüdern, met man Swastn mit 
meinen Schwestern (jedoch nicht bei Stämmen auf nn § 43, 1). 

3. Auslautendes n ist abgefallen: 

a) in mai, dai, läi in attributiver Stellung (mai f^tr mein Vater); 

b) in a (äe) ein, ka (käe) kein, »es eins, käes keins (amöl mal, 
äeraCd is käemöl einmal ist keinmal); 


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Original fro-m 

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2<x; 


c) in ai „in“, nai hinein, rai herein. $ an, dry dran, fo von, 
hendrdrai hinterdrein; 

d) in näe (inäe) neiu (ja — eia!); 

e) in dratsa dreizehn, foraftso fünfzehn etc*., fiepta siebente 
(fievata), dratsafo dreizehnte etc., taul'at tausend, dütsat Dutzend, 
övat Abend (tsövats abends); 

f) in unbetonten Silben, besonders in -ing und -ling: folta 
vollends, pöls polnisch (dar went kemt pöls der Wind kommt von 
Norden), h(*ri<£li Hering. sbQrlich Sperling, hlnli^li Pfifferling, fertig 
Säufer, seprleöh Schipperling; in nävr neben, wäjr wegen, gejr 
gegen ist n mit r vertauscht. 

no nun, mö Mohn, hust Husten, wäets Weizen sind schon mhd. 
ohne n. — Umgekehrt zeigt non nahe (nenr näher, ai dr nen in der 
Nähe) schon mhd. n. Ebenfalls mit n erscheinen enr eher und 
tsien Zehe (pl. tsiena; ie ganz kurz!). 

Die Endung -en lautet -a: sdäva sterben, läva leben, falde pl. 
Falten, riewa pl. Rippen, öva Ofen, öba oben, ofa offen. 

Euphonisch ist n .in drtsun dazu, tsünam zu ihm. bainr bei ihr. 

.5. Liquiden. 

§ 41. mhd. r. 

1. r ist im Kuhländischen häutig verkümmert. Als vollwertiges 
Zungenspitzen-r erscheint es im Anlaut, nach Konsonanten, in der 
Gemination und in den Vor- und Nachsilbeh er-, ver-, -er, auch 
nach langen Vokalen ira Auslaut, rots Ratte, rjon regnen, brüot 
Brot, trenka trinken, sukoro Schubkarren, gawer (Jewirr (das ver¬ 
streute Getreide), fanstr Fenster, sustr Schuster; tsu ktiir z. R. rena 
hin und her rennen, bär Bär, ber Beere, drfir dafür. 

Deutliches Zungenspitzen-r zeigt die Vorsilbe ver-: frgasa ver¬ 
gessen, frlifa verlieren, leqh frfraehta sich aufmachen, wegbegeben 
(„sich auf die Strümpfe machen“) sowie dr in Vertretung der Vor¬ 
silbe er-: drlaekst verschmachtet, drfrifa erfrieren, drbyerma er¬ 
barmen und in Vertretung von mhd. dar- der-: drfir dafür, drtsun 
dazu, drmlet damit, drfön davon, (betont dödrtsun, dödrmiet, dödr- 
fön), drhilem daheim, drhiena über, oben, drnöeh > dröclj danach, 
drwael derweil, drhendr dahinter, drnäva daneben, während der ton¬ 
lose Artikel mehr dr dar klingt (wenn auch allenfalls dr schreib¬ 
bar); betont lautet er dar. — zer- klingt tsu-: tsuresa zerrissen. 

2. r wird fast durchweg vor allen Konsonanten im Inlaut und 


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t -207 

Auslaut reduziert, meist unter gleichzeitiger Dehnung des Stamm¬ 
vokals: göerf Darbe, sworts schwarz, forna vorn, gehöert gehört, 
.gal^ert gelehrt, köert gekehrt, göersdeöh garstig, erst erst, göerte 
Garten, sböern sparen, snöei'dia schnarchen, büarn. blenla Brunnen, 
wüerf Sensenstiel, snTerdh Schwiegertochter, dyerf Dorf, sdörk Stärke, 
b\>erwas barfuß, drbyema erbarmen, t;rn Fußboden. 

Das r wird geradezu vokalisiert bei vorhergehendem I (Meinert 
ie!) und verschwindet ganz bei vorausgehendem a (außer vor Guttu¬ 
ral): sbietsa spucken (mhd. spirzen), wiewl Wirbel, sletsla Giebel¬ 
schutz, tTekl Edelstein, tlekltauf Turteltaube, blet Bürde, kieöh 
Kirche, bienla kleiner Brunnen, wiert Wirt, ftralern schmieren, kiers 
Kirsche, lieröli Lerche (überall deutliche Diphthongierung, wenn auch 
das r nicht mehr so völlig verdrängt scheint wie offenbar zur Zeit 
Meinerts, der durchweg Hiet „Hirt“, wied „wird“ u. s. w. schreibt); 
ferner hat Herd, änst Ernst, gfin gern, sdän Stern, wät wert, gast 
Gerste, sdäva sterben, 3dätsa Ptlugsterzen, äwas pl. Erbsen, kale 
Kerl, hats Herz; däda der, welcher, wäde wer (Relative); vor Guttu¬ 
ral bäek niedrige Anhöhe (aber berk Berg — so wenigstens mit¬ 
geteilt!), wäek Werg, kwäeglan pl. kleine runde Käse. Auch in 
uigl Orgel und guigl Gurgel schwindet r ganz. 

3. Die Reduktion bezw. Vokalisierung des r tritt natürlich 
auch vor der Endung -en > n ein: haltpän entbehren, rien rühren, 
firn führen, hijrn hören, lern lehren, sbien spüren. Insbesondere 
schwindet r gänzlich in kauan kauern, ferner in aifaian einsauern 
(mhd. siuren), dönan donnern (mhd. dunren). 

• In der Nominalendung -ern verschwindet r stets ganz: da andn 
die anderen, da swastn die Schwestern, da köman die Kammern, 
gestn gestern, östn Ostern, da ödn die Adern, da blötn die Blattern, 
hendn hintern (z. B. hendn bäom hinter den Baum). Vgl. folgende 
Deklinations proben: 

N. da kendr Kinder, G. fo (d)a kendn, D. (d)a kendn, A. da kendr. 

N. da swastn Schwestern, G. fo (d)a swastn,- D. (d)a swastn, 
A. da Swastn. 

In der Verbalendung -ern (-eren) erscheint r mindestens stark 
reduziert: khppan klappern, sn$tn schnattern (gasnytat), fitn füttern, 
jüman jammern, fe<^i fiedn sich beeilen, t$pan tapern, drheuan er¬ 
hungern, klätn (auch klädn) klettern. Dasselbe gilt vor der Endung 
-et: gefitrt gefüttert, drheuet erhungert. 

4. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen bleiben auch folgende 


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, 208 


Lokalbezeichnungen ohne r: dena drinnen, dausa da draußen, hausa 
hier draußen (in anderen Dörfern -hasa, dasa wie im Glätzischen, 
vgl. Pautsch § 94), dönda drunten, döva droben, dleva drüben (z. B. 
dleva hote<£hs on hieva hyre^hs frluirn drüben hatte ichs und hüben 
hab ichs verloren), herna hier drum (mhd. hier-umbe), dema da 
drum (mhd. därumbe). 

1 tritt für r ein in mattr Mörtel, bolwir Barbier. Umstellung 
des r hat dusdredh durstig. Unorganisches r haben Sdruta Stute 
und (meist nur alleinstehend oder am Satzende) die Partikeln etsr 
jetzt, dotjhr (deqlir) doch, okr nur (mhd. ocker, ockert) hat sein r 
aus dem Mittelhochdeutschen in der Enklisis bewahrt, in der Pro- 
klisis verloren, z. B. s lain ok tsäna (Proklisis) es sind nur zehn; 
aber .als „unmittelbare «Antwort auf die Frage: Wieviel sind es?: 
tsän okr (Enklisis) nur zehn. < 

5. Nach Diphthong im Dialekt wird das r silbisch: paur Bauer, 
fajr Feuer,^ faar sauer; maur Mauer; m-aur kann auch Maurer be¬ 
deuten und zeigt dann wie for Pfarrer Verschmelzung des Stamm-r 
mit der Endung -er. 

-dorf in Ortsnamen ist derf > def: Bänsdef Bärnsdorf; auch 
stets ebrderf Oberdorf, niedrdef Niederdorf. 

§ 42. mhd. 1. 

1. 1 ist im Kuhländischen im In- und Auslaut, namentlich aber 
als silbisches 1, vielfach velar entwickelt. Im Anlaut ist es alveolar 
(gewöhnliches Zungenspitzen-1), während die velare Bildung (in meiner 
Arbeit nur in den deutlichsten Fällen bezeichnet) in der Hauptsache 
die Stellung vor Konsonant, nach dunklen Vokalen und in der Gemi¬ 
nation betrifft. Ion Lunge, lävr Leber, Slön schlagen, loft Luft, 
potm Palme, pypJ Pappel, kwpt Quelle, snet schnell,: fotf Salbe, 
ädepl Kartoffeln („Erdäpfel“), t$dln tadeln, kätr Keller, kofp Kalb, 
käovte Kälbchen, aelwa und atw» elf, tswetf zwölf, halt bald, kwel 
Qual, lnnli<Jj) Pfifferling, epfpislen Äpfelscheibchen. Wie in käovto 
ist auch in fäovr „selber“ das velare 1 geradezu vokalisiert. 

2. Ausgefallen ist 1 in fäeja Felgen, fost sollst, feöha solche, 
und wohl auch in doswi „alswie“ mit epithetischem d (vgl. Pautsch 
§ 96 os = als; F. Blumenstock „Die Mundart von Klein-Allmer- 
spann 0. A. Gerabronn“, Diss. Tübingen 1911: § 109: aswi = „als, 
wie“ in Vergleichen). 


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209 


III. Die Betonung in Nebensilben und Zusammen¬ 
setzung. 

§ 43. Flexionssilben. 

1. -en > a nach Konsonanten außer einfachem r: bäte beten, 
kwela quälen, tyla schwatzen, fetsa sitzen, halde halten, tsaija zeigen, 
gise gießen, smaisa schmeißen, möla malen, öfsbera aufsperren, 
gähnen (Doppel-r!); bolka Balken, plur. tsaue Zangen, flosa Flaschen. 

-en > n nach Vokalen und nach r: blain bleiben, brin brennen, 
nen nähen, len säen, tsTn ziehen; da len die Seen, da wen Wehen, 
lqrn lehren und lernen, föern fahren, Abiern spüren, hqrn hören; 
plur. bqrn Beeren, paurn Bauern; im dat. plur. da hondn den 
Hunden, da fekn den Säcken, da rotsn den Ratten (vgl. § 39); ferner 
im Plural der Konjugation: mr wän, welan, fein, redn, lävn wir 
werden, wollen, sollen, reden, leben. 

Nach einfachem n im Stammauslaut wird -en meist mit diesem 
zusammengezogen: san scheinen, ran regnen, frdin verdienen, gran 
weinen, met man swan mit meinen Schweinen. Dagegen mit Doppel- 
n im Stamraauslaut: Sbona spannen, sbena spinnen, frdena verdünnen, 
gawena gewinnen, dat. plur. met kona mit Kannen. Aber auch mit 
einfachem n nach langem Vokal dena dehnen, mäena meinen. 

2. -ern > ern > an (n): sn§tn schnattern, plompan plumpsen, 
dumpt aufschlagen, fitn füttern, fernstn gien fenster(l)n gehen; als 
Nominalendung stets n: gestn gestern, hettsn hölzern (hettsnr 
hölzerner) met da andn kendn mit den anderen Kindern, of da defn 
auf den Dörfern. 

-ein > Jn: batjn betteln, saufjn pl. Schaufeln. 

3. -e ist abgefallen: 1. sg. ech ret ich rede, gis gieße, blöh 
biege, smais schmeiße, bät bete; kiech Kirche, tsan Zange, fon 
Pfanne, rek Rücken (rahd. rücke); plur. da rek Röcke, da körf 
Körbe, gabies Gebisse. 

In einigen Fällen ist jedoch -e erhalten: 

a) in manchen Partikeln und Adverbien: forna vorn, hema hier 
drum, dema da drum, eia (dial.) ja, ina freilich. 

b) bei den Zahlen von *2—1*2, wenn sie allein stehen: tswlena, 
tswüa zwei (§ 10, 1), femwa fünf, tsäna zehn, etc. und bei den 
Ordnungszahlen: der fievata der siebente, oqljta ochta etc. 

Mittfiluugeu <1. ScUles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 14 


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210 


c) beim Adjektiv in attributiver Stellung: a bleib kn eine böse 

Kuh, a toma tos ein dummes Frauenzimmer, pl. Siena mäedlan 
schöne Mädchen. - 

d) auch sonst vereinzelt: sdruta Stute, l'aula Säule, kala Kerl, 
fisa süß; in der Komposition kwletagäl quittegelb; neben yerm Arm 
nnd mönt Mond hört man auch dr oema (sg!), dr mönda. 

4. -et>t, oft mit auslautendem Dental eng verschmolzen: rat 
reitet, badat bedeutet, gabat gebetet, gabot gebadet, smast schmeißt, 
laecht leuchtet, galae<£ljt geleuchtet. 

5. -el > 1: tswlevt Zwiebel, uigl Orgel, sädl Schädel, mqrfl- 
Sdr.ompl „Mörserstempel“? (mhd. morselstein) Mörserstampfer. (Mit 
gdrnmpl Stempel wäre sdruta Stute zu vergleichen). 

-er > r: fanstr Fenster, akr Acker; menr Männer, kendr Kinder; 
grisr größer, klanr kleiner. Im Gegensatz zum Schriftdeutschen 
fehlt -er in bek Bäcker (mhd. becke neben becker). 

Für die Konjugation ergibt sich demnach folgendes Schema: 

e<£h bren ich bringe, du brenst, (h)ar brent, mr brenan, lr 
brent, fa brenan; e<Jli kont konnte, du kontst, (li)ar kynt, mr kondn, 
Ir kont, fa kondn; eoh tet täte, würde, du totst, (h)ar tet, mr tötn, 
Ir tot, fa tötn. 

Besondere Formen für das Präteritum kommen (namentlich bei 
starken Verben) selten vor, wie e<Jh hot ich hatte, wyer war, wolt 
wollte, folt sollte, kont konnte, lyert sagte, lotst setzte, k$m kam, 
töqiit taugte, tyt tat (vereinzelt auch toft durfte, gun ging). Noch 
seltener sind Formen für den Konjunktiv, der außer e<£lj het hätte, 
wyr wäre, kent könnte, körn käme, auch fett, feldn sollte, sollten mit 
tet umschrieben wird. Von den zahlreichen unregelmäßigen Präsens- 
bildungen sind eine Anzahl an verschiedenen Stellen der Arbeit 
erwähnt. 

§ 44. ge- beim Präteritum. 

ge- beim part. praet. lautet ga: gawuarn geworden, gasrleva 
geschrieben, gabllen geblieben, gafasa gesessen, etc. 

Das participium praeteriti bleibt im Kuhländischen häutig ohne 
Präfix, besonders vor gutturalem, zuweilen auch vor labialem Wurzel¬ 
anlaut: gän gegeben, gana gegangen, kuma gekommen, grefa ge¬ 
griffen, yfana angefangen, gösa (halblang!) gegossen, kwoua be¬ 
zwungen, bewältigt, käoft gekauft, knert „geknetet“ = getreten 
(z. B. e^Ji bien ai wos naiknert ich bin in was hineingetreten, e<£h 
hyrmr a füs frknert ich habe mir den Fuß vertreten), krocl^a ge- 


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21.1 


krochen, k(»ert gekehrt, kläoft geklaubt, kläeft geklebt, gläeft ge¬ 
glaubt, bröqljt (neben gabröcht) gebracht, kriölit gekriegt, klätrt 
geklettert, gase gegessen, tsuknelt zerknüllt, due<£hknelt durchge¬ 
prügelt, knurt geknurrt und geknarrt, grant geheult, gräntst gegrenzt, 
gase gegessen, kret gekräht, grist gegrüßt, kocht gekocht, öflokt ab- 
gepflückt, (q)klopt (an)geklopft, kost gekostet, knolt geknallt, kwelt 
gequält, ofknept aufgeknöpft, klone geklungen, guiglt gegurgelt, 
kokst gegackert, kukt geguckt, gryft gegraben (neben gr^ve). aus- 
gletSt ausgeglitten, kwetst gequetscht, kwTtst, kwätst gequietscht, 
geschrieen, öpakt angepackt, yketst abgekürzt, auskfitrt „ausgekatert“, 
verfärbt, verblichen, krädlt gestohlen (dial.) 

Dagegen lautet das schrifldeutsche „worden“ in Verbindung 
mit dem partic. praet. stets gawuarn, z. B. hait ies de hokst ofga- 
böta gawuarn heut ist „die Hochzeit“ (!) aufgeboten worden. 

§ 45. Vorsilben. 

Hier wie im folgenden Paragraphen werden nur die wichtigsten, 
vom SührifTtdeutschen abweichenden Prä- und Suffixe aufgeführt, 
ba- und ge- mehr wegen ihrer Wirkung auf den Wortsinn, 
be- > be-: benime versprechen, fe<£lj bedenke sorgfältig überlegen. 
ge>ge-: gerain reuen, gedonke Gutdünken (mhd. gedunc); ge- 
kläef Füllung beim Backhuhn („Geklebe“), gesnledr Schnupfen, 
geslijpr „Geschiapper“, Weibergescliwiitz, gesbints Fopperei und 
zahlreiche andere Dialektausdrücke r 
er- > dr: drgän ergeben, drfrlfe erfrieren, drböema erbarmen, 
ver > fr: frgase vergessen, lech frfra<^hte aufbrechen, sich wegbegeben, 
zer-> tsu: tsnslöern zerschlagen, tsuresa zerrissen, 
ent > halt (Meinert hat-): haftkqrn entgegen, hattfaue empfangen, 
haltnärae entnehmen, haltpän entbehren, 
ab- > 9 : $wekln abwickeln, <Jl$de abladen. 

an-> 9 : $f§er§jn = firdrase vordreschen („anforscheln“), $lqrn an- 
legen, §ian. ansehen. 

där- > dr: drfön davon, drnöqh danach, dnnlet damit. 

§ 46. Nachsilben. 

-ec > e <5h: tQrte^li fertig, fompedh sumpfig, dusdre<Jh durstig. 

-lieh > le<£h: \>erntle<^ ordentlich. 

-linc>lieh (letfli). Bildungen mit -li<£h = ling sind im Kuh¬ 
ländischen zahlreich. Sbqrleqlj Sperling, gr^rale^j verdrießlicher 

14 * 


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212 


Mensch, hinlich Pfifl’erling, snfitrlich Schwätzer, frtlewliöh „Ver- 
derbling“, Taugenichts,, slenkrliöh, wetsrliVJi Bezeichnungen für 
Perpendikel, vgl. § 49. 

-haft>hoft: n (»erhoff nahrhaft, bösthoft boshaft, wos snakrhoftijas- 
was Lustiges zum Lachen. 

-schaft > soft: fantsoft Feindschaft, wietsoft Wirtschaft. 

-sam > fom: sbyerfom sparsam. 

-rnuot^mat: yerraat Armut, wörmat, Wermut. 

-a*re?-r: waeöhtr Wächter. 

-isch (-nisch) > s: pöls polnisch, bems böhmisch. 

-heit, -keit =» häet, -käet: krankhäet Krankheit (kranket fallende 
Sucht!), daukböerkäet Dankbarkeit. 

-mat>mart: häemert Heimat. 

-lin > la, pl. -lan: häfla Häslein, pl. hüllen. Die Verwendung der 
Diminutiva ist im Kuhländischen sehr häufig. 

-inne>en (en): paireqhen Bäuerin, de Meksen die „Frau Miksch“. 

§ 47. Komposition. 

1. Meist Verkürzung des zweiten, unbetonten Gliedes: böerwes 
barfuß, jomfr Jungfrau, harntl Handvoll, hanske Handschuh, kppfl 
> kopl Kopfseil, Tragseil zum Karrenziehen, wolwl wohlfeil, hokst 
Hochzeit, yrtst Ortscheit, snTetle^h Schnittlauch, knöbledh Knoblauch, 
jöermat Jahrmarkt, löntidh Sonntag, möntidh Montag, densti<$h 
Dienstag, ebrdef Oberdorf, niedrdef Niederdorf, 1 ankert Langwied, 
firtse vierzehn, fomftse 15, raemvereöh Rainwegerich, etc. 

’l. Beide Glieder sind verkürzt in: frati<£i) Freitag, laimat Lein¬ 
wand, siemlkome schön willkommen! dratse dreizehn, ros dl Pferde¬ 
stall, kisdl Kuhstall. nokwr > nopwr > nppr Nachbar, rnofn-k<jrr 
Rauchfangkehrer, Schornsteinfeger. 

A. Wie im allgemeinen das Flexions-e im Kuhländischen verpönt 
ist, so ist auch das mhd. Verbindungs-e in der Komposition weniger 
vertreten. Ich hörte nur kwletogäl quittegelb mit Flexions-e, dagegen 
grysgriti für grasgrün (glätzisch gröfogrln). Dafür zeigt sich öfter 
genetivisches s (s): fätsdif Pferdedieb, monslait. Mannsleute, waiwrs- 
lait Weibsleute, esposläop Espenlaub, fätsbüf Pferdejunge, kentsfrüo 
Kindfrau, Wöchnerin, fatskraplan Pferdedünger, hontsluiwr „Hunde¬ 
lorbeer“ (beides launige Euphemismen!), pettsörmlsdik pelzärmel- 


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■dick, wandrspiukl „ Wanderspinkel“, Reiseböndel, holpsäet „Halbs- 
heit“, Hälfte. 

NB. Bemerkenswert ist die häufige Verbindung mit der Mehrzahl: kisdl 
Kuhstall, kietlo Kuhjunge, eigtl. Klihstall, Kühhirtlcin, kitsövr Kuhzober, etc. 

§ 48. Anlehnung. 

1. Eine Anzahl einsilbiger Wörter, namentlich Pronomina, zeigen 
verschiedene Quantität, je nachdem sie betont oder unbetont, gewisser¬ 
maßen schwach angelehnt gebraucht werden. Solche sind: wös — 
wos was, d^s — dos das, tedh — e<ih ich, mteeh — medh mich, 
dle<£h •— decli dich, Tem — etn :> am, ihm. sich, har — (h)a er, 
dar — da(r) der der, dän — da den. mTet — met mit, Tes - is ist, 
etc. — „ja“ lautet betont eia, angelehnt ja. 

2. Bei stärkerer Anlehnung pflegen namentlich der Artikel und 
die Personalpronomina sehr zu verkümmern: ech hör im fr»tr galoert 
ich habs dem Vater gasagt. wörtrn äo ai dr kieeh? Wart ihr 
denn auch in der Kirche? mr wändr an senil naigan wir werden 
dir einen Schemel hineingeben, da hon mr a top 011 da tlos tsu- 
§l<~>ern die haben mir den Topf und die Flasche zerschlagen, fa höt 
baina m$ert tönam tsaum gasdanda sie hat bei einer Magd an einem 
Zaun gestanden, hosdn ni gafän? Hast du ihn (denn) nicht ge¬ 
sehen? mr lönan a naia tTr naimaqha wir lassen ihnen eine neue 
Tür hineinmachen, dö wamram misa araöl sraiva da werden wir ihm 
einmal schreiben müssen, mr was ja ni, wis wätr wiet man weiß 
ja nicht, wies Wetter wird, ine dö wamrons frfrachta nun, da werden 
wir uns verfrachten (= aufbrechen, wieder gehen), wos hotrn dö? 
ina mö! Was habt ihr denn da? nun, Mohn! gemrs gosla. eöh gä 
drs wiedr gib mir (das Mündehen = ) einen Kuß, ich geh (dirs 
wieder =) dir auch einen! 

§ 49. Fremdwörter. 

]. Mehrsilbige Fremdwörter, namentlich lateinische und fran¬ 
zösische, erscheinen mehr oder weniger entstellt, z. B. perpatikl 
Perpendikel (auf gut altkuhländisch übrigens sehr treffend mit slenkar- 
letfh oder wetsarleijh bezeichnet!), pätsonkala Portiuncula, gasbenst- 
köert Korrespondenzkarte, sbiklirn spekulieren, telhtörn desertieren, 
kontra kujonieren, eksbens Dispens, tikürs Diskurs, lüparuatsiön 
Subordination, sdandobe auf der Stelle (staute pede), pahints Gleich¬ 
gewicht, smtfl Vorhemdehen. 


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•214 


2. Die infolge der tschechischen Umgebung ziemlich zahlreichen 
slavischen Lehnwörter sind im ganzen besser erhalten geblieben, wie 
pöwldl Pflaumenmus, lös Pffitze, nüs Messer, kas Hirse, katS — kat§ 
Lockruf für Enten, sllska Stopfnudeln, kleingeschnittene Klöße, kapas 
Tasche, plütsr Kürbis, tsTtsarlan Buschbirnen und wohl auch lietsa 
in hetsa tryern (Kinder) im Brusttuch tragen, taränt ungezogenes 
Kind, pownnk großblütige Gartenblume (vgl. tschechisch hejöka 
Schaukel von Leintuch, taranda Plaudertasche, povonny duftend). 

§ 50. Eigennamen. 

1. Stark vereinfacht erscheinen namentlich die Rufnamen: Dolf 
Adolf. Lex Alexander, Lois Aloysia, Tön Anton, Bfibrla Barbara, 
Böertlm,' Bartholomäus, Lls Lifla Elisabeth, Tina Ernestine, Nantla 
Ferdinand, Jier<£h Jüra Georg, Len Helene, Sef Beps Josef, Dit 
Judith, Lina Linka Karoline, Kät Katharina, Lön Magdalena, Myrta 
Martin, Mätes (Möts) Tes Matthias, Medhl Michael, Sinka Sin Rosina, 
Rfldl Rudolf, Sfil'i Susanna, Tres Theresia. Bemerkenswert ist Ans» 
Anna, vielleicht nach Analogie des Gebrauchs der Familiennamen, 
z. B. die Schmidtsehe, die Müllersche, vielleicht auch unter dem 
Einfluß des slavischen Deminutivs -us. 

2. Nicht so stark ist natürlich die Tendenz zur Kürzung bei 
den Familiennamen, von denen hier einige aus Kunewald genannt 
seien: Bläska ßlaschke, Bens Höhnisch, HäekaweMr Heikenwälder, 
Hlkl Hiickel, Klems Klemisch, Köflr Kosler, Mäk Maak, Monsbyert 
Mansbart, Meks Miksch, Mika Mücke, Rlepr Repper, Schrym Schramm. 

NB. Zur Unterscheidung gleichnamiger Familien erhalten diese 
Namen, oft besondere Zusätze, z. B. Sana-Goldas „Scheunen-Gold’s“ 
(weil ihr Besitztum bei der herrschaftlichen Scheune in Kunewald 
liegt), Bienbaom-Hfkls (weil vor deren Hause ein großer Birnbaum 
steht), KöflrrBäbas Kosler-Barwigs (weil ein früherer Besitzer dort 
Kosler hieß). Auch der Stammbaum wird umständlich mit dem 
Namen in Verbindung gebracht, wie Telska-Tönas Anla Teltschik- 
Antons Anna, Menstr-Hanfas-Dawits Sef Münster-Hansens (Großvater) 
Davids (Vater) Setf. 

J. Heimische Ortsnamen: Kümvalt Kunewald, Slen Schönau, 
Siel Sohle. Satndef Seitendorf, Byertsadet Partschendorf. Bänsdef 
Barnsdorf, Semftläva Senftleben. 


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Wortgeschichtliche Studien II. 

Von Dr. G. Schoppe in Breslau. 


Ablaut und »blauten: Kluge, Et. Wb. (1915) 3 b : ,von Jakob 
Grimm 1854 im DWB. zufrühst gebucht, und in seiner Grammatik 
1819 (*2. Autl. 1822 1, 10 geprägt). Grimm verzeichnet DWB. I, 69 
unter Ablaut: permutatio vocalium literarum, geregelter Übergang 
des vocals der wurzel in einen andern 1 ; und unter ablauten vermerkt 
er als Bedeutung auch nur ,den vocal der Wurzelsilbe wechseln 4 . 
Es war ihm also unbekannt, daß wir das Wort geraume Zeit früher 
haben. So lesen wir bei J. P. Zwengel 1568 Formular Buch 3b: 
,In bewegung des leibs sind warzunemen die theil der stimm 
(davon ab laut) sich darnach zu bewegen. 4 Ira Jahr 1673 er¬ 
schien in 4° zu Braunschweig ohne Namen ein Büchlein ,Horren- 
dum bellum Grammaticale Teutonum antiquissimorum 4 , das Schotte- 
lius verfaßt hat. Hier lesen wir auf Seite 42 f.: ,Die beiden 
übrigen Regimenter bestanden in lauter ungleichfliessenden*) 
Zeitwörtern, waren stärker dan die vorigen (sc. die aus gleich- 
fliessenden bestanden), und musten alle Dragoner werden, dan sie nicht 
wie die gleichtliessenden Zeitwörter, einerlei Ordnung und gleich- 
messigen Zug und March behielten, sondern bald lings, bald rechts, 
dan zu Pferd, dan zu Fuß, sich setzten, stellen und fechten 
kunten. Waren versuchte Leute, hatten zwei erfahrne Obristen, die 
hiessen: Fechten und halten, die zwantzig Dragoner-Haubtleute waren 
diese: Brechen, denken, fahren, fangen, linden, gelten, hauen, helfen, 
kennen, können, nehmen, rauften, reissen, reiten, schiessen, schlagen, 
stechen, treffen, wachsen, werfen: welche alle unter sich wakkere 

*) Die Ausdrücke gleichfließende und ungleichfließende Zeitwörter 
hat Schottelius der niederländischen Grammatikerspracbe entnommen. Gegen 
diese Verdeutschung von transitiv und intransitiv hat sich J. Grimm in der 
Vorrede zum 1. Bande des DWB. ebenso entschieden ausgesprochen, wie gegen 
die jetzt beliebte zielend und ziellos. 


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216 


Kriegs Kinder hatten, so willig folgten, und mit dem Tode den Ge¬ 
horsam enderten, wiewol ihre Ordnung und Nachmarch ungleich¬ 
förmig, und ihr Dragoner Trummeischlag ungleichfliessend und ab¬ 
lautend war‘: Seite 90: sonderlich dem Teutschen Pöbelvolke, sei 
das Maul so krum und voll geworden, und die Zunge und Lippen 
so scheef und knobbicht gewachsen, daß man so unartig, ablautend 
und übel sprechen und ausreden müssen 1 ; und Seite 85 finden wir 
ablautsam: ,Aber über zwantzig Jahren nach dieser Sprach Ver¬ 
giftung und misteutschen Wassertrinken, war diesen teutschen Wörter 
Rinderen der Hals, Maul, Zunge und Lippe gantz breit, misformig, 
ablautsam und unkennlich 4 . Schottelius ist also das ablautende, das 
ungleichmäßige, das unschöne. Aber wichtig bleibt es doch, daß 
er die ungleichfließenden Zeitwörter, also die starken, ablautende 
nennt. 

Sich ahmarachen. Vgl. Schmeller I, 1640; Sanders II 239* 
belegt das Wort aus Voß und Zs. f. d. W. 13, 306 aus Joh. Gott¬ 
werth Müller; Paul im WB. bringt einen Beleg aus Immermann; aus 
Ostpreußen belegt vonE.Lemke, Volkstümliches ausOstpreußenl57; auch 
bei K. Sallmann (Reval 1880) Beiträge zur deutschen Ma. in Estland 48. 
Früher als diese Belege ist eine Stelle bei Zinzendorf. 1748 In den 
Reden über die Augsburgische Konfession Seite 174 spricht er von 
dem Stimulus des Todes, der die Hütte abmarachet, bis sie da liegt. 
Ich füge noch bei aus dem von Vahlen (1892) herausgegebenen 
Briefen Lachmanns an Moritz Haupt aus dem Jahre 1*44 eine Stelle 
Seite 132: ,Letzte Woche war ich wie ein Gaul ahmarecht. In 
der Vorrede XII erwähnt der Herausgeber, daß Weinhohl ihm das 
Wort gedeutet habe. Die Ableitung ist ohne weiteres klar. 

Abweichung. Nach Piur (Halle 1903) »Studien zur Sprachlichen 
Würdigung Christian Wolfs 39. 93, wäre das Wort von der Ab¬ 
weichung der Magnetnadel zuerst bei diesem zu belegen; er beruft 
sich auf Stieler, dem dieser Gebrauch noch unbekannt ist. Diese 
Behauptung Piurs bedarf, wie so manche andere in dem Büchlein, 
der Berichtigung. Bei I). Specker 15X9 Architectura 5* heißt es: ,So 
merck fleißig wenn der schatten vom Stylo, so inn der mitten stehet 
eim Circkelriß eben gleich kompt im Abweichen, so mach ein fleißiges 
Püntlin dahin 4 ; und ibid. ,wie viel Gradus und Minuten das Züngle 
(des Kompasses) von Mittag abweiche 4 . Der Ausdruck, die Ab¬ 
weichung des Magnets 4 steht bei H. Röslin 1610 Mitternächtige 
Reisen 68. Noch andere Belege sind: E. Weigel 1665 Erd-Spiegel 


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217 


70: ,daselbst der Magnet auch nichts merkliches abweichen soll 4 : 
und S. 78: ,Abweichung des Magnet-Züngleins 4 ; und Chr. A. 
Knorr v. Rosenroth 1680 Pseudoxia Epidemica 467.: ,es ist eine 
Abweichung der Magnet-Nadel gegen die Ost- und West-Seite von 
der wahrhaften Mittags-Linie 4 . — Ich möchte mir die Frage erlauben: 
Wann werden wir endlich einmal dahin kommen, daß wir die Wörter¬ 
bücher nicht als absolut sichere und untrügliche Zeugen anrufen, sondern 
nur als Kontrolle benützen bei der eigenen Durcharbeitung gleichzeitiger 
Schriftsteller? Denn es ist doch schon hervorgehoben worden, daß 
bei Schottelius, Stieler usw. sich Lücken finden, und sie naturgemäß 
auch nachhinken müssen. Tut das etwa das I)WB. nicht, und finden 
sich hier keine Lücken? So fehlt z. B. unter abweichen und Ab¬ 
weichung die hier behandelte Bedeutung. 

Affenschande. Im Jahre 1819 scheint das Wort noch nicht 
bekannt gewesen zu sein; sonst hätte es Vilmar wohl gebraucht. 
In einer bei Hopf I, 78 abgedruckten Briefstelle sagt er: „wo sich 
über 120 Gießener und — o Afterschande! nur 40—50 Marburger 
einfanden 4 . Man könnte freilich auch daran denken, daß Vilmar, 
der bei dem Wort Affenschande an den Affengreuel erinnert wurde, 
absichtlich hier eine Umbiegung vorgenommen hat. Vgl. noch 
Gombert, Zs. f. d. W. 8* 122. So dürfte der bis jetzt frühste 
literarische Beleg folgende Äußerung Jahns aus dem Jahre 1881 sein, 
Briefe 329: ,Auch gehört Belgien, wenn es sich von Holland trennt, 
wieder zu Deutschland, und seine Festungen sind als deutsche Bundes- 
festungen zu besetzen, wenn sich nicht die neue Affenschande blau, 
rot, weiß darin einnisten soll. Diese Dreifarbe ist eine Heraus¬ 
forderung von ganz Europa von Lissabon bis Moskau 4 . Man vergleiche 
auch noch folgende Stelle Ludwig Feuerbachs (3 II. 1835) an Christian 
Rapp bei Bolin I, 252: ,Bei uns ist allein, wenigstens auf unsern 
Universitäten, die Affenschande noch in Activität 4 . Der Ausdruck 
wird dann bald geläufiger cf. Zs. f. d. W. 4, 310; Sanders, WB. III, 
889 c ; Sanders 1852 Das deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm 
Grimm I, 23, wo er das Fehlen des Wortes im DWB. tadelt; Sanders 
mochte der Ausdruck auch aus dem Plattdeutschen bekannt sein: es 
verwendet ihn z. B. John Brinckmann, Kasper-Ohm un ick 11 (Hesse, 
Band 2) und öfter. 

Anhiedeni. Zu dem Mitt. XVIII, 75 beigebrachten Nachweis sei 
noch nachgetragen aus Fr. v. Raumer(1816) LebenserinnerungenII, 21: 
Daß er (Canova) aber zwei Ringer auf den Vatikan setzen ließ, ist eine 


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218 


die Kritik übermäßig reizende Thorheit.- Nicht als wenn dort nicht 
hundert schlechtere Bildsäulen ständen, sondern weil er der einzige 
Neuere ist, (1er sich dort anbiedert.‘ 

Anheimeln. Das von Kluge 1912, Wortforschung und Wortge- 
schichte 76f. behandelte Wort (vgl. auch Kluge bei Pfaff 1906, Volks¬ 
kunde im Breisgau 151) erscheint 1815 bei C. Graß, Sizilische Reise 
II, 94 in Klammern, wodurch doch wohl angezeigt werden soll, daß 
es schweizerisch und nicht schriftsprachlich ist: .Ich nahte einem stillen 
Thal, das etwasso Heiteres, Friedliches (Anheimelndes) hatte, wie in 
der Schweiz das Haslithal den Wanderer anspricht 4 . In etwas un¬ 
gewöhnlicher Wendung haben wir es denn 1820 bei Vilmar: ,Meine 
Ze?t ist sehr beschränkt, da ich für jetzt nur strebe, mich so viel 
als möglich ein-und anzuheimeln-. Vgl. Hopf, August Vilmar, ein 
Lebens- und Zeitbild I, 90. Das hier gebrauchte Wort einheimeln, 
von dem das DWß. nichts weiß, verwendet nach F. J. Schneider 
1911 Theodor Gottlieb Hippel 12 dieser Schriftsteller: ,die „ein¬ 
heimelnde Simplizität“ ihres Witwensitzes blieb ihm in Erinnerung 4 . 
In den fraglichen Stellen konnte ich aber diesen Ausdruck nicht finden. 

Animos. Von Schulz wird animos im Fremdwörterbuch über¬ 
gangen. Animosität aber erst von dem Jahrp 1802 ab belegt. So mögen 
hier einige Nachträge stehen. ,Haben denn Ew. Wohl-Ehrwiirden 
damals, als sie ihre animosische Feder wider mich spitzeten, an den 
gewissenhafften Radt des frommen Justins gedacht? 4 H. B. Schuftes 
1790. Wohlmeynende Erinnerung 6; vgl. 18: ,und läßt sein animöses 
Gemüthe Wirken 4 ; Zinzendorf 1746 Natflrl. Reflexionen 201: ,so 
war der Syndicus in seinen Ausdrücken so rund, so aniraos, und 
ging so direct wider den Mann an 4 . 

Animosität (vgl. Schulz, Fremdwörterbuch) ist mir zuerst bei 
E. G. Happel 1692 Historia modernae Europae 36* begegnet: ,darauß 
die Animosität deß einen Theils gegen das andere gnugsam er¬ 
hellet 4 ; dann bei Jo. W. Petersen ungefähr 1718: ,Sie würden sich 
solcher Animosität gewiß nicht angenommen haben, wenn sie nicht 
gedacht hätten 4 . Kurtze Abfertigung 16. Gar nicht selten finden 
wir das Wort bei Zinzendorf. ,daß die alte Animosität gegen alle 
diejenige, welche das wahre Gute suchen, noch immer währet 4 1734 
Bedencken 47; 1735 Aufsatz von Christlichen Gesprächen 4: ,wenn 

man ihm (sc. dem Wort Sekte) die unfehlbare Idee einer Trennung, 
Ausschlüssung anderer, und eine nothwendige Animosität und Ver¬ 
folgungs-Geist gegen die Widriggesinnten andichten will 4 ; 1740 


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219 

kleine Schriften 477: .als hier ein unpartheyischer Kirchen-Historicus 
mit einiger Animosität etalirt 4 ; 1746 Natürl. Reflexionen: ,die generale 
Widrigkeit, die damals gegen die Separation gewesen, die hat sieh 
verloren, seitdem die Animosität gegen die Gemeine allgemein worden 
ist 4 ; vgl. auch 1747 Wunderlitaney 274. Noch einige Beispiele aus 
anderen Schriftstellern mögen folgen: Joh. Paul Weise 1747 Un¬ 
gezwungene Heimleuchtung 2: .und hierauf (sc. die Querellen) bis 
jetzo in einer Animosität fortgesetzet, die niemand hinter ihm ge¬ 
sucht hätte 1 . H. Förster 1784 an Sömmering, Briefwechsel 125: 
,Von aller Animosität ist man hier weit entfernt, so sehr auch in 
Berlin gesetzt wird*; Doro Caro 1797 Novellen I, IV: ,so erscheint 
in jeder Messe ein Bändchen, bei dessen Abfassung ich die Warnungen 
einer ohnejAnimosität geschriebene Critik sorgfältig benuzen werde 4 ; 
und zum Schluß J. Fr. Rebmann 1793 Briete über Jena XXIII: 

,Animosität und Leidenschaft gegen Jena kann dem Verfasser gewiß 
nicht Schuld gegeben werden 4 . 

Annektieren, vgl. Ladendorf 6. Lothar Bücher 1862 Bilder 
aus der Fremde I, 374 Anm. berichtet: ,Dieser zartere Ausdruck 
(sc. annexieren für Aneignung fremden Gutes) ist, soviel ich weiß, 
zuerst von den Yankees gebraucht worden, als sie sich Texas nahmen, 
und daher in der englischen Form to annex in die europäische 
Zeitungssprache übergegangen. Seit der obige Artikel geschrieben 
(d. h. 1855). haben die Deutschen mit gewohnter Gründlichkeit be¬ 
wiesen, daß man von L. Napoleon nicht sagen müsse: erannexirt, 
sondern: er annectirt — was ihm ziemlich gleichgültig sein wird, 
wenn die Deutschen ihn nur nicht hindern zu nehmen, was er haben 
will*. Nach dieser Angabe wäre 1845 als Geburtsjahr des Aus¬ 
druckes festgestellt. Man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß 
Treitschke diese Äußerung Lothar Buchers gekannt hat und sein bei 
Ladendorf abgedrucktes Urteil hierauf zurückgeht. 

Beeinträchtigen. Weigand-Hirt nennt als ältesten Beleg 
Schottelius 1641: Frisch 1741 bezeichnet das Wort als Juristen- 
compositum, Adelung 1793 hält er für einen Oberdeutschen Juristen 
ausdruck, während es Heynaz 1796 empfiehlt. Im DWB. wird uns f 
ein Beleg aus Wieland beigebracht. Gottsched kennt das Verbum 
nicht, wohl aber das Substantivum, vgl. Reichel, s. v. Mir ist das 
Wort noch begegnet 1605 Beschreibung des Rheinstromes 365: ,und 
Handelsschaflt keineswegs turbiret oder beeinträchtiget werden 4 - 
Beeinträchtigung haben wir dann noch 1683 Das verwirrete König- 


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220 


) 


reich Ungarn 275: ,Zugleich aber auch die Beeinträchtigung der 
Evangelischen Freiheit ihren Anfang genommen habe 1 : 1 <>84 .Jesuiter 
Rahts-Stube 78: ,Beeinträchtigung ihrer Privilegien und Freiheiten 1 . 
Zinzendorf verwendet des öfteren beide Worte: ,So kan auch nicht 
alle Beeinträchtigung der guten Sache von einem weisen Fürsten 
geandet werden*. 1734 Bedenken und besondere Sendschreiben 19; 
,der Vater will, daß eine Seele nicht den allergeringsten Schaden 
habe, daß nicht das mindeste abgehe, daß sie sich über einige Be¬ 
einträchtigung nicht zu beschweren habe 1 . 1749 Gemein-Reden 
305; ,darum ohne alle Beeinträchtigung, Despotismum und 

Tyranney bleibt* 1748 Londoner Reden 124; ,und was Jesus denen 
Jüngern überhaupt sagt, sie sollen den Beeinträchtigungen nie 
widerstehen, Matth. 5, 39, das wird wohl mehr gelten, wann 
der unsere Obrigkeit ist der uns beeinträchtiget*. 1741 Jere¬ 
mias 96. Wegen des Gebrauches dieses Wortes an dieser Stelle wird 
der Graf hart gescholten von Job. dir. Adami 1747 Jeremias 71: 
,Ich will nur noch anbringen, daß der Herr Verfasser auf dem 
96. Bl die Stelle aus Matth. 5, 39 sehr undeutlich übersetzt, da das 
Wort xot’7]QÖg, durch Beeinträchtigungen gegeben. Ob es aber 
die böhmisch- und mährischen Bauern verstehen werden, glaube ich 
nicht. Beeinträchtigung und Übel ist ja nimmer mehr ein Wort, 

und warum wird es dann in der Übersetzung des hernhuthischeu 

\ 

neuen Testaments durch Boßheit gegeben Bl. 10, wenn es Beein¬ 
trächtigung heißen soll? - 

Bergfex. Ladendorf im Schlagwortwörterbuch belegt das Wort 
nach Sanders vom Jahre 1880. Früher taucht das Wort auf bei 
J. Nordmann, Meine Sonntage. Ich kenne nur die zweite Auflage 
vom Jahre 1880. Dort lesen wir auf Seite 315 in einem Artikel 
aus dem Dez. 1872: ,Ks ist in der jüngsten Zeit Mode unter den 
Bergfexen geworden, Höhenpunkte selbst dann, wenn voraussichtlich 
nicht die beschränkteste Fernsicht zu gewinnen ist, und nur deshalb 
um oben gewesen zu sein, zu erklimmen*. — 

Auf Seite 18 schreibt Nordmann in einem Aufsatz vom 22. V. 1864: 
,Von Dr. Genczig stammt auch die genaue Spezificirung der Touristen 
die er nämlich in „Sternfexe“ oder Mineralogen, in „Gras- und 
Heufexe“ oder Botaniker,.welche beiden er als sehr gefährliche be- 
zeichnete, weil sie die Felsen zum Absturz bringen und die Alpen¬ 
wiesen zertreten, und in die ungefährlichen „Aussichtfexe“ ein- 
theilte. in welche letztere er etwas unberechtigt auch die Landschafts- 


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maler und Schwärmer für Sennerinnen subsumirte*; Seite 214 (29. Juni 
18t>7): ,und verlege mich, vom Aufsteigen ermüdet, auf die Aus- 
sichtsfeierei ; ; Seite 98 gebraucht er das Wort Theaterfex. 

Blasiert. Schulz im Fremdwörterbuch gibt Belege aus dem 
Anfang des 19. Jahrhunderts. Dazu vergleiche man: ,Wenn ihr 
doch wüßtet, welch ein Compliment. ihr mir macht, ihr blasirten 
Geschöpfe, die ihr gar keiner Zeit, euch zu entsinnen wißt, wo ihr 
noch neu wäret 1 . Fr. Bouterwek. 1793 Graf Donamar III, 72. 

Boudieren, so ist Zs. f. d. W. XV, 179 statt des verlesenen 
bondieren zu verbesern. Dieses Wort läßt sich auch anderweitig 
belegen. So schreibt F. L. Stolberg 1784 an Voß, Briefe 114: 
Neulich hat Boie in einem Briefe an Luise geklagt, ich bou- 
dirte ihn, das ist sein Ausdruck (in einem Briefe an meine 
Schwägerin) 4 ; und Wilhelm von Humboldt 1819 an seine Ge¬ 
mahlin: .Dann mußte ich mich auch damals sehr hüten, daß ich 
nicht zu boudieren schiene, nicht Bernstorffs Platz zu haben 4 . Brief¬ 
wechsel VI, 437; und bei Pfickler-Muskau 1840 Südöstl. -Bildersaal I, 
80 heißt es: ,In einer solchen Lage wird sogar das Boudiren (auf 
deutsch glaube ich „Schmollen“ genannt, drückt die Sache aber 
nicht ganz so gut aus), welches eigenmächtige Herren keinen Augen¬ 
blick vertragen, am Platze sein*; und III, 499: ,Er aber warf sich, 
wie gekränkt, und boudirend wegen meiner harten Worte, in die 
tiefere Fluth*. 

Briese. Kluge bringt als ältesten Beleg für das Wort in der 
Seemannsprache ein Zitat aus dem Jahre 1726. Mir ist das Wort 
mehr als 100 Jahre früher begegnet, und zwar gleich sehr häufig 
bei J. de Acosta 1605 America; wir finden hier Seite 58: ,Eins ist, 
daß in der Region oder Gewest Ostwind herrschen, die sie Brysen 
nennen 4 ; .daß ihnen nimmermehr an Brysen mangelt 4 ; ,da finden 
sich alsobald die Brysen 4 . a. a. 0., Seite 59: ,dann man lind all- 
weg bey der Linea Vorwinde, welches sind die Wind Brysen*, 60: 
,was wir mit dem Namen Brysas und Vendanalen andeuten wollen*; 
65: ,Unter denen (Winden) so sie Brysen nennen, begreifen sie alle 
die, welche von Orient oder Ost her blasen*; ähnlich 62: ,daß der¬ 
selben Seiten Winde unnd rechte Orienten oder Ostwinde die sind, 
so gemeinlich in der Torrida blasen, und Brysen genennet werden 4 , 
auf Seite 86 werden aber die Nordwinde einmal Brisen genannt: ,an 
denen Orten, da- die Brysen oder Nordwinde hinwehen 4 , und 
bei D. Dapper 1673 America 442 b ; ,wann sie (die Sonne) aber von 


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222 


Mitternacht nach dem Mittag zu lauffet. dann wehen die schärften 
Ostwinde Brises des Morgens um die siebente Stunde'. Das Wort 
wird aus dem Spanischen entlehnt sein, wo brisa frischer Nord¬ 
ostwind heißt. Mever-Lübke, Romanisches etymologisches Wörter¬ 
buch 95* vermutet, man müßte vielleicht von dem engl, breeze 
ausgehen. Vielleicht wäre dann ein Zusammenhang mit ndl. bruisen 
nhd. brausen anzunehmen. Ich denke hierüber bald näheres bei- 
bringen zu können. 

Creme der Gesellschaft, vgl. Ladendorf, Schlagwörterbuch 
45fg. Hinzuweisen wären auf die Denkwürdigkeiten der Caroline 
Pichlerl, 322: ,Die Versammlung war sehr glänzend; es war die 
Creme de la Sociote, obwohl sie damals noch nicht so genannt 
wurde. Gemeint ist der Fasching vom Jahre 1808, als die Frau 
von Stael in Wien war. Geschrieben sind diese Worte im Jahre 
1836, wie die Pichler 332 selbst sagt. Pückler-Muskau 1835 Semilasso 
in Europall, 12 spricht von der Creme der aristokratischen 
Nuance der Gesellschaft'; Creme de la Noblesse lesen wir 
bei W. v. Rahden 1847 Wanderungen II, 78 und B. Weber. Charakter¬ 
bilder 324 spricht von der Creme deutschen Volkstums, wie er 
die Abgeordneten der Paulkirche nennt: E. Förster 1853 Ge¬ 
dichte 169: 

,Frei sind wir und oben auf als die Reiches Creme, 

Unsere Devise bleibt: Königtum Quand memo! . 

H. Püttmann, Soziale Gedichte 153: 

,Und dann (schaut) die Majestät von Niederland; 

Den Bürgerfreundlichen von ehedem, 

Und viele der Geschichte unbekannt, 

Obwohl der deutschen Adelsstämme Creme*. 

L. Kalisch 1845 Schlagschatten 85: ,die Creme der haute volee*. 

Dank. A. Götze hat Zs. f. d. W. XII, 206 zuletzt über die 
bekannte Lutherstelle ,und kein danck dazu haben* gehandelt, und 
mit Recht gegen Leitzmann hervorgehoben, daß an der Deutung 
Dank = gratia festgehalten werden müsse. Ich möchte hier auf eine 
bisher übersehene nicht lutherische Stelle aus J. Andree 1567 Er¬ 
innerung 31 hinweisen: ,da sie dann ihr schlemmen und prassen, 
fressen und sauffen werden lassen müssen, und dennoch kein danck 
darzn haben. Deine Weib, spricht er, wfirdt in der Statt zur 
Huren werden, deine Sön und Töchter sollen durchs Schwert fallen, 
du aber solt in einem unreinen Land sterben und Israel soll aus seinem 


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Land vertriben werden*. Der Sinn ist doch hier: Ihr Fressen und 
Sauten werden sie lassen, aber es wird ihnen nichts nützen sie werden 
dazu keinen Dank haben, denn außerden werden iltre Weiber zu Huren 
werden (Arnos 7, 17). Angeschlossen sei noch ein Beleg aus demTheatr. 
Diabol. II, 227 b aus .T. Schütz, Sacrament teuffei: ,jr letsterer ir 
müsset mir Christum nicht unter gott, sondern neben gott, auch 
nicht an die linke, sondern an die rechte seite setzen, und keinen 
dnnck darzu haben*. Für die Bedeutung Dank = ,Wollen* könnten 
reichere Belege als bisher beigebracht werden, aber wort- und sprach- 
geschichtlich ist aus ihnen nichts zu lernen. Deshalb unterbleibt 
hier ein Abdruck [vgl. 0. Brenner 1917, in den Lutherstudien 72 fg.] 

Demagogische Umtriebe. Jahn schreibt Anfang September 
IS 19 (Briefe 140) an den König: .Auf bloßen Verdacht wegen Teil¬ 
nahme an heimlichen Umtrieben bin ich auf die Festung gesetzt 
worden*; aber am 27. September 1819 auf Seite 165 lesen wir: .Ich 
weiß nichts von demagogischen Umtrieben, verstehe nicht einmal 
den Ausdruck, und weiß sogar nicht, welche sprachliche Falsch¬ 
münzerei diese Neuerung geprägt hat*. Wir werden also nicht fehl 
gehen, wenn wir annehmen, daß im September 1819 der unglückliche 
Ansdruck zuerst gebraucht wordeu ist, vermutlich von der Unter¬ 
suchungskommission. Bald bildet Jahn nun Umtriebsriecher u. a. 
S. 241; Umtriebshetze 266; Umtriebshände 270; Umtriebs¬ 
jäger 271; Umtrieber 203; umtriebern 297; Zauberum¬ 
triebe 248. 

Dunstkreis. Gombert, Programm 1908 S. 7 weist das Wort 
als Übersetzung von Atmosphäre im Anfänge des 18. Jahrhunderts 
bei Scheuchzer nach und nimmt an, daß von diesem, also von der 
Schweiz, her sich das Wort verbreitet habe. Das ist ein Irrtum. 
Denn bei E. Francisci 1676 Das eröffnete Lust-Haus 52 steht: ,Durch 
sie (sc. die griechischen Philosophen) wissen wir, daß jedwede 
Himmelkskugel, mit jhren Atmosphaeris, oder lufftigen Dunst- 
Kreisen umgeben. Wie man dieses Wort Atmosphaera aufs deutlichste 
zu Teutsch geben möchte*. Vgl. auch S. 19: ,Haben nicht die 
Planeten ihre atmosphaeras oder Dunst-Kreise?* Aber früher ver¬ 
wendet E. Weigel das Wort ohne das Fremdwort daneben zu stellen, 
so daß er also glauben mußte, so verstanden zu werden. Er sagt 
1661 Himmels-Spiegel B s a : ,wie solche Erdkugel rings umher mit 
Lufft urabgeben, das ist mit einem Dunst-Creiß*; und B s b : ,Bei 


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2‘24 


diesem Dunst Creiß ist dieses wohl zu betrachten würdig, daß er 
zwar gantz durchsichtig ist*. 

Energie. Gorabert 1908 Beiträge zur deutschen Wortgeschichte 
lOverzeichnet Belege von 1777 an: Ihm schließen sich Schulz im Fremd¬ 
wörterbuch und Kluge, EWB an. So werden frühere Nachweise für das 
Wort nicht unwillkommen sein. ,Es sind etliche Frantzösische und Latei¬ 
nische Wörter (woran dem gemeinen Mann wenig gelegen) in ihrer 
Sprache um der mehreren Energie willen gelassen worden, die man sich 
(zurNoth) von einem guten Freund kann erklären lassen 4 . Zinzendorf 
173*2 Der teutsche Sokrates 301; Büdingesche Sammlung (1741) I, 
654: das eintzige, was ich (d. i. Zinzendorf) noch gegen sie habe, 
ist dieses, daß sie nicht aus der Fülle ihres Hertzens, aus der ge¬ 
nauen Erkänntniß von meiner Armuth und Nichtigkeit, von meinem 
Elende, mit aller Freymüthigkeit, Deutlichkeit und Energie, allen 
uusern Gemeinen klar machen, daß ich ein Arbeiter bin, auf den 
keine Reflexion mehr zu machen ist*; A. G. Spangenberg 1752 
Apologetische Schluß-Schrift I, 193: ,die occidentalischen Sprachen 
aber sind durch ihre Netigkeit von aller Energie entblösset, und so 
trocken, daß er anbrennen möchte; ,das Wort Airvafug zeigt auch 
eine wörtliche Energie an‘. Zinzendorf 1757 Londoner Predigten II, 
248; ,wem dieselben (Lieder) nicht bekannt sind, wird öfters die 
Energie des ausdrucks nicht verstehen 4 . 1758 Kinder-Keden, Vor¬ 
erinnerung; Z bildet das Wort energi»««>£ bei A. G. Spangenberg 
a. a. 0. II, 597; Außer Z. möge noch J. A. Ebert angeführt werden 
1763 Young’s Nachtgedanken II, 38: ,Deßgleichen Wortfügungen 
haben ihr (der englischen Sprache) gewiß den Ruhm der Energie, 
den sie bei andern Nationen erlangt hat, mit erwerben helfen 4 . 

Hngelsmutter. ,In einer rheinischen Stadt belegt der Volks¬ 
witz die letzteren (Kinderverpfiegerinnen) mit dem sarkastischen 
Namen „Engelmütter“, weil die ihnen anvertrauten Kinder schnell 
in den Himmel kommen 4 . K. Braun 1874 Aus der Mappe eines 
deutschen Reichsbürgers II, 197 (Geschrieben ist die Abhandlung in 
dem Jahre 1864). Das Wort Engelmacherin belegt Gombert, 
Programm 1908, 11 vom Jahre 1842. 

Erbfeind. F. Behrend 1916 Altdeutsche Stimme 16 findet es 
auffallend, daß Kaiser Maximilian, der zuerst die Franzosen als Erb¬ 
feind, der nach dem Rheine stehe, bezeichnet habe, fast keine Nach¬ 
folge gefunden. Zu dem Beleg von Behrend aus dem Jahre 1513 
auf Seite 18 komme nun ein zweiter aus Mechtel (1569—1632?). 


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In der von Knetsch herausgegebenen Limburgisehen Chronik lesen 
Seite 6: ,Alani und Schwaben, der Franken hanpt- und erbfeind, 
iure belli herzukommen 4 . — 

Der Teufel als Erbfeind der Frommen bei Adam Berg (München 
1588) Warhafftige und gründliche Historia, Vom Ursprung . . Montis 
Serrati B 2 b : ,Als er nun in seinem heiligen Wandel also fortgefahren, 
hat der böß Geist, als ein Erbfeind solcher andechtiger Leut, . . disen 
list erdacht 4 . Behrend 8. — Etwas ungewöhnlich werden bei (B. de 
las Casas) 1597 Newe Welt 32 die Spanier wegen ihrer Grausamkeit 
und Mordsucht ,Erbfeinde deß menschlichen Geschlechts 4 genannt. 
Das Original konnte leider nicht verglichen werden. 

Franstreck. Im l)WB. ist eine Stelle aus S. Franck bei¬ 
gebracht, Grimms Vermutung, das Wort dürfte bei Franck häufiger 
erscheinen, ist wohl nicht der Fall, denn Fischer kennt auch nur 
diesen einen Beleg bei ihm, fügt aber noch einen aus einer Augs¬ 
burger Bibel hinzu. Über die Etymologie weiß ich nichts beizu¬ 
bringen, nur hin weisen möchte ich auf eine Reihe von Belegen, aus 
denen wenigstens die Bedeutung sich unschwer feststellen läßt. Merk¬ 
würdig ist, daß die Quellen alle aus Augsburg stammen. So lesen wir 
in einer Übersetzung des Buches de libera vita (Augsburg 1490) des 
Walterus Burleus von Anton Sorge6 b : ,Nun magst du sy (sc. die Wider¬ 
wärtigen und Widerspännigen) nicht als gar vertryben, noch ganz ver¬ 
tilgen, dann dir wyder sein würdet franstrechlychen der dir yetz nit 
verdachtlich ist, vnd jm fürcht darumb er schweiget, vnd der jm nit 
furcht, tut dich pringen 4 . Der lat. Text heißt: Adversabitur autem 
aliquis non suspectorum 4 . Fast genau so steht die Stelle in einer 
Ausgabe aus Augsburg vom Jahre 1519, die übrigens H. Kunst, 
Stuttgarter litter. "Verein 177, 414 Anm. 1 nicht kennt. (Breslauer 
Stadtbliothek 40 194.) 

Gar nicht selten gebraucht das Wort C. Huberinus, über den 
erst Th. Koldes Artikel in der RE. uns recht belehrt hat. Im 
Spiegel der Haustzucht (1553) *21 b : machen damit die Kinder störrig, 
fronstreck, und ungehorsam 4 ; 26»: Dieweil doch solche Kinder so 
fron streck seind, und so gar keyne zucht, noch vermanung an jhnen 
erschießen will, so muß hellesch fewer zuletzt drein schlagen 4 : 169*: 
.Frau Venuß hat sondere besoldung, die sie jhren kriegern zu lohn 
gibt, erstlich das sie wild, fronstreck werden 4 ; 221 b : ,darumb nur 
bey zeit darzu gethon, die weil sich das rütlin nun biegen last, sonst 
werden sie (sc. die Töchter) fronstreck, und geben um kein zucht, 

Mitteilung!“» d. Schles. Ge*, f. Vkde. Bd. XtX. 15 


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226 


und kein vermanung, noch straff mer 4 ; im Christlichen Ritter (155S) 
n^: Oder bist nie ungehorsam gewesen, sondern nur streflich, mut¬ 
willig, fron streck unnd unbendig‘. Im Jahre 157:-* erschien zu 
Augsburg eine Übersetzung des Werkes Ordini di Cavalcare von 
Frid. Griso durch J. Fesser, hier steht *204: Wann es (das Pferd) 
aber gantz franstreck, das ist, nichts urnb die straft geben wolt, so 
magstu die selbige scherpffen der gestalt 4 . Genau so in der Ausgabe von 
J. Fayser (Frankfurt 1043) Hippokomike ‘201. — Sicherlich ist heran¬ 
zuziehen niederd. wranten „mürrisch sein“, wrantrig, frantrig, wfries. 
wrantelich „ärgerlich, verdrießlich“; der Übergang von nd. wr. in obd. 
fr. ist bekannt ; vgl.z.B. Behaghel, Geschichte derdeutschen Sprache 4 228. 

Gattichen. Das Mitteil. XVII, S7 aus Fr. Seidel 1626 Tftrck 
Gelängnis beigebrachte und von Diels erklärte Wort kommt in der 
Form Giattehen vor bei Reinhold Lubenau, der zu derselben Zeit 
wie Fr. Seidel in Konstantinopel weilte und auch mit ihm bekannt, 
war (vgl. die Ausgabe der Reisen des Reinhold Lubenau von W. Sahn, 
Königsberg II (1915) 49. Er hat sich ein kurzes Wörterverzeichnis 
zum täglichen Gebrauch zusammengestellt und a. a. 0. 60 verzeichnet 
er unter den Kleidungsstücken die ,Giattehen 4 . ,Ihre (der Araber) 
Weiber tragen Ungarische Gatic, das ist Hosen aus weißen oder 
blauen Leintuch bis an die Knoten lang 4 . J. G. Harant 1678 Der 
christliche Ulysses 65*2. Diese Gattichen trug der ungarische Pferde¬ 
knecht noch im 19. Jahrhundert, wie Karl Braun 1878 Reise-Ein¬ 
drücke aus dem Süd-Osten II. 55 meldet: ,Der Tschikosch ist in der 
Regel beritten; er trägt den bekannten kleinen schwarzen Hut, 
blaues Hemd und blaue Gatyen (so heißen die fabelhaft weiten 
ungarischen Beinkleider) 4 ; vgl Paul Kretschmer 1916 Wortgeographie 
112 Anm. Reinhold Lubenau a. a. 0. 61 verzeichne! auch Pa putsch, 
cf. Zs. f. d. W. 15, 117 b . 

Dunkle Gefühle. Über das Aufkommen dieses Ausdrucks hat 
0. Walzel im Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft (1914)1, 7f. ge¬ 
handelt, ohne zu einem Abschluß gekommen zu sein. Ich wage hier 
sehr zögernd eine Vermutung zu äußern, die nur als ein Tast¬ 
versuch gelten will, um in diese Frage mehr Licht zu bringen. Als 
ich vor Jahren anfing mich mit Zinzendorf näher zu beschäftigen, 
war ich verwundert, bei ihm den Ausdruck nicht zu finden, bis mir 
allmählich das Verständnis des Begriffes Gefühl bei ihm aufging. 
Wo nämlich Z. sich vorsichtig ausdrückt, wenn es ihm darauf an- 
koramt. scharf umrissen zu sprechen, klingt bei ihm bei dem Wort 


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immer das* Fühlen durch, wie z. R. ganz grobsinnlich verstanden 
als tasten, greifen. Wohl spricht- er einmal vom geheimen Gefühl 
1741 Jeremias B7: dergleichen Ideen pflegen die Obrigkeiten zu 
haben, deren Glück Gott stabilirt, und bey denen ein geheimes 
Gefühl ist, wem sie es zu dancken haben 1 . 

Dagegen fiel bald ein anderer Ausdruck auf. Z. nennt die 
Mystik einen dunklen Glauben 1 ), so 1742 Hüd. Samml. III, 
193: ,Ich habe sehr lange und mehr als es jemand nöthig zu rathen 
ist. in dem sogenannten duncklen Glauben gestanden, davonidie 
Mvstici sehr viel schreiben und ihn zu einem hohen Grad machen 
ich aber nicht*; und 1746 Natfirl. Reflexionen 9t 1 : .Wenn aber der 
ungefühlige, oder dunkele Glaube so viel sagen solle, daß man 
seinen Erlöser einen Tag lieber hat, als den andern, einen Tag mehr 
traut als den andern: so habe ich was gegen diese Sache einzu¬ 
wenden, weil der Ausdruck sie in ein falsches Licht setzet*; Zwei 
und Dreyßig einzele Homiliae oder Gemein-Reden in denen Jahren 
1744. 1745. 1746. XVII. Rede S. 6. ,Und daraus ist endlich diese 
solution geworden, die man schon lange vorher gehabt, und die man 
nicht nöthig hatte, itzo von neuen zu erfinden, daß ein Christ seines 
Glaubens nicht gewiß ist, noch gewiß seyn kan; sondern daß man 
so - dahin geht in einem dunkeln glauben, und so oft einem einfällt, 
ob das ding auch wahr ist, bey sich selbst immer wiederholet: .Ich 
glaube; welches Doctor Luther zu seiner Zeit nennt, sich eineu ge- 
danken machen, der da spricht: Ich glaube; damit fängt man sich 
nun bey ernsthaften leuten an zu behelfen, wenn man keine gewiß- 
heit und beständige freudigkeit erlangt.* — 

XXX. Rede S. 6. Wir finden aber auch noch eine andre art 
von leuten in unserm wege, die mit uns noch weniger auskommen 
können, als wir mit ihnen. Das sind die leute, die vom dunkeln 
glauben reden, und die in praxi auch Atheisten sind: ob man ihnen 
gleich gern zugibt, daß sies nicht von herzen und mit Vorsatz sind, 
und denselben grund nicht dazu haben haben, der in den theoretischen 
Atheisten liegt, die da wünschen, daß weder eine active noch 
passive Unendlichkeit seyn möchte.* 

Wäre es nun nicht möglich, daß dieser Ausdruck später von 

l ) Wohl bekannt ist mir, daß der Ausdruck dunkler Glaube früher vor¬ 
handen ist, z. B. bei A. H. Buchholtz 1666 Herkules I, 21b: ,Behalte dir deinen 
tunkein und überverständlichen Glauben 1 . Hier wird der Glaube der Heiden 
so genannt im Gegensatz zu dem hellen, lichten Ghristusglauben 4 . 

15* 


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2 28 


dem andern .dunkle Gefühle 4 . abgelöst ist •? • Fr. v. Raumer, der 
Schleiermacher nahe stand, schreibt • z. B. 18. 4. 1802 Lebens¬ 
erinnerungen I, 188: ,Er (Lessing) ist der unwidersprechliche Beweis, 
wie die größte Klarheit und Bestimmtheit sich mit der lebendigsten, 
thätigsten, tiefsten Empfindung vereinigen kann und soll; ohne alle 
die vorgeblich nothwendige Beimischung von Mvsticismus, von 
dunkelen unbestimmten Gefühlen, die bei den mehrsten leerer 
Dunst, sind 4 . Die Verbindung von Mysticisinus und dunkelen Ge¬ 
fühlen ist hier beachtenswert. J. v. Baader verwendet den Ausdruck 
öfter in den von Schaden herausgegebenen Tagebüchern; z. B. S. 45- 
vom Jahre 1786. 

Gemütlich. Da frühe Belege für das Wort sehr spärlich sind 
(vgl. DWB.); so seien ein paar nachgetragen. Das puch der hiral. 
Offenbarung der heil, wittiben Birgitte (Nürnberg 100*2) 8. Vorrede: 
,wann ettlichstund in Verzückung des gemütlichen aufferhebens,sehend 
in der verßjldlicjien odpr geistlichen gesiht*. (elevationis mentalis.); ,da. 
die vorgenant fraw von Christo: und der junckfrawen Maria völligklich 
ward underwissen von der materi ze erkennen die geist und gesicht 
und gemietlich erapfindung. a. a. 0. 8 Vorrede *2 (mentalia senti- 
menta). — ,Item das gebett, das da ist ein uffsteigung des gemütz 
in got: und also heist es ein gemütlich gebett, daruß das raunndtlich 
gebett mit den Worten, auch das gesang und lob gotts entspringt. 
Johan von Lanßpurg 1518: Eyn schöne Unterrichtung was die recht 
Evangelisch geystlicheit sy, und was man von den Clöstern halten/ 
soll B 2 *. Valentin Weigel 1013 Gulden Griff B ;1 b : ,Mit dem 
Verstand des Gemüths, siehe ich an die Engel und den ewigen Gott, 
Also ist Gott und die Engel ein Gegenwürff des gemfithlichen 
Auges 4 . Diese Belege und die Verwendung des Wortes gemüthlich 
in ihnen ermöglichen uns auch das Verständnis des im DWB. zu 
kurz abgetanen Gebrauchs des Wortes bei Zinzendorf; cf. IV, I, II, 
3330. Ich stelle eine Auslassung Zinzendorfs voran, die ganz klar 
ist. Bei A. G. Spangenberg 175*2 Schluß-Schrift II, 471: ,Gefühl 
und Salbung ist nicht einerley. Gefühl ist der Effect von der 
Salbung. Die Salbung ist die Theilhaftigkeit an seinem Geiste, 
die agirt, und der Effect von dieser Action ist das Gefühl. Das 
Wort Gefühl ist ein schlechtes Wort. Denn im Grunde heißts nicht 
Gefühl, sondern es ist mir so. Denn beim Gefühl stellen sich die 
Leute vor, als wenn einem etwas stieße, oder über die Haut liefe. 
Gemüthlich drückt es besser aus. Die Salbung macht uns ge- 


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müthlich. Was Zinzendorl' auch anders einmal so ausdrückt Sokrates 
1725 Nr. 23: ,Ich kann nicht alles sehen, woran ich denken kan; 
aber ich kan darauf treffen mit meinem Gemüth; Welches eben so 
viel bei der Seelen ist, als das Fühlen beim Cörper. Das heißt 
also mit anderen Worten: ,Das Gemüt ist für die Seele dasselbe, 
was tür den Leib das Fühlen ist. Es ist gleichsam der ins Geistige 
erhobene Tastsinn*. Die Berührung dieser Auffassung Zinzendorfs 
mit den oben vermerkten aus dem Buch der heiligen Brigitte und 
der Weigels ist klar, wenn auch nicht so scharf pointiert wie bei 
Zinzendorf. Ja, ich vermuthe, daß Z. diese Begriffsbestimmung von 
gemütlich von Gichtei oder dessen Quelle Valentin Weigel übernommen 
hat. Denn Z. kannte beide.. Einen Beleg aus Gichtei bringt das 
DWB. IV', I, II, 3330. — lü dieser zugespitzten Form wendet nun 
Z. das Wort durchaus nicht immer an. Wir begegnen ihm des 
öfteren in der uns verständlicheren Bedeutung. 1757 Londoner 
Predigten II, 25: ,Einem ordinairen Heiden ist, wie man im Teutschen 
sagt, gemüth lieh, es ist nach seinem Sinn, er findet nichts 
revoltirendes drinnen*; 1746 Natürliche Reflexionen 222 , . . kan auf 
drey Seiten betrachtet werden, je nach dem einem Leser gemüth* 
licher ist*; 193: ,denn weil man einem Hauffen super-klugen und 
zum Theil -angesehenen Leute das Maul stopften mußte: so war es 
mir ganz gemüthlich, um denen ehrlichen und gottesdienstlichen 
Pennsylvaniern zu helfen*. 194: ,und es war bevnahe einem jeden 
gemüthlicher, an mir zum Ritter zu werden, als mich zu hören*. 
Diese Ausdrucksweise verspottet z. B. J. G. Schütze 1758 Herrn- 
huthianismus in literis: ,Weil aber das Urtheil Zinzendorffen nicht 
gemüthlich, so leugnete er hernach die Klage gar*. Von hier ist 
nun der Weg nicht mehr weit zu einer gemütlichen Unterhaltung, 
Kneipe, usw. 

Gewächs. Wunderlich lehrt in DWB. IV, I, 3, 4724 unter 8, 
daß die Ausdruckweise ,Gewächs der Reben* zuerst von Luther 
in der Bibelübersetzung verwandt worden sei. Mc. 14, 25 und 
Mt. 26, 29: hinzufügen kann man Lc. 22, 18. Diese Behauptung 
ist aber nicht richtig. Denn wir lesen bereits bei Matthäus Ring¬ 
mann 1513 Der text des Passions und lidens Christi C 2 *: .Wann ich 
sag vch das ich nun hinfürder nit werde trineken von dem gewechß 
der reben*. 

Glaubensbekenntnis. Gombert, Programm 1908. 14 f. wies für 
die übertragene Bedeutung des Wortes auf das grammatische 


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230 


Glaubensbekenntnis Gottscheds vom Jahre 1748 • hin. Diese 
Verwendung des Wortes ist aber alter: ,Noch.zu guter Letzte mit 
dem grösten Amts-Eifler ein Glaubens-Bekäntniß gethan; Das wolte 
er noch hiermit sagen, daß er von des Lipsius Schreib-Art nichts 
hielte, weil Sie allzu kurtz wäre*. J. B. Meneken 1710 Zwei Reden 
vom der Charlatanerie 131. Das politische Glaubensbekenntnis be¬ 
gegnet auch etwas früher als a. a. 0. in den von Geiger heraus« 
gegebenem Briefen Ifflands (8. II. 1703) I, 200: .Zuvor mein poli¬ 
tisches Glaubensbekenntnis über die gegenwärtige politische 
Lage der Dinge 1 . — Für Glaubensartikel in übertragener Bedeutung 
sei bei dieser Gelegenheit folgender Beleg beigebracht aus P. J. Mar¬ 
pe rger 1710 Beschreibung des Hauffs und Flachs 287): ,sintemahl es 
ein Glaubens Articel der Wäscherinnen ist, daß so lange die 
Lauge noch nicht braun scheint, so lang habe auch die Lauge ihre 
gebührende Schärfe noch nicht'. 

Glitschen. Weigand-Hirt verweist auf ein mrh. Voc. ex quo 
vom Jahre 1400, wo glitschen neben glitsen erscheinen. Und 
fährt dann weiter fort: .Nach Campe von Wieland in die Schrift¬ 
sprache eingeführt 1 . Diese Bemerkung ist irreführend. Denn was 
Campe unter Schriftsprache verstand, verstehen wir heut unter dem 
Wort nicht mehr. Es wäre eine verdienstliche Arbeit, einmal zu 
untersuchen, wie der Begriff des Wortes Schriftsprache sich ge¬ 
ändert hat. 

Wer nun keine eigenen Sammlungen hat und z. B. Sanders ver¬ 
gleicht (1, 000“), wo, unter sehr kurzem Hinweis auf Fischart, nur 
Belege aus dem 18. und 10. Jahrhundert gebucht sind, der kann 
leicht vermuten, das Wort wäre seit dieser Zeit erst gebräuchlich 
und stimmt Campe zu. Für das Schwäbische gibt nun Fischer schon 
ein paar Belege aus Brenz und Knifft? Reisen. Hier mögen noch 
einige andere stehen, aus denen man entnehmen kann, daß das Wort 
seit dem Ende des 10. Jahrhunderts ganz geläufig ist und von 
Schriftstellern gebraucht wird, die für ihre Zeit anerkanntes schrift¬ 
sprachliches Deutsch geschrieben haben. Z. Rivander 1501 Fest 
Chronica I. 7*: ,die (Höllenbande) glitzschete abe 4 . H. v. Breüning 
1012 Orient. Reise 103: ,gleich als auff einem Eyß glitschen 4 . 
Harsdörtfer 1001 Heraclitus u. Democritus 502: ,glitschet ihm der 
Fuß*. E. Francisci 1080 Lufft-Kreis 808; ,das Hellschen oder Rutschen 
und Glitschen auf dem Eise 4 . F. v. Sandrart 1680 Iconologie 
deorum 131 b : ,Der breite Weg zeigt uns ein Rosenlindes Reisen 


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231 


Allein das Ende glitscht auf harten Klippen ab’. H. Widerhuld 
1681 Beschreidung der sechs Reisen I, 49* 52*. Diese Belege ließen 
sich leicht vermehren, dürften aber genügen. 

Grell. Im DWB. IV, 1, 6, 102 wird bei Grell m. hinter die 
Bedeutung Zorn, Grimm ein Fragezeichen gesetzt. Folgende Stelle 
ergibt für das Wort als f. fraglos diese Bedeutung; ,welcher bei seinem 
Leben die Rhodiser mit einer sonderbarn unmenschlichen Grell und 
grausamkeit. hat verfolgt 4 . H. Lewenklaw 1590 Neuwe Chronica Türck. 
Nation 301. Was heißt aber Grelle bei Job. Faustus 1619 Fasti 
Limpurgenses 19*? ,Er was ein herrlich starck man, von Leib, von 
Person, und von allem gebeine, und hatte ein groß haubt mit einer 
strauben, ein weite braune grelle, ein weit breit anlitz mit bausenden 
backen, ein scharpf man lieb gesicht, einen bescheidenen mund mit 
gleffe 4 . 

Grellheit. Das DWB. belegt das Wort, zuerst aus Heinsius 
1801 und bringt nur Belege aus dem 19. Jahrhundert. Wir finden 
das Wort aber in der Bedeutung Grausamkeit bereits bei H. Lewenklaw, 
a. a. 0., und noch viel Unruhe vorhanden, wegen des Schach damals 
unfürsiclitiglich geübter Grellheit 4 , 95 und 124: .auch allem Blut¬ 
dürstigen Weisen und Grellheit zuwider seyn 4 . 

Hausmusik. Das DWB. weiß über das Wort weiter nichts zu 
berichten, als daß es einen Beleg aus einem Schriftsteller des 19. Jahr¬ 
hunderts anführt. Es hat also keine Ahnung von der Entwicklung 
des protestantischen Kirchen- und Gemeindegesanges. Es ist dies 
übrigens nicht die einzige Stelle, wo es in dieser Hinsicht den Be- 
nützer völlig im Stich laßt. Das Quellenverzeichnis führt S. 33 
Joh. Heermann, Devoti Musica Cordis Hauß- und Hertz-Musica 
Lpz. 1630 u. 1636 an. Indessen ist das Wort älter. Hierüber be¬ 
richtet jetzt Herman Petrich 1914 Paul Gerhardt 75 f. Jetzt sei 
noch ein von Petrich nicht bemerkter alter Beleg für das Wort bei¬ 
gebracht: ,I)ie beste Haus-Musica stehet in andächtigen Psalmen 
und Lobgesängen 4 . V. Herberger 1619 Trawrbinden VI, 202. Auch 
ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert: ,Diß ist die schönste Haus- 
Musi c, (wenn nämlich Mann und Frau zusammen stimmen). 
H. v. Assig 1719 Ges. Schrifften 314. Den Aufsatz von C. J. Becker, 
Zur Geschichte der Hausmusik, Neue Zs. für Musik. .Juliheft 1837 
konnte ich nicht erlangen. Ebenso stiefmütterlich ist das Wort Haus¬ 
kirche bedacht, obgleich hier aus Büchertiteln sich mancherlei bei- 
bringen ließ. So seien denn hier wenigstens ein paar Nachträge 


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verzeichnet. Andreas Fabritius, Pfarherr in Eisleben zu S. Niclas 
1569 in 8°. Die Hauskirche: Das ist: Wie ein Hausvater neben 
dem öffentlichen Predigtampt, auch daheime sein Heufllein zu Gottes 
Wort und dem lieben Catechismo reitzen soll; ßoth 1573 Catechism. 
Predigt I, 148 b : .Hierzu nemet nu in ewrer Hauskirchen die 
schönen Weihenachts Gesenge 4 ; Wolffg. Musculus 1595 papist. 
Wetterhan 64: ,das ist mein haußkirche, vnd haußzucht 4 ; .und 
wollen (Braut und Bräutigam) ihrem lieben Gott eine keine Hauz- 
kirche anlegen 4 . S. Artomides 1609 Christliche Auslegung I, 759. 

E. Weigel 1685 Rechenschaftliehe Forschung 17: ,I)enn Mahlzeiten 
sind Hauskirchen-Zeiten, die mit lauter Gottes-Furcht und Christ¬ 
licher Erbauung zuzubringen 4 . 

Heimweh. J. A. Walz hat Zs. f. d. W. XII, 184 darauf hin¬ 
gewiesen, daß das Wort sich im Gesangbuch der Brüdergemeinde 
finde. Wir haben es aber hier nicht etwa bloß vereinzelt. Man 
vergleiche Gesangbuch (1737) nr. 8° 1496, 2: 

Ihr friedenskinder, ich hab euch im Herzen, 
nicht ohne heim weh, und desselben schmerzen 4 . 

Aus den Zinzendorfischen Schriften mögen folgende Stellen genügen, 
die sich leicht vermehren ließen. 1738: ,Ferner ist noch bey unsrer 
Heyden-Sache sorgfältig zu vermeiden das Heimweh 4 . Büd. Samml. I, 
675; 1755: ,ein heimweh verursachender wunden-blick 4 . Kinder- 
Reden 12; 1755: ,unds heimweh mach ausstehlich, durchs heilige 
Abendmahl 4 . Kinder-Oden III. Zinzendorf und die Brüdergemeinde 
verwendet ja überhaupt Zusammensetzungen mit heim sehr gern: 
heimgehen, heirakehren, Heimkehr, Heimgang, Heimfahrt, Heimgangs¬ 
gedanke usw. — Bei dieser Gelegenheit seien auch noch ein paar 
schlesische Belege beigebracht: .Vor allem soll Juste die Wehmut, 
d. h. auf gut Breslauisch: das Heimweh nicht auf kommen lassen 4 . 
Joh. Tim. Hermes (31. V. 1806) an seinen Schwiegersohn Zahn in 
Neumarkt, abgedruckt bei G. Hoffmann 1911 Joh. Tim. Hermes. Ein 
Lebensbild 85, und Seite S7: ,vor allem soll auch sie das Heimweh, 
diese schlesische Unart nicht aufkommen lassen. 

Hep! Hep! Ladendorf hat Zs. f. d. W. VI, 50 auf eine 
Germ. 26,382 angezogene Stelle aufmerksam gemacht, nach der das 
Hep! Hep! spöttische Nachahmung des Rufes jüdischer Hausierer 
gewesen sei. Hierzu vergleiche man John Brinkmann, Kasper Ohm 
un ick 61 (Hesse): ,Hepp-hepp-hepp, Schachermachei 4 ; und 

F. Gregorovius, Wanderjahre in Italien 1, 96: .Man sah sie (die 


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Juden) also bis auf diese Zeit mit allen Sachen hausieren gehen, 
und in den Straßen hörte man sie Hep! rufen, womit sie sich an¬ 
kündigten und zum Kauf ihres Kettels einluden*. Warum Laden¬ 
dorf seinen ursprünglichen Weg nicht weiter verfolgt und sich der 
höchst unwahrscheinlichen Erklärung des DW r B. angeschlossen hat, 
für die er ja noch weitere Zustimmung gefunden, ist schwer' zu 
sagen. Ich bin immer noch geneigt anzunehmen, daß die bereits 
1819 aufgestellte Vermutung, Hep sei Verkürzung aus Hebräer, 
richtig ist. Das man das Wort Hebräer in der Bedeutung Händler, 
Hausierer gebrauchte, bestätigt der unter dem Wort im DWB. ab¬ 
gedruckte Beleg aus Thümmel, und mir persönlich ist dieser Ge¬ 
brauch sehr geläufig. Die Frage ist nur, ob die jüdischen Händler 
sich selbst so nannten. Hierzu fehlen mir die Nachweise. 

Inneres Düppel (vgl. Gombert, 1903, Festschrift 33) Fr. 
Engels schreibt am 7. XI. 1804 an Karl Marx: ,wie jetzt Wagener 
einen „inneren Düppel“ verlangt’. Briefwechsel III, 192. Wenn 
Engels hier auf den Artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung 
vom 30. September 1804 anspielt, so wäre also Hermann Wagener 
der Präger dieses Wortes in der zugespitzten Form. 

In puncto puncti. Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 130 hatte 
eine burschikose Abänderung des Ausdruckes in puncto sexti ver¬ 
mutet. Dies wird bestätigt durch eine 1791 namenlos erschienene 
Schrift: ,Freimüthige Briefe über Bahrdts Lebensbeschreibung*; in 
dieser wird p. 73 das in puncto puncti ausdrücklich ein „lustiger 
St u d en ten a us d r uck“ genannt. 

Kleine Leute. (Gombert, Z. s. f. d. W. VII, 8; Ladendorf, 
Schlagworte 171). Mir ist der Ausdruck zuerst begegnet bei A. A. 
Rhode 1755, Schlüssel zu Herrnhut 86: .Das sind kleine Leute 
in ihren (der Herrenhuter) Augen. Sie sehen und kommen viel 
weiter*. Mit den kleinen Leuten sind die Apostel Petrus und Paulus 
gemeint. Hier sind die kleinen Leute offenbar unbedeutende Leute, 
die kein Gewicht, und Ansehn verdienen. Ob dies die ursprüngliche 
Bedeutung des Ausdrucks ist, scheint sehr fraglich. — In demselben 
Sinne lese ich ihn bei Fr. v. Raumer 1824 in einem Briefe an 
W. Müller, Lebenserinnerungen II, 162: ,Einverstanden sind wir, . . 
daß ein ungemein großer Dichter dagewesen sein müsse, und nicht 
alles auf eine Menge kleiner Leute zurückgeführt werdeu könne*. 
In der Antwort verwendet Müller den Ausdruck (II, 165): .Für die 
klei neu Leute, um mich ihres Ausdrucks zu bedienen, ist ein 


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234 


solches Nacharbeiten und Nachhelfen recht eigentlich eine passende 
Arbeit 1 . Ebenso wie uns heut scheint Müller die Anwendung des 
Ausdrucks auf unbedeutende geistige Männer tremd geklungen zu 
haben. — Es ist vielmehr zu vermuten, daß die Redensart aus 
bäuerlichen oder ländlichen Verhältnissen stammt und später all¬ 
gemeinere Bedeutung bekommen habe. So schreibt z. B. E. Ziehen 
1874 Geschichten und Bilder aus dem wendischen Volksleben: ,Einige 
andere Hofbesitzer erhoben ähnliche Klagen und stimmten Warnow 
bei, daß man bei einigen verdächtigen „kleinen Leuten“ Haus¬ 
suchung halten solle. Zur Erklärung dieses Vorschlages muß bemerkt 
werden, daß die wendischen Hofbesitzer vor Zeiten eine auffallende 
Geringschätzung, ja oft eine unerbittliche Härte gegen diejenigen 
Gemeiudeglicder au den Tag legten, die entweder gar kein Eigenthum 
oder nur ein unbedeutendes besaßen und daher auch in der Ver¬ 
sammlung der „großen Leute“ keine Stimme hatten 1 . Sehr oft spielen 
die kleinen Leute eine Rolle in den Werken des Lehrers Adam Lange, der 
die ländlichen Verhältnisse seiner glätzischen Heimat genau kennt und 
mit diesem Ausdruck einen ganz bestimmt umschriebenen Begriff 
verbindet: kleine Besitzer, die, um sich durchzubringen, noch für 
andere arbeiten müssen. In den Erinnerungen aus dem Leben eines 
Dorfschullehrers (1908) schreibt er: ,Von den Familienfeiern der 
Bauern erhalten auch die in der Nähe wohnenden sogenannten 
„kleinen Leute“ ihren Anteil und dadurch wird Neid und Haß 
vermieden 1 , Seite 8. Besonders wertvoll aber sind seine Angaben 
in dem Roman .Der Prozeßgeist 1911‘; z. B. 78: ,aber die „kleinen 
Leute“, die bloß eine Kuh oder Ziege im Stalle haben, die müssen 
das Futter auf dem Rücken herbeischleppen, und doch ist ihnen das 
nicht zu beschwerlich. Sie sind vielmehr froh, wenn ihnen der 
Bauer einen dürren Rand oder eine Lichtung im Walde zum Ab¬ 
grasen überläßt - , 325: „kleine Leute“ — Häusler und Gärtner; 
309: ,Die sogenannten „kleinen Leute“: Stückbauern (Stück¬ 
männer), Feldgärtner, Gärtner und Häusler hatten Handrobot zu 
leisten und zwar jeder 54 Tage innerhalb eines Jahres 4 . — Hiermit 
vergleiche man, was Fürst von Pückler-Muskau 1834 Tutti Frutti 
j, 174 bemerkt: ,Sie (die Bauern) schaffen die Pferde ab, weil sie 
sie nicht mehr auf eigenem Grund und Boden ernähren können. 
Sie werden nun sogenannte kleine Leute, keine Art von weiter 
greifender Industrie kommt ihnen mehr nahe, sie bearbeiten und 
düngen ihr bischen Feld notdürftig seihst mit Frau und Kind nebst 


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ein paar Kühen, und sind für ewig zufrieden, wenn, sie nicht Hunger 
leiden - . Während der Korrektur stoße ich auf folgende Stelle: ,Unter 
denen Heinrichauischen Closter-Gestiffts-Unterthanen, wird durch- 
gehends bei allen Gemeinden die sehr nützliche Umwechslung in 
steter Übung gehalten, solcher gestalten, daß alle Anlagen, wie sie 
auf einander folgen, die eine nach der Indiction, die andere nach der 
Huben-Zahl, ohne Eigen-Nutz eingetrieben werden. Und solcher 
Gestalten kommt der Bauers-Mann guth daran: daß bei der Huben- 
Zahl 4. Gärtner vor eine Huben, und wiederum acht Häußler vor 
eine Huben mit concurriren; Und diese kleine Leuthe kommen auch 
wiederum guth daran, daß sie nach Indiction gar nichts beitragen 1 . 
J. A. Friedenberg 173N De generalibus et particularibus quibusdam 
Silesiae Juribus 319 u. ö. z. B. 320. 327. 

Kneipe. Zu Kluges Artikel über die Geschichte des Wortes 
Kneipe (zuerst Zs. f. d. W. III. 114-fg.; dann Wortforschung und 
Wort geschieht e 1 fg.) hat Meiche, Mitteilungen des Vereins f. 
sächsische Volkskunde 0, 84. 173 sehr dankenswerte Nachträge ge¬ 
bracht. Er hat das Wort hergeleitet von kneipen, kneifen, zwicken, 
schrauben. Seine Ansicht findet eine Bestätigung durch den Aus¬ 
druck ,Kneipzange‘, den wir für eine solche Wirtschaft angewandt 
finden: .Aber wo logieren wir? Doch nicht in der Kneipzange? 4 
(F. A. Kritzinger) 1704 Die bunte Reihe, oder eine Handvoll lustig 
satvrischer Gespräche, zwischen Leipziger neugierigen Junggesellen 
und politischen Mädchen 17. Auf Seite 33 desselben Werkehens 
erfahren wir mehr von dem Betrieb in einem solchen Hause: ,Geht 
er nicht manchmal da drüben nein, in die Kneipe, ich weiß alles, 
was da passieret. — Ich habe ein paarmahl da was zu vermeublen 
hingebracht, je nun Herr Wohlfeil will auch leben, man hat da 
allemal gleich baar Geld davon. Ist es auch etwas Heimliches, so 
verkaufen es diese Leute an die stöckischen Juden, da kriegts nie¬ 
mand zu sehen, da werden Sachen hingebracht, ich kann es Ihnen 
nicht sagen, manchmal aber kömpts doch raus, da thut Ihnen die 
Gesellschaft desto weher. Es sind nun solche ehrliche Leute, die 
einem manchmal aus der Noth helfen und besser sein sollten. 
Doch Silentium, mit Schmerzen sich verrät niemand 4 . 

Koloß auf tönernen Füßen, vgl. R. F. Arnold, Zs. f. d. 
W. VIII, 13. Ich verweise auf R. Prutz 1847 Kleine Schriften I, 01: 
,l)azu kommt, daß dieser Koloß (d. h. Rußland), im Grunde doch 
nur ein Götzenbild ist. das auf t hone men Füßen steht*. Wo- 


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23«; 


dieser Aufsatz ,Der nächste Krieg 4 , aus dem diese Stelle stammt, 
zuerst erschienen ist, konnte nicht ermittelt werden. Außerdem führe 
ich an F. Gustav Kühne 1843 Portraits und Silhonetten I, 100: 
,und was hat Rußland zu tun? — China zu gewinnen, sagt List. 
Hierzu gehören Menschenalter; aber der Coloß auf thönernen 
Füßen muß vor der europäischen Bildungskraft stürzen 4 . 

Lebensknnstler. Ladendorf 180 bringt als frühesten Beleg 
eine Stelle aus Goltz 1860 Typen der Gesellschaft. Einviertel Jahr¬ 
hundert früher finden wir das Wort bei Pückler-Muskau, Semilasso 
in Europa III, 140: ,Ein sehr liebenswürdiger Sanskritgelehrter sagte 
mir einmal, „ich sei der größte Lebenskünstler, der ihm je vor¬ 
gekommen wäre.“ 

Löwe. Im DWB. VF, 1216, 5 wird für dieses Wort in der 
Bedeutung für einen geistig, künstlerisch hervorragenden Menschen 
ein Beleg aus Heine angeführt. Diese Bedeutung des Wortes ist 
natürlich älter. Es schreibt Karl Julius Weber 1826 Deutschland I, 
194: ,Anf der andern Seite der Stadt über die Feuerbacher Haide 
nach Leonberg, Geburts-Ort des philosophischen Löwen Schellings- 
und des freimüthigen Paulus 4 ; während G. Förster 1786 in einem 
Briefe an Sömmenng (Briefwechsel 335) für Löwe das Wort Phönix 
braucht: ,dieser Phönix unter den Philosophen'. Blücher wird der 
Löwe der Schlachten genannt bei L. Rellstab 1827 Gedichte 30. 

Krach. Über das Aufkommen des Wortes im Mai 1873 in 
Wien berichtet L. v. Przibrara 1910 Erinnerungen eines alten «jster- 
reichers I, 360: ,Erinnere ich mich recht, so tauchte dieser Terminus 
(sc. Krach) zum ersten Male in dem Börsenberichte eines Wiener 
demokratischen Blattes auf, dessen Reporter ihn aus dem Munde 
eines Börsenbesuchers galizischer Provenienz vernommen haben wollte. 

Matthäi am letzten wird von Weigand-Hirt aus Bürger belegt. 
Mir ist die Redensart viel früher begegnet: ,Der eine Koch so an- 
richten sollen ein Polack, spricht auff sein böse Deutsch, Nu ist mit 
uns der letzte Mattheus 4 . Friedrich Seidel 1626 Türckische 
Gefängnuß D 4 \ 

Muh. Das Wort wird von Sanders, Ladendorf, Weigand-Hirt 
erst aus dem Jahre 1840 bei Heine gebucht. In der Mitte des 
18. Jahrhunderts ist aber der Ausdruck bei uns ganz geläufig. ,l)er 
Heiland wird uns wohl einmal von dem liederlichen Mob wieder 
erlösen 4 . Zinzendorf bei A. G. Spangenberg, Apologet. Schluß 
Schrift II, 612 und 498: .da heist der Mob auch Gemeine'; in 


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237 


den' Zeyster-Reden 1759: ,Sie wolten des Heilands Sache zu einer 
art von einem Mob, einer erneute du peuple, zu einem tumultuarischen 
Schwindelgeist machen, der über die gemeinen Leute gekommen 
wäre' 85. In der Büdingischen Sammlung können wir aus dem 
Zinzendorfeschen Kreise das Wort noch öfter belegen; z. B. III, 583: 
,Kaum hatte man angefangen zu singen, so machten die Reformirten 
einen Mobb, fielen wie Teufel mit den horribelsten Ausdrücken und 
Geschrei: Schlagt den Hund todt, in die Lutherische Versammlung 
ein‘; III, 585: ,das er (sc. Zinzendorf) durch keinen Mobb sich 
etwas nehmen ließ', und auf derselben Seite: .daß er dem Reformirten 
dieses Haus nicht cediren wolle, weil sie es durch einen Mobb an 
sich gerissen 4 ; D. Cranz 1771 Alte und neue Brüder-Geschichte 374 
schreibt: ,Des bösen Feindes Absicht war wohl keine andere, als das Volk 
gegen die Brüder aufzuwiegeln und einen Mob (das sind die schreck¬ 
lichen Tumulte, die in England oft große Noth und Lebens-Gefahr 
anrichten) zu verursachen' ;.■•> vgl. noch A. G. Spangenberg 1775 Leben 
Zinzendorfs 1922; ,Auch Hessen feindselige Leute fast täglich solche 
Dinge in die Zeitungen einrücken, die gar leicht die Folge hätten 
haben können, daß ein Mobb, daß ist ein tumultuarischer Zusammen¬ 
lauf des Volks, welcher in London was sehr gefährliches ist, gegen 
die Brüder entstanden wäre 4 . Im 19. Jahrhundert finden wir das 
Wort bei Gutzkow 1834 Wellington: dieser Mob tritt Präzedenzien 
in den Kot, die damals als sie neu waren, vergöttert wurden 4 ? VHI, 
41 (Hesse); das Eigenschaftswort ,mobisch 4 lesen wir bei J. Venedey 
1845 England III, 161. 

Moralische Eroberungen. Nicht erst Treitschke (Ladendorf 
206) steht 1864 den »moralischen Eroberungen 4 skeptisch gegenüber. 
Bereits 1860 schreibt Dahlmann an Gervinus (Briefwechsel II, 439): 
,so verläuft es mit den »moralischen Eroberungen 4 , die unser 
gegenwärtiges Ministerium für Preußen in Deutschland machen wollte 4 . 

Mucker. An die Zs. f. d. W. III, 99; VI, 110. 332; VIII, 103 
gesammelten Belege reiht sich ein, was Tobias Friedrich am* 5. Mai 
1730 aus Jena an Zinzendorf schreibt: ,Gestern ging er (sc. August 
Wilhelm Spangenberg) auf der Straße, da kam ein kleiner Gassen¬ 
junge, sah ihm munter ins Gesicht und sagte: Du Mucker! Darüber 
kam er so vergnügt nach Haus und erzählte uns solches mit innigster 
Freude 4 . Gerhard Reichel 1906 A. W. Spangenberg 51 Anm. 3. 

Da Muckernest im DWB. übergangen ist, so stehe hier ein 
allerdings später Beleg:, „das ist rein weg am des Teufels zu werden. 


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238 _ 

wenn man tagaus tagein in dem verdammten Muckerneste hocken 
muß 4 . Freiligrath 1838 bei Büchner I, 277. 

Musterstaat. (Zs. f. d. W. VIII, 129). Oelsner spricht von 
einem erwünschten Musterstaat Preußen in den Politischen Denk¬ 
würdigkeiten 75: ,Preußen nicht bloß für sich zu ordnen, sondern 
auch als Musterstaat für Deutschland aufzustellen; und Weber 
1826 Deutschland I, 179 bezeichnet sein geliebtes Württemberg als 
den deutschen Musterstaat. Für das Wort Musterregierung, 
das im DWB. auch übergangen ist, möge Gustav Pfizer 1849 die 
deutsche Einheit und der Preußenhaß 18 einen Beleg liefern: .es 
fällt kein Gelehrter, kein Staatsmann vom Himmel, und ebensowenig 
eine konstituelle Musterregierung'. 

Naiv. Weigand-Hirt belegt das Wort zuerst vom Jahre 1746 
aus Bodmer und meint, dieser habe es in die Literatur eingeführt. 
In demselben Jahre nun gebraucht Zinzendorf den Ausdruck in 
seinen in London gehaltenen Reden, die dann 1748 gedruckt worden 
sind, Es ist kaum wahrscheinlich, daß Z. sich um Bodmer und 
seine Arbeit gekümmert haben wird. So wird das Wort bereits vor 

1746 bei uns gebraucht sein; die Belege sind nur noch nicht ge¬ 
funden. Zinzendorf Londoner Reden 31: ,Das ist der naive und 
einfältige Sinn der vierten Bitte 1 . Einige andere Belege aus Zinzen- 
dorfschen Reden seien angeschlossen; so z. B. Gemeine Reden (ge¬ 
halten 1747, gedruckt 1748) ,da wird ein naive confession draus'; 

1747 Vier und dreißig Horailien, Vorrede 2b: .Weil Du nun eine 
beständige Liebhaberin von denen einfältigen und naifen Ideen 
gewesen bist und dich der in den ersten Jahren unserer Anstalten 
einschleichenden Trockenheit, und geeirkelten Wesen . . entgegen¬ 
gesetzt. hast; so bedancke ich mich bei dieser Gelegenheit ganz 
herzlich dafür 4 . Neben Zinzendorf möge noch Joh. Paul Weise an¬ 
gemerkt werden: ,auf eine recht naive Art abgeschildert 4 . 1747 
Ungezwungene Heimleuchtung. Naivität habe ich mir nur vom 
Jahre 1752 aus A. G. Spangenbergs Apologetische Schluß-Schrift I, 
199 angemerkt: ,es konnten aber doch noch allemal Critiquen über 
die Naivität oder Dunckelheit mancher Stellen gemacht werden 4 ; 
und II, 464: ,Die Menschen Gottes sollen von allen Sachen, die 
Gott geschaffen, reden, wie die H. Schrift davon redet, mit eben der 
Naivität 4 . 

Putsch (Ladendorf, a. a. 0. 257). J. G. Kohl 1849 Alpen¬ 
reisen II, 456 behauptet: Hier (bei den Bewohnern von Baselland) 


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231» 


ist das Vaterland des- widerlichen Wortes „Putsch“ und des davon 
abgeleiteten Verbums „putschen“, das seitdem auch in Deutsch¬ 
land mit so großem Beifall adoptiert worden ist*. 

Rechnung tragen. Durch den Nachweis, daß die Redewendung 
bei Heynatz im Antibarbarns vom Jahre 1797 gebucht ist (vgl. 
Weigand-Hirt s. v.), sind die früheren Behauptungen und Ver¬ 
mutungen über ihre Entstehung und Aufkommen (vgl. R. M. Meyer 
400 Schlagworte, S. 57f.; Gombert, Zs. f. d. W. II, 270 u. a.) hin¬ 
fällig geworden. Wir finden aber diese Wortverbindung bereits im 
IG. Jahrhundert. So lesen wir bei Hieron. Halverius 1570 Warhatftige 
Beschreibunge aller Ohronikwirdiger namhafftiger Historien und Ge¬ 
schichten 18: ,sonder (er hat) der Florentiner Jugend frett'el und 
mutwillen ernstlich gestraffet, damit er in einer ungewissen zweiffel- 
hafftigen Sach dennoch seines gethanen Eyds, auch seines grossen 
Ampts, ein Rechnung trüge*. In dem lateinischen Original des 
Paulus Jovius, Historiarum sui temporis Tomus Secundus (Florentiae 
i552) 17 steht ,ut in re dubia atque ancipiti magistratns fidem 
sincerumque personae niunus tueretur*. Ferner bei 0. Wurstisen 
1572 Paulj und Aemilij und Arnoldj Ferrarj . . Historien I, 263: ,l)ie 
Teutschen herren trugen jhrer nation rechnung*; ferner 1. 429; .ihr 
solten doch der zeit rechnung getragen haben* II; 65, od. II. 72: 103 u. ö. 
J. Schlusser von Suderbnrg, Beschreibung des Protestierenden 
Kriegs 25 (nach der Ausgabe von Basel 1573): ,er trage auß un- 
gepürlicher gemüts trotzheit. weder Göttlicher noch Weltlicher Sachen 
rechnung. Im Original des Lambertus Hortensius (Basel 1560) De 
bello Gennanico libri septem S. 29 steht: ,Eum nihil divini aut 
humani juris, pre impotenti animi ferocia. sanctum servare*. Johann 
Fuglinus 1586 de praestigiis daemonum 133*: ,Nun aber ob ich 
jhn gleich als wol kenne, als der jhn selbst gemacht hat, wil ich 
doch seines namens auff dißmal verschonen, vnnd meiner eignen 
conscientz, die mir bescheidenheit vnnd frerabder lästern verdeckunge, 
soviel jmmer müglich gebent, rechnung tragen*. Aus dem Original 
bei Wierus lib. II, cap. XVII ist nichts zu erschließen. — J. Gugger 
1590 Christliche Heerpredigten II, 32: ,Dargegen aber welche Kinder 
jhrer Eltern kein rechnung tragen, die kommen zuschanden*. Aus 
dem 17. Jahrhundert stammen drei Belege: 

, Darneben ich noch mehr da find 
Wohnungen vil der Oberkeit, 

Die aller Sachen Rechnung treit*. 


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240 


J. R. Rebmann 1020 Naturae Magnalia 032. — J. J. Grasser 1623 
Waldensische Chronica 47: .Sie pflegten auch den Gefangnen bald 
den Todt zu träwen, sprechende, trage deiner Seele rechnung, 
und widerspreche deinem Irrthurab 4 . Bei dem dritten konnte leider 
das französische Original nicht verglichen werden. H. Widerhold 
1681 Beschreibung der sechs Reisen I, 65 a : ,Welches die Ursach, 
daß dieser Mosqu6e wenig Rechnung getragen wird 4 . Schirmer 
1911 Kaufmannssprache 155 hat nachgewiesen, daß wir bei den 
Redensarten mit Rechnung ein Bedeutungslehnwort von Cento an¬ 
nehmen müssen. So wird auch, worauf Herr Professor Siebs mich 
hinweist, ,Rechnung tragen 4 auf italienischen Ursprung zurückgehen, 
vielleicht ist es eine Wiedergabe des italienischen render conto, 
oder portare conto 4 . Dr. Hilka belehrte mich, daß render conto 
in der lombardischen Geschäftsprache gebräuchlich gewesen ,und von 
hier in die französische ,rendre compte* übernommen worden sei. 
Für ,Rechnung tragen 4 begegnet gelegentlich auch »Rechnung halten, 
so z. B. bei Wurstisen, a. a. 0. I, 191: ,Er hielt nicht nur seiner 
verwandtschafft, sonder auch wolverdienter leuten nnd guter freunden 
rechnung 4 . 

Beinschen. Im DWB. VIII, 708 ist das Wort aus Campe 
(1807) III, 405, der es als ein obersächsisches gewöhnlicher Rede 
angehöriges bezeichnet, übernommen. Belege bringt keiner. Im 
16. Jahrhundert haben wir das Wort noch in der Predigtliteratur. 
,welchesdenn jhrviel begeren nnd darnach reinischen 4 . J.Mathesius 
1591 Corinthier I, 220 b : ,Pferde rin sehen 4 bei Geo. Phil. Hars- 
dörffer 1654 Geschichtspiegel 720; Helwig 1666 Ormund 9: 
.welcher (Schimmel) sich mit stetem wiehelm oder rinschen streitbar 
erzeigete 4 ; Reichel 1754 Bodmerias 33: ,nach unserem Beyfall 
rein seht, letzt nur ein Tröpfchen Lob 4 . Wieder aufgenommeu hat 
dann das wohl ziemlich seltene Wort G. Regis 1832 in seiner 
Rabelaisfibersetzung I, 6-59: .Ich lechz, ich reintsch nach bravem 
Dienst und Arbeit, wie vier Acker Ochsen 4 . Die Niederdeutsche Form 
wrinschen verwendet A. H. Buchholtz 1666 Herkules l, 238 1 : 
»Worauf die Pferde ein solches wrinschen, schlagen und beißen unter 
sich anligen . . . 4 Hier wie bei Harsdorffer und Helwig heißt es nur 
wiehern 4 , (vgl. übrigens Schiller-Lübbeu s. v. und Neumarkter Rechts-, 
buch 167 (cap. 564): ,pfert die rennischz sint 4 ; und Lexer II, 405 1 
s. v. renschen; Germ. VII, 491; Grafl'I, 978; Frisch II, 458*; Müller- 
Fraureuth II, 346). 


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‘241 


Salbader. Von den bisher versuchten Erklärungen, die DWB. 
VIII, 1882, Weigand-Hirt II, 840 verzeichnet stehen, dürfte keine 
befriedigen, auch die Schröders, Streckformen 17-s ist sehr unwahr¬ 
scheinlich. Sollte das Wort nicht entstanden sein aus Salmbader? 
Was Salm bedeutet, erklärt das DWB. VIII, 1898 u. Weigand-Hirt II, 
84*2. Sachlich und lautlich dürfte diese Deutung keine Schwierigkeit 
machen, und einfach ungesucht ist sie auch. 

Sohaumblasen des Widerspruchs. Über die Schaumspritzen 
jugendlicher Freiheit hat Gombert gehandelt Zs. f. d. W. III, 330. 
Die Schaumblasen des Widerspruchs ist eine Redewendung, die 
B. Weber in den Charakterbildern 399 gebraucht. Das Buch ist 
erst 1K53 erschienen, der liier in Betracht kommende Aufsatz aber 
bereits 1848 im Tiroler Boten. Er kann frühestens im Oktober ge¬ 
schrieben sein, denn Dölliger hat den Vortrag, den Weber hier meint, 
damals bei Gründung des Piusvereins gehalten. Es heißt dort also: 
,Sein Vortrag (sc. Döllingers Vortrag in Mainz) floß bestimmt und 
überzeugend im Bette logischer Entwicklung, mit unerbittlicher 
Consequenz alle Schaumblasen des Widerspruchs fortreißend, 
nicht ohne die Artigkeit eines gebildeten Gesichtes 4 . 

Schneiden. Vergleiche Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 133 lg. 
Zu beachten ist, was Kohl 1844 Land und Leute auf den brit. Inseln 
sagt II, 97 fg.: Gefallt ihm (dem Peer) ein Plebejer, mit dem er 
einmal bekannt wurde, nicht, so nimmt er nie wieder Notiz von ihm. 
Er blickt ihn nicht einmal an, oder fällt sein Auge etwa zufällig 
auf ihn, so kennt er ihn nicht mehr. Will er ihn nicht wieder in 
seinem Hause sehen, „schneidet er ihn ab“ (he cuts him) und 
dabei hat die Sache für ewig ihr Bewenden 4 . 

Seelenpflege. Das DWB. belegt das Wort zuerst aus Herder. 
Dieser hat es aber fraglos von Zinzendorf übernommen. Daß Herder 
die Schriften Zinzendorfs kannte, ist bekannt. Ferner aber gehörte 
das Wort zu den sogenannten Hernhuter Schlagworten und als so 
einzig Herrnhutisch, daß jeder, der es gebrauchte, sich sofort als 
Hernhuter offenbarte. Bei Fresenius 1748 Bewährte Nachrichten II, 
344 finden wir: ,Wenn aber nachhero die Zeugen-Sache und See len- 
Pflege, wie die Sprache der Hernhuter lautet, allhier ordentlich 
übergeben habe, ist mir noch nicht so merklich vorgekommen 4 . Maria 
Philippine Rönnau klagt 17;>5: ,Wann sie die arme Seele durch 
verkehrten Unterricht, in dem sie die Seelenpflege nicht verstehen, 
verwundet haben 4 in ihrem Büchlein ,Wahrhaftige und gründliche 

MitteiJnngeu d. Fehles. Ges. f. Vkde. Bd. XIX. 1*> 


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242 


Entdeckung Einiger Geheimnisse 3. Ich schließe einige Belege aus 
Zinzendorf au. Gesangbuch der Brüdergemeinde Nr. 2103. 7: .Sein 
Geist, die Mutter (denn das heißt und ist er) der masset sich der 
Seelenpflege an, salbt und bestellt auch der Gemeine Priester, 
und giebt ihnen leicht verstand und plan*: und Nr. 2140,(5: 

,Zu ihrer desto bessern seelen-ptlege, 
hast du’s gerichtet in die selge wege‘. 

Zinzendorf 1748 Marienborner Gemeinreden II, 228: ,Dann wird man 
geptleget und gewartet: dann wird einem alles auf die Seite geräumt, 
was einem schädlich sein könnte, und das heißt Gemeinschatt, 
Ordnung, Einrichtung Seelen-Pflege: aber keine Seelenpflege 
kann uns so machen, sondern nur, wenn sie so sind, bewahren, fort¬ 
führen, schmücken, die Gnade, die da ist, merklicher, gebräuchlicher 
und appieabler machen*. Sehr oft verwendet Spangenberg das Wort 
in seiner Biographie des Grafen, z. B. 424. 543. 841. 960, deß- 
gleiehen Cranz, der erste Verfasser einer Brüderhistorie, z. B. (522: 
,darait sie an ihren Orten die nöthige Seelen-Pflege und Erbauung 
genießen könten*; und Seite 548: .und ihnen eine heilsame Seelen- 
Pflege nach ihrem Grad angedeihen zu lassen 1 . Früher findet sich 
das Wort bei A. Pape 1605 Jonas Rhythmicus b7 a : ,zu seinen 
Amptsgeschäfften und Seelenpfleg seinen Göttlichen Segen sprechen, 
das eine reiche Erndte drauff erfolge*; und 1(573 bei Chr. Grvphius, 
Heliconischer Reichs-Tag 154: ,und solche zu denen Postillen ver¬ 
dammte und geschworne geistlose Geistliche von der hochwichtigen 
Seelen-Pflege gänzlich ausschließen oder abschaffen sollen*. Dann 
bei E. Francisci 168 i Trauer-Saal 4, 889: ,angemerckt, der König ihm, 
auf seine Bitte, den neun und zwanzigsten, daran er sonst hätte sterben 
sollen, zu seiner Seelen-Pflege verwilliget hat*. Das Wort Seele n- 
oder Seel-Pfleger, das Francisci a. a. 0. II, 1036 (ehe ihn sein 
Seel-Pfleger mit Trost und Rath versorget) gebraucht, scheint sich bei 
Zinzendorf nicht zu finden; das Wort ist aber viel älter: vgl. Lexer, 
s. v. u. Zs. f. d. W. XV. 205». 

Seeleiistille. Im DWB. wird es erst aus Jean Paul belegt. 
Im Gesangbuch der Brüdergemeinde finden wir es in Liedern, die 
aus dem Jahre 1729 stammen; z. B. 1446,3: 

,Dein seeliges Häufflein nehme zu 
an innrer Seelenstille, 
und gehe ein in seine ruh, 
denn das ist Gottes Wille* - 


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744, lfi: Und gegenüber ruht ein leue, 
der seelen-stille heist: 
und wenn die weit zerreist, 
so hofft er auf eine neue 1 . 

Spangenberg bemerkt in der Lebensbeschreibung Zinzendorfs zum 
Jahre 1729 auf Seite'>51: ,Mit der Hofnung (sc. verband er in der 
Auslegung 1. Kor. 13, 13) die Begnfigsamkeit, Gelassenheit, Weisheit, 
Vorsicht, Seelen stille usw.‘. 

Stimmvieh. Ladendorf 303: K. F. Arnold, Zs. f. d. W. VIII, 
20. Als Beleg möge noch angefügt werden eine Stelle aus J. Sehen - 
1872 Hammerschläge und Historien 146: ,das Stimmvieh 1 , wie die 
Yankees ihre irischen Mitbürger nicht gerade schmeichelhaft nennen - . 
In Hessen war der Ausdruck Wahl vieh im Gebrauche, wie K. Braun, 
Bilder aus der deutschen Kleinstaaterei II (1881) 121 bezeugt. 

Streber (Gombert, Zs. f. d. W. II, 310; Ladendorf 304; Arnold, 
Zs. f. d. W. VIII, 21: Gombert VIII. 136). S. Hensel, Familie 
Mendelssohn I, 181 druckt einen Brief der Fanny M. ab vom 25. XII. 
1828: ,Wissen Sie aber auch, daß er (d. h. A. v. Humboldt) auf 
Höchstes Begehren einen zweiten Kursus im Saal der Singakademie 
begonnen hat, an dem alles Theil nimmt, was nur einigermaßen auf 
Bildung und Mode Anspruch macht, vom König und ganzen Hof, 
durch alle Minister, Generale, Offiziere, Künstler, Gelehrte, Schrift¬ 
steller, schöne und häßliche Geister, Streber, Studenten und Damen 
bis zu dero unwürdigen Correspondentin herab? — Hier hat das 
Wort augenscheinlich noch nicht den unangenehmen Beigeschmack. 
Man vergleiche nun damit folgenden Satz aus B. Weber 1S41 Tirol 
und die Reformation 34: ,Um den eigenen Priesterbedarf zu decken, 
hatten die Stiftsvorstände ohne Rücksichten auf die Vorschriften der 
Kirche oft unreife Jünglinge von 18 Jahren, Laienbrüder ohne ge¬ 
lehrte Kenntnisse, weltdurchtricbene Strebeköpfe zu den höheren 
Weihen des Priestertums befördert 4 . Es scheint Weber das Wort 
Streber mit dem übelen Übersinn bereits gekannt zu haben, war ihm 
aber wahrscheinlich für diese durchtriebene Gesellschaft noch zu edel, 
oder aber, es war diese Bedeutung noch nicht durchgedrungen, und 
so griff er zu dem Ausdruck Strebekopf. 

Das tolle Jahr. vgl. Gombert, Zs. f. d. W. VIII, 137. Wir 
lesen nun noch bei Henke 1867 Jacob Friedrich Fries 20s in der 
Anm. Kunstausdruck (d. h. daß das Jahr 1819 das tolle Jahr ge- 

16 * 


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244 


nannt worden ia-t). des Bearbeiters der Geschichte dieses Jahres» 
L. K. Ägidi aus dem Jahre 1 .'S 19 (2. Autl. Hamburg 1861)'. Ich 
kenne das Buch von Ägidi nicht: ob er aber gewußt hat, daß Erfurt 
das Jahr 1509 so geheißen hat, wäre auch erst noch festzustellen. 

I Überproduktion. Gombert 1908 Festgabe 71 führt einen 
Ausbruch des Fürsten Lichnowsky aus der Sitzung des Vereinigten 
preußischen Landtages vom 17. Mai 1-S47 an. Ich verweise auf 
J. G. Kohl 1S44 Reisen in England und Wales 1, 95: .Denn die 
außerordentliche und übertriebene Production (overproduction) in 
ihren immensen Manufacturen hat die englischen Kautleute zu oft. 
verzweifelten Mitteln und zu einer gezwungenen Ausfuhr verleitet'; 
und II, 184: ,Außer der eigenen Überarbeitung (overproduction) sind 
dann auch von außen her mächtige Competitoien aufgetreten'. Das 
Wort ist also wahrscheinlich aus dem Englischen herübergenommen. 

l’msattcln. Weigand-Hirt belegen das Wort zuerst 1780 aus 
Adelungs Versuch. Kluge dagegen EWB. 8 465 verweist auf Stieler! 
Mitteil. XVII, 113 ist eine Stelle aus Herbergers Predigtsammlung 

über Jesus Sirach abgedruckt, in der das Wort in der uns jetzt 

geläufigsten Bedeutung erscheint, das Studium wechseln. Gedruckt 
sind diese Predigten erst 165)8: sie sind aber gehalten worden 

in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts, wie Herberger selbst 
mehrfach andeutet, z. B. 579*: ,und sie (die Predigten) auff den 
nächsten Dienstag (Anno 1588, den 7. July) wieder anfangen wollen 4 . 
So gehört dieser Beleg in das Ende des 16. Jahrhundert, und 

wird bis jetzt der früheste sein. Bemerkenswert ist, daß bei einer 
ziemlich reichen Zahl späterer Belege aus dem 17. und 18. Jahr¬ 
hundert nur noch ein einziger zur Verfügung steht, wo das Wort in 
derselben Bedeutung stellt^ wie bei Herberger; 1735 Historisch = 
als Theol. Nachricht von der Herrnhuthischen Brüderschaft 37: ,der 
erstlich Theologiam studiret, und umgesattelt'. In den anderen 
Belegen drückt das Wort aus .die Meinung, die Gesinnung, den 
Glauben wechseln*. ,So beklagt sich im gleichen Zwinglius von 
seinen Jüngern, das sie auch bei gelegenbeit leichtlich umbsatteln 
wen sich der wind nur ein wenig verdrehet-. 0. Ulenberg 1589, 
Erhebliche ,und wichtige Ursachen 346. .Es ist jetzo in der Welt 
dahin kommen, daß mancher mit seiner Religion spielet, und sie umb 
ein Hand voll Seid oder Ehrgeitz gantz wiederlich dahin gibt. Und das 
heißet man mit einem Gelächter umgesattelt-. 1). v. Rudelstadt 1638 
Frühlingsgedichte'20. CasperDanckwerth 1652 Neue Landesbeschreibung 


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der Zwey Herzogtümer Schleswich und Holstein 122*: .als ihr Raht 
mit Eydes Pflichten verbunden, dennoch um gesattelt, und sich auf 
des Königs Seite begeben 4 . E. Francisci 1(172 Trauer-Saal III. <>29 
,daß sie wieder umsattelte, und zum Heidentum fiele 4 : Kramer 
1681 Leben und Tapflere Thaten der. . Seehelden 289: .so bald sie 
unsere Fahnen und Standarten sehen, unverzüglich umsatteln und 
das schwere Dienst-Joch mit der santt't- und friedlichen Christen- 
Regierung. von Hertzen gern verwechseln werden 4 ; und 456: .der 
(sc. Her Kardinal) sonsten gar wankelmütig, und leichtlicfi um- 
satteln dörtfte 4 . Hier ist das Holländische om te aerselen so 
wiedergegeben worden: J. W. Valvasor 1689 Die Ehre des Hertzog- 
thums Grain 11, 1*8: .weil die Sclavonische Völcker beydes an Gemüt, 
und auch sonst äußerlich, sehr wandelbar und unbeständig gewest, 
in ihren Entschließungen gar leicht umgesattelt, und sich von 
einem zum Andren bald gewendet 4 ; III. 21)1: .weil er dann sorgte, 
König Ladislaus dörfftc eine Ungnade auf ihn werfl'en. und dieselbe 
über solche seine Güter, auslassen: sattelte er um, und beschloß 
dem König zu Liebe, den Keyser, in der Stadt Cilli, zu überfallen 4 ; 
K. F. Paullini 1695 Zeit-kurtze Erbauliche Lust 23: ,da wirstu 
sehen, was er für ein Heiligen-Fresser sey, wie bald wird er um¬ 
satteln, und doch ins Angesicht (öffentlich) segnen und vermaledeien 4 ; 
J. Kraus 1716 Schwachheiten des Lutherischen Confessionisten II. 36: 
, . . weil die Lutheraner bewiesen haben, daß die Luthrischen ihrer 
Lehre nicht öffters umgesattelt, wie es der Catholisehe Author vor¬ 
gegeben hat 4 : Karoline Schulze-Kummernik, Lebenserinnerungen 
II. 118: .Ja, H. v. Verv behält die Direktion bis er wieder um- 
sattelt und von neuem andern Sinnes wird 4 . Man vergleiche auch 
noch E. Francisci 1678 Seelen-labende Kuhstunden I, 1142: ,der 
trauet dem Winde, der doch alle Stunden umsatteln kann 4 . Ganz 
ähnlich Valvasor, a. a. 0. I, 308. Das Hauptwort begegnet bei 
Valvasor a. a. 0. II, 402: ,Die Länder Karndten und Grain folgten 
aber denen Ungarn, in vorerzehlter ihrer Umsattlung vom Ohristen- 
zum Heidenthum, nicht nach 4 ; I, 275 wird der Timavus, weil er 
bald über, bald unter der Erde fließt ,Um sattlcr 4 genannt. Auf 
die von Sanders II, 2, 860 b : Sehwz. Idiot. VII, 1+40; Martin-Lienhart, 
TI, 379; Müller-Fraureuth II, 596» gesammelten Belege braucht hier 
nicht eingegangen werden, weil sie wortgeschichtlich nichts Neues bieten. 

Unternehmer. In der Neuauflage von Weigand wird be¬ 
hauptet, das Wort trete erst im 19. Jahrhundert auf und sei nach 


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entrepreneur gebildet. Doch bei J. A. Ebert 1760 Young’s Xacht- 
gedanken I, 142* Amn. lesen wir: ,Ks gibt nämlich in England 
Leute, die man Upholders oder Undertakers (Unternehmer) nennt, 
unter welcher letztem Benennung sie mir nur sonst bekannt waren; 
die. sobald eine Standesperson öffentlich begraben werden soll, für 
ein gewisses bedungnes Geld, das der Feyerlichkeit des Begräbnisses 
gemäß ist, die Einrichtung der ganzen Oeremonie übernehmen, und 
alles, was dazu erforderlich wird, anschatten’; 1784 Reise durch den 
Bayrischen Kreis N8: .der Muth der Unternehmer lebte wieder 
auf': 148: .Die Unternehmer dieses Schweinehandels reisen in 
ganz Bayern herum, und heißen gewöhnlich Sautreiber 4 ; J. Ohr. Fr. 
Gutsmuths 1799 Meine Reise im deutschen Vaterlande 14: ,Unsere 
Lese Gesellschaften leisten ziemlich viel, wenn sie nur nicht zum 
Theil erbärmliche Unternehmer hätten, welche der Welt das Roman¬ 
tieber inokulirten 4 . W. v. Kaltenborn 1790 Briefe eines alten Preußi¬ 
schen Offiziers 1, 79: ,und hat sich sehr oft von Unwissenden oder 
gar treulosen Unternehmern betrügen lassen’. Vgl. auch Ohr. T. Wein- 
ling 1784 Briefe über Rom III, 28. 80. 

Voll und ganz (Zs. II. 318. 343: V, 1 -?4). Denn so durch 
vnsern unvleis die lere vnsers glauben» nicht lauter und rein ge¬ 
handelt. oder nicht gantz und völlig dem volck furgetragen und 
nicht recht geteilt wird, so werden wir gar schwer straff dafür leiden 
müssen 4 . Urbanus Regius, wie man fürsichtiglich und ohne ärgernis¬ 
reden soll 30; E. Sarcerius 1553 Hausbuch für die Einfeltigen Haus- 
veter 143 b : .Denn es kan wol geschehen, das der Mensch das 
Sacrament völlig und gantz habe, und doch einen verkerten glauben 4 . 
,es sein etliche actiones, vermittelst deren wir nit allzeit dasjenige, 
was man uns schuldig, gantz und völlig, sonder bißweilen weniger 
bekommen 4 . B. Lang 1645 Zinß Scharmützel ‘248. .Denn voll und 
ganz müssen die beiden Wesen, Mann und Weib, sich vereinen und 
zusammen einen höheren Leib bilden 4 . (Aus dem Jahre 1830)* 
J. C. Bluntschli, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben I, 108. 1848 
schreibt H. von Mühler: Krank, und das in solcher Zeit, wo es aller 
Kraft und Gesundheit bedarf, um voll und ganz der Zukunft ins 
Auge zu sehen 4 39. 

Weinerlich. Weigand-Hirt II, 1231 aus Duez 1664: Von 
Lessing 4, 110 als Übersetzung des frz. Larmoyant verteidigt. Als 
Adv. bei Hermes, Soph. Reis. I, 641. Das Wort findet sich bereits 
15Q3 das buch geistlicher Gnaden 67 b : .darüber hat sie verlorn alle 


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gnade vnd gewöhnliche Süßigkeit auch besuchung gotis alßo das sie 
auch weinerlich claget 4 . 

Weltmarkt, vgl. Gombert 1903 Über das Alter 78; Ladendorf 
190t! S. 333; Weigand-Hirt verweist auf Ladendorf, hebt aber nur 
das Auftreten als Schlagwort um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
hervor, und gibt nicht wie sonst den frühesten Beleg an. Gombert 
hatte nun das Wort aus dem Jahre 1651 beigebracht. Etwas früher 
hinauf kommen wir durch folgenden Beleg. Jeremias Dyke 1638 
Nosce te ipsum 370: .Ein andermal haben wir Ochsen, Pferd, 
Schwein, etc. vom Weltmarck heimbracht 4 . Die Beziehung auf 
Lc. 14, 19 ist nicht zu verkennen. 

Windfeier. Theodor Matthias, Moltke in der Sprache seiner 
Briefe 261 (Heft 28 der Wissenschaftlichen Beihefte zur Zs. d. ADSp.) 
scheint anzunehmen: daß der Ausdruck ,mehrere Stunden wurden 
gewindfeiert 4 eine Bildnng Moltkes sei. Doch vgl. jetzt DWB. s. v. 
Das Verbum habe ich noch angemerkt aus W. H. v. Hohberg 1663 
Der Habspurgische Ottobert, Ttt 2 b : ,wann muß Windfeyren ein 
Schiftmann auf der See 4 . Das Wort ist von ,Windfeier* gebildet. Wir 
lesen nämlich bei K. J. Weber 1827 Deutschland II, 116: ,es geht 
langsamer und langweiliger her (die Fahrt auf der Donau zu Schifte), 
als auf dem Postwagen, und der Reisende ist Nebensache, die Waren 
sind Hauptsache, und alle Augenblicke hält man Wi ndfeier 4 . Das war 
nun ein Ausdruck der Donauschiffer, wenn sie wegen Mangel an Wind 
still liegen mußten, oder, worüber Weber das nötige bemerkt, aus 
allen möglichen Urssslien Windfeiern machen wollten. Weber ge¬ 
braucht das Wort öfter. Das Verbum habe ich mir nicht angemerkt. 
Warum im DW T B. das Wort Windfeier übergangen ist, wo diese 
Weberstelle der Zentralsammelstelle bekannt war, ist nicht recht zu 
ersehen. 

Ziviler Preis. Gombert, Zs. f. d. W. II, 62 hat den Aus¬ 
druck aus Liscow vom Jahre 1736 beigebracht, Weigand-Hirt aus 
Nehring 1710. Im Jahre 1668 gebraucht ihn J. G. Glauberus in 
dem Schriftchen Glauberus concentratus: ,I)eßgleichen alle diejenige 
Medicamenta, . . gleicherweise umb einen civilen Preiß an dehnen 
die solche rare Medicamenten etwan nöthig haben möchten, über zu 
lassen 4 . Angeschlossen sei noch P. J. Marperger 1717 Ausführliche 
Beschreibung des Haar- und Feder-Handels 177: ,vnd so etwan ein 
Herr Johannes . . gern eine Blonde Peruque tragen wolte, so kann er 
mit einer solchen .. gar wol und in civilen Preiß ... bedienet werdend 


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Ein schlesisches Quellenbuch der 
Kundensprache. 

Von l»r. Helmut Wocke in Hayuau. 


Mehrere (schon gedruckte) Wortlisten aus der Sprache der Hand¬ 
werksburschen gibt Friedrich Kluge in dem 1. Band seines „Rot¬ 
welsch“ wieder 1 ). Eine weitere wichtige Quelle, auf die man aber 
m. W. noch nirgends hingewiesen hat, ist der autobiographische 
Roman des schlesischen Schriftstellers Paul Barsch „Von einem, 
der auszog“ (Schweidnitz. Volksausg., 5. Aufl. o. J.), in dem wir ein 
anschauliches Bild von dem Leben auf der Landstraße erhalten. Die 
in dem Buche verstreuten Ausdrücke der Kundensprache stelle ich, 
zugleich mit Barschs Erklärungen, in alphabetischer Reihenfolge zu¬ 
sammen 2 ). 

abklopfen betteln. — arbeiten Geschenke einholen. — Asche 
Geld. — Bankarbeit machen auf der Bank in der Gaststube 
schlafen. — Berliner Ränzel. — Bettelstempel ein Stempel, der 
anzeigt, daß man ein Ortsgeschenk erhalten hat; S. 325; „seine 
eigenen Fleppen seien noch ganz dufte“, d. h. einwandsfrei, ohne 


l ) Die neuesten Veröffentlichungen über Rotwelsch und Ter wandte Sprachen 
sind Ernst Bi sch off, Wörterbuch der wichtigsten Geheim- und Berufssprachen. 
Jüdisch-deutsch, Rotwelsch, Kundensprache: Soldaten-, Seemanns-, Weidmanns-, 
• Bergmanns- und Komödiantensprache, Leipzig 1916 und L. Günther, Das 
Gefängnis im Gaunermunde, Kölnische Zeitung, 29. Juni 1917 (N. 619) und 
8. Juli 1917 (Beilage N. 27). 

a ) In den Anmerkungen sei auf die gleichen Ausdrücke in derSoldaten- 
sprache hingewiesen. Horn = Paul Horn, Die deutsche Soldatensprache, 
2. Aufl., Gießen 1905. Höchst. = Gustav Hochstetter, Der feldgraue Büch¬ 
mann, Berlin, o. J. Bächtold = Hanns Bachtold, Aus Leben und Sprache 
des Schweizer Soldaten, Basel und Straßburg 1916. Maußer = Otto Maußcr, 
Deutsche Soldatensprache, Straßburg 1917. Imme = Theodor Imme, Die 
deutsche Soldatensprache der Gegenwart und ihr Humor, Dortmund 1917. 


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250 

Kies Geld. — im Kittchen stecken eingesperrt sein. — Kluft 
Kleidung im allgemeinen 1 ). — Kohldampf schieben Hunger haben*). 

— Krauter Meister. — Kunde reisender Handwerksbursche; dann 
Losungswort. (Gegenlosung kenn). — Landkarte Gesicht. — Leiche 
Käse. — Macht’s gut Kundengruß. — massenbach massenhaft. 

— Messingdrähte Mohrrüben. — Metall Geld. — eine mieße 
Winde ein Haus, dessen Bewohner nicht freigebig sind. Mutter 
Herbergsmutter. — Penne Herberge; meist: christliche Herberge 
zur Heimat, in der der Wirt auf Ordnung und Ruhe hält, im Gegen¬ 
satz zur wilden Penne. — Pennebos Herbergsvater. — Pflanzer 
Schuhmacher. — Pickus, ein guter Pickus etwas Zünftiges für 
den Magen. — pochen bei den Meistern seines Handwerks um 
Arbeit anfragen oder Geschenke einsammeln; S. 320: „Uns fragte 
er, ob wir auf die Fahrt gestiegen seien, und Heinrich erwiderte, 
wir seien nur pochen gewesen“. — Pocht Bett. — Polende Polizei. 

— Poscher Pfennig. — Putz Gendarm. — Rasse. S. 193: Da 
sieht man gleich, was Rasse, d. h. was ein rechter Kunde ist. — 
Deutsche Reichskäfer Kleiderläuse. — Religion Beruf, Hand¬ 
werk; S. 206: „Was hast Du für eine Religion?“ — Rüssel¬ 
schaber Barbier 3 ). — Sänftchen Bett. — Sänftling Bett. — 
Schal lach Schulmeister. — Sehen i ge lei Arbeit. — schenigelu 
arbeiten. — Schlafpulver Schnaps. — Schlummerkarte Schlaf¬ 
marke. — Schlummerkies Geld für eine Schlafmarke, für ein Bett. 

— schmoren das erbettelte Geld vertrinken; S. 193: „Am Tage 
dalf ich zünftig und abends schmor’ ich zünftig*).“ — auf den 
Schub kommen nach der Heimat zwangsweise befördert werden, 
wegen wiederholten Betteins oder Landstreichens. — schwarz sein 
keine Papiere besitzen. — Schweechen Schnapstrinken; S. 194: 
„Mir kommt nich bald eener gleich; im 'rippein nicli, im Dalfen 
nich und im Schweechen nicht.“ — sitzen lassen ausgeben; S. 195: 
„Was ich am Tage zusammendalfe, laß ich abends auf der Penne 
sitzen. Das ist bei mir Ehrensache.“ — Soroff Schnaps. — Spitz 
Gendarm. Staude Hemd s ). — gut stecken freigebig sein; S.304: 

J ) Soldatenspräche: Horn 9, 62 (= Waffenrock), Höchst. 9 (= Waffen- 
rork), Imme 112 (a) Anzug des Soldaten, b) Waffenrock). 

*) Soldaten spräche: Horn 87, Höchst. 52, Bkchtold 62, Mauffer 65, 100, 
Imme 17 (Kohldampfschicbcr = Beiname des rnteroftiziers), 18, 105. 

3 ) Soldatensprache: Höchst. 28, Imme 45. 

*) Soldaten spräche: H«rn 88. Imme 97. 

5 ) S ol da t i*n spra ch e: Horn 63 (Hanfstaud) u. Anm. 6. 


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„Aber ich sollte denken. Dir könnt es nicht schwer fallen,' fünf 
Flachsen Zusammenhängen. Bei Dir stecken doch die Krauter gut“. 
— Stromer, Landstreicher. Vagabund. — tafter Kunde ein aus¬ 
gebildeter Kunde; noch nicht taften sein. S. 320: „Dabei fand 
ich Gelegenheit, meine schon recht beträchtlichen Kenntnisse der 
Kundensprache zu erweitern und mir noch sonst allerlei nützliches 
Wissen anzueignen, das einem Kunde zur Ehre gereicht und ihm das 
Anrecht gibt, sich als „taften“, das heißt als ausgebildet zu bezeich¬ 
nen.“ — tippeln laufen 1 ). — Usinger Schlesier 2 ). — verschütt 
gehen arretiert werden. — Wagenschmierer Lackierer. — Walz¬ 
bruder ein Handwerksbursche, der auf der Wanderschaft begriffen 
ist. — auf der Walze sein auf der Wanderschaft sein. — Winde 
Haus. — Zinken Stempel. — Zinkenmacher Stempelfälscher; 
S. 323 f.: „Der Zinkenmacher, ein alter, kahlköpfiger und bartloser 
Kunde mit hellen, lauernden Augen, saß mir schrägüber am Tische. 
Er schrieb soeben eine neue „Flebbe“ für einen Kunden. Die alte 
Flebbe (eine Arbeifsbescheinigung), die herumgezeigt wurde, war 
über und über mit Bettelstempeln bedruckt, so daß es Mühe kostete, 
die Schrift zu entziffern. Ich hatte mir erzählen lassen, daß in 
vielen Gegenden, besonders in Süddeutschland, an reisende Hand¬ 
werksburschen sogenannte Ortsgeschenke ausgeteilt werden, und daß 
der Austeiler jedem Geschenknehmer einen Stempel in das Arbeits¬ 
buch oder in das Arbeitszeugnis drucke. Wer viele Bettelstempel 
in den Papieren habe, gelte bei der Polizei ah ein Herumtreiber 
und Faulenzer und sei keinen Augenblick seiner Freiheit sicher. 
Nur der Zinkenmacher könne in solcher Not helfen. Mit flinker 
Hand schrieb nämlich der Zinkenmacher ein neues Zeugnis und 
drückte einen Stempel darauf. . . . Dem Inhaber war auf dem Papier 
bescheinigt, daß er anderthalb Jahr hindurch bei dem Fleischer¬ 
meister Franz Meßner in Altenau gearbeitet und sich während dieser 
Zeit zur vollen Zufriedenheit geführt habe. In veränderter Hand¬ 
schrift folgte dann das Wort „Beglaubigt“, und darunter befand sich 
der Stempel in Blaudruck. Inmitten des Stempels war eine Kirche 
zu sehen. Im Randkreise stand deutlich und sauber zu lesen: „Ge¬ 
meinde Altenau“. Der Namenszug unterhalb des Stempels war un¬ 
leserlich, das Wort „Ortsvorsteher“ aber gut zu entziffern. Als ich 

! ) SoIdatcnsprache; Höchst. 8, Imme 78, 120. 

*j Zur Erklärung «los Namens vgl. Schlesische GescJiichtsb lütter. 
1916, N. 1, S. 23 f. 


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•j 50 


erfuhr, daß der Zinkenmacher den Stempel oder Zinken mit eigener 
Hand hergestellt hatte, galt er mir als verehrungswürdiger Künstler ... 
Er besaß noch andere Zinken mit anderen Ortsnamen und war bereit, 
sie zu verkaufen, das Stück für acht Bleier. Die Zinken gingen von 
Hand zu Hand, und ich sah, daß sie aus Schieferplättchen bestanden. 
Mit einer Feinheit, die ich garnicht für möglich gehalten hätte, 
waren sie ausgraviert. Wie er ein solches Kunstwerk für nur achtzig 
Pfennige verkaufen konnte, blieb mir unklar.“ — zotteln betteln 1 ). 

— Zwirn Geld 1 ). — 

Ein paar Ausdrücke, die ich mir aus dem Munde eines Hand¬ 
werksburschen aufgezeichnet habe, seien zum Schluß noch angeführt: 
Äffchen sein noch nicht „taften“ sein. — Farbuz Barbier. 

— Elementenfärher Brauer. — Finne Schnapstlasche. — er wird 
gefleppt er muß seine Ausweispapiere dem Gendarm vorzeigen. — 
hoch gehen arretiert werden. — Kalfaktor Gehilfe des Herbergs¬ 
vaters, Handlanger 3 ). — Kenn, Mathilde Losungswort. — Klinke 
putzen betteln. — er pickt er ißt: ich habe etwas zum Picken 
ich habe etwas zum essen 4 ). — Platte reißen im Freien übernachten 5 ). 

— Polizeifinger Mohrrübe”). — Schale Kleidung 5 ); er schält 
sich, er zieht sich an; bist Du heute fein in Schale bist du 
heute fein angezogen. — Schwärze Nacht. — Schwarzkünstler 
Buchdrucker. — Sehwimmling Fisch, bes. Hering 8 ). —Sonnen¬ 
schmied Klempner. — Speckjäger ein verbummelter, aber gerissener 
Kunde. — Stenz Stock. — Stichler Schneider. — Trittchen 
Schuh 9 ). — Verpflegung schieben bei jmd. arbeiten und dafür 
Essen und Trinken erhalten. — Vicebos Gehilfe des Herbergs¬ 
vaters. — Walmusch Rock. — Winde Arbeitshaus. — Wind- 
fang Mantel 10 ). 

') Soldaten spräche: Horn 81. Imme 123. 

*) Soldatensprache: Horn 1)5 (= Schnaps) und Anm. 3. Maußer 42. 
s ) Soldatensprache: Horn 38 ( - Oftiziersbedicnter) und 83 (= Angeber). 
Imme 82f. und 90. 4 ) Soldatensprache: Horn 87. Höchst. 53, Imme 7. 104. 

5 ) Soldatcnspraehe: Horn 120 (Platte ruppcn = Ausbleiben in der 
Macht ohne Urlaub), Höchst. 35 u. Imme 75 (in ders. Bedeutung). 

8 ) Soldatensprache: Horn 91, Höchst. 55, Maußer 62 (= gelbe Hübe, 
hannöv.), Imme 110 (= Mohrrilbe). 

7 ) Soldatensprache: Imme 112 (= Waffen rock). 

8 ) Soldatensprache: Höchst. 53. 

y ) Soldatensprache: Horn 9 u. 64, Höchst. 10, Bächtold 60 (Tritt, 
Trittlig). Imme 7 u. 113. 

,0 ) Soldatensprachc: Horn 63, Höchst. 10. Imme 113. 


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Wie der Bauer den Flachs zubereitete. 

Von Kar! Roth>-r in Breslau. 


Noch ums Jahr 1850 stand im Frankensteiner Kreise der Flachs¬ 
bau in hoher Blüte. So besonders in Stolz, dem Geburtsorte meiner 
Mutter, deren Erzählung die folgenden Aufzeichnungen wiedergeben. 
Heute ist der Flachsbau im ganzen Kreise so gut wie ausgestorben, 
und darum geraten auch die Bezeichnungen für die verschiedenen 
Tätigkeiten und Geräte in Vergessenheit, die mit der Flachsverarbeitung 
zusammenhingen. 

Jeder Bauer baute nicht nur so viel Flachs, als er für sich und 
seine Leute brauchte, sondern noch sehr viel darüber für den Handels¬ 
mann oder für den Markt. In Frankenstein war der Flachsmarkt 
auf dem „Schinderplane“. Mit Flachs bezahlte der Bauer auch einen 
Teil des Gesindelohnes. Holtei berichtet im Lammfell *2. 23, daß 
der Hauslehrer auf einem großen Landgute neben fünfzig Taler Jahres¬ 
lohn und freier Station auch „jährliche Leinwand aut sechs Hemden“ 
bekam. Eine Großmagd beim Bauer erhielt jährlich <! Reichstaler, 
15 Ellen wirkene (werkna grobe), 15 Ellen tlächsene (tleksna feinere) 
Leinwand, ß Kloben Flachs, eine grobe Leinwandschürze und eine 
leinene Sonntagsschürze, an deren Stelle bisweilen einen weiteren 
Taler. Häutig wurde auch in gegenseitigem Einverständnisse für den 
einzelnen Dienstboten eine Metze Lein ausgesät. Den Samen mußte 
dieser selbst kaufen und die Bearbeitung „außer der Zeit“ besorgen. 
Dafür erhielt er 2 Kloben Flachs weniger, stand sich dabei aber 
etwas besser, da die Arbeit doch nicht gerechnet wurde. Sparsame 
Dienstboten verfügten auf diese Weise bei ihrer Verheiratung über 
einen erheblichen Vorrat an Flachs und Leinwand, der auf Jahr¬ 
zehnte ihren Familienbedarf deckte. Eine volle Lade war die schönste 
Mitgift. Auch die armen Leute des Dorfes kauften den Flachs 


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•254 


klobenweise vom Hauer. Durch Spinnen verdienten sie sich den not¬ 
wendigen Lebensunterhalt. Das fertige Garn holte allwöchentlich 
der Garnmann (go r nmön). Daher die Redensart: Er hat Geld 
wie ein Garnmann. 

Für den Flachsbau mußte das Land sehr „akrat“ vorbereitet 
werden. Noch heute sagt man, der Acker ist fein wie ein Leinbeete. 
Nach alten Bauernregeln fand die Aussaat vornehmlich in einem 
Lein Zeichen (laentsöqha) statt; das sind Tage, die ein gutes Ge¬ 
deihen der Saat voraussehen lassen. Alte Kalender dürften solche 
Leinzeichen noch anführen. Für Stoppelrüben gelten z. B. als Rüben¬ 
zeichen Laurentius am 10. und Rochus am 16. August 1 ). 

Waren die Pflänzchen etwa fingerlang, so wurde gejätet (jäta, 
jato, gejat). Dieses Wort wurde allein vom Flachs gebraucht: Ge¬ 
treide, Rüben, Kartoffeln u. dgl. werden „ausgetluckt“ (fluka, Hw. 
da fluka). Das Jäten mußte sehr sorgfältig geschehen. Nach der 
Getreideernte kam das Flachsraufen (s tläks refa). „Hamfelweise“ 
ausgebreitet, blieb der Flachs auf dem Felde liegen, bis die „Knutta“, 
(Mz. knuta), d. i. Samenköpfchen, dürre waren. Einmaliges Um¬ 
drehen war gemeiniglich nötig. In großen „Gebfindern u (gabunt,. 
Mz. gabinder) wurde er auf „das Tenne“ (s tena) gefahren und ge¬ 
riffelt. Auf einem in die Seitenwände des Tennos eingelassenen 
Balken waren je nach der Tennbreite drei oder vier Riffeln (de rill, 
Mz. rifa*n) angebracht, damit mehrere gleichzeitig riffeln konnten. 
Jede Riffel bestand aus sechs etwa 22 cm langen, an der Spitze 
leicht gebogenen eisernen Zinken, die so eng standen, daß beim 
Durchziehen die „Knutta“ abgerissen wurden. Diese wurden auf 
dem Boden auf bewahrt, bis sie. am liebsten bei großer Kälte, ge¬ 
droschen werden konnten. „Knuttadrascha war keeno leichte Arbeit“. 
Knuttenspreu (knutasprea) bildete ein beliebtes Viehfutter. Vgl. 
hd. Rüffel, rüffeln. 

Der geriffelte Flachs wurde auf einem Stoppelfelde ganz dünn 
zum Rösten (rista) ansgebreitet und blieb wochenlang liegen, damit 
er durch Regen, Tau und Sonnenschein mürbe und zum Brechen 
vorbereitet wurde. Danach wurde er gebießelt (gobislt), d. i. in 
Gebießel (goblsla vgl. mhd. böje) zusammengerecht und gebunden- 
Ein Gebießel war etwa zwei „Hamfeln“ stark, und eine bestimmte An- 

*) Holtei deutet ein solches Leinzeichen an in „Bilder aus dem häuslichen 
Leben“ 1, 74: Für die Kübensaat möchte das seine Vorteile haben: auch für 
den Flachs, den .Margarete bringt auf die Beete*. 


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zahl traben ein Gebund. Im Winter erfolgte das Dörren (de'n) und 
Brechen (bre^ia). Das Dörr- oder Brechhaus war Gemeinde¬ 
eigentum und stand der Feuersgefahr halber vom Dorfe abseits. 
Dem Dörrmanne (dr dermyn) lag die Heizung und Bewachung des 
Hauses ob: er schlief auch des Nachts darin, wohnte aber im Dorfe. 
Jeder Bauer hatte seinen festgesetzten Brechtag. Zwei Tage vorher 
fuhr der Knecht den Flachs hinaus ins Dörrhaus, und der Dörrinann 
setzte ihn recht fest in die Dörrstube (derstüba) ein. Ln diese war 
eine Art Backofen eingebaut, dessen Einfenerung sich aber in einem 
Nebenraume befand. Unter sehr starker Hitze etwa achtundvierzig 
Stunden gedörrt, war nun der Flachs zum Brechen geeignet, das 
aber in einem andern Baume des Dörrhauses erfolgte, der auch einen 
besonderen Eingang von außen hatte. — Wahrscheinlich an Stelle 
dieser Art dieser Vorbereitung zum Brechen war in noch früheren 
Zeiten der Flachs gerumpelt (garumplt) und gepucht (gepiiQht) 
worden. Über das Humpeln und die Kumpel konnte ich nichts 
erfahren. (Vgl. Kumpelkammer, wahrscheinlich die Kammer, in 
der die Rumpel stand — heut: in der sich Gerümpel belindet.) 
Gepucht, d. i. mit Knütteln geklopft, wurde der Flachs auf der 
Puchbank (puchbanke,). An diese Verrichtung erinnert heute noch 
der Ausdruck Puch-olp als Schelte für ein Mädchen mit widerwärtigen 
Eigenschaften. An die Kumpel knüpfen sich die Scheltwörter n äla 
rumpl, a äles rumplsaet. — 

Im Brechhause standen zu ebener Erde und auf dem Boden 
etwa dreißig bis vierzig Brechen; sie gehörten den Brechweibern, 
von denen sie am Ende der Brechzeit samt dem Rumpelfuße 
(rumplfüs, rumplfisla), dem Gestell, auf dem die Breche befestigt 
wurde, mit nach Hause genommen wurden. Die hölzerne Breche 
(bre< 5 ]) 9 ) war ein einarmiger Hebel zum Zerknicken der festeren 
Stengelteile, wodurch die Flachsfasern freigelegt wurden. Am „an¬ 
gesagten“ Tage schickte der Bauer die Weibsbilder, die Mägde, 
hinaus, und in ein bis zwei Tagen war die Arbeit fertig. Denn die 
Weibsbilder brechten nach der Zahle (nych dr ts$la); die Zahle, 
die vom Bauer festgesetzte Menge, mußte eine jede Magd den 'lag 
über fertig bringen; eher hatte sie nicht Feierabend. Was sie aber 
darüber hinaus noch fertig stellte, wurde ihr besonders vergütet. Die 
Brechweiber erhielten nach Kloben ihre Bezahlung. Die beim Brechen 
herabfallenden Annen (ona, um Münsterberg grona, um Neustadt 
älwa, hd. Scheben) nahmen sich die Brechweiber zur Feuerung mit 


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Original fro-m 

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nach Hause. Zwei Hainfein gebrechten Flachses gaben eine Reiste, 
(raeste, mhd. liste,) und sechzig Hamfeln oder dreißig Reisten wurden 
in einen Kloben (klöba mhd. klobe) gebunden; fünf Kloben gaben 
ein Geb und (gabunt). Was an Flachsfasern beim Brechen abfiel, 
hieß die Zulle (tsula). 

Vorm Spinnen mußte der Flachs noch gehechelt (gahedlilt) 
werden. Die Hechel (he<£hl) stand in einem Schuppen: auf einem 
meterhohen Gestell waren in quadratische hölzerne Platten die 
Hechelzinken (heqhltsiuka) eingelassen, die auf der einen Platte 
enger, auf der anderen weiter zusammen standen. „Beklieben“ ist 
das Wort in der Redensart: die Saat geht auf wie die Hechelzinken 
= sie geht sehr dicht auf. Der fein gehechelte Flachs wurde in 
Kautel (koetla) gedreht; (obersächsisch Flachskaute.) Ein Kautel 
genügte zu einem Rocken (roka). Sehr vorsichtig wurde der Rocken 
angelegt (ygelqt). Der Flachs wurde fein auseinander gezogen, aus¬ 
gebreitet, um das Überrücke (iborike, mhd. überrücke,) gehüllt und 
mit einem bunten Bande umbumlen. Das Überrücke wurde mit dem 
Rocken auf den Rock stecken oder Rocks terzei (rokStetsl) gesteckt. 

Der Abfall vom Hecheln hieß das Werg (werk); dieses wie 
auch die Zulle wurde gekratzelt (kratsaln, gokratslt), mit zwei 
Kratzen gleichsam ausgekämmt. Die Kratze (krotso) bestand aus 
einem Brettchen mit Handgriff, auf dessen Außenseite eine Reihe 
etwas gebogener Zinken (krdtsatsiuka) stand, weiter auseinander als 
bei der Hechel. — Ein ungemein sparsames Weib nennt man eine 
alte Kratze (krotse), weil sie alles zusammenkratzt; schmutzig 
sein, schlecht gekleidet gehen und ein runzeliges Gesicht sind Neben¬ 
begriffe des Ausdrucks. Ist ihr vielleicht die alte Kratzbürste 
des Schriftgebrauches verwandt? — Durch das Kratzein entstanden 
die Kratzein (kratsla Ez. Mz.) Kratzei machen war eine mühsame 
Arbeit, und Kratzei spinnen überließ man gern den ältesten 
Personen. Durch die Öffnung im Handgriff wurde die Kratze auf 
den Rocksterzei gesteckt, ein Kratzel eingelegt, d. h. an den Zinken 
befestigt, und nun übers Rad gesponnen. Aus diesem gröberen 
Garne wurde die wirkene Leinwand (werkno läemt) gemacht; die 
feine Leinwand hieß im Gegensatz dazu flächsene (fleksna laemt). 
Häutig wurde der Leib eines Hemdes aus werkener, die Ärmel aber 
aus tlächsener Leinwand hergestellt; denn mit schön weißen, feinen 
Hemdsärmeln machte man Staat, wenn man am Sonntag Nachmittag 
„hemdsärmelig“ (hemtsermlicl)) ging. 


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Gesponnen wurde mit der Spille (Spila). hd. Spindel, oder mit 
dem Spinnrade (spinrfit, spinrädla). Die Spille war ein geglättetes 
Holzsteekchen etwa von der Länge des Unterarmes, nach unten zu 
etwas stärker werdend. Daran steckte unten der steinerne Wirtel, 
(wertl), durch den der Schwerpunkt auch bei voller Spille unten 
blieb. Gedreht wurde die Spille mit Daumen und Mittelfinger, und 
es gehörte eine gewisse Geschicklichkeit dazu, damit einen recht 
langen Faden zu spinnen, der dann auf die Spille aufgewickelt wurde. 
Daher das Sprichwort: Lange Fädchen, fleißige Mädchen ; kurze 
Fädchen, faule Mädchen (lano tadama, flaesaja mädla, ko r tsa fädama, 
faola mädla). Manche Bauersfrau ließ ausschließlich mit der Spille 
spinnen, weil so das Garn viel feiner wurde. Beim Spinnen mit 
dem Spinnrade wurde leicht der Flachs zu wenig ausgezogen oder 
der Faden zu scharf gedreht. So wurde er knörplich (knerpli<jh) 
oder meeseldrehtich (mefeldröticlj,mifldretich, mesldretich). Meesel- 
drehtig oder miseldrehtig ist heutzutage ein Mensch, wenn er „ver¬ 
dreht“, mürrisch und ärgerlich ist. — Wurde nachmittags in der 
Nachbarschaft ein Besuch gemacht, so wurde zur Ausnutzung der 
Zeit das Spinn zeug (Spintsoek) mitgenommen, und zwar der Be¬ 
quemlichkeit halber lieber die Spille als das Rad: man ging Spillen 
(spila). „Spilla giehn“ heißt heut einfach, einen kurzen (Nach¬ 
mittags-) Besuch in der Nachbarschaft machen. In ähnlicher Weise 
fand am Abend das „Rockengehen“ statt, inan ging „zum Rocken“. 
Die Rockengänger unterhielten sich mit Gesang und Erzählen von 
Geistergeschichten, wurden wohl auch etwas bewirtet. Ans Rocken¬ 
gehen erinnert noch die Drohung: „Komm du mir nur zum Rocken! 
(kum du mr ok tsura roka!) Von den von P. Drechsler in „Sitte, 
Braucli und Volksglaube“ Lpz. 1903 erwähnten Gebräuchen an den 
Rockenabenden war besonders das Aschentopfwerden (S. 171 a.a. 0.) 
üblich. An die beim Werfen des Topfes gerufenen Worte: dö breu 
I<jh a osatöp! faet gabäta un bot mr s loch! knüpft sich die noch 
erhaltene Drohung: dir war i<jh s loch b$da! = dich will ich tüchtig 
verprügeln. Auch der Scheidabend (fiedöbnt) wurde gehalten. 
(S. ebd. S. 173.) 

Aber auch beim Kratzeispinnen blieben noch nutzbare Reste^ 
die Puzen (pütsa). Sie wurden auf dem größeren Puzenrade 
(pütsarädla) gesponnen. Bisweilen wurde auch das gewöhnliche 
Spinnrad dazu eingerichtet. Der Aufsatz, das Flachsgestelle, wurde 
abgenommen und das Puzengestelle pütsagastela) aufgesetzt. 

Mittellnnijen d. Schien. Oe». f. Vkdc. Bd. XIX. 17 


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•_>5X 


Puzengarn = das gröbste Gespinst, Puzenleinwand fand Ver¬ 
wendung zu Arbeitsschürzen, Grastüchern, Pferdedecken, Stubenhadern, 
Futterstoff u. dgl. Wer große Augen hat, höt aoga wi a pütsaryt. 

Für das Spinnrad hat Karl Urban (Landwirtschaftliche Volks¬ 
ausdrücke, Neustadt 0. S. 1897), die Bezeichnung Geist, der in 
meiner Heimat gänzlich unbekannt ist. Die unteren Teile des Spinn¬ 
rades sind das Trittbrett, der Trittli ch (trltli(lj); der Bettel man n 
(batlmyn), seltener Leiermann (laearm$n), bei Urban der Hansel 
genannt, der die Verbindung mit der Radkurbel herstellt; das eigent¬ 
liche Rad (rädla), über das die Rädchenschnur (rädlasnüra) läuft, 
die fast stets aus starker Darmseite bestand und die Bewegung des 
Rades auf den Wirtel überträgt. Dieser gehört aber schon zum 
Rädchengestelle (rädlagaStelo), das ein Flachs-, Werg- oder 
Puzengestelle sein kann. An einer eisernen Spille steckt das 
Schleifel (slefla), bei Urban Pfeifei (faefla), hd. die Spule, da¬ 
hinter der hölzerne Wirtel mit zwei, drei Rillen zur Aufnahme der 
Schnur. Durch längeren Gebrauch vertiefen sich die Furchen, der 
Wirtel wird ausgeniffelt (aosgoniflt) und muß einmal ergänzt 
werden. Vor das hölzerne Schleifel wird die hufeisenförmige Feder 
(fädr) gesteckt; ihre beiden Enden reichen über das ganze Schleifel, 
und durch ihre Löcher wird der Faden auf das Schleifel geleitet. 
Der Faden muß ein Loch weiter gesteckt werden, sobald ein 
Närbchen (nerbla) oder Hälschen (halfla) voll ist. Reißt der 
Faden einmal ab und „fährt hinein“ (naefyrn). so ist sein Ende oft 
schwer zu finden, und es muß von neuem eingefädelt (äegafädmt) 
werden. Daher der wohlmeinende Rat der Eltern an ein aus dem 
Hause gehendes Kind: Laß dir nur den Ort (das Ende des Fadens) 
nicht hineinfahren! lös dr ok a n r t ni naefyrn! = vermeide bald 
von Anfang das Schuldenmachen, man kommt nicht so leicht von 
Schulden los. 

Ist die Spille oder das Schleifel voll, so wird abgeweift oder 
geweift (opwefa, wöfaj. Jene heißt dann Spule (spüle); daher 
„spulen“ auch für gierig, mit vollen Backen essen. Die Weife 
(wefe) war eine kurze oder Breslauer Elle (öle) lang; auf ihre im 
rechten Winkel zueinander stehenden „Hörner“ (wefahom) wurde das 
Garn so übertragen, daß ein Faden vier Ellen maß. Er „weift“ 
(a wöft), sagt man vom schwankenden Gange eines Betrunkenen. 
Beim Weifen sagte mau. wohl nur mehr zum Scherz, die folgenden 
Zählreime (vgl. Mitt. XV, 256; XVI, 153). 


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iu Stolz: 
aens, tswae, doelt, 
liral. liinl, foeh; 
fiml, finil, fiml foeji 
fiml, fiml, foeh. 
wen i<£h glae ni tsela k^tn, 
tswantsidh wä r nr doqh. 


um Ziegenhals: 
es, tswee, doch, 
fiml, fiml, foeh; 
fiml, fiml ihr fiml, 
fiml, fiml, foeh. 
wenn idh glae ni tsela kf>n, 
tswantsidh wä r nr doch 1 ). 


Je 20 Fäden wurden in der Mitte durch einen besonderen 
Faden, den Fitzefaden (fitsafodm), zusammengebunden, gefitzt. 
Hat man die Fäden nicht richtig gezählt, so hat man sich verfitzt. 
Verfitzt sind indessen auch Zwirn, Wolle, Stricke, die ganz verwirrt 
sind. In einen Strick kann man sich auch derart verfitzen, (ver- 
fuchsen frfuksa), daß man hinfällt. Die gefitzten zwanzig Fäden 
waren ein Gebind (gebint). 20 Gebind = eine Zaspel (ts^spl), 
3 Zaspeln = ein Strähn (strän, stränla), 4 Strähne = ein Stück 
(§tike). Zehn oder mehr Stücke wurden zum Weber getragen: nach 
dem Stücke wurde er bezahlt. Zaspel (tsyspl) bezeichnet jetzt eine 
unbestimmte Menge: er hat eine ganze Zaspel Kinder. 

Der Weber (in ursprünglicher Bedeutung) gehört natürlich 
ebenfalls der Vergangenheit an. An ihn sich knüpfende Redens¬ 
arten werden aber bestehen bleiben: Webern (wäbarn) = die 
Beine (heftig) hin und herbewegen. Der Fleischer guckt durch 
den Weber (dr llesr gukt dor<£h a wahr) = durch das zerrissene 
Hemd sieht man die Haut des Armes. Das in katholischen Kirchen 
gesungene observaveris deutet der Volksmund scherzhaft: ops a wäbr 
1s (>br a gornmön, (mit dem Zusatze) wen a ok gelt gonunka höt = 

ob es ein Weber ist, oder ein Garnmann, wenn er nur Geld 

genug hat. Zum Zusammenknüpfen zweier Fäden dient der 
Weberknoten (wäbrknöta), der nie aufgeht. Gar viele aber können 
ihn nicht mehr knüpfen. Darauf bezieht sich Logaus Sinngedicht: 
Ein Weber liegt allhier; sein Faden ist zerrissen, Weiß keinen 
Weber-Knopff, denselben auszubüßen. (Knopf von knüpfen.) 

Die fertige Leinwand (laernt) legte man auf die Bleiche 
(bleche) zum Bleichen, oder man trug sie in die Stadt in die 

*) Vgl. in Ztschr. Oborscblesien 1 481: 

As, zwe-e, doch, Finnnalla, iiunnallu foeh. 

Fiuunalla, tiinmalla, foeh. Wenn ich glci ne zehla koan, 

Fimuialla, linunalla, liuunallafci, Zwanzich sein ihr doch. 

Es sind jedesmal '20 betonte Silben, entsprechend den 20 Faden des Gebinds. 

17* 


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L'tlO 


Bleiche. Selbstgebleiehte Leinwand (lälbr geblochte laemt) war 
nie so ganz weiß: halbgebleichte (holpgobletjhta) sollte angeblich 
haltbarer sein als ganz gebleichte: aus ungebleichter machte man 
die Säcke. Zuweilen wurde auch schon das Garn auf der Garn¬ 
bleiche (gornblööho) selbstgebleicht; anderes ließ man in der 
Farbe fforbe). d. i. in der Färberei, blau färben, zur Anfertigung 
von Züchenleinwand (tsichalaemt). 

Über die Lichtenabende (liöhta-ömda) ist schon verschiedent¬ 
lich berichtet: aber der Ausdruck zum Lichten gehen = einen 
Abendbesuch machen, ist nicht mehr so üblich wie Spillen gehen- 
Auch an den Lichtenabenden wurde nach der Zahle (s. o.) gesponnen. 
Ging die Arbeit besonders gut von statten und man hatte besondere 
Lust dazu, so zahlte es gut, (tsält, teilt), welcher Ausdruck noch 
heut von allerhand andern Arbeiten üblich ist (tsäln), und die Frage: 
Na, wie zahlte? wird sehr häufig von Vorübergehenden an einen 
Arbeitenden gestellt. Wollte die Arbeit des Spinnens nicht recht 
schlaumen (Slaoma), so zahlte wieder besser, wenn die Bauersfrau 
eine Netze (netse) brachte, die meist in verschiedenem Backobste 
bestand. Sie beförderte die Speichelabsonderung, und man konnte 
wieder besser netzen = die Fingerspitzen mit Speichel befeuchten. — 

Wenn auch die Not der Zeit wieder zu vermehrtem Flachsbau 
zwingt — für immer wohl vorüber ist diese Art der bäuerlichen 
Flachsbereitung. 


Mundartenprobe aus Mazedonien. 

Von Tassilo Schultheiß 

Der folgende volkstümliche Text stammt aus einem Dorfe nördlich von Monastir. 

Kbga döjdoa Särbite, so Tnrcina se bia. Nisto löSo ne störija, 
ni nä momi ni nä bulki. Söga pak döjdoa Btigari, nisto löSo ne 
störija i tie, ni Germancite. Ako döjdat setne Francüzite, sicko 
löso ke näpravat i nä momi i nä bulki. Mnögo ot Francüzite i 
straf. Dötie i nöke se sträsvam ot Frencite, da ne dödat. Site site 
höra se bijat, äraa näjveke .Jöncica se böit i vo sönot sköpat ot 
uplava. Ako da se digne Bugärija i Germänija, nie ke otivame, 
sänto se 2äljame mlädosta, so los vek düjde za, mlädite. Ako da ima. 


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Original ffom 

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mir, nema nikoj da se pögubit. Ako döjdat Frencite, sirko ke se 
pögubit imlädosta ke se pögubi nasa i vekot. Dövet meseci sedame, 
vo Makedönija, ötkako otstäpiome ot parva ]>ozicija. Setne sedavme 
vo edna käSta übava vo Särpci. Image nätre vo kästata deset dnsi 
vamilija, samo so ödna biilka se blagodärime mnogo. Nie so neja, 
ta so nas. I)ökaj Bügari södoa, site se oplakvaa. A taja bnlka, so 
sedese prinas, nikak ne se dplaka ot Germancite. Bile mndgo eestni 
Germancite, mndgo eestni lidra bile. I mölit Bdga i Göspoda da sedat 
Bügarite i Germancite, da st an et öden mir i da si djt sekoj vo kasta 
si. I näsite lügje da si döjdat, da se slobödime. Oti sekoj kazvat: 
Püsta Makedönija bez mazi. Se eüdat cela Evropa so Makedönija, 
deka mnogo osiromasi, i toj so imase, maz östana bez mazi, i toj 
so. neniase, edno döjde. Mnogo maöno mu döjde so vojnata. deka rau 
velat: Mazi ke set za spiene, a za ranjenje mazi ne mu set. 


Als die Serben kamen, schlugen sie sich mit den Türken. Sie taten nichts 
Schied)tes, weder Mädchen noch Frauen. Jetzt sind wieder Bulgaren gekommen, 
auch die haben nichts Böses getan, auch nicht die Deutschen. Wenn später 
die Franzosen kommen, werden sic alles Schlechte tun, sowohl Mädchen als 
Frauen. Sie haben viel Angst vor den Franzosen. Tag und Nacht fürchte ich, 
daß die Franzosen kommen. Alle alten Leute fürchten sich, aber am meisten 
Joncica, und erschauern im Schlaf vor Entsetzen. Wenn Bulgaren und Deutsche 
Weggehen, werden wir fortgehen, nur bedauern wir unsere Jugend, denn ein 
schlechtes Zeitalter ist für die jungen Leute angebrochen. Wenn es Frieden 
gibt, geht niemand zugrunde. Wenn die Franzosen kommen, wird alles zugrunde 
gehen, auch unsere Jugend wird zugrunde gehen. Neun Monate wohnen wir in 
Mazedonien, seitdem wir aus der ersten Stellung zurnckgegangcn sind, dann 
wohnten wir in einem schönen Hause in Srpci. Im Hause war eine Familie 
von 10 Köpfen, nur mit einer verheirateten Frau sind wir sehr gut aus¬ 
gekommen. Wir init ihr, sie mit uns. Solange Bulgaren da wohnten, haben 

sich alle beklagt. Aber diese Frau, die bei uns wohnte, hat sich nie über die 
Deutschen beklagt. Die Deutschen waren sehr anständig, es sind sehr an¬ 
ständige Leftte gewesen. Und sie bittet Gott und den Herrn, daß die Bulgaren 
und Deutschen da bleiben, daß ein Friede werde und jeder in sein Haus zurück¬ 
kehrt. Und auch unsere Männer mögen zurnckkommen, damit wir frei werden. 
Denn alle sagen: Leer ist Mazedonien ohne Männer. Ganz Europa wundert 
sich über Mazedonien, weil es so sehr verarmt ist, und was einen Mann hatte, 
hat ihn verloren, und wo keiner war, ist einer gekommen. Recht schwer ist es 

(ihm) geworden mit dem Krieg, denn man sagt: Die Männer werden zum 

Schlafen sein, aber zur Ernährung sind keine Männer da. 


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2<;-j 

Husarenlied. 

Von I)r. Friedrich Andrea© in Breslau. 


Graf Ernst zur Lippe teilt in seinem Husarenbuch Berlin 1863 
S. 54f> „ein Lied der alten schwarzen Husaren, einen ungedruckten [?] 
Feldgesang“ mit: 

1. „Es ist nichts Schöneres auf der Welt und auch nicht so geschwind, 

Als wenn Husaren ziehn ins Feld, wenn wir beisammen sind. 

Wenns blitzt, wenns kracht, wenns donnert gleich, wir schießen rosenrot, 
Wenns Blut von unsern Säbeln fließt, sind wir couragevoll. 

2. 0 ihr Husaren wohl ins gemein, schlagt eure Pistolen an, 

Ergreift den Säbel wohl in der Hand, und gebet kein Pardon. 

So lang die Franzoson nicht deutsch verstehen, so haut nur immer drein, 
Fnd sprechet bassateremtom: der Kopf muß unser sein. - 

In einem vom Kaiser-Wilhelm-Dank durch Hob. Gersbaeh heraus¬ 
gegebenen , „der kleine Kamerad“ betitelten Soldatenliederbüchlein 
Berlin o. J. bei Alfred Wall verlegt, fand ich eine nicht wesentlich 
abweichende Variante dieses Liedes, die allerdings eine Strophe mehr 
enthält: 

1. Es ist nichts lustgeros auf der Welt und auch nichts so geschwind, 

Als wir Husaren in dem Feld, wenn wir in Schlachten sind. 

Wenns blitzt und kracht dem Donner gleich, wir schießen rosenrot; 

Wenns Blut von unserm Körper fließt, sind wir des Mutes voll. 

2. Pa heißts Husaren insgesamt, schlagt die Pistolen an, 

Ergreift den Säbel in die Hand, und gebet kein Pardou! 

Wenn ihr das Franzscbe nicht versteht, so haut auf Ungrisch drein, 

Und sprecht Bassateremtete! Per Kopf muß unser sein. 

3. Wenn gleich manch treuer Kamerad muß bleiben in dem Streit: 

Husaren fragen nichts danach sind all dazu bereit. 

Den Leih begräbt man in der Gruft, der Ruhm bleibt auf der Welt, 

Pie Seele schwingt sich durch die Luft ins blaue Himmelszelt. 

./ 

Strophe 2 dieses Liedes, ist, wie mir der Besitzer dieses Büchleins, 
ein Unteroffizier, aus seiner mehr als zehn .Jahre zurückliegenden 
Dienstzeit versichert (offenbar weil nicht mehr recht verständlich), 
nie gesungen worden, und auch weitere Erkundigungen bei alt 
gedienten Husaren führten zu demselben Ergebnis. Während des 
Krieges habe ich das Lied folgendermaßen singen hören: 


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Original fro-rn 

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263 


1. Es gibt uichts schöneres auf der Welt und kann nichts schönres sein. 

Als wenn Husaren ziehn ins Feld, wenn wir beisammen sein. 

Schatz lebe lebe wohl, und vergiß nicht mein, 

Denn wir können ja nicht immer beisammen sein. 

2. Wenns blitzt, wenns donnert und wenns kracht, wir schießen rosarot, 

Wenn das Blut von unsern Lanzen rollt, also haben wir frohen Mut. Schatz usw. 

3. Der Feind, der kommt von Frankreich her, zu Pferde und auch her zu Fuß, 
Husaren und auch Infanterie 1 ) die Welt regieren muß. Schatz usw. 

4. Es gibt ja nur ein Österreich, es gibt ja nur ein Wien. 

Es gibt ja nur ein deutsches Reich und die Hauptstadt heißt Berlin. Schatz usw. 

Diese letzte Strophe ist erst durch den Krieg entstanden, und 
irre ich mich nicht, ist sie für das Wachsen des Volksliedes recht 
bezeichnend. Die durch den Krieg erst unmittelbar ins Leben 
getretene deutsch-österreichische Waffenbrüderschaft hätte doch auch 
auf eine ganz andere Art und Weise ausgedrückt werden können, 
als durch Berufung auf die beiden Hauptstädte als sinnbildlich da¬ 
für. Aber man knüpft wohl gern an naheliegendes schon vorhanden 
Volksliedmäßiges an und kommt wohl über das „Es gibt nur a 
Kaiserstadt, es gibt nur a Wien“ als Bindeglied zu der neuen 
Formung. 


Agla. 

Von Dr. A. Landau (Wien). 
Zu Mitteilungen Band XVII, 55. 


Agla ist nicht türkisch, sondern aus den Anfangsbuchstaben des im 
jüdischen Morgengebet -verkommenden Satzes 'iTK Ti33 HPK • *Du bist 

mächtig in Ewigkeit, Herr!“ gebildet. Im mitteldeutschen Arzneibuch des 
Meisters Bartholomaeus (Hs. der Wiener Hofbibi. 15. Jahrh.) erscheint es unter 
den „zwain und sibenzig namen Christi“, von denen aber viele gar keine 
Gottesnamen sind. Haupt in Sitzungsber. d. Wiener Akademie, ph.-hist. Kl. 76. 
Bd. 521. Die unrichtige Übersetzung vitulus beruht auf einer Verwechslung 
mit. “?:y, ‘cgel, Kalb. 

Agla findet sich in der Mitte eines „Davidsschildes“ (Hexagramms) 
Kopp, Palaeogr. critica Hl p. 67, besonders häufig in Amuletten zur Abwehr 
von Feuersbrünsten. Beschreibung eines solchen bei Bischoff, Elemente der 
Kabbala II, 193 f. (nach Schudt, Jüd. Merkwürdigkeiten, Frkf. u. Leipz. 1714 ff. 
2. TI. VI. Buch 2. Kap. § 5). Abbildungen bei Wülfer, Theracia Judaica, 

Hierfür wird auch gesungen: Husaren und auch Kürassier. 


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264 


Nürnb. 1681. 74. Man schreibt das Wort, das deutsch als Allmächtiger Gott, 
lösch aus! ausgelegt wird, auf ein Brot oder einen Teiler, und wirft diese ins 
Feuer. Mitteilungen zur jüd. Volkskunde Heft 5, 11. 43. H. 24, 125 f. Ztschr. 
d. Vereins f. rhein. u. westf. Volkskunde II, 202. Gesky Lid XVIII, 301. 
Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar verordnete mit Patent vom 27. XII. 
1772, daß hölzerne Teller, „worauf schon gegessen gewesen“, nach der bei¬ 
gefügten Zeichnung mit AGLA, Consummatum est fff «des Freytags bei ab¬ 
nehmendem Monde Mittags zwischen 11 und 12 Uhr mit frischer Dinte und 
neuen Federn beschrieben“ in jeder Stadt vom Bürgermeister und auf dem 
Lande von den Schultheißen und Gerichtsschöppen vorrätig gehalten und bei 
Ausbruch eines Brandes mit den Worten „Im Namen Gottes“ ins Feuer 
geworfen werden sollten. Nötigenfalls sollte dies dreimal wiederholt werden, 
„dadurch denn die Glut ohnfehlbar gedämpft wird“. Beaulieu-Marcounay, Ernst 
August Herzog v. Sachsen-Weimar-Eisenach. Loipz. 1872. 260 f. 

Auch in anderen Besegnungsformeln kommt Agla vor, so im Wurmsegen 
einer Breslauer Hs.: In nomine patris + et agla et filij usw. Mitt. H. 18, 11. 
In einem Spruch beim Schatzgrabeu mit der Wünschelrute: Güdemann, Gesch. 
d. Erziehungswesens u. d. Kultur d. Juden in Italien. Wien 1884, 333. Beim 
Wahrsagen aus einem wassergefüllten Glasgefäß: Schweiz. Arch. f. Volkskunde 
XII, 123 und in vielen anderen Formeln. Mitt. z. jüd. Volksk. H. 5, 35. 40. 
41. 58. 78. H. 19, 113. 117. H. 42, 43. Auch auf Glocken und Hingen: Otte, 
Handb. d. kirchl. Kunstarchäologie 5 I, 400, und auf einem in der kaiserl. 
Schatzkammer zu Wien aufbewahrten Horoskop Wallensteins. 

Worauf Kopps Angabe 1. c. p. 78 beruht: „Item pontifex Romauus erat, 
qui Ferdinando II gladium ad debellandos et jugulandos Bohemos offerret, cui 
haec inscripta eraut: Tetragrammaton, Alpha ,et Omega, Agla, Sabaoth“, ist 
nicht ersichtlich. Von der großen Zahl geweihter Schwerter, die die Päpste 
zu verleihen pflegten, sind, soweit bisher bekannt, nur 25 erhalten; keines da¬ 
von trägt eine andere Inschrift als den Namen des Papstes und das Jahr 
seines Pontificats. Über die Verleihung eines Schwertes an Ferdinand II ist 
nichts bekannt. H. Modern, Geweihte Schw r erter und Hüte. Jahrbuch der 
kunsthistor. Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses Bd. XXII. Heft 3. 
Wien 1901. 


Zum schlesischen Wörterbuch. 

Von I)r. A. Landau in Wien. 

Zu Mitteilungen XVI, III fl*. 


Kukelskorn S. 111. KocMkömer, cocculae orientales, die Früchte 
von Menispermum cocculus. In Indien zum Fischfang gebraucht. DWb. V, 1566. 

Müchinzen 117. Nicht von inhd. müchen, sondern Iterativbildung von 
tnüthen, schimmlicht riechen. Schlesisch in Frommanns Dtsch. Mundarten IV, 
178. PWb. VI, 2604. 


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Pol icke 124. Poln. polewka, cech. polerhn, Suppe, Brühe. Gauner- 
sprachlich in verschieden entstellten Formen sehr verbreitet vgl. Kluge, Rot¬ 
welsch 202. 218. 227. 230. 

Ritschütt 128. Diese Schreibung beruht nicht auf ungenauem Berichte. 
Ygl. die Formen ritschat bei Überfelder, Kärntner. Idiotikon, Klagenf. 1862. 
201. ritschad, Lexer, Kamt. Wörterb. 209. sloven. HM, Arch. f. slav. Philol. 
14, 540. österr. rtdschaJ, Mareta, Progr. des Schottengymn. Wien 1865. 18. 
Die anderen österr. Idiotika: Höfer, Idiot, austr., Castelli, Loritza, Hügel 
haben ritsch er, ritscha . Knothe, Schles. Mundart in Nordböhmen 447: retsehe, 
retscher. 

Schicker, besikert 136 gehört nicht zu sh’Jcern. Es ist das hebräische 
in md. und nd. Mundarten sehr verbreitete seht Ichor, betrunken. DWb. VIII, 
2657. Auch elsiissisch: Eis. Wörterb. 11,405. 

Schmiere stehen 138 hat mit Schmeer r nichts zu tun. Es geht auf das 
hebr. sehem)rd(h), Wache, zurück. DWb. IX, 1080, 4. 

Tschetter 147 ist Scheiter, gesteifte Leinwand. DWb. VIII, 2603. 

Zu Band XVII. 

Rade Liane 107 ist wohl Rodehaue zu lesen. DWb. VIII, 46 vgl. 
Bodehatr Knothe 452. 


Nachtrag zu Seite 105 Anm. 2. 

Von Dr. Franz Kamp er s in Breslau. 

Die Auflösung, des „lapsit exillis“ in „lapis elixir“ schlug K. Bur dach 
schou in seinem 1900—1902 entstandenen, aber bislang unveröffentlichten 
Werke „Longinus und der Gral“ vor, das er in der „Deutschen Literaturzeitung“ 
[1903, 14. Nov., Sp. 2821—24 und 12. Dez., Sp. 3050—58] sowie in seiner mir 
leider entgangenen und für die Salomonsage wichtigen Mitteilung „Zum Ursprung! 
der Salomo-Sage“ im „Archiv für das Studium der neueren Sprachen“ [108 
(1902) 131 f.] anführt. Diese letztere Mitteilung enthält einige anziehen de Be¬ 
lege für die Entstehungsgeschichte jener Sage vom weisen Judenkönige. 
Burdach ist geneigt, die Gralsage „aus altchristlichen Pilgermärchen und aus 
der Popularisierung, Paganisierung und Magisierung der Mellliturgie, ins¬ 
besondere des Vorbereitungsteiles und der großen Introitusprozession der 
byzantinischen Messe“ herzuleiten — eine Auffassung, die sich bis zu einem 
gewissen Grade mit der meinigen in Einklang bringen läßt. 


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Literatur. 


Günther, Fritz, Die schlesische Volksliedforschung (== Wort und Brauch, volks¬ 
kundliche Arbeiten namens der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, 
herausgegeben von Th. Siebs und M. Hippe, Heft 13). Breslau, M. H. Marcus, 
1916. VIII 4- 232 S. 8,00 M. 

Eine der größten und wichtigsten Aufgaben, die unsere Gesellschaft noch 
zu lösen hat, ist die Veranstaltung einer neuen umfassenden Ausgabe der 
schlesischen Volkslieder, die im Laufe ihres Bestehens und namentlich seit 
ihrem Aufrufe von 1909 in einer fast unübersehbaren Fülle ihren Sammlungen 
zugeströmt sind. Hat doch Günther, der sich mit anerkennenswertestem Eifer 
und Fleiß der Ordnung dieser Stoffmassen annahm, nicht weniger als etwa 
12 000 Zettel gebraucht, um einen ausreichenden Überblick über sie zu gewinnen 
und sie praktisch zugänglich zu machen. Eine schöne und wertvolle Frucht 
dieser Bemühungen ist nun das vorliegende Buch, das zugleich als Einleitung 
zu der künftigen großen Gesamtausgabe unserer Lieder gedacht ist. Es gliedert 
sich in zwei Hauptteile. Der erste ist der Geschichte der schlesischen 
Volksliedforschung gewidmet, der zweite bringt verschiedene quellenmäßige 
Übersichten schlesischer Volkslieder. 

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem „schlesischen Volksliede vor 
1842“. Da sind insbesondere die ältesten, bisher unbekannten Zeugnisse wichtig, 
die Günther aus Urkunden des Breslauer Stadtarchivs mitteilt. Diese frühesten 
Nachrichten über das schlesische Volkslied sind Verbote, die der ehrsame 
Hat der Stadt erlassen hat. Unter dem 23. Oktober 1512 fiudet sich die Ver¬ 
ordnung, es solle ausgerufen werden, *,das ngmandt schandt Uder und gesatigk 
tirhten noch ringen sal u , und unter dem 28. März 1564 heißt es: „Fürs dritte 
sott sielt htnfüro keiner, weder Jung noch alt mit unrorsehampten ergerliehen 
sehand und Jiull lidem und singen hei neehflieher weile noch bei Tage hören 
noch rernehmen lassen .“ Darauf folgt dann eine Reihe amtlicher Verbote gegen 
die Rocken- und Spinnstuben aus dem 16., 17. uud 18. Jahrhundert, darunter 
auch eines, das eine sohr ausführliche und bemerkenswerte Beschreibung eines 
Rockenganges aus dem Anfänge des 18. Jahrhunderts bringt, und hieran schließen 
sich Mitteilungen über die ältesten in schlesischen Handschriften erhaltenen 
Volkslieder und über die schlesischen Zeitschriften, die am Ende des 18. und 
Anfang des 19. Jahrhunderts Volkslieder bringen. Die Ausbeute ist im ganzen 
recht bescheiden, und es muß festgestellt werden, daß die große Bewegung, 
die mit dem Erseheinen von Herders „Volksliedern“ begann, in der Zeit der 


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Romantik blühte und mit Uhlands •Alten hoch- und niederdeutschen Volks¬ 
liedern“ in die Wissenschaft Eingang fand, in Schlesien ziemlich spurlos vor¬ 
übergegangen ist. 

Die erste und einzige allgemeine, groß und wissenschaftlich angelegte 
schlesische Volksliedersamnilung ist die von Ho ff in an n- Richter, die im 
November des Jahres 1842 erschien und bisher noch keine neue Auflage erlebt 
hat. Ihrer Entstehungsgeschichte und Würdigung dient der erste Teil des 
nächsten Abschnittes „das Jahrzehnt der großen Volksliedarbeiten in Schlesien“^ 
Eine weitere, ziemlich starke Schicht gedruckter schlesischer Volkslieder enthalten 
Ludwig Erks •Deutsche Volkslieder“. Die darin erschienenen gehen zum 
größten Teil auf die Sammlungen des trefflichen, um die Pflege unseres Volks¬ 
liedes hochverdienten Kantors, Organisten und Lehrers F. A. L. Jacob zurück, 
der, 1803 zu Kroitsch bei Liegnitz geboren, von 1824—1884 in Konradsdorf 
bei Haynau lebte und lehrte. Er sammelte gegen 600 Volkslieder, von denen 
etwa 400 in vier stattlichen handschriftlichen Bänden erhalten sind, während* 
sich die übrigen vielleicht noch in seinem Nachlasse finden können. Über 
Jacobs Leben, seine Volksliedersammlungen und seinen höchst einflußreichen 
Sängerbund handelt Günther ausführlich S. 44—62. — Hieran schließt sich 
dann ein Überblick über die „Zeitungen, Zeitschriften und Bücher von 1842 bis 
1913“, in denen schlesische Volkslieder abgedruckt oder besprochen sind 1 ). 
Noch ein volles halbes Jahrhundert nach Hoffmann-Richters Werk ist es im 
ganzen ziemlich still, und es findet sich nur selten etwas Bemerkenswertes* 
bis infolge der Begründung unserer Gesellschaft ein neues reges Leben auf 
diesem Gebiete erwacht. Was in uuscren „Mitteilungen“ an Volksliedern und 
über sie erschien, was die Gesellschaft durch Aufrufe und Sammeltätigkeit 
wirkte und erreichte, wird besonders berichtet. 

An quellenmäßigem Stoffe bringt Günther folgendes bei: l) 35 „bisher 
ungedruckte Lieder und bisher ungedrucktc Fassungen bekannter Lieder 
(S. 111 — 152), zum Teil mit Weisen; 2) „Stark abweichende Lesarten schon ge¬ 
druckter Lieder (S. 153 — 174: Nr. 36 — 50); 3) vier höchst lehrreiche Beispiele 
„Eigenartiger Zersingungen von neuen Kunstliedern“ (S. 175—179). Es handelt 
sich lim die Lieder „In einem kühlen Grunde“, „Es zogen drei Burschen wohl 
über den Rhein“, Am Brunnen vor dem Tore“ und „Ich weiß nicht, was soll 
es bedeuten“. Den Abschluß bildet daun ein •Alphabetisches Verzeichnis aller 
schon gedruckten Volkslieder aus Schlesien“ (S. 181—230) mit genauen Quellen¬ 
angaben. 

Das Buch ist eine sehr tüchtige Leistung und für jeden, der sich fortan 
in irgend einer Weise mit dem schlesischen Volksliede beschäftigen will, un¬ 
entbehrlich. Eine besondere Anerkennung hat der Verfasser dafür bereite 
dadurch erfahren, daß sein Werk im Jahre 1912 von der Philosophischen 
Fakultät unserer Universität mit dem Preise der Neigebaur- (Neugebauer-> 
Stiftung gekrönt wurden ist. H. Jantzen. 

! ) Der Vollständigkeit wegen hätten hier auch mit Rücksicht auf die 
bibliographischen Angaben Partsclis „Literatur zur Landes- und Volkskunde 
Schlesiens (1900) mid die drei wichtigen Nachträge dazu von Nentwig (1904—13) 
erwähnt werden können. (Vgl. Mitteilungen 17, S. 228 ff.\ 


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Schweizerische!* Archiv für Volkskunde* Zwanzigster Jahrgang. Festschrift 
ihr Eduard Hoffmgun-Krayer. Herausgegeben von Hans Bächtold. 

Basel und Straßburg 1916. VII, 539 S. 8°. Frcs. 10. 

Eine schöne Festgabe ist es, zu der sich Gelehrte verschiedener Länder 
und Sprachen vereinigt haben, ein internationales Geschenk, wie es inmitten 
des Weltkrieges nur dein Angehörigen eines neutralen Staates dargeboten 
werden konnte. 

übrigens steht die deutsche Sprache im Vordergründe dieses vieizüugigen 
Werkes, selbst Angehörige einiger fremder Staaten haben sich ihrer bedient: 
so z. B. Aarne, Professor in Helsingfors, der über die Einrichtung der finnischen 
Volksliederausgabe handelt, Feilberg, der von allerlei Volkskundlichem be¬ 
richtet, das 'sich auf das Meer bezieht, und v. Sydow in Lund, der das 
Märchen vom Rumpelstilzchen in Perraults „Biquet ä la houppe“ wieder¬ 
erkennen will — wenn Sydow einige gewagte Namenzusainmenstellungen gibt, 
ja sogar Biquet im Namen Ecke Neckepenn und Knirrficker wiedererkennen 
will, so sei demgegenüber auf die mythische Grundlage des Motivs hingewiesen^ 
die ich in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1893 S. 383 erörtert habe. 

B. Ginet Pilsudzki in Krakau, der in deutscher Sprache über Almen- 
Viehzucht im Tatragebirge, in französischer über litauische Kreuze handelt, 
wird verschiedenen Idiomen gerecht. Auf französisch berichtet Delachaux 
über Johann Jakob Hauswirt!). einen volksmäßigen Silhouettenkünstler im 
Waadlande. Gauchat untersucht, ohne freilich zu vollbefriedigender Er¬ 
klärung zu kommen, das waadländische Wort patifott ( komische Person?) 
und prrmi (- Bettstroh): Mereior in Genf erzählt von dem dortigen Kinder¬ 
spiel des Seilspringens: Rossat in Basel teilt das Märchen von Aladdin in 
der Mundart des Jura bernois mit. Auf italienisch berichtet Corso aus liom 
über die „scapigliata“ d. b. den Brauch, daß der Freier sich seine Braut durch 
Abschneiden von Haar, Raub eines Kusses oder des Kopftuches vor der Kirche 
gegen den Willen der Eltern zu eigen gewinnt — eines der vielen Symbole der 
Besitzergreifung, die in der Raub- wie in der Kaufehe bezeugt sind. Leite de 
Vasconcell 0 8 in Lissabon teilt ein portugiesisches Volkslied mit, Decurtins 
eine rätoromanische Ballade: de Cock handelt in niederländischer Sprache 
über das weeroog (Gerstenkorn). 

Allgemeine Fragen der Volkskunde erörtert Was er in Zürich unter dem 
Titel „Volkskundo und griechisch-römisches Altertum“. Er würdigt die Arbeit 
klassischer Philologen zur Volkskunde und nennt vor Allem Dieterich, Usener, 
Wünsch. Diels, .Roscher u. a. (Skutscb wird nicht erwähnt); dann wird eine 
schematische Einteilung der volkskundlichen Arbeit gegeben: I. Sachliche 
Volkskunde (Urgeschichte, Wirtschaft, Haus, Tracht, Volkskunstbetrieb. Nahrung, 
Volksmusik und -tanze), II. Volksdichtung und Volksmund, Volkslied und -epik, 
Märchen und Sagen und Schauspiele, Sprüche und Rätsel usw., Volkswitz^ 
Formeln und Flüche usw., Onomatologisches, Volkssprache). Alle diese Gebiete 
werden in höchst lehrreicher Weise an der Hand der Antike durcbgesprochen, 
uud so ergibt sich in diesem wertvollsten Beitrage der Sammlung nicht nur 
eine kurze Übersicht über das bisher Geleistete, sondern auch manche Anregung. 

Allgemeinere Gebiete volkskundlicher Überlieferung ptlegen 
Bächtold, der über den Ritus der verhüllten Hände, namentlich iin Hochzeits- 


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brauche, handelt, und Fehrlc, der zu demselben Stoffe deutsche Beispiele 
bringt; Sartori bespricht die Zauberkraft gestohlener Gegenstände; Becker 
stellt Beispiele von Gebetsparodien aus dein jetzigen Kriege zusammen: 
Bert holet zeigt, daß gewisse jüdische Ackerbaubräuche des alten Testamentes 
vorjahwistisch seien: Helm spricht über Häufung von Zaubennitteln, besonders 
bei Amuletten und in Segensbriefen, Höhn über den Kropf im Volksglauben. 
John Meier behandelt das Volkslied „Ein Schifilein seh ich fahren“. 

Eine größere Zahl von Aufsätzen betrifft die schweizerische Volks¬ 
kunde: natürlich sind auch sie deswegen nicht minder wertvoll für die Volks¬ 
kunde überhaupt. Dübi gibt einen Beitrag zur Geschichte der schweizerischen 
Volkskunde; Wymann teilt eine Gersauer Karfreitagsprozession von 16% mit; 
Forcart-Bachofen bringt Soldatenlieder ans dem Ende des 18. Jahrhunderts, 
Bolte eine Versnovelle aus dem 15. Jahrhundert, Jörg Zobels Gedicht vom 
geäfften Ehemann; Pfarrer BusS erzählt persönliche Erlebnisse auf dem Ge¬ 
biete des Aberglaubens aus Glarus; Mathilde Eberle spricht vom Volksthcater 
in Oberwallis, Geiger über den Kiltgang und über die blaue Farbe bei Toten¬ 
bräuchen; Kessler über „das festliche Jahr in Wil“, Pult über „Volksbräuche 
und Volkswohlfahrt“, Rütimeycr über archaistische Gebräuche und Gerät¬ 
schaften im Kanton Wallis, Stäuber über Schatzgräberei im Kanton Zürich, 
Zindel-Kressig gibt volkskundliche Anekdoten aus dem Saargansserlarid, 
Greyerz gibt Dichtungen von Bendicht Gletting, einem Dichter des Berner 
Oberlandes aus dem 16. Jahrhundert, und andere Stücke; Zahler erzählt vom 
Lugitrittli, Lügengeschichten einer volkstümlichen Person im Simmental; 
Singer gibt alte schweizerische Sprichwörter; Brandstetter handelt von 
der Katze im Schwcizerdentschen und im Indochinesischen — die sonderbaren 
Parallelen sind interessant und im Hinblick auf manche Art volkskundlicher 
Arbeit nicht ohne humoristischen Beigeschmack. Siebs. 

Freud, Prof. Dr. Sigm. Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Iber Ver¬ 
gessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum). 5. vermehrte AufF 
Berlin, Karger 1917. 232 S. M. 6.— 

Der bekannte Verfasser spricht zunächst über Vergessen von Namen, 
Fremdwörtern usw. und zieht die sogenannte „Verdrängung“ hervor. Ihm fallt 
z. B. di*r Name Signorelli nicht ein, und er sagt statt dessen Botticelli oder auch 
Boltraffio: die Begriffe (Bo)snien, (Tra)foi, Herr und (Herzegowina, die ihm 
nahe lagen, dienten zur Verdrängung. Den nicht Eingeweihten wird derartiges 
kaum glaublich erscheinen, sondern gesucht und willkürlich. Selbstverständlich 
bleibt auch der Vermutung im einzelnen Falle weiter Spielraum; aber im 
Ganzen ist die Methodik der Erklärung höchst bedeutsam. Bei der Behandlung 
des Versprechens geht der Verfasser auf Meringers und Mayers Arbeiten ein: 
er bestreitet die alleinige Bedeutung der Wundtschen „Kontaktwirkung der 
Laute“ und will besonders dem Anlaute keinen entscheidenden Einlluß bei¬ 
messen. — Ich linde nicht hervorgehoben, wie das Versprechen, Stammeln und 
Stottern auch dem Redegewandtesten geschieht, wenn er ermüdet ist; auch 
wird die Tatsache, daß man sich selber unter dem Namen des Angere.detcn 
vorstellt, vielleicht ohne zwingenden Grund (S. 69) auf bestimmte Absichten 
zurnekgofllhrt: der Name dessen, dem man sich vorstellt, liegt einem irn Sinne r 


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so ist es mir auch schon geschehen, daß ich einen Brief mit dem Namen dessen 
unterzeichnet habe, an den er gerichtet war. — In einem besonderen Abschnitte 
wird ein für] die volkskundliche Forschung recht beachtenswerter Gedanke er¬ 
örtert: ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung und auch des Aber¬ 
glaubens ist nichts anderes als in die Außenwelt projizierte Psychologie. Wenn 
Jemand von einem Unternehmen absteht, weil er an der Schwelle seiner Tür 
gestolpert ist, so war ihm dies Stolpern der Beweis einer Gegenströmung in 
seinem Innern, deren Kraft ihn vom Handeln abzieben und den Erfolg schädigen 
konnte. Daher sagt Teil zu Geßler: r Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt ich 
Euch, Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, Und Euer — wahrlich — 
hätt' ich nicht gefehlt.“ — Der Glaube an prophetische Träume kann sich 
darauf stützen, daß vieles sich in der Zukunft so gestaltet, wie es der energische 
Wunsch im Traume vorgespiegelt hat. — Umgekehrt wird die Empfindung, daß 
wir ein Erlebnis schon einmal erlebt, eine Situation schon einmal mitgemacht 
hätten, dies aber durchaus nicht nachweiscn können, damit erklärt, daß wir bei 
diesem „Dejä vu u mit der Erinnerung an eine unbewußte Phantasie zu rechnen 
haben. Sollte nicht hier auch etwa die Aufnahme eines Erlebnisses in das Unter¬ 
bewußtsein eine Holle spielen, sowie wir uns eines in der Hypnose erfahrenen 
Erlebnisses später sehr wohl erinnern, es aber nicht feststellen können? Diese 
Bemerkung eines Laien in der Psychopathologie möge die Teilnahme an diesen 
beachtenswerten Forschungen bekunden. Siebs. 

Hohn, Dr. Erich, Del Spuk in Öls. Beiträge zur Metaphysik in Einzel-Dar¬ 
stellungen. Im Verein mit Fachleuten des In- und Auslandes heraus¬ 
gegeben von Dr. Erich Buhn. Breslau, S. Schott 1 ander, A. G. 1918. 47 S. 

M. 2,50. 

Der als Sachverständiger in einschlägigen Dingen bekannte und in 
okkultistischen Fragen wohl erfahrene Breslauer Rechtsanwalt nimmt hier einen 
von ihm aufgeklärten Spuk, der zu einem Prozeß geführt und viel von sich 
reden gemacht hatte, als Beispiel dafür, wie solcher Spuk — den es ja in allen 
Zeiten und Völkern gegeben hat — sich nur als Summe normaler Tatsachen er¬ 
weisen kann. Meist wird cs sich um beabsichtigten Unfug handeln, wie in 
diesem Falle. 

In der lieihe, die der Herausgeber eröffnet, sollen die verschiedensten 
„metaphysischen" Vorwürfe behandelt und damit dein dilettantischen Einllusse 
entzogen werden. An manchen von ihnen nimmt die Volkskunde eifrig Anteil. 

Siebs. 

Brutaler, J. W., Das Deutsche Volkslied. Uber Werden und Wo.cn des 
deutschen Volksgesanges. 5. Aull. „Aus Natur und Geisteswelt." 7. Bünd¬ 
chen. Leipzig, B. G. Tcubner. 1914. 137. S. M. 1,50. 

Brutaler, J. W., Die germanische Heldensage. Ebenda 48b. Bändchen. 1915. 
139 S. M. 1,50. 

Böckel, 0., Die deutsche Volkssage. 2. Aull. Ebenda 2b2 Bändchen. 1914. 
122 S. M. 1,50. 

Das hübsche Büchlein Bruinier’s über das deutsche Volkslied hat ver¬ 
dienten Erfolg gehabt. Die kurzen und treffenden Bemerkungen von Wüst 


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über Dynamik, Harmonik, Rhythmus und Tonmalerei des Volksliedes kommen 
dem Ganzen sehr zu Gute. Das Wosen des Volksliedes ist gut gezeichnet, 
ohne daß in kleinlicher Worterklärungslust versucht würde, die unbestimmbaren 
Grenzen gegenüber dem volkstümlichen Liede immer wieder festlegen zu 
wollen. Klarer Stil und hübsche Beispiele wirken erfreulich. Die geschicht¬ 
liche Entwicklung von den ältesten Zeiten an wird fesselnd geschildert, indem 
immer die Verbindung mit der Gegenwart aufrecht erhalten wird; übermäßiges 
gelehrtes Beiwerk ist geschickt vermieden. Vielleicht ließe sich erwägen, ob 
nicht das oft wiederkehrende germanische Fremdwort sknp für den alten Sänger 
zu vermeiden wäre; einbürgern wird sich diese Wortform schwerlich Ge¬ 
schichte, Zweck, Stimmungsgehalt, Stoff der verschiedenen Gattungen der 
Volkslieder werden übersichtlich behandelt: die Arten der Ballade, der Liebes¬ 
lieder, der Standeslieder, der Anteil des Schreibers und des Sängers kommen 
gut zum Ausdruck. Mit einem freudigen Blicke in die Zukunft schließt das 
hübsche Büchlein. Es ist so gut in sich abgerundet und geschlossen, daß der 
Verfasser wahrlich nicht nötig hätte, es nach Art minderwertiger Schriftsteller 
in eine Reihe von Punkten oder Gedankenstrichen ausklingen zu lassen. 

, i 

ln der Darstellung dos Volksliedes hat Bruinier öfters auf die Heldensage 
hingewiesen, und nun hat er ihr ein besonderes Büchlein gewidmet. Es beginnt 
mit einem Stück über Begriff und Entstehung der germanischen Heldensage. 
Freilich ließe sich gegen die da geäußerten Ansichten vieles Ginwenden: es ist 
durchaus nicht zu beweisen, „daß jede germanische Heldensage sich immer erst 
in einer germanischen Fremde voll entfaltet hat* 4 , und es ist mir höchst un¬ 
wahrscheinlich, daß das altenglische WidsiÖlied «das älteste Denkmal germa¬ 
nischer Dichtung in heimischer Sprache“ sei, und daß wir von einem «ursprüng¬ 
lich altsächsischen Hildcbrandsliede* 4 zu reden haben. Es ist fraglich, ob der¬ 
artige Vermutungen nicht lieber in fachmännischen Untersuchungen eiörtert 
und gestützt als in volkstümlichen Handbüchern als Tatsachen erwähnt werden 
sollten. Auch in den Einleitungen zu den einzelnen Sagen steht manches, was 
Zweifel erregt. Um so inehr stimmen wir der anregenden Weise zu, in der die 
Sagen von Wieland dem Schmied, den Hartungen (Tacitus scheint sie Alcis 
7 .u nennen, nicht Alci), Wolfdietrich, den Weisungen und Nibelungen, den Atne- 
lungen u. a. erzählt sind. 

In die deutsche Volks sage führt Otto Bö ekel ein. Er handelt zu¬ 
nächst! über ihren Begriff und Art: nach guter deutscher, aber nie nfolg- 
reicher Gepflogenheit wird eine Erklärung des Begriffes der Sage versucht; 
wichtiger und nützlicher ist uns die sich anschließende Gruppierung. Mythische 
Sagen, Sagen mit geschichtlichem Hintergrund, Natursagen, Zauber- und 
Schatzsagen werden geschieden. Sodann wird eine Reihe von bezeichnenden 
Zügen der Sage hervorgehoben: die Auffassung des Familienlebens, der Wohl¬ 
tätigkeit, der Treue, des Rechts. Die nach örtlicher Ordnung gegebene aller¬ 
wichtigste Literatur und eine Aufforderung zur Mitarbeit beschließen das mit 
warmer Empfindung geschriebene Bächlein. Ein kleines Sachregister erleichtert 
die Benutzung: leider fehlt ein solches den von Bruinier herausgegebenen 
Bändchen. Siebs. 


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Petsch, Robert, das deutsche Volksrätsel (= Trübners Bibliothek 6. Grund¬ 
riß der deutschen Volkskunde, herausgegeben von John Meier. Bd. 1). 
Straßburg, K. J. Trftbner, 1917. V -f- 88 S. 2,25 M. 

Schon 1899 hat R. Petsch mit seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit, 
den Netten Beiträgen zur Kenntnis <fes Volksrätsels (Berlin, Palästra, Bd. 4; 
vgl. meine Anzeige im Areh. f. <1. Stud. d. netteren Sprachen tt. Lit . 104, S. 379 ff.) 
eine ausgezeichnete Leistung zur Förderung unserer Erkenntnis auf diesem 
schwierigen und viel verschlungenem Gebiete dargeboten. In dieser galt cs 
ihm hauptsächlich, eine stilistische Beschreibung und den Versuch einer zweck¬ 
mäßigen Einleitung des Volksrätsels vorzulegen. Seitdem hat er in weiteren 
kleineren Arbeiten eine Reihe von Einzelfragen erörtert, z. B. 1899 noch in der 
Netten philologischen Bundschatt , Heft 8 und 9, das schottische Volksrätsel 
behandelt und 1916 in seinen BütselStudien in Paul und Braunes Beitrügen 41 
und in der Zeitsehr. d. Vereins f. Volkskunde 16 verschiedene alte deutsche 
Rätsel untersucht. 

In der hier vorliegenden Schrift kommt es ihm darauf an, einen geschicht¬ 
lich begründeten Überblick über die Arten und Formen des heute bei uns 
lebenden Volksrätsels zu geben, und wenn auch infolge schwieriger, durch den 
Krieg verursachter Umstände, über die er sich im Vorwort ausspiicht, nicht 
eine vollständige Benutzung und Verarbeitung der gesamten Literatur und 
seiner eigenen Vorstudien durchgeführt werden konnte, so ist doch sein Buch 
als eine wertvolle, ja grundlegende Einführung in dieses Sondergebiet dankbar 
zu begrüßen. 

Er beginnt mit einer Untersuchung über „Das Wesen des Rätsels und 
seiner Vorstufen und handelt darin über die Geschichte, den Begriff und die 
Bedeutung des Wortes „Rätsel*, über Weisheitsproben, unwirkliche Rätsel, 
Rätselmärchen und die Salomosage, zu der noch, namentlich wegen der 
wichtigen Literaturangaben, die Ausgabe des Salmno et Marcolfns von Walter 
Benary (Heidelberg 1914) in A. Hilkas Sammlung mittel tateiniseher Texte 
heranzuziehen gewesen wäre. Weiter folgt die „Geschichte des Rätsels, be¬ 
sonders in Deutschland“; in ihr verfolgt er die Gattung in ihren Haupttypen 
von der ältesten Zeit und den einfachsten Formen an, nimmt auch auf den 
Inhalt Bedacht und sucht der Entstehung des Volksrätsels näher zu kommen, 
indem er das Rätsel vom Vogel Federlos, das er schon in Paul und Braunes 
Beitrügen 41 ausführlich besprochen hatte, als Beispiel für die Entwicklung 
genauer erörtert. Inhaltlich kommen insbesondere Gedächtnisfragen, Scharf¬ 
sinusproben und Kenningar in Betracht; auf den engen Zusammenhang der 
deutschen und lateinischen Rätseldichtung wird nachdrücklich hingewiesen. 
Eine wichtige und eigenartige Rolle spielen auch das Traugemundslied, die 
Rätsel-, Wett- und Kranzlieder. — Das Kapitel über „die älteren gedruckten 
Sammlungen deutscher Rätsel* 4 legt die Wurzeln für einen künftigen, von Petsch 
selbst in Aussicht gestellten Stammbaum der deutschen Rätselbücher frei. Die 
recht reichliche Fülle der älteren Denkmäler dieser Art gliedert sich um zwei 
Kerngruppen: Die früheste ist das sogenannte „Straßburger Rätselbuch“ von 
1505, die jüngere eine Bearbeitung davon, ein „neu verwahrtes Ratbüchlein“ 
von 1678. Weitere wichtige alte Rätselbfuber sind im Anhänge verzeichnet. 


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27 « 


— Darnach folgt in engem Anschlüsse an die vorausgehende „Geschichte des 
Rätsels“ ein „Überblick über die Formen unserer Volksrätscl“, der sich mehr¬ 
fach mit den Ausführungen in den Neuen Beiträgen berührt, aber auch über 
sie hinausgeht. — Sehr schätzenswert ist dann noch der „Bibliographische 
Anhang“, der eine gut ausgewählte Übersicht über die wichtigste Rätsel¬ 
literatur bringt. 

Mit seinen vielseitigen und kenntnisreichen Ausführungen reiht sich diese 
Schrift würdig den früheren Arbeiten des Verfassers an und bedeutet zugleich 
einen erfreulichen Fortschritt in der Rätselforschung. — Schließlich sei noch 
um einiger bibliographischer Nachträge willen auf die Anzeige Karl Reuschels 
in der Deutschen Literaturxeitung 1917, Sp. 1038 ff. hingewiesen. H. Jantzen. 

Mogk, Prof. Dr. Eugen, Deutsche Heldensage. Deutschkundliche Bücherei. 
Leipzig, Quelle und Meyer 1917, 48 S. M. 0,60. 

BÖckel, Otto, Das deutsche Volkslied. Ebenda 1917, 103 S. 0,80 M. 

Auch hier werden die germanischen Heldensagen erzählt. Wenn es über¬ 
haupt möglich und nützlich ist, den Stoff in solcher Kürze darzustellen, so ist 
es hier von Mogk geschehen. Der Name des Verfassers bürgt für die Zuver¬ 
lässigkeit des Gebotenen. Das Gleiche gilt von Böckels Behandlung des deutschen 
Volksliedes. Bei der kurzen Form, und da der Verfasser uns ja vielfach an 
anderen Orten mit seinen Ansichten vertraut gemacht hat, dürfen wir neue 
Gesichtspunkte nicht erwarten: Werden und Wesen des Volksliedes werden 
behandelt, die Arten der Volkslieder und die Gelegenheiten ihrer Verwendung. 

Siebs. 

, Fehrle, Eugen, Deutsche Feste und Volksbräuche Aus Natur und Geistes¬ 
welt, 518. Bdch.). Mit 30 Abbildungen. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 
1916. 107 S. 

Das Büchlein will eine volkstümliche, nicht für Forscher, sondern für 
recht weite Kreise bestimmte Übersicht über Art und Sinn unserer Feste und 
Bräuche geben. Diesen Zweck erfüllt es in durchaus brauchbarer Weise, und 
darum ist es freundlich willkommen zu heißen. Denn es kann nie genug ge¬ 
schehen, gerade unsere „Gebildeten“ über diese Teile unserer heimatlichen 
Überlieferungen möglichst gründlich und vielseitig aufzuklären; sind doch 
leider noch immer allzuviele geneigt, ebenso wie sie die Sprache des Volkes, 
die Mundart, einfach für falsch und entstellt halten, auch jene ohnehin nur 
noch dürftigen Reste ursprünglichen Volkslebens, die sich in Sitte und Brauch, 
namentlich bei festlichen Gelegenheiten, erhalten haben, zu belächeln, wo nicht 
gar zu verachten und — polizeilich verbieten zu lassen. 

Verfasser bespricht im ersten Teile des Buches die Jahresfeste voift 
Martinstage an über Weihnachten, Neujahr, Dreikönige, die Frühlings-, Oster¬ 
und Pfingstfeiern bis zu den Sommer- und Herbstfesten, die mit dem Erntefest 
und der Kirchweih schließen. Der zweite Teil behandelt die wichtigsten 
Volksbräuche im Anschluß an den Lauf des Menschenlebens: Geburt und Taufe, 
Krankheiten, Jugend, Liebe, Hochzeit und Tod. Vollständigkeit ist selbst¬ 
verständlich bei dem knappen Raume auch nicht annähernd angestrebt, wohl 
aber ist es dem Verfasser gelungen, die bezeichnendsten Züge herauszuheben. 

Mitteilungen d. Schles. Gei. f. Vkde. Bd. XIX. Iß 


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274 


Überall ist, wenigstens in kurzen Andeutungen, auch der Versuch gemacht, 
neben der Beschreibung des einzelnen durch geschichtliche und vergleichende 
Betrachtungen auf die Grundgedanken, den Sinn und die ursprüngliche Be¬ 
deutung der besprochenen Erscheinungen einzugehn. Hier und da sind auch 
kleine Proben von Volksdichtung eingestreut. — Die Abbildungen sind nur zum 
Teil als gelungen zu bezeichnen. Das Literaturverzeichnis beschränkt sich anf 
knapp l 1 ., Seiten und hätte wohl ein wenig ausführlicher ausfallcn können. 

.* H. Jantzen. 

LaufTer, Otto. Niederdeutsche Volkskunde (=*» Wissenschaft und Bildung, 140. Bd.) 
' Leigzig, Quelle und Mayer, 1917. 136'S. 1,25 M. 

Dieses Büchlein bietet, da es sich auf ein eng begrenztes Gebiet beschränkt, 
inhaltlich mehr und geht gründlicher in die Tiefe als das vorgenannte von Fehrle. 
Der Titel ist insofern nicht ganz zutreffend, als es keineswegs das gesamte 
niederdeutsche Sprachgebiet behandelt, sondern ausschließlich das nieder¬ 
sächsische. Der Bereich der Niederfranken nämlich und insbesondere fast 
ganz Ost-Niederdeutschland bleibt außerhalb der Betrachtung. Die Dar¬ 
stellung ist durchaus allgemeinverständlich, bietet aber auch dem Forscher 
manches Bemerkenswerte. Denn Lauffer hat nicht nur landläufige Literatur 
benutzt, sondern vieles aus eigenen Sammlungen und Beobachtungen beigebracht 
und außerdem eine Reihe von Quellen herangezogen, die bisher in der volks¬ 
kundlichen Forschung nicht eben sehr beachtet wurden, wie die Pommersche 
Chronik des Thomas Kantzow aus dem 16. Jahrhundert, die Gedichte des alten 
Johann Heinrich Voß und die Schriften Ernst Moritz Arndts. 

Die Arbeit beginnt mit einer allgemeinen Übersicht über „Niederdeutsche 
Stammeskunde und Stammesveranlagung“, die geschichtliche und psychologische 
Tatsachen bringt. Ein weiterer Abschnitt behandelt „Die äußeren Lebensformen 
des Niederdeutschen Volkstums“ und verbreitet sich eingehend über Siedlungs¬ 
und Hausformen und über die Tracht. Es folgen dann recht gute Ausführungen 
über die Sprache und die volkstümliche Dichtung, über Volksglauben und 
volkstümliche Sitte. Diese Abschnitte sind trotz der durch den beschränkten 
Raum bedingten Knappheit sehr reichhaltig und bringen eine verhältnismäßig 
stattliche Fülle von Proben und Belegen. 

Zwanzig meist wohlgelungene Abbildungen veranschaulichen gut die 
wichtigsten Grundformen des niederdeutschen Dorfes, des Hauses und der 
Wohnräume und geben eine hinreichende Vorstellung von der Mannigfaltigkeit 
der Trachten. Sehr lehrreich ist auch eine Karte, welche die Abweichung der 
altsächsischen Hausgrenze von der niederdeutschen und niedersächsischen 
Sprachgrenze darstellt. 

Dieses Buch verdient ebenso wie das Fehries weite Verbreitung und 
namentlich Eingang in die Büchereien unserer Schulen und Lehrerbildungs¬ 
anstalten. H. Jantzen. 

Meier, John, Das deutsche Soldatenlied im Felde. Trübners Bibliothek 4. 
Straßburg 1916. 76 S. M. 1,25. 

« Meier, John, Volksliedstudien. Trübners Bibliothek 8. Straßburg 1917. 

246 S, M. 5,75. 


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Bächtold, Hans, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube. Trübncrs 
Bibliothek 7. Straßburg 1917. IV, 48 S. M. 1,50. 

Mausser, Otto, Deutsche Soldatensprache. Trfibners Bibliothek 9. Straßburg 
1917. VIII, 132 S. M. 3- 

Die Arbeit Meiers über das Soldatenlied ist die erweiterte Gestalt eines 
Vortrages: die bisherigen Ergebnisse der ins Feld gesandten Fragebogen sind 
hierzu verwertet worden. Es werden die Fragen erörtert: weshalb singt der 
Soldat, was und wann singt er? Der Gesang fördert den Rhythmus des Marsches, 
er belebt die Stimmung, auch ist er vielfach Arbeitslied und erhöht die Lustig¬ 
keit bei Feiern: in höchstem Maße ist er von der Stimmung abhängig. Ge¬ 
sungen werden allgemein beliebte Volkslieder, sogenannte volkstümliche Lieder, 
aber auch religiöse Lieder und vor allem Vaterlandslieder. Für alles dies 
werden Beispiele gegeben. Auch der Anteil der Standeslicder und die Eigenart 
der Stämme, die sich im Soldatenliede kundgibt, wird besprochen. Zum Schlüsse 
wird über die Veränderung der Melodien beim Marschgesang und über das 
Zusammenwachsen mehrerer Lieder gesprochen; natürlich spielt hierbei „Der 
gute Kamerad 4 * eine besondere Rolle: unaufgeklärt bleibt, im Gegensätze zum 
Hesekiel’schen „Gloria Viktoria“, die Herkunft der Worte „Die Vöglein im 
Walde usw.“, deren Melodie um 1850 von dem poetischen Pastor lvnak ge¬ 
schaffen sein soll. — Das Heft unterrichtet sehr gut über die einschlägigen 
Fragen. Zu den fremden Bestandteilen der Soldatenlieder sei jetzt auf Hermann 
Tardels Aufsatz (Neuere Sprachen 25,285 ff.) verwiesen. 

Das gleiche Urteil gilt auch von den Volksliedstudien, ln vier Aufsätzen, 
von denen uns eiuer (Es ging einst ein verliebtes Paar) bereits bekannt ist, 
werden in methodischer Weise Lebenserscheinungen und Entwicklungsvorgänge 
der volksläuligen Lieder an Beispielen aufgezeigt: Stehe ich am eisernen Gitter; 
die Lieder auf Karl Ludwig Sand, den Mörder Kotzebues; die Lieder auf Hecker, 
die namentlich im badischen Oberlande und weiterhin in ganz Süddeutschland 
verbreitet worden und sogar ins Kinderlied übergegangen sind. Näher auf 
die Ergebnisse Meiers einzugehen, hieße seine Arbeit wiederholen; ein Abriß 
von ihr läßt sich nicht geben. — Sehr richtig bemerkt Meier in der Vorrede, daß 
es „nicht den geringsten Zweck hat, . . . die alten Fragen zu erörtern“ (nämlich 
nach Begriff und Wesen des Volksliedes): nur die Entwicklung vieler Lieder 
kann uns hier belehren. Und gerade auch Meier als trefflichem Kenner danken 
wir, daß wir über die Methodik der Volksliedarbeit und die Grundsätze der 
Entwicklung der Liedertexte jetzt genügend unterrichtet sind und wenig mehr 
hinzuzulernen haben. 

Mit Aberglaube und Brauch des Soldaten beschäftigt sich der Schweizer 
Bächtold. Wahrsagung und Vorzeichen, Schutzmittel und Schießzauber bilden 
die sich leicht ergebende Einteilung für den auf der Verbandstagung gehaltenen 
Vortrag. Eine nützliche Literaturzusammenstellung beschließt das Heftchen. 
Einen größeren Vortrag über die gleiche Sache, der vor dem Erscheinen dieser 
Arbeit druckfertig war, bringen wir demnächst. 

Eine sehr dankenswerte Leistung zur Volkskunde des Soldatenlebens bietet 
die „Deutsche Soldatensprache“ von Mausser, ebenfalls die Erweiterung 
eines Vortrages und veröffentlicht, um die Teilnahme an der Sammlung des 

18* 


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Soldatischen zu heben. Wie sich das Militär aus Angehörigen der verschiedenste*! 
Stande zusammen setzt, so sind auch die ihm eigenen Ausdrücke (und darum 
handelt es sich ja bei der Soldatensprache) aus den verschiedensten Kreisen 
und Gegenden entnommen. Dieser Beurteilung der Herkunft wird die Arbeit 
im erstell Abschnitt gerecht, mehr als die seinerzeit höchst verdienstliche 
Sammlung Horns. Im zweiten Teile werden Sammlungen mitgeteilt, die nach 
einzelnen Gebieten soldatischer Lebensäußerungen geschickt geordnet sind 
(Befehl, Tadel, Strafen usw ; Lazarett, Krankheiten usw.; Waffen usw.) Schließlich 
werden die Aufgaben der soldatensprachlichen Forschung kurz zusammengefaßt, 
und dabei wird auch erwähnt, daß ein Vergleich fremder Soldatensprachen 
lehrreich sein würde. Die^ geschickte Arbeit von Maußer ist ein vorläufiger 
dankenswerter Beitrag zum deutschen Wörterbuche. — Sehr störend war uns die 
gerade auf diesem Gebiet unerfreuliche Häufung ganz überflüssiger Fremdwörter; 
man braucht kein verwegener Sprachrciniger zu sein, um sie in solcher Fülle 
unangenehm zu empfinden. Siebs. 

Limis of Menar und Hoerschelniaiiii, Märchen und Sagen der Baltischen 
Provinzen. Die Baltischen Provinzen. Band 5. Berlin-Charlottenburg r 
Felix Lehmann. 1916. XVIII, 172 S. M. 3.- 

Eine reiche und wohl geordnete Sagensammlung, die begreiflicherweise 
jetzt besondere Teilnahuie weckt, wo die Frage nach den Beziehungen der 
baltischen Provinzen zu Deutschland viel erörtert wird. Wir haben in jenen 
Landen mit drei verschiedenen Stämmen zu rechnen: den Deutschen, die uns. 
dort zuerst um 1200 begegnen; den uns durch kulturgeschichtliche Verwandt¬ 
schaft verbundenen Litoslawen, von denen hier besonders die Letten in Betracht 
kommen; den uns ganz fern stehenden finnisch-esthnischen Bewohnern. Daß zu 
Tacitus Zeit # und wohl noch bis ins dritte Jahrhundert gotische Völker dort 
saßen, kommt für uns hier nicht in Betracht. Zunächst werden Grüuduugs- 
sagen zusammengcstellt: Riga, Dorpat, Reval u. a. Städte sind berücksichtigt. 
Viel Originelles erscheint da nicht. Eine Menge von sonstigen Ortssagen 
schließt sich an, auch schwedische Quellen sind berücksichtigt. Sagen, die mit 
dem Seelenglauben in Verbindung stehen (SeelenWanderung, Werwolf), Riesen- r 
Schatz- und Teufelssagen folgen: Stücke epischer Dichtung der Finnen (von 
dem Sohne des Kalew, dem Kalewipoeg), Märchen und Schwänke bilden den 
Abschluß. — Auch in den nichtgermanischen Stücken wird man manchen Zug 
finden, der in deutschen Sagen wiederkehrt. Siebs. 

Teutsch, F., Die Siebenbürger Sachsen in Vergangenheit und Gegenwart. 
Schriften zur Erforschung des Deutschtums im Ausland. I. Leipzig, 
K. F. Koehlcr. 1916. XIII, 3ö0 S. 

Stciinor, Friedrich, Die Beamten der Stadt Brassd (Kronstadt) von Anfang der 
städtischen Verwaltung bis auf die Gegenwart. Brassd 1916. 166 S. 

Der allgemein verehrte treffliche Bischof Teutsch bietet uns eine dankens¬ 
werte Geschichte der ältesten, heute noch blühenden deutschen Siedlung, des- 
Landes der Siebenbürger Sachsen. Kein anderer kennt besser als er dies sein 
Volk und seine Geschichte. Um 1141 unter Geisa II., der deutsche Bauern 
herbeirief, hat die Besiedlung begonnen. Diese Frühzeit wird ziemlich kur/. 


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*tbgetau. Viel Kaum aber ist der religiösen Entwicklung gewidmet: Reformation 
und Gegenreformation werden ausführlich dargestellt; der Hauptteil gilt 
der Schilderung des 18. und 19. Jahrhunderts. Für die Volkskunde ist das 
Buch nicht sehr ergiebig: erst die letzten Abschnitte, die die Sachsen als 
Volksindividualität und ihr Erbe besprechen, gehen gelegentlich auf Herkunft aus 
Franken und auf Mischung mit Magyaren und Rumänen ein, auf wirtschaft¬ 
liche Organisationen, auf Leistungen in Wissenschaft und Kunst; hübsche 
volkstümliche Skizzen von der Wirkung des Kriegsausbruchs PH4 beschließen 
das Buch. 

Stenners Zusammenstellung hat eigentlich nur rein ortsgeschichtliches 
Interesse für die Stadt Brass«» (Kronstadt); für ihre Entwicklung und Organisation 
ist es beachtenswert. 

ftitsclike, Richard, Geschichte des Dorfes Proschlitz Kreis Kreuzburg O.S. Mit 
5 Bildern und Karte. Breslau 1918. X, 131 S. Nicht im Handel. 

Es ist ein Verdienst des Herrn Rudolf von Watzdorf, Rittergutsbesitzers 
auf Proschlitz, die Herstellung und die prächtige Ausstattung dieser Orts¬ 
geschichte veranlaßt zu haben. Die Geschichte beginnt erst mit dem 14. Jahr¬ 
hundert; aber auch auf die vorgeschichtliche und die slavische Zeit und die 
-deutsche Einwanderung in Schlesien ist ein Streiflicht geworfen. Die orts¬ 
geschichtlichen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen Verhältnisse von den 
ältesten historischen Nachrichten über Proschlitz bis auf den heutigen Tag 
werden behandelt, und so wird die Arbeit, namentlich in Verbindung mit 
anderen Darstellungen ähnlicher Art, für die Kulturgeschichte und die Volks¬ 
kunde beachtenswert. 

Mauz, Gustav, 100 Jahre Berliner Humor. Mit zahlreichen Bildern Berlin 
Verlag Dr. Eysler &. Co., 1916. 272 S. 3,50 M. 

Eine hübsche, von kundigster Seite gebotene Auswahl des eigenartigen 
Humors, wie er den Berliner kennzeichnet. Seine Art ist gauz besonders in dem 
-ersten Abschnitte ,Da haben sie den Berliner 4 geschildert. Den zweiten Teil 
nimmt die erste Hälfte des Jahrhunderts, bis zur Revolution, ein: Berliner Originale 
jener Tage ziehen an uns vorüber, wir hören vom Stralauer Fischzug, von 
Droschkenkutschern u. a m. Sodann wird die Zeit bis zum neuen Reich vor¬ 
genommen: der Kladderadatsch spielt eine Rolle, wir lernen Helmerding, Döring, 
Beckmann kennen, und die berühmten Gestalten des Schusterjungen und des 
Eckenstehers treten auf. lut letzen Abschnitt „Berlin wird Weltstadt - werden 
wir bis auf die Gegenwart geführt; Stettenheim und Stinde kommen 
zu Worte, und Fontane, Trojan, Seidel u. a. sind nicht vergessen. Die Aus¬ 
stattung mit hübschen Bildern ist sehr gelungen. Ein Literaturverzeichnis 
beschließt das Buch; für eine Neuauflage der zu empfehlenden Sammlung wäre 
ein Namensregister wünschenswert. —e — 

Eckart, Rudolf, Der Wchrstand im Volksmund. Eine Sammlung von Sprich¬ 
wort ent, Volksliedern, Kinderreimen und Inschriften an deutschen Waffen 
Gund escliützcn. München, Militärische Verlagsanstalt, 1917. 121 S. 

Dieses Büchlein ist zunächst für Soldaten und die breiten Massen des 
Volkes bestimmt und soll dann auch ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte 


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sein. Dem zuerst genannten Zwecke genügt es völlig, denn es gibt eine zwar 
kleine, aber nicht übel gelungene Auswahl aus deui reichen Schatze unseres 
Soldatenliedes, der zu allen Zeiten im Volke lebte und noch lebt, dann eine 
Auslese von Kinderreimen, in denen Krieg und Soldaten eine Rolle spielen, 
desgleichen eine Sammlung von Sprichwörtern, unter denen sich aber auch 
andere Äußerungen, z. B. von Bismarck und Wellington, sowie Verse von Schiller 
und Arndt finden. Den Schluß bildet eine Zusammenstellung von deutschen 
Waffen- und Geschützinschriften, bei denen freilich auch ein paar Italiener 
mit untergelaufen sind. Sehr reich ist dabei Niederdeutschland, insbesondere 
Bremen bedacht, drei Beispiele stammen auch aus Breslau. 

Für wissenschaftliche Zwecke ist das Bändchen nicht bestimmt und kommt 
dafür auch nicht in Betracht, aber zur Unterhaltung und ersten Belehrung ist 
es wohl geeignet, zumal es mit einer ganzen Reihe guter Bilder nach den 
trefflichen Holzschnitten von Jost Ammann (von 1573) geschmückt ist. Die 
mitgeteilten Lieder und Inschriften stammen sämtlich aus der Vergangenheit, 
die Gegenwart ist nicht berücksichtigt. H. Jantzen. 

Dossier, Hans, Der Försehter-Hons. Eine Liebesgeschichte in schlesischer 
Mundart. Breslau, S. Schottlaender A.-G. 1917. 86 S. M. 1,50. 

Eine Liebesgeschichte vom Dorfe: der arme Försterbursche liebt sie, sie 
soll aber einen Anderen, Wohlhabenden heiraten: der Dorf klatsch kommt dazu; 
der Krieg bricht aus: als der Försterbursche aus dem Felde kommt, hat sie 
doch den anderen geheiratet. So etwas gefällt dem Gcschmacke des Volkes. — 
Es sind ganz nette Verse, die im allgemeinen glatt fließen; freilich könnten 
sie ebenso gut, ja besser in der Schriftsprache als in schlesischer Mundart 
geschaffen sein: viele scheinen geradezu in sic umgesetzt. Manchmal ist die 
Sprache mundartlich unmöglich: so heißt es S. 14: 

doo tritt er ei im Finstern 
a Karle ei a Waig. 

„ei iui Finstern“ (für oim Finstern) gibt es nirgends, und Waig spricht man 
nicht dort, wohin sonst die Mundart des Verfassers weist. S. 19 „a gilt wo&s 
bei n a Leuta“, breta mit dem Infinitiv sind meines Wissens nicht die übliche 
Ausdrucksweise; vor allem aber sind ü-Formen wie hücher (statt hicher „höher“), 
küssa, Geprüll usw. ganz undenkbar. — Es wäre wirklich erfreulich, wenn die 
sogenannte Schlesische Mundartendichtung sich nicht mit der üblichen Be¬ 
wunderung seitens der Stammtische oder anspruchsloser Käseblättchen begnügen, 
sondern ihre Sache ein bischen ernster nehmen wollte; sehr empfehlenswert 
wäre für solche guten Absichten, sich einmal die Urteile in Kurt Wagners neuem 
Buche „Schlesiens mundartliche Dichtung von Holtei bis auf die Gegenwart“ 
anzusehen. —e— 

Der gemütliche Sehlüsinger. Kalender für 1918* Schweidnitz, L. Heege 
1918. M. 0,60 

Der wohl eingebürgerte» von Hermann Bauch lierausgegebeno Kalender gibt 
auch für das kommende Jahr — nächst seinem notwendigen Rüstzeug — eine 
ganze Reihe von literarischen Beiträgen. Unter ihnen nehmen auch jetzt 
wieder diejenigen die erste Stelle ein, die Kriegsereignisse behandeln. Ab- 


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gesehen von einem kurzen Christkindelspiel, wie es ähnlich schon an anderen 
Stellen öfters erschienen ist, und kurzen Bemerkungen über schlesische Spitzen 
ist das Volkskundliche diesmal leider bei Seite geblieben. Denn, was da von 
Rübezahl gesagt wird, das haben wir schon bei Besprechung des letzten Jahr¬ 
ganges als ganz unvolksmäßig bezeichnet, und von so manchem, was in an¬ 
geblich schlesische Mundart umgesetzt erscheint, gilt das gleiche. So steht — 
auch wenn wir einige Beiträge von Barsch, Klings, Lichter, Keller, Honig u. a. 
gern anerkennen wollen — der gemittliche Schläsinger nicht auf dem gleichen 
Boden wie dereinst. Wenn etwa die Käufer anderer Ansicht sein sollten, so 
bedeutet das nichts: ein solcher Volkskalender könnte eine Pflicht darin sehen, 
das Urteil und den Geschmack weiterer Kreise heranzubilden. — e— 


Mitteilungen. 


Volkskunde und Jungdeutschland. 

Volkskunde und Heimatkunde streben auf verschiedenen Wogen den¬ 
selben Zielen zu: die Kenntnis der engeren Heimat zu wecken und zu fördern,, 
das erhaltene alte Gut zu sammeln und zu erforschen, das Lebenswerte liebe¬ 
voll zu pflegen und dem Leben zu erhalten. Mit der vor 20 Jahren einsetzenden 
starken Bewegung für die Pflege des Heimatssinnes zog die Heimatkunde auch 
in die Schulen ein, und ihr tatkräftiger Förderer Oonwentz wies darauf hin, 
wie neben den Lehraustlügen vor allem die Schulwanderungen in den Dienst 
der Sache gestellt werden könnten, um ein heimatkundiges und heimatfrohes 
Geschlecht zu erziehen. Die Pflege des Wandenis übernehmen neben den Ver¬ 
anstaltungen der Schule alsbald die unter dem Banner Juugdeutschlands 
zusanuncngcschlossenen Vereinigungen, und war es zunächst ihr Zweck, die 
heranwachsende Jugend zu körperlich tüchtigen Menschen zn machen, so 
brachte das Schweifen durch Wald und Flur bei besonnener und unterrichteter 
Führung ganz von seihst auch eine innigere Kenntnis der Heimat mit sich. Neben 
einem stärkeren Xaturempfinden erwachte auch Teilnahme und Verständnis für 
die geschichtlichen, vorgeschichtlichen und Naturdenkmäler, für die mannigfache 
Gemeinschaft der Lebewesen, für die mit der Natur verwachsenen Siedelungen 
der Menschen, ihre Sitten und Bräuche, ihre Sagen und Lieder. Damit aber 
hielt auch die Volkskunde ihren Einzug ins Schullehen, nicht als tote Wissen¬ 
schaft und neues Lehrfach, sondern als Gegenstand angeregter Beobachtung 
und freier, lebendiger Betätigung. In wie schöner Weise dies geschieht, davon 
zeugten zwei von den fünf Vorträgen, welche der Jungdeutschland-Mädchenbund 
im Mai als ,, Führerinnenlehrgang* veranstaltete; sie behandelten die 
deutschen Volkstänze und das deutsche Volkslied. Fräulein Heisler 
schilderte die hervorra gende Bedeutung des Tanzes im Volksleben und brachte 


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dann mit ihren Schülerinnen den Inhalt ihrer Hede zu wirkungsvoller An¬ 
schauung durch eine Reihe schöner Volkstänze. Die Darstellung begann mit 
einigen jener schlichten und anmutigen Kinderreigen t„mach auf das Tor, mach 
auf das Tor** — Wagenschieben — „mit den Händchen klapp . . .“), die leider 
heute fast völlig verschwunden sind, und stieg allmählich zu den Tanzspielen 
und Volkstänzen auf. Besonders anzuerkennen war, daß die prächtigen Tänze 
aus der Kiesewälder und Obcrdieckschen Spinnstube vorgeführt wurden: der 
Fuhrmanns-, Trampel- und Würgewalzer, Samtmanchester, Kuckuckstanz, „Herr 
Schmidt“, Besentanz u. a. Die Bedeutung des Volksliedes schildertt* Prof. 
Dr. Olbrich. Er ging davon aus, daß das Volkslied infolge der neuzeitlichen 
Daseinsbcdingungen trotz aller Wiederbelebungsversuche im Volks- und Schul¬ 
leben nicht die Holle spiele, die ihm gebühre und die es gewinnen müßte, soll 
unseres Volkes Innenleben nicht völlig verarmen. Berufen dazu aber seien 
gewiß die wauder- und sangeslustigen Scharen Jungdeutschlands, besonders in¬ 
folge der stärkeren Gemütstiefe und musikalischen Empfindungsvermögens der 
Mädchenbund Unter steten Hinweisen auf die entsprechende Literatur zeigte 
der Redner dann, wie man das echte Volkslied von Nachahmungen unterscheiden 
und aus dem reichen Schatze unserer Volksliedersammlungen manch köstliches 
Gut gewinnen könne. Der lebendigen Erweckung des Volksliedes im gemeinschaft¬ 
lichen Gesänge galt der zweite Teil des Vortrages. Im engen Anschluß an das 
Vorbild des Volkes wurde die rechte Art, ein Volkslied zu singen, nachgewiesen. 
Der Vortragende bekämpfte hier vor allem die übliche Gebundenheit an Noten 
und Text, die angebliche Notwendigkeit eines Dirigenten und einer Begleitung, 
das gedankenlose Singen nur um des Singens willen und zeigte, wie das Volks¬ 
lied, zur rechten Zeit, am rechten Orte gesungen, Innen- und Außenleben 
harmonisch einend, sein reinstes und höchstes Leben gewinnt. Mit einem Hinweis 
auf den ewig frischen Born des Volksgesanges als Quelle innerer deutscher 
Gesundung, neuer Lebensfreude und Lebenskraft schloß der Vortragende. Die 
musikalischen Erläuterungen zu dem Vorgetragenen gab Herr Organist Lange 
mit dem Sängerinnenchor der Viktoriaschule. Die Gegenüberstellung echter 
Volkslieder und volksläutiger Lieder und Lieder im Volkstone, echter Volks¬ 
weisen und späterer Vertonungen desselben Textes ließ so recht hervortreten, 
welche Schätze an Gemüt und Schönheit das Volk in seinen Liedern besitzt. — 
Der Vortragende und Herr Provinzialschulrat Jantzen wiesen auf die Be¬ 
strebungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde hin und regten zur 
Mitarbeit an; zehn Mitglieder traten der Gesellschaft bei, auch die von dem 
Verbände herausgegebenen „Alten und neuen Lieder* wurden stark begehrt. 

Mit den Führerinnen dringt die Pflege des Heimischen hinaus zu Tausenden 
derer, die die Zukunft und Hoffnung unseres Volkes bilden. Möge es in ihnen 
die echte Liebe zur Heimat entzünden und sie vor all dem häßlichen und un¬ 
gesunden Fremden bewahren, das vor dem Weltkriege unser deutsches Empfinden 
überwucherte und erstickte. — ch. 


Am Freitag den 9. Februar 1917 hielt der Professor der Musik¬ 
wissenschaft Dr. Max Schneider, einen Vortrag über „da» Wesen volks¬ 
tümlicher Musik.“ 


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In der Volksliedforschung, dem gepflegtesten Gebiete des Studiums der 
Volksmusik, ist bisher dem Worte mehr Arbeit gegönnt worden als der Weise^ 
Es mag mit daher kommen, daß die Musikforschung erst eine junge Wissenschaft ist: 
aber auch daher, daß wir kaum jemand haben, der zugleich Literaturhistoriker und 
Musiker ist. Was unter Volksmusik fällt, ist schwer zu bestimmen. Ganz abgesehen 
von der unnützen Definition dieses Begriffes, bei der so wenig herauskommt wie 
bei der viel umstrittenen Deutung des Wortes Volkslied — die Frage, wo deutsch»* 
Volksmusik oder volkstümliche Musik vorliegt, ist schwer zu beantworten. 1918 
erging an die Stadtverwaltungen die von Kretzschmar, Graf Hochberg und Anderen 
Unterzeichnete Bitte, festzustellen, ob sich musikalische Weisen aus alter Zeit 
erhalten hätten, für Sänger und Spielleute, kurz oder lang, Signale, Fanfaren, 
ganze Lieder usw. Aus nahezu 250 Orten kamen Beiträge, freilich r^cht un¬ 
gleicher Art': am besten war Schlesien vertreten mit Liedern, Tänzen, Turm- 
signalen, Festfanfaren und ähnlichem. — Wodurch kennzeichnet sich nun die so¬ 
genannte Volksmusik? Im allgemeinen ist sie mehr einstimmig melodisch, kunst- 
mäßige Harmonieverbindungen sind ihr fremd. Die Melodik besteht in leicht zu 
treffenden Tonschritten wie Terz, Quinte, Quart, Oktave, wie sie uns gewohnt 
sind in den Stimmen der Natur, ferner in den Volksausrufen, Signalrufen, beim 
Spielen, in den Ausrufen der Händler, der Nachtwächter usw.; die harmonische 
Konsonanz tritt in'den Stützpunkten solcher Volksweisen stets hervor. Wo das 
Rhythmische das ja mit so mancher Tätigkeit des Volkes verbunden ist, zum 
Melodischen hinzutritt und zur Gliederung im Takt führt, beherrscht es als¬ 
bald das Melodische. Es führt zur Symmetrie. 

Für alle volkstümliche Musik ist charakteristisch die Singbarkeit, wie denn 
auch das Instrument unwesentlich ist und das Volk allen Signalen usw. gern 
einen Text unterlegt. 'Die Volksweise ist selbstständig und selbstherrlich und 
ziemlich unabhängig vom Worte, und so werden viel öfter neue Worte auf alte 
Weisen gesungen als umgekehrt. Und so liegt das eigentliche Wesen des Volks¬ 
liedes in der Musik, nicht im Gedicht. 

All dieser Volksmusik steht nun die Kunstmusik mit ihrem bewußten Ge¬ 
stalten gegenüber. In älterer Zeit, z. B. im lß. Jahrh., galt nicht das Erfinden 
der Melodie als die eigentliche Kuust, sondern die Arbeit des Totisetzers, des 
Symphonikers. Freilich hat die hohe Kunst stets zu ihrem Heile die Volks¬ 
musik als Quelle genutzt, und sie ist, wo sie dadurch allgemeinverständlich 
wirkt, volkstümlich im besten Sinne, und zwar nicht durch äußerliche künstliche 
Nachahmung volksmäßiger Lieder, sondern wie sie die einfache innige Eigenart 
der volksmäßigen Musik erfaßt und verwendet. Besonders im 15. und lß. Jahr¬ 
hundert hat das üppig quellende Volkslied die Kunstmusik bereichert. So wurden 
bekanntlich viele Volkslieder in dieMusik der Kirche aufgenommen; und somanches* 
was uns kirchlich in der Tonart erscheint, hat nur die bis ins 17. Jahrhundert 
in aller Musik herrschende Tonart. Daß auch Verirrungen Vorkommen und 
die Volkstümlichkeit mißbraucht wird, ist begreiflich: so wurden Melodien aus 
der Zauberflöte wie ^Bei Männern, welche Liebe fühlen* auch auf das Kirchen¬ 
lied übertragen, so finden wir heute bei der Heilsarmee die uns lächerlich an¬ 
mutenden weltlichen Melodien vor u. a. m. 

Im 18. Jahrhundert trat man mit neuen volkstümlichen Bestrebungen hervor: 
die Lieder müssen eingänglich sein, sie müssen (so sagt Joh. Abr. Peter Schulz) 


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den Schein des Bekannten“ haben. Das wurde die Formel, und sie läßt sich 
auch auf die Instrumentalmusik ausdehnen. Einfachheit der Melodik, in der 
Resonanz ruhende Harmonik, klare symmetrische Gliederung des rhythmischen 
Aufbaus — durch alles dies sind unsere Militärmärschc volkstümlich, sind die 
Symphonien von Haydn und Mozart es mehr als die Beethovens, ist Schubert und 
in vielen seiner Werke Wagner dem Volke so lieb. Hieraus erwachsen 
nun volksei zieherischc Aufgaben für die Forschung. Sie müßte sich der 
musikalischen Weise mehr als bisher annehmen. Diese wurde vielfach nur von 
Ohr zu Ohr übermittelt, und die schriftliche Aufzeichnung bleibt Geheimnis 
der Zünfte, der Stände und der ihre eigene Hausmusik pflegenden Höfe Aber 
auch praktische Aufgaben ergeben sich: man wird den Geschmack des Volkes 
heben gönnen, indem man seine musikalische Vergangenheit kennen lernt und 
die Ergebnisse verwertet. Dann wird auch die Musik deutsch bleiben, und 
das bedeutet im Lande Bachs, Beethovens und Wagners gewiß keinen Rück¬ 
schritt. Die ausländischen, namentlich englisch amerikanischen Flachheiten 
der Operette, die nicht Menschen, sondern Fratzen und Weichlinge auf die 
Bühne stellt, haben genug Unheil gewirkt. Hoffen wir, daß die Zeit nach dem 
Kriege Besserung bringt. Mit dem kriegerischen Soldatenlicdc haben wir ja 
gute Erfahrungen gemacht. Die Musik muß mit dem Scheine des Bekannten 
dem Volke entgegenkommen, mit Einfachheit und Charakter und liedhafter 
Melodik: dann wird sie auch dem Volke Führer sein können. 

Am Freitag den 12. Januar 1917 fand im Hörsaaal I der Universität die 
Hauptversammlung statt. Zunächst gab der Vorsitzende, Universitäts¬ 
professor Dr. Siebs einen Überblick über die Tätigkeit der Gesellschaft im 
verflossenen Jahre. Die Vorträge, auch Gästen zugäugig, haben regelmäßig 
stattgefunden: die „Mitteilungen“ sind im üblichen Umfange erschienen. In 
der wissenschaftlichen Reihe „Wort und Brauch“ ist ein weiterer Band 
herausgegeben worden: eine dankenswerte „Geschichte der schlesischen 
V o lkslie ds forsch ung“ von Dr. Günther, in der die bisher unbekannten 
schlesischen Volkslieder mit ihren Weisen gedruckt sind. Eine schon längst 
als notwendig empfundene „Geschichte der mundartlichen Dichtung 
Schlesiens“ von Holtei bis auf die Gegenwart ist im Druck und wird in 
kürzester Frist im Verlage von M. und H. Marcus erscheinen. Die Samm¬ 
lungen der Gesellschaft schreiten gut voran. Wünschenswert freilich wäre, 
daß jetzt auf dem Gebiete des Soldatenliedes, des Kriegsaberglaubens (/.. B. 
Vorzeichen, Zauber- und Abwehrmittel, Prophezeiung usw.) und der Soldaten- 
sprache reichlich gesammelt und an den Vorsitzenden der Gesellschaft einge- 
8 andt würden. Manche müßige Stunde im Felde oder in den Lazaretten könnte 
zu solcher wertvollen volkskundlichen Arbeit genützt werden. 

Darauf legte der Schriftführer, Professor Dr. Hippe, im Namen des ab¬ 
wesenden Schatzmeisters Dr. von Eichborn Rechnung, und auf Antrag der 
Rechnungsprüfer Geh. Reg.-Rat Dr. Appel und Prof. Dr. Hilka wurde Entladung 
erteilt. Als Vorstand wurden wiedergewählt die Herren Dr. Dr. Siebs, Hiilo- 
brandt, Hippe, Seger, von Eichhorn, Korber, Feit, Schräder» 
Kühn au, Olbrich, Klapper und Jantzon. 

Sodann hielt der ordentliche Professor der englischen Sprache und 


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Literatur, Dr. Lövin S. Schücking, einen Vortrag über „Shakespeare als 
Vol ksdrama tiker“. Dabei ging er von der Frage aus, inwieweit Shakespeares 
Werke die Chronik seiner Lebenserfahrungen darstellen, und faßte zur Be¬ 
antwortung namentlich die Periode seiner großen Tragödien ins Auge, die sich 
deutlich als eine Zeit der seelischen Erschütterungen, des Wandels seines Welt¬ 
bildes, der Stiinmungsgedrücktheit und von Antlügen der Verbitterung kenn¬ 
zeichnet. Innere und äußere Gründe für diese Erscheinung wurden durch¬ 
gegangen. Die Frage, ob die Sonette autobiographischen Aufschluß gewähren 
könnten, ob das Schicksal des Essex als eines Gönners des Dichters in Betracht 
komme oder Gründe der inneren Entwicklung maßgebend seien, wurden kürzer 
länger dagegen die Frage behandelt, inwiefern Shakespeares Stellung in seiner 
Zeit von Bedeutung für sein Seelenleben sein mußte. Nach Behandlung der 
pekuniären und sozialen Seite dieser Stellung kam der Vortragende zu dem 
eigentlichen Kernpunkt seiner Darlegungen, der künsterischen Stellung 
Shakespeares. Eine Schilderung des elisabethanischen Theaterlebens zeigte die 
soziale Stellung des Theaters sowie die Zusammensetzung der Zlischauerschaft 
auf, soweit die zeitgenössische Literatur ihre auffallendsten Züge widerspiegelt. 
Daran knüpfte sich die Behandlung der Frage nach den eigentlichen Trägern 
der Shakespearischen Kunst, die als eine verhältnismäßig dünne Schicht fest¬ 
gestellt wurde. Es wurde dann erwogen, wie Shakespeares Abhängigkeit von 
seinem Publikum auf seine Kunst eingewirkt haben muß, und an dem Beispiel 
der Kleopatra-Figur wurde gezeigt, wie Shakespeare den Anschauungen eines 
großenteils seelisch grobschlächtigen Publikums auch künstlerische Opfer bringt. 
Bei dieser Abhängigkeit vom Publikum sind die soziologischen Veränderungen 
die sich in dieser Zeit in ihm vollziehen, von der größten Wichtigkeit für die 
Kunst. Als solche Veränderungen kommen die beiden Strömungen des Purita¬ 
nismus für das Bürgertum und der Aristokratisierung für den Adel am meisten 
in Frage. Hand in Hand mit dem letzteren geht in der Kunst die Hinneigung 
zum Neoklassizismus. Dessen Forderungen beschrieb der Vortragende ein¬ 
gehend: sie sind der Shakcspeareschen Dramatik, die durchaus volkstümlich 
ist und großenteils volkskundliche Quellen benutzt, ganz entgegengesetzt. 
Und daß so der Dichter unmodern wurde, stellte der Vortragende zum Schlüsse 
als eine der wahrscheinlichsten Ursachen für Shakespeares seelische Verdüsterung 
in dem gedachten Zeitraum hin. — So wurde bedeutsam und mit tiefer Er¬ 
kenntnis die Wirkung Shakespeares auf sein Publikum, das gegenseitige Ver¬ 
hältnis von Dichter und Volk behandelt. 


Am Freitag den 8. November 1917 hielt Pastor Lic. Dr. Erich Bunzcl 
aus Schreibendorf (Kreis Strehlen) einen Vortrag über „Kriegsaberglauben’ 
am Freitag den 14. Dezember sprach Professor Dr. Karl Olbrich über 
„Waffensegen und Amulette bei den deutschen und russischen 
Soldaten.“ Diese Vorträge werden in den „Mitteilungen“ erscheinen. 


Die hübschen kleinen Volksliederhefte „Alte und neue Lieder- mit 
Weisen und Bildern (von Ludw. Richter, Kalkreuth, Slevogt, Ubbelohde) sind 
bei dem äußerst billigen Preise für unsere Mitglieder (25 Pfg. das Stück) sehr 


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begehrt. Anmeldungen seitens der Mitglieder sind an Professor Pr. Hippe 
(Stadtbibliothek) zu richten. 


Am 16. Juni 1917 starb in Steglitz Professor Dr. Paul Rege 11: er war 
ein trefflicher'Kenner des Riesengebirges und hat uns manche Aufsätze zur 
Rhbezahlsage geliefert. 

Als Mitglieder sind der Gesellschaft beigetreten: 

In Breslau: Univ.-Prof. Dr. L. Schücking, Kandidat d. höh. Lehramts Dr, 
J. Giernoth, Dr. phil. G. S c h o p p e, Oberly ceistin Gertrud Lerche, Kandidatin 
d. höh. Lehramts Ilse Schiff, Kandidatin d. höh. Lehramts Eva Cramer, 
Kandidatin d. höh. Lehramts Adelheid Cramer, Oberlehrerin Elise Anders, 
Lehrerin Elisabeth Winter, Lehrerin Elisabeth Hermes, Kandidatin d. höh. 
Lehramts Dr. phil. Elisabeth Benedict, Lehrerin Lotte Finger, Lehrerin 
Gertrud Keller, Oberlehrer 0. Kretschmer, Frau Marie Kretschmer 
geb. Schumann, Kandidatin d. höh. Lehramts Dr. phil Gertrud Brüning ? 
Zeichenlehrerin Ilse Weber, Kandidatin d. höh. Lehramts Johanna Räthling, 
Handelsschul-Leiterin Elsa Drechsler, Professor Dr. Ing. Hilpert, Pastor 
lic. theol. Konrad Müller, 

von auswärts: das Kaiser Franz-Josef-Museum in Troppau, Osterr.-Schles. 


Alle diejenigen, denen es gegeben ist, in jetziger Zeit für die 
Aufzeichnung von Soldaten- und Kriegsliedern zu wirken, bitten wir, 
der Bestrebungen unserer Gesellschaft zu gedenken. Wort und 
Weise in allen ihren Besonderheiten und Abweichungen sind für 
die Volkslied forsch ung wichtig. Manche unserer Krieger werden 
in den Lazaretten und auch sonst Muße, Gelegenheit und Lust zu 
solchen Aufzeichnungen finden. Auch bemerkenswerte Erlebnisse 
und Erfahrungen in Freundes- und Feindesland bergen manche 
volkskundlich wertvollen Dinge; und für Sammlung und Mit¬ 
teilung solcher Erinnerungen, mögen sie Sitte und Brauch, Volks¬ 
lied oder Mundart betreffen, wissen wir Dank. 

Die Schlesische Gesellschaft für Volkskunde, gegründet im 
Jahre 1894, verfolgt den Zweck, der Wissenschaft der Volkskunde 
zu dienen und das Interesse für volkstümliche Überlieferungen zu 
beleben und zu pflegen; auch will sie möglichst alles, was sich 
von solchen Überlieferungen in Schlesien erhalten hat, sammeln. 

Der Eintritt in die Gesellschaft erfolgt durch Anmeldung bei dem 
Schatzmeister Dr. Kurt von Eichborn, Bankier, Breslau, Blücher¬ 
platz 13 11 oder bei dem Schriftführer Direktor der Stadtbibliothek 
Professor Dr. Max Hippe, Breslau, Brandenburgerstrasse 48. 


Schluß der Schriftleitung: 14. Dezember 1917. 
A. Favorke, Hrtsltu II 


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MITTEILUNGEN 


DER 


SCHLESISCHEN GESELLSCHAFT 
FÜR VOLKSKUNDE 

herausgegeben 


THEODOR SIEBS 


Mit einer Bildtafel 


Band XX 

Jahrgang I91S 


BRESLAU 

Kommissionsverlag von M. & H. Marcus 
1918 


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Alle Rechte Vorbehalten 


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Jiriczek, Dr. Otto L., Seifriedsburg und Seyfriedsage.226 

Wissenschaftliche Beihefte zur Alpenforschung.227 

Uilkema, K., Het friesche Boerenhuis (Siebs) . 227 

Schmied-Kowarczik, Walther, Die Oesamtwissenschaft vom Deutsch¬ 
tum und ihre Organisation, ein Sehnsuchtsruf dreier Jahrhunderte 

(H. Jantzen).228 

Bojunga, Klaudius, Der deutsche Sprachunterricht auf höheren Schulen 228 
Beuschel, Karl, Die deutsche Volkskunde im Unterricht auf höheren 

Schulen (H. Jantzen).228 

Deutschkunde. Ein Buch von deutscher Art und Kunst, herausgegeben 

von Walther Hofstaetter (Siebs).228 

Schlesischer Musenalmanach. Viertcljahrsbüeher für schlesische 

Kunst (— e—).230 

Geschäftliche Mitteilungen. 

Volkskunde und Jungdeutschland; Sitzungsberichte, Nachrichten und 

, Anzeigen.231 


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Die Golemsage und die Sage von der 
lebenden Statue. 

Von Lic. Konrad Müller in Breslau. 


Zu den eigenartigsten Gestalten der jüdischen Sagenwelt gehört 
der dnrch kabbalistische Rabbinerweisheit geschaffene und wieder 
ausgetilgte, mit Leben begabte und wieder in Trümmer geschlagene 
künstliche Mensch, den man den Golem nennt. In letzter Zeit ist 
sie durch Gustav Meyrinks vielgelesenen Roman: „Der Golem“ in 
allerdings stark verwandelter Form der Öffentlichkeit bekannt ge¬ 
worden, hat aber auch schon früher, im neunzehnten Jahrhundert, 
eine Reihe literarischer Verwertungen gefunden. Trotzdem bietet 
noch heute ihre Entstehung und Ausgestaltung eine Anzahl beachtens¬ 
werter und zum guten Teil noch nicht geklärter Fragen und ist 
meines Wissens außer in einem geschickt einführenden Artikel in 
der Jewish Enzyklopedia 1 ) und in einigen populären Darstellungen 
bisher nur in einer ebenso gelehrten wie durch die Hinneigung des 
Verfassers zu kabbalistischen Spekulationen sonderlichen Arbeit von 
Hans Ludwig Held: „Vom Golem und Schern“ 2 ) eingehender be¬ 
handelt, aber in ihren sagengeschichtlichen Problemen auch noch 
durchaus nicht restlos gelöst worden. Im Folgenden seien daher 
Tatsachen und Beobachtungen zur Entwicklung und Behandlung der 
Golemsage vorgelegt, freilich ohne daß dabei eine völlige Aufhellung 
aller vorhandenen Unklarheiten oder auch nur eine vollständige Be¬ 
herrschung des weitschichtigen und schwer zu überblickenden Stoffes 


*) The Jewish Enzyklopedia 1904, Band VI S. 30f. 
a ) Der Artikel von Held erschien in der Zeitschrift „das Reich“ heransg. 
von A. Freiherrn v. Bernus, I. Jahrgang 1916 S. 334—379, 515—559. 
Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 1 


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erreicht werden kann 1 ). Dabei scheint es, weil in der Sage eine 
eigentümliche Form der allgemein verbreiteten Vorstellung von 
lebenden Statuen und künstlichen Menschen geboten wird, angemessen 
zu sein, diese letztere Sagengruppe zunächst im Überblick zu 
skizzieren, sodann die Entstehung uud Ausgestaltung der jüdischen 
Legende selbst zu beschreiben und schließlich die Formen und Be¬ 
sonderheiten ihres Vorkommens in der Literatur zu besprechen. 


I. 

Die Vorstellung vou lebenden Statuen, sich bewegenden, redenden 
oder beseelten Standbildern und Kunstwerken läßt sich in vielen 
Zeiten und bei verschiedensten Völkern nachweisen. 

Aus dem Altertum sei zuerst an das allerdings stark umstrittene 
Wesen des ägyptischen „Ka“, eines eigentümlichen Schutzgottes oder 
Seelengebildes des Menschen, erinnert. In ägyptischen Gräbern finden 
sich nämlich neben anderem Zierat häufig eine oder auch mehrere 
Statuen des Toten aufgestellt, in denen man sich den Ka des Ge¬ 
storbenen verkörpert dachte, und zu deren Standort der Hauch der 
im Grabe geopferten Speisen oder der Duft des dort entzündeten 
Weihrauchs dringen konnte. Sicherlich herrschte dabei nicht selten 
die Annahme, „daß die Seele die Leiche in der Sargkammer verlasse 
und diese Statue wie einen zweiten Körper beziehe 2 ).“ Darum wollte 
im Jahre 1873 der französische Gelehrte Masp6ro 3 ) den Ka als den 
Doppelgänger, le double, des Menschen erklären, durch den die 
Grabstatuen ein selbständiges Leben empfingen. So wie, sagte er, 
in altarabischen Legenden wunderbare Standbilder und Kunstwerke 
die Wächter der heiligen Gräber seien 4 ), denen Bewegung und Leben 
innewohne, so wie in den dem Hermes Trismegistos zugeschriebenen 
Dialogen einmal von belebten und prophetischen Statuen die Rede 
sei, die deshalb als die Ka’s des Gottes Vervielfältigungen seiner 


1 ) Für manche gütige Unterstützung bei meiner Arbeit bin ich Herrn 

Professor Dr. Brann und Herrn Stadtbibliothekar Dr. Dedo in Breslau zu auf¬ 
richtigstem Dank verpflichtet. K 

2 ) Erman: Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum 1883, S. 415, 
421, 424; Erman: Die ägypt. Religion. 2. Aufl. 1909, S. 148. 

3 ) Maspero: *Le double et les statues propbetiques 4, abgedruckt in 
seinen Etudes de mythologie et d’archeologie egyptienne I 1893, p. 77—91. 

4 ) Nach den „Merveilles de l’Egypte de Moustadi < ‘, trad. par Yattier p. 46 ft 


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a 


selbst darböten 1 ), so wie zu Zeiten der 19. Dynastie in Theben 
an die Wundertätigkeit einzelner Statuen unzweifelhaft geglaubt 
werde, der König sich im Tempel mit allerlei Fragen an sie wende 
und die Standbilder durch Kopfneigen Antwort erteilten, so wie in 
einer Erzählung Diodors eine Statue zu Napata bei der Königswahl 
♦ wirksamen Einfluß übe und Synesios von Ptolemais diese Geschichte 
später in vergröberter Form auf ägyptischen Boden übertrage: so 
sei der Glaube von belebten Statuen im ägyptischen Altertum gauz 
allgemein verbreitet. Von ihr zeugt die Sage der Bentreschstatue, 
die aus der Zeit des Pharao Ramses XII. ungefähr 1000 v. Chr. von 
einer wunderkräftigen Statue des Gottes Chonsu von Theben berichtet, 
welche in ein fernes Land zur Vollbringung einer Heilung gesandt, 
dort aber zurückgehalten wurde und erst nach drei Jahren den 
Fürsten des Gebiets durch einen Traum zur Heimschickung nötigte 2 ). 
Vielleicht seien sogar mechanische und technische Vorkehrungen in 
den Statuen zu solchen Bewegungen und Betätigungen angebracht 
gewesen, jedenfalls bedeute das Wort Ka „1'äme de la statue“ und 
lasse sich am besten durch ein Wort „exprimant 1‘idee complexe 
d’une statue prophötique et d'une statue vivante“ wiedergeben 3 ). 
Aber schon Le Page Renouf äußerte sich über den Begriff - des Ka 
weit zurückhaltender als Maspero und sah in ihm eher den Genius 
als den Doppelgänger des Menschen 4 ), und später wollte Steindorft' 
den Sinn des Wortes Ka noch dnger einschränken, ihn ursprünglich 
nur als den Genius des lebenden Königs auffassen und den Glauben 
an die Fortexistenz des Toten in der Grabstatue als eine einfache 
Vorstellung von allgemeiner Verbreitung erklären 5 /. Immerhiu bleibt 
jedoch — auch für das Urteil des in der ägyptischen Mythologie 

’) Louis Menard: Hermes Trismegiste, traduction complete 1867 p. 146; 
167—169. Die genannte Stelle entstammt dem neunten Kapitel des reAeiog 
Aöyog, dabei ist die Vorstellung mystisch gedeutet, die Statuen sind die von 
Menschen gefertigten dieui terrestres qui annonccnt l’avcnir par les sorts et 
les divinations, qui veilleut, chacuu ä sa maniere, aux clioses qui dependent 
de leur providencc speciale et viennent ä notre aide comme des auxiliaires, 
des parents et des amis. (cap. XIII p. 159). 

2 ) Vgl. z. B. Brugsch: Geschichte Ägyptens unter den Pharaonen 1877. 
S. 637 ff.: Kiesewetter: der Occultisinus des Altertums I, S. 274. 

3 ) Maspero, a. a. 0. p. 91. 

4 ) Le Page Renouf: Vorlesungen über Ursprung und Entwicklung der 
Religion der alten Ägypter. 1882, S. 138 ff. 

5 ) Steindorff: „Der Ka und die Grabstatuen“ in der „Zeitschrift für 
ägyptische Sprache und Altertumskunde“. 1911, S. 152—159. 


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4 


Unbewanderten — bestehen, daß die Religion des Nillandes die An¬ 
nahme belebter Statuen seit alters kannte, wie dies auch beispiels¬ 
weise in ihrer Art die volkstümliche Erzählung vom König Khufu 
und seinen Magiern bestätigt, in welcher von einem Hofbeamten 
ein Krokodil aus Wachs gebildet wird, das sich in ein lebendiges 
verwandelt und die Bestrafung eines Ehebrechers herbeiführt 1 ). 

Und ähnliche Vorstellungen finden sich auch bei manchen Aus¬ 
sprüchen in den Werken griechischer und römischer Schriftsteller, 
wie sich die alten Magier ja überhaupt gern mit der Herstellung 
künstlicher Automaten befaßt haben mögen, durch die sie in den 
Ruf geheimnisvoller Wunderkraft kamen, und auch in Mesopotamien 
Standbilder, sogenannte lamassu, an hervorragenden Plätzen der 
Gebäude Aufstellung fanden 2 ). So erzählt schou Homer iq der 
Ilias von lebenden Statuen aus Gold, die dem hinkenden Hephästus 
dienten 3 ,), und Schriftsteller des sechsten und fünften Jahrhunderts 
melden, daß Daedalus Statuen geschaffen habe, welche die Gabe der 
Bewegung und der Sprache besaßen, wie bei Euripides, Plato, 
Aristoteles unter anderem zu lesen ist, wie es aber auch schon der 
Komiker Philippos durch die witzige Behauptung, Daedalus habe in 
seine Statuen Quecksilber gegossen, parodierte*). So wendet sich in 
der taurischen Iphigenie des Euripides das Bildnis der Artemis beim 
Anblick des Muttermörders Orestes ab, so raten in der Elektra die 
Diosknren dem Orestes, er solle, von den Furien verfolgt, in Athen 
das Bild der Pallas umfassen, damit es den Gorgoschild schützend 
über ihn halte 5 ), und so weiß auch Ovid in den Fasten von sich 
bewegenden Götterbildern zu berichten “). 

Auch gehört hierhin die bekannte Pygmalionsage der Meta¬ 
morphosen, nach der ein aus Elfenbein geschnitztes Frauenbild durch 

J ) Maspero: Les contes populaires de l’Egypte ancienne 1889, p. 58 ff. 

,J ) A. Lehmann: Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis 
in die Gegenwart (deutsche Übers.) 1898, S. 30, 90. Lebende Statuen sind 
mir sonst in der Keilschriftliteratur unbekannt: die Legende von Istars Höllen¬ 
fahrt gehört natürlich nicht hierher. Aus dem Alten Testament ist 1. Sam. 5, 3 
zu vergleichen. 

3 ) Ilias XVIII 417 ff. 

*) Paulys Real-Enzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, 
herausg. v. Wissowa IV, 2; 1901, Sp. 2002 f. 

6 ) Radermacher: „Aus Lucians Lügenfreund“ in der „Festschrift für 
Gomperz“ 1902, S. 197—207; vgl. auch Horaz Satiren I 8. 

«) Ovid: Fasti III 41-48; VI 611-619. 


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die Liebe des Künstlers am Venusfest Leben bekommt und sich mit 
seinem Erschaffer vermählt 1 ), eine Erzählung, die Philostephanus, 
wie Arnobius angibt a ), in etwas anderer Form berichtet und die auch 
Poseidippus, wie Clemens Alexandrinus schreibt, 3 ) in seinen Werken 
berührt, ja die mit starken Veränderungen später auch im Mittelalter 
begegnet. 

Weiterhin überliefert Tacitus gelegentlich in seinen Annalen die 
Sitte, ein Apollobild wegen einer kaiserlichen Vermählung zu befragen 4 ), 
und Sueton schreibt beim Ende des Caligula: 

„Futurae caedis mnlta prodigia extiterunt. Olympiae 
simulacrum Jovis, quod dissolvi transferrique Romam placuerat, 
tantum cachinnum repente edidit*, ut machinis labefactis 
opifices diffugerint. . . . u5 ), 

erwähnt außerdem einen Traum Galbas, in welchem ein Bild der 
Fortuna ihm erschien und sagte, es stehe vor seiner Tür und werde, 
falls er es nicht aufnehme, jedes beliebigen Menschen Beute werden, 
und nach Erwachen habe Galba wirklich eine Fortunastatue vor der 
Schwelle seines Hauses gefunden 6 ), und berichtet im Vespasian, daß 
sich das Standbild Cäsars zur Begrüßung des neuen Herrschers selbst¬ 
tätig nach dem Orient gewendet habe 7 ). -Nach Pausauias hatte ferner 
ein Apollobild zu Manesia am Maiander Kraft zu jeglichem Werk, 
nach Plutarch war ein Athenebild zu Pellene besonders unheils¬ 
wirksam 8 ), nach Libanius begab sich zurZeit des Ptolemaensll. Philadel- 
phus im dritten vorchristlichen Jahrhundert mit einem syrischen Stand¬ 
bild der Artemis eine der ägyptischen Bentreschstatuensage ähnliche 
•Geschichte 9 ), nach Dio Chrysostomus sprang die von einem Feinde 
gepeitschte Statue des Theagenes von Thasos von ihrem Sockel herab 
und erschlug den Beleidiger, nach Aristoteles stürzte die Bildsäule 

') Ovid: Metamorphosen X 242—297. 

2 ) Arnobius: Advcrsus nationes VI cap. 22 fol. 132 [ed. Reifferscheid im 
corpus scriptoruni ecclesiasticorum latin. IV S. 233]. 

3 ) Clemens Alexandrinus: Protrcptieos cap. IV 57, 3 (ed Stählin I 
S. 44 f.) 

4 ) Tacitus: Annalen XII 22. 

s ) Sueton: Caligula cap. 57. 

•’) Sueton: Galba cap. 4. 

7 ) Sueton: Vespasian cap. 5. 

*) Schümann-Lipsius: Griechische Altertümer. 4. Aufl. 1902 II S. 193. 

9 ) Wiedemann: „Ungerecht Gut"* in der Zeitschrift „Am Urquell“ 
VL Band 1896 S. 81 f. 


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des Mithys von Argos während eines Festes um und tötete dadurch 
den Mörder des Mithys 1 ). Auch sollen vor der Eroberung Trojas 
die Götter selbst ihre Statuen aus der Stadt getragen haben, eine 
Anschauung, die sich auch sonst nachweisen läßt, und nach der z. B. 
einmal die Tyrier ihre Götterbilder, um deren Auswanderung zu 
verhindern, mit Stricken festgebunden haben sollen 2 ). Selbst Lucian 
beschreibt in seinem „Lügenfreund“ die Gespenstergeschichte der 
Statue eines Pelichos, die von ihrem Hausverwalter um die ihr ge¬ 
opferten Münzen bestohlen wurde und nun den Dieb zur Strafe 
nachts ruhelos im Kreise herumtrieb, heftig durchprügelte und in 
kurzer Zeit zu schmählichem Tode brachte 3 ), wie ja überhaupt die 
Vorstellung, daß die Macht eines Geistes in seinem Abbild wohne 
und dieses sich an seinem Beleidiger rächen könne, im Altertum 
allgemein verbreitet war 4 ). 

Aber auch die christliche Apokryphenliteratur kennt in den 
Akten des Andreas uud Matthias eine eigentümliche Legende, nach 
der Jesus einmal in einem Tempel zwei Sphinxe belebt habe und 
diese darauf zu wandeln, zu sprechen und predigen, ja sogar im 
Hain Mamre die Patriarchen für christliches Zeugnis aus ihren Gräbern 
zu holen begonnen hätten,, berichtet auch, daß der heilige Andreas 
auf Christi Befehl einer in seinem Kerker stehenden alabasternen Bild¬ 
säule geboten habe, Meerwasser über die Stadt der Menschenfresser 
zu ergießen 5 ), und enthält in dem Kindheitsevangelium des Thomas 
die bekannte Legende, nach der der Jesusknabe zwölf Sperlinge aus 


*) Dio Chrysostomus Orationes 31 p. 618 K.; Aristoteles Poetik 
cap. 9; vgl. Kochs Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte neue Folge 
Hand XIII 1899. S. 397 f. 

2 ) Lobccl.: Aglaophamus 1829 I S. 274—276. 

3 ) Lucian: (pi/.oipcvOTrjg cap.45—49; Übersetzt in Hausrath und Marx: Grieeh. 
Märchen 1913 S 194 ff. Wendland .Antike Geister- und Gespenstergeschichten* 
in den .Mitteilungen d. Schlesischen Gesellschaft f. Volkskunde“ XIII—XIV 
1911 S. 52 f. 

*) lieh de: Psyche 3. Aull. I S. 194. Von belebten Götterbildern sprechen 
auch Hermias in den Scholien zu Platons Phädrus p. 87, 6 ed. Couvreur, 
Proklos zum Tiinaeus I 51, 25 ed. Diehl und Damaskios „Leben des Isidor“ 
ed. Asmus p. 64. 

5 ) Thilo: Acta S. S. Apostolorum Andreae et Matthiae graece ex codd. 
Parisiensibus nunc primum edita. Leipziger Universitätschrift 1846 cap 13 fl'.: 
Lipsius: die apokryphen Apostelgeschichten und Apostellegenden 18831 S. 546 ff., 
Cap. S. 552; Reizenstein: Hellenistische Wundererzählungen 1906 R. 131 ff. 


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Lehm geformt und ihnen Lebeu und Bewegung verliehen habe'). 
Und wenn man schließich noch hinzunimmt, daß dem Perserkönig 
Sapor einmal ein Inder eine goldene Statue schenkte, die in ein 
goldenes Horn stieß, sobald ein Spion die Hauptstadt betrat -), daß 
auch Apollonius von ähnlichen Figuren wie denen des Hephästus er¬ 
zählt, die er bei indischen Brahminen gesehen haben will, wenn man 
beachtet, daß in Hierapolis und Antium sich selbst bewegende 
Tempelstatuen gewesen sein sollen, daß im Tempel zu Delphi laufende 
Bildsäulen der Heliaden und goldne singende Jungfrauenstatuen auf¬ 
gestellt waren und Leo der Philosoph singende goldene Vögel auf 
goldenen Platanen und brüllende goldene Löwen besaß 3 ), wenn man 
bedenkt, daß manche christliche Schriftsteller die Dämonen in Götter¬ 
bildern gebannt glaubten und auch Apulejus die Beweglichkeit solcher 
Statuen auf magische Kräfte zurückführte*): so ergibt sich deutlich, 
daß die Sage von der lebenden Statue im Altertum allgemein ver¬ 
breitet war. 

Aus dem Mittelalter findet sich gleichfalls eine Fülle ähnlicher, 
oft aus alten Zügen abgeleiteter Geschichten. Z. B. kleidet die Virgilssage 
manche früheren Legenden in ein neues Gewand. So baute der 
große Zauberkünstler in Rom einen Palast und schmückte ihn mit 
Bildsäulen, den Darstellungen der unterworfenen Völker, die je eine 
Glocke in der Hand hielten. Sobald nun eine Provinz auf Abfall 
sann, begann die betreffende Bildsäule mit ihrer Glocke zu läuten. 
Auch schwang sodann ein auf der Spitze des Palastes stehender 
bronzener Krieger seine Lanze in der Richtung der aufrührerischen 
Provinz, damit die.Römer sich zum Kampf rüsten könnten 5 ). Diese 
Sage kennen schon Beda Venerabilis sowie der im achten Jahrhundert 
lebende Grieche Kosmas; im dreizehnten Jahrhundert wird sie besonders 
genau überliefert. Weiterhin berichtet Wilhelm von Malmesbury in 
seinen Anfangs des zwölften Jahrhunderts geschriebenen gesta regum 
Anglorum unter dem Jahre 1019 die Geschichte einer gespenstischen 
Venusstatue, an deren Finger ein Bräutigam am Hochzeitstage seinen 

*) Hennecke: Neutestamentliche Apokryphen 1904 S. 67. 

2 ) Entnommen aus R. Kleinpaul: Modernes Hexenwesen 1900 S. 19. 

3 ) Schindler: Der Aberglaube des Mittelalters 1858 S. 152. 

4 ) Apuleji: Mctamorphoseon libri XI recens. F. Eyssenhardt 1868 üb II 
cap. 1 S. 17 f. 

5 ) Domenico Comparclti: Virgil im Mittelalter, deutsch von Dütschke 
1875 S. 250 f; Roth: „Über den Zauberer Virgilius“ in Pfeiffers „Germania“ 
IV. Jahrgang 1859 S. 257 ff. 


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Verlobungsring während eines Ballspiels steckte. Nacher konnte 
der Ring von dem inzwischen gekrümmten Finger des Standbildes 
nicht mehr entfernt werden, und in der Hochzeitsnacht legte sich 
die Figur, als die eigentliche Verlobte des Mannes, zwischen die 
Neuvermählten 1 ), eine Erzählung, die sich unter dem Jahre 1045 
auch in einer in der Breslauer Universitätsbibliothek aufbewahrten 
Volkschronik verzeichnet findet und späterhin zu einer Mariensage 
umgestaltet wurde *). Von Papst Gerbert 3 ) (Silvester II.) behaupten einige 
ebenfalls bei Wilhelm von Malmesbury erhaltene Legenden, daß er 
einen redenden Kopf gebildet habe, der ihm durch Ja und Nein 
wichtige Enthüllungen vermittelt hätte; vom Schatze des Oktavian 
wird am gleichen Orte gesagt, daß er, den auch Gerbert aufsuchte, 
von lebenden Statuen behütet und verteidigt worden sei 4 ). Im 
Prozeß gegen die Templer spielt gleichfalls ein redender Kopf eine 
Rolle; von Albertus Magnus wird sogar berichtet, daß bei einem 
seiner Gastmahle metallene Figuren, die menschliche Bewegungen 
nachahmten, bedient hätten 5 ), und daß er einen künstlich automatischen 
Menschen gefertigt habe, den später sein Schüler Thomas in des 
Meisters Laboratorium entdeckte und in blindem Übereifer zerschlug 6 ); 
ja auch Arnold von Villeneuve soll nach Mariana einen künstlichen 
Menschen gebildet und Roger Bacon sowie der Bischof von Lincoln 
Robert Grostete redende Köpfe erfunden haben 7 ). 

Besonders reiche Beispiele ähnlicher Vorstellungen bietet ferner 
die mittelalterliche Marien- und Heiligenlegende. Caesarius von 


•) Wilhelnii Malmesbiriensis inonachi: de gestis regum Anglorutn 
libri quinque cd. by William Stubbs 1887 I lib. II § 205 S. 256 ff. 

s ) Klapper: „Eine Weltchronik des ausgehenden Mittelalters“ in den 
„Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde“ XI Jg. 1909 
S. 132 ff. 

*) W. v. Malmesbury: a. a. 0. lib. II § 172 [S. 202 f.] Sehulthess : 
Die Sagen über Sylvester II. (Virchow u. Holzendorff Gemeinverständl. Vorträge) 
1893 S. 20 f. 

4 ) W. v. Malmesbury a. a. 0. lib. II § 169, 170 (S. 196 ff., 198 ff.); 
Carl Meyer: Der Aberglaube des Mittelalters und der nächstfolgenden Jahr¬ 
hunderte 1834 S. 127 ff. 

s ) Schindler: a. a. 0. S. 152. 

®) Sighart: Albertus Magnus, sein Leben und seine Wissenschaft 1857, 
S. 71 f.; Albertus Magnus in Geschichte und Sage 1880 S. 164 f. 

7 ) Siebert: Roger Bacon, sein Leben und seine Philosophie 1861, 
S. 9 f.; Soldan: Geschichte der Hexenprozesse, 1880 I S 195. 


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Heisterbach erzählt in seinem Dialogus miraculorum aus dem drei¬ 
zehnten Jahrhundert von einem Bilde des heiligen Nikolaus, das, im 
Zimmer einer Wöchnerin stehend, sich bei der Geburtsstunde der 
Frau umdrehte, um nicht Zeuge der Geburt zu sein, oder von einer 
Statue der heiligen Lichthildis, die beim Gebet unfrommer Frauen 
sich unwillig zur Wand kehrte. Er berichtet von einem Kruzifix 
in St. Georg zu Köln, dem der Küster regelmäßig die geweihten 
Kerzen stahl, und das den Mann daraufhin eines Nachts heftig ver¬ 
prügelte, von einem Marienbild, das zu dem Stiftsherrn Heinrich an 
St. Kunibert in Köln in der Kapelle seines Hauses sprach; von einem 
Bild des Gekreuzigten, das Tränen vergoß, als ein Diakon an seinem 
Altar unberechtigt die Messe las; von Worten, die eine Marienstatue 
zu Polch tröstend an einen Priester richtete, und von Kreuzen, die 
bei Lanzen- oder Pfeilstichen Blut von sich gaben 1 ). Auch die 
österreichischen Mariensagen kennen aus dem sechzehnten und sieb¬ 
zehnten Jahrhundert ähnliche Geschichten. So kehrt das Bild der 
Maria in Dornen zu Turas nächtlich an seinen Fundort zurück, so 
nickt das von Maria-Kulm 1383 freundlich einem Beter zu, so hält 
das der Prager Franziskaner 1400 einen Kircbendieb bis zu seiner 
Gefangennahme bei der Hand fest, so kommt ein von den böhmischen 
Ketzern zerrissenes Bild selbsttätig wieder auf den Altar, so streckt 
eine Wiener Marienstatue 1588 ihre rechte Hand aus und spricht 
tröstend zur Königin Elisabeth von Frankreich, so verändert das 
Marienbild zu Stein in Böhmen sein Gesicht, sobald ihm ein Sünder 
naht, so verheißt 1632 ein Marienbild der Karmeliter in Wien Schutz 
gegen den König von Schweden, so vergießen die Marienbilder von 
Poetsch bei Wien, von Raab in Ungarn, von Klausenburg in Sieben¬ 
bürgen, von Tirnau in Ungarn und von Palfalä in Ungarn Tränen 2 ). 
Und auch zu Verviers und im Kloster Steinfeld in der Eifel erzählt 
man von belebten Marienbildern, eine Marienstatue von Werl und 


*) Caesarii Heisterbaccnsis monachi dialogus miraculorum ed. Strauge 
1851, VIII 76 (S. II 144 f.), VIII 83 (S. II 150), VIII 25 (S. II 101), VII 8 
(S. II 11 f.), IX 61 (S. II 212 f.), VIII 85 (S. II 151-153), VII 29 (S. II 38), 
X 19 (S. II 232), X 20 (S. II 232 ff.): Annalen des historischen Vereins für den 
Niederrhein 47. Heft, 1888 (Verdeutschung von A. Kaufmann) S. 33 f., 41 f. 
90 f., 97 f., 103, 108 ff., 157 f., 194, 223: A. Wesselski: Mönchslatein 1909, 
S. 74 f., 131 f., 162 f., 132 ff., 223, 238. 243. 

2 ) Kaltenbaeck: Die Mariensagen in Österreich 1845, S. 17 f., 85, 101, 
104 f., 139 ff., 172, 185, 264 ff., 271, 274, 278 f., 287 f. 


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die Madonna von Kevelaer am Niederrhein kehren an ihren Heiinat- 
platz zurück 1 ), nach einer äthiopischen Sage ergreift ein Marienbild 
einen Maler, dessen Gerüst der Teufel zu Fall brachte 2 ), der Bischof 
Alfonso Maria de Liguori wird einmal bei einer Marienpredigt in 
Amalfi von einem Marienbild mit Lichtstrahlen übergossen und 
meterhoch emporgehoben 3 ), und in Bralin (oder nach anderer Über¬ 
lieferung in Wien) spricht ein Marienbild zu Johann Sobieski von 
Polen 1 ). An die Zauberkraft der Bilder wurde überhaupt im ganzen 
Mittelalter geglaubt, noch Papst Johann XXII. verbot in einer Bulle 
die Anfertigung von Zauberbildern, Karl IV. soll durch ein Zauber¬ 
bild verletzt, Philipp der Schöne durch ein solches sogar getötet 
worden sein, weswegen geradezu Hinrichtungen verhängt wurden, 
und auch im Hexenhammer und in der Bulle Innocenz' VIII. gelten 
solche Dinge als Tatsache 5 ). Die in den Don Juangeschichten er¬ 
haltene Sage vom toten Gast, d. h. von der Statue des Gemordeten, 
die sich selbst zum Gastmahl bei ihrem Mörder einfindet und ihn 
dabei einem grausigen Ende überliefert, entstammt gleichfalls durch 
den spanischen Dichter Gabriel Tellez und sein Vorbild Lopez de 
Vega spätestens dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts 6 ), ja auch 
der Homunculus, der mit der jüdischen Golemsage besondere Ähnlich¬ 
keit besitzt, kommt aus der vielleicht allerdings satirisch gemeinten 
Schrift des 1493 bis 1541 lebenden Paracelsus 7 ) über die Ver¬ 
wendung in Lichtenbergs Veröffentlichungen 8 ) und in Sternes Tristam 
Shandy, 9 ) zu Goethe 10 ), wobei hervorzuheben ist, daß auch bei 
Paracelsus der Homunculus zunächst das kleine, aus Wachs, Pech 


*) Radermacher in der Festschrift f. Gomperz S. 19711'. 

3 ) Budge: Lady Maux mauuscripts »o. 2—5, p. 35 ff., p. XXXIV. 

8 ) R. Kleinpaul: Modernes Hexenwesen 1900, S. 31. 

*) Wosien: .Das historische Volkslied der Polen“, erscheint 1918 in 
„Wort und Brauch“. 

5 ) Schindler: a. a. 0., S. 132 -134. 

6 ) Kail Engel: Die Don Juan-Sage auf der Bilhne 1887, S. 20ff. 

7 ) Paracelsus: De natura reruni IX Bücher, 1. Buch: de gencratione 
rcruui (Ausgabe von 1584, S. 4 f.), vgl. M. B. Leasing, Paracelsus, sein Leben 
und Denken 1839, S. 81: Hartmann, Theophrast v. Hohenheim 1904, S. lOOf. 
Gegen Paracelsus z. B. Ettmiillcr, opera omnia I S. 496 f., Zedlers, Universal¬ 
lexikon 1735. Band XIII, Sp. 751. 

8 ) Lieh tepberg: Vermischte Schriften 1800. I S. 155 f. 

9 ) Sterne: Tristam Shandy, im Anfang. 

,0 ) Goethe-Jahrbuch von Ludwig Geiger. Bd. XXI, 1900. S. 208—223. 


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oder Lehm gefertigte und zu allerlei Hexenspuk verwendete Menschen¬ 
bild und erst später den chemisch erzeugten Menschen selbst be¬ 
deutet zu haben scheint 1 ). 

Allerdings kann weder die natürlich nicht durch die Belebung 
der Rüben zu erklärende Rübezahlsage 2 ) noch die weitverbreitete 
Vorstellung von den Zauberkräften der Alraunwurzel 3 ,) für die Sagen 
von lebenden Statuen oder künstlichen Menschen in Betracht gezogen 
werden; aber wenn man alles Angeführte überdenkt, das sich bei 
genauerer Literaturkenntnis gewiß noch stark vermehren ließe, 
wenn man erwägt, daß auch der finnische Schmiedegott Ilmarinen 
der Sage nach außer einem goldnen Schaf und einem goldnen 
Füllen auch eine goldne Frau von wunderbarer Schönheit bildet, 
die freilich weder Sprache, noch Wärme und Gefühl besitzt 1 ), wenn 
man vergleicht, daß nach litauischen Überlieferungen der Zamaiten 
auf Gottes Befehl die Engel der Schmiedekunst Ugniedokas und 
Ugniegawas eine goldne Jungfrau verfertigen, die in allem das Leben 
der Menschen führen, nur nicht zu sprechen vermag 5 ), und wenn 
man etwa noch hinzunimmt, daß auch Luther in seinem Buch vom 
Schein hamphorasch die Erzählung wiedergibt, wie die Juden „zween 
Hunde von Erz machten und setzten sie auf zwo Säulen für die 
Tür des Heiligtums — wenn nun jemand hineinging und lernte 
die Buchstaben des Schern hamphorasch und wieder herausging, 
so bollen die ehernen Hunde ihn so greulich an, daß er vor 
großem Schrecken vergaß des Namens und der Buchstaben, die er 
gelernt hatte“: so zeigt sich deutlich, wie viel im Altertum und 
Mittelalter von lebenden Statuen und sprechenden und handelnden 
Kunstwerken erzählt und gefabelt worden ist. 

*) Kiesewetter: Geschichte des neueren Occultisinus, 1891, S. 53 f. 

2 ) Zur Riibezahlsage vgl.: K. de Wyl: Rübezahl-Forschungen (Wort und 
Brauch V) 1909; Regel 1: Rübezahl im heutigen Volksglauben (Mitteilungen 
d. Schles. Gesellschaft f. Volkskunde XV, 1913 S. 111 ff.): Zacher ebenda 
1903, S. 5 ff. 

s ) Zur Alraunsage vgl.: 0. Schräder: Reallexikon der indogermanischen 
Altertumskunde 1901 I, S. 35 f.; v. Hoverka und Kronfeld: Vergleichende 
Volksmedizin 1908,1 S. 14—18; Zeitschrift f. Ethnologie 1891, XXIII. Jahrg. 
S. 726 ff.; H. Cohn: l’bcr Madragora im Jahresb. der Schles. Gesellschaft f. 
vaterländ. Kultur Bd. 65: 1888 S. 285 ff.: Wnttke: Volksaberglaube S. 230. 

4 ) Mannhardt: Die lettischen Sonnenmythen in Zeitschr. f. Ethnologie 
VII, 1875, S. 315f. 

s ) Veckenstedt: Die Mythen, Sagen u. Legenden der Zamaiten I, 1883. 

S. 34. 


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12 


II. 

Wendet sich nunmehr die Betrachtung zu der jüdischen Golem¬ 
sage im Besonderen, so sind zunächst die Vorstufen dieser Legende 
zu verfolgen. Ihre biblische Quelle bildet Psalm 139 v. 16. Hier 
heißt es bei der Schilderung der Allwissenheit Gottes 'JO ’p^i. 
„meinen Keim (golem) sahen deine Augen“. ist dabei im Alten 
Testament äna§ As/ö/uevor und wird im Targum mit "orii „meinen 
Körper“, in der Septuaginta mit dKavtQ/aöTÖv iuov, bei Symmachus 
mit dnÖQ<po)TÖv ue und in der Vulgata mit imperfectum meum wieder¬ 
gegeben, während Luther „deine Augen sahen mich, da ich noch 
unbereitet war“ übersetzt. Ob der hebräische Text die ursprünglich 
richtige Lesart bietet, ist fraglich. Von neueren Auslegern behalten 
ihn z. B. De Wette, Hupfeid, Kautzsch und Baethgen bei, uud zwar 
verdeutscht De Wette golem mit „Keim“ und bezieht sich auf eine 
Bemerkung von Buxtorf im Lexikon talmudicum *), Hupfeid, dem 
Hitzig folgt, schreibt dafür „Knaul“ und denkt an „das natürliche 
Bild des Lebensfadens, der hier noch in einem Knaul zusammen¬ 
gewickelt liegt, um später entwickelt zu werden 2 )“, Baethgen behält 
„Keim“ bei 3 ), und Kautzsch überträgt: „als ich noch ein ungestaltetes 
Klümpchen war 1 )“. Duhm liest unter Heranziehung der zweiten 
Vershälfte P'O’ „die ungeformte Masse der Lebenstage 5 )“, 

Staerck schreibt einfach „meine Tage sehen deine Augen“ und er¬ 
klärt: „Auch hier ist der Text nur zum Teil übersetzbar uud ohne 
Konjekturen nicht auszukommen 6 )“, Kittel schlägt, ebenso wie Buhl, 
als Emendation vor und gibt es mit „Deine Augen sahen alle 
meine Tage“ wieder 7 ). Gunkel schreibt „meine Geschicke“ und be¬ 
hauptet, daß man ein solches Wort hier erwarte und golmi korrumpiert 

*) De Wette: Commentar über die Psalmen. 4. Aufl. 1836, S. 276, 279. 

2 ) Hupfeid: Die Psalmen. 1862 IV S. 353. 

3 ) Baethgen: Die Psalmen (in NowacksHandkommentar zum Alten Testament) 
2. Aufl. 1897 S. 287 f. 

4 ) Kautzsch: Die heilige Schrift des Alten Testaments. 3. Aufl. 1909 II 
S. 240. 

5 ) Duhm: Die Psalmen (in Martis Kurzem Handkommentar zum Alten 
Testament) 1899 S. 287 f. 

6 ) Staerck: in den „Schriften des Alten Testaments* 4 III 1, 1911 S. 242 f. 

7 ) Kittel: Die Psalmen (in Sellins Kommentar) 1914 S. 470 f; Buhl in 
Kittel; Biblia Hebraica 1906 S. 1017 Anin. 


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sei 1 ), und nur Wünsche übersetzt „als ich noch ein Klumpen war“ 
und behält also auch unter den neuesten Kommentatoren die Lesung 
des Urtextes bei 2 ). 

Aber diese textkritische Frage ist für die Golemsage selbst von 
geringerer Bedeutung, da für diese nur die rabbinische Deutung des 
Wortes golem in Betracht kommt. Über sie schreibt Gesenius im 
thesaurus 3 ) mit bewährter Genauigkeit: 

„D“;, res convoluta, dein materia rudis et informis, nondum 
elaborata, cuius partes nondum evolutae sunt et expeditae. De 
embryone Ps. 139, 16 . . . Frequentatur vocabulum in Talmude 
de quacumque re rudi nondum elaborata et perfecta v. c. 
mrrc massae vasorum fusilium Chelim 12 § 6, yy ’Vd 'ö^i massae 
vasorum ligneorum Kimchi ad Ps. 1. c., de acubus nondum perforatis 
• Schabb. fol. 52 B, de alica, farina et mass.a panis nondum subacta 
(v. Epiphanius in Palaestina natus haer. 30 § 31: rö ydg duarEQ- 
yaörov yoAfn] ehuaeoev [6 'Eßgcunög], öjieq äourjVEVErai yövögog 
fj GE/xiöäÄEcog KÖKKOg, df/dsv tö ptjöämo elg üqtov ovveXdöv ual 
(pvgadev cet. . ..) et transfertur ad hominem rudern, opp. sapienti 
Pirke Aboth 5 § 7. Etiam apud Arabes huius significationis vestigium 
reperias, nimirum galamatun, quod Golius Dschauharium secutus 
interpretatur corpus excoriatae et exenteratae ovis absque capite et 
pedibus, pr. igitur truncum.“ 

Demnach gilt Golem als eine noch nicht ausgeformte, unvoll¬ 
endete, rohe Masse. Die Bedeutung Golem = der Tor tritt in der 
eben genannten Stelle der Pirqe Aboth entgegen: P.^3 c,-| 77 

n V?®7 „sieben Dinge kennzeichnen den Toren und sieben den 
Weisen“ und findet sich noch heute im vulgären Ostjüdischen, wo 
„a leimeneu golem“ einen „unbeholfenen Tolpatsch“ bezeichnet 4 ), 
wo golem aber auch bisweilen als verächtliche Bennung von Heiligen¬ 
standbildern Vorkommen soll 5 ). Der Sinn golem = Unvollendetes 
spricht sich in dem Sprachgebrauch aus, der — z. B. in Talmud 
Sanhedrin fol. 22 b — eine Frau, die noch nicht empfangen hat, 

*) Gunkel: Ausgewählte Psalmen. 2. Aufl. 1905 S. 251. 

*) Wünsche: Die Schönheit der Bibel I 1906 S 310. 

3 ) Gesenius: Thesaurus philologicus criticus linguae hcbraeacet cbaldaeae 
yeteris Testamenti 1 1835 S. 289. 

4 ) Strack: Jüdisches Wörterbuch 1916. S. 38. 

6 ) Nach mündlicher Mitteilung eines aus Polen stammenden Arztes. 


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golem nennt 1 ) er tritt aber besonders in den talmudischen und spät¬ 
jüdischen Adamssagen hervor 2 ). Hier wird nämlich nach Hereschit 
rabba cap. 14 behauptet, dal) der erste Mensch ursprünglich aus 
Gottes Hand als golem, als unförmiges Gebilde, hervorgegangen sei 
und von der Erde bis zum Himmel, ja auch von einem Ende der 
Erde bis zum andern gereicht habe. Er war auch — nach 
Bercschit rabba cap. 8 — zweigesehlechtig und hatte zwei Angesichte, 
bis das Weib vom Maune losgelöst wurde*). Zuerst erschien Adam 
als lebloser Körper, wie ihn schon die Apocalypse des Esra als 
corpus mortuum beschrieb 4 ), erst später hauchte ihm Gott die Seele 
ein, d. h. er warf ihm, dem riesenhaft Ungestalteten, die Seele in 
den Mund*;, wie ein Mensch in den Mund eines andern, der bei ihm. 
steht, etwas werfen kann. Schließlich bekam der Golem den ent¬ 
wickelten Menschenleib mit seinen 248 Gliedern und 365 Nerven, 
gemäß der 248 Gebote und 365 Verbote der jüdischen Thora. Däbei 
wurde seine ursprüngliche Größe auf 100 Ellen verkürzt und durch 
Abtrennung des Weibes vom Maune die Menschenschöpfung vollendet. 
Aus dieser Anschauung ist das Wort Golem für die spätere Literatur 
aufbewahrt worden und sind einige Züge der ausgebildeten Golem¬ 
sage, z. B. das riesenhafte Anwachsen des künstlichen Menschen, 
entstanden, doch waren für Jahrhunderte weder der Ausdruck noch 
der Begriff irgendwie allgemeiner verbreitet oder vielgenannt. 

Wichtiger als diese Adamslegenden mit ihrer Benutzung des 
Wortes Golem sind vielmehr die Erzählungen, welche einzelnen 


l ) Jewish Enzyclopedia VI p. 36 f. 

9 ) Weber: Die Lehren des Talmud, herausg. v. Delitzsch u. Schnedcrmann, 
1880 S. 203 f: Wunsche: Schöpfung und Sündenfall des ersten Menschenpaares 
(Ex Oriente lux II) 1906: Grün bäum: Neue Beiträge zur semitischen Sagen¬ 
kunde 1893 S. 54 f: Micha Josef ben Gorion: Die Sagen der Juden I 1913 
S. 84 f. 

3 ) Eine genaue, aber eigentümlich verschrobene Darstellung der Adamssageu 
gibt Held „Vom Golem und Schern“ („Das Reich“) 1916 S. 335 ff. 

4 ) Hilgeufeld: Die jüdische Apokalyptik 1857 S. 230. 

5 ) Die jüdische Auslegung benützt dabei den Unterschied des im Gen. 2, 7 
gebrauchten Verbums H5" „er goß, hauchte ein“ von dem anderen häufigeren 
Synonym pT*j, und Haseln erklärt, pT beziehe sich auf Entfernung, 
nDl auf Nähe: also müsse — wegen Gebrauch des letzten Wortes — der Mensch 
so groß gewesen sein, daß er dicht neben Gott stand; es bedurfte keines 
Werfens des Geistes, denn der Mensch reichte bis zum Himmel, (nach Bercschit 
rabbn XIV). 


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Rabbinen die Erschaffung künstlicher Menschen zuschreiben. So 
heißt es in einer talmudischeu Anekdote: Rabba schuf einst einen 
Menschen und schickte ihn zu Rabbi Zera; als dieser aber mit ihm 
sprach und keine Antwort erhielt, sagte er: „du bist von Zauberern 
geschaffen, kehre zu deinem Staub zurück 1 )!“ So sollen im vierten 
nachchristlichen Jahrhundert Rabbi Chaninab und Rabbi Oschija an 
jedem Freitag mit Hilfe des geheimnisvoll tiefsinnigen und unklaren 
„Buches der Schöpfung“ sich ein dreijähriges Kalb hervorgebracht 
und dies dann als Sabbathspeise genossen haben 2 ). So berichtet auch 
der noch ältere jerusalemische Talmud, daß Rabbi Josua ben Chananjah 
im ersten Jahrhundert nach Christus sich gerühmt habe, mit Hilfe 
desselben Buches aus Gurken .und Kürbissen Hirsche und Rehböcke 
machen zu können 3 ), wie auch Rabbi Papa sich einen Daemon als 
Diener geschaffen haben soll 4 ). Noch näher zur späteren Sagen¬ 
gestaltung führen die Erzählungen über den 1021—1058 lebenden 
jüdischen Dichter und Neuplatoniker Salomo ihn Gabirol und den 
1204 sterbenden Philosophen Maimonides. Ersterer soll sich nämlich 
einen weiblichen Dienstboten künstlich erschaffen haben und deshalb 
sogar vor Gericht verklagt worden sein, wobei er den Richtern zeigte, 
daß jenes Geschöpf kein selbständiges belebtes Wesen sei, indem er 
es vor ihren Augen in seine einzelnen Teile zerlegte 5 ). Letzterer 
soll einmal nach erfolgter und durch das Los entschiedenei Ver¬ 
abredung einen seiner Schüler getötet, die Leiche zerstückelt und 
unter Zauberformeln wieder mitBenutzung des „Buches der Schöpfung“ 
in einem Rezipienten aufbewahrt haben. Nach drei Monaten sieht 
er nun, so wird eTzählt, wie sich die zerstückelten Glieder unter 
der Glasumhüllung wieder aneinander zu fügen beginnen. Immer 
deutlicher treten menschliche Formen vor, im siebenten Monat zeigen 
die werdenden Organe schon Atem und Bewegung, im achten Monat 
vollkommene Gestalt. Da wird Maimonides vom Schrecken über sein 
Vorhaben erfaßt, besonders weil er glaubt, daß der nun bald voll¬ 
endete Mensch unsterblich werden würde, und fragt andre Rabbinen 


J ) vgl. Held: a. a. 0. S. 344. 

«) Laz. Goldschmidt: nyX) Das Buch der Schöpfung 1894 S. 4 f. 
Vom Golem steht im „Buch der Schöpfung* kein einziges Wort. 

3 ) Sanhedrin Abschn. VII Hai 19. 

4 ) Sanhedrin 105 *; Bloch in der „Üsterr. Wochenschr.“ 1918 S. 94. 

ß ) Jewish Ency clopediaVI, 526 ff.; Rubin: Geschichte des Aberglaubens 
aus dem Hebräischen übersetzt von J. Stern 1888 S. 98. 


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16 


um Rat. Obgleich er nun ursprünglich seinem Schüler geschworen 
hatte, den Wiederbelebungsvorgang durch keinen Eingriff zu stören, 
empfängt er auch von den anderen Gelehrten den Bescheid, er dürfe, 
um größeres Unheil zu verhüten, den entstehenden Menschen töten. 
Daraufhin zerschlägt er die Masse mit einem Hammer und verbrennt 
das „Buch der Schöpfung“, verliert aber seine eigne innere Gelassenheit 
und kommt bald in mancherlei Elend*). Der Ausdruck Golem wird 
in dieser Legende allerdings, wie es scheint, nirgends gebraucht, doch 
ist ihre Form eine beachtenswerte jüdische Parallele zu deu 
mittelalterlichen Homunculusvorstellungen. 

Von diesen vereinzelten Geschichten indessen abgesehen, scheint 
bis ins sechzehnte Jahrhundert die Golemsage durchaus nicht verbreitet, 
ja auch kaum vorbereitet und eine Sagenbildung mit dieser Bezeichnung 
überhaupt noch nicht entwickelt zu sein. Erst als die Blütezeit der 
kabbalistischen Mystik 2 ) alte Zaubergeschichten der Vergangenheit 
anfTrischte und neue hinzufügte, als durch die krause Weisheit des 
geheimnisvoll phantastischen Buches Sohar regeres Interesse an der 
Legendenfülle der ersten Schöpfungszeit geweckt wurde und über 
Entstehung und Wesen der Seele, über den Adam qadmon, den ersten 
Adam, und seine Frauen Eva und Lilith sich Fabeln und Betrachtungen 
einbürgerten, als das unaussprechbare Tetragramm 3 ) in allerhand 
Variationen, Erweiterungen und Schreibfiguren zur allmächtigen 
Zauberformel für Amulette, Beschwörungen und Wunderwerke, zum 
sogenannten Schern hamphorasch gestempelt ward, als christliche 
Alchemie und Astrologie, mittelalterlicher Aberglaube und öder 
Hexenspuk sich mit dem verworrenen Nachklange altorientalischer 
Philosophien und gnostischer Aouenlehren in den Systemen eines 
Isaak Lurja und Cajim Vidal verflochten, als die ehrwürdigen Weisen 
versunkener Geschlechter Kronzeugen und Namengeber für neue 

’) Weisel in „Sippurim“, Sammlung jüdischer Volkssagon, Erzählungen . . 
begründet von Pascheies. 6. Aufl. 1883 I S. 45 ff; Held a. a. 0. S. 361. 

a ) Zur Einführung in die Kabbala u. a.: Jost: Geschichte des Judentums 
u. seiner Sekten 1859 III S. 143 11'.; Bloch: „Die jüdische Mystik u. Kabbala“ 
in Winter und Wünsche : Die jüdische Literatur III 1897: Kiesewetter: Der 
Occultismus des Altertums I S. 321—438: Bischoff: Die Kabbalah 1903; 
Bisehoff: Die Elemente der Kabbalah 2 Bände 1913/14. 

3 ) Zum Schern hamphorasch außer obigen Werken noch: Neumark: 
Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters 1907 IS. 159 ff; Grünbaum : 
Gesammelte Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde 1901 S. 238—434: Held 
a. a. 0. S. 515 ff. 


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Träumereien und bunte Geheimniskrämereien werden mußten: da 
hat mau auch die Golemanekdoten der talmudischen Traktate wieder 
aus der Vergessenheit herausgeholt, und zu der Zeit, da Paracelsus 
mit seinem Homunoulus in vieler Munde war und die Silvester- und 
Albertsagen wie die Virgils- und Heiligengeschichten weiter erzählt 
wurden, entstand im Golem eine alte und doch auch neue jüdische 
Sagenfigur. 

Und zwar knüpfte sie sich für alle späteren und volkstümlichen 
Darstellungen au die überragende Persönlichkeit des sogenannten 
hohen Rabbi Löw. Dieser 1 ), Juda ben Bezaleel ibn Chajim, soll um 
1512 in Worms geboren sein, dann aber schon in seiner Jugend, 
da seine Familie bald aus Worms auswanderte, mit ihr in Posen 
gewohnt haben. Von 1553 — 1573 war er mährischer Landesrabbiner 
in Nikolsburg, 1573—1584 Rektor an der von ihm begründeten 
Talmudschule in Prag, 1584—1588 wahrscheinlich wieder in Posen, 
1588—1592 erneut in Prag und dann seit 1597 der hochgefeierte 
Oberrabbiner der Prager Gemeinde, bis er am 22. August 1609 
starb. Durch seine in vielen Werken niedergelegte rabbinisch- 
talmudische Gelehrsamkeit war er, ohne in besonderem Maße ein 
Anhänger oder Lehrer der Kabbala zu sein, als Vertreter der 
zeitgenössischen jüdischen Wissenschaft weitberühmt, und auch magische, 
astronomische und alchemistische Künste wurden ihm in großem 
Umfange nachgesagt. Am 16. Februar 1592 wurde er — wohl wegen 
dieser Künste — von Kaiser Rudolf II. in Privataudienz empfangen, 
was bei der damaligen allgemeinen Stellung der Juden als beinahe 
unerhörte Tatsache das allergrößte Aufsehen erregte. Sein und seiner 
bald nach ihm gestorbenen Gattin Perl Gräber sind bis in die Gegen¬ 
wart mit ehrenden Epitaphien auf dem alten jüdischen Friedhof Prags 
erhalten und auch von christlichen Dichtern besungen 3 ), seine 
Gestalt ist als die „des gelehrten und geheimnisvollen hohen Rabbi 
Löw, in welchem alles, was das alte Prager Ghetto Edles hervor¬ 
gebracht hat, verkörpert war“, am neuen Prager Rathaus nach der 
Schöpfung Professor Ladislaus Salouu in wirkungsvoller Statuen- 

') Zu Löws Leben vgl.: The Jewish Encyclopedia VII p. 353 ff.; 
Friedländer: im „Israelitischen Familienblatt u vom 29. 1. 1914; Kohut: 
Der alte Frager jüdische Friedhof 1897. S. 62 ff.; u. a. In allen Einzelheiten 
stimmen die verschiedenen Angaben nicht immer überein. 

2 ) Kohut: a. a. 0. S. 71 f.; eine Abbildung des Grabsteins in der Sammel¬ 
schrift „Das jüdische Prag“ 1917 S. 39. 

Mitteilungen d Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 2 


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gruppe wiedergegeben *), seine Nachkommen, deren viele geschätzte 
und bekannte Gelehrte und tüchtige Menschen voll größerer 
Wirksamkeit geworden sind, haben sich in vielverzweigten Familien 
bis in die Jetztzeit fortgepflanzt. Rabbi Löw war eine überragende 
Persönlichkeit, ein Mittelpunkt seiner Gemeinde, ein Verkörperer 
jüdischer Weisheit und jüdischen Wesens ums Jahr 1600 im Osten 
Deutschlands. Um seine Gestalt hat sich ein bunter Sagenkreis 
gebreitet 2 ), und die Golemsage gehört zu ihm als besonders eigentümlich. 
Man erzählte nämlich später 3 ): Rabbi Löw habe sich dereinst aus 
Ton eine Menschenfigur geformt, ihr die Zauberformel des Sehern 
hamphorasch in den Mund gelegt und ihr dadurch Leben verliehen. 
Dieser Golem, wie man die Figur nannte, habe seinem Herrn während 
der Wochentage in allerlei häuslichen Geschäften als Knecht gedient, 
aber am Sabbath mußte ihm der Schern aus dem Munde entfernt 
werden, weil sonst die Zaubergewalt des heiligen Namens am heiligen 
Tage zu stark geworden wäre und der Golem übermenschliche Kräfte 
— auch zur Ausübung des Bösen — erlangt hätte. Als der Rabbi nun 
an einem Freitagabend die Foitnahme des Zauberpergaments aus 
dem Munde seines Geschöpfes vergessen hatte, begann der Golem 
mit ungeheuer wachsender Kraft allerlei Unfug zu verüben, an den 
Häusern, auch wohl an der Synagoge zu reißen und in den Gassen 
daherzutoben. Voll Angst holte man Rabbi Löw aus der ehrwürdigen 
Altneusynagoge, wo er sich an dem glücklicherweise noch nicht 
beendigten Eingangsgebet des Sabbaths beteiligte 4 ). Die Gemeinde 
wiederholte nun, um den Beginn des für den Golem so gefährlich 
wirksamen Sabbaths noch hinzuziehen, die bereits gesungenen Strophen 
zum zweiten Mal, Löw aber stürzte auf die Straße, warf sich auf 
den Golem und riß ihm die Zauberformel aus dem Mund. Daraufhin 
brach dieser sogleich als Lehmklotz zusammen und zerfiel in Trümmer, 

*) „Das jüdische Prag“ 1917 S. 40 und erstes vollseitiges Bild. 

*) vgl.: Ch. Bloch: „Aus dem Leben des hohen Rabbi Löw“, Neue 
Golemsagen in Blochs Österreichischer Wochenschrift. Jahrgang XXXIV 1917 
Nr. 36 ff.: Nathan Grün: Der hohe Rabbi Löw und sein Sagenkreis 1885 
S. 33 ff. 

3 ) siehe die Darstellung in den „Sippurim“ begründet von Pascheies 
1883. 6. Aull. I S. 51 f.; „Sippurim“ Ghettosagen, jüd. Mythen und Legenden. 
Volksausgabe 3. Aull. 1909 S. 10 f.: Bischoff: die Kabbalah 1903 S. 88 ff.; 
Held a. a. 0. 346 ff. 

4 ) Gemeint ist das Gebet: Lekha dodi; vgl. z. B. Fiebig: Das Judentum 
von Jesus bis zur Gegenwart (Religionsgesch. Volksbücher) 1916 S. 43 ff. 


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die noch viele Jahrhunderte später der Sage nach auf dem öodeu 
der Altneusynagoge zu sehen waren, der Rabbi wagte aber nicht 
mehr, aus Scheu vor ähnlichen Begebenheiten, sich einen zweiten 
Golem zu verfertigen. 

Ungelahr so lautet, allerdings mit manchen Ausschmückungen 
und Verschiedenheiten, die, wie gesagt, später höchst volkstümliche 
Golemsage des hohen Rabbi Löw. Nach ihm schreibt man die 
Fähigkeit, Golems zu verfertigen, auch einigen andern Rabbinern zu, 
so einem Rabbi Elia von Wilna, den im 18. Jahrhundert lebenden 
Rabbi Israel Baal-Schem-tob und Rabbi Mose von Köln und einem 
um das Jahr 1800 lebenden Rabbi David Jaft’6 in Dorhizyn, der 
seinen Golem geradezu als nichtjüdischen Feiertagsarbeiter, als 
Sabbathgoi, verwendete, bis dieser einmal, als er Feuer machen 
sollte, aus Unachtsamkeit einen großen Brand hervorrief und dabei 
selbst von den Flammen vernichtet wurde 1 ). Daß dies aber nur 
eine populäre Vergröberung des beliebten Sagenstoffes darstellt, 
leuchtet ein. 

Nun ist aber höchst auffallend, daß sich in der älteren Literatur 
über Rabbi Löw keinerlei oder so gut wie keinerlei Erwähnung der 
Golemgesehichte findet. So bietet das mit Löw gleichzeitige Chronik¬ 
werk von David Gans (gestorben in Prag 1613), das den Titel 
Tn nos „Gewächs Davids“ führt 2 ), unter dem Jahre 1592 zwar 
Bericht von den Schriften Löws und seiner Audienz bei Rudolf II., 
erwähnt aber des Golems mit keinem Wort 3 ), wie auch die im Anfang 
des 18. Jahrhunderts von seinem Nachkommen Mose Meier Perls 
geschriebene Biographie des berühmten Prager Rabbiners über die 
Sage völlig schweigt 4 ). So verzeichnet auch Joh. Christoph. Wolf 
an mehreren Stellen seiner Bibliotheca hebraea von 1715—1733 zwar 
genau Löws Werke, wobei er den jüdischen Gelehrten bald Rabbi 
Juda ben Bezaleel, bald Rabbi Liva oder Leon de Praga nennt, 
enthält aber vom Golem keine Notiz 5 ), und Zedlers Universallexikon 

J ) The Jewish Encyclopcdia VI p. 38; Held a. a. 0. S. 364: C'hajiin 
Bloch: Östcrr. Wochensehr. 1918 Ko. 6. 

'■*) vgl. Grätz: Volkstümliche Geschichte der Juden 5. Aull. Bd. III S. 296. 

3 ) In der gebräuchlichen Ausgabe des T*“ 112* p. 46 » 

4 ) Nach gütiger Mitteilung von Herrn Professor L)r. Brann in Breslau; 
über Meier Perls: Megilloth Jochasin 1718 vgl. auch N. Grün: Der hohe Rabbi 
Löw 1885 S. 2 ff., besonders S. 37. 

5 ) Joh. Christoph. Wolf: Bibliotheca hebraea 1715 33 I 418 f., III 304—306, 
IV 829 f. 

2 * 


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20 


folgt gänzlich seinem Beispiel 1 ). Ebenso findet sich weder bei 
Eisenmenger 2 ), noch in den von mir eingesehenen christlichen Werken 
des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts über die damals stark 
umsonnene Kabbala, wie bei Hackspan und Buddeus 3 ), vom Golem 
des Rabbi Löw irgend eine Spur. Und Schudt erwähnt zwar in 
einer sehr beachtenswerten Stelle 4 ) seiner „jüdischen Merkwürdigkeiten“ 
unter andern Kuriositäten jüdischer Zauberei auch den Golem und 
sagt: „Der bekehrte Jud Breutz im Jüdischen Schlangenbalg 
lib. I p. 5 sagt: Eine andere Zauberei haben sie, welche Hamor 
Golim genannt wird, da machen sie ein Bild von Leimen, einem 
Menschen gleich, zischpern oder brumlen demselben etliche 
Beschwerung in die Ohren, davon dann das Bild gehet“, führt auch 
einige andere Literaturbelege für diese Überlieferung an und bemerkt 
weiterhin: „sonderlich sollen die heutige Polnische Juden in dieser 
Kunst Meister seyn und den Golem offt machen, dessen sie sich 
in ihren Häusern, wie sonsten die Kobolden oder Hauß-Geister, zu 
alllerhand Hauß-Geschäften bedienen; Arnoldus in Mantissa ad 
Sutam Wagenselii p. 1198 sequ. und auß ihm Tentzel M. U. ad 
annum 1689 p. 145 ss. beschreibts also: Sie machen, nach gewissen 
gesprochenen Gebetern und gehaltenen Fest-Tagen, die Gestalt eines 
Menschen von Thon oder Leimen, und wenn sie das Sehern Hamphorasch 
darüber sprechen, wird das Bild lebendig, und ob es wohl selbst 
nicht reden kann, verstehet es doch, was man redet und ihm befiehlt, 
verrichtet auch allerley Hauß-Arbeit; an die Stirn des Bildes schreiben 
sie ros Emet (oder Emmes, wie sie es außreden) d. i. Wahrheit; 
es wächst aber ein solch Bild täglich, und da es anfänglich gar 
klein, wird es endlich größer als alle Hausgenossen, damit sie ihm 
aber seine Kraft, dafür sich endlich alle im Haus fürchten müssen^ 
benehmen mögen, so löschen sie geschwind den ersten Buchen 8 an 
dem Worte nox an seiner Stirn auß, daß nur das Wort no metli 
(oder wie sie es aussprechen mes) d. i. todt übrig bleibt, wo dieses 
geschehen, fällt der Golem über einen Hautfen und wird in den 

*) Zcdlers Universallexikon 1735 Bd. XIV Sp. 1490 f. 

2 ) Eisenmenger: Entdecktes Judentum. 1711. 

3 ) Hackspan: Miscellaneorum sacrorum libri duo et Cabbalac Judaicae 
brevis expositio 16bO; Buddeus: Introductio ad historiam philosophiaeEbraeorum 
1720. 

4 ) Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten 1714 Band II Buch VI cap. 31 
§21 (Seite II 207 zweite Zählung); Jacob Grimms unten angeführte Notiz ist 
sicherlich von Schudt abhängig. 


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vorigen Thon oder Leim resolviret: Joh. Schmidt im feurigen Drachen- 
Gifft L. 8 sect. 3. p. 61 setzet die Zeit ihres Dienstes nur auf!' 
40 Tage, „daß sie vierzig Tage außer den Reden, allerley menschliche 
Geschaffte verrichtet, und wo man sie hingeschickt, auch einen weiten 
Weg, wie Botten, Briefe getragen; aber wenn man-ihnen nach den 
vierzig Tagen nicht alsbald die Zettel von der Stirn abgenommen, 
ihrem Herrn und den Seinigen entweder am Leib oder am Gut, oder 
am Leben großen Schaden getlian.““ Schudt kennt also eine etwas 
andre, sichtlich im polnischen Judentum mündlich volkstümlich 
überlieferte Form der Golemsage, bei welcher das riesenhafte An¬ 
wachsen des Golems eine alte Erinnerung an die talmudischen Adams¬ 
legenden, die Anwendung des Wortes emeth eine der beliebten jüdischen 
Sprachspielereien ist, aber auch Schudt kennt keine Erwähnung 
des Rabbi Löw als eines Golembildners, sondern schließt seine 
Darstellung vielmehr mit dem wertvollen Satze: „Sie erzählen, daß 
ein solcher Baal Schern in Pohlen, mit Nahmen R. Elias, einen 
Golem gemacht, der zu einer solchen Größe gekommen, daß der 
Rabbi nicht mehr an seine Stirn reichen und den Buchstaben « auß- 
löschen können, da habe er diesen Fund erdacht, daß der Golem 
als ein Knecht ihm die Stieffeln ausziehen sollen, da vermeynte er, 
wenn der Golem sich würde bücken, den Buchstaben an der Stirn 
außzulöschen, so auch angieng, aber da der Golem wieder zu Leimen 
ward, fiel die ganze Last über den auf der Bank sitzenden Rabbi 
und erdrückte ihn.“ 

Nun hat freilich neuerdings Chaim Bloch in einer Artikelreihe der 
„Österreichischen Wochenschrift“ von J. Bloch eineAnzahl von Legenden 
über Rabbi Löw und seinen Golem aus einer bisher unbekannten 
Quellschrift mitgeteilt, die er mit den Worten „ein in hebräischer 
Sprache und Schrift gedrucktes, schmuckloses Büchlein, das sich 
„Wunder des Rabbi Löw“ nennt, vor etwa dreihundert Jahren ver¬ 
faßt wurde und mit tragischen Episoden und entzückenden Legenden 
vollgefüllt ist,“ näher beschreibt 1 )- Aber schon der Umstand, daß 


l ) Blochs Artikel: „Aus dein Leben des hohen Rabbi Löw“ erschienen in 
Blochs „Österreich. Wochenschrift“ vom 14. 9. 1917 No. 36 ab. Auf eine 
schriftliche Anfrage teilte mir Herr Bloch freundlichst mit: „Die angeblich von 
Rabbi Joseph Cohn (Schwiegersohn des Rabbi Löw) gemachten Aufzeichnungen 
sollen sich — wie es in der allerdings sehr primitiv geschriebenen Einleitung heißt 
— in einer Bibliothek in Metz befinden.“ Der ganze Stoff ist in der Blochschen 
Sammlung anekdotenhaft und novellistisch behandelt, die populäre und den 


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hier, nach Blochs Ausspruch, der Golem „zum Künstler, zu einem 
Sherlock Holmes“ gemacht ist, zeigt, daß dieses Büchlein in der von 
allen andern gebräuchlichen Formen der Sage abweichenden und 
nur an eine bei Held verzeichnete mündlich überlieferte ostjüdische 
Tradition 1 ) gemahnenden Eigentümlichkeit seiner Darstellung ohne 
merkbaren literarischen Einfluß und daher auch ohne weitere Verbreitung 
geblieben sein muß, ja daß es in der eigentlichen Geschichte der 
Golemfrage eine ziemlich bedeutungslose und in sich etwas ver¬ 
schwommene Größe darstellt Fraglos scheint daher zu bleiben, und 
Herr Professor Bloch 2 ) bestätigte mir freundlichst durch eine Zu¬ 
schrift vom 15. August 11» l<> diese Annahme, daß die Verbindung 
der Golemsage mit der Person des berühmten Prager Rabbiners vor 
dem neunzehnten Jahihundert literarisch kaum nachweisbar ist und 
daher irgend welche Mittelglieder aufzusuchen sind. 

Diese bieten sich auch in der Überlieferung über den seiner 
Zeit berühmten, später aber wenig bekannten Kabbalisten Elijah von 
Cholm, der um 1550 geboren ist und, seit 1565 in der Talmudschule 
des Rabbi Salomon Lurja in Lublin unterrichtet, als polnischer 
Rabbiner sich einen großen Ruf erwarb 3 ). Er wurde als Verwender 
des Schein hamphorasch zu Zauberkünsten auch Baal schem „Herr 
des Schem“ genannt, er ist unzweifelhaft in der oben ange¬ 
führten Notiz aus Schudt „Jüdischen Merkwürdigkeiten“ gemeint. 
Unter Berufung auf die Künste seines Ahnen behandelt auch 
Elijahs Nachkomme, der als bedächtiger Schriftsteller bekannte 
Hamburger Rabbiner Ha'<am Zewi Aschkenasi*) um 1705 in seinem 
Buche der Responsen die Frage, ob unter den für Abhaltung eines Syna¬ 
gogengottesdienstes notwendigen zehn Teilnehmern (dem sogenannten 
Minjan) auch ein künstlicher Mensch mitgezählt werden könne, 
was Zewi Aschkenasi verneint 5 ). Und noch deutlicher erzählt Azu- 

christliclicn Judcnanklagen gegenüber apologetische Ausschmückung des ganzen 
beweist, daß der Stoff bereits zu einer umfangreichen volkstümlichen Legende 
weiterentwickelt ist. Für die wissenschaftliche Frage nach der Entstehung 
des Golemmotivs läßt sich daher ans der an sich interessanten Arbeit Blochs 
kaum etwas Neues gewinuen. 

*) Held: a. a. 0. S. 373 ff.; siehe unten. 

s ) Herr Professor Bloch aus Posen ist der bekannte Kenucr der Kabbala, 
nicht mit dem genannten Herrn Ohaim Bloch zu verwechseln. 

8 ) The Jcwish Encyclopedia V, p. 130, IV p. 37. 

4 ) Graetz a. a. O. III. S. 440. 

6 ) Kesponsa No. D3; Held a. a. 0. S. 3ß4. 


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1 


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lai 1 ) in seinem 1774 erschienenen Werke Schein hagedolim von 
Elija von v Cholin, daß er mit Hilfe des Sehern einst einen Golem 
gebildet habe. Da dieser Golem aber riesenhaft unförmige Größe 
annahm, habe der Rabbi aus Furcht, sein Gebilde könne die Welt 
zerstören, den Schern aus der Vorhaut des Golems, wo er verborgen 
lag, entfernt und den Golem dadurch wieder zu Staub verwandelt. 
Die Erzählung von einem Golem des Rabbi Elijah von Wilna scheint 
weiterhin nur eine durch die Namensgleichheit mit Elijah von Cholm 
entstandene Abart von der Sage dieses letzteren zu sein 2 ), und aus 
allem festzustehen, daß im achtzehnten Jahrhundert die Golemsage 
ganz vorherrschend — wenn nicht ausschließlich — an die Gestalt 
des Elija von Cholm gebunden war, in ihrer Form die Abhängigkeit 
von den talmudischen Adamssagen bezeugte und mindestens bis ins 
siebzehnte Jahrhundert, zum Teil durch allgemein verbreitete Vor¬ 
stellungen ihrer Zeit unterstützt, zurückzuführen ist. Erst später 
hat sich dann, auf volksmäßige Überlieferungen, die sich vielleicht 
schon frühzeitig besonders in Prag entwickelt haben und möglicher¬ 
weise bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen, gestützt, die 
Sage auf den der Nachwelt besonders bekannten, durch sein Grabmal 
und seine Nachkommen noch weiter wirkenden Heros des Prager 
Judentums, den hohen Rabbi Löw, übertragen 3 ). Der Ruhm seiner 
Audienz bei Rudolf II. und die Legenden von seinen sonstigen 
Wunderfertigkeiten wie das Andenken an seine imponierende Persönlich¬ 
keit erleichterten diese Übertragung, vielleicht sprach auch der 
Umstand ein wenig mit, daß der Name von Löws Vater Bezaleel ben 
Chajim einerseits an den Exod 37 10 genannten in Modellarbeiten, 
Holzschnitzerei und GebildWirkerei erfahrenen Verfertiger der bib¬ 
lischen Stiftshütte Bezaleel, andererseits durch seinen zweiten Bestand¬ 
teil an D<l 'n „Leben“ gemahnt. Elijah von Cholm ist dann allmählich 
vergessen worden; der Sohn Bezaleels, der ideale Vertreter jüdischer 
Weisheit und Würde, der hohe Rabbiner der ehrwürdigen Altneu¬ 
synagoge zu Prag setzte sich im Herzen der ihn bewundernden und 
auf ihn stolzen Juden späterer Jahre an Elijahs Stelle und in Elijahs 
Erbe, bis er als Verfertiger des Golems auch in der Dichtkunst und 
in den Romanen der Gegenwart geschildert wurde. 

J ) The Jcwish Encyclopedia II p. 375; Azulai: Schein hagedolim 
I 163. 

2 ) The Jewish Encyclopedia VI 37. 

3 ) So nimmt auch Herr Professor Bloch in seinem Brief an mich an. 


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24 


III. 

Wann aber tritt diese Golemsage, zumal in Bezug auf Rabbi 
Low, zuerst in der allgemeinen Literatur hervor? Auch hier scheinen 
sich besondere Verhältnisse zusammen zu finden. Die erste mir 
bekannt gewordene nicht fachwissenschaftlich beschränkte Erwähnung 
des Golems stammt von Jacob Grimm. Er hat in der „Zeitung für 
Einsiedler“ vom Jahre 1808 Nr. 7 S. 56 folgende Notiz eingerückt, 
die dann auch in seine „kleineren Schriften“ 1 ) aufgenommen wurde: 

„Die polnischen Juden machten nach gewissen gesprochenen ge¬ 
beten und gehaltenen fasttägen die gestalt eines menschen aus thon 
oder leimen, und wenn sie das wunderkräftige schem-hamphoras 
darüber sprachen, so musz er lebendig werden, reden kann er zwar 
nicht, versteht aber ziemlich, was man spricht und befiehlt, sie 
heiszen ihn Golem, und brauchen ihn zu einem aufwärter, allerlei 
hausarbeit zu verrichten, allein er darf nimmer aus dem hause gehen, 
an seiner stirn steht geschrieben TDK aemaelh (Wahrheit, gott), er 
nimmt aber täglich zu, und wird leicht gröszer und stärker denn 
alle hausgenossen, so klein er anfangs gewesen ist. Daher sie aus 
furcht vor ihm den ersten buchstaben auslöschen, so dasz nichts 
bleibt als no maeth (er ist todt), worauf er zusammenfällt und 
wiederum in thon aufgelöst wird. 

, Einem ist sein Golem aber einmal so hoch geworden und hat 
ihn aus Sorglosigkeit immer wachsen lassen, dasz er ihm nicht mehr 
an die stirne reichen können. Da hat er aus der angst dem knecht 
geheiszen, ihm die Stiefel auszuziehen, in der meinung, dasz er ihm 
beim bücken an die stirne reichen könne. Dies ist auch geschehen, 
und der erste buchstabe glücklich ausgethan worden, allein die ganze 
leimlast fiel auf den juden und erdrückte ihn.“ 

Daß Grimm in dieser Notiz von Schudt abhängig ist, wird zwar 
nirgends ausdrücklich gesagt, kann aber bei einem Vergleich der 
beiderseitigen Angaben wohl als zweifellos gelten. Durch Grimm 
- lernte dann Achim von Arnim die Golemsage kennen*) und ver¬ 
wertete sie in seiner 1811 veröffentlichten Novelle „Isabella von 


■) Jakob Grimm: Kleinere Schriften 1869 Bd. IV, S. 22. Die Bemerkung 
trägt dabei die rätselhafte Überschrift: „Entstehung der Verlagspoesie.“ 

*) Vgl. Morris: Achim von Arnims ausgewählte Werke Leipzig b. Hesse. 
Bd. IV, S. 14. 


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Ägypten“ *), wo die fautastische Gestalt eines weiblichen Golems, der 
durch Zauberkünste eines Juden geschaffen und mit Hilfe des Wortes 
Tön belebt wird, die sonderbarsten Verwicklungen hervorruft und 
schließlich durch Auslöschen des Buchstabens x zu Grunde geht. 
Die Beziehung der Golemsage auf den Rabbi Löw fehlt bei Arnim 
wie bei Grimm und Schudt noch völlig, aber die allgemeine Literatur 
jener Zeit wurde durch des Dichters Novelle auf die Golemgestalt 
aufmerksam gemacht. Und diese Zeit war für Verbreitung und Ver¬ 
wertung derartiger Sagen besonders geeignet, denn in ihr, das heißt 
um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts und 
in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts, waren die 
Geschichten von lebenden Statuen und von Versuchen mit künstlichen 
Menschen besonders beliebt und oft dargeboten. Bodmer veröffent¬ 
lichte 1747 seine Dichtung „Pygmalion und Elise“, Goethes Homunculus 
beschäftigte viele tausend Leser seines Faust, durch Mozarts Don 
Juan war seit 1787, der ersten Aufführung jener genialen Oper, 
auch der steinerne Gast eine mit angenehmem Schauder betrachtete, 
weit über Deutschlands Grenzen bekannte und die Erinnerung au 
spanische und französische Vorläufer neu auffrischende Bühnenfigur 
geworden. Dazu kamen die mancherlei automatischen Kunstwerke, 
die damals in weiten Kreisen das Tagesgespräch bildeten. So soll 
im Jahre 1655 der Jesuit Athanasius Kircher eine Statue verfertigt 
haben, die die nach Rom kommende Königin Christina von Schweden 
gerufen und ihre Fragen beantwortet habe; so verfertigte Magister 
Joh. Valentinus Merbitz, gestorben 1704, einen Bescheid gebenden 
und mehrere Sprachen redenden Wunderkopf, den sich der Dresdener 
Hof und mehrere Minister vorführen ließen 2 ). So konstruierte der 
1782 verstorbene französische Mechaniker Vaucanson seine berühmten, 
sich bewegenden und scheinbar lebenden Automaten, so wurde in 
Paris 1783 eine dreizehn Zoll hohe Puppe gezeigt, die frei an 
Bändern hing, eine Art Trompete an den Mund nahm und viele an 
sie gerichtete Fragen deutlich beantwortete. So wurden die Sprech¬ 
maschine und der weltbekannte automatische Türken-Schachspieler 
des 1804 verstorbenen Wolfgang Ritter von Kempelen 3 ), der mecha¬ 
nische in Vaucansonscher Art hergestellte Flötenspieler und der 

*) Arnims „Isabclla v. Ägypten 4- ist in Meyers Volksbüchern Nr. 530/531 
enthalten. 

*) Vgl. Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten II 205f. (zweite Abteilung). 

3 ) Hermann: Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart. 1883, S.408f. 


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unter einer Glasglocke tanzende und springende oder auf einer Tisch¬ 
platte ruhende, Antwort gebende Kopf vielfach angestaunt und be¬ 
wundert. Größere Werke wie die von Wiegleb 1 ) und von Eckarts¬ 
hausen 2 ) beschäftigten sich mit diesen Figuren, Anekdotensammlungen 
wußten von künstlichen Menschen zu erzählen 3 ), und noch um 1820 
hatten die Sprechmaschine von Posch und um 1840 die des Wiener 
Professors Faber bei ihren öffentlichcu Schaustellungen viel Glück. 

Ja, auch führende Schriftsteller dieser Jahrzehnte wurden von 
solchen Liebhabereien beeinflußt. Beispielsweise schilderte Jean 
Paul in einer humoristisch und satirisch angelegten, aber breit ge¬ 
schriebenen Abteilung seiner „Auswahl aus des Teufels Papieren“ 
die „einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen, angenehmen 
Frau von bloßem Holz, die ich längst erfunden und geheiratet“, 
wobei in ergötzlicher, aber absonderlicher Genauigkeit die Anfertigung, 
Vorzüge und Fähigkeiten solcher Figur auseinandergesetzt werden 4 ). 
E. T. A. Hoffmann verfaßte 1816 seine schauerlich mystische Novelle 
„der Sandmann“ 5 ), in der die Puppe des Professors Spalanzani, 
Olympia genannt, durch ihre automatische Menschenähnlichkeit eine 
ebenso bedeutende wie verderbliche Rolle spielt, und behandelte 
schon 1814 einen ähnlichen Stoff in seinen „Automaten“, wo die 
Figur des redenden Türken besonders hervortritt und durch das sie 
umschwebende Geheimnis dem Dichter ein völliger Abschluß der 
Novelle sogar unmöglich gemacht wird 6 ). Auch in Arnims „Gräfin 
Dolores“ wird neben ähnlichen Motiven ein automatischer Apparat 
erwähnt 7 ); und wie Ludwig Tieck in dem Märchen „der Runenberg“, 
das in seinem 1812 veröffentlichten „Phantasus“ enthalten ist, die 
alte Alraunsage in neuer Auffassung für seine Ausführungen ver¬ 
wertete 8 ), so bildete etwas später die mittelalterliche Geschichte von 

*) Wieg leb: Die natürliche Magie 1786 I S. 257 ff., 268 ff., II S. 231—250. 

a ) v. Eckartshausen: Aufschlüsse zur Magie 1791, III S. 339 ff., 863 ff., 

367 ff. 

s ) Antihypondriakus oder etwas zur Erschütterung des Zwergfells und 
zur Beförderung der Verdauung 1792, Eilfte Porzion; vgl. E. T. A. Hoffmanns 
sämtliche Werke herausgeg. v. G. von Maassen, III Bd. 1909, S. XII ff. 

*) Jean Paul Richter: Sämtliche Werke 1841, IV. Bd. S. 360—396. 

4 ) E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke hcrausg. von v. Maassen III, S. 3ff. 

«) E. T. A. Hoffmann: a. a. 0. Bd. VI 1912, S. XXXV—XL1V, 87—120. 

’) v. Arnim: Gräfin Dolores, Ausgabe von 1810. Bd. II S. 60 ff. Auch 
an die Puppe in Brentanos „Gockel u. Hinkel“ sei erinnert. (Brentano» 
Werke herausg. v. Reitz, II S. 427 ff.). 

*) L. Tieck: Phantasus 1812, Bd. I S. 239—272 


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der Venusstatue mit dem Ring den Inhalt mehrerer vielgelesener 
Novellen. Sie bearbeitete 1819 Eichendorff in seiner stimmungsvoll 
feinsinnigen Erzählung „das Marmorbild“ *), sie gab den Hintergrund 
zu Gaudys 1838 abgefaßter Geschichte „Frau Venus“, die er seinen 
„Venetianischen Novellen“ einverleibte *), sie fand auch in einer 
Novelle von Prosper Merimße aus dem Jahre 1837 „La V6nus d'Ille“ 
eine packende, französischen Geist atmende Wiedergabe 3 ). Kurz, 
Dichtungen und Erzählungen, die sich mit dem Inhalt der Golem¬ 
sage berühren, waren im Anfang des 19. Jahrhunderts allgemein ver¬ 
breitet, wie sich auch aus dem 1831 von Mrs. Shelley geschriebenen, 
1912 von Widtmann verdeutschten höchst sonderbaren Roman 
„Frankenstein oder der moderne Prometheus“ beweist, in welchem 
die Schöpfung eines künstlichen monströsen Menschen und alles von 
ihm über die Familie seines Verfertigers und diesen selbst herein¬ 
gebrachte entsetzliche Unglück mit grandioser Unnatürlichkeit bis 
zum gemeinsamen Untergang im Polareis — allerdings ohne Er¬ 
wähnung und wohl auch ohne Kenntnis der Golemsage — geschildert 
wird 7 ), wie sich aber auch aus Gottfried Kellers 1872 geschriebenen 
„Sieben Legenden“ mit ihrer Verwendung der Sagen von belebten 
Marien- und Heiligenbildern ergeben kann 4 ). 

Deshalb ist es auch eigentlich nicht verwunderlich, wenn nun 
die Golemsage gleichfalls öfters in der deutschen Literatur behandelt 
wird, wobei sie jetzt fast durchgängig die unterdessen in der volks¬ 
tümlichen Überlieferung herrschend gewordene Beziehung auf den 
hohen Rabbi Löw wahrt. 

Hierher gehört zunächst die gelegentliche Erwähnung, die Auer¬ 
bach in seinem 1837 erschienenen Roman „Spinoza“ von Rabbi 
Löws Golem einfügt 5 ). Als das Märchen einer aus Deutschland 

! ) Eicbendorff: Werke herausgeg. v. Dietze, Bd. II, S. 321—370; 
Engel: Geschichte der deutschen Literatur, 14. Aull. 1912, II S. 60. 

2 ) Franz Freiherr Gaudy: Ausgewählte Werke, herausgeg. v. Siegen 
III, S. 37-53. 

3 ) Mer imee’s Novelle erschien in der Revue des deux mondes; deutsch 
bei Reclam Nr. 5168; vgl. Klapper in den Mitteilungen der Schlesischen 
Gesellschaft für Volkskunde XI, S. 132 ff. 

4 ) Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus, deutsch von Widt¬ 
mann 1912. 

ß ) G. Keller: Gesammelte Werke. Bd. VII S. 369 ff., 378 ff., 394 ff. 

6 ) Auerbach: „Spinoza. Ein Denkerleben“. Ausg. v. Hesse-Leipzig, 
. 148 f. 


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28 


stammenden geschichtenkundigen Judenmagd Chaja wird die Erzählung 
von der Schöpfung der Lehmfigur, ihrer Belebung durch ein in einer 
Öffnung des kleinen Gehirns verborgenes Pergament mit dem Gottes¬ 
namen, ihrer Hausarbeit, ihrer sabbathlichen Ungebühr, ihrer Ver¬ 
tilgung und der daher kommenden Prager Sitte, das Sabbathlied 
zweimal zu singen, berichtet, wobei ein philosophisch-satirischer 
Schluß nicht fehlt 1 ). 

Ein eigenes populär gehaltenes Gedicht über den Golem ver¬ 
öffentlichte dann im Jahre 1841 Gustav Philippson in der „All¬ 
gemeinen Zeitung des Judentums “ 2 ). Hier kann der Golem auch 
reden und nach seiner Erschaffung dem Rabbi selbst Anweisung 
über seine Behandlung am Sabbathanfang geben. Die Katastrophe 
verlegt Philippson auf das Versöhnungsfest, den Jom Kippurim. 
Bei seinem Beginn entsteht ein eigentümlicher Wirrwarr in der 
Synagoge: 

„Schon ist ja zum Ersticken das ganze Bethaus voll, 

Und furchtbar ist das Lärmen, und alles schreit wie toll; 

Und nichts als Totenköpfe erblickt man in der Luft, 

Sie suchten mit den Augen die stille Totengruft. 

Doch endlich kommt der Rabbi, er merkt das Geisterheer: 

„Werft ab die Sterbekleider und betet keiner mehr, 

Es sind die Toten alle in unserm Tempel hier; 

Ich hab’ in meinem Golem vergessen das Papier.“ 

Er holt dies nun noch vor Sternenaufgang aus dem Golem heraus 
und verschwört sich, keinen ähnlichen Geist mehr als Diener an¬ 
zunehmen: 

„Und nach dem Friedensfeste nimmt er mit ernstem Sinn 
Das Bild von Lehm und Erde und legt es vor sich hin 
Und spricht dann eiuen Segen und nagelt's an die Wand, 

Das ist der Geist, der Golem, wie er in Prag bekannt. 

Das Bild ist da noch heute, von dem man viel erzählt, 

Doch hab' ich diese Sage davon nur ausgewählt.“ 

Im folgenden Jahre 1842 brachte Abraham M. Tendlau in 
seinem „Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit“ ein 


1 ) „Der hohe Rabbi Löw hat gewiß nicht an Cartesius gedacht, und doch 
hatte sein Golem so viel Leben als alle Menschen, wenn man sich mit der 
neuen Ansicht vereinigt: der Zusammenhang zwischen Seele und Körper sei 
so locker, daß er jeden Augenblick aufgehoben und wiederhergestellt werden 
könne.“ (a. a. 0. S. 149). 

2 ) Philippson: „Der Golem“ in der „Allgem. Zeitung des Judentums“, 
V. Jahrgang 1841. S. 629-631; Held: a. a. 0. S. 357 f. 


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*29 


ziemlich ungeschicktes Gedicht 1 ), das er „Der Golem des Hohen 
Rabbi Löw“ betitelt, das ganz wie Auerbach die Sage erzählt, und 
in dem es zum Schlüsse heißt, auf der Synagoge in Prag sei auf 
dem Speicher noch des Golems Tongebein zu sehen, und das 
Sabbathlied werde seitdem in Prag stets zweimal gesungen. 

Übrigens ist noch die bedeutsame Anmerkung Tendlaus be¬ 
achtenswert, daß ihm die Golemsage nur durch mündliche Über¬ 
lieferung bekannt sei. 

Aus dem Jahre 1844 stammt auch ein tiefempfundenes Gedicht 
von Annette von Droste-Hülshoff, die mit Grimm und Achim vou 
Arnim 3 ) gut bekannt war. Es heißt „Der Golem“ und behandelt 
die Klage um eine ehedem begeisterte und dänn alltäglich gewordene 
Frauennatur. Vom Golem selbst handeln darin die Verse: 

„’s gibt eine Sage aus dem Orient 
Von Weisen, toter Masse Formen gebend, 

Geliebte Formen, die die Sehnsucht kennt, 

Und mit dem Zauberworte sie belebend; 

Der Golem wandelt mit bekanntem Schritte, 

Er spricht, er lächelt mit bekanntem Hauch, 

Allein es ist kein Strahl in seinem Aug’, 

Es schlägt kein Herz in seines Busens Mitte. 

Und wie sich alte Lieb ihm unterjocht. 

Er haucht sie an mit der Verwesung Schrecken; 

Wie angstvoll die Erinnrung ruft und pocht, 

Es ist in ihm kein Schlafender zu wecken, 

Und tief gebrochen sieht die Treue schwinden, 

Was sie so lang und heilig hat bewahrt, 

Was nicht des Lebens, was des Todes Art, 

Nicht hier und nicht im Himmel ist zu finden.“ 

Daß die Dichterin die ihr wohl aus der Romantik bekannt ge¬ 
wordene Sage schöpferisch ausgestaltet und symbolisiert hat, ist 
deutlich, ähnlich wie später Theodor Storm 1 ) in einem kleinen Gedicht 
„Ein Golem“ um diesen „Kerl von Leder“ seinen Humor spielen 


1) Tendlau: a. a. 0. S. 16- 18: Held: a. a. 0. S. 347 ff. 

2 ) A. v. D r o s tc-H n 1 sho f f: Letzte Gaben [Ges. Schritten bei Cotta I 
S. 288 f.]; zuerst im „Morgenblatt für gebildete Stände“ 1S44 erschienen. 

3 ) A. v. Droste: Ges. Werke, Verlag v. Schöningh. Herausgeg. von 
W. Kreiten 1885 1 1 S. 36 f., 40 f., 307, 419: III 333-335. 

4 ) Theodor Storni: Sämtliche Werke, Verlag v. G. Westermann, Bd. V, 
S. 278. 


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PR1NCET0N UN1VERS1TY 


30 


läüt. beide Dichtungen beweisen dadurch erneut die Verbreitung 
des Sagenstoffes um die Mitte des 19. Jahrhunderts. 

In den nächsten Jahrzehnten linden sich meines Wissens keine 
neuen Bearbeitungen der Sage, nur die hebräische Zeitschrift Ha 
Maggid brachte im Jahre 1867 eine Darstellung des Golemstoffes 1 ). 
In den achtziger Jahren indessen begegnen wieder einige wichtigere 
Behandlungen des Gegenstandes. Bermann nahm 1883 in seine eigen¬ 
tümliche Anekdotensammlung „Alt und Neu, Vergangenheit und Gegen¬ 
wart in Sage und Geschichte“ auch die Geschichten von „Rabbi Löw 
und seinen Wundern“ auf und schilderte dabei gemütlich breit die 
Sage vom ,Golem 2 ). Nach Hermanns Bericht hat Löw diesem den 
Schern unter die Zunge gelegt und ihn zum Diener an der Synagoge 
bestellt. An einem Freitagabend, als seine Lieblingstocher Esther 
tötlich krank ist und der Rabbi aus Angst um das Leben seiues 
Kindes nicht einmal zum Synagogengottesdienst gehen will, sondern 
nur daheim die fünfarmige Sabbathlatnpe anzündet, meldet man ihm 
nun, der Golem sei rasend geworden und wolle die Synagoge stürmen. 
Rasch, ehe der erste Psalm zu Ende, gesungen ist, stürzt Löw in 
das Gotteshaus, läßt mitten im Gesang, ehe noch der eigentliche 
Sabbath begonnen, innehalten, hemmt dadurch die Wut des Golems 
und wechselt dessen Talisman um. Bermann hat nämlich die eigen¬ 
tümliche Vorstellung, daß der Rabbi bei der Belebung des Golems 
die Verwendung eines Zauberspruchs vergessen habe und daher den 
Golem zu Zeiten eine die magischen Künste seines Herrn übersteigende 
Kraft erlangt. Um diese zu zügeln, habe Löw außer dem Schein 
noch für jeden der sieben Wochentage einen besonderen Talisman 
verfertigt, der vor Sternenaufgang in der Altneusynagoge umgewechselt 
werden mußte. Auch an jenem verhängnisvollen Freitagabend wurde 
nun zwar der Golem durch Auswechselung des Talismans wieder 
zur Vernunft gebracht, und die für Genesung der Tochter Löws 
ausgesprochenen Gebete der dankbaren Gemeinde bewirkten die Ge¬ 
sundung des Mädchens. Aber der Rabbi traute doch dem wieder 
redlich arbeitenden Knecht nicht mehr und nahm eines Tages bei m 
Auswechseln des Talismans auch den Zettel mit dem Sehern unter 
seiner Zunge hervor, so daß der Golem als lebloser Tonklumpen zu 
Boden stürzte. An diese Darstellung, bei welcher die nur hier 

J ) Ha Maggid, Jahrgang 1867 Supplement Nr. 42; der Artikel selbst 
war mir unzugänglich. 

a ) Bermann: Alt und Neu 1883, S. 404—407; Held: a. a. 0., S. 355 ff. 


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Original fro-m 

PRIiNCETON UNIVERSUM 



überlieferte Annahme von verschiedenartigen Talismanen im Golem 
gewiß nichts als eine ausschmückende, wohl vom Verfasser ersonnene 
Zutat ist, schließt Bermann noch eine ergötzliche, halb rationalistische 
halb gutgläubige Auseinandersetzung über die Möglichkeit, solche 
Figuren zu konstruieren und bringt die schon frühzeitig geäußerten 
Zweifel an ihrer Wunderkraft zur Sprache 1 ). 

Eine ganz andersartige Deutung der Sage versucht 1885 Nathan 
Grün in seinem wissenschaftlich angelegten Vortrag über „Rabbi 
Löw und sein Sagenkreis.“ Er meint, Löw habe mit Vorliebe seine 
gottesdienstlichen Reden und Erklärungen durch Gleichnisse bereichert 
und verdeutlicht, und so liege es nahe, daß er in einer oder mehreren 
seiner Reden auch das Gleichnis vom Golem vorgebracht, dieses 
Beifall gefunden und sich zu einem geflügelten Worte entwickelt 
habe, das später, vielleicht zur Erklärung der Prager Sitte, den 
Sabbathpsalm zweimal zu beten, auf Löw selbst anekdotenhaft über¬ 
tragen worden sei 2 ). Grün beachtet bei dieser Erklärung aber nicht, 
daß die Golemsage bereits vor dem Prager Rabbiner als solche 
existierte, und kann eine Vorliebe Löws für das Golemgleichnis, das 
übrigens auch sonst als Gleichnis kaum nachweisbar sein wird, aus 
den Schriften des Rabbiners nicht belegen. 

Eine deutliche Beziehung auf die alten Adamssagen bietet ferner 
im Jahre 1886 die gelegentliche Erwähnung des Golems, die sich 
in dem Lustspiel von Jaroslav Vrchlicky: „Der hohe Rabbi Löw“, 
verdeutscht von E. Grün findet. Hier heißt es gesprächsweise 3 ): 

„Was Volk? Das erzählt auch, Rabbi Löw habe sich aus Lehm 
eine Figur gebildet, den Golem, habe ihm eine Seele eingehaucht, 
und er müsse den Rabbi in seiner Zauberküche bedienen. Einmal 
habe dieser tönerne Bursche dem Rabbi deu Dienst verweigert, habe 
Widerstand geleistet, sei riesenhaft gewachsen, bis sein Haupt die 

*) „Zweifelsucht und das Bemühen, alle Dinge hübsch natürlich und ge¬ 
wöhnlich zu erklären, machten sich aber schon in jenen Tagen geltend, und 
es gab genug Leute, welche meinten, der Golem sei nicht ein Tonklumpen, 
sondern ein ganz gewöhnlicher, auf die natürliche Art entstandener Mensch 
gewesen, der öfter von der Krankheit Cadaxpassio (Fallsucht) heimgesucht wurde, 
deren Bezwingung dem Rabbi bei seinen medizinischen Kenntnissen und der 
Macht seiner Persönlichkeit auch ohne die Zuhilfenahme des komplizierten 
Apparates von sieben Talismanen nicht allzu schwer wurde“ (a. a. 0. S. 407). 

2 ) N. Grün: a. a. 0., S. 34 f. 

3 ) Vrchlicky: Der hohe Rabbi Löw (Jüdische Universalbibliothck 
Nr. 15) S. 26. 


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Zimmerdecke berührte, aber der Rabbi ist nicht erschrocken. Er 
hanchte ihn an, sprach irgend eine Beschwörungsformel und der 
Koloß zerfiel in ein Häufchen Staub.“ 

Ein Jahr später, 1887, berührte auch Rubin in seiner hebräisch 
geschriebenen „Geschichte des Aberglaubens“ die Golemlegende, 
und sein deutscher Übersetzer Stern fügte dazu die ziemlich sonder¬ 
bare Anmerkung 1 ): „Man kann in derlei Sagen die Sehnsucht der 
Menschen ausgedrückt sehen, von der schweren Berufsarbeit entlastet 
zu werden und sie fühllosen Apparaten aufzubürden, welche Über¬ 
menschliches leisten und beliebig zum Stillstand gebracht werden, 
eine Vorahnung der Dampfmaschinen.“ 

In diesem Zusammenhänge seien auch zwei Fassungen der Sage 
erwähnt, die mir nur aus der inhaltlich reichen, aber wegen ihres 
eigentümlichen, kabbalistisch verworrenen Grundzuges in ihren An¬ 
nahmen und Deutungen abzulehnenden Arbeit von Held bekannt ge¬ 
worden sind. Held hat von einem ostjüdischen Kabbalisten folgende 
sehr an Blochs Aufsätze gemahnende Darstellung gehört 2 ): 

„Einst schuf Rabbi Löw aus Ton und Erde ein Menschenbild, 
atmete ihm von seinem Atem ein, neigte sich über den Leichnam, 
legte den Gottesnamen unter seine Zunge, küßte ihn und sprach 
JHVH 3 ). Das tat er viermal, indem er sich nach Osten, Westen, 
Süden und Norden verbeugte. Da sich aber der Golem noch nicht 
regte, rief Löw seine drei Schwiegersöhne und machte sie wissend im 
Worte des Buches. Sie rührten am Sehern, sprachen den Gottes¬ 
namen und verbeugten sich nach den vier Winden. Da erhob sich 
der Golem und stand auf seinen Füßen. Damals wurden aber die 
Juden in Prag beim Kaiser arg verleumdet und waren in Not. 
Deshalb entsandte der Rabbi Löw den Golem, die Verleumder Israels 
auszukundschaften. Der fand diese und lauschte, während er selbst 
unsichtbar war, ihren Reden. Zu seinem Meister zurückkehrend, 
gab er Bericht, und Löw überzeugte nun den Kaiser von der Halt¬ 
losigkeit der böswilligen Verleumdungen. Dann rief er seine Familie 
zusammen, dankte Gott, rief den Golem, neigte sich über ihn, rührte 
an seine Zunge, küßte ihn uud sprach JHVH. Das tat er viermal 
unter Verbeugungen nach den vier Winden. Und ein Zittern kam 
über den Golem. Danach taten die drei Schwiegersöhne Löws ebenso 

*) Rubin: Geschichte des Aberglaubens, deutsch von J. Stern 1888, S. 99. 
J ) Held: a. a. 0., S. 373ff.; Österreich. Wochenschrift 1917 Nr. 36ff. 
s ) JHVH ist das Tetragrainm de9 hebräischen Gottesnamens T*.”!'. 


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_ 33 . 

wie er, verhüllten ihre Häupter und beteten. Und als sie nach dem 
„Schema“, dem bekanntesten jüdischen Gebete, wieder aufblickten, 
sahen sie nichts mehr von Golem dem Enthüller. Denn er war 
wieder Staub geworden und war wie Sammet ihren Füßen.“ 

Zur Erklärung dieser eigentümlichen Sagenform läßt sich 
vielleicht anführen, daß von rbi offenbar als Participium Qual 
mit Suffixen abgeleitet, „ihr Enthüller, Offenbarer“ bedeutet und 
Golem mit Golam verwechselt die Veränderung der Sage bedingt 
haben kann. Daß hier, wie Held wenigstens für möglich ansieht, 
eine originale Darstellung der alten Golemsage vorliege, ist indessen 
wohl ausgeschlossen, die Vorgeschichte der Legende spricht ent¬ 
scheidend dagegen, und der ganze Charakter dieser ostjüdischen 
Tradition zeigt kabbalistisches, wuuderhaft erbauliches Kunstgepräge. 

Auch die Novelle von Carl Baron Torresani „Der Diener“ ver¬ 
wertet die Golemsage in ihrer Art 1 ). Hier kommt der Held der 
Geschichte, ein Arzt, zu einem Rabbi Halbscheid, der einen höchst 
eigentümlichen Diener Hrynko, einen taubstummen, riesengroßen, 
starken, höchst brauchbaren Knecht, hat. In der Nacht wird der 
Arzt durch ein Geräusch geweckt. Der Diener steht vor seinem 
Bett und bedeutet ihm durch allerlei erschreckende Zeichen, daß er 
ihm etwas aus dem Halse ziehen solle. Nach schwerster Anstrengung 
gelingt es dem Arzte, ein Papierröllchen, wie ein Pakethölzchen 
groß, aus der Gurgel des Riesen herauszureißen. Im gleichen Augen¬ 
blicke entsteht gewaltiges Getöse im Haus, das Licht erlöscht, und 
der Arzt verliert das Bewußtsein. Als er sich aufgerafft und sein 
Zimmer verlassen hat, sieht er im Vorsaal den Knecht über dem zu 
Boden geworfenen Rabbiner knieen und ihn mit wütender Riesen¬ 
kraft in Stücke reißen. Das Ganze ist also eine geschickte Um¬ 
formung der Golemsage mit neuen Namen und romantischer Staffage. 

Nach dem Jahre 1900 treten weiter teilweise sehr vertiefte und 
auf allgemeine Probleme hinführende Bearbeitungen des alten Motivs 
hervor. Zunächst hat Hugo Salu9 in seiner 1903 erschienenen 
Gedichtsammlung „Ernte“ auch ein Gedicht „Vom hohen Rabbi 
Löw“ 2 ) aufgenommen. In populärer, heiter moralisierender Weise 


! ) Torresanis Novelle steht in Müuchs Novellenschatz II S. 111—119; 
Held: a. a. 0. S. 369 ff. 

a ) Hugo Salus: Ernte 1903 S. 91 f. Held a. a. 0. S. 365 f. macht 
fälschlich Esther zu Lews Tochter. Auch sein Satz: „Bedeutsam ist der 
Mitteilungen d. Schle*. Ge», t Vkde. Bd. XX. 3 


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wird erzählt, wie Rifke, die Tochter von Esther Löbl, sich in den 
hübschen Golem des Rabbiners verliebt habe und damit den Unwillen 
ihrer Mutter erregt. Um Rifke von ihrer Torheit zu heilen, befiehlt 
Löw seinem Knecht, sie zu umarmen. Der tut dies so stürmisch, 
daß die arg zerquetschte Rifke beschämt davonschleicht, Löw aber 
erteilt der Mutter eine mahnende Zurechtweisung, die das Golem¬ 
motiv heiter popularisiert. 

Bedeutend wertvoller und psychologisch feiner als dieser an¬ 
spruchslose, nette Scherz von Salus ist Rudolf Lothars 1904 in 
zweiter Auflage veröffentlichte Novelle „der Golem“ 1 ). Esther, die 
Tochter Löws und seiner bereits verstorbenen Gattin Perl, ist mit 
dem braven, aber häßlichen und schüchternen Rabbi Elasar verlobt. 
Sie kann sich nicht entschließen, ihn zu heiraten und ist allem Zu¬ 
reden unzugänglich. Da besucht der zauberkundige Reb Simon ihren 
Vater, und beide Männer beginnen das von Simon gegen Löws 
Widerwillen diesem aufgeredete Werk der Golemschöpfung. Die 
sehr schön gestaltete Tonform ist schon fertig, und Simon vertraut 
dem widerstrebenden Löw das Geheimnis sie zu beleben. Nach 
Simons Weggang kommt der von einigen Junkern auf dem Hrad- 
schin arg mißhandelte Elasar in kläglichem Zustande zu dem 
Rabbiner. In dessen Zimmer schläft er erschöpft ein, und Löw 
entschließt sich, ihn zur Belebung des Golems zu benutzen. Er 
sucht die Seele des Bewußtlosen durch allerlei Zauberkünste der 
Tonfigur einzuhauchen, aber scheinbar bewirkt der Beginn des 
Sabbaths ein Mißlingen des Versuchs und zwingt den Rabbiner in 
die Synagoge zu gehen. Aber gerade in der Einsamkeit bekommt 
der Golem durch die in ihn eingegangene Seele Elasars Leben. 
In Toben und Lärmen fühlt er seine Kraft. Als ihm Esther er¬ 
schreckt entgegentritt, stürzt er sich auf sie und gesteht ihr mit 
großer Heftigkeit seine Liebe, denn Elasars Seele spricht aus ihm 
hüllenlos zu dem Mädchen. Unterdessen kehrt Löw von der Synagoge 
heim, er findet sein Kind in der Umklammerung des Golems, befreit 
sie und will ihn zertrümmern. Voll Angst und starker in ihr ent¬ 
keimter Liebe hält ihn Esther zurück, der Golem selbst stürzt sich 
indessen freiwillig zum Fenster herab und zerbricht in Stücke. 
Darüber kommt der bisher bewußtlose Elasar zu sich. Schüchtern 

Schluß des Gedichtes, in dem der Rabbi seine Frau auf das Adamsgeheimnis 
im Menschen aufmerksam macht,“ ist ganz unnötig schwülstig. 

’) Lothar: Der Golem 2. Aull. 1904 S. 1—34; Held a. a. 0. S. 368f. 


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tritt er vor Esther, diese aber erkennt in seiner Seele den Grund¬ 
trieb wieder, deu ihr der Golem offenbarte. Ihr Widerstreben gegen 
eine Heirat ist geschwunden, und zur Freude des Vaters werden 

die beiden ein Paar. Am Ende der eigentümlich gedankenvoll um¬ 
geformten Legende heißt es: „ln Esther ging Seltsames vor. Sie 
erkannte [an Elasar] den Ton der Stimme, sie erkannte die Ge¬ 
fühle, die in dieser Stimme bebten, sie erkaunte mit einem Schlage 
in dem mißgestalteten Leib Elasars die Seele wieder, die sie vorhin 
mit dem göttlichen Kusse der Liebe zu sich in den Himmel gehoben 
hatte. Und der weise Rabbi ahnte, was in dem Gemüt seines 
Kindes vorging. Stumm legte er die Hände Esthers und Elasars 
zusammen. „Geht“, sagte er, „Erkeuntnis heißt der Eingang zur 
Liebe. Und Erkenntnis heiße der Rückblick auf euer Leben, wenu 
enre Stunde gekommen ist. Und Segen bedeute euch beides.“ 

Aus dem Jahre 1908 ist neben der gelegentlichen Erwähnung 
des Golems in Zangwills „Träumern des Ghetto“ ’) das eigen¬ 

tümlich phantastische, in gut getroffenem jüdischen Kolorit und 
feiner Stimmung gehaltene Buch des Breslauers Georg Münzer, „der 
Märchenkantor“ zu nennen 2 ). Hier hat der edle und gelehrte 
Chajim, der eine Christin zur Gattin hat, einen künstlich ge¬ 
schaffenen Diener, der mechanisch seine Hausarbeit verrichtet, die 
Glocke zieht, den Sohn auf Wunsch der Hausfrau ruft und besonders 
bei Gelegenheit eines großen Brandes im weitangelegten Häuser¬ 

viertel des Ghettos in Tätigkeit tritt. Doch verbreitet Münzer über 
das Wesen dieses Golems noch dadurch besondere Unklarheit, daß 
er stellenweise andeutet, Chajim habe im Geheimen statt des Golems 
das Hauswesen nachts selbst besorgt und dessen halb mystische, halb 
mechanische Gestalt nur als Staffage verwendet, sodaß der Golem 
bei Münzer keinerlei eigne Bedeutung beansprucht, sondern die 

Schilderung des jüdischen Lebens nur noch bunter und abenteuer¬ 
licher gestalten soll. 

Gleichfalls im Jahre 1908 erschien die wohl bestgelungene und 

J ) Zan g will: Träumer des Ghetto, deutsch von 11. H. Ewers. 1908 
Bd. II S. 270 ff.: „Warum sollte ich nicht auch [wie andere Rabbiner] am 
Freitag ein schönes, fettes Kalb erschaffen und es zu meinem Sabbathmahl 
verzehren können? Oderein seelenloses Ungeheuer schaffen, das mir diente mit 
Hand und Fuß?“ 

2 ) Münzer: Der Märchenkantor. 1908. S. 48. 141, 195, 21G. Bei 
Held ist Münzers Buch nicht erwähnt. 

3* 


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tiefste Bearbeitung der Sage, das Drama von Arthur Holitscher: 
„Der Golem. Ghettolegende in drei Aufzügen“ ’). Hier wird das 
faustische Problem des Obermenschentums in der Gestalt des Golem¬ 
schöpfers Rabbi Bennahum mit großer Kraft verkörpert. Er gilt 
dem Volke als Wundertäter, verliert aber durch das Mißlingen der 
durch ihn versuchten Totenerweckung eines fünfjährigen Kindes 
vielen Glauben bei der Menge. Seine Tochter Abigail liebt den 
von ihm geschaffenen Golem Amina und weist deshalb die Werbung 
eines wackeren jungen Kaufmanns Rüben Halbstamm ab. Amina 
selbst gewinnt durch diese Liebe allmählich Seele und Selbstbewußt¬ 
sein und widerstrebt sogar den Befehlen Bennahums. Daraus folgt 
eine sehr heftige Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter. 
Der Rabbi sieht in dem Golem nur sein Geschöpf, Abigail dagegen 
die Seele, die gleich ihr selbst zu Gott rufen will. Das Thema 
über Recht und Fähigkeit des Menschen zur Schöpfung wird sehr 
kraftvoll angeschlagen, eine innerlich durchgearbeitete Tragik be¬ 
herrscht das Ganze. Schließlich stürzt sich Abigail vom Dachfenster 
auf die Straße und stirbt, Amina reißt sich an ihrer Leiche das 
Amulett mit dem Lebenszauber wirkenden Schern aus der Brust 
und fällt tot zusammen, das Volk flieht, und Bennahum, in der 
eignen Kraft gebrochen, gemieden und innerlich zerrissen, kniet 
einsam im Gebet: „Wer bist du? Wie bist du genannt? Sind mir 
entschwunden alle deine Namen — alle — bis auf einen: Der 
Starke bist Du! Der Starke bist Du! Gebenedeit! Auch dafür, daß 
du mir zu stark bist, auch dafür gebenedeit, gebenedeit!“ Wohl 
finden sich auch in diesem Stück noch einige Spielereien, wie z. B. 
der Name des Golems Amina rückwärts gelesen das Wort anima 
ergibt und dadurch den Mangel einer echten, vernünftigen Seele 
andeuten soll, aber dramatische Wucht, ernste Problematik, geheimnis¬ 
volle Mystik und tiefe Innerlichkeit verflechten sich zu einem ein¬ 
drucksvollen Gesamtbild, einer wohlgelungenen, anziehenden Moderni¬ 
sierung des alten Motivs. 

In den folgenden Jahren findet sich neben mehr gelegentlichen 
Erwähnungen des Golems in Auguste Hauschners Novelle „Der Tod 
des Löwen“*), wo der Golem des Rabbi Löw in der Gestalt seines 

J ) A. Holitscher: Der Golem 1908. Besonders kraftvoll der dritte Akt 
(von S. 114 an). Das Dramn verdiente größere Beachtung: Held a. a. 0. S. 3G6 ff. 

2 ) A. Hauschner: Der Tod des Löwen (erschienen in der Sammlung 
„Die Feldbücher“) S. 38, 74 ff. 100 ff. 


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stummen, unbedingt gehorsamen und die Tochter seines Herrn in 
eifersüchtiger Liebe behütenden Knechtes Jakob, eines von Löw 
großgezogenen Findlings, verkörpert ist, und dem Vorkommen von 
Rabbi Löw in dem Buche von Max Brod: „Tycho Brahes Wegjiu 
Gott“ ’), auch einmal eine humoristische Bearbeitung des Stoffes in 
Pulvermanns kleiner Geschichte: „Der Prager Golem“ 2 ). Unter Be¬ 
nutzung der Doppelbedeutung des Wortes Golem, das sowohl der 
Golem wie der Narr heißen kann, wird erzählt, daß ein Jude aus 
Kladno, Meier Aron, vom Golem hört, wie sein Lehmklumpen noch 
immer auf dem Boden der Prager Synagoge zu sehen sei. Er ent¬ 
schließt sich daraufhin, um den Golem zu sehen, trotz des Wider¬ 
spruchs seiner Frau Lea nach Prag zu wandern. Er verirrt sich 
aber nachts an einem Kreuzweg und kommt unvermerkt wieder nach 
Kladno zurück. Doch hält er dies für Prag, verwundert sich über 
die Ähnlichkeit mit seinem Heimatsort und meint, als er seine Frau 
antriflt, sie sei auch schon nach Prag uachgekommen. Da sagt 
diese ihm aber: „Den Golem willst du sehen? Weißt du was, 
Meier, guck in den Spiegel, da siehst du den größten Golem, den 
es von hier bis Prag gibt“! Diese heitere Anekdote beweist, wie 
die alte Bedeutung Golem gleich der Narr noch heute im Volk 
lebendig ist und zur gutmütigen Verspottung übertriebener Mystik 
Verwendung findet, doch beansprucht und besitzt Pulvermanns Skizze 
natürlich keinen eigentlichen literarischen Wert. 

Schließlich hat nun Meyrink 3 ) in seinem „Golem“ die alte 
Sage gleichermaßen vertieft wie verzeichnet, modernisiert wie ver- 
zetrt. Er entrollt das Bild des jüdisch-kabbalistischen Prager 
Ghettos. In seinem Traumgesicht jagen sich bald grausig geheimnis¬ 
volle, bald genrebildartig abgeschlossene Szenen. Viel Symbolismus, 
viel Okkultismus und nicht wenig Dekadence spielen hinein. Der 
Geramenschneider Athanasius Pernath beginnt unter dem Lichte des 
Mondscheins in Halbschlaf aufzutreten und endigt vor dem Wunder¬ 
tor des Hermaphroditen und steht mit dem „Ich“ des Verfassers 
selbst in mystischer.Identität. Bei erster Lektüre hält der Meyrink- 
sclie Roman die meisten in atemloser Spannung, bei häufigerem 
Lesen bin ich wenigstens stark enttäuscht geworden. Das Buch war, 

*) M. Rrod: Tycho Brahca Weg zu Gott 1916 S. 383. 

2 ) M. Pulve rmann: „Der Prager Golem“ im „Israelitischen Kamilienblatt* 
▼om 29. 1. 1914 Nr. 5 S. 13 f. 

*) Gustav Meyrink: Der Golem 1916. 


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38 _ 

dank einer maßlosen Reklame, das meistgelesene Werk einer Saison, 
als Kennzeichen des ästhetischen Geschmacks und der Kultur 
unseres Volkes zu bedauern. Auch der hier geschilderte Golem 
ist nicht mehr der der Sage. Wohl wird diese erwähnt*), aber 
sogleich wieder in mystisches Halbdunkel gekleidet. Auch treten 
allerlei Züge des Ahasverus in der Golemfigur hervor*), und sie 
wird Verkörperung des jüdischen Volksgeistes, gleich diesem immer 
neu auftauchend und zugleich in ein zugangsloses Gemach ver¬ 
schlossen, Unglück bringend und vom Unglück verfolgt. Und um sie 
gruppieren sich in buntem Wirrwar der gräßliche Trödler Aron 
Wassertrum und der liebenswerte Archivar Hillel, der halb wahn¬ 
sinnige Charousek und der kabbalistische Ideologe Pernath, die 
jungfräulich reine Mirjam und die Dirne Rosina mit vielen andern 
Gestalten. Der Golem ist ein Wesen und ist doch keines. Er er¬ 
scheint als Personifikation oder auch als Persiflage des über die 
letzten Mysterien des Buches Sohar und der gesamten Welt¬ 
anschauung phantasierenden Menschen. Alle Generationen kommt 
er wieder, viele sehen ihn, jedem entschwindet er. Viel Tschechi¬ 
sches und viel Talmudistisches, viel Hypermodernes und Über¬ 
kultiviertes umlagert ihn. Die dunklen Begriffe der Kabbala liegen 
über ihm wie die wirren Phantome der Somnambulistik, er ist ein 
Geist des Ghettos, und doch im Ghetto verhaßt und fremd. Im 
Einzelnen den Inhalt des Romans anzuführen wäre zu weitläufig und 
könnte auch seine unnachahmliche Stimmung nicht treffen. Und 
einen klaren Begriff des von Meyrink Gewollten habe ich wenigstens 
nicht. Zwar sagt Held in einer begeisterten Anzeige des Buches 3 ): 
„Der „Golem“ ist neben vielen andern künstlerischen Vorzügen vor 
allem auch für denjenigen, der mit der Kabbala bekannt ist, eines 
der einfachsten und klarsten Bücher trotz der ins Traumhafte 
phantastisch hinein versetzten Handlung . . . Trotz der in ihren 
wechselseitigen Verbindungen vielfach verworren wirkenden Personen, 
die nur so erscheinen, wenn man sie vom leidigen psychologischen 
Standpunkt aus betrachtet (aber das ist gerade ein Hauptvorzug des 
„Golem“, daß er weder ein psychologischer, noch ein moderner All¬ 
tagsroman ist), schlingt sich die ganze Handlung dieses Buches wie 

] ) Meyrink: a. a. Q. S. 73 f. 

*) Vgl. meinen Artikel: „Stadien zur Ahasrerussagc“ in „Theolog. 
Studien und Kritiken“ Jahrgang 1916 S. 335. 

*) Held in der Zeitschrift „Das Reich“ Jahrgang 1916 S. 152. 


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ein reiches, künstlerisch beherrschtes Ornament über die architek¬ 
tonische Ruhe der kabbalistischen Gesetze hin. Alles Impressio¬ 
nistische, wie es uns in den Begebenheiten der einzelnen Kapitel 
als merkwürdiger Zufall begegnet, schließt sich als reicher Ring 
harmonisch zusammen und löst eine vollkommene Befriedigung, die 
der Konsequenz, aus.“ Aber ich bin, vielleicht aus Mangel an 
Kenntnis und Verständnis der Kabbala, zu solchen Empfindungen 
ganz außerstande. Ich stimme vielmehr einer Kritik in der „Zeit¬ 
schrift für Bücherfreunde“ zu, die sagt: der „Golem“ Meyrinks 
habe wohl eine Seele. „Aber was für eine? Eine jüdische oder 
tchechische, eine mystisch versonnene oder futuristisch plappernde 
Seele? Ich kann ihn nicht mit einem Ja auf das erste loben uud 
mit einem Ja auf das zweite tadeln, er ist kein Geschöpf, sondern 
Lektüre. Gewiß ist er, so sehr es den Anschein danach haben 
könnte, nicht jüdisch.“ Für mich bleibt das Buch eine literarische 
Kuriosität, welche die abstoßende Unnatürlichkeit von Meyrinks 
„Grünem Gesicht“, seinem auf den „Golem“ folgenden Roman, schon 
ahnen läßt, ich kann es in der Geschichte der Golemsage als eine 
ihrer Bearbeitungen nicht mit Befriedigung nennen uud stelle Lothars 
und Holitschers Dichtungen weit über diese täuschende Nebelgestalt 
modern kabbalistischer Technik und Phantastik, diese Träumerei eines 
Verfassers, dessen sonstige Werke auch gerade den christlichen 
Theologen oft tief verletzten und den man jüngst mit Recht „ein 
modernes Zeitphantom“ genannt hat 2 ). 

Mit dem Meyrinkschen Buche ist meines Wissens die Literatur 
über die Golemsage, die übrigens auch von Hugo Steiner in 25 
Lithographien, „Der Golem“ betitelt, 1916 dargestellt worden ist, 
abgeschlossen. Daher sei noch ein kurzer Rückblick gegeben, für 
dessen Ergänzung und Berichtigung ich dankbar sein werde, und der 
nur Hypothese, nicht Behauptung sein will. Die Golemsage ist 
eine der verschiedenen Formen, die die allgemein verbreitete Sage 
von lebenden Statuen und künstlichen Menschen im Laufe der 
Zeiten angenommen hat. Diese ist schon im Altertum und Mittel- 
alter durch viele Fassungen und Ausschmückungen vertreten und 
entstammt dem Bedürfnis der menschlichen Natur, das Problem 
des Lebens durch eigne Kunst und Kraft einigermaßen zu lösen. 

*) Zeitschrift für Bücherfreunde, Jahrgang 1916 S. 141 ff. 

s ) R. Zickel in der „Christlichen Welt“ 1918 Sp. 8—18; Zimmerinaint 
Gustav Meyrink u. seine Freunde 1917. 


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Ausgehend von einer dunkeln Bibelstelle und talmudischen Schöpfungs¬ 
sagen, verwebt die Golemgeschichte damit andere rabbinische Über¬ 
lieferungen. Ihr Auftreten folgt auf die Zeit des Paracelsus und 
der Naturmagie, der Heiligenlegenden und Spukgeschichten, der 
Heien Verfolgung und der Kabbala und ist von diesen mindestens 
bedingt. Ursprünglich bindet sie sich an die Gestalt des später 
vergessenen Rabbi Elijah von Cholm, wird aber wohl in mündlicher, 
höchstens ganz vereinzelt schriftlich festgehaltener Volksüberlieferung 
allmählich auf die hervorragende und geheimnisvolle Persönlichkeit 
des hohen Rabbi Löw zu Prag übertragen. Lange bleibt sie in 
dieser Form literarisch unbekannt, zumeist nur eine Legende der 
Ostjuden. Von Schudt abhängig, trägt Jacob Grimm sie in die 
schöne Literatur in einer Zeit, die durch romantische Neigung zum 
Phantastischen, automatische Spielereien und Erneuerung mittel¬ 
alterlicher Legenden auch für die Aufnahme der Golemsage besonders 
geeignet war. Ihre ersten Darstellungen folgen tunlichst der Volks¬ 
überlieferung, später sucht man vielerlei Probleme der Liebe, des 
Übermenschentums und der Weltanschauung hineinzugeheiranissen. 
Die neue Mystik der Gegenwart nimmt sie freudig auf und gestaltet 
sie nach ihren Grundsätzen. Die Trümmer des Golem liegen nicht 
mehr in der Altneusynagoge zu Prag, sie spuken durch einen viel¬ 
gelesenen Roman unsrer Tage. Der Träger des Sehern wird zum 
Schemen, Rabbi Löw zum kabbalistischen Faust. Die alte Sage 
bleibt ewig jung. 


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Kriegsaberglauben. 

Von Pastor I«ic. Dr. Ulrich Bunzel in Schreibendorf (Kr. Strehlen). 


Inhaltsverzeichnis. 

I. Weissagungen. Durch Zufall eingetroffen; Malachias. Nostradamus, 

Lehnin, Birkenbäumer Schlacht, Thebc, Anderes; Hamerlingsches Gedicht, 
Altöttinger Weissagung. Wilhelm der Eroberer, Hundertjähriger Kalender, 
Prophezeiungen rom Ende des Krieges; Wahrsagerinnen, Aussagen scharf¬ 
sinniger Politiker. 

II. Eigentlicher Kriegsaberglaube: A. Himmelsbriefc, Amulette, Ketten¬ 

gebete, Biblisches. B. Ahnungen, Träume, Briefe an Tote, Beobachtungen 
an der Natur, Geosophie, Esoterische Betrachtung, Astrologie, Kabbala. 
— Literatur. —Register. 

Der Soldatenstand neigt zum Aberglauben. So sagt schon 
Luther in seiner Schrift, „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein 
können (1526)“ am Ende: „Endlich haben die Kriegsleute auch viel 
Aberglauben im Streit. Einer befiehlt sich St. Georg, der andere 
St. Christoffel, der eine diesem, der andere jenem Heiligen. Etliche 
können Eisen und Büchsensteine beschwören, etliche können Roß und 
Reiter segnen. Etliche tragen St. Johannis Evangelium oder sonst etwas 
bei sich, worauf sie sich verlassen.“ Gustav Adolf verbot in § 1 seiner 
Kriegsartikel auf das schärfste Götzendienst, Hexerei oder Zauberei als 
eine Sünde gegen Gott 1 ). Daß im dreißigjährigen Kriege der Aber¬ 
glauben blühte, ist bekannt; schon die zahlreichen Beispiele aus Schillers 
Wallenstein, die Kronfeld übersichtlich geordnet hat 3 ), lehren das. 
Wenn heutzutage der Aberglaube vielleicht nicht mehr eine solche 
Rolle spielt wie in vergangenen Zeiten, so ist er doch gerade in 
diesem Kriege wieder mächtig geworden. Die nervösen Erschütterungen, 
denen jeder ausgesetzt ist, schallen eine für den Aberglauben außer- 

') A. Hellwig, Weltkrieg uud Aberglauben S. 9f. 

*) E. Kronfeld, Der Krieg im Aberglauben und im Volksglauben. 
S. 28—39 Die Sterne lügen nicht. 


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ordentlich günstige Grundlage. Dazu kommt, daß in diesem Kriege, 
in dem der Soldat mehr denn je von Gefahren umgeben ist, jeder, 
der von Anfang an draußen steht, es gesehen hat, daß eine Kugel 
den Helm aufriß, ohne dem Träger auch nur ein Haar zu krümmen, 
oder daß eine Kugel in der Taschenuhr, in der Brieftasche, in dem 
Bilde der Eltern oder Gattin, kraftlos stecken blieb und dem Ge¬ 
troffenen höchstens eine Quetschung zufügte (Hellwig S. 14 ff.). 
Weiterhin mögen wunderbare Gebetserhörungen, gnädige Bewahrungen, 
die der einzelne erfahren durfte und von denen selten die Zeitung 
oder die Fachliteratur berichtet 1 ), nicht wenig zur Förderung des 
Kriegsaberglaubens bei den anderen beitragen. 

I. Weissagungen. Unter diesen seien zunächst solche er¬ 
wähnt, die bloßem Zufall ihr Dasein danken. Wenn nach der Nieder¬ 
werfung des polnischen Aufstandes 1863 in Polen das Wort entstand: 
nur noch 50 Jahre, und Polen ist frei 3 ), dann ist dies Sprichwort, 
vorausgesetzt, daß es wirklich jetzt besteht, darum wieder lebendig 
geworden, weil es zufällig eingetroffen ist. Es ist ein Spiel des Zu¬ 
falles, wie daß am 23. Mai die italienische Kriegserklärung erfolgt 
ist, an dem Tage, von dem Wallenstein sagt, schweig mir von diesem 
Tag, es ist der 23. des Mais. Solcher Zufälle gibt es viele. Sie 
werden natürlich nur dann als besondere Weissagungen aufbewahrt, 
wenn sie dem Permutationsgesetz zufolge einmal mit einem wichtigen 
Ereignis zusammengetroffen sind. 

Sodann gibt es Weissagungen, die so allgemein gehalten sind, 
daß man alles oder gar nichts aus ihnen lesen kann. Das System 
des delphischen Orakels hat Schule gemacht, nicht nur im Altertum, 
sondern auch im Mittelalter und in der Neuzeit. Hier ist der Ort, 
von den historisch gewordenen Weissagungen zu sprechen. Nicht 
eingehen möchte ich auf die allerhand Prognostika des Paracelsus 3 ), 
die sich in manchen Büchern als merkwürdige Prophezeiungen, nach 
Reiners „wohl auch für den Krieg von 1014“ finden. Sechs Daten 
aber will ich erwähnen, da sie in der Geschichte der Literatur 

*) Ich fand eine einzige derartige abgedruckt. Daheim 50. Kriegs- 
nurnmer 17/7. 15. 

2 ) A. Heiners, Prophetische Stimmen und Gesichte über den Weltkrieg 1914. 
S. 28. F. E. Bau mann, Kriegs-Prophezeiungen 1914/5. S. 24. 

3 ) Paracelsus 1493 zu Maria Einsiedeln geboren; 1542 zu Salzburg als 
berühmter Arzt gesU 1531 allerlei Prognostiken (Sehr unklar geschrieben). 
E. Schlegel, Paracelsus als Prophet 1915. 


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bekannt und in der Gegenwart als bedeutungsvoll viel besprochen 
worden sind. 

Historisch die älteste Weissagung, die heute wieder hervorgeholt 
wird, ist die Papstweissagung des Bischofs Malachias aus dem 
12. Jahrhundert 1 ) auf die religio depopulata vom Jahre 1914 2 ). 
Indes kann man, wie es denn auch in der Geschichte der christlichen 
Kirche geschehen ist, dies Prädikat jeder Zeit zuschreiben, und 
unserer vielleicht mit weniger Recht als anderen. Auch ist die Be¬ 
stimmung der einzelnen mittelalterlichen Sätze auf die einzelnen 
Päpste etwas willkürlich. Nach Malachias würden nur noch 7 Päpste 
regieren und dann entweder die Kirche oder die Welt untergehen. 

Fast noch nichtssagender, darum aber gerade für die gegen¬ 
wärtige Zeit viel mehr ausgebeutet sind die Centuries des Nostra- 
daraus 5 ). Es war in den Tagen des französischen Königs Franzi, 
und seiner drei gekröuten Söhne. Gewaltig erregten die Kämpfe 
der Reformation die Geister, das Abendland zitterte vor den Türken, 
und in blutigem Kampf stritt Kaiser Karl um Land und Leute in 
Frankreich. Da tauchte bald hier, bald da in Frankreich und Italien 
ein ruhelos wandernder Arzt und Sternkundiger auf: Michel de 
Nostre dame, Nostradamus nannte er sich (Zur Bonsen S. 29). Wenn 
uns „dies geheimnisvolle Buch, von Nostradamus eigner Hand“, 
zumeist nur aus der Lektüre des Faust bekannt war, so gibt es jetzt 
sehr viele Leute, die mit Hilfe dieses dunklen Schriftstellers und 

') S. Malachiac archiepiscopi Hiberniae Prophetia de pontificibus Romanis 
ab aev» suo ad inundi linem usque futuris MDCXLII. Bischof M\ 0’ Morgair 
von Armagh 1095—1148. Bernhards Schriften sprechen von ihm. ln HO 
kurzen Sätzen will er die Päpste von 1143, Coelestin 11, an charakterisieren. 

2 ) Auf Pius IX. sollten die Worte Crux de cruce, auf Leo XIII. Lumen de 
coclo, auf Pius X. Ignis ardens und auf Benedikt XV. religio depopulata hin¬ 
deuten. 

*) Michel de Nostre Dame 1503 zu St. Kemy geb., I5tit> in Salon gest. 
Seit 1555 verütTentlicht er insgesamt 10 Centuries von t^uatrains, in denen er 
von 1555—3794 weissagt. Ausgabe: E. Rösch: Die erstaunlichen Bücher des 
großen Arztes, Sehers und Schicksalspropheten Nostradamus, ins Deutsche über¬ 
tragen und dem Verständnis aufgeschlossen von Eduard Rösch, Stuttgart 1850. 
Aus der Bibliothek der Zauber-, Geheimnis- und OfTenbarungsbücher und der 
Wnnderhausschatzliteratur aller Nationen, in allen ihren Raritäten, Kuriositäten, 
insbesondere Acromantie, Alchemie usw. und andere Materien des mysteriösen 
und übernatürlichen mit Einschluß der medizinischen und naturhistorischen 
Sonderbarkeiten zur Geschichte der Kultur hauptsächlich des Mittelalters I. 
Scheible 9, 1 Nostradamus. 


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Arztes die Gegenwart erkennen zu können meinen 1 ). Einmal ist es 
aber sicher kein günstiges Zeichen für die Prophetengabe des' 
Nostradamus, daß er in gewollt dunklen Worten schrieb, wie manche 
(Grobe Wutischkv S. 8) hervorheben. Viele seiner absichtlich dunklen 
Quatrains werden jetzt als verborgene Weisheit gepriesen 2 ). Einen 
statt vieler 3 ) und zwar den am häufigsten erwähnten Schlager, gebe 
ich hier wieder: 

III, 34 Quand le deffaut du Soleil lors scra, 

Sur le plein jour lc monstre sert veu, 

Tout autrement on l'entrepretera, 

Cherte n'a garde ny aura pourvenu 4 ). 

Man kann, wie Hellwig meint, so ziemlich alles da herauslesen, 
was man wilL Wir stimmen Rösch (Vorwort S. 5) bei, der — aller¬ 
dings in anderem Sinne — sagt: bisher ist Nostradamus von noch 
niemandem verstanden worden 5 ). 

! ) P. Zillmann, der Herausgeber der neuen metapli. Rundschau, schreibt 
XXI. Band 1914 [auch später wird stets dieser Band erwähnt] S. 233 f. Mein 
erster Griff in der bedrängten Zeit des Augustanfanges war nach den Zenturien 
des Nostradamus. Da mußte ich finden, wenn überhaupt irgend wo, wie der 
Krieg ausgehen würde. A. Grobe Wutischki der Weltkrieg 1914 in der 
Prophetie 1915 nennt seine Weissagungen verblüffend (S. 8). Und R. Gerling 
der Weltkrieg 1914/15 im Lichte der Prophezeiung findet, daß sich seine 
Prophezeiungen bisher in ganz überraschender (S. 51), ja, in ganz unheimlicher 
Weise (S. 28) erfüllt haben. Nach Kemmerich Prophezeiungen alter Aberglauben 
oder neue Wahrheit (S. 402) ist X. eines der größten Genies der Weltgeschichte. 
Auch Baumann zitiert alle die in Betracht kommenden Weissagungen (S. 29 
bis 31). Vorsichtiger ist Zur Bonsen: Es kann nicht geleugnet werden, daß 
viele der Weissagungen in der Hauptsache, sagen wir mal, sich erfüllt zu haben 
scheinen (S. 30). Fast wörtlich so B. Grabinsky, neuere Mystik. Der Welt¬ 
krieg im Aberglauben im Lichte der Prophetie 1916. (212). Referierend be¬ 
richtet darüber Reiners (S. 51—55), erfrischend negativ Hellwig (S. 88—97), 
vgl. Bächtold S. 5. 

Q ) A. Kniepf, Die Weissagungen des altfranzösischen Sehers Michael 
Nostradamus und der jetzige Weltkrieg. Hamburg 1914; Kr onfeld, S. 34 u. a. in. 

3 ) Bes. werden angeführt: 11,50; 111,57; VIII, 15; X, 100; sowie 11,83; 
VI, 19; 96; IX, 48, 55, 88; X, 31, 51; IL, 75: Stimme des seltsamen Vogels wie 
Orgelton soll auf die Zeppeline hindeuten! 11,68: London im Niedergange, 
wenn das Tor des Meeres geöffnet ist. soll auf den Panamakanal hinweisen! 

4 ) Wird sich dann die Sonne mit Nacht umkleiden 
Wird inan *am Mittag las Monstrum sehn. 

In ganz andrem Sinne wird mans deuten, 

Und auf Teurung keiner sich versehn (E. Rösch, II, 22). 

5 ) Vorwort S. 5. 


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Noch mehr hat von sich reden gemacht die Lehnin’schc 
Weissagung vom Hause Hohenzollern *). Die Weissagung des Herzog 
Hermann von Lehnin, über den alle Quellen schweigen, die schon 
im beginnenden 19. Jahrhundert als eine Fälschung aus den letzten 
Jahren des großen Kurfürsten erkannt wurde, ist dem Boden der 
apokalyptisch monarchischen Vorstellungen des Mittelalters erwachsen. 
Ihre Unechtheit tut Kampers in seinem trefflichen Buche mit 
schlagenden inneren und äußeren Gründen 2 ) dar. Indes, wenn auch 
die Weissagung erst um 1690 entstanden ist, so könnte sie doch auf 
den jetzigen Weltkrieg hinweisen. Es kommen die letzten Verse in 
Betracht: 

95: Et pastor gregem recipit, Germania regem 
March ia cunctorum penitus oblite malorum. 
lpse 8Uos audct fovere, nec advcna gaudet. 

Priscaque Lehnini surgunt et testa Chorini, 

Et veteri more clerus splendescit honore. 

Nec lupus nobili plus insidiatur ovili 3 ). 


Grabinski 218: ganz abgedruckt bei Grobe Wutischki 18—28, am 
ausführlichsten: Fr. Kampers, die Lehninsche Weissagung über das Haus 
Hohenzollern 1897. 

2 ) Kampers, 27; 24 f; 36 f: 43. Es ist sehr auffallend, wie unbestimmt 
die Weissagungen für die Zeit nach 1690, der Abfassungszeit der Fälschung 
werden: 

V. 74 wird bei dem Vers, der auf Friedrich I. gehen soll, nicht einmal 
die Königskrönung erwähnt, wenn auch Grobe Wutischkis Interpretationskünste 
im Worte regentis die engste Anlehnung an rex finden (S. 25). 

V. 88 bietet eine noch schönere Probe exegetischer Künsteleien. Von 
Friedrich Wilhelm II. heißt es, et perit in undis. Gr. W. 27: er starb in 
seinem von Wassern umgebenen Schlosse in Potsdam an der Wassersucht in 
einer Zeit, wo die Wellen des politischen Lebens hoch gingen! 

V. 93 auf Friedrich Wilhelm IV. gedeutet heißt es qui stemmatis ultimus 
erit d. h., der das Szepter der absoluten Monarchie schwingt.!! Gr. W. S. 28. 
Im V. 63 ist dem Seher ein lapsus untergelaufen, durch den er sich unfehlbar 
als Fälscher erweist. Er redet, und die Weissagung soll aus der Zeit 1300 
stammen, von Jehova, eine Bezeichnung, die sich in der Lutherbibel noch 
nicht findet, weil man damals noch nicht diese falsche Lesart des göttlichen 
Tetragramms kannte. Grobe Wutischki ist indes nicht verlegen. Er meint: 
Man kann annehmen, der Seher habe diese Lesart vorausgenommen. Er hat 
gerade mit den Worten der kommenden Zeit reden wollen, und dann würde 
gerade das, was als ein Zeichen der Fälschung angesehen wird, sich als ein 
Zeichen der Echtheit des Vaticiniums offenbaren (S. 35) Sapienti sat! 

8 ) . . . und die Herde den Hirt, Germania den König erhält. 

Gänzlich vergißt jedes Unglück die Mark, 


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Gerling knüpft an diese Worte die mir etwas unverständliche 
Bemerkung: ohne Zwang lassen sich die Worte dahin auslegen, daß 
Deutschland siegreich bleiben, seine Gegner niederwerfen und den 
Frieden erzwingen und sichern werde. 

Eine weitere, wertvolle und eigenartige Weissagung bietet die 
geisterhafte Volke rs ch lach tarn Bi rkenbaum 1 ). Auf dem Birkeu- 
felde an den Holtumer Birken bei Werl in Westfalen tobt die 
grause Zukunftsschlacht in den Lüften. 

„Da steht der Seher wie im Traum, er schaut die Schlacht am Birkenbaum 1 ). 

Nicht leicht gibt es eine wirklich lebende Sage von so ehr¬ 
würdigem Alter und so großartig wie diese Prophetie, so urteilt Zur 
Bonsen in der Einleitung seiner trefflichen Untersuchung über diese 
Sage. Seit 1701 immer wieder im Druck erschienen, war die Sage 
schon vor dem Kriege sogar in Frankreich bekannt, wurde dort zu 
Hetzartikeln, ja zu Fälschungen verwertet 3 ). 1912 gab Kommandant 
Civrieux ein Buch heraus: „La fin de TErapire allemand dans la 
battaille du Champ des Bouleaux 191 . . in dem er auf grutid 
dieser Sage den Untergang des Reiches in der großen Völkerschlacht 
in Westfalen voraussagt. Die feindlichen Völker wollten zum Birken¬ 
baum. Auf dem Birkenfeld in Westfalen atmet die Ackerscholle 
friedlich wie immer, zum katalaunischen Gefilde hinaus donnern die 
deutschen Kanonen. Und wer bleibt der Sieger? Der weiße Fürst! 
Unser Kaiser 1 ). 

Solche Volkssagen von geisterhaften Schlachten sind häufig 8 ), 

Wagt cs, die Ihren zu pflegen. 

Kein Fremdling darf mehr frohlocken. 

In Lehnin und Chorin erhebt sich das frühere Dach, 

Und nach alter Sitte glanzt der Klerus in Ehren. 

Es lauert kein Wolf mehr vor dem edlen Schafstall. 

*) vgl. die tiefgründige Behandlung derselben durch F. Zur Bonsen, dio 
Völkerschlacht der Zukunft „am Birkenbaume“ 1916 4. Aufl. (dies Buch ist in 
den folgenden Zitaten gemeint). 

2 ) Jos. Wormsdell, Gruß an Westfalen. 

8 ) Zur Bonsen 11 ff.; Seitz der Fels, A. Seit/ Kriegsprophezeiungen 
10. Jhg. 1915 Aug. Sept. 399-421, 445-469. 

4 ) ders. 35. Über die Wilhelmsschlacht 35 ff.; Bächtold S. 8. 

6 ) Kronfeld 132: Die Sage von den Gefallenen in der Schlacht auf den 
katalaunischen Gefilden, die in der Luft den grimmen Streit fortsetzen, ist nur 
ein großes Symbol jener heißen Kämpfe, die die Seelen der gestorbenen 
Krieger immer wieder über ihren Gräbern ausfechten. Meistens steigen diese 
gespenstischen Scharen am Jahrestag der Schlacht, in der sie den Heldentod 


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die vorliegende ist wegen ihrer Verbreitung und ihrer Romantik 
besonders wertvoll. Zur Erklärung kann vieles gesagt werden. 
Historisch mag sich eine Erinnerung an die dort geschlagene Schlacht 
im Teutoburger Walde gehalten haben, mythologisch mag der Ge¬ 
danke an den Helden der Nibelungen, an Siegfried, von dem die 
Volkssage der dortigen Gegend viel zu erzählen weiß, zu gründe 
liegen (Zur Bonsen S. 44), volkspsychologisch ist sie zu begründen 
durch die eigenartige Begabung der Westfalen mit dem zweiten 
Gesicht 1 ), und meteorologisch ist sie auf die eigenartige Nebelbildung 
des Münsterlandes zurückzuführen 2 ). 

Hierher gehört sodann die moderne Frau Lenormand de Thebes. 
Ihr Almanach ist ein Beweis dafür, daß der Mord von Sarajewo 
schon längst vorher geplant war. Sagt sie doch selbst, daß sie 
ihren wertvollen Freundschaften in Wien eine ganze Anzahl wichtiger 
Nachrichten verdanke. So ist es leicht für sie, im Almanach von 
1913 zu sagen: der, welcher glaubt, daß er regieren werde, wird 
nicht regieren. Begieren wird ein junger Mann, der nicht regieren 
sollte 4 ). Weicher Wert der Seherin in Wirklichkeit beizumessen 
ist, erhellt aus dem mit Spannung erwarteten Almanach von 1916, 

fanden, zum alten Kampf wieder hervor. Vgl. 0. Böckel, die deutsche Volks¬ 
sage. Aus Natur und Geisteswelt 262. S. 55. Eine besondere Bedeutung im 
jetzigen Kriege hat auch die Sage von der Schlacht auf dem Ochsenfelde bei 
Thann im Elsaü, dem Kampfplatz der Schlacht gegen Ariovist, dem Lügen¬ 
felde, gewonnen. Grabinski S. 234. Kronfeld S. 138 f. Bächtold S. 7. 

*) Spökenkieker. Grabinski 297—330. Das zweite Gesicht 274—296. 
Westfalen ist das Iand des Spukes; neben Schottland ist das alte Westfalen, 
das schon ein Humanist des 16. Jahrhunderts vatum nutrix nannte, das 
klassische Land der wundersamen Erscheinungen (297). 

3 ) Zur Bonsen 90—97. vgl. auch Boehumer Zeitung vom 2. 7. 15, wo 
nach authentischen Berichten von Luftspiegelungen aus Böhmen erzählt wird, 
wo Bilder vom westlichen Kriegsschauplatz in der Luft erschienen. Auch ich 
habe im Gebirge mehrfach eigenartige Lichterscheinungen über dem Kamm 
gesehen, die ich mir nur als Projektion ferner Lichter deuten konnte. Doch 
erhielt ich damit ein Verständnis für die feurigen Walen, die die Gebirgs¬ 
bewohner gesehen zu haben meinen. 

®) Vgl. Baumann S. 13—15; Bächtold S. 5, erfrischend negativ Bau¬ 
mann 95—99: Seitz 460 f; Grabinski 214 ff. 

4 ) Grabinski S. 214 f; Baum an n S. 14; Zur Bonsen S. 27; Gerling 
S. 22 ff. Im Jahrgang 1914 schreibt sie: Die Kriegsgefahr bleibt auf unseren 
Häuptern hängen. Zittern wir nicht! Wir haben nichts von den Prüfungen 
des Ausganges zu fürchten. Frankreich wird daraus erneut hervorgehen. Neue 
metaph. Rundschau S. 240. 


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über den die Franzosen selbst spotten, den sie aber nicht mehr 
des Abdruckes für wert halten. 

Auf einer Stufe mit Madame de Thebes stehen eine Anzahl 
anderer Erscheinungen, die aber nicht so bekannt geworden sind, 
z. B. Tolstois sehr unbestimmte Weissagung, die er 1910 seiner 
Tochter diktiert hat 1 ), Frau de Ferriem, die sehr unbestimmt von 
einem kommenden Kriege gesprochen hat, gegen den 1870 nur ein 
Kinderspiel war. Da hat Bismarck besser von dem Kriege ge¬ 
sprochen, bei dem es bis zum Weißbluten kommen werde. Der 
Dominikaner Korzeniecki mit seinem Gesicht von der Schlacht bei 
Pinsk, der Bauer Mihailowic, der das Schicksal Serbiens hell sah, 
und manches andere ließe sich hier erwähnen. Ähnliche, unbe¬ 
deutendere Weissagungen gibt es viele, z. B. die besonders törichte: 
„Der gegenwärtige Krieg und sein Ausgang bereits 1911 voraus 
geoffenbart. Ein göttlicher Mahnruf an die Menschen in ernster 
Zeit“, oder sonstige Prophezeihungen von Mitgliedern des Gralsordens, 
Forschern der großen Pyramide, Theosophen, Spiritisten und anderen 
Gottesgelehrten 2 ). 

Eine unendliche Zahl von Weissagungen verdankt ihr Dasein 
offenbarer UnWahrhaftigkeit. In allen Blättern sind sie abgedruckt, 
von Mund zu Munde weitergegeben. Gern hat man solche Weis¬ 
sagungen durch gelehrtes Beiwerk glaublicher zu machen gesucht. 

Die bekannteste derartige unwahre Weissagung in diesem Krieg 
ist ein Gedicht in Hamerlingschem Geist 3 ), das Februar 1915 seine 

’) Grabinski S. 225 f: neue metaph. Rundschau S. 241: Baumann 
S. 26 f: Reiners S. 92 f; Zur Bonsen S. 15. 70. 

2 ) Vgl. Ferriem, Mein geistiges Schauen S. 93; vgl. Baumann 
S. 4— 10, 24; Gerling S. 20 f; Hellwig S. 102; Scitz S. 458; Zur Bonsen 
S. 14, 26: Reiners S. 25 ff.; Grabinski S. 226; Bächtold S. 5. 

3 ) Es lautet im Anszuge: 

Dich, o zwanzigtes, seit Christi, waffenklirrend und bewundert, 

Wird die Nachwelt einstens nennen das Germanische Jahrhundert. 

Deutsches Volk, die weite Erde wird vor dir im Staub erzittern; 

Denn Gericht wirst du bald halten mit den Feinden in Gewittern. 

Englands unberührten Boden wird dein starker Fuß zerstampfen — 

Überall wird auf zum Himmel hoch das Blut der Feinde dampfen, 

Und den tönernen Giganten, Rußland stürzest Du zerborsten, 

In der Ostsee reichen Landen wird der deutsche Adler horsten. 

Österreich, du totgcglaubtes! Eh' die zwanzig Jahr vergehen, 

Wirst du stolz und jugendkräftig vor den vielen Völkern stehen. 

Und sie werden dich erzitternd, beugend sich vor deinem Ruhm, 


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Runde durch den deutschen Blätterwald machte 1 ) und vom Dichter 
des Königs von Sion stammen sollte und als bedeutsame Weissagung 
angeführt wurde. Das Original sollte sich im Staatsarchiv von 
Hamburg befinden 2 ). Übrigens bedeuten diese Verse selbst für ihre 
wirkliche Abfassungszeit, 1915, eine eigenartige Prophezeiung 3 ). 

Ähnlich steht es mit der Prophezeiung, dienach Grobe Wutischki, 
das verblüffendste Zeugnis für die Möglichkeit ganz genauer bis ins 
einzelne gehender Vorbestimmungen 4 ) ist. Auch die Weissagung aus 
dem berühmten Wallfahrtsort Altötting, wo die Herzen der bayrischen 
Könige beigesetzt werden, ist eine unwahre Erfindung. • 

Hierher gehört auch die unmögliche dreistrophige Weissagung 
von den drei Wilhelm den Eroberern, die 1066, 1688 und 1914 Eng¬ 
lands unberührten Boden betreten sollten 5 ). Die Zeitungen (z. B. Täg- 

Herrscherin des Ostens nennen, zweites deutsches Kaisertum. 

Mit des neuen Polens Krone wird sich stolz ein Habsburg kränzen! 

Unter ihm in junger Freiheit wird die Ukraina glänzen! 

*) Abgedruckt z. B. im Liegnitzer Tageblatt am 10. 4. 1915 1. Beil. 

*) Grabiuski S. 226 f.i Hellwig S. 135 f.: Reiners S. 90; Seitz 
S. 419 f.; Zur Bonscn S. 57 f. 

3 ) Münsterischer Anzeiger 27. 2. 1915 haben beim Hamburger Staatsarchiv 
die Unechtheit festgestellt. 

4 ) Grobe Wutischki S. 102; Baumaun S. 25. Sie lautet: Das Jahr 
1914 wird sehr ereignisreich. Im Juli bereiten sich große Dinge vor. Ende 
Juni geschieht ein scheußlicher Menschenmord aus Politik, der Kriegsgreuel 
zur Folge hat. Anfang August folgen 8 Kriegserklärungen der Regierungen 
europäischer Staaten. Österreich und Deutschland gehen siegreich vor. 
Deutschland erringt fortwährend Erfolge. Österreich gewinnt ebenfalls erfolg¬ 
reiche Schlachten. Die Monate September und Oktober fordern Millionen von 
Opfern. Zu Weihnachten diktieren zwei Kaiser den Frieden für Österreich und 
Deutschland. Die Folge davon ist, daß Belgien von der Landkarte verschwindet 
und Frankreich ein Kleinstaat wird. Rußland wird viel von seiner Macht und 
England seine Macht zur See einbüßen. Beide verbündete Reiche Österreich 
und Deutschland werden mächtig aufblühen. Es wird Wohlstand und dauernder 
Frieden eintreten. Dieser Weltenbrand wird alles Leid von den Nationen 
banuen. Die deutsche Sprache wird zur Weltsprache werden. 

Die Bochumer Zeitung schreibt am 10. 12. 1914 von folgendem Bescheid 
von dem Guardianat der Kapuziner: Die ganze Geschichte ist eine leere Er¬ 
findung. Hier ist nichts vorhanden und nichts bekannt, usw. 

5 ) Sie lautet: 

Welsch halb, halb Normann von Geschlecht, 

In Falschheit und in Kampf ein Held, 

Landet er Ritter, Troß und Knecht. 

Herr allen Lands, wie's ihm gefällt, 

Mitteilungen d. Schics. Ges. f. Vkdc. Bd XX. 4 


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liehe Rundschau 3. Dez. 1014 Beilage) brachten diese Weissagung, 
und die abergläubische Literatur unserer Tage gab sie weiter. 

Eine andere Weissagung sagte, es heiße in einem alten Kalender 
von 1814, im August werde man an allen Ecken von Krieg hören, 
September und Oktober würden große Blutvergießen mit sich bringen, 
im November werde man Wunderliches sehen, am Weihnachten 
werde man vom Frieden singen. Aber wie Zur Bonsen nachweist, 
handelt es sich nicht um einen Kalender von 1814, auch steht vom 
Friedenssingen kein Wort darin. Hellwig (S. 138 ff.) geht auf dies 
Beispiel unglaublicher Kritiklosigkeit der okkultistischen Forschung 
näher ein. 

Dies die bekanntesten Beispiele. Ich habe mir außerdem aus 
den Zeitungen einige derartige unwahre Weissagungen gesammelt 1 ). 

Erstürmt in einer billigen Schlacht, 

Legt er in Trümmer Englands Macht. 

Mein erster tausend sechs und sechs. 

Dreimal zwei und zwei zweimal 
Bringt zum zweiten Englands Fall. 

Weil Sitte. Beeilt und Glauben trat 
In Staub der König auf dem Thron, 

Lauert im Lande rings Verrat. 

Herbeigerufen kommt ein Sohn 
Erlauchten Stamms, und ohne Streich 
Legt er den Grund zum neuen Reich. 

Mein zweiter sechzehn acht und acht. 

Zweimal zwei und zwei dreimal 
Bringt zum dritten Englands Fall. 

Wähnst du, du seist auserwählt, 

In aller Welt der Völker Fleiß 
Leicht nur zu ernten ungezählt? 

Heut gilt es einen bohren Preis: 

Erfülle dein verwirktes Los, 

Laut pocht an deinem Felsenschloß 
Mein dritter neunzehn vier und zehn. 

l ) Die bekannteste unter ihnen wurde unter der Überschrift „Seherblickc“ 
weitergegebeu und lautet: 

Europa wird zu einer Zeit, wo der päpstliche Stuhl in Rom eine Zeit 
leer stehn wird, von furchtbaren Züchtigungen heimgesucht werden. Ein Volk 
wird wider das andere, ein Königreich gegen das andere kämpfen. Ein starker 
Monarch kommt von der Mitte. Dieses ist der deutsche Kaiser. Er ist an 
einer Seite gelähmt und steigt verkehrt zu Pferde.. Gegen diesen Monarchen 
kommt ein Wall von Feinden von allen Seiten, die ihn durch Bosheit und 
Gehässigkeit verderben wollen. Wenn die Niederträchtigkeit der Feinde ihren 


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bei anderen Prophezeiungen mir auch selbst die Mühe genommen, 
ihre Unwahrhaftigkeit festzustellen 1 ). Zwei derartige Beispiele 
möchte ich erwähnen. Als ich in Petersdorf i. R. das Pfarramt ver¬ 
waltete, erzählte man allenthalben im Ort, in Warmbrunn, also etwa 

Höhepunkt erreicht hat, legt sich die Allmacht Gottes ins Werk und wird den 
Monarchen von Sieg zu Sieg führen. Der Wahlspruch des Kaisers heißt: Mit 
Gott* voran. Er trägt eiu Kreuz auf der Brust. 

Dies alles geschieht, wenn die Vergnügungssucht, Sitten- und Religions¬ 
losigkeit und Hoffart ihren Höhepunkt erreicht haben. Es ist dieses eine Strafo 
Gottes, zu gleicher Zeit aber auch eine Barmherzigkeit Gottes, weil ungezählte 
Tausende zur Religion zurückkehren. Es ist ein Ringen vorgeseheu, vorn in 
Westfalen. Sollte dieses stattfinden, so wird nur ein kleiner Haufen Deutsch¬ 
lands übrig bleiben. Voraussichtlich findet dieses Morden nicht statt. Wenn 
das Volk zur Buße und Religion zurückkehrt. Wohl wird der Niederrhein 
zittern, beben und heulen, aber er wird nicht untergehen und glänzend be¬ 
stehen bleiben bis zum Ende der Zeiten. Es wird der Krieg, der losbricht, 
ein furchtbarer Krieg heißen. Es gibt dann kein Erdreich, das nicht mehr 
oder weniger in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber der starke Monarch wird 
den Krieg geschickt führen, daß keine Macht der Feinde ihm widerstehen 
kann. Mit großer Stärke wird er veraltete Mißbräuche, schmutzige Tänze und 
üppige Kleidertracht abscliaffen, überall hingegen die göttliche Ordnung im 
Staat, Kirche und Familie einsetzen und den Völkern den Frieden bringen. 
In der Nähe eines Dorfes steht ein Kruzifix. Dort wird der Kaiser mit aus¬ 
gebreiteten Armen niederknien. Wehe Lemberg und Soldau am Bach, der dort 
von Osten nach Westen fließt. Der starke Feldherr wird mit den bärtigen 
Völkern des Siebengestirns siegreich aus dem Treffen hervorgehen und vor der 
Kapelle Schaffhausen eiue Rede halten. Frankreich wird nur ein Bild der 
Verwüstung sein. England wird mit seinem Könige geschlagen werden und 
auf die tiefste Stufe des Elends kommen. Eine überaus große Sterblichkeit 
wird dieser verheerende Krieg mit sich bringen. Ein großes Land wird von 
Seuchen und Hungersnot heimgesucht werden. Die Türken werden treue 
Brüder des starken Monarchen sein. Sobald England geschlagen ist, wird der 
Friede einkehren. Es wird eine unermeßlich große Veränderung in den Staaten 
und eine Neuerung in der Kirche vor sich gehen. Nach dem Kriege existieren 
nur noch die Großmächte, der Papst, Österreich und Deutschland. Es wird 
zu edlen Sitten heranwachsen. Der Krieg ist dadurch entstanden, weil die 
Fürsten ermordet wurden. Mord und Metzeleien werden vielfach stattfinden. 
Losbrechen wird der Krieg zur Zeit der Ernte. Eine bessere Zeit wird an¬ 
brechen zur Zeit der Kirschblüte. 

Abgedruckt mit Kritik in der Kölnischen Zeitung 17. 2. 1915, Schlesischen 
Volkszeitung lb. 10. 1915, u. a. m. Grabinski S. 220 f.. Zur Bonsen S. 59 ff. 
Ohne Kritik Baumann S. 28 f. 

1 ) So z. B. bei der Weissagung des Wiener Anthropologen Zanowski, die 
in der Kölnischen Zeitung gestanden haben sollte, u. a. wurde der 17. 8. als 
Tag des Friedensschlusses genannt; das Strehlener Kreis- und Stadtblatt, brachte 

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3 / 4 Stunden entfernt, habe ein Mädchen im Juli 1914 den Krieg 
genau vorausgesagt, auf die Frage aber, wann er enden werde, habe 
sie mit Tränen geantwortet, das werde sie nicht erleben. Sie sei 
anch bald gestorben. Ich habe amtlich festgestellt, daß dies 
Mädchen weder gelebt hat noch gestorben ist. Doch wurde die 
Geschichte mit solchem Nachdruck erzählt, daß man selbst in 
Petersdorf nicht recht an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte 
zweifeln durfte. In einer etwas anderen Spielart begegnete* mir 
diese Geschichte in Falkenberg i. M., wo das betreffende Kind — 
diesmal zur Abwechslung ein Knabe, — nach einem Traum über 
den Kriegsbeginn taubstumm geworden sein sollte. Auch hier war, 
wie ich amtlich feststellte, kein Wort wahr. Ganz entsprechendes 
fand man allenthalben in den Zeitungen 1 ) und Zeitschriften 2 ). 

Mehr als einmal hörte ich, aber stets nur als unnachprüfbares 
Gerücht von jener immer noch nicht ausgestorbenen klugen Frau, 
die etwas Wichtiges vom Kriege vorausgesagt habe, und zum Erweis 
der Wahrhaftigkeit ihrer Behauptung erklärt habe, das sei ebenso 
wahr, wie die andere Tatsache, daß der Frager so und soviel Geld 
in der Tasche habe. 

Ähnliche Geschichten unzuverlässigster Art hat jetzt wohl jeder 
erlebt. Helm stellt in den Hessischen Blättern für Volkskunde 
bereits 1915 diese beiden Arten von Kriegs- und Friedens¬ 
prophezeiungen zusammen 3 ). 

Daß die Leichtgläubigkeit der Leute auch häutig von der 
Gewinnsucht ausgebeutet wird, ist begreiflich. Wahrsagerinnen 
treiben mit Karten oder Formeln, mit Phrenologie oder Chiromantie 
ihr unsauberes Geschäft. Reiners (S. 100 ff’., vgl. Grabinski 45, 
Zur Bonsen 62) unternimmt einen Streifzug zu den Wahrsagerinnen 
von Berlin und Paris im Aufklärungszeitalter des 20. Jahrhunderts. 
Es ist als dankenswert anzuerkennen, daß sich schon mehrere 


4 

21. 2. 1917 eine Weissagung, von der auch, wie ich feststellte, kein Wort 
wahr war. 

*) Frankfurter Zeitung 11. 4. 1915: 16. 4. 1915; Hamborner General- 
Anzeiger 17. 4. 1915. 

2 ) Hochwacht Y, 153 f., Büchtold, Volkskundliche Mitteilungen aus dem 
schweizerischen Soldatenleben. Schweizer Archiv für Volkskunde 19, 209 f. 
Hellwig 135. B ach toi d, Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube S. 9. 

3 ) K. Helm, Kriegs- und Friedensprophezeiungen 1914/15, Hess. Blätter 
für Volkskunde 195 ff. 


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Generalkommandos *) und Entscheidungen der Gerichte bis hinauf 
zum Reichsgericht gegen diese Dinge gewandt haben. Hellwig 
bietet (S. 144 ff.) das ihn als Amtsrichter besonders interessierende 
Kapitel „Maßnahme der Gerichts- und Verwaltungsbehörden gegen 
die -Wahrsager.“ 

Eine große Zahl von Weissagungen hat sich im Laufe der Ge¬ 
schichte schon als verfehlt erwiesen. Meistens werden sie alsbald 
totgeschwiegen: immerhin sind einige weithin bekannt geworden. 
Was lag näher, als daß der große Krieg, der nach mehr als vierzig¬ 
jährigem Frieden kommen mußte, im Jahre der Unglückszahl 13 
ausbrechen würde, das durch die Erinnerung an 1813 zum Kriegs¬ 
jahr prädestiniert war. Zahlenspiele, von denen unteu bei der 
Kabbala gesprochen werden wird, und das Reimwortspiel „1911 ein 
Glutjahr, 1912 ein Flutjahr, 1913 ein Blutjahr“ wiesen ja nur zu 
deutlich darauf hip 2 ). So erklärten die Okkultisten, die vielmehr 
sehen als gewöhnliche Sterbliche, die Franzosen würden 1913 einen 
Angriff auf Deutschland machen und in Mühlhausen einrücken 3 ). 
Und - der Major im Kaiserlich-japanischen Generalstabe „Viconte 
Otojiro Kavacami schrieb 1912 ein Buch „der europäische Krieg 
von 1913“-. 

Nun sollte 1915 das Schicksalsjahr unseres Volkes werdeu. 
Bei unseren Freimarken, so wußte jemand zu berichten 4 ), befindet 
sich auf dem linken Brustpanzer der Germania, vom Beschauer 
also rechts, in der unteren Hälfte nach außen hin eine ganz deut¬ 
liche Zahl 15, die natürlich ungewollt durch die Schraffierung des 
Schattens entstanden ist. Bei genauerem Hinsehen tritt diese Zahl 
in dunklem Ton ganz deutlich hervor. Was sie zu bedeuten hat, 
erklärt der „Gaulois“: die Zahl auf der linken Brust, rief er 
triumphierend aus, also auf der Seite des Herzens, kann das etwas 


’) So Gen. Komin. IX "Vogtländer Anzeiger, 10. 6. 1915: Gen. Komm. VII 
Hochwacbt V. Zur Geschichte des Krieges; Gen. Komm. Bremen Weser 
Zeitung 29. 5. 1915. 

2 ) Als sich das als trügerisch erwies, als trotz des heiüen Sommers 1911 
und des Regenjahres 1912, 1913 dem Reim zu Liebe der Krieg nicht ausbrach, 
dichtete der Volksmuud sogleich weiter: 1913 ein gut Jahr, 1914 ein Blutjahr, 
ygl. Hess. Blätter f. Volkskunde 1914 S. 195. Hellwig S. 63. Bächtold S. 3. 

3 ) Zentralblatt für Okkultismus 1912 Juli; Zur Bousen S. 15. 

*) Bochumcr Anzeiger 29. 5. 1915; Westfäl. Tagebl. 6. 11. 1915. Zur 
Bonsen S. 68. 


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r>4 


anderes bedeuten, als daß Deutschland im Jahre 1915 ins Herz 
getroffen wird? 

Natürlich gibt es auch hier Weissagungen vou innerem Gehalt; 
treffende Urteile scharfsinniger Leute, die ihre Zeit verstanden 
haben. Es sind Propheten, nicht aber Wahrsager; Propheten- im 
Sinne des alten Testamentes, Sturmvögel der Weltgeschichte, die 
warnend ihre Stimme ihrem Volke gegenüber erhoben haben. Arnos 
(5, 2) wollte keine Neuigkeit erzählen und nichts Mystisches sagen, 
wenn er in die Scharen derer, die da feierten, in die Zukunft 
blickend, rief; „Gefallen ist, nicht steht wieder auf, die Jungfrau 
Israel.“ 

Größere Zeitungen haben zu Beginn des Krieges unter der 
Überschrift „Kriegsstammbuch“ Aussprüche von führenden Männern 
der Gegenwart und Vergangenheit abgedruckt, die die Völker über¬ 
raschend richtig beurteilt haben. So haben Schiller ') und Schleier¬ 
macher 2 ), Goethe und Alexis, und viele andere die Sinnesart der 
Völker klar erkannt. So blickte Bismarck, ohne Prophet zu sein, 
in die Zukunft, die wir jetzt Gegenwart nennen, wenn er in der 
letzten großen Septennatsrede sagte: Wenn ein Krieg geführt werden 
muß, dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum 
Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren 
starren, und kein Feind wird es wagen, mit diesem furor teutonicus, 
der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen (6. 2. 1888). 
Ja, in der Reichstagsrede am 9. 1. 1885 redet er von der Seemacht 
Deutschlands, England gegenüber, unter Wasser. So haben uns ge¬ 
legentlich Männer der Wissenschaft, wie Lamprecht (Zur neuen Lage), 
Eucken (die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes), 
Kaufmann (Einleitung zur polit. Gesch. des 19. Jalirh.) und andere 
über den Ernst der Zeit aufgeklärt. Auch manche unserer Dichter 
wären zu nennen 3 ). Geibel singt, ohne Wahrsager sein zu wollen, 
in dem bekannten Gedicht „Ahnung und Gegenwart“ 1858 von der 

J ) Jungfrau v. Orleans II, 2: 

Ihr Engländer streckt die liäuberhände, wo Ihr nicht Hecht 
Noch gültgen Anspruch habt, auf soviel Erde, 

Als eines Pferdes Fuß bedeckt. Gleichwohl 
Ist Euch das dritte Wort Gerechtigkeit. 

®) Reden über die Religion I. An wen soll ich mich wenden als an 
Deutschlands Söhne? Jene stolzen Insulaner, von vielen ungebührlich verehrt, 
kennen keine andere Losung als gewinnen und genießen. 

s ) Vgl. Zur Bonsens Kapitel Dichter und Seher. S. 72 ff.; Hellwig S. 62. 


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Zeit, da der Herr die Schmach seines Volkes zerbrechen wird, und 
Hamerling versichert seinen Feinden: 

Möget ihr an Rache glauben Eine Scholle deutschen Lands, 

Und an kunftger Sitten Glanz, Straßburg werdet ihr nicht haben 

Hoffet nie zurückzurauben Straßburg nimmermehr. 

So ist die Inschrift der Prinz Heinrich Baude 1 ) im Riesengebirge, 
ebenso wenig eine Prophezeiung wie das Gespräch zwischen Bantolino 
und Ambrosio in Hebbels „Ein Trauerspiel in Sizilien“ 2 ). Hierher 
gehört auch, was der Franzose Francis Delaisi in seinem feinsinnigen 
„La guerre qui vient“ 1911 geschrieben: Es ergibt sich für uns 
die Verpflichtung, uns auf der belgischen Ebene die Schädel an¬ 
schlagen zu lassen, um den Londonern den Besitz von Antwerpen 
zu sichern 3 ). Auch das phantasievolle Büchlein über den Tauchboot¬ 
krieg wäre hier zu erwähnen 4 ). 

Zur Bonsen (S. 10, 17) hat recht, man nenne nicht gleich alles 
Prophezeiungen, was kluge Menschen, aufmerksame Beobachter, aus 
dem Verlauf der Dinge als zukünftig zu folgern wissen, ln nicht 
gerade kritischer Weise stellt Reiners (S. 37—48) solche Prophe¬ 
zeiungen von Schriftstellern, Staatsmännern und Strategen zusammen. 
Hier sei an eine Festrede eines schlichten Gymnasialoberlehrers in 
Köln, Nippes erinnert, der von dem kommenden Weltkrieg mit er¬ 
schreckender Klarheit redet. Er schließt mit den Worten: 

Blickt südwärts über die Alpen, und Ihr seht ein an der Tiroler Grenze 
in Waffen starrendes Italien, das zwar auf dem Papier den deutschen Mächten 

’) 

Deutschland, Österreich, treu verbunden, Eine Sprache, eine Sitte 
So besiegt Ihr eine Welt, Schlingt um Euch ein festes Band, 

Blut aus tausendjährigen Wunden, Und cs ist derselbe Himmel, 

Ist’s, das Euch zusammenhält. Der sich Euch zu Häupten spannt. 

2 ) Hebbel, Ein Trauerspiel in Sizilien 1847: 

Bantolino: Im Liegen grübelt ich, ob nicht Gewehre 
Zu machen seien, die an hundert Kugeln 
Versendeten auf einen einzgen Druck. 

Scheint es Dir möglich? 

Ambrosio: Nein; denn wäre es möglich. 

So würde man sie längst erfunden haben! 

Bantolino: Wohl wärs. Es liegt ja tausenden daran. 

*) Übersetzt bei Mittler und Sohn S. 6. Auch Seitz S. 446; Zur 
Bonsen S. 46. 

4 ) A. Conan Doyle, Der Tauchbootkrieg, wie Kapitän Sirius England (in 
wenigen Tagen) niederzwang. 


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verbündet ist, in Wirklichkeit aber — in der Stunde der Entscheidung — 
drücken wir uns vorsichtig aus — zum mindesten nicht auf unserer Seite zu 
finden sein wird. Es ist kein Zweifel, in der Stunde der Entscheidung wird 
der Deutsch»; allein stehen; . . . Der Kampf, den die Ahnen gekämpft haben, 
er wird auch uns nicht erspart, der Kampf um Deutschlands Entwicklungs- 
möglichkeit nicht nur, seine Weltstellung, seine Zukunft, nein einfach um die 
nationale Ehre, um dio staatliche Existenz unseres Vaterlandes. Jedor von 
uns wird als Mitkämpfer oder als Zuschauer Zeuge dieses Kampfes sein. . . . 
Wir grüßen sie über das Jahrhundert hin als Schicksalsverwandte, als Kampf¬ 
genossen, die gleiches Schicksal trugen, das auch uns verhängt oder vergönnt 
ist, die gleichen Kampf mit Todestrotze gewagt, und mit Ehren über Ehren 
zum siegreichen Ende durchgefochten haben, der auch uns bevorsteht 1 ). Ihren 
besonderen Ernst erhalten diese Worte durch die Unterschrift: am 20. 8. 1914 
starb den Heldentod fürs Vaterland Johann Jakob Brnnagel. der Verfasser 
obigen Vortrages. 

Es läßt sich nichts dagegen sagen, daß ein Mensch nicht nur 
rückwärts, sondern auch vorwärts einmal einen Blick in das Buch 
der Geschichte tun kann. Damit unterschreiben wir indes nicht 
Kemmerichs Satz, der sein Buch schließt: Der Glaube an Prophetie 
ist kein mittelalterlicher Aberglaube. Es ist eine neue Wahrheit, 
die wir erstmalig zwingend erwiesen haben. Es ist nicht mehr als 
ein Bild, wenn Gerling (S. 5) meint: Würde jemand mit einem 
guten Fernglas bewaffnet, einer Schar Botokuden mitteilen, er sähe 
Feinde in den für das unbewaffnete Auge noch nicht erkennbaren 
Fernen, so würden vielleicht auch die Botokuden von Unsinn und 
Schwindel reden, wenn diese Worte in ihrer Sprache existieren. 2 ). 
Wir möchten uns von allen spiritistischen, okkultistischen und ähn¬ 
lichen Versuchen, die Zukunft zu erraten, aufs bestimmteste trennen 3 ). 

II. Eigentlicher Kriegsaberglauben. Von altersher hat 
es Schwertsegen gegeben; so hießen sie in der Zeit vor Auf¬ 
kommen der Feuerwaffen. Von den Merseburger Zaubersprüchen, von 
den Klagen über derlei Dinge auf der Synode von 745 an 4 ) hat 
man derlei Dinge bei sich getragen. Die Feuerwaffen und das 
Landsknechtsunwesen gaben den denkbar günstigsten Nährboden für 
ihre Ausbildung und Verbreitung. Im dreißigjährigen Kriege er¬ 
reichte dieser Aberglauben ihren Höhepunkt. Es hat sich bis in 

*) Jahresbericht des städtischen Realgymnasiums zu Köln. Nippes, 1914/15 
S. fi. — Vgl. Daheim, Kriegsnummer 68 20. 11. 1915. 

*) Gerling S. 5. 

s ) Viel zu weit geht anderseits, Heiners S. 10 — 19. 

4 ) K r o n f e 1 d S. 20. 


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unsere Tage in den Heimatsbriefen erhalten 1 ). So schrieben 
verschiedene Zeitungen 1870, daß bei einzelnen Regimentern der¬ 
artige Schutzbriefe bekannt seien. Nach meiner Erfahrung sind sie 
viel verbreiteter, als man zumeist meint. Ich habe schon im 
Frieden eine Anzahl gedruckter und geschriebener Himmelsbriefe mit 
und ohne Bild verschiedenster Art gesammelt. 

Jetzt im Kriege ist der Himmelsbrief, fast möchte ich sagen, 
soweit ich wahrnehmen konnte, allgemein verbreitet. Über die 
äußere Gestaltung eines solchen Briefes brauche ich nach den 
mancherlei Arbeiten darüber namentlich auch in' den Mitteilungen 
der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde 2 ), und da hin und her 
jetzt im Kriege solche abgedruckt worden sind 3 ), nicht viel zu 
sprechen. Ein besonders törichter ist hier abgedruckt 4 ). 

x ) vgl. dazu Olbrich. Über Waffensegen Mitt. d. scbles. Ges. f. Volks¬ 
kunde 1897 IV, 1 S. 88 ff; Kronfeld S. 102—104: Himmelsbriefe jetzt und 
in früheren Kriegen. 

2 ) Am umfangreichsten und gründlichsten in der Literaturangabe ist W. Vogt. 
Die Schutz briefe unserer Soldaten. Mitt. d. schles. Ges. f. Volksk. 1911- 1912. 
Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau S. 586—620. 

3 ) Bächtold S. 17 ff. Christaller, Der Himmelsbrief. M. Warneck. 

Das monistische Jahrhundert Jahrg. IV 1914 S. 181 ff: Ein merkwürdiges 

Kulturdokument. Deutsche Gaue Zeitschr. f. Heimatf. 15 1914 S. 4 181 ff. 
Kriegsgebete. Grabinski S. 60—64. Hellwig S. 35 bes. 42—52. Kron¬ 
feld IV. Festmachen und Freikugeln (Passauer Kunst S. 81 — 119. 102 f. 
Himmelsbriefe von 1914/15 und 1870: Sükeland 2 Himmelsbricfe von 1815 
und 1915 in Zeitschrift des Vereins für Volkskunde Bd. 25 S. 241—259. Zur 
Bonsen S. 63 f. Treblin, Kriegsaberglauben in Ev. Freiheit Bd. 15 S. 248 ff. 

4 ) Schutzbrief. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. 
So wie Christus im Olgarfcen stille stand (über Stillstand der Natur vgl. die 
interessante Parallelen A. Marmorstein, Legendenmotive i. d. rabbinist. Literatur 
Archiv, f. Relwiss. 17, 137 f.), soll alles Geschütz stille stebn. Wer dieses 
Geschrieben bei sich trägt, soll nicht schaden. Es wird ihm nichts schaden. 
Pistolen und alle Gewehre durch des heiligen Geistes und Engel Michael. 
Gott sei mit mir. Felix Bradler. Wer diesen Brief bei sich trägt, wird vor 
Gefahren beschützt bleiben. Wer diesen Brief nicht glauben tut, der schreibe 
ihn ab und hänge dem Hund um den Hals und schieße nach ihm. So werdet 
ihr sehen, daß es ihm nichts schadet. Wer diesen Brief bei sich trägt, der 
wird nicht gefangen noch durch des Feindes Geschütz verletzt werden. Amen. 
Sowahr ist alles daß, Jesus Christus gestorben und gen Himmel gefahren ist. 
Sowahr er auf Erden gewandelt hat, kann nichts getan, gestochen noch ver¬ 
letzt werden. Leib und Gedärm alles wird unverletzt bleiben. Ich be¬ 
schwöre alle Waffen und Gewehre auf dieser Welt beim lebendigen Gott, Vater 
Sohn und heiliger Geist. Ich bitto im Namen meines Sohnes Felix Bradler 


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Man hat von jeher gemeint, man könne den Kämpfer kugel¬ 
sicher machen, wie es im Mittelalter hieß, die Passauer Kunst au¬ 
wenden. So wie Wallenstein und der alte Dessauer als fest galten, 
so jetzt Graf Hülsen-Häseler, der zu Beginn des Krieges wie kein 
anderer von der Sage umwoben wurde (vgl. Kronfeld 82 ff. Bächtold 
S. 22). 

Nicht nur der Himmelsbrief schützt die Soldaten, sondern 
auch das Amulett 1 ). Hellwig, der sonst dem Kriegsaberglauben 
sehr skeptich gegenübersteht, sagt davon: „ein Bild von Weib und 
Kind, von der Liebsten, von den Eltern hat ein jeder von uns bei 
sich. Gar mancher auch eine Locke, einen alten Familienring, eine 
Feldbinde, die der gefallne Bruder getragen, einen Anhänger aus 
einer Kugel, die beinahe den Lebensfaden abgeschnitten hätte, 
einen Ring aus einer Patronenhülse oder was dergleichen Gegen¬ 
stände mehr sind.“ Von einem eigentlichen Amulett freilich wird 
man nur reden dürfen, wenn die Soldaten oder doch ihre Angehörigen 
glauben, daß es seinen Träger vor allerlei Ungemach zu beschützen 

des Herrn Jesus und sein Blut, daß mich Felix Bradlcr keine Kugel treffe sie 
sei von Gold, Silber oder Blei. Gott im Himmel macht mich vor allem sicher 
und frei. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, 
Des Sonntags sollt ihr in die Kirche gehen und mit Andacht beten. Und 
werdet ihr das nicht tun, so will ich euch bestrafen mit teuren Zeiten, Pestilenz 
und Krieg. Scheut Menschcn-List und Begierde. So geschwinde wie ich Euch 
geschaffen lu^e, kann ich Euch wieder verschütten. Seid nicht mit der Zunge 
falsch. Ehret Vater und Mutter und redet nicht falsch Zeugnis wider Euren 
Nächsten. Da gebe ich euch Gesundheit und Frieden. Wer diesen Brief nicht 
glaubt und wer nicht glaubt, der wird von mir verlassen und wird keinen 
Segen und Glück haben. Ich sage Euch, daß Jesus Christus diesen Brief 
selber geschrieben hat. Wer diesen Brief widerspricht, der ist verlassen und 

soll keine Hilfe haben. Wer diesen Brief nicht offenbart, der ist verflucht 

von der christlichen Kirche. Diesen Brief soll einer dem andern offenbaren. 
Und wenn Ihr soviel Sünde getan wie Sand im Meere, so sollen sie euch ver¬ 
geben werden. Wer nicht glaubt, soll des Todes sterben. Haltet seine Ge¬ 
bote, die ich euch durch meinen Engel gesandt habe. Im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des heiligen Geistes. Sei mit mir Felix Bradler. Im Kriege 

wie im Frieden zu Lande und zu Wasser und wo es auch immer sein mag. 

Amen. So geh mit Gott, vertrau auf Gott. Deine Dichliebende Mutter. 
Trennung unser Loos. Wiedersehen unsere Hoffnung. 

*) Hellwig S. 26—35. Aus aller Welt und Zeit Kronfeld III. Amulette 
und Talisman S. 40—80. Hier darf auch die Satorformel genant werden, die 
heute allerdings nur historischen Wert hat. Hessische Blätter f. Volkskunde 
XIII, 154 ff. S. Seligmann. 


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imstande sei. In der Kegel werden aber derartige Stöcke eben 
nur ihres Erinnerungswertes wegen getragen, können also nicht als 
Beweis für den Aberglauben im deutschen Heere gelten. Sonst 
würde es wohl nicht einen einzigen Soldaten geben, der nicht vom 
Aberglauben befangen wäre. Hierher gehört die sehr hübsche Ge¬ 
schichte (vielleicht zu hübsch, um wahr zu sein) von dem vier- 
blättrigen Kleeblatt, das die Tochter des Hofrates Schneider dem 
König Wilhelm vor seinem Auszuge in Feindesland 1870 gegeben 
und mit warmem Danke nach dem Kriege von dem Kaiser, der es 
stets getragen habe, zurück erhalten haben soll. Zu Beginn dieses 
Krieges soll unser Kaiser dies Kleeblatt von dem Patenkinde des 
Fräulein Schneider wiedererhalten haben (Kronfeld S. 246). Hellwig 
(S. 30) bemerkt dazu: Sollte unser allerhöchster Kriegsherr in der 
Tat das vierblättrige Kleeblatt mit der Haarsträhne seines Gro߬ 
vaters mitgenommen haben, so würde der Talismansgedanke mit 
dem Erinnerungszeichen so eng verschmolzen sein, daß es schwer 
wäre, den wirklich maßgebenden Gedankengang festzustellen *). 

So weit verbreitet die Amulette sind, sofern sie Erinnerungs¬ 
stücke darstellen, so ist nach neueren Beobachtungen der Gebrauch 
bestimmter Amulette gegen früher zurückgegangen, hat vielmehr 
den Himmelsbriefen den Platz geräumt. Von etwas ähnlichem wie 
den Mansfelder Talern (Kronfeld S. 97) habe ich, wenn man von 
Skapulieren und gesegneten Medaillen absieht 2 ), nichts gefunden; 
doch ist es sicher, daß im Leben sonst geübter Aberglaube auch 
gegen die Kriegsgefahr angewendet werden mag. Bäehtold (S. 15 ff.) 
führt eine größere Zahl abergläubischer Bräuche zum Schutze des 
Lebens der Krieger an. Der Sonderbarkeit wegen sei mitgeteilt, 
daß manche Gelehrte sogar meinen, das Zeichen des Islam, der 
Halbmond, sei eine Umbildung des allbekannten Glückszeichens, des 
Hufeisens, oder es bedeute das bekannte Sinnbild einer Klaue (Kron¬ 
feld S. 44). Nach jetzt verbreiteter Ansicht ist indessen dies 
Zeichen wohl weder so zu deuten noch auch als erstehender Mond, 
sondern als Schwert des Muhamed, der mit Feuer und Schwert seine 

5 ) Hier sei auf die hübsche Geschichte von dem vierblättrigen Kleeblatt 
hingewiesen, die den Dichter Hermann AUnters zu seiner sehr gelungenen 
Hailade veranlaßt hat, vgl. Theodor Siebs, Hermann Allmers. Berlin 1915. 
Seite 347. 

2 ) Wie sehr man damit anstoßen kann, vgl. Grabinski S. 84. Westfäl. 
Volksblatt 6./5. 1916. 


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Religion ausbreitete, hat also mit dem, was wir hier behandeln, 
nichts zu tun. 

Bei den Fliegern scheint der Aberglaube mehr zu Haus zu sein als 
bei anderen Waffengattungen. Sie nehmen — nach meiner Beobachtung 
— in die Lüfte oftmals nicht nur einen Hund, sondern eine schrecklich 
aussehende Puppe, ein Glücksmänulein') mit, das sie da oben 
schützen soll (vgl. Kronfeld, S. 53). Ich habe einen schrecklich 
gestalteten Glücksgötzen von einem Flieger aus Frankreich erhalten. 
Während man Himmelsbriefen und Amuletten schützende Wirkung 
zuschreibt, hält man Spielkarten für gefährlich. So werfen, er¬ 
zählte mir ein befreundeter Pastor, die Soldaten vor einem Sturm¬ 
angriff ihre Spielkarten weg. (Bächtold S. 27 ff.). 

Zu Beginn des Krieges fand das Kettengebet weite Verbreitung 
(Kronfeld S. 66, Bächtold S. 22 ff.). Ich habe einige solcher Gebete er¬ 
halten 2 ). Manche schwache Menschen sind durch solche Dinge innerlich 
nicht wenig erregt worden s ). Wie sich oft Verschlagenheit und 
Gaunerei zur Erreichung materiellen Vorteils solchen Glaubens be¬ 
dient, das zeigt Bächtold 4 ) an einem Kriegs-Kettengebet aus der 
Schwäbischen Alb, das nicht nur fleißiges Abschreiben und Ver¬ 
senden während neun Tagen verlangt, sondern am Schlüsse das 
Gebot enthält, daß „an jedem Tage wenigstens ein frisches Ei unter 
dem Busche bei’s . . . bauren Acker zu legen“ sei. „Wer das 
nicht tut, der hat kein Glück“. 

Manchmal wird heute in abergläubischer Art die Bibel zur 
Deutung der Zukunft benutzt, indem man Stellen derselben, zu¬ 
meist aus Daniel oder der Offenbarung (Hellwig S. 85) zusammen¬ 
hanglos für unsere Zeit umzudeuten sucht. Diese Art der Aus¬ 
legung der Schrift ist sehr alt, wird aber jetzt wieder besonders 

') Über Galgen- oder GlUcksuiänulein vgl. Kronfeld S. 53. 

2 ) Ein solches lautet: Ein altes Gebet. 0. Jesus Christus, wir erflehen 
vou Dir: Segne das Menschengeschlecht! Hilf alles Böse zu vermeiden und 
gewähre uns wieder, im alten Frieden mit Dir zu leben. Jeder, der dies 
Gebet erhält, soll es neun Tage lang absehreiben, einem anderen lieben Menschen 
zuschicken, dann wird er Glück, sonst aber nach neun Tagen schweres Unglück 
haben. Die Karte darf nicht zerrissen werden. Ohne Unterschrift. 

3 ) Eine an den Händen gelähmte alte Frau kam weinend zu meinem 
Schwiegervater und bat ihn, er möge doch neunmal das Gebet abschreibeu, 
damit ihr nichts Schlimmes begegne. Ähnliches habe ich auch in meiner 
Amtsführung erlebt. 

«) Bächtold S. 23. 


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Original ftom 

PRINCETON UNIVERSlfr * 



gern betrieben. In Krieg und Revolutionszeiten haben Schwarm- 
geister in apokalyptischen Offenbarungen über die Zukunft phan¬ 
tastische Träumereien unter die leichtgläubigen, wundersüchtigen 
Massen verbreitet (Reiners S. 86 ff.). Die Bibel ist aber kein 
Zauber- und Wahrsagebuch. Schon das Wählen bestimmter 
Losungen auf einen besonderen Tag, von denen die Zeitungen am 
Anfang des Krieges wunderbare Fälle berichteten, wie Mt. 4, 13; 
Jes. 27, 1 an Kriegsbeginn als Losung aufgeschlagen, hat gewiß 
manches Bedenkliche. In etwas anderer Art versuchen bestimmte 
Sekten, wie die Adventisten, aus der Schrift die Zukunft zu deuten. 
So wird gern nachgewiesen, daß wir uns in der 12. Stunde des 
Weltgeschehens, dicht vor Weltuntergang, befänden 1 ). Die An¬ 
deutungen der Bibel erfüllten sich jetzt; großer Verstand herrsche 
unter den Menschen (Dan. 12,4), was man füglich bestreiten könnte; 
das Evangelium werde allen Völkern gepredigt (Mt 27, 14), was 
auch durchaus kein Zeichen der Gegenwart ist usw. 

Ein ganz anderes Gebiet bildet der noch im Denken des Menschen 
begründete und nicht durch gegenständliche Mittel wirkende Kriegs¬ 
aberglaube. Hier kommen Ahnungen, Träume usw. in Betracht. 

Ahnungen fallen natürlich nur zu einem Teil in das Gebiet 
des Aberglaubens. Über seelische Fernwirkungen im Kriege ist oft¬ 
mals in den Zeitungen geschrieben worden :| ); öfter nocli wird der 
einzelne derlei Dinge erlebt, noch häufiger gehört haben. Über 
Wert und Bedeutung der Ahnungen ist hier nicht der Ort zu sprechen, 
ich will nur einige bezeichnende Fälle erwähnen. Ich berichte nur von 
Ahnungen, die mir begegnet sind. 

Als ich in Petersdorf i. R. zu einer Frau ging, deren Sohn ge¬ 
fallen war, erzählte sie mir, sie habe vor einiger Zeit des nachts 
gehört, wie er sie gerufen und geklopft habe. Freudig bewegt sei 
sie hinausgegangen, ihm zu öffnen, aber niemand sei da gewesen. 
Wie ich unvermerkt im Gespräch feststellen konnte, war es zu der 

') z. B. 0. Feuerstein in Degerloch bei Stuttgart: Mit dem Weltkrieg 
hat das Weltgericht begonnen, und anderes mehr. 

*) z. B. K. Peikert, Ernste Fragen in ernster Zeit 1916. Heiners, S. 59 
bis 85. Weder sehr klar noch einleuchtend. Grabinski, Ahnungen, Voraus¬ 
empfinden von Todesfällen S. 105—131, Telepathie S. 132—159; Hellsehcn, 
Prophezeiung S. 260—211. 

3 ) Türmer, 17. Jg. Apr.—Sept. 1915. S. 700 Dr. Lehmann, Seelische 
Fernwirkungen. Daheim, 50. Kriegsnummer, 51. Jg. 17/7. 1915 Wahrträume. 
Tägliche Rundschau 24. 5. 1916. Beilage. 


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Zeit, als der Sohn draußen fiel 1 ). Eine durchaus vertrauens¬ 
würdige Dame meiner Gemeinde erzählte mir, sie habe es genau 
gewußt, als ihr Mann draußen schwer verwundet wurde 2 ) und es 
ihren Angehörigen mitgeteilt. Mein Schwager hat an dem Tage, 
ehe er fiel, die Sachen gepackt, weil er wußte, daß sein Leben ab¬ 
geschlossen war. Die Kameraden haben am nächsten Tage dem 
Gefallenen die Sachen abgenommen und so, wie er sie verpackt 
hatte, nach Hause geschickt. Dabei ist er nicht in einer Schlacht 
oder einem Kampf gefallen, sondern hinterrücks vom Baum herab 
erschossen worden. Mein gefallener Bruder erzählte mir, er habe 
genau gewußt, daß er aus der Winterschlacht in der Champagne 
zurückkehren würde, aber ebenso bestimmt habe es ihm am 21. Februar 
geahnt, daß er an diesem Tage schwer verwundet werden würde 3 ). 

Hier liegt allerdings die Gefahr sehr nahe, sich falschen 
Ahnungen hinzugeben, mit Unglückstagen zu rechnen. So erzählte 
mir sowohl einer meiner Brüder als auch mein Schwager, daß sie 
den Sonntag als Unglückstag fürchteten. Einige Male war ihnen 
an diesem Tage etwas Unangenehmes begegnet, sodaß sie auf ihn 
besonders achteten. Kronfeld handelt besonders von solchen Unglücks¬ 
tagen (Kronfeld S. 161 ft.) Wie sehr die Krieger auf alle möglichen 
an sich ganz gleichgiltige Dinge achten, davon gaben mir meine 
' Angehörigen im Felde mehr als einen Beweis. 

Mit noch größerer Zurückhaltung als von den Ahnungen müssen . 
wir von Träumen reden (vgl. Heiners, S. 62 ff., Grabinski S. 85 11‘.) 
Daß es zu jeder Zeit Menschen gegeben hat, die Wahr- und Warn- . 
träume gehabt haben, wie sie die Wissenschaft nennt, ist uns von 
den Klassikern 4 ) wie in der einschlägigen Literatur 5 ) bekannt und 

J ) Das gleiche erzählt der Türmer, S. 700 ff. Aug. 1915. 

*) Ein besonders eigenartiger Fall von Telepathie und Ahnung. Daheim 54, 
14/8. 1915. 

s ) Ein Offizier meiner Gemeinde nannte mir sogar einen derben, aber be¬ 
zeichnenden terininus tcchnicus der Soldatensprache. 

4 ) Vgl. z. B. Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit von 
R. Pissin 123 f. Daß ich von dieser Zeit mein ganzes Leben hindurch voraus¬ 
sagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im Leben wurden, einer 
Qual, die ich keinem im Leben wünsche, und die mich praktisch kennen lehrten, 
welch ein Unglück es für den Menschen wäre, hätte ihm Gottes weise Hand 
die Zukunft nicht verschlossen. 

6 ) z. B. Lehmann, S. 504. Bei einigen wirklich festgcstellten Träumeu 
scheint man jedoch nur die Wahl zu haben zwischen einem wunderbaren Zufall 
oder telepathischen Kräften. 


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von mir mehrfach erlebt. So mögen sie auch hier und da in der 
Gegenwart aufgetreten sein. Nun ist es aber einmal unmöglich, 
genau festzustellen, wie der Traum gelautet hat. Auch werden nicht 
zutretiende Träume oft mit großem Nachdruck wiedergegeben *). 
Daß es sehr klare und lebhafte Träume gibt, ist sicher 2 ) und daß 
man ihnen eine besondere Bedeutung zumessen möchte, nur ver¬ 
ständlich 3 ). 

Eine weitere Art des Aberglaubens, die, soweit ich sehen kann, 
am wenigsten bekannt und in der Literatur unserer Tage noch un¬ 
berücksichtigt ist, ist der Brief an Tote. Mein Bruder teilte mir 
aus Rußland mit, daß dort hin und wieder Frauen an ihre gefallenen 
Männer schreiben und bitten, diesen Brief an das Grabeskreuz an¬ 
zuheften 4 ). Nach Ton und Inhalt enthält er Abschiedsworte, Bibel¬ 
stellen, Abbitte und ähnliches. Die Frauen glauben auf diese Weise 
eine Beziehung zu ihren verewigten Männern hersteilen zu können. 

Gelegentlich werden Vorgänge der Natur, die an sich mit dem 
Kriege nicht das Geringste zu tun haben, heute, wo man doppelt 
aufmerksam auf alle Zeichen der Zeit achtet, auf den Krieg ge¬ 
deutet. Viele Dinge, die schon in ruhigen Zeiten als Vorzeichen 
angesehen wurden, bestimmte Tiere, Erscheinungen ganz zufälliger 

*) Einen traurigen Fall erlebten wir beim Tode unseres Bruders im ver¬ 
gangenen Jahre. Eine Pflegerin, die ihn in Stuttgart gepflegt, schrieb uns auf 
die Mitteilung hin: Warum soll ich mit Worten ein Beileid aussprechen, was 
ich nicht fühle. Ihr Sohn lebt und kann es Ihnen nur nicht initteilen. Ich 
habe ganz deutlich im Traume einen Brief von ihm. gelesen, in dem er schreibt, 
ich bin nicht tot, sondern in Gefangenschaft. 

3 ) Mir träumte neulich, ich hatte mich im Walde verirrt. Plötzlich erblickte 
ich durch eine Lichtung den schneebedeckten Kamm des Riesengebirges und 
wußte, wo ich war. Im selben Augenblick zeigte sich in dieser Lichtung 
eine mächtige Anlage von Eichen und anderen starken Bäumen, die alle bekränzt 
waren. Während ich noch über die Bedeutung dieser sonderbaren Erscheinung 
nachsann, kam mein gefallener Bruder, das einzige Mal, daß er mir bisher im 
Traum erschienen ist, aus dem Eichenhain hervor und sagte freudig lächelnd: 
das ist das Sinnbild des neuen deutschen Reiches und eine Stimmt* erklang, 
und er hat es auch mit geschaffen! 

3 ) Vgl. Bismarcks nur sehr allgemeinen, durch seine Gedankengänge be¬ 
einflußten Traum, den er am 18. 12. 1881 seinem Kaiser erzählt. Ged. u. Erg. 
26. IV. Mitte. Cotta II, 193 f. 

4 ) Ein solcher Brief, aufgeschrieben auf ein als Herz ausgeschnittenes 

Stück Papier lautet: Lieber Vater! Ich will, daß, wo ich bin, auch die boi mir 
sind, die du mir gegeben hast. Deine lieben Eltern, Frau Luise und dein 
kleiner Fritz v. St.W.aus Deutschland. 


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Art, werden in Kriegszeiten als besonders bedeutungsvoll angesehen. 
Bächtold nennt eine Anzahl zumeist von früher bekannter Vor¬ 
zeichen, deren Bedeutung man jetzt wieder zu ergründen sucht 
(Kronfeld Orakel, Prophezeiungen usw. S. 120ff., Bächtold S. 4, 13 tf.)- 
Oft wird von Bäumen gesprochen, an denen man in dieser Kriegs¬ 
zeit dieselbe Absonderlichkeit gemerkt habe wie 1870. Ich erinnere 
mich an die Linde in Gröbnig bei Leobschütz O/S., von der es hieß, 
sie habe 1916 ebenso wie 1871 geblüht, ehe sie Blütter hatte, was 
als sicheres Zeichen für das Ende des Weltkrieges angesehen wurde 1 ). 
Eine hierher gehörende Geschichte brachte die Tägliche Rundschau 
am 28. 10. 1914. Eine Insel im Hautsee in Thüringen nicht weit 
von der Wartburg habe jedesmal dann ihre Lage geändert, wenn 
ein weltgeschichtliches Ereignis bevorstaud. So sei es zur Zeit 
Napoleons, 1870 und bei Beginn dieses Krieges beobachtet worden. 
Die großherzogliche Forstverwaltung teilte der Rundschau auf ihre 
Anfrage mit, die Insel habe jetzt allerdings ihren Platz geändert 
und befinde sicli fast am Ufer. Zur Erklärung der Tatsache sei 
hervorgehoben, daß die Insel nachweislich auch zu anderer Zeit ihren 
Platz geändert hat und es auch diesmal der Vergessenheit anheim 
gefallen wäre, wenn nicht ein wichtiges Ereignis zufällig mit dieser 
Naturerscheinung zusammen gefallen wäre. Etwas ähnliches erlebte 
ich in Petersdorf i. R. In dem sehr trockenen Frühjahr 1915, 
als wir auf jede Naturerscheinung achteten, um den Regen herab¬ 
zuzwingen, auf Mondwechsel und Windrichtung, hieß es auf einmal 
im ganzen Riesengebirge, der kleine Teich habe gewellt. Er hatte 
das letzte Mal 1898 vor dem großen Hochwasser Wellen geschlagen. 
Das war für die Gebirgsbewohner das sicherste Anzeichen für ein 
neues Hochwasser. Es ist nicht eingetreten, ja, es hat nicht einmal 
geregnet, und darum hat man davon geschwiegen. Anderenfalls 
wäre der kleine Teich wegen seiner prophetischen Eigenart vielleicht 
als ein Weltwunder angestaunt worden. So brachte die Tägliche 
Rundschau (am 24. 5. 1916 Beilage) unter der Überschrift „die 
Prophetische Quelle“ einen Bericht des „Gaulois“ von einer Quelle, 
ans der das Schlachtenroß der Jeanne d’Arc getrunken habe; diese 
Quelle aber sei zwei bis drei Monate vor Friedenschluß 1871 ver¬ 
siegt. Da sie jetzt wieder von neuem zu plätschern begann, schloß 

*) Etwas ganz Entsprechendes vom Blühen der alten Fehmarner Pappel 
1870 und 1916 als Anzeichen für das Kriegsende. Tägliche Rundschan 1. 7. 1916 
Beilage, vgl. Bächtold, S. 6f. 


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man allenthalben auf den nahenden Frieden. Ähnliche Dinge gibt 
es in großer Zahl. Grobe Wutischki (S. 37—50) redet in einem 
besonderen Kapitel von allgemeinen Vorzeichen über Blut- und 
Kriegsseen, Kriegs- und Totenvögel und kommt zu dem eigenartigen 
Schluß, die Tiere mit ihrem erstaunlichen Witterungs- und Ahnungs¬ 
vermögen empfanden die disharmonischen Störungen in der Völkerwelt. 

Ja, man hat nicht nur einzelne Teile der Natur als bedeutungs¬ 
voll für den Krieg angesehen, sondern die gesamte Erde. Mit dem 
wissenschaftlich klingenden Titel „Geosophische Kriegsursachen“ 
erweist Max. Sewaldt (Neue metaph. Bundschau S. 201 ff.) an der 
Hand eines Bildes der azimutalen Kontinentalerdhalbkugel im Horizont 
von Rom mit Projektion der Ecken und Kanten des Erdkernkristall¬ 
pentagondodekaeders in fast bewunderungswürdiger wissenschaftlicher 
Naivität: Es ist geologisch geschaut ganz klar, daß auf Deutschland 
und Österreich in den Symmetrierichtungen von Südost (Serbien, 
Montenegro), Nordost (Rußland), Südwest (Frankreich) und Nordwest 
(Belgien und England) ein Vorstoß erfolgen mußte. Italien und 
Skandinavien liegen auf dem indifferenten Schwingungsmeridian der 
Neutralen. Glücklicherweise ist diese „wissenschaftliche“ Abhandlung 
geschrieben, ehe Italien aus dem indifferenten Schwingungsmeridian 
der Neutralen heraustrat. 

Wie weit sich der Mensch in solchen Gedankengängen verirren 
kann, zeigt die „esoterische Beleuchtung“ des Weltkrieges, die 
man aufgrund der merkwürdigen Geschichte 1. M. 14 vornehmen zu 
dürfen gemeint hat. Im Urgrund der Siddis') finden wir in der 
Bibel einen Aufriß unseres heutigen Völkerringens, gleichsam nach 
jenem Satze von der Wiederkehr alles Gleichen. Auch fehlen hier 
nicht die kosmischen Komponenten. Die Erzählung selbst zeigt 
einen astropsychologischen Einschlag, der uns auf eine noch ältere 
Fassung im Totenbuch der Ägypter (Kap. 42) zurückweist. Die 
ganze Erzählung sagt uns so im esoterischen Sinne zunächst nichts 
anderes, als daß ebenso wie in den ersten Tagen des Augustes 
unseres Jahres die Planeten in diesem Urgründe zusammenkamen 
und stritten und damit das Fanal zu diesem großen Kampf der 
Könige gaben. Die innerste Zone des Welteis liegt nach der alten 
Astrallehre im Zeichen Wassermann und Löwe, die sich im Zodiakus 


>) Würde er sagen „von Siddim“, so wäre es wenigstens grammatisch 
richtig. 

Mitteiluugen <1. SchUs. Ges. f. Vskde. Bd. XX. 5 


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«6 


gegeuübersteheu als die beiden Zeutralhälften des kosmischen Lichteis 
(oder embryonalen Lichteis) aber ein ganzes bilden. Die biblische 
große Schlacht im Urgrund des Siddhis, die der Seher Abram sah, 
wird sich heute erfüllen. 

Derartige Dinge stehen dem Gebiete der Astrologie nahe. 
Daß man auf besondere Zeichen am Himmel achtet, ist verständlich. 
So bezeichnet nach dem Volksglauben Morgenrot am Neujahrstage 
Blut und Blutvergießen (Kronfeld S. 147). Und am 1. 1. 1915 ging 
die Sonne ja mit besonderer Glut auf. Ebenso verstehen wir, daß 
das Volk im Kometen eine Zdflitrute Gottes zu erblicken geneigt 
ist (Seitz S. 399, Grabinski S. 60). Und wir haben 1914 den Kriegs¬ 
kometen gesehen, der allerdings in keinem Verhältnis zur Schrecklich¬ 
keit des Weltbrandes gestanden hat. Der Volksglaube empfindet, 
wie Schiller den Kapuziner in Wallensteins Lager vom Herrgott 
sagen läßt: „Den Kometen steckt er wie eine Bute drohend am 
Himmelsfenster raus.“ So sagte mir eine alte Frau meines Heimat¬ 
dorfes in Lichtenau o/L. Es wird kein Krieg; denn das Nordlicht 
hat sich noch nicht gezeigt, wie es von Oktober 1870 her noch in 
lebhafter Erinnerung ist 1 ). 

Nun gibt es aber heutzutage Leute, die astrologische Mut¬ 
maßungen über den Krieg der Deutschen 1914, seine Ursachen und 
Folgen schreiben (Tiede), die „hochinteressante“ Büchlein verfassen 
über das Thema „das Jahr des Friedens und des Sieges 1916. 
Astrologische Mutmaßungen“ (E. Courbiner, Neuzeitlicher ßuchverlag. 
Berlin-Schöneberg). Peinlich für die Astrologen ist nur, daß der 
Nestor ihrer Zunft, Zadkiel, ein Engländer ist, der seinen Kalender 
1915 so gehässig gehalten hat, daß „nichts hier abgedruckt werden 
kann und daß er jeden wissenschaftlichen Wert verliert!“, wie seine 
deutschen Schüler sogar sagen. Es müßte doch auch einem ganz 
überzeugten Astrologen Zweifel an der Möglichkeit seiner Kunst 
kommen, wenn er sein Werk anfangen muß, „nicht gerade zum Lobe 
der Astrologie sei es eingestanden, jeder gab zu Beginn des Kriegs 
ein anderes Urteil über die Frage, wie stehn die Sterne! 2 )“. Man 
glaubt sich wirklich um einige Jahrhunderte zurückversetzt, wenn 
man vom Horoskop der Nativitäten der Herrscher liest und aus der 


') Von anderen sonderbaren Erscheinungen am Himmel wird mancherlei 
berichtet. 

a ' Neue inetaph. Kundschau S. 217, 232 


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Ascendenz des Saturn, der Quadratur des Cancer mit der Sonne im 
Sesquiquadrataspekt mit der Sonne und biquintil mit dem Monde, 
während Gemini im 5. Hause steht, auf unheilverkündende Unruhe 
schließt. 

Hier ist die Kabbala zu nennen. Sie gehörte im Mittelalter 
mit der Astrologie zusammen und ist heute mit ihr wieder 
aufgelebt 2 ). Durch die verschiedenste Rechnungsart glaubt man 
bestimmte Daten errechnen zu können. Die beiden bekanntesten 
derartigen Beispiele sind wohl 1) 1849 wurde dem König die Kaiser¬ 
krone angetrageu. Quersumme 22, addiert: 1871 wurde das deutsche 
Reich begründet, Quersumme 17, addiert: 1888 das Dreikaiserjahr, 
Quersumme 25 addiert: 1913: „das letzte Friedensjahr“, da „das erste 
Kriegsjahr“ leider nicht stimmte 3 ). 

In umständlicherer Art versucht die Ivabbalistik durch Addition 
von 11 oder 22 durch Feststellung der Siebnerperiode und was 
derlei Dinge mehr sind, bestimmte Daten zu errechnen. So erklärt 
Grobe Wutischki, nachdem er in unglaublicher Torheit die Zahlen 1812, 
1823, 1837, 1857, 1871, 1891, 1914 errechnet hat, der Kenner der 
Geschichte wird außer den unterstrichenen auch die Zwischenzahlen 
als bedeutungsvoll erkennen. Ja, welches Jahr wäre nicht bedeutungs¬ 
voll für Deutschland gewesen? 

2 ) Das Datum des Friedensschlusses 11. 11. 1915. 18 70-1- 18 70 
ergibt 37 41. Davon die Quersumme der Zwcierzahleu 10. 5., das 
Datum des Friedensschlusses 1871. Ebenso 1914-1-19 15 = 38 29. 
Die Quersummen 11. 11 4 ). 

Ebenso eigenartig wie diese gelehrte Errechnung bestimmter 
Tatsachen ist die Naivität, mit der das Volk bestimmte Daten des 
Friedensschlusses festzuhalten imstande ist. Das erste feste Datum, 
nachdem die Blätter gefallen waren und als die Kirschblüte vorüber 
war, das man für den Friedensschluß angab, war der 27. 4. 1915. 
Wie weit dieser bestimmte Tag als der des kommenden Friedens 
verbreitet war, ersah ich aus einer Nachricht, die mir mein Bruder 

aus dem Felde schrieb, wenn am 28. 4., so hieß es da, nicht Frieden 

» 4 

2 ) Grabinski, S. 238-244, Heliwig, S. 76-85, Scitz, S. 461 fl*. 

3 ) Vgl. Zentralblatt f. Okkult. Febr. 1911, S. 476, Nicineycr, Magie der 
Zahl (Baumann 15 f.) Grobe Wutischki 55 fT., Zur Bonsen 26, Gerling, 
24 f. usw. 

4 ) Abgedruckt z. B. Frankfurter Zeitung 16.4. 1915; Heliwig, S. 132 
Zur Bonsen, S. 67, Bächtold, S. 9 f. 


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werden würde, würden viele Soldaten sehr unzufrieden werden. 
Auch in Zeitschriften wandte man sich gegen diesen bestimmten 
Tag, der allgemein als Friedensschlußtag verbreitet war 1 ). Auch 
Hellwig erwähnt dieses Datum 2 ). Dann hieß es im Herbst 1915 
allgemein, Hindenburg habe erklärt, jeden Schuß, der nach dem 
11. 11. falle, bezahle er. Weiter wurde der 22. 12. als sicherer 
letzter Termin des Friedensschlusses angegeben. Im Mai 1916 
machte dann eine Prophezeiung die Runde durch die Blätter, nach 
der ein Wiener Anthropologe, Prof. Kurt Zanowski in der Köluischen 
Zeitung in einer längeren Prophezeiung verschiedene Daten im 
Weltkrieg, und den Friedensschluß im voraus auf den 17. 8. 1916 
angegeben hatte. Diese Weissagung war mir in mehreren Exemplaren 
zur Beurteilung zugegangen. Auch Grabinski (S. 245) führt sie au. 
Auf meine Nachfrage erhielt ich von der Kölnischen Zeitung die 
Nachricht, daß dort diese Prophezeiung nicht veröffentlicht, auch ein 
Professor Zauowski dort nicht bekannt sei. 

Daß das Volk, das den Frieden ersehnt, sich an solche Dinge 
hält, ist verständlich. Auffällig ist allerdings, daß das letzte all¬ 
gemein genannte Datum des Friedensschlusses nun schon über zwei 
Jahre zurückliegt. Der Eifer hat also auch hier nachgelassen. 
Weniger begreiflich ist, daß man solchen Unsinn mit dem gedruckten 
Wort vertritt. „Bei der Aufhellung der biologischen Probleme der 
Reinkarnation wie zum Verhältnis der Periodizität im Weltgeschehen 
kann uus die Zahlenmystik wahrscheinlich die größte Hilfe leisten.“ 
Und Grobe Wutischki (S. 8<i) schließt eine sehr törichte Zahlen¬ 
berechnung mit den begeisterten Worten: Die Siebnerperiode ist 
geschlossen. Seitz hat recht, wenn er all das nur Spielerei nennt, 
ebenso Hellwig (S. 76/32), der zufügt, der Eifer wäre eiuer besseren 
Sache würdig wie einer solchen Spielerei. All diese Zahlenscherze 
haben vor der alten Pythia nur das voraus, daß sie sich mit positiven 
Zahlenangaben blamieren. Ein derartiger Zahlenscherz hat vor nicht 
langer Zeit die Gemüter erregt und wurde auch von angesehenen 
Zeitungen als Laune der Zahl weiter gegeben, so auch in der 
Täglichen Rundschau vom 13. 6. 1916. Da hieß es, die Summe 
der Zahlen, die Geburtsjahr, Regierungsantritt, Regierungszeit und 
Lebensalter unseres Kaisers und Kaiser Franz Josephs angeben, be- 


J ) Vgl. Ev. Geineindeblatt für das Riesengeb. 11.4. 1915. 
*) Hellwig, S. 125 ff. 


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trüge 3832, wovon die Hälfte 1910 sei. Mithin sei (lies Jahr ent¬ 
scheidend für die beiden Reiche. Abgesehen von der Mangelhaftig¬ 
keit der Logik in diesem Schluß übersah man, daß das die Eigenart 
unserer Zählung ist, daß das Geburtsjahr und das Lebensalter 
immer das gegenwärtig gezählte Jahr ergeben muß. Darin besteht 
ja der ganze Sinn unserer Rechnung *). 

Während, des Krieges ist eine abschließende Behandlung des 
so ausgedehnten Gebietes des Krieg?aberglaubens nicht möglich, 
ich wollte jedoch den mannigfachen Bitten um Stoff’ zur soldatischen 
Volkskunde entsprechen und Anregung zur Weiterarbeit geben und 
erhalten 2 ). 


*) Vgl. Leobschützer Zeitung vom 2.7. 1916 nach der sehles. Volkszeitung. 
a ) Vgl. das überreiche Material im Archiv für ßeligionswissensch z. B. 
Bedeutung der Planeten bei deu alten Indern: Scheftelowitz, Fischsymbol im 
Judentum u. Christentum. Afft. 14, 41. In der syrischen Religion C. Leopold, 
Syrische Religion AfR. 16,567. J. Scheftelowitz, Fischsymbol im Judentum 
ii. Christentum 14, 386 usw. 


Literatur. 


K. Hellwig, Zur Psychologie des Aberglaubens, Dissertation Kiel 1911. 

A. Lehmann, Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis in die 
Gegenwart. Deutsch v. Petersen. Stuttgart 1908. 

A. Nitzsch, Lehrbuch der ev. Dogmatik, herausgeg. v. H. Stephan. Religion 
in Geschichte und Gegenwart II 1909. 

H. Bächtold 3 Deutscher Soldatenbrauch und Soldatenglaube. Strattburg 1917. 
F. E. Braum an n, Kriegsprophezeiungen 1914/15. 

F. zur Bonsen, die Prophezeiungen zum Weltkrieg 1914 —16. 

H. Gerling, Der Weltkrieg 1914 15 im Lichte der Prophezeiung. 

R. Grabinsky, Neuere Mystik. Der Weltkrieg im Aberglauben und im Lichte 
der Prophetie 1916. 

A. Grobe Wutischky, Der Weltkrieg 1914 in der Prophetie 1915. 

A. Hellwig, Weltkrieg und Aberglaube 1916. 

Komm rieh, Prophezeiungen alter Aberglaube oder neue Wahrheit. 

E. M. Krön feld, Der Krieg im Aberglauben und Volksglauben. 

A. Re in er s, Prophetische Stimmen und Gesichte über den Weltkrieg 1914/16. 
München? 

A. Seitz, Kriegsprophezeiungen in „Der Fels“ 1915 August n. September. 


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70 


S. Malachiae Prophetia MDG XLII. 

A. Kniepf, Die Weissagungen des altfranzösischen.Sehers Michel Nostradamus 
und der jetzige Weltkrieg 1914. 

F. Kampers, Die Lehninsche Weissagung über das Haus Hohenzollern, Ge¬ 
schichte, Charakter und Quellen der Fälschung 1897. 

F. zur Bonsen, Die Völkerschlacht am Birkenbaum 1916. 

E. Bö ekel, Die deutsche Volkssage 19(9. 

P. Zillmann, Die Weissagungen auf den Weltkrieg, Neue metaphys. Rund¬ 
schau XXI 1914 S. 233 if. 

K. Helm, Kriegs- und Friedensprophezeiungen 1914/15. Hess. Blätter für 
. Volkskunde XHI/1914. S, 195 ff. 

R. And ree, Braunschweiger Volkskunde. 

K. Pcikert, Ernste Fragen aus ernster Zeit. 

Offener Brief an alle Deutschen ohne Ausnahme, Zittau. 

Der gegenwärtige Krieg und sein Ausgang breits 1911 offenbart, Zittau. 
Der kommende Krieg (La guerre qui vient) Berlin 1916. 

A. Conan Doyle, Der Tauchbootkrieg. 

Christaller, Der Himmelsbrief Warneck. 

Deutsche Gaue 1914 S. 4 1S1 ff. 

Ev. Freiheit 1915 S. 248 ff. Treblin, Kriegsaberglauben. 

Monistisches Jahrhundert 1915 S. 181 ff. ein merkwürdiges Kultur¬ 
dokument. 

Mitteilungen d. Scliles. Gesellschaft für Volkskunde 1897 Band VI,1 88 ff. 
K. Olbrich, I ber Waffensegen, und Band XIX, 1911 12 S. 580—620. 
Vogt, Die Schutzbriefe unserer Soldateu. 

Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 25 S. 241 — 259. 


Register. 

Adventisten 61. Bismarck 48. 54. 

Ahnungen 61 f. Blutsee 65. 

Alexis 54. Brief an Tote 63. 

Alltners 59. Brünagel 55 f. 

Altötting 49. 

Amulett 58. Civrieux 46. 

Astrologie 66. 

Daten des Friedens- 
Bäume 64 Schlusses 67. 

Beobachtung d.Natur63ff. Deluisi 55. 

Bibel 60 f. Delph. Orakel 42. 

Birkenbaum 46 f. Dessauer, der alte 48. 


Dreißigj. Krieg 41. 

Erfahrungen: Eigene 57, 
Familie 62 f. [60. 
Flieger 60. 

Leobschütz 64. 
Lichtenau 66. 
Petersdorf 51 f. 61 f. 64. 
Schreibendorf 62. 
EsoterischeBetrachtung65 
Euckon £4. 

Freimarken 53. 


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Gaulois 53. 64. 

Geibel 54. 

GenKomm 53. 

Geosophie 65. 
Glüeksmännlein 60. 
Goethe 54. 

Gralsorden 48. 

Große Pyramide 48. 
Gustav Adolf 41. 

Halbmond 59. 

Hamerlings Gedicht 48 f. 
Hebbel 55. 

Himmelsbrief 57 f. 
Hnlsen-Häseler 58 

Jeanne d’Arc 64. 

Insel 64. 

Ital. Kriegserklärung 42. 

Kabbala 67. 

Kalender hundertj. 50. 
Kaufmann 54. 

Kavacami 53. 

Kerner 62. 

Kettengebet 60. 
Kirschblüte 51. 67. 
Kleiner Teich 64. 

Komet 66. 

Korceniecki 48. 


Kriegssec 65. 

Kriegsvogel 65. 

Lamprecht 54. 

Lehn in 45 f. 

Losung 60 f. 

Luther 41. 

Malachias 43. 

Mansfelder Taler 59. 
Medaille gesegnete 59. 
Mihailowicz 48. 
Merseburger Zauber¬ 
sprüche 56. 

Morgenrot 66. 

Nordlicht 66. 
Nostradamus 43 f. 

Okkultismus 50. 53. 

Paracelsus 42. 

Pinsker Schlacht 48. 
Polen 42. 

Prinz Heinrich Baude 55 
Propheten 54 f. 

Quelle 64. 

Schiller 54. 66. 
Schleiermacher 54. 
Schwertsegen 56. 
Serbiens Schicksal 48. 
Siegfried 47. 


Skapuliere 59. 
Soldatenstand aber¬ 
gläubisch 41. 

Spielkarten 60. 

Spiritismus 48. 
Spökenkieker 47. 

Thebes 47 f. 

Theosophen 48. 

Tolstoi 48. 

Totenvogel 65. 

Träume 62. 

\ 

Unglückszahl 53. 
UnwahreWcissagung.48ff. 

Wahrsagerin 52 f. 

I Wal 47. 

Wallenstein 42. 58. 66. 
i Weissagung 42 ff. 

I Möglichkeit ders. 

! Weisser Fürst 46. 
Wilhelm I. 59. 

„ II. 46. 50. 59. 68. 
Wilhelmsgedicht 49 f. 

Zahl 1913 Kriegsjahr 53. 

1915 Schicksalsjahr 53. 
Zweites Gesicht 47. 
Zadkiel 66. 


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Schlesische Iweinbilder aus dem 14. Jahrhundert. 

Mit einer Bildtafel. 

Von Pr. Paul Kniitel in Kattowitz. 


Nachdem der Bober unterhalb von Hirschberg zwischen schroflen 
Felsen die Sattlerschlucht durchflossen hat, trennt er das Dorf Bober- 
Röhrsdorf in zwei Teile. Dieses zieht sich in langgestreckter Mulde 
von Nordosten nach Südwesten hin. Durch seinen Namen (Rudgersdorf) *) 
und seine Anlage gibt es sich als eine deutsche Gründung zu erkennen. 
Drei Gebäude bestimmen hauptsächlich sein Bild in der Landschaft. 
Zunächst die katholische Kirche, die mit dem niedrigen Turme, Lang¬ 
haus und Chor den Typus einer schlesischen Dorfkirche darstellt 2 ). 
Oberhalb von ihr gibt sich ein Gebäude mit Walmdach und Dach¬ 
reiter in der Mitte der First als eine jener saalartigen evangelischen 
Gotteshäuser zu erkennen, wie sie nach der Besitzergreifung Schlesiens 
durch den großen Friedrich in größerer Anzahl, besonders auch in 
den vorwiegend protestantischen Landschaften am Fuß des Riesen¬ 
gebirges, z. B. in Hennsdorf u. K. und in Petersdorf, zunächst als 
Bethäuser entstanden sind. 

Gerade am Ufer des Bober, dort wo ihn die Dorf brücke über¬ 
quert, zieht ein drittes turmartiges Gebäude die Blicke auf sich. 
Es liegt neben dem Wohngebäude, das zu dem in Gräflich Schaff- 
gotschem Besitze befindlichen Dominium gehört. Wir haben in ihm 
einen sogenannten Wohnturm vor uns. Gegenüber den sonstigen 
mittelalterlichen Burgen sind solche Wohntürme immerhin selten; 


') Es wird um 1305 zum ersten Male erwähnt Liber fundationis episc. 
Vratisl. (Cod. dipl. Siles. 4. Bd.) S. 137. 

a ) Nach Lutsch, Verzeichnis der Kunstdenkmäler Schlesiens, 3. Band, 
S. 471 aus der Mitte des 16. Jahrh. Doch scheint mir das von ihm nicht 
erwähnte Gewände des Södportals älter zu sein. Die Kirche wird urkundlich 
1899 zum ersten Mal erwähnt (Neuling, Schlesiens Kirchorte, 2. Aufl. S. 261). 


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in Schlesien ist mir nur noch einer bekannt, in Eckersdorf (Land¬ 
kreis Breslau) 1 ). 

Diese Wohntürme sind ein Mittelding zwischen Palas und 
Bergfried 2 ). Sie verbinden dessen Höhe und Mauerstärke mit der 
Geräumigkeit eines Palas. Das machte sie zur passiven Verteidigung 
und damit zu einem Kern- und Rückzugsbau besonders geeignet. 
An sie schloß sich entweder ein größerer Burgbau an, oder sie hatten, 
besonders in der Ebene, neben einer Ringmauer und -graben nur 
unbedeutende Anbauten 3 ). Als Wohngebäude hatten sie zweck¬ 
entsprechend fast immer geviertförmige Gestalt und waren mit einem 
einfachen Zelt oder Walmdach geschlossen 4 ). Diese Schilderung, 
die der beste gegenwärtig lebende Burgenkenner Piper von dem 
Wesen des Wohnturms gibt, trifft auf unser Bober-Röhrsdorfer Bau¬ 
werk fast völlig zu, und wir werden in ihm auch noch andere Eigen¬ 
tümlichkeiten, die er hervorhebt, verkörpert finden 5 ). 

Am Ende des großen Gutshofes liegt ein niedriges Wohngebäude. 
Mit einem schmalen Seitenflügel, einer Mauer und dem Wohnturme 
schließt es einen kleinen Hof ein. Auf drei Seiten ist diese Anlage 
noch von dem ursprünglichen Wassergraben umgeben, während der 
Teil längs des Wohnhauses zugeschüttet ist. Daraus ergibt sich, 
daß früher nur unbedeutende Baulichkeiten, Ställe u. a., hier ge¬ 
standen haben können und der Turm fast allein Wohn- und Ver¬ 
teidigungszwecken diente. Die früher das Ganze umschließende 
Mauer in der Höhe von etwa 12—14 Fuß ist in ihren letzten 
Resten in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ab¬ 
getragen worden ü ). Das Bauwerk ist auf rechteckigem Grundriß aus 
Bruchsteinen aufgeführt und auf einer Grundfläche von 14: 21 m 
errichtet. Die Mauerstärke beträgt 2 m, seine Höhe bis an das Dach- 

*) Abbildung: Schlesien 2. Bd. S. 411. Vergl. Lutsch, a. a. 0. 2. Bd. 
S. 440. 

2 ) O. Piper, Burgenkunde. 3. Aull. S. 237. 

s ) Piper, a. a. O. S. 244. 4 ) Piper, a. a. O. S. 241 und 243. 

5 ) Abbildungen des Turmes: 1) W. Klose, Das Schlot» zu Bober-Röhrs- 

dorf Tafel 1 in Sehles. Vorzeit in Bild und Schrift, 4. Bd. S. 595 IT. (Per 
Aufsatz wird weiterhin unter Klose angeführt), 2) F. Schröder, Schlesien, 
2. Bd. 1. Tafel, 3) V. Schätzke, Schics. Burgen nnd Schlösser (nach Photogr.) 
zu S. 7 IT., 4) Zeichnung von 1701 in dem compend. Siles. (Breslauer »Stadt¬ 
bücherei Nr. 550 Tafel 11) 5) Zeichnung von 176G in der Topogr. Siles. 

(ebenda Nr. 551- 555, IV 95.) 

6 ) Klose, a. a. 0. S. 599. 


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gesims 19 m. Geschlossen ist er von einem schindelgedeckten, ab- 
gewalmten Satteldache. Obwohl der Turm Wohnzwecken diente, fällt uns 
doch die Kleinheit und geringe Zahl der Fenster auf und macht 
damit seinen Verteidigungszweck noch klarer kenntlich, wenn auch 
der Unterschied vom Bergfried, der nur ganz winzige Öffnungen 
hat, scharf hervortritt. 

Schon sein Äußeres läßt erkennen, daß er außer dem Erd¬ 
geschoß drei Stockwerke enthält *)• Oer Zugang zu dem Turm in 
der Südseite wird durch eine Spitzbogentftr mit einfachem Gewände 
umrahmt. Rechts von dieser Tür wird das Erdgeschoß durch eine 
Mauer in zwei Teile getrennt, einen größeren westlichen und einen 
kleineren östlichen. Dieselbe Einteilung wiederholt sich im ersten 
Stockwerk. In ihm befand sich früher ein dunkelfarbig glasierten* 
Kachelofen mit Reliefs aus dem 1(5. Jahrhundert. Er ist in neuerer 
Zeit auf eine andere Besitzung der Grafen Schaffgotsch gebracht 
worden. Im zweiten und dritten Stock fehlt die Zwischenwand, 
doch muß früher, wie wir noch sehen werden, mindestens im zweiten, 
eine leichtere Wand vorhanden gewesen sein 2 ). Die Treppenanlagen 
sind nicht mehr die ursprünglichen, ebenso sind die flachen Decken 
neu eingezogen. Gegenüber den anderen Geschossen weist das zweite 
gewisse Eigentümlichkeiten'auf, die in ihm den eigentlichen Wohn- 
raum des Burgherrn erkennen lassen. Scheinbar besitzt es in dem 
ursprünglich abgetrennten westlichen Raum drei Fensteröffnungen, 
eine in der Südseite nahe der Südwestecke, zwei in der Nordseite. 
Die nordwestliche Öffnung aber, die durch eine hölzerne Umrahmung 
mit rechtwinkligem Abschluß und vorgekragten Ecken umrahmt 
wird, war, wie die Kragsteine an der Außenseite, je zwei über¬ 
einander, ergeben, früher der Ausgang zu einem Abort 3 ). An der 

’) Der Wohnturm der in Böhmens Geschichte so bedeutungsvollen Burg Karl- 
stein und der der Wasserburg Lechenich in der Rheinprovinz (Kreis Euskirchen) 
haben 5 Stockwerke. (Piper a. a. 0. S. 237.) Plan und Abbildungen der 
Bürg Lechenich und des Wohnturmes allein in den Kunstdenkmälern der Rhein¬ 
provinz 4. Bd. IV. (Kreis Euskirchen) Tafel VIII und IX und Seite 120 n. 121. 

2 ) Innere Scheidewände finden sich schon Tn romanischer Zeit. Sic be¬ 
standen entweder nur aus Brettern oder Balken oder aus Fachwerk, welches ein¬ 
fach mit Stuckdecken und Strohlehm, nur ausnahmsweise mit Mauerwerk, aus¬ 
gefüllt war (Piper a. a. 0. S. 471). 

3 ) „Die Aborte sind bei Burgen mit einer erstaunlichen Einfalt und Offen¬ 
heit angelegt.“ (Bergncr, Handbuch der bnrgerl. Kunstaltert. Deutschlands, 
1. Bd. S. 104). 


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Ostseite sind die Reste einer Heizanlage erhalten, also in dem ehe¬ 
mals abgetrennten kleineren Raume. 

Die Fenster sind hier wie in den anderen Stockwerken un¬ 
symmetrisch angebracht, wie sie eben den Bedürfnissen entsprechen l ). 
Das Südfenster liegt nahe der Südwestecke, das Nordfenster bei der 
wh> erwähnt vorauszusetzenden ehemaligen Zwischenwand. Beide 
Fenster sind gleichartig behandelt. Rechts und links von der 
Fensteröffnung sind in der Tiefe der Mauer in der Fensternische 
gemauerte Sitzbäuke angebracht. Solche hat schon der aus dem 
Anfang des 12. Jahrhunderts stammende bewohnbare Bergfried von 
Hohenklingen. Allgemeiner gebräuchlich werden sie erst im 
13. Jahrhundert und erhalten sich dann bis zum Ende des 15. Jahr¬ 
hunderts 2 ). Der schmale Fensterschlitz ist von einem Steingewände 
umrahmt, das oben mit einem runden Kleeblattbogen umschlossen 
ist. Es ist also, wie schon gesagt, kein Zweifel, daß wir hier im 
zweiten Stockwerk die Wohnräume des Burgherrn zu erkennen haben. 
Ihre höhere Lage bot jedenfalls größere Sicherheit gegenüber 
den unteren Geschossen. So gibt sich z. B. das dritte Geschoß des 
schon erwähnten Wohnturms von Lechenich durch seine größeren 
Fenster als demselben Zwecke dienend zu erkennen. In Karlstein 
liegt die zu schützende Kapelle im dritten Stockwerk 3 ). 

Zur völligen Gewißheit aber erhebt unsere Annahme der Bilder¬ 
schmuck der Wände. Das Verdienst seiner Aufdeckung gebührt dem 
f Rechnungsrat Klose; in dem erwähnten Aufsatze gibt er Rechen¬ 
schaft darüber. Bei einem Besuch des Turmes in den achtziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte er am unteren Teil der 
Wände Reste roter Bemalung bemerkt; bei näherem Zusehen fand er 
an der Südwand zwischen den weit von einander abstehenden Fenstern 
des Gesamtraumes in ungefährer Höhe von l'/» m die Majuskeln 
ALSO . . . EWE. Mit Unterstützung des Rentmeisters Menzel 
gelang im Laufe der Zeit die Loslösung des Kalkbewurfs, und es 
zeigte sich, daß einen Meter vom Fußboden ab die Wandfläche bis 
zu der 4 7 2 m hohen Decke mit Gemälden geschmückt war. Aller¬ 
dings vom südwestlichen Fenster aus nur in der Breite, die dem 

*) Piper, a. a. 0. S. 455. 

2 ) Piper, a. a. 0. S. 453. So auch in dem Wohnturm von Eckersdorf. 

3 ) Piper, a. a. 0. S. *237. In dem 1182 erbauten Wohnturme von Thun 
in der Schweiz liegt der fast 7 m hohe Saal im vierten Stockwerk. (Vergl. 
die kleine Burgenkunde von Piper in der Sammlung Göschen S. 54.) 


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größeren Gemach der unteren Stockwerke entsprach. Daraus ergab 
sich, daß auch hier, wie schon erwähnt, eine Querwand gewesen sein 
mußte. Die Gliederung der bemalten Wandfläche ist derart, daß zu¬ 
nächst von der Querwand an je zwei männliche und weibliche Ge¬ 
stalten dargestellt sind, deren jeder eine unter ihren Füßen kauernde 
Figur entspricht; dann folgt eine hl. Jungfrau mit dem Kipde 
in der Höhe von 2'/» Meter. Das ist ungefähr die Hälfte der Süd¬ 
wand zwischen der verschwundenen Querwand und .der Fensternische. 
Von da an ist die Fläche in zwei gleiche Streifen über einander 
geteilt; nur auf dem unteren sind die Bilder erhalten oder bisher auf- 
gedeckt. Die Fläche in Höhe von etwas über einem Meter vom 
Boden weist keine Bilder auf und sollte ursprünglich vielleicht mit 
Teppichen verhängt werden. In seinem Aufsatz sieht Klose die 
vier Gestalten links, die er alle für männlich hielt, als die Evangelisten 
an, für die rechts der Madonna befindlichen Vorgänge auf dem 
unteren Streifen weiß er keine Erklärung zu geben. Die Abbildung, 
die er von den aufgedeckten Bildern auf der zweiten Tafel seines 
Aufsatzes beibringt, ist recht unvollkommen, zum Teil ganz mi߬ 
verstanden, bot aber bisher die einzige Anregung, sich mit dem 
Werke zu beschäftigen und zum Versuch einer Erklärung zu ge¬ 
langen. 

Auch Lutsch gibt keine Erklärung und spricht bei seiner 
Schilderung nur von einem Turnier, ebenso wenig tun es Schätzke 
in seinem Burgenbuche und G. Malkowsky 1 ). Dieses Schweigen ist 
auch ganz begreiflich. Sehen wir von der Figur der Gottesmutter, 
die sich selbst erklärt, und vorläufig auch von den vier Gestalten 
links von ihr ab, so ergibt sich auf den ersten Blick, daß die bild¬ 
lichen Schilderungen rechts rein weltlichen Charakter tragen. Indem 
die kirchliche Kunst gewisse Gestalten der Bibel, der Kirchen¬ 
geschichte und Legende immer und immer wieder darstellte, hat sie 
im Laufe der Zeit gewisse Typen geschaffen, die in Abwandlungen 
immer wiederkehren. Wenn es sich nicht um recht seltene Heilige 
und Bilder aus ihrem Leben handelt oder die sie bezeichnenden 
Beistücke bei plastischen Gestalten verloren gegangen sind, ,so haben 
wir meist die Möglichkeit, solche kirchliche Darstellungen zu er¬ 
klären, und ein reiches Schrifttum von sogenannten Heiligen- 


') Schätzke, a. a. 0. S. 74: A. Malkowsky, Schlesien in Wort und Bild, 
S. 158. 


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Ikonographien bietet auch für seltenere die Mittel dazu. Anders bei 
weltlichen Darstellungen, mit Ausnahme der Miniaturen von Hand¬ 
schriften, durch deren Texte der Bildinhalt festgelegt ist. Hier 

war eine derartige Typenbildung fast ganz ausgeschlossen 1 ). Daraus 
aber ergibt sich dann auch von selbst die Schwierigkeit, ja oft 
Unmöglichkeit, zu einer wissenschaftlich einwandfreien Erklärung 
weltlicher Bilder und Bilderfolgen zu kommen. Und zwar um so 
mehr, je weniger es zunächst feststeht aus welchem Kreise (Ge¬ 
schichte, Sage, Dichtung) die Vorgänge entnommen sind. Oft 
bringen ja Spruchbänder auf die Spur oder sagen ganz deutlich, 

um was es sich handelt; in manchen Fällen fehlen sie ganz oder 

widerstehen ihrer Entzifferung, wie beides bei unseren Bildern der 

Fall ist. Der Kunstschriftsteller, der sich mit religiöser Kunst be¬ 
schäftigt, wird von selbst auch auf das Studium der kirchlichen 
Bilderkunde geführt. Bei weltlichen Darstellungen kann davon nicht, 
die Rede sein, da es überhaupt keine umfassende Bilderkunde dieser 
Art gleich der kirchlichen geben oder es sich höchstens um Teil¬ 
gebiete handeln kann. So wird es unter Umständen Sache des Zufalls 
sein, ob eine Deutung gewonnen wird oder nicht. Und das trifft 
gerade auch für die Bober-Röhrsdorfer Bilder zu. 

In Bergners Handbuch der bürgerlichen Kunstaltertümer findet 
sich ein Holzschnitt mit Darstellungen aus den Iweinbildern im 
Hessenhofe zu Schmalkalden 2 ). Unter anderem sieht man auf diesem 
Bruchteil, wie die trauernde Laudine am Totenbette ihres von Twein 
getöteten Gemahls steht und diesen beklagt. Dieser Vorgang rief 
in mir die dunkle Erinnerung an eine ähnliche Darstellung hervor, 
ohne daß ich mir zunächst klar wurde, worum es sich handeln 
könnte, bis mir dann endlich unsere Bober-Röhrsdorfer Wandgemälde 
einfielen. Das Typische liegt hier in dem Vorgänge selber, aber 
beide Bilder brauchten deshalb noch nicht dasselbe darzustellen. 
Daß es aber wirklich der Fall war, ergab sich bald bei der weiteren 
Vergleichung der beiden Bilderreihen und der Lesung der entsprechenden 
Stellen des Iwein von Hartmann von Aue. Durch meine Entdeckung 
veranlaßt, hat dann Herr Prof. Dr. Seger als Vorsitzender des 
Schlesischen Altertumsvereins vor allem für eine sachgemäße Auf¬ 
nahme der freigelegten Bilder gesorgt. Das hierbei angewandte, 

J ) Zum Beweise, datt es doeh dazu kommen konnte, sei auf die Boland- 
bildsäulen hingewiesen. 

*) 2. Bd. S. 593 


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von Herrn Prof. Dr. Kautzsch angegebene Verfahren bietet jede nur 
mögliche Gewähr für wissenschaftliche Treue. Es besteht darin, daß 
die Umrisse der Bilder zunächst in voller Größe durchgepaust werden; 
die Pausen werden auf photographischem Wege verkleinert und die 
Verkleinerungen wieder angesichts der Originale farbig ausgeführt. 
Unsere Tafel bringt in starker Verkleinerung photographische Wieder¬ 
gaben der im Besitz des Schlesischen Altertumsvereins befindlichen 
Aquarelle. Die Anordnung der Bilder an der Südwand des Turmes 
ist aus dem folgenden Schema zu ersehen. Der Schlesische 


a 

b 

i 


c j 

Wand 


Plan der Gemälde der Südwand 

(vergl. die Buchstaben der Bildtafel). 


Altertumsverein beabsichtigt ferner, die noch unter der Tünche ver¬ 
borgenen Malereien aufdecken und in derselben Weise aufnehmen zu 
lassen, und er hat sich für diese ebenso mühsame wie kostspielige 
Arbeit der Zustimmung und Unterstützung des Herrn Reichsgrafen 
Schaffgotsch auf Warmbrunn versichert. Seit Kloses Veröffentlichung 
ist keine weitere Aufdeckung größeren Umfangs erfolgt. Nur an 
der Südwand hat vor Jahren ein Wirtschaftsschüler in freilich un¬ 
befugter und roher Weise die unter der Tünche hervorschimmernden 
Umrißlinien zweier gegen einander anreitenden Ritter und einer 
Doppelgruppe mit schwarzer Farbe nachgezogen. Nach diesem 
Machwerk sind die Textabbildungen Seite 83 und 85 hergestellt. 

Wenngleich es natürlich erwünscht gewesen wäre, die vollständige 
Freilegung der Gemälde abzuwarten, so schien es bei der Bedeutung, 
die dieser Bilderkreis für Schlesien insbesondere, aber auch für den 
Niederschlag deutschmittelalterlicher Dichtung in der Kunst überhaupt 


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Wandgemälde ai 


Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde. Band XX. 

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aus Boberröhrsdorf 


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liat, doch angezeigt, schon jetzt einen Vorbericht darüber zu geben 
und die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam zu machen. 

Hartmanns Epos Iwein erfreute sich einst großer Beliebtheit und 
Anerkennung. Dafür sprechen die zahlreichen Handschriften, die von ihm 
vorhanden sind, abgesehen von den Anlehnungen und Entlehnungen 
jüngerer Dichter 1 ). Unter ihnen aber gibt es keine einzige, die mit 
Bildern geschmückt ist. An ihrer Stelle besitzen wir dagegen zwei 
Bilderfolgen, deren wichtigste und umfassendste sich in dem schon 
erwähnten Hessenhofe in Schmalkalden als Wandgemälde befindet 2 ) 

Der Hessenhof lag ursprünglich im Mittelpunkt des Stadtteils 
von Schmalkalden, der sich jenseits des Grabens vor den Mauern 
der Altstadt entwickelte, und war zuerst wohl Sitz des langrätlich- 
thüringischen Verwalters, vom 14. Jahrhundert an Amtshaus des 
landgräflich-hessischen Verwalters, schließlich im 16. Jahrhundert 
zeitweilig Wohnsitz der Schwester des Landgrafen Philipp von Hessen. 
Die Wandgemälde befanden sich ursprünglich in einem mit einem 
Tonnengewölbe geschlossenen Raume des Erdgeschosses; durch die 
allmähliche Erhöhung der Straße ist er aber zum Keller geworden. 
Die Bilder bedecken in 5 Streifen das Tonnengewölbe, je zwei 
Wandstreifen darunter und das eine Bogenfeld. An dieser Stelle ist 
das Hochzeitsmahl bei der Vermählung Iweins mit Laudine dar¬ 
gestellt. Die Wahl des Gegenstandes erinnert uns an die Bilder 
des hl. Abendmahls oder der Hochzeit von Kanan in den Speise¬ 
sälen von Klöstern und ist hier in ähnlicher Weise durch die Be¬ 
stimmung des Zimmers als Trinkstube bedingt, wie es Weber nach¬ 
gewiesen hat. Von dem ganzen Inhalt des 8166 Verse langen Gedichtes 
Hartmanns umfassen die Bilder die Verse 77 bis 3864, also noch 
nicht die Hälfte 3 ). Das erste Bild zeigt, wie sich König Artus mit 
seiner Gemahlin in die Kemenate zur Ruhe zurückzieht, das letzte 
erhaltene (etwa vier sind zerstört) führt den Drachenkampf vor. Die 


*) Hartmann von Aue, herausg. v. Fedor Bech (in F. Pfeiffer, Deutsche 
Klassiker des Mittelalters) 3. Teil, Iwein oder der Ritter mit dem Löwen, 
2. Aull. S. XIV f. — l)esgl. die Ausgabe von Emil Henrici 1. Teil S XII ff. 

2 ) P. Weber, Dio Iweinbilder aus dem 13. Jahrh. im Hessenholc zu 
Schmalkalden (Lntzows Zeitschr. f. bild. Kunst. Neue Folge 12. Jahrg.) 
1901. — Derselbe in den Bau- u. Kunstdenkm. im Reg.-Bez. Kassel, 5. Bd. 
Kreis Herrschaft Schmalkalden, Teitband S. 208 ff., Tafelband, Tafel 120—122. 
Marburg 1913. 

s ) Vor dem Verse 3824 sind außerdem 900 Verse ausgelassen. 


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-SO 

nach Webers Ausführungen dem 13. Jahrhundert ungehörigen Gemälde 
sind zuerst von Dr. Otto Gerland als der Iweindichtung entnommen 
erkannt und erklärt worden l ), während Hase in ihnen Vorgänge aus 
dem Leben der hl. Elisabeth sehen wollte 2 ). 

Wir gehen zum zweiten Bilderkreis aus der Iweindichtung über, 
wenn wir überhaupt da von einem Kreis reden dürfen, da er nur 
zwei Bilder umfaßt. Aber gerade dieser Umstand erscheint wichtig, 
da er beweist, wie zwei ganz vereinzelte Bilder aus ihm an sich 
verständlich waren, und das spricht für die weit verbreitete Kenntnis 
des Inhalts. Unerörtert bleibt dabei vorläufig die Frage, s>b sich 
diese Kenntnis gerade auf Hartmanns Gedicht stützen muß; wir 
kommen darauf noch später zu sprechen. 

Hier handelt es sich um den sogenannten Maltererteppich 
in der städtischen Altertümersammlung in Freiburg i./B. 8 ). Dieser 
Teppich ist eine Stiftung des Freiburger Bankiers Johann Malterer, 
der ihn wahrscheinlich um 1330 anfertigen ließ und dem Katharinen¬ 
kloster daselbst widmete. Am Anfang und Ende sehen wir das 
Maltererwappen, zwischen ihnen, wie sie in Vierpässen, folgende 
Darstellungen. I a Simson den Löwen tötend. 1 b Simson unter dem 
Seheermesser der Delila, 2 a der weise Aristoteles mit Phyllis 
kokettierend, 2 b Aristoteles von Phillis als Reittier benützt, 3a Virgil 
schleicht sich zur Tochter des Kaisers Augustus, 3 b er wird von 
ihr im Korbe in halber Höhe des Turmes dem Gespötte der Menge 
preisgegeben, 4a Iwein kämpft mit Askalon am Zauberbrunnen, 
4b Iwein wird von Lunete zu Laudine geführt. 5. Eine Jungfrau 
mit dem Einhorn. Im Zusammenhänge mit den übrigen Bildern 
erscheint also hier auch Iwein als einer von den tapferen, starken 
oder weisen Männern, die durch irdisch-sinnliche Liebe zum 
Weibe verführt werden. Dieser gegenüber steht die himmlische 
Liebe, die durch die Jungfrau mit dem Einhorn, dem Sinnbilde der 
Jungfrauenschaft, verbildlicht ist 4 ). 

*) Dr. Otto Gerland, die spätromanischen Wandmalereien im Hessenhofe 
zu Schmalkalden. Leipzig 1896. 

2 ) Schnütgens Zeitschrift für christl. Kunst, Düsseldorf 1893, Bd. II Spalte 
121 — 128. 

3 ) H. Schweitzer, die Bilderteppiche und Stickereien in der städt. 
Altertümersammlung zu Freiburg i./B. S. 35 ff. der Zeitschrift Schau-ins-Land 
des Breisgauvereins Schau-ins-Land, 31. Jahrlauf 1904. 

4 ) Im Gegensätze zu dem Verfasser des angeführten Aufsatzes halte ich 
die Anna, d»*rcn Name zu beiden Seiten des ersten Wappens steht, nicht für 


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_ _ PRIiNCETON UNlViRSIT¥—« 



Der Vergleich der Hessenhofbilder mit den beiden Iweinbildern 
auf dem Maltererteppich läßt sofort erkennen, daß hier, wie schon 
im allgemeinen erwähnt, von Typenbildung nicht die Rede sein kann. 
Dort kämpfen Laudinens Gemahl und unser Held zu Pferde miteinander, 
hier zu Faß; dort ruht das viereckige Becken des Zauberbrunnens 
' auf vier Säulen (zwei sichtbaren), während das Schöpfgefäß an einem 
Baume hängt, hier erscheint der Brunnen amboßartig, ein rundes 
Becken auf viereckigem Sockel, aus dem unten Wasser herausfließt. 
Eine dritte Abwandlung zeigen unsere Bober-Röhrsdorfer Gemälde, 
denen wir uns jetzt zu wenden. 

Zum besseren Verständnis der dargestellten Vorgänge sei kurz der Inhalt 
der bezüglichen Stellen aus Hartmanns Werke angeführt: Am Hofe des Königs 
Artus erzählt Ritter Kalogreant, wie er im Walde von Breziljan den Zauber¬ 
brunnen gefunden und dort von dem Herrn des Waldes, einem gewaltigen 
Ritter, besiegt worden sei. Noch ehe Artus, der mit all seiner Macht zu dem 
Abenteuer ausziehen will, sein Unternehmen in Angriff nimmt, macht sich 
Iwein heimlich auf den Weg. Wie Kalogreant trifft er mit dem Ritter, der 
kein geringerer als König Askalon ist, zusammen und verwundet diesen auf 
den Tod. Während der Sterbende noch den Burghof erreicht, wird Iwein 
zwischen dem äußeren und inneren Tore eingeschlossen. Seine Rettung vor 
den Bewohnern der Burg verdankt er nur dem Mitleid Lunetens, des Kammer- 
fräuleins der nun verwitweten Königin Laudine, indem jene ihm einen 
unsichtbar machenden Zauberring gibt. Unsichtbar sieht er dann von einem 
Ruhebette aus, wie Laudine um den Gefallenen klagt, und die Liebe zu der 
schönen Frau zieht in sein Herz ein. (V. 1—482) Daß unser Held dann, wieder 
mit Hilfe Lunetens, die Hand der Witwe erwirbt, sei nur noch ergänzend bemerkt. 
Im Hessenhofe sind diesem Teile des Epos sechs Bilder entnommen. Iwein trinkt 
am Zauberbrunnen, er kämpft mit Askalon, er verfolgt ihn in seine Burg, Lunete 
reicht ihm den Zauberring. Laudine beklagt den Toten, die Mannen des 
Königs suchen vergeblich nach dem unsichtbaren Iwein. Der Maltererteppich 
enthält daraus, wie schon gesagt, den Kampf am Zauberbrunnen, und wie 
Iwein von Lunete zu der Königin geführt wird. 

Durch eine Anzahl blattförmig gebildeter Bäume ist unser Bild¬ 
streifen in vier Teile geteilt, 1. ein Ritter, 2. eine liegende Gestalt, 
über die sich eine zweite neigt, 3. ein sitzender Ritter, zu dessen 
Füßen ein oben vierseitig umrahmter Gegenstand sichtbar ist, 4. ein 

die Gemahlin des Malterer, sondern für dre eine seiner drei Schwestern, die im 
Katharinenkloster Nonne war. Bei der Gattin müßten wir ihr Familienwappen 
voraussetzen. Gerade der Bilderkreis scheint auf den Beruf der Nonne hinzu¬ 
deuten. Während die sinnliche Liehe, wie die Bilder zeigen, unholde Folgen 
nach sieh zieht, hat sich Anna als ewig jungfräuliche Ordensschwester der 
wahren himmlischen Liebe zugewandt. Möglich, daß die Stiftung des Teppichs 
bei ihrem Eintritt in das Kloster erfolgte. 

Mitttiluugen d. Scliles. Ges. f. Vkde. Bd. XX ö 


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82 


Kampf zweier Kitter. Der letzte Kitter trägt als Helmschmuck ein 
fuchsartiges Tier. Derselbe Helm wiederholt sich über der liegenden 
Gestalt. Daraus geht hervor, daß diese beiden ein und dieselbe 
Person darstellen müssen. Aus der gleichen Farbe des Lendners 
(karmoisin) geht aber auch hervor, daß der sitzende Kitter und der 
andere kämpfende gleich zu setzen sind. Während dieser den rechten 
Arm mit dem nicht mehr erkennbaren Schwerte zum Schlage auf¬ 
gehoben hat, zieht sein Gegner erst sein Schwert. (Vgl. Iwein 
V. 1018 f. dö tnuosen si beide zücken diu swert von den siten.) 
Daraus erklärt sich seine Niederlage, die durch sein Daliegen in dem 
zweiten Hilde noch erkennbarer wird. An einem Baume ist sein Schwert 
aufgehängt, über seinem Haupt, wahrscheinlich an dem mittleren 
Baume mit voller Krone befestigt, ein Schild (nach Klose mit einem 
Hirsch). Besonders fesselt der sitzende Ritter. Sein geneigtes 
Haupt ruht auf der Rechten; die sich auf das Schwert stützt, während 
die linke seinen entsprechenden Unterschenkel umfaßt hält. In der 
ganzen Gestalt drückt sich innige Teilnahme aus. Gegenstücke dazu 
bieten öfters die Gestalten Mariä und des Evangelisten Johannes unter 
dem Kreuze , ). Die Teilnahme des Ritters wendet sich sichtlich den 
beiden mittleren Gestalten zu, und so gehört er mit zu dieser Gruppe 
und scheidet als selbständiges Bild aus. Unwillkürlich denkt man 
an Iwein, der, unsichtbar, Laudine belauscht, und in dessen Herz die 
Liebe zu der schönen Frau einzieht, ganz der Dichtung entsprechend. 

dü ersach si der herre iwein 
und da was ir här und ir lieh 
so gar dem wünsche gelich, 
daz im ir minne 
verkehrte die sinne 2 ). 

In dem Epos geht das alles allerdings in der Burg vor sich. 
Daran dürfen wir uns aber nicht stoßen. Der Meister der Bober- 
Röhrsdorfer Bilder hat eben alles auf die einfachste Formel gebracht. 
Nun erklärt sich auch der Gegenstand zu seinen Füßen, mit dem 
Klose nichts anzufangen wußte. Er ist nichts anderes als der 
Zauberbrunnen, um den die beiden Helden kämpfen, und so gehört 


*) Vgl. z. B. die Marien- und Johannesfigur bei A. Schultz, Schlesiens 
Kunstleben im 13. u. 14. Jahrli. Breslau 1870, Tafel 6 (14. Jahrh.). Über die 
Bedeutung der Gebärdensprache im Mittelalter: Bcrgner, Handbuch d. kirchl. 
Kunstaltert, in Deutschland. S. 435. 

*) Vers 1332 ff. 


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*3 


er zu der rechten Gruppe. Die Bäume um ihn sollen den Wald 
Breziljan vorstellen. Wie der kämpfende Iwein hat auch der Ritter 
links ein weißes Roß, und wir dürfen in ihm wohl auch diesen 
Helden sehen, vielleicht wie er auf dem Wege nach dem Zauber- - 
walde begriffen ist. Anstößig erscheint ja allerdings die Aufeinander¬ 
folge der drei Vorgänge in der Anordnung 1—3—2. Doch mag 
das aus kompositionellen Gründen geschehen sein: rechts und 
links die Berittenen, in die Mitte gerückt der Hauptvorgang: die 
Klage Laudinens um den verstorbenen Gemahl und der beobachtende 



Iwein *)• Leider sind gerade diese Gestalten arg zerstört. Askalon 
stützt sich unbekleidet auf den linken Arm. Das scheint eher für 
einen Schlafenden zu sprechen. Doch finden wir dasselbe Motiv bei 
der zweiten Figur unter den vier Einzelfiguren links, und diese ist 
wie die drei anderen unbedingt als ein Toter anzusehen. Wir 
kommen noch darauf zurück. 

In den neu aufgedeckten Teilen der Westwand sehen wir oben 
zwei gegeneinander mit Lanzen anstürmende Ritter, deren einer fast 
völlig zerstört ist. Der andere trägt als Helmschmuck wieder ein 
fuchsartiges Tier 2 ). Als Askalon darf er aber keineswegs erklärt 
werden. Vielmehr haben tvir in ihm hier sicher Iwein selbst zu 
sehen. Als Besieger Askalons hat er das Recht, dessen Abzeichen 
zu führen. Das beweist uns eine Stelle des Meieranz von dem 


•) In den Hesscnhofbildern geht umgekehrt wie bei den anderen Reihen 
die Vorgangsfolge im fünften Streifen von rechts nach links. (Weber, Kunst- 
denkm. d. Reg.-Bez. Kassel, a. a. 0. S. 213). 

2 ) Auf unserem Bilde ungenau wiedergegeben. 

6 * 


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Pleier 1 ). Godonas, den Meieranz besiegt, führte auf seinem Helm 
(und auf dem Knopf seines Zeltes) einen goldenen Adler. Nun heißt 
es an der angeführten Stelle: 

Den am truoc Godonas, 
des dcz gezclt e was 
üf sinem heim, der kuene man. 
den schilt solt nü ze rehte han 
Meieranz der wigant. 

So hat auch Iwein Schild (Helmschmuck) und Land des Askalon 
erstritten. Einen weiteren Beleg bietet auch der Bilderkreis des Hessen¬ 



hofes. Dort ist in der fünften Reihe dargestellt, wie Iwein den 
Ritter Key im Speerkampf aus dem Sattel wirft. Links davon reitet" 
er als Sieger hinweg und führt dabei einen Adler im Schilde, den¬ 
selben, den Askalon in der zweiten Reihe als Wappen hat. Wenn 
wir so in dem linken Ritter Iwein zu sehen haben, so dürfen wir 
wohl der Folge der Ereignisse nach in unserem Vorgänge den Kampf 
mit Key erblicken. Dem Gedichte nach ist König Artus, kaum daß 
Held Iweins Hochzeit beendet ist, aufgebrochen, um gleichfalls das 
Abenteuer am Zauberbrunnen zu bestehen. Unbekannt eilt Iwein her¬ 
bei und sticht Key vom Pferde, der vorher über ihn gespottet hatte 2 ). 

Es bleibt nun noch die Doppelgruppe unter dem Zweikampfe 
zu betrachten. In dem großen hockenden Manne in phantastischer 

') Herausg. t. Karl Bartsch (Biblioth. des liter. Vereins in Stuttgart, 
60. Bd.) S. 295. Vgl. außerdem R. von Retberg, Die Geschichte der deutschen 
Wappenbilder (Frankf. a. M. 1888) S. 8. 

») Iwein, V. 2454 ff. 


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Tracht und mit dem Spitzhelm auf dem Haupte haben wir ersichtlich 
einen Riesen vor uns. Dafür spricht neben seiner Größe vor allem 
die Keule in seinem rechten Arm 1 ). Das Schwert unseres Riesen 
bildet allerdings eine Ausnahme. Ganz klar ist der Zusammenhang 
der Gruppe nicht. Doch wird man wohl nicht fehlgehen, wenn man an¬ 
nimmt, daß der Riese von dem Ritter, der ihn am Handgelenk faßt, 
besiegt ist, und nun, vom Kampf ermattet, den Todesstoß erwartet. 
Die drei Jünglinge zu Pferde drücken in ihren Gebärden die Freude 
über diesen Sieg aus, und damit gibt sich der Vorgang ebenfalls als eine, 
wenn auch freie Übertragung aus Hartmanns Epos in die Sprache der 
bildenden Kunst zu erkennen *). Es handelt sich um den Riesen Harpin. 
Der hat die sechs Söhne des Burgherrn, zu dem Iwein nach seinem 
Abschied von Laudine gekommen ist, gefangen genommen, zwei ge¬ 
tötet und das Land verheert, weil ihm jener die Hand seiner Tochter 
verweigert hatte. Am anderen Tage besteht Iwein den Kampf gegen 
Harpin, der die Gefangenen auf Pferden gebunden mit sich führt, 
und tötet ihn mit Hilfe seines Löwen 3 ). Statt vier sind hier nur 
drei Jünglinge dargestellt. 

Endlich findet sich die Einzelfigur eines mit der Lanze an¬ 
stürmenden Ritters in Höhe von .1,07 vom Fußboden an der Nord¬ 
wand zwischen der Nordwestecke und der Aborttür. Natürlich ge¬ 
stattet sie in ihrer Vereinzelung keine Deutung. 

Wir wenden uns nun den nicht zum lweinkreis gehörigen Bildern 
zu. Links von der Madonna erblicken wir je einen jugendlichen 
Adligen in Friedenstracht; der erste'links steht einer Frau, der zweite 
einer Jungfrau gegenüber. Die Hände sprechen echt mittelalterlich 
eine beredte Sprache. Leider spotten die Reste der Buchstaben auf 
den Spruchbändern zwischen ihnen vorläufig noch und wahrscheinlich 
für immer jeder Erklärung. Enter anderen bogenförmig angeordneten 
Spruchbändern zeigen sich über eine Brüstung gelehnt vier nackte 


') Val. die 8 Riesen der Waldgeinäldc des Schlosses Ruukelstcin von 
1388. Seelos u. Zingerle, die Wandgemälde von Runkclstcin. Wien; auch 
im Hessenhofe führt der Riese in der ersten Rilderreihe eine solche Keule. 
A. Schultz, das hölischc Leben zur Zeit der Minnesänger. 2. Bd. S. 183. 

*) Ben Hinweis darauf verdanke ich Herrn Prof. Dr. O. Warnatsch in 
tilogau. Möglich ist cs allerdings auch, daß wir in unserem Bilde eine Ab¬ 
wandlung von Hartmanns I Erstellung vor uns haben, vielleicht daß Iwein den 
schlafenden Riesen zum Kampfe weckt. 

*) Iwein 4357 If. 


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8t> 

menschliche Gestalten. Die Brüstung selbst ist durch eine Bogen¬ 
linie in eine hellere und dunklere Hälfte geteilt. Oben schöne, ihres 
Lebens sich freuende junge Menschen, unten Tote, die in ihren 
Stellungen wie unter einem Drucke zu stehen scheinen *). Wir gehen 
siel.er nicht fehl, wenn wir annehmen, daß wir im Sinne des hodie 
mihi, cras tibi eine der im Mittelalter beliebten moralisierenden 
Darstellungen vor uns haben. Am bekanntesten ist der eine Teil 
des Triumphes des Todes im Campo santo zu Pisa. Da zeigt sich 
uns ganz rechts vor einem grünen Hain eine Gruppe vornehmer 
Männer und Frauen, von weltlichen Gedanken erfüllt, während von 
links der Tod als altes schreckliches Weib (la morte) mit der Sense 
herantliegt, unter ihr in wirrem Durcheinander Gestorbene aus allen 
möglichen Ständen liegen. Ich weise dann noch als weiteren Ver- 
gleichsstoff auf die seit Dürer in Aufnahme gekommenen Darstellungen 
von Liebespaaren hin, zu denen der Tod unbemerkt herantritt. Als 
Predigt von der Vergänglichkeit alles Irdischen hat dieser 'feil unserer 
Wandbilder mit den Iweindarstellungen nichts zu tun. Eine Er¬ 
klärung für ihre Anbringung an dieser Stelle kann aber versucht 
werden. Diese Bilderpredigt war ursprünglich in der Ecke des Ge¬ 
maches, dort, wo die verschwundene Querwand an die Südmauer 
anstieß. Die Breite des Bildes von der Ecke bis zu dem Marien¬ 

bilde beträgt 2,30 m. Das ist etwa die Länge eines Bettes oder die 
Breite eines Doppelbettes, in welchem der Herr mit seiner Gattin 
zusammen zu schlafen pflegte 2 ). Jedenfalls war die Ecke zur Auf¬ 
stellung des Bettes sehr geeignet, und von ihm aus hatte er die 

mahnende Bildpredigt immer vor Augen. Unserer Annahme gibt 
nun das Marienbild eine weitere Stütze, das sonst aus dem Ganzen 
herausfällt. Darnach war es gerade neben der Schlafstelle angebracht, 
und zu seinen Füßen mögen der Hausherr und seine Frau des 

Morgens und Abends niedergekniet sein, um ihre Gebete zu ver¬ 

richten; dann hatte die Freude am ritterlichen Leben, wie sie aus 
dem sonstigen Wandschmuck des Gemaches spricht, ihre Berechtigung. 

Die Umrisse sind schwarz auf dünnem Kalkgrund aufgetragen 
und dann mit den Lokalfärben ausgefüllt worden. Das Ganze trägt 
Reliefcharakter, nur bei dem Zauberbrunnen, der sitzenden Gestalt 
und den Bäumen haben wir den schlichten Versuch einer Vertiefung 

*) Ich erinnere daran, daLS im Mittelaller der Tod und die Toten nicht 
als (Jerippe, sondern als eingetrocknete Leichname dargestellt wurden. 

a ) A. Schultz, Höf. Leben, Rd. S. 81. 


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in der Fläche vor uns. Diese Beobachtungen geben uns noch keinen 
Beweis für das Alter der Wandgemälde. Über dieses befragen 
wir am besten die Trachten der dargestellten Gestalten 4 ). Die Ritter 
tragen den Topf- oder Kübelhelm, der auf dem Körper ruht und dem 
Haupt Bewegungsfreiheit gestattet. Diese Form findet sich von den 
letzten Jahrzehnten des 13. bis über die Mitte des 14. Jahrhunderts *). 
Die-schlechte Erhaltung der Bilder läßt Einzelheiten nicht erkennen, 
desgleichen nicht, ob Helmdecken vorhanden waren; die Gestalt 
Iweins mit Askalons Helmschmuck scheint allerdings keine aufzu¬ 
weisen, dagegen finden wir kurze Helmdecken bei dem später noch 
näher zu behandelnden Wappen in der nördlichen Fensternische. 
Sie kommen verhältnismäßig spät auf; in Schlesien finden wir sie 
vielleicht schon 1281, sicher 1312 3 ). Den wesentlichen Schmuck 
der Helme bildet die Helmzier oder das Kleinod (Zimier), in unserem 
Falle der Fuchs (dreimal) und das Rad auf dem Wappen in der 
Fensternische. In Schlesien kommt eine solche auf Fürstensiegeln 
1253 zuerst vor, erhält sich natürlich über die Zeit des Topfhelmes 
hinaus 4 ). Auch die Rüstung, die wir natürlich als Kettenpanzer 
anzusehen haben, läßt Einzelheiten nicht erkennen. Nur bei dem 
kämpfenden Askalon fallen die Streifen an Armen und Beinen auf. 
Sie finden sich auch auf einzelnen Blättern der Hedwigslegende 5 ), 
ebenso auf der bekanten Darstellung Herzog Heinrichs IV. in der 
großen Heidelberger Minnesingerhandschrift und bei anderen Rittern 
derselben. Diese Streifen bestanden aus Leder, das die Fugen 

] ) Klose setzt die Gemälde in die Mitte des 14. Jahrh. (a. a. 0. S. 604), 
Zimmer in seinem Nachtrage zu dessen Aufsatz glaubt sie noch 100 Jahre 
zurnckdaticrcn zu können (S. 606). Da Lutsch (a. a. O. S. 472) als Bauzeit 
des Turmes etwa den Ausgang des 15. Jahrh. ansieht, so müßten sie danach 
bedeutend junger sein. Malkowsky (a. a. 0. S. 158) nimmt dessen Mitte an, 
Schätzke (a. a. 0/ S. 74) verhält sich in der Frage neutral und berichtet 
nur die verschiedenen abweichenden Ansichten. 

a ) Für Schlesien wichtig ist vor allem der Aufsatz von E. Roehl, Iber 
die Bildnissiegel der schles. Fürsten im 13. und 14. Jahrh. (Zcitschr. d. Vereins 
f. Gosch und Altert. Schl. 26. Bd. 1892. S. 305. Weitere Beispiele Luchs, 
Schles. Fürstenbilder des Mittelalt. Breslau 1872 Tafel 3, 24, 25, 26, 28,29 a. 

3 ) Roehl, a. a. O. S. 309. 

4 ) Roehl a. a. 0. S. 306, vgl. auch die angeführten Fürstengrabmäler aus 
Luchs, Fnrstenbilder, sowie die Schlachtenbilder der Hedwigslegende von 1353 
(Herausgeg. von Wolfskr|on, Wien 1846, ehemals Schlackenwertber, jetzt von 
Gutmannscher Kodex). 

5 ) A. a. 0. Blatt 19, Blatt 40. 


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zwischen den Ringen bedeckte 1 ). Der sitzende und links heranreitende 
Iwein scheinen das Härsenier, eine Art Kapuze, die ain Panzer hing, 
über den Kopf gezogen zu haben. Bei letzterem ist der Helm, 
unklar wo angebracht, rechts davon sichtbar. Dagegen trägt Iwein 
in dem Vorgänge mit dem Riesen eine Eisenkappe, wie sie vor der 
Entwicklung des Topfhelms allgemein war 2 ). Die Schilde haben 
die Dreiecksform des 13. und 14. Jahrhunderts, wie wir sie überall 
auf Grabsteinen und Siegeln sehen. Auffällig ist die Breite des 
Schildes in der Fensternische, so daß er, abgesehen von der Rundung 
der Seiten, wie ein gleichseitiges Dreieck erscheint. Doch hat auch 
das in den schlesischen Fürstensiegeln Gegenstücke 3 ). 

Die Pferde haben teilweise Pferdedecken, teilweise nicht. Das 
entspricht den Darstellungen der Heidelberger Minnesingerhand¬ 
schrift 4 ). In Frankreich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
aufgekommen, ist der Brauch in Deutschland auf Reitersiegeln erst 
in den achtziger und neunziger Jahren des Jahrhunderts nachzu¬ 
weisen. Ganz vereinzelt ist das Siegel Wladislaus’ von Oppeln mit 
solchen vor 1262, dann vergehen beinahe siebzig Jahre, ehe sie 
auf dem Siegel Boleslaus II. 1329 erschienen 6 ). Vor den zwanziger 
Jahren dürften also unsere Bilder kaum entstanden sein. 

Ich habe bisher hauptsächlich schlesische Denkmäler zum Ver¬ 
gleich herangezogen. Das Gesagte gilt aber für Deutschland 
überhaupt und beweist, daß unser Land in der Entwicklung der 
ritterlichen Tracht nicht etwa nachgehinkt ist. Besonders sprechen 
dafür auch die vergleichsweise schon angeführten Bilder der Heidel¬ 
berger Minnesingerhandschrift ü ). Diese ist in den ersten zehn bis 
fünfzehn Jahren des 14. Jahrhunderts entstanden, die letzten 
Nachträge reichen bis 1330, höchstens 1340 hinauf 7 ). Auch die 
vier Gestalten links von der Marienfigur stimmen in Tracht, Haltung 


1 ) A. Schultz, höf. Leben, 2. Bd. S. 36, von Wolfskron a. a. 0. Text 
Spalte 113. 

2 ) In der spitzen Kisenkappc des Biesen sowie überhaupt in dessen 
Kleidung scheint der Maler absichtlich ältere Motive verwendet zu haben. 

3 ) Roehl, a. a. 0. S. 311. 

4 ) v. 0 echclhäuser, die Miniaturen der Universität zu Heidelberg S. 388. 
Sie fehlen bei N. 50 und 73. 

5 ) Roehl, a. a. 0. S. 316 f. 

ö ) Vgl. außer dem Werke von üeclielhäuser K. Z angem ei ster, die 
Waffen, Helmzierden und Standarten der großen Heidelb. Bilderhandschrift. 

') Westdeutsche Zeitschrift VII. 1888. 


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und Gebärde mit zahlreichen Frauen und Männergestalten der Hand¬ 
schrift in Friedenstracht überein, die sie als Mitglieder des Adels 
erkennen lassen. Ich nenne als Beispiele nur das Bild des von 
Kürenberg, auch die Frau auf dem Bilde des Dietmar von Aist. 
Ein Eingehen auf Einzelheiten der Tracht erübrigt sich hier. Das 
Miparti, das uns bei den beiden Männern entgegentritt, hat sich 
noch lange erhalten. Von Frankreich her kam seit den dreißiger 
Jahren des 14. Jahrhunderts die Mode auf, die Kleider enger zu 
gestalten und kürzer zu machen'). Wenn wir diese neue Tracht 
in den Bildern der Hedwigslegende sehen, die Nikolaus von Preußen 
1353 * schuf, so ergibt sich neben den anderen in den letzten Ab¬ 
schnitten dargelegten Gründen, besonders den Ausführungen über 
die Pferdedecken, daß unsere Bilder nur von dem dritten bis in das 
fünfte Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts entstanden sein können. 

Dem entspricht auch der stilistische Charakter unserer Bilder, 
wenngleich ihre schlechte Erhaltung gerade dieser Bewertung 
Schwierigkeiten entgegengestellt. Auf die Ähnlichkeiten der vier 
Männer- und Frauengestalten mit denen der Heidelberger Handschrift 
habe ich schon hingewiesen. Ihnen gegenüber wird man unsern Ge¬ 
stalten allerdings eiue größere Eleganz, besonders den beiden seit¬ 
lichen Figuren, zusprechen dürfen. Hauptsächlich in Betracht kommt 
aber die große Marienfigur. Leider versagt gleichzeitiger Vergleichungs¬ 
stoff fast völlig. Das älteste Tafelbild, die Polaintafel in der Barbara- 
kirche zu Breslau mit dem Schmerzensmann und Johannes dem Evange¬ 
listen, ist von 1309 2 ). Wie Schlesien politisch mehr und mehr von Böhmen 
abhängig wurde, so gewann im Laufe des 14. Jahrhunderts auch die 
böhmische Kunst wachsend auf die schlesische Malerei Einfluß. 
Schon die Hedwigslegende steht völlig unter ihm. Dann sprechen 
davon einzelne jüngere Tafelbilder des 14. Jahrhunderts: die 
Madonna des Bischofs Przeslaus von Pogarell, eine nahe Verwandte 
der um 1370 entstandenen Madonna im Stift Hohenfurth in Böhmen 3 ) 
und eine hl. Anna selbdritt aus Striegau, im Diözesanmuseum und im 
Schlesischen Museum für Kunstgewerbe und Altertümer in Breslau und 

*) B. Köhler, allgcm. Trachtenkunde III. 2. Abt. 8.50. 

2 ) Unvollkommene Abb. Luchs, Romanische und got. Stilproben aus 
Breslau und Trebnitz (Breslau 1859) Tafel III, 1 und X. Bericht des Provinzial¬ 
konservators über seine Tätigkeit vom 1. Jan. 1913 bis 31. Dez. 1914 Tafel I. 

8 ) Abb. Fritz Burger, die deutsche Malerei vom ausgehenden Mittelalter 
bis zum Ende der Renaissance (Handbuch der Kunstwissensch.) S. 142. 


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ein Dreifaltigkeitsbild (Gnadenstuhl) ebenfalls im Diözesanmuseum'). 
Endlich die mit dem aus Glatz stammenden Erzbischof Arnestus 
von Prag (f 1364) in Verbindung stehende Madonna im Kaiser 
Friedrich-Museum in Berlin 2 ). Man wird nicht fehl gehen, wenn 
man auch bei unserm Bilde schon böhmische Einwirkung sieht. 
Merkwürdig erscheint das Haar der Jungfrau, vielleicht dürfte es 
aber zum Teil als ein Netz anzusehen sein, aus zierlichstem 
Goldwerk, wie es die Kronen der Madonnenbilder und andere der 
böhmischen Schule zeigen. Dazu kommen die mächtigen Heiligen¬ 
scheine. Während dagegen das Kind bei jenen in Haltung und 
Bewegung durchaus genreartig kindliches Wesen zeigt, ist bei uns mehr 
das Göttliche betont, und es stellt so einen älteren Typus dar. Dasselbe 
gilt von seiner Bekleidung, wohingegen, mit Ausnahme der Glatzer 
Madonna, sonst die Christusknaben unbekleidet sind. Damit erhalten 
wir die Berechtigung, die Marienfigur und mit ihr den ganzen 

Bilderkreis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts setzen zu 

/ 

dürfen, und das entspricht den schon vorher gemachten Feststellungen. 

Ob eine oder mehrere Künstlerhände in Bober-Röhrsdorf 
schöpferisch tätig gewesen sind. läßt sich nach dem bisherigen Be¬ 
stände nicht feststellen; das kann erst nach der völligen Aufdeckung 
eine stilkritische Untersuchung aufzuklären versuchen. An die Be¬ 
stimmung eines Künstlernamens ist selbstverständlich niemals zu 
denken. Wohl aber kann der Versuch unternommen werden, dem Besitzer 
des Wohnturmes und Auftraggeber der Wandbilder nachzugehen. 
Schriftliche Quellen versagen allerdings vollständig für die Zeit ihrer 
Entstehung. Erst 1461 wird als Besitzer des Dorfes ein Hans von 
Rade genannt 3 ). Anstelle der fehlenden Urkunden tritt nun aber 
die schon erwähnte Wappendarstellung, die sich an der rechten Seite 
der nördlichen Fensternische findet. Klose scheint sie entgangen 
zu sein, wenn sie nicht erst später aufgedeckt worden ist; auch sonst 
hat sie bisher keine Erwähnung erfahren. Das Bild zeigt, schräg- 
rechts geneigt, einen Dreiecksschild, dessen oberer Rand länger als 
seine Achse ist. Im blauen Schilde erblicken wir ein achtspeichiges 


*) Abbildungen in Schics. Vorzeit in Bild und Schrift, neue Folge 5. Bd. 
2. und 3. Tafel und S. 73. 

J ) Abb. zu dem Aufsatz von K. Chytil, das Madonnönbild des Frager 
Erzbischofs Ernst im Kaiser Friedrich-Museum (Jahrbuch d. Kgl. Prcuß. 
Kunstsammlungen 23. Bd.) Berlin 1907 und bei Burger, a. a. 0. S. 144. 

9 ) Klose, a. a. 0. S. 597: nach Schätzkc a. a. 0. S. 74 um 1400. 


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rotes Rad. Auf dem linken Obereck des Schildes ruht ein Kübel¬ 
helm mit kurzen schwarz-weißen Helmdecken. Als Kleinod wieder¬ 
holt sich das rote Rad; auf ihm ist oben eine Figur angebracht, 
die zunächst schwer zu erklären scheint, da der obere Teil zerstört 
ist. Man muß sie wohl für einen Federschmuck halten, viel¬ 
leicht aber auch für hochstrebendes Wasser', wofür besonders auch 
die bläulich-weiße Farbengebung sprechen könnte. Ganz unerklärlich 
bleiben drei Buchstaben OIL unter einem kleineren, bläulich aus¬ 
gefüllten Kreis, von denen es mir, wegen ihrer Form, überhaupt 
sehr zweifelhaft erscheint, ob sie ursprünglich sind. Sonst ist die 
ganze Wappendarstellung ihrem Stile nach jedenfalls als den Wand¬ 
bildern gleichzeitig anzusehen. 

Eine ähnliche Darstellung findet sich in der bekannten Hedwigs¬ 
legende, die dadurch von Wichtigkeit ist, daß sie 1353, nicht allzu¬ 
lange nach unseren Bildern, entstanden ist. Auf dem Blatte 5, das 
den Ansturm der christlichen Ritter gegen die Tataren darstellt, reitet 
rechts vom Herzoge Heinrich II. ein Ritter, der in rotem Schilde 
ein weißes Rad mit unregelmäßig gezeichneten Speichen führt; über 
diesem nach der linken Schildecke zu mehrere gebogenen Linien, 
die wie Hahnenfedern aussehen, aber ebenso gut auch als Wasser 
zu erklären sein können, besonders, wenn man das Rad als Mühlrad 
erklären will. Das Schildbild wiederholt sich dann in gleicher 
Weise als Helmzier über den roten Helmdecken. Ganz ähnlich ist 
der Federschmuck an dem nicht ganz klar deutbaren Helmschmuck 
des Ritters an der Nordwand unseres Wohnturmes. Trotz des 
Farbenunterschiedes möchte ich beide Wappen, das des Wohn¬ 
turmes und das der Hedwigslegende, als identisch ansehen, da 
auch sonst die Farbengebung der Schildfelder und Wappenbilder 
bei diesem Bilde und dem folgenden von der üblichen mehrfach ab¬ 
weicht und hier eigentlich nur eine Farbenumstellung vorliegt, wenn 
man Blau und Weiß als verwandt und mit einander wechselnd an¬ 
sehen darf. So erscheint z. B. der schwarze schlesische Adler im 
herzoglichen Wappen hier wie auch sonst vielfach in der Legende 
in grauem Felde, die Helmdecken gar grün. Heut gelten diese 
Wappenbilder nicht mehr wie früher als Quelle dafür, welche adligen 
Geschlechter an der Schlacht von 1241 teilgenommen haben, sondern 
höchstens als Niederschlag der seit einem Jahrhundert entstandenen 
Überlieferung 1 ). Am besten wird man aber tun, darin eine bild- 

*) H. Luchs, Über die Bilder der Hedwigslegende. Festschrift der 


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!»•_> 


liehe Auszeichnung von schlesischen Familien zu sehen, die um die 
Mitte des 14. Jahrhunderts einzelnen Zweigen des Piastenhauses, 
besonders der Brieger Linie, nahestanden. 

Nun führen mehrere schlesische Familien Räder im Wappen. 
Wolfskron weist auf die Weichsner, Jalowka und Spiller hin, von 
denen letztere als Helmzier einen Mühlstein und Federn führen ')• 
Tatsächlich wissen wir, daß vor 1672 ein Dorfanteil von Bober-Röhrs¬ 
dorf einem Spiller gehört hat 2 ), und das Dorf Spiller, von dem das 
Geschlecht den Namen hat, ist in der Luftlinie nur 7 km. von der 
Mitte von Bober-Röhrsdorf entternt. Dagegen aber spricht das 
Schildbild, eine weiße Lilie und Rose in rotem Felde 3 ). Luchs (a. a. 0.) 
rät ebenfalls auf Jalowka oder auch auf Muchawsky. Da die Betsch 
und Jesor (Jeser) Zahnräder führen, kommen sie hier nicht in Be¬ 
tracht 4 ). Jedenfalls läßt sich so für unser Wappen von dem der 
Hedwigslegende aus keine Erklärung finden. Seine Farbengebung 
hat dazu geführt, daß die bisherigen Erklärer an dem Radwappen 
einer bekannten Adelsfamilie vorübergegangen sind; nämlich dem der 
Herren von Rederu. Diese führen in blauem Schilde ein acht- 
speichiges silbernes Wagenrad, auf dem Helm einen Pfauenschweif 
mit demselben Rade 3 ). Wir haben in ihm ein redendes Wappen 
vor uns: Redir, de rotis. In Bober-Röhrsdorf ist ja allerdings das 
Rad rot; damals aber waren die Farben noch nicht fest bestimmt, 
und wir haben in dem Rot sicher nur einen Ersatz für die braune 
Naturfarbe des Rades zu sehen, das dann später das vornehmere 
und heraldisch richtigere Silber erhielt. Dem Geiste jener Zeit 
haben es wir auch zuzuschreiben, daß der Federschmuck — als solchen 
haben wir jetzt das unbekannte Etwas anzusehen — auf dem 
Rade befestigt ist. So wuchsen ja auch die Pfauenfedern der 
schlesischen Piasten aus dem mit dem Adler bemalten halbkreis¬ 
förmigen Brett heraus, und ebenso ist es,sicher auch mit den 

städtischen Töchterschule zu St. Maria-Magdalena in Breslau zutn funfzigj. 
Jubiläum der Universität Breslau (Breslau I8G7) S. 5 f. 

') Wolfskron, a. a. 0. Spalte 124 

2 ) Klose, a. a. 0. S. 598 

3 ) Sinapius, Schles. Curiositäten 1. Bd. S. 923: Lucae, Schics, curiös. 
Dcnkwnrdigk. — anderer Teil S. 1831. 

4 ) Sinapius, a. a. 0. 1. Bd. S. 259, 491. 1* fotenh au er, Schles. Siegel 

von 1250-1300 Abt. B. Tafel 10 und 12 l> und E. 

: ’) Sinapius. a. a. 0. S. 121, 123 f. 


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Federn auf dem Rade in der Hedwigslegende gemeint, nur daß hier 
falscherweise die Federn auch in den Schild hineingezeichnet sind. 
Erst später mag der Federschmuck mit dem Rade belegt worden 
sein. Wenn endlich ein Hans von Rade, wie schon bemerkt, als 
Besitzer von Bober - Röhrsdorf 1401 genannt wird und ein Teil 
des Dorfes 1583 von Heinrich von Redern auf Waltersdorf an 
Kaspar Nimptsch aufgelassen wird 1 ), so schließt sich die Kette des 
Beweises, daß wir in einem Redern den Besitzer des Wohnturmes 
und Auftraggeber der Gemälde zu sehen haben. Der Frage, ob es 
möglich ist, ein bestimmtes Mitglied dieser Familie festzustellen, 
werden wir im Anschluß an den nächsten Abschnitt näher treten. 

Wer aber auch der Besitzer von Bober-Röhrsdorf gewesen sein mag, 
das eine beweisen die Wandgemälde sicher, daß er Beziehungen zur 
höfischen deutschen Dichtung gehabt hat. Hat er Hartraanns Werk 
gekannt ? Weber neigt sich in seinem Aufsatz über die Schraalkaldener 
Wandbilder der Ansicht zu, daß diesen weder der Hartmannsche 
Roman noch auch die Dichtung Chretiens zu Grunde liege, sondern 
eine kürzere dichteriche Fassung desselben Gegenstandes 2 ). Die 
wenigen Bilder, die in Bober-Röhrsdorf bisher aufgedeckt worden 
sind, lassen keinen Schluß zu. Die kleinen Abweichungen von 
Hartmanns Schilderungen die wir feststellten, fallen jedenfalls nicht 
allzuschwer ins Gewicht, vielleicht den Vorgang mit dem Riesen ab¬ 
gerechnet. 

Jedenfalls ist ein Strahl der Sonne aus der ersten Blütezeit 
deutschen Schrifttums auch in unser Siedlungsland gefallen. Es 
ist bekannt, daß ein schlesischer Herzog, ein Sprößling des alten 
polnischen Piastenstammes, gewürdigt worden ist, in der großen 
Heidelberger Minnesängerhandschrift in dej ständischen Ordnung der 
Dichter gleich hinter dem Kaiser und den drei Königen den Fürsten¬ 
stand in der Welt der Minnedichter zu vertreten 3 ). In diesem 
Herzoge Heinrich von Pressela ist Herzog Heinrich IV. (1266—1290) 
erkannt worden. Jünger wie die beiden Lieder des fürstlichen Sängers 
ist die Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwigs des Frommen von Thüringen, 

*) Klose, a. a. 0. S. 598 

2 ) A. a. 0. in Lätzews Zeitschrift S. 84. Dagegen spricht sich ein 
Rezensent im Literarischen Zentralb.lattc 1901 aus. 

3 ) Das oft veröffentlichte Bild ist uns Schlesiern am leichtesten zugänglich 
in den Schles. Fürstenbildern von Luchs, Tafel 10 c, dem die Beschreibung 
aus Hägens Atlas zum Bildersaal altdeutscher Dichter beigegoben ist. 


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04 


ein Spätling des höfischen Eitterromans und zugleich das einzige 
Beispiel hochdeutscher Epik in unserem Lande, das ein Schlesier in 
der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verfaßt hat. Im Beginn des 
Gedichtes sagt er: 

Mir ist geboten, daz ich sol 
Ein rede tzu rechte birichten, 

In warem rim verdichten, 

Ordenlich zu bringen sie, 

Als der edele fürste die 

Nicht rechte geordnet fvnden hat — — l ) 

Mitten iin Gedicht nennt dann der Dichter den Namen seines fürstlichen 
Gönners: 

(Dem) chuniclichcn stamme« ein blunder ast 
Voll eren vn fürstlicher tat 
Mich tzv dirre rede gebunden hat 
Der erliche hertzöge l*olke, 

Der gerechter sinem volke 
Ist vor, als ein wcrlich man. 

Als in daz wol ardet an ? ). 


Dieser Herzog Polke war Bolko II. von Fürstenberg, Schweidnitz, 
und Münsterberg und Herr der Grafschaft Glatz, der, um 1300 
geboren, bis zu seinem Tode 1241 herrschte 3 ). Es ist nun 
bemerkenswert, daß, wie Baesecke am angeführten Orte aus¬ 
einandersetzt, alles was deutsches Schrifttum und literarische 
Angelegenheiten angeht, sich in seinem Bannkreise befindet, 
wenigstens soweit es sich bisher feststellen läßt: der weltlich¬ 
ritterliche Schwank „der borte u des Dietrich von Glezze, ganz 
geistlich der Kruzigere, von der Marter Jesu Christi, von einem 
in Wien schreibenden Frankensteiner Mönche Johannes allerdings 
schon 1300 verfaßt, „der Wiener Oswald“ von einem aus der 
Grafschaft Glatz oder vom Gebirgsrande stammenden Heinrichauer 
Mönche, dessen Inhalt die weit verbreitete Legende vom heiligen 


l ) Herausgegeb. von F. H. von der Hagen Vers 4—0 (S. 1) 
a ) A. a. 0. Vers 5575—5581 S. 184) 

3 ) K. Wuttke, Stamm- und Übersichtstafeln der Schlesischen Fürsten, 
Tafel III und Anm. dazu S. 14. Für das Folgende vorgl. G. Baesecke, Der 
Wiener Oswald (German. Bibliothek 3. Abteil 2. Bd.) S. LXXXIX ff. Da 
Bolko erst um 1300 geboren ist, kann er natürlich nicht zwischen 1301 und 
1305, wie Baesecke angibt, die Kreuzzugsdichtung veranlaßt haben. Auch 
Vogt (Vogt'Koch, Gesoh. d. deutsch. Lit. 1. Bd. S. 144) sagt: bald nach 
1300, während Koch (Kampers, Schles. Landeskunde S. 267) richtiger von 
der ersten Hälfte des 14. Jahrh. als Abfassungszeit spricht. 


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95 


Könige Oskar bildet, das deutsche Psalterium des Petrus von Patschkau 
(1340,) und die sogenannten Trebnitzer Psalmen 1 ). Reges literarisches 
Leben, das natürlich hauptsächlich in lateinischer Sprache seinen 
Niederschlag fand,herrschte vor allem im Zisterzienserkloster Heinrichau. 
Hier hatte Bolkos Vater Bolko I. seine wissenschaftliche Erziehung 
genossen, hier ließ er selbst seinen Sohn und Nachfolger Nikolaus 
unterrichten. Hier fand er endlich auch mit seiner Gemahlin seine 
letzte Ruhestätte 2 ). Das macht es wahrscheinlich, daß auch Bolko II. 
dem Kloster seine Bildung verdankte, jedenfalls aber zeigt die Kreuz¬ 
fahrt, daß er der höfischen Dichtung lebhafte Teilnahme entgegenbrachte. 
Und da fügt sich nun als ein neues Glied der Kette der Iweinbilder- 
kreis von Bober-Röhrsdorf*ein. 

Allerdings lag dieser Ort nicht im Herrschaftsbereiche Bolkos, 
sondern im Herzogtum Jauer, das seinem 1346 gestorbenen Bruder 
Heinrich I. eignete 3 ). Doch war dieses unter Bolko I. mit 
Schweidnitz vereint gewesen, und es bestanden sicher auch weiterhin 
enge Beziehungen zwischen beiden nun getrennten Teilen; vor allem 
dürfen wir annehmen, daß einzelne Adelige auch in beiden zugleich 
begütert waren. Vielleicht trifft das auch auf die Redern zu; 1550 
sitzen im Fürstentum Jauer Redern auf Waltersdorf, Kunzendorf 
Neudorf und im Hirschbergischen Weichbilde in Kaufung und 
Falkenhavn 1 ). In einer in Reichenbach ausgestellten Urkunde des 
Herzogs Bernhard, des Vormundes seines jüngeren Bruders Bolko, 
erscheint als Zeuge Peter von Rocis (Rotis); sicher denselben finden 
wir abermals als Zeugen in Urkunden Bolkos d. d. Schweidnitz 1326 
und Reichenbach 1329 5 ). Dieser Peter von Redern erhielt in demselben 
Jahre von Bolko das Gütel Karschaw (Karschau bei Nimptsch) zum 
Geschenk 6 ). Mit diesen Angaben rückt also das Geschlecht, dem 


*) Vergl. auch P. Kieme nz, L)er Anteil des Neisser Landes au der 
deutschen Literatur. 36. Bericht der wissensch. Gesellsch. Philomathio in Neisso 
S. 131 f. 

а ) Luchs, Schles. Fnrstenbildcr Tafel 20/21- 

*) Vergl. Stamm- und Übersichtstafeln der Schlesischen Fürsten Tafel II. 
Fälschlich wird allerdings mehrfach auch unser Bolko als Herr von Jauer 
bezeichnet, so z. B. auch von Baesecke a. a. 0. S. LXXXIIII. Es liegt aber 
eine Verwechslung mit seinem gleichnamigen Neffen Bolko II. vor, der neben 
Schweidnitz auch Jauer besaß. 

4 ) Sinapius, a. a. 0. S. 124. 

б ) Schles. Reg. N. 3727, 4543, 4861. 

*) Schles. Reg. N. 4789. 


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9fi 


auch unser Bober-Röhrsdorf geliörte, in den engeren Umkreis Bolkos, 
und wenn auch nicht behauptet werden darf, daß der genannte Peter 
etwa der Besitzer des Wohnturmes gewesen ist, so liegt doch die 
Vermutung nahe, daß unsere Wandbilder mit ihrem Bildinhalte 
aus der höfischen Dichtung unter dem Einfluß des für die deutsche 
ritterliche Dichtung eingenommenen Herzogs Bolko entstanden sind. 
Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß unsere Bilder rund zwischen 
1320 und 1350 entstanden sein müssen ; es dürfte sicher kein Zufall 
sein, daß das die Zeit der selbständigen Regierung Bolkos ist, der 
1298 geboren, 1322 völlig selbständig geworden war und bis 1341 
herrschte 1 ). 

Reicht damit die kulturgeschichtliche Bedeutung des Bilderkreises 
für die Geschichte des Deutschtums in Schlesien noch über seine 
engere kunstgeschichtliche und archäologische hinaus, so ist doch 
auch diese nicht gering einzuschätzen. Das Meiste, was wir an 
mittelalterlichen Tafelbildern, auch Wandgemälden, besitzen, gehört 
erst dem 15. Jahrhundert an und ist größtenteils kirchlicher Art. 
Durch glückliche Aufdeckungen von Wandgemälden ist der Denkmäler¬ 
bestand, besonders in den letzen Jahrzehnten, stark vermehrt worden, 
wie die Berichte des Provinzialkonservators erkennen lassen, und es 
steht zu hoffen, daß noch recht vieles unter der Tünche zu Tage 
kommt. Das 14. Jahrhundert ist aber dabei noch recht schwach 
vertreten. Ihm entstammen, wenn sie nicht vielleicht sogar noch ins 
Ende des 13. zurück reichen, die wieder aufgedeckten Bilder in 
der katholischen Kirche von Vieliau (Kreis Neumarkt)*). Sicher dem 
14. Jahrhundert gehören auch die Wandbilder in der Kirche von 
Jeschona (Kreis Groß-Strehlitz) an, über welche Herr Pfarrer 
Wodarz vor Beginn des Krieges eine Veröffentlichung vorbereitete. 
Um 1400 herum dürften auch die 1900 aufgedeckten Wandbilder 
im Chor der Pfarrkirche von Strehlitz (Kreis Schweidnitz) ent¬ 
standen sein 3 ). Das ist aber meines Wissens auch alles. Die Mög¬ 
lichkeit der Wiederaufdeckung mittelalterlichreligiöser Wandbilder ist 


*) K. Wutkc, Studien zur älteren schles. Geseh. (Zeitschr. d. Vereins f. 
Gescb. Schl. 46. Bd. (1912) S 163 ff.) 

a ) Bericht des Provinzialkonservators über seine Tätigkeit vom 1. Januar 1905 
bis 31. Dezember 1906 S. 35. 

s ) Bericht des Provinzialkonservators über seine Tätigkeit vom 1. Januar 1900 
bis 31 Dezember 1902 S. 28 f. Tafel 3, G. Malkowsky. a. a. 0. S. 161 f., Bild 
S. 163, G. Konwiarz, Alt-Schlesien S. 86. 


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9? 


mit dem Vorhandensein zahlreicher alter Kirchen gegeben. And ws 
sieht es mitsolohen weltlicher Art. Hier hat die natürliche geschichtliche 
Entwicklung mit den Hauwerken Inst völlig aufgeräumt 1 ). Von den 
Hililern am Äußeren Breslauer Kinghäuser, die Bartholomeus Stenns 
in seiner deseriptio totius Silosine et civitatis regio Wratislavion-is 
erwähnt, ist außer den Kesten am Rathause nichts mehr erhal’.ni 1 ). 
Damit, daß die meisten Burgen Ruinen wurden, wenn sie nicht Neu¬ 
bauten Platz machten, wurde, was in ihren Räumen an Wandbildern 
vorhanden war, dem Verderben durch die Witterung anheimgegeben, 
wie z. B. die im Südtuim des Frankensteiner Schlosses, die allerdings 
auch erst dem 16. Jahrhundert angehören 3 ). Nur im Hedwigsturme 
des Liegnitzer Schlosses finden sich noch solche und zwar die Gestalten 
berühmter Helden, nach den Inschriften Karl der Große, David, 
Goliath, Alexander der Große und Dietrich von Hern, noch gotischen 
Charakters, wenn auch schon unter dem Einfluß der beginnenden 
Renaissance 4 ). Vielleicht sind auch sie erst im Beginn des 16. Jahr¬ 
hunderts entstanden. Sonst besitzen wir nur wenige literarische 
Erwähnungen zerstörter Wandbilder mit weltlichem Hiblerktvise. 
So hatte z. B. der Zisterzienserbruder Kilian im Jahre - 14DJ die 
Säle des Bischofshofes in Breslau mit den Bildern, Wappen und 
Helmzieren von 19 hämischen Königen und 25 Breslauer Bischöfen 
geschmückt 5 ). Am Äußeren desselben Gebäudes hebt Stenns Bilder 
aus der Geschichte und Bildnisse berühmter Männer hervor (nee arte 
vulgari pictae 8 ). 

') Etwas besser stellt cs damit in anderen Teilen Deutschland*, natürlich 
tritt aber auch hier das Erhaltene gegenüber den kirchlichen Wandgemälden, die 
immer mehr unter der Tünche zum Vorschein kommen, stark zurück. Vergl. 
Bcrgncr, Handbuch d. bürgert. Kunstaltert. II S. 392: über Darstellungen aus 
höfischen Epen ebenda S. 59 ! . 

2 ) Herausgcgob. von II. Maikgraf (Sciipt. rer. Siles. 17. 1hl.' S. 39, 4L 

3 ; Lutsch, a. a. 0. 2. 1hl. S. llti. August Knötel, Ein Krcsknbild aus 
dem allen Schlosse zu Frankenstein (Rübezahl, Schl, l’ruvinziulbl. 13 Jahrg. 
S. 05 ff. mit Abbildung), .1 A. Kopielz, Liesch, d. deutschen Kultur ... im 
Frankensteiner Lande S. 313. 

4 ) Lutsch a. a 0. 3. Bd. S. 237 f. l’fciffcr, Ihr lledwigsturm des 
Liegnitzer Schlosses in den Mitteilungen des Geschichts- und Alteitunisvereius 
für die Stadt und das Fürstentum Liegnitz 1. HeftS. 127 IV Skizze des Bildes 
Karls des Großen im Teztbamle zum Bilderwerk schles. Kitnsldenkm. Spalte 318. 

5 ) J. Jungnitz, Ein archivalischcr Fund in den Schl. Gcschichlsblüitcru 
1910 N. I S. 12 ff. 

•) A. a. 0. S. 53. 

Mitteilungen d. Scliles. Ges. f. Vkdo. Bd. XX. 7 


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98 


Entstammen diese Wandmalereien alle erst dem Ende des 15. 
und dem Beginne des IG. Jahrhunderts, so stehen unsere Bober- 
Röhrsdorfer Bilder ganz einzigartig da, in dem sie ganz allein als 
Werke weltlicher Art aus dem 14. Jahrhundert erhalten sind. 

Die vorliegende Arbeit kann und darf nur. als ein Vorbericht 
einer späteren größeren Veröffentlichung angesehen werden, der auf die 
hohe Bedeutung des Werkes himveisen will. Es kann nur der dringende 
Wunsch ausgesprochen werden, daß, sobald die Friedensglocken durch 
unser Vaterland geläutet haben, in streng wissenschaftlicher Weise 
an die Aufdeckung des Restes gegangen wird. Sie verspricht sicher 
noch viel. 


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V 

Von den Walen und den Schätzen des Zobten 

Von Dr. Erich Hohn in Hrt*9lan. 


Wo ein Wald ruft, antwortet die Sage. Sie ist sein Echo in 
der Seele des Menschen. Der Urmensch umfaßte die Natur mit der 
Angst und Freude seines Herzens, sie befruchtete seine Phantasie, und 
ihr Hund schuf eine Welt von Geheimnissen und Abenteuern. 
Unsere heutigen Sagen sind nur Schatten alter Kraft. Durch Jahr¬ 
hunderte gewandert, von ihrer Sonne gebleicht und verfärbt, schillert 
ihr Mantel in allen Farben. Das tiefe Grün des Herges leuchtet 
aber doch noch sieghaft hindurch. Das Volk des Zobten ist uralt, 
und auch die Sagen, die von ihm auf unsere Zeit gekommen sind, 
müssen uralt sein, weil sie auf die einfachsten Triebe eines Berg¬ 
volkes, auf den Hunger nach Schätzen, zurückgehen. Sie treten erst 
spät in • die Geschichte. Der redselige Breslauer Stadtschreiber 
Franz Faber (genannt Köckritz) erzählt 1505 in einem langatmigen 
lateinischen Gedicht vom Zobten auch eine Schatzsage: 

„Es fällt etwa* lang anztifühiYii, mit was ITjr windigen Erzählungen von 
Gespenstern mancher alte Bauer seinen Zuhörern, die Ohren füllt und ihnen 
die langen Winterabende in der Hockenstube zu' verkürzen sucht. Hört nur, 
lieben Kinder! spricht er, cs war einmal ein Mann (meine Mutter und Gro߬ 
mutter hatten ihn gut gekannt; und ich selber habe ihn, wie ich noch ein 
Junge war, gesehen, da war er aber schon steinalO, der ist einmal im Berge 
rumgekrochen und hat Vogel-Nester gesucht. Wie er nun in eine wilde, wüste 
Stein-Rucke kommt, so sicht er eine Höhle mit einer offen stehenden Tür, ach! 
eine große, zwar nicht ganz finstre, doch weit hinein gehende furchtsam* 
Höhle. Da fing er sich an zu fürchten und blieb stellen, sah sich ganz er¬ 
schrocken um und bedachte sich, was er tun sollte. Weil er aber merkte, daß 
er ohne Schwierigkeit hinein kommen konnte und auch niemanden dabei ge¬ 
wahr ward, der ihm den Weg verrennt hätte, so ging er getrost hinein und 
durchstänkerte alle Winkel. Er stutzte aber gewaltig, als er einen erschrecklich 
großen Haufen ganz frei daliegendes und von keiner Seele bewachtes Gold und 
Geld antraf. Da hättet ihr sehen sollen wie er zu gegriffen hat! Er steckte 
und stopfte sich alle Schubsäcke voll und ging mit der guten Beute wieder 

7* 


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löö 


glücklich heraus. Er war so voller Freude, daß er nicht einmal die in der 
Gegend wachsenden Sträuchcr und Räume bezeichncte, sondern sich auf ander«* 
bekannte Wahrzeichen verließ. Als er nachgehends diese Höhle etlichemal 
wieder suchte, fand er sie nicht mehr, sondern mußte allemal unverrichteter 
Sache. 'Vieth?! fortgehen.“ J , 

Diese Steinhöhle finden wir in den Walenbüchern wieder. Faber 
weiß auch von den Walen zu erzählen. Er schildert die Platzregen, 
die oft über den Berg prasseln, und fährt fort: 


^ ^Vonn ^eJKvauch oft das Land mit wilden Regengüssen überschwemmt und 
die Bap$m mit Hochwasser bedroht, $o macht er den Schaden doch wieder 
durch den kostbaren^ herabgeschweiften Sand gut. Man muß es aber verstehen* 
die GolätsfiTiibchen aus' der Sandflut herauszuschütteln und vom hohen UfcV- 
daimid^’hrufaufangen oder durch Siebe das Gold herauszuwaschen. Im späten 
Frühjahr sammeln jedes Jahrteinige unbekannte Männer, Walen genannt, heim- 
lit^riie^ Gold- (quae^fluijinm lgnoti, Errones) und schaffen es fort. Sie 
wundern, 4 eiqh bei. ihjer Rückkehr höchlich über die Trägheit unsrer Lands¬ 
leute, die zu unwissend sind, um sich das heimische Metall zu Nutze zu 
t'* . » .** * , U •> 

inaciiciL“ 


ist die erste Nachricht von dem Treiben der Walen im 
Zobfehherge. Noch hundert Jahre später druckte „ein gelehrter 

ii* 1 ? TT' 


Medicus, Herr Paülitz“ in der Sammlung von Natur 


geschickten 1723 S. 
ähnliches berichten: 


1 (>i) zwei Briefe aus dem Jahre 


und Medicin-, 
1677 ab. die 


„Es haben im Kriege sich einige Welsche gefunden, welche des Jahres 
dreimal äus Welschland gekommen sind. Sie haben dieses Metall auf dem 
Zobtengebiifgö gegraben und bei einer alten Frau, so nahe an dem Zobten- 
gebürge gewohnt, geschmolzen' und nachdem sie quintaui essentiam daraus 
geiiommon -und'-sich wohl besponhen haben, sind sic wieder allemal in ihr 
Land gezogen. Gedachte Wirtin, die ohnehin Kräuter gegraben auf solchem 
Berge, hat den Ort und Platz verkundschaftet, sie darüber ertappt, und nach¬ 
dem sie bedrauot worden, sind trie nicht mehr hiiigekoimnen, weil sie, wie die 
Alt« ausgesagt, mit ihren Augen gesehen, daß sie große Klumpen Gold und 
Silber davoff getragen.“ 

‘ IM Jahre 1873 hat Bietlei in der Zobtengegend solche Sagen 
fast wortgetreu wiedeigefunden (Schles. Prov. Blätter 1 «73 S. 25 .ff., 
vgl. Kühnau, III,„ 762.) • 

*- Eine verwunschene Höhle-— dahinter steht ein Zauber — un¬ 
ermeßliche Schätze und sagenhafte Fremde, die das Geheimnis des 
Goldes: hüten,' .da^.Jst die Melodie, die im Lauf der Zeiten zu-immer 
reicherer Musik anschwillt. Sie mochte neue Kraft erhalten, als 
1586 wirklich ein Italiener in kaiserlichem Auftrag im Zobten nach 
Edelsteinen suchte. Kaiser Rudolf schmückte damals seine Prager 


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101 


Residenz mit der ganzen Pracht der Spätrenaissance. 15S6 schickte 
er den welschen Steinmetz Runiano nach Schlesien, um Marmor und 
Edelgestein zu suchen. Runiano fand in Kniegnitz den Steinbruch, 
in dem der „Grüne Marmor“ gebrochen wurde. (Sch tes. Provinzial- 
blätter Bd. 115 S. 113). Das muß für das Zobtenvolk ein Ereignis 
gewesen sein, und es mag die alte Walensage neu befruchtetYmben. 

Ein Jahrhundert später (1(507) liegt das erste Walenbuch des 
Zoblen fix und fertig vor uns: Der schrullenhafte Kuriositäten¬ 
sammler Praetorius, der allen bunten Kraut der Welt hamsterte, 
hat in seinem Buch von der Wünschelrute' ( ! 1067, S. WäJ^'ein 
Walenbuch vom Zobten abgedruckt. Es lautet: 


„Zettcnbcrg“*). >p ■ 'v 

Gehe auf die Wichcnau 2 ) und Than Pmiel 3 ) /-vdentr der Ort J also ,gc- 
nanut / so kommst Du auf einen \Veg zwischen 2 Berge*} / da ist flin QveJl- 
brun; / und ein Ertzmann muß eine Versichrung tun / ob man drauf ^o/j^men 
möge. Gehe gegen Schweinitz 4 ) zu / so wirst Du scheu eine Muhle auf der 
linken Hand. An demselben Wässer gehe bis auf die Hohe des ^Bergos / so 
wirstu finden eine Fichte / die ist breiter denn zwei Ellen / allda / 

wenn man cs schmelzt / so ist es den fünften Teil Gold. Ein w ewig höher an 
dem Berge /. bei einem Brunnen / da findet man wol eijic Elle.tief eiccn ge* 
diegonen Zug. Es soll auch blauen Saphir haben. (Bei) einem Dorf / Bla^ 5 ) 
genannt / da geht ein Steig auf die Gurg zu / und bei der Gurg Ä ) pih Steig / 
da kommst Du auf einen Rasen Weg / und auf die Hand gegen der Schweinitz 


steig über den Berg vor Dir. Danach steig den Berg hinab'/ So wir»Öl finden 
ein Gestruttig./ daran ein Loch./ .da greif hinein * bis an den./Ellbogen v /. so 
findestu gediegen Gold wie Erbsen und Bohnen groß. 


. Zettel borg 7 ). Unter dem bangenden Stein 8 ) soll ein Flüßiein^ seyn, allda 
ist ein gediegener Zug Goldes. 

; . : » ~ :* • *•: r v<$. : 

Schweinitz. Item zu Rosenig°) bey Schweinitz da sollen Edelgesteine 
gefunden werden. 


Homberg 10 ). Suche mit Fleiß unter dem Trank-Troge "auf beyden 
Seiten / so wirstu gediegen Gold finden / wie Messer-Böcken tiefe* Streifen, 
ln demselben Fluß sieh dich mit Fleiß um / so wirstn finden, schwarze Gold- 
Körner wie Erbsen. Mit Gottes Hülfe / unterwegs da* steht eino. gr^.e Buche / 

in die sind 12 Zeichen (geschnitten) / oben steht Zpitte eiben Holtz 11 ) wie eine 

- * • .' • /»".in;- 


*) Zottenberg. Q ) Wierau. »• 3 ) Tampadel (Tampelt),r * 

4 ) Schweidnitz. ö ) Biolau. ö ) Gorkau. . '•) Zottenberg.- * 

M ) Hängostciih Ein großer dreieckiger Fplsblock, zw.i$chen jswei andern 
hängend, bildet ein Felscntor und eine Höhle. Die Felsen liegen auf der 
Silsterwitzer Seiten am Weg 20/ 

lJ ) Rosenau. ro ) Vielleicht* Höhl ein borg b. Liwgchbielnu, y * 
n ) Zeitte-Eibenholz. ^ u 


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102 


Bitte. ? große Schritt ton derselben Itm-Iie wirstu finden eine Grube / nicht 
tief gegen den Schindel- oder Kecker-Wald oder Berg / darin (sind) Gold- 
Züpflern. I>ie Grube ist bedeckt / es ist auch eine Leiter drein r.u steigen / 
darin snehe / so findestu Gold.“ 

Praetorius will die Handschrift von einem Schlesier erhalten 
haben. Das ist glaubhaft. Der Text muß aus der Zobtener Gegend 
stammen; die glnauen Ortsangaben lassen daran keinen Zweifel. 
Den „Hangestein“, der hoch oben im Bergwald liegt, kennt nur der 
Eingeborene. Die Handschrift mag schlecht lesbar gewesen sein, 
und die Namen sind beim Druck verstümmelt worden. Der Text 
des Praetorius ist zwar der älteste gedrucke Text, spätere Drucke 
enthalten aber ältere Texte. Es mögen damals viele solche Hand- 
Schriften von Hand zu Händ gegangen sein. Bohuslav Balbinus, 
Jesnit aus Prag 1679 S. 17 Miscallanea Historica Begni Bohemiae 
schildert einen solchen Fund sehr lebhaft: „Als ich dies alles übet 
das Biesengebirge geschrieben habe, besticht mich ein Freund (der 
nicht genannt sein will) und bringt mir ein Büchelchen mit schi- 
alter Schreibweise, schwer leserlich, deutsch, sehr klein, aber voll 
der seltsamsten Kunde von Schätzen. 

Das Büchelchen enthielt Abhandlungen von 8 verschiedenen 
Autoren, des Peter Thomas, Martin Prause, Gentilanerus Venetus 
u. a. Ein Italiener, der sich mit dem fingierten Namen Sagittan- 
denis nennt, nnd der an diesen Orten lange weilte, hat diese Ab¬ 
handlungen mit sicheren Erzählungen und eigner Erfahrung in 
diesem Büchel zusammengetragen. Besonders genau behandelt er 
das Biesengebirge, daß man seine Täler, Bäume und Felsen hand¬ 
greiflich vor Augen hat.“ 

Zum ersten Mal sammelt die Zobtener Walenbilcher ein Un¬ 
bekannter in der Sammlung von Natur und Medicin 1718 S. 939 
und 1723 8. 169. Der Titel lautet: „Ein Wegweiser auf den 
Zsditenberg, durch Martin Preise. Schuster von Orgöw in Welsch- 
latul.“ Volkmann in seiner Silcsia Subterranca 1720 (S. 197, 208, 
ill3) besaß eine sehr alte Handschrift, den Wegweiser in den 
Zobtenborg des Johann Martin Preuße von Trient. „Die Schrift war 
ganz alt, das Papier halb vermodert und an vielen Orten nichts 
mehr zu lesen weil ganze Wörter aus dem Papier verloschen waren.“ 
Eine spätere Flugschrift (Bresl. St. B.) — nach Papier und Druck 
etwa 1 730 — 7 Blatt klein' Ootav ist betitelt: 

^Ordentjlchcr Wegweiser auf den - Berg j von einein 


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103 


Italiener Martin Prause, welcher vielmahl da gewesen und viel 
tausend davon getragen.“ 

Beide Drucke enthalten 3 Teile: Prauses Erlebnisse mit Michael 
Seidel aus Zobten, die Abenteuer des Johann Wahl im Wüsten- 
Scliloß und den Wegweiser des Johann Bruch oder Buch aus 
Venedig. Ich gebe Wahls Abenteuer nach der älteren Fassung aus 
der Sammlung von Natur und Medicin wieder, Prauses Erlebnisse 
nach dem späteren Druck — der Flugschrift — weil sie dort aus¬ 
führlicher erzählt sind. Der Wegweiser des Venetianers Bruch ist 
ein Auszug aus dem Briefe Wahls. 

Der älteste Wegweiser scheint mir der WahPsche zu sein. 
Seine Abenteuer spielen auf dem Wüsten Schloß des Zobtenberges. 
Er enthält im ersten Teil eine Geisterbeschwörung, die deutlich auf 
den Faustischen Sagenkreis hinweist. Der Affe Auerhahn war der 
Leibteufel des Faustschülers Wagner. Wahl ist der Schatzgräber, 
der mit dem Arcanura, dem Geisterzwang der Schwarzen Magie, den 
Geistern ihr Gold entreißt. Der zweite Teil erinnert an die Sage 
die Faber überliefert hat. 

(Johannes Wahl sucht im Wüsten Schloß des Zobten¬ 
berges nach Schätzen und zwingt die Geister.) 

„Mein Sohn, was ich geschrieben habe, des hat mich sehr gedauert. Weil 
ich aber den Wegweiser Dir zu fiberschicken versprochen, so reise in das Land 
Schlesien und frage nach einem Städtlein, das heißt der Zobten. Da frage 
nach dem alten Wege, der auf das Schloß hinaufgeht; da ist bald kein 
Mann, der Dir den Weg nicht zeigen wird. Gehe demnach bis auf die Wiese 
und siehe dich recht nach der Koppe um, da wirst Du einen großen Baum 
sehen. Gehe hinzu, da wirst Du drey fff sehen, welche ich selbst gehauen. 
Von dem Baume gehe 5 oder 8 Schritte recht in die Mitternacht, da kommst 
du zu einem Wasser. Von dannen miß 8 Schuh, da kommst du auf Steine; 
räume diese hinweg, da wirst du auf einen weißen Stein kommen, diesen habe 
ich (sagt Johannes Wahl) über 100 Schritte auf meinem Buckel getragen. 
Hebe diesen hinweg, da wirst du eine Höhle sehen, in Gestalt eines alten 
Schachts. Laß dich hinein, da findest du was du begehrst, da habe ich für 
2000 Thlr. wert überkommen einmal und bin dreimal dagewesen. Jedoch, mein 
Sohn, ich kann nicht unterlassen Dir zu schreiben, wie cs mir ging, da ich 
zum andernmal dahin reiste. Als ich gedachte, daß ich den Ort und Stelle 
gewiß wüßte, wollte ich mein Arcanum nicht umnehmen, sondern gehe hin zu 
arbeiten. Wie ich die Steine hinweghebe und den Fundamentstein heben sollte, 
saß ein großer Affo vor dom Loche und hatte in jeder Klaue ein brennendes 
Licht, und auf dem Kopfe einen Strauß in Gestalt eines Pfauen-Schwanzes. 
Der thät auf mich zu eilen und wollte mich zerreißen. Ich eilte aber auf 
mein Arcanum zu, nahm das Rauch-Faß in die Hand und ging wieder hinzu. 


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105 


zweiten Teil von Wahls Bericht. Das große runde Loch „hat ein 
Cardinal gemacht von Rum“. 

Martin Prauses Wegweiser ist der volkstümlichste. Er ist ein 
richtiger Reiseführer ins Land von Gold und Edelsteinen, mit ge¬ 
nauster Ortskenntnis geschrieben. „Der Fleischhauer Michael Seidel 
aus Zobten“ mußte auch den letzten Zweifel nehmen. Der Verfasser 
hat den Zobten und seine Gläubigen gut gekannt. Dieser „Weg¬ 
weiser“ ist sichtlich aus verschiedenen Handschriften zusammen¬ 
getragen. Nr. I und 7 sind Wiederholungen. Der Bericht des 
Praelorius ist eingesjnengt; ich habe die Stellen durch weiten Druck 
hervorgehoben. Genau wie bei Praetorius ist der Horningsberg an 
den Schluß gesetzt. Die eibenen Scheitte sind zu ebnen Brettern 
geworden. 

Ordentlicher W e g weis er aut den Zotlienberg / 

von einem Italiener Martin Franse, welcher vielmal 
da gewesen und viele tausend davon getragen. 

Nr. 1. Gelie von Zothon, als wenn du wolltest nach S weid n i tz gehen 
so wirst du auf der linken Hand eine Mühle 1 ; seh cn. G elio den 
IIerg hinauf und wenn du auf die Höhe kommst, so wirst du einen 
schwarzen Stein finden dreieckig, zwei Ellen breit. Da ich von diesem 
Stein geschmolzen, fand ich vier Teile Gold, und das fünfte Teil Silber, der¬ 
gleichen giebt cs daselbst im Überfluß da man in einer Stunde mehr als 
20 Loth Gold bekommen kann. Weiter hinauf ist ein Brunnen, eini¬ 
ge führ 2 Ellen tief, der auch gediegen Gold hält. Um St. Johann 
pflegt der Brunnen auszutrot knon, darum muß die Zeit wohl in Obacht ge¬ 
nommen werden. Man wird auch die Stellen finden, allwo ich gearbeitet habe, 
auf 3 Stellen. Bei Michael Seideln habe auch gearbeitet, dessen Sohn habe 
ich mit gehabt, der weiß die Oertor, er war ein Fleischhauer in Zothcn. 

Nr. 2. In dem Wasser, das auf kloin-Knügnitz 2 ) flösset, ist ein schwarzer 
Stein, wie eine Stein Kohle, so sich klein kloppen läßt, wie Kieselstein. Das 
ist das beste. In diesem Berge ist alles gemeiniglich kohl schwarz. 

Nr. 3. Im Zothcnberge gegen Mittag und gegen den Fluß, der auf Klein- 
Silsterwitz fließt, zwischen dem Geyers- und Zothcnberge 3 ), da ist ein 
schwarzer Stein, da mußt du auf die linke Hand hinuntergehen gegen den 
lampel, so kommst du auf den Weg, d er gellt zwischen den 2 Bergen. 
Da ist ein Quell Brunnen, darin ist auch solch schwarzer Sand, der so 
großen Nutzen bringt, daß ich es nicht beschreiben kann 

Nr. 4. Wenn du auf den Tninpcl 4 ) kommst, so frage nach dem Wege 
welcher aut das Schloß geht, und wenn du hinauf vor den Brunnen kommst, 

') Vgl. Nr. 7. 2 ) Klein-Kniegnitz. 

3 ) Das Schwarze Wasser, bei der Försterei Tampadel. 

Tampadel. 


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so siche dich nach einem Stein um. Wenn du hernach von der linken Hand 
etliche zwanzig Schritt kommst, so ist ein ebner Flecken, da siehst du einen 
Stein; hebe diesen auf, da wirst du eine Höhle finden, die ist mit Holz zu- 
gedcckt, darin findest du gediegen (»old, wie Hüner-Eycr groß 

Nr. 5. Darnach gehe von dem Schloß über die Wiese, daß du das f 
triffst, da wirst du eine Tanne mit droy fff finden. Nicht weit Uber acht 
Schritt darvon ist eine Grube, darin bin ich dreimal gewest und habe viel 
Gold überkommen. 

Nr. G. Bcy dem Busch-Brun neu 1 ) nicht weit davon in dom Wasser, 
da suche innen, da findest du einen schwarzen Stein, wie eine Stein-Kohle, er 
liegt beim Wasser zwei Ellen breit. Da findest du Nieren, schwerer als ein 
Pfund, die sind 6 Th. Gold, und ein Theil Silber, und wann du zu dem kommst 
und findest sic nicht, so gehe davon und gehe alle Stunden wieder darzu, du 
wirst cs doch noch finden. Da bin ich dreimal gewesen und habe viel Gold 
überkommen. 

Nr. 7. Von der Mühle wie am ersten Blatt geschrieben steht, d i.o 
bleibt dir auf der linken Hand, von da gehe das Wasser hinauf bis 
an die Höhe des Berges, darin ist zur Genüge schwarzer Stein, 
der hält 20 Th eile des feinsten Goldes Gicb und theilo den Armen 
auch mit. 

Nr. 8. Im Zothenbcrge gegen Schweidnitz da suche den Crcutz-Stoin, 
findest du ihn nicht, so frage nach dem Sch ieferstoin 2 ), darin suche ihn, 
der liegt G Viertel tief und hat braune Farbe, das Pfund hält 1 Loth Gold 
und als ein Rubin so schön. 

Nr. J). Du findest ein Flössel, das fließt vom Niedergang der Sonnen 
und fällt in den Zolhenbach. Von diesem Flössel gehe in die Höhe, da findest 
du einen steinern Trock, der ist mit Moos bewachsen. Gehe dem Wasser 
nach, da findest du zwey Wasser, eins zur Rechten, das andere zur Linken 
Auf der Seite, da die Sonne aufgeht, um St. Johanne, da findest du Steine, 
die bei und in dem Wege liegen, die haben viel Gold bei sich, zerschlage sie 
mit einem kleinen Hammer. 

Nr. 10. Danach gehe zum wüsten Schloß, da findest du einen großen 
Stein, der liegt auf 2 steinernen Tafeln, den umgehe gegen der Sonnen Auf¬ 
gang. Da findest dn ein Loch, darin steckt ein Hebebaum, hebe ihn gegen 
Mitternacht auf, und was herausfließt, das erwische, suche darin, du findest 
Gold genug. 

Nr. 11. Danach hast du ein ander fein Wasser, das fließt vom Niedergang 
der Sonne durch die Thflr des wüsten Schlosses. Da liegt ein Stein, als ein 
großes Brod, da kommt ein ander Flössel, wie das vorige gegen den Stein. 
Gehe dem nach, so findest du viel Wascbc-Gold, nimm soviel du tragen kannst 
und gehe auch davon. 

Nr. 12. Bey der Gorjke 3 ) ist ein Steg, von da kommst du auf 
einen schmalen Weg, gehe über den Berg hinab, da wirst du in 

1 ) Burghart S. 55. „Wenn man die Spitze des Berges fast erreicht hat, 
so entdeckt man einen großen, nicht aber tiefen Brunnen/ 

2 ) Scbiefer8tcin liegt gerade entgegengesetzt! 3 ) Gorkau, 


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PRINCETON UNIVERSUM 





^ ... ***» w ’ i tt c 




J07_ 

einem Gesträuch ein Loch finden. Greife hinein his an den Ellen- 
bogen, da wirst du gediegenes Gold finden als die Erbsen 111»d 
Höhnen groß. 

Kr. 13. Zwischen den 2 Mühlen 1 ) gegen Silslenvitz ist ein Brunnen, 
darin sind Gold-Körner, groß wie Erbsen, die sind schwarz an der Earbe. I n 
dem Wasser hinauf gegen den IV fingest ein, 3 , da suche mit Eleiß, da 
lindest du große schwarze Steine, die tragen das dritte Thcil Gold 

Nr. 14. Danach findest du besser hinauf einen großen Brunnen, darüber 
steht eine große Huche, um diese suche mit Fleiß, da findest du genugsam 
gediegenes Gold und gut Edelgestein. 

Nr. 15. Vom Horn in gs Berge. Suche mit Fleiß unter dem 
Tränck Troge, da man d ie Pferde tränckt, zur 1 inken Seite, da wirst 
du Gold finden, als die Messer Rücken dick. I ii diesem Wasser 
suche fleißig, du wirst schwarze Körner finden, wie Erbsen groß. 

Nr. IG. Weiterhin stellt eine große Huche, darein sind zwei 
Zeichen gehauen, und ein wenig dürres Holz und ein Stein einer 

H ü 11 e n g r o ß S c c h s S c h r i 11 v o n d c r s e 1 b en B u c h e , da wirst d u f i u d e n 

eine Grub*», nicht gar zu tief, gegen dem Schindel und langen Berge 
auf der rechten Hand, sc wirst du finden goldne Zapfen, als die 
Finger groß. Diese Grube ist mit ebnen 3 ) Brettern zugedeckt. Du 
wirst auch eine Leiter finden zum H i nein steigen, suche dieselbe 
mit Fleiß, so wirst du Gold und Silber genug finden, danke GqU, 
und vergiß der Armen nicht.“ 

Die Ortsangaben gehen durcheinander: Nr. 2. 8 und 5) gehören 
inhaltlich hinter Nr. 12. Nr. 7 ist überflüssig. 

Es gibt noch eine Anzahl weiterer Texte und Erzählungen, die 
nicht viel anderes bieten. Naso, Phönix Redivivus 1(>B7 berichtet: 

„Es sollen Räuber und Mörder einen großen Schatz auf dem Schloß 

gesammelt und in den tiefen Kellern verwahrt, haben.“ Volkmann 
Silesia Subterranea 1720 S. 208 hat WalenbQcher im Manuskript 
gesehen, und gleiche Erzählungen bringt Sommer, Silesia ante 
Piastum 1720. Ein Text von 1731 aus der öconomischen Fama 
(Teil V num. II Seite 30) ist nur in einem Abdruck bei Volkelt: 
Nachrichten von Schlesischen Bergwerken, Breslau 1775, S. 171 — 100, 
erhalten. Der Text ist unter dem Pseudonym Cordatus Siucerus von 
dem Klassiker des Zobtcns, Burghart, erläutert (Burghart S. 152) 
die Erläuterung ist leider verloren . . Burghart hat in seinem „Iter 
Saboticum“ 1730 weitere Wegweiser aus den Manuskripten abgedruckt. 
(S. 150. 1(5(5). Eine hübsche Sage bringt das Hyst. Labyrinth 
1737 S. 731. 


*) Diese Mühlen stehen noch. 2 ) Ein großer FcU am Zukfcii. 

s ; (Nbencn (vgl. den Text des Praetorium) 


*S 


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108 


.Es sahen einmal ein blö 'sichtiger Mann, ingleiehen ein unmündiges 
Mägdlein eine sonderbare Tür in dein Iterg, welche offen stand. Sie gingen 
hinein, wurden von einem allen, bärtigen Manne uiuhergofiihrt und zuletzt mit 
einem Ast voll Kirschen oder l’llaumcn beschenkt. Diese waren von gediegenem 
Gobi, da diese einfältigen Leute aus dem llerge wiederum fortgegangen und 
ihre tiesehenke betrachtet. Darauf suchten eitiige goldbegierige liürger diese 
Tür, richteten aber nichts mit ihrem vergeblichen Graben aus.“ 

Den letzten Text überliefert Lehmann (1704): 

.Im Zettenbeig gegen Mittag ist ein Fluß, der Hießt durch die zwei Berge 
Zetten und Geyersberg auf Kleiu-Kcymnitz zu, ist ein ganz schwarzes Erz, als 
ein Steinkohl. Dann gehe auf Wimen, von Stossadel oder Tompclt, so kommst 
Du auf den Weg der zwischen zwei Helgen geht, da ist ein ljucllbrunn, der 
geübt ans, darinnen ist ein Erz, das sichere, ist sehr gut, zwei Tbeilc Gold, 
einen Tlieil Silber.“ 

Aus welcher Zeit stammen diese Texte? 

Das älteste YValenbuch des Antonius Wahl von 1457 (Codex 
Diplomatie-US Silesiae 1000 Bd. ‘20 S. s3) erwähnt nicht den Zobten, 
aber es enthält Anklänge: 

„Von der Sweydenitz froge off Keychenbach, dornach bald dich 
au daz gebirge off dy rechte Hand czu eynern dorffe, daz heysit dy 
Hefe (Bielatt)“. 

Auch das merkwürdige Wort „gestrutte“ wird gebraucht. In 
den Walenbüchern spielt das „Wüste Schloß mit der kupfernen Tür“ 
eine große Holle. Das Zobtenschloß wurde 1471 zerstört und blieb 
seitdem wüst. 1543 stürzte der letzte Turm ein — von da ab gab 
es nur noch Trümmer. Der Text der Zobten’scheu Wahlenbücher 
baut sich also auf dem Walenbuoh des Antonius Wahl auf und 
wurde in derZeit zwischen 1471 und 1543 zusammengestellt. Diese 
Annahme wird durch weitere Gründe gestützt. Balbinus (1070) er¬ 
hielt Prauses Wegweiser in einem Büchelchen von sehr alter, 
schwer leserlicher Schreibweise. Die Schreibart der uns erhaltenen 
Drucke — in diesem Aufsatz ist sie iu leserliches Deutsch gebracht 
häuft die Sätze atemlos und oft sinnlos zusammen; die Namen 
sind entstellt, mehrere Texte sichtlich untereinander geworfen: ein 
Beweis, daß sie durch die Hände vieler Kopisten gegangen sind. 
Der Verfasser dieser Walenbücher hat den Zobten genau gekannt. 
Unbekannte Dörfer werden erwähnt, das Wüste Schloß mit Keller, 
Mauer, Wiese und Brunnen genau geschildert. Es fällt auf, daß 
der Verfasser den Leser nicht von Breslau, der schlesischen Haupt¬ 
stadt, aus orientiert, sondern von Schweidnitz. Die Walenbücher 
sind wahrscheinlich keine Erlinduug eines Gelehrten, sondern Samin- 


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10 !) 


langen alten Volksglaubens, die im lö. und IG. Jahrlmmlerts in 
Schweidnitz niedergeschrieben wurden. Der Prophet gilt nichts im 
Vaterlande. Venedig, die Königin der Meere, strahlend in Perlen und 
Edelsteinen, wurde zur Heimat der biedern Schlesier Prause und 
Genossen erhoben. „Welschland“ und seine Sonne leuchtete über 
ihrem Werk und hüllte es in den Glanz der großen deutschen Sehn¬ 
sucht, die man Italien nennt. 


* 


II. 


Alles das mußte ich voranschicken, um die eigentümlichste Sage 
des Zobten, vom Gottesmann und den drei Zobtenmännern, 
zu verstehen. In ihr steigert sich das Leitmotiv der alten Zeiten' 
zu einer gewaltigen Fuge. Wunderliche Lichter schweben um die 
Iiiimmei des Wüsten Schlosses. Es funkelte von Geheimnissen 
In den Dörfern raunte man von den verfluchten Räubern und ihren 
Schätzen. Und die graue Kunde schmückte sich mit dem verblichenen 
Samt der Sage, der Glaube wob seine blauen Fäden, der Aberglaube 
seinen giftgrünen Glanz hinein. 

Dies ist die Sage, wie sie Herr Abraham von Frankenberg im 
Jahre 1641 niederschrieb und wie sie der Prälat.Fiebiger 1704 zum 
ersten Mal aus der Handschrift zum Druck brachte. 


„Als Johann Beer einmal ohngefähr um das Jahr 1570 bei dem Zollen- 
berge, nicht weit von seiner Geburtsstadt Schweidnitz (allwo sein Vater ein 
Becker gewesen) umherspazirto und den wunderlichen Wirkungen des Geistes 
GOTTES in der Natur emsig nachdachte, ist ihm an einem Orte des Berges ein 
sonderbarer Eingang eröffnet worden, worein er sich mit gutem Bedacht be¬ 
geben, willens, die Wunder der Natur auf philosophische Weise zu beschauen 
und also GOTT, seinen Schöpfer, darüber zu loben. 


Als er nun weiter zu gehen vermeint, kommt ihm ein gewaltiger Wind 
mit gräßlichem Schauer und Überlauf entgegen. Woraus er, seiner geheimen 
Erkenntnis nach, verstand, daß diese Pforte etwas besonderes vor anderen, 
mit starker Wacht müsse besetzt, auch nicht ohne einen stärkeren Gegensatz 
würde zu eröffnen sein. 


Er geht diesem nach wieder zurück und heraus. Und weil er damals 
ohne dies, als auf Ostern, gesonnen war, sich mit dem hohen Pfände des wahren 
Leibes und teuren Blutes JESU Christi zu versichern und zu stärken, so ge¬ 
braucht er es in wahrem Glauben und Vertrauen zu GOTT: mit herzlichem 
Gebet, wenn es ja GOTT gefällig, ihm solche unbekannte Wuuder zu zeigen, 
möge er ihn vor böser Versuchung gnädig behüten und von allem Übel und 
Gefahr Leibes und der Seele erretten. 

Was geschieht? Er findet in gerechter Prüfung des Göttlichen Willens 
in sich selber eine große Begierde und Freudigkeit, diese verborgene Wunder- 


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PRINCETON UN1VERS1TY 



110 


0rnft zu unterMichen und ihren Inhalt so viel als möglich zu eröffnen. Macht 
sieh Sonntags Quasimodogeniti wiederum an den Berg, sucht und (indot den 
allbcroit wiederum aufgesiegclten Ort und Eingang mit Freuden; geht getrost 
dahcincin, kommt in einen sehr engen Gang zwischen zwei steinernen Wiinden, 
da die Fahrt bald hoch, bald niedrig, bald eng, bald weit ist, und endlich in 
eine oben und unten gleich lange Galerie ausgeht. 

In solchem Gange nun kommt ihm nicht mehr wie zuvor ein grausainor 
Wind, sondern ein lichtor Schein, gleichsam durch eine sonderbare Kluft ent¬ 
gegen. Dem geht er nach bis zu einer verschlossenen Thur mit einer ein- 
geschniltcncn Glasscheibe, wodurch der verborgene Licht-Strahl den engen 
Finstern Gang wunderlich erleuchtet 

Hier hätte sich mancher wohl zuvor dainbcr besonnen, was doch dieses 
Orts weiter vorzunehmen? Aber dieser gottselige Wanders Mann gebraucht den 
rechten Befehl und das Exempel Christi, seines von den Geistern der Gefängnisse 
und untersten Orte der Erde erstandenen Heilands. Nachdem er gebeten und 
empfangen, gesucht und gefunden, klopfe er auch an und zwar dreimal: wo¬ 
rüber die Tnr eröffnet worden. 

Ma sieht er mit Verwunderung drei lange ganz abgemagerte Männer um 
einen runden Tisch sitzen; sie tragen altdeutsche oder spanische Barett auf 
den Häuptern, sehen zitternd und sehr trübselig aus. Sic haben ein schwarz 
Sammet- mit Gold beschlagen Buch vor sich auf dem Tische; also, daß manchem 
Herzhaften wohl der Mut entfallen mochte und ihm ein entsetzliches Grauen 
«.der doch ein initluidcntliches Erbarmen ankummen mochte. 

Was tut aber unser Gottes Mann? Er schreitet im Namen GOTTES mit 
unerschrockenem Geist«* zu ihn« n über »lio Schwelle der Höhl«» hinein, steht 
still und spricht: FAX VOBIS! Friede sei mit Euch! Sie antworten: H1C 
NVI.LA FAX! Hier ist k«*in Friede! Er tut den anderen Schritt und spricht: 
FAX VOBIS IN NOMINK DOMINI! Friede sei mit Euch im Namen des 
HERRN! Sie erzittern sehr, sagen «loch mit halber Stimme: HIC NON FAX! 
Hier ist nicht Friede! Er tut den «lritt« n Sei ritt bis nahe an den Tisch und 
spricht: FAX VOBIS IN NOMINE DOMINI JESU CHRISTI! Friede sei mit 
Euch in dem Namen unseres HERRN JESU Christi! Sie verstummen mit 
gn.ßeiu Schreck, Furcht und Zitt«*rn. Legen ihm darauf das schwarze Buch 
vor: das macht er auf und besieht «len Titel, der lautet: LIBER OBEDIENTIAE. 

Das Buch des Gehorsams. 

Darauf fragt der AVTOK; wer sie wären? Sie sagen, sie kennten sich solber 
nicht. Er fragt weiter: was sie an diesem Orte machten? Sie antworten: sio 
erwarten mit Schrecken das große und strenge Gericht GOTTES, zu ompfahen, 
was ihre Taten wert sein. Fr fragt: was sie gewirkt bei Loibes-Leben? Sie 
zeigen auf einen Vorhang, dahinter werde er die Zeichen und Zeugen ihrer 
Handlungen linden. 

Er zieht den Vorhang beiseite, und sieht eine große Menge von allerlei 
mörderischen Waffen; auch alte, halb, und ganz verweste Materien von unter¬ 
schiedenen Dingen, gleich einem Meß Kram- oder Jahrmarkts-Waren, samt 
etlichen Menschcn-Gebeincn und Hirnschädeln etc. Woraus erschienen, daß 
ihnen ihre Werke nachgefolgt und sie Räuber und Mörder gewesen sind. Wie 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



auch dio Historien in der Schlesischen Chronik» vom Zottenberge und von dein 
darauf zerstörten Raub-Schloß samt anderen glaubwürdigen Denk-Zeichcn noch 
heut zu Tage bezeugen. 

AVTOR fragt ferner: Ob sie sich zu solchen Werken bekennten? Sie 
sagen: Ja. Er: Ob es gute oder böse Werke wären? Sie sprachen: böse. 
Er: Ob es ihnen leid, daß sie solche böse Werke gewirkt? Sie antworteten 
nichts, erzittern nur. Er fragt weiter: Ob sie bekennten, daß sie hätten gute 
Werke tun sollen? Sie antworten: Ja. Er: Ob sic auch noch gute Werke tun 
und wieder gut sein wollten? Sie antworteten: sie wüßten es nicht. 

Er sagt: GOTT, das höchste Gut, hat alle Dinge, sonderlich aber die 
Menschen, gut und zu guten Werken erschaffen. Weil ihr denn bekennt, daß 
eure Werke böse sind, obwohl ihr hättet gute Werke tun sollen, so mußt ihr 
bekennen, daß auch euch GOTT anfänglich gut und zum Guten erschaffen hat 
und ihr also gute Werke tun sollt und tun könnt, so ihr nur wollt. Denn 
GOTT hat nichts böses gemacht, noch unmögliches zu tun geboten. Sie sagen 
Sie wissen von keinem wollen, sic könnten in sich nichts finden noch empfinden 
Böses oder Gutes zu wollen. 

Er hält also an sich und spricht: Ihr seht aus euren cigoncn Werken, 
daß ihr erstlich gut gewesen und gutes gewollt, aber euch vom Guten ent¬ 
brochen habt und böse geworden seid: denn es ist nach GOTT kein Ding so 
gut, es kann böse werdon, wenn cs sich von GOTTES guten Willen scheidet 
und sich zu seinom eigenen bösen Willen kehrt. Hingegen ist auch nichts so 
böse, es kann wieder gut werden, wenn es sich zu dem ganzen hält, von 
welchem es abgewichen ist. Und solches darum, weil GOTT keinen Gefallen 
an den Gottlosen hat, sondern will, daß ihnen allen soll geholfen werden und 
sic zum guten kommen. Wie es nun möglich gewesen ist, daß ihr euch dem 
guten entnommen und aus dein guten in das böse gekommen seid: 
also ist es auch nicht unmöglich, daß ihr aus dem bösen wieder zu 
dem guten gelangen könnt und mit GOTT, dem Höchsten und einigen 
Gute und Ganzen versöhnt werden könnt. So ihr nur das einige Mittel, nämlich 
den Willen wieder gut zu werden und zu GOTT zu kommen, ergreifen und 
darin beharren wollt. 

Sio werden darüber bestürzt; befinden auch etwas Änderung bei sich selber, 
stehen dennoch im Zweifel und Unwissen, ob sic könnten oder wollten. 

Weil aber unterdessen die Stunde dieser Offenbarung verlaufen und die 
Zeit zum Ausgange vorhanden war, läßt AVTOR die drei Männer auf weiteres 
Besinnen beisammen, zeigt ihnen auch (im Proccß der Höllenfahrt und Auf¬ 
ei Stellung JESU Christi) den rechten Weg Gottes und nimmt Abschied von 
ihnen mit Vermelden: Wenn es dem HERRN seinem GOTT gefällig, wolle er 
über acht Tage wieder zu ihnen kommen. Geht darauf im Namen und Geleite 
GOTTES wieder aus dieser Höhle des Zottenberges in den Tag hinaus.“ 

Frankenberg gibt auch die Quelle seines Berichtes an: 

„Als ich mich im Jahre 1624 allhier in Schlesien auf einem adlichen Stamrn- 
hauso nahe am Gebirge in allerlei Conversation und Sprachgesellschaft sonderlich 
von den Wundern Gottes in der Natur befand, kam ich unter anderem auch in Be¬ 
kanntschaft eines beinahe sechzigjährigen alten (Mannes) Johann Springer genannt. 


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11-2 


Er war unter schlecht gemeinen Dorf-Habit nichts rlestowcniger ein gelehrter 
Philosoph und geübter Merlicus, der dos seligen Autoris (Heer) nachgebliebener 
Lchrschnler und ein Mann von stillem und gottseligen Wandel war. Dieser 
zeigte und übergab mir damals die Hand- und Abschrift des gedachten Autoris 
und seines Büchleins „vom Gewinn und Verlust.“ Er erzählte mir neben vielen 
anderen Geschichten auch, was sich mit seinem seligen Lehrmeister zugetragen 
hatte, nachdem Beer den vorwitzigen Kunstbüchern, auch mit Hinterlassung 
eines ziemlichen Stück Geldes auf den Polnischen Grenzen, das er am Königlichen 
Hofe erworben hatte, entsagt und sich in ein göttliches Leben gerichtet hatte. 
Er hatte es noch als ein junger Knabe persönlich aus seinem Munde gehört.“ 

Es folgt dann der Geisterzwang und noch folgender Bericht 
Frankenbergs: 

„Oh er aber über Tage wieder in den Berg gegangen ist, habe ich von 
seinem Lehr jünger Springer nicht erfahren können, wiewohl nicht allein 
dieser Joh. Springer, s mdern auch des Joh. Boers hintcrlassene Wittib 
von diesen und anderen Dingen gute Wissenschaft getragen hat. Mit Vermelden 
gegen ihren Tochter-Mann, einen Evangelischen Prediger zu Adelsbach (von 
dein iehs mündlich gehört), daLS in dieser Wumlerhöhle auch noch ein schönes 
Positiv mit in Silber vergoldeten Ghivic.cn gestanden, hat, auf welchem Johann 
Beer zu verschiedenen Malen soll gespielt und also ferner mit den verbannten 
Geistern soll geredet haben.“ 

Es ergibt, sich felgende Kette: Ein alter Mystiker Johann Beer 
hat seinem Schüler Johann Springer das Manuskript seines Büchleins 
vom „Gewinn und Verlust“ übergeben und ihm persönlich sein Er¬ 
lebnis mit den Zobtenmiinnern erzählt. Springer hat das Manuskript 
dem Frankenberg im Jahre I0'24 ausgehandigt und den Geisterzwang 
erzählt. Im Jahre 1024 hielt sich Jacob Böhme bei Herrn von 
Selnveinichen in Seifersdorf (Riescngt birge) aut, und Frankenberg 
besuchte ihn doit. Auch der Schwiegersohn Beers hat Frankenberg 
das geheimnisvolle Abenteuer erzählt. Frankenberg hat 1641 alles 
zu Papier gebracht und nach seinem Tode hat Fiebiger das Manu¬ 
skript 1704 veröffentlicht. In dem Frankenberg’schen Manuskript 
ist auch näheres über das Buch vom „Gewinn und Verlust“ berichtet: 

„Im Jahre 1G39 ist ein Büchlein unter dem Titel: „Gewinn und Verlust 
himmlischer und irdischer Güter“ zu Amsterdam in 12 gedruckt worden. In 
der Vorrede an der 10. und II. Seite ist gesetzt worden, daß der Autor 
(Johann Beer von der Schweidnitz aus Schlesien so ao. 1570 gelebt und 1600 
gestorben) Gewalt und Gnade von Gott empfangen hat, in die Berge zu gehen 
und das darin liegende «lut zu gebrauchen, wie auch den dort eingeschlosscncn 
Geistern zu predigen und sie ihres Irrtums zn überweisen; maßen von den 
vielerlei Geistern in obenerwähntem Büchlein gar gründlich und umständlich 
zu lesen ist.“ 


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113 


Prälat Fiebiger fand das Frankenberg’sche Manuskript — ge¬ 
schrieben zu Tarnowitz in Oberschlesien den 15. Heumonats des 
1641. Jahres — in Frankenbergs 1 ) Nachlaß, den Johann Scheffler, 
— als Angelus Silesius und Sänger süßer Gottesminne bekannt — 
dem Fürstlichen Gestift zu St. Matthias in Breslau übergeben hatte. 
Die Veröffentlichung erregte in der Gelehrtenwelt ungeheures Auf¬ 
sehen. Man kannte die Zuverlässigkeit Fiebigers, des Freundes des 
Zobten-Abts Siewert. Alle Welt kannte auch Dr. Johann Scheffler, 
der Frankenbergs Tod in mystischen Versen beklagt hat. Man 
kannte Abraham von Frankenberg (1593—1652), den Mystiker und 
Kabbalisten, den Theosophen und Freund Jacob Böhmes, der keiner 
Lüge fähig war. Aber bis zum heutigen Tage hat keiner das Rätsel 
dieses Geisterzwanges gelöst. Und doch hat Frankenberg mit klaren 
Worten den Weg zu dem Gottessucher Johann Beer gewiesen. Das 
Frankenberg'sche Manuskript ist echt. Wir haben sein eigenes, ge¬ 
drucktes Zeugnis für die Echtheit: 

Frankenberg erzählt 1651 in seiner Nachricht über das Leben 
Jacob Boehmes folgende Geschichte: 

„Als Jacob Boehme etwas erwachsen war, hat er lieben [anderen Dorf- 
Knaben das Vieh auf dem Felde hüten und seinen Eltern mit billigem Gehor¬ 
sam zur Hand gehen müssen. Bei seinem Hirten-Stand ist es ihm begegnet, 
daß er einstmals um die Mittag-Stunde sich von den anderen Knaben absonderte 
und auf den nicht weit davon abgelegenen Berg, die Landes-Krone genannt, 
allein für sich selbst gestiegen ist. Allda hat er zu oberst (welchen Ort er 
mir selbst gezeigt und dies erzählt hat), wo es mit großen roten Steinen, fast 
einem Thür-Gerichte gleich, verwachsen und beschlossen ist, einen offenen 
Eingang gefunden, in welchen er aus Einfalt gegangen ist. Er hat darin eine 
große Bütte mit Geld angetroffen, worüber ihm din Grausen angekommen ist. 
Darum hat er auch nichts davon genommen, sondern ist ledig und eilfertig 
wieder herausgegangen. Obwohl er nachmals mit anderen Hüte-Jungen zum 
öftern wieder hinauf gestiegen ist, hat er doch den Eingang nie mehr offen 
gesehen. Der Schatz ist nach etlichen Jahren, wie er berichtet, von einem 
fremden Künstler gehoben und hinweg geführt worden, worüber der Schatz¬ 
gräber (weil der Fluch dabei gewesen) eines schändlichen Todes verdorben ist. 

Man braucht sich über solchen Eingang des J. B. in den hohlen Berg nicht 
groß zu verwundern: Sintemal — wie unter andern in den Schatz- und Berg¬ 
büchlein der Walen enthalten ist — dergleichen Wunder-Oerter hin und 
wieder angetroffen werden. Maßen denn auf dem Riesen-Gebirge, nahe bei 
dem Hirschbergischen Warmen-Brunnen in Schlesien, sonderlich auf der Abend¬ 
rot-Burg, unter dem Stein mit sieben Ecken und an anderen vielen Orten zu 
finden ist. 


l ) Ein gutes Ölbild Frankenber<js hängt in der Breslauer Stadtbibliothek. 
Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 6 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



114 


Ja, es ist der fromme und gelehrte, wiewohl wenigen bekannte Mann 
Johaun Beer von der Schweidnitz im Jahre 1570 durch göttliche Ver¬ 
günstigung so weit gekommen, daß er zu etlichen Zeiten in den Zotten — und 
andere daselbst herumgelegenc Berge ging und die Wunder und Schätze der 
Erden darin sehen und nach Notdurft gebrauchen mochte. Wie in dem vor 
wenigen Jahren zu Amsterdam gedruckten Büchlein „vom Gewinn und Verlust 
leiblicher und geistlicher Güter“, als auch in der merkwürdigen Relation von 
den drei verbannten Geistern im Zotten-Berge (mit welchen Johann Beer 
persönlich Sprache gehalten hat) umständlich zu vernehmen ist.“ 

Frankenstein hat also hier das Vorhandensein des Manuskripts 
— der. Relation — bestätigt. 

Johann Beer hat wirklich gelebt. Sein Buch habe ich mit 
eigenhändigen, handschriftlichen Bemerkungen Frankenbergs auf der 
Breslauer Stadtbibliothek gefunden (8. B. 1146). Alles, was 
Frankenberg davon berichtet, ist richtig. 

„Gewinn und Verlust. ■ Das ist ein Geistlicher und sehr nütz¬ 
licher Bericht, wie man allerley Geistliche und Leibliche, Him- 
lische und Irdische Gütter gewinnen und verliehren kann. Herfiir- 
gegeben durch einen getreuen Liebhaber der Göttlichen und Natür¬ 
lichen Wahrheit,“ 93 Seiten und 12 mit einem Titelkupfer „Gewienst 
und Verlust Himmlischer und Irdischer gütter.“ Ein Druckort ist 
nicht angegeben, aber es zeigt dieselben Typen wie andere Drucke 
Frankenbergs, die in Amsterdam gedruckt sind. Der Kupferstich 
ist signiert A. 1638. In Holland, besonders in Amsterdam, druckten 
die deutschen Theosophen und Mystiker ihre Bücher. Dort herrschte 
mehr Glaubensfreiheit als in dem Deutschland des 30 jährigen 
Krieges. 

Das Büchlein trägt die handschriftliche, eigenhändige 
Widmung Abraham von Frankenbergs an den Herzog Georg Rudolf 
von Schlesien vom 1. Jan. 1641, und Frankenberg hat das Exemplar 
handschriftlich ergänzt und sorgfältig die Druckfehler corrigiert. 
Seite 10 und 11 ist als Autor des Buches J. B. angegeben, — 
Frankenberg hat am Rande handschriftlich vermerkt: Joh. Beer, 
Schulmeister zu Reichenau. 

Die Vorrede schließt A. V. F., 1. Augusti Anno 1634. „Folget 
das Büchlein Wie es der Autor beschrieben, und durch J. Sp. seinen 
Discipul abgeschrieben / Anno 1624 mir in trewen ist communicieret 
worden.“ Das Sp. hat Frankenberg in Springer ergänzt. S. 89 
ist am Schluß das Buch unterzeichnet mit J. B. S. Frankenberg 
hat handschriftlich darunter geschrieben: Johannes Beer Svidnicensis. 


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Das Vorwort Frankenbergs S. 10 und 11 gibt neue Fingerzeige: „Wol- 
gcdachter Autor J. B. hat im Jahre 1570 nicht weit von Bolkenhain in Schlesien 
gelebt und ileißig in der heiligen Schrift und im Thavlero studiert. Nachdem 
er zuvor die Bücher der heidnischen und vorwitzigen Künste hinweg getan, hat 
er durch unablässiges Gebet und Gottes gnädiges Erbarmen und Einläuchten 
endlich neben Göttlicher und natürlicher Erkenntnis der Arznei auch die Gabe 
bekommen, durch die geheime und versiegelte Pforte der Berge in die untersten 
Oerter der Erde einzugehen und daselbst (nebst würdigem und notdürftigem 
Gebrauch des inliegenden Gutes) den Geistern im Gefängnis zu predigen, wo¬ 
rüber noch heut mündliche und schriftliche Urkunden vorhanden. 1. Augusti 
Anno 1634. A. V. F. u 

Wir sehen aus diesen immer wiederkehrenden Hinweisen, welchen 
tiefen Eindruck das geheimnisvolle Abenteuer Heers auf Frankenberg 
machte. Auch Heers Huch schätzt er sehr hoch. Er gab ihm einen 
mystischen Titelkupfer und schickte das Huch an seinen Herzog als 
Neujahrsgabe. 

Heers Buch enthält folgenden Gedankengang: 

„Dieses Büchlein lehrt nicht allein, wie man vergrabene Schätze aus der 
Erden oder Gold, Silber und dergleichen andre Erze und Edelgestein aus den 
Bergen bekommen mag, sondern es lehrt auch, wie man allerlei geistliche und 
leibliche, himmlische und irdische Güter gewinnen und verlieren kann. Lies, 
verstehe es und greife zum Werk, so wirst Du befinden, daß hierin den Ein¬ 
fältigen nichts zu viel und den fleißigen Aufmerkern nichts zu wenig gesagt 
sei.“ Von Schätzen ist wenig die Rede. Es gibt vielerlei Geister: Die ersten 
sind gute Geister, die man Engel oder dienstbare Geister Gottes nennt. Die 
anderen Geister sind die, welche zwar noch nicht wie die Engel in Gott sind 
sondern ein herzlich Seufzen und Verlangen haben, daß sie in Gott sein möchten. 
Geist — Anne Geister. 

Die dritte Art der Geister sind böse Geister, die man Teufel oder un¬ 
saubere Geister nennt. Die vierte Art der Geister ist die abtrünnigste und 
allerärgste, aufgeblasenste und lügenhaftigste, nämlich die Geister so in den 
Menschen sind, die man Doppelten fei oder zweifache Teufel nennen mag. So 
sie vermahnt werden, daß ihre Werke böse sind, fahren sie zu, schmähen und 
lästern Gott und die Seinigen mit Worten, höhnen und töten sie. 

Der Mensch, der in Gott ist — der Gottesmann — darf den Geistern 
nahen. Die Engel nehmen ihn mit Freuden auf, den Geist-Armen naht er mit 
Nächstenliebe, die Teufel gehorchen ihm — er ist so mächtig, daß er dein 
bösen Geist gebieten kann, von demjenigen Gute zu weichen, das allein Gott 
und nicht den bösen Geistern zusteht. Sie geben ihm ihre Schätze heraus. 
Die Doppelteufel gehorchen nicht. Sie lästern den Gottesmann und töten ihn. 

Wer aber nicht in Gott ist, darf den Geistern nicht nahen. Sie versagen 
ihm den Gehorsam: denn sie halten sich für Herren, gleich wie Gott. „Und 
seind gleich einem Pferdedreck, der mit Äpfeln auf dem Wasser schwimmend 
spräche: Wir Apfel schwimmen daher / unangesehen, daß er nicht ein Apfel 
sondern ein Pferdedreck ist:“ Deswegen halten die bösen Geister auch die 

8 * 


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Güter fest, die sie verwahren. Denn wenn sie nichts behielten, so wären sie 
nicht mehr Herren. 

Auch dieses Buch ist ein Geisterzwang. Aber wo Wahl der 
Hölle mit dem Arcanum und der magischen Räucherei — dem Werk¬ 
zeug der Schwarzen Magie — entgegentritt und irdische Schätze 
hebt, zwingt Beer die Geister mit der Weißen Magie, mit der Kraft 
des Gottes in ihm, und sucht himmlische Güter. Er besitzt die 
Geheimnisse der „Arzenei“ und der Schätze. Der Stein der Weisen 
war das Geheimnis, gesund und reich zu machen. Die Lehre 
der Rosenkreuzer und die „Goldene Kette Homers“ (Aurea Catena 
Homeri) war eine Naturphilosophie, und Beer „beschaut die Wunder 
der Natur auf philosophische Weise“. „Er besaß das Mysterium 
Biblicum und das Magisterium Philosophicum.“ 

Das Büchlein ist von tiefster Innerlichkeit getragen. Es ist 
ein Versenken und Versinken in sich; ein seliges Lächeln auf den 
Lippen verschließt der Gottesmann die Augen vor dieser Welt, um 
ganz in das Licht seines Innern zu tauchen. Hier hören Raum und 
Zeit auf, dem Denken zu gebieten. Der reine Geist schwingt sich 
glorreich in das ewige Licht, und die Welt ist so fern, so weit, 
daß sie nur noch wie ein Stern llimmert. 

Im Vorwort des Buches (1634) erwähnt Frankenberg, daß da¬ 
mals mündliche und schriftliche Berichte von der Zobtenfahrt vor¬ 
handen waren. Aber er hat seinen Bericht erst 1641 in Tarnowitz 
„erstlich geschrieben“ — 17 Jahre, nachdem Springer ihn erzählt 
hatte, sieben Jahre, nachdem er das Vorwort zu Beers Buch ge¬ 
schrieben hatte. Kann es wundernehmen, daß diese Niederschrift 
vom Geist und Worte des Beer’schen Buches durchtränkt, ist? 
„Denn es ist kein Ding so gut, es kann auch böse sein; dagegen 
ist kein Ding so böse, es kann wieder gut sein“, den 6. Spruch des 
Buches, predigt wortgetreu Johannes Beer den Zobtenmännern. Der 
Ursprung der Sage ist die alte deutsche Sage von den verwunschenen 
Bergmännern. Hier sucht einer mit dem Schlüssel christlicher 
Mystik die verwunschene Pforte zu öffnen. Beers Lehre und seine 
Tat sind eins. 

Johannes Beers Persönlichkeit ist nun in geschichtliches Licht 
gerückt. Beer wurde in Schweidnitz als Sohn eines Bäckers geboren. 
In Krakau, der Hochburg der Magie und der Stadt des Königlichen 
Hofes, studierte er die schwarze Magie, gauz wie Faust, der dort 
zwischen 1530 und 1520 lebte. Aber er wendet sich von den „vor- 


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witzigen Kunstbüchern“, von der schwarzen Magie des Anton Wahl 
ab, und schreitet, wie der Goethe’sche Faust, den Weg von der 
schwarzen Magie zur weißen Magie. Er vertieft sich in Taulers 
Gottesminne, er versinkt in der Mystik der Bibel. Als studierter 
Mann schreibt er gleich vollkommen Deutsch und Lateinisch. 
1570 lebt er nicht weit von Bolkenhain, wandert in die Berge und 
besucht den Zobten. Er ist Schulmeister in Reichenau gewesen und 
hat als Naturphilosoph in einer einfachen Hütte in Schönberg gelebt. 
1000 starb er und hinterließ eine Witwe und einen Tochtermann, 
der Prediger in Adelsbach war. Sein Schüler war Johannes Springer. 
Beer steht zwischen Tauler und Boehme. Beers Manuskript lag 
schon 1000 vor. Boehme (1575—1624) verfaßte 1612 seine erste 
Schrift, die Morgenröte,die erst 1034 gedruckt wurde. Merkwürdiger¬ 
weise kam Beers Manuskript erst 1624 — dem Todesjahre Boehmes 
— in die Hand Frankenbergs. 

Auf Beers Grabe blühen die Wunder: 

„Noch viele andere und besondere l>inge könnten von dein sei. Gottcs. 
Manne hier augczogen werden, was er für Wunder im Riesen- und anderen 
Gebirge herum gefunden. Wie er denn auch des Mysterii biblici und Magisterii 
Philosophici (vermöge seiner hinterlassencn Schriften und Arbeiten) nicht un¬ 
kundig gewesen ist. F.r wollte aber viel lieber unter der Oecke seiner armen 
Bauernhüttc und leimernen Wand zu Schön bürg mit Gott und freiruhigem 
Gemnte bleiben, als in den Palästen und Häusern der Gewaltigen und Reichen 
einherziehen.* 

Die Witwe Beers erzählte laut Frankenberg: „Sie hätte gar oft 
bei Nacht einen lichten Schein neben ihrem Bett gesehen, vor 
welchem sie sich erstlich entsetzt hätte. Ihr Mann berichtete ihr 
aber, sie solle sich nicht fürchten. Es wären die heiligen Schutz¬ 
engel Gottes, welche ihm zum Dienst und Trost gegeben seien und 
ihre Nachtwache nicht ohne heimliches und heiliges Gespräch von 
Gott und seinem Wort allda versorgten.“ 

Wie er bei den Zobtenmännern den Höllenzwang (über oboe- 
dientiae) findet, so hat er den Stein der Weisen besessen, und aus 
Salomos clavicula — dem goldnen Schlüssel zur magischen Weis¬ 
heit — wird „ein schönes Positiv mit in Silber vergoldeten Cla vieren,“ 
auf dem Beer das goldne Lied der göttlichen Weisheit spielt. 

Weit und geheimnisvoll ist der Weg zu dem Gottesmanne Beer. 
Die drei Altväter sind aus der ehrwürdigen Tiefe der Berge heraus¬ 
gewachsen. Naturkräfte wurden zum Ebenbilde, das Unfaßbare ge¬ 
wann Gestalt. Es ist die Menschwerdung des Berges: Fortan lebten 


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die Altväter im Glauben des Volkes. Für Seelen, die von den Offen¬ 
barungen der Erde voll sind, wird ihr Leben zum Erleben. In ihnen 
wiederholt sich die Schöpfung: Sie treten in die Berge und schauen 
die Altväter. Beer und Boehme kannten die alte Sage. Als ihre 
See’o auf der Höhe des Berges von der ganzen Sehnsucht nach Gott 
und der ungeheuren Spannung des Gestaltungswillens gefaßt wurde, 
als sie nach dem Ausdruck, dem Bilde ihrer Sehnsucht schrie: Da 
sprangen die Tore des Berges auf. Sie sprachen mit den Altvätern, 
sie erlebten die Natur und hörten die altersgrauen Stimmen von 
Wind und Wald und dem Wüsten Schloß. Das Unvergängliche 
wurde ihnen zum Gleichnis. Aber die Schöpferkraft unserer Träume 
ist doch von' der Kraft des Schaffenden getragen. Jeder Spiegel 
wirft das Bild anders zurück. Und so schweben die altersgrauen 
Männer fortan in der Dämmerung der Beer’schen Magie. 

Der dichterische Gehalt der Sage hat Dichter und Dichterlinge 
begeistert. Man blieb an der Oberfläche und entfernte sich mehr 
und mehr von der Tiefe. Beispiele findet man bei Kühnau I, 546. 
Burghart 88 ff., Christian Stieff 1737, S. 274 und 731. 

Mit dem Beer’schen Geisterzwang ist die Sagenbildung erschöpft. 
Die Wissenschaft und die Aufklärung überfluten die Welt mit Lieht, 
und mit dem Halbdunkel der Sage ist es vorbei. Hin und wieder 
blitzt noch einmal der Glaube an das Gold aus der Tiefe. Die 
Schatzgräber halten zäh an ihrem Glauben fest: 1735 trifft Burghart 
Schatzgräber bei der Arbeit und man erzählt ihm, daß ein Bürger 
aus Zobten die Welschen einige Tage vorher verstöbert hätte. Bürde 
erzählt 1788 (S. 47—50) von einem geisteskranken Weibe, das auf 
dem Zobten hauste und von Schätzen und Schatzgräbern schwatzte. 
Die Schles. Prov. Blätter von 1798 (Bd. 28, S. 230) berichten: 

„Im Sommer 1797 waren ohngefähr zehn Personen einige Wochen laug 
auf der Höhe geblieben, um Schätze zu graben. Mein Führer zeigte mir ver¬ 
schiedene Stellen, wo sie Gruben gemacht hatten, und unter andern sah ich 
einen Ort, wo ein großer Stein ringsumher umgraben war, ohne daß sie ihn 
herausgenommen hatten. Sie waren arm und schickten immer einige aus ihrer 
Gesellschaft in das Tal hinunter, um Nahrung für sie zu erbetteln. Übrigens 
lebten sie ganz ruhig und taten niemandem etwas zuleide. Ihren Aufenthalt 
hatten sie in einigen Gewölben, die noch von ehemaligen Gebäuden übrig sind.“ 

Es war die Zeit um das Abendrot des 18. Jahrhunderts, die 
noch einmal die Welt in Gold tauchte. Alchemisten und Rosen¬ 
kreuzer grübeln über dem Stein der Weisen. Auch nach Zobten ist 
einer von ihnen versprengt worden. 


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Die Seliles. Provinzialblätter 1792, July, Seite45/40, berichten: 

„Das Städtchen Zobten ist ein schlecht gebauter, unbedeutender Ort: die 
Gegend aber ist desto schöner. Die Einwohner nähren sich meist mit Ackerbau 
und von Verfertigung verschiedener Holzwaren. Es lebt dort ein Mann namens 
Sievert, von dem ich doch ein paar Worte erzählen will, da er vielleicht schon 
manchem Reisenden viel Unterhaltung verschafft hat. Man hält ihn für einen 
Bettler; er ist's auch, aber von der Gattung der stolzesten Menschen der Art. 
Er gibt sich für einen Adepten aus, dem es nicht fehlen könne, den Stein der 
Weisen zu finden, und der schon manches Geheimnis der Natur in einem hellen 
Lichte erblickt habe. Er war aber keineswegs mit seinen entdeckten Geheimnissen 
geheimnisvoll. Er erzählte viel von den verborgenen Schätzen des Zobtcnberges. 
Schade, daß der Unglaube unserer Zeit Herz und Geldbeutel verschließt, und 
daß niemand — sich selbst und diesem armen Manne zum Besten — sich zur 
Hebung der Schätze versteht! Er zeigte nicht gemeine chemische Kenntnisse; 
Widerspruch und Zweifel waren ihm aber sehr ungelegen. Wahrscheinlich 
hatte ihm die Goldmacherkunst den Bettelstab in die Hand gegeben .* — 

Wiederum ist die Götterdämmerung einer Welt hereingebrochen, 
und die Mystik erhebt aus den Trümmern ihr Haupt. Die Menschen 
unserer Zeit werden im Zobten kein Gold und keine blauen Saphire 
suchen. Sie suchen den smaragdgrünen Wald, das Sonnengold und 
den blauen Himmel. Die Altväter werden aufs neue mit der Stimme 
des Waldes und mit Bergpsalmen zu ihnen reden. Und das weiß 
eine Zobtensage 1 ) vom Ende der Welt zu melden: 

„Im tiefsten Bergwald weilen die Siebenschläfer. Ihre Rosse 
am Zügel haltend, den einen Fuß im Bügel, den andern auf der 
Erde, so stehen sie da, Mann und Roß im tiefsten Schlaf versunken. 
Wenn das Ende der Welt gekommen ist, envachen sie und schwingen 
sich auf die Rosse.“ 

In unseren Tagen sind die Siebenschläfer erwacht und führen 
uns im Kampf gegen die Welt. 


Literatur. 


1592* Franciscus Fab er (Köckritz) Primitiac Silesiacae sive Sabothus et 
Silesia. Erster Druck 1592 in Nie. Reusner Itinerarium. Beste Ausgabe 
1715 von Gottfried Tilgner. Großer Commentar bei Fuldoner 1731. 
Teilweise übersetzt bei Burghart. 

l ) von Riedel 1873 in Schles. Pr. Bl. S. 26 aufgezeichnet, vgl. Kuhiiau 
III, S. 17. 


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1638« Johann Beer „Gewinn und Verlust“. (Amsterdam 1638) mit Vorrede 
von Abraham von Franckenbcrg. 

1651* Abraham von Franckenbcrg. Gründlicher und wahrhafter Bericht 
von dem Leben und Abschied Jacob Borhmens 1651. Abgedruckt in der 
Gesamtausgabe Gichteis 1730. 

1667. Na so. Phoenix Redivivus. Breslau 1667. S. 250. 297. 

1667* Johannes Praetorius. Gazophylaci Gaudium. Das ist: Ein Ausbund 
von Wünschelruten. 1667. S. 225. 

1679. Bohuslaus Balbinus. MiscellaneaHistoricaRegniBohemiae. Pragl679 
I. S. 17. 

1700. Martin P rause. Ordentlicher Wegweiser auf den Zothenberg. Ohne 
Jahr (Stadtbibliothek). 

1704. Michael Josef Fibiger. Silesiographia renovata. Breslau 1704. 

S. 137 ff. (Neuausgabe von Henels Silesiographia 1613, sehr erweitert!) 
1718. 1728. Sammlung von Natur- und Medicingeschichten. 1718. S. 939 ff. 
1723. S. 169 ff. 

1720. Georg Anton Volkmann. Silesia subterranea. 1720. Teil II. cap. II 
§ 9. S. 197. 208. 212. 220. 266. 33. 18. 104. 203. 

1720. F. W. Sommer. Silesia ante Piastum. 1720. S. 37 ff. 

1781. Oeconomische Fama. Teil V num. II S. 30 abgedruckt bei Volkelt S. 171 
— 190 und Burghart S. 152. 

1786 Gottfried Heinrich Burghart. Iter Sabothicum. Breslau 1736. 
S. 55. 83. 150. 152. 166. 

1787. Christian Stieff. Schlesisches Historisches Labyrinth 1737. S. 274. 
715-734. 

1784. C. G. Lehmann. Nachricht von Walen. 1764. S. 104. 105. 

1776. M. Johann Volkclt. Gesammelte Nachrichten von Schics. Berg¬ 
werken. 1775. S. 102. 157. 170-190. 

1788. Samuel Gottlieb Bürde. Der Zobtenberg nach der Natur gezeichnet 
Breslau. 

1782. Bruchstück einer Reise in die Grafschaft Glatz. Schl. Prov. Bl. 1792. 
Bd. 16, S. 45. 46. 

1798. Eine Reise von Breslau nach dem Zobtcnberge. Schl. Prov. Bl. 1798. 
Bd. 28. S. 213-237. besonders 230. 

1842. Uber die Benutzung des Serpentins in Schlesien. Schl. Prov. Bl. 1842. 
Bd. 115. S. 113. 

1*873. R. Riedel. Volkstümliches vom Zobten. Schl. Prov. Bl. S. 25 ff. 

1900. Codex Diplomaticus Silesiac. 20. S. 83. (Walenbuch). 



J* t' * 


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Wortgeschichtliche Studien III. 

Von Dr. Georg Schoppe in Breslau. 


Die hier vorgelegte Zusammenstellung verdient die Überschrift 
nicht. Sie ist mehr wieder ein Beitrag für das schlesische Wörterbuch. 
Anfangs war die Absicht, wie in den im 18. und 19. Bande der 
Mitteilungen erschienenen Abhandlungen, ein paar wortgeschichtliche 
Fragen in breiterer Ausführung vorzulegen. Der Anfang dazu war 
auch gemacht, da fielen aber beim Durchsuchen der Zettelkästen eine 
Menge Belege heraus, die für das Schlesische wichtig schienen. 
So bekommt die ganze Arbeit etwas Zusammenhangloses. Die Belege 
von der Hedwigslegende wollen einen Vorschmack liefern für das, 
was aus dem Werke herauszuholen ist. Hoffentlich ist es bald 
möglich, den geplanten Neudruck mit sprachwissenschaftlicher Ein¬ 
leitung und Wörterbuch fertig zu stellen. — 

Abbilden. ,Nicht kan man dies vorschreiben oder mahlen, 
es lasset sich mit keinem Circel oder Feder entwerffen oder abbilden. 
A. v. Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 66. (vgl. DWB.) 

Abdachung von Gombert, Grosz Strehlitzer Programm 1888/9 
Seite 2 aus Londorp vom Jahre 1616 belegt, findet sich sehr oft 
bei Speckle 1582 Architecture an Vestungen. 

Abkehren, (vergl. Fischer I, 84 s. v.) 

Und dir solt ich auch nicht abkeren 
Du loser Schelm? 

A. Calagius 1599 Rebecca B 7 a . 

Abstechen. Der hohe Ofen wird gewöhnlich alle 12 Stunden 
abgestochen, d. h. das aus dem Erze geschmolzene Eisen wird aus 
dem Herde, wo es sich gesammelt hat, abgelasseu und theils in 
Gänsen, theils in Blechen gegossen. 1 J. Fr. Zöllner 1792 Briefe 
über Schlesien I, 268, zu Gans vgl. DWB. IV. 1, 1, 1265 d. 

Abtritt findet Weigand-Hirt schon 1678 bei Kramer. Beinahe 
100 Jahre früher steht, es bei J. Kellner 1589 Beschreibung deß 


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Königreichs China 24: ,l)erselbigen Gassen jede hat drey oder vier 
Abtritt, oder gemeine Örter, die fleißig besorgt werden, damit 
diejenigen, so zur unvermeidlichen Leibs Notturfft gedrungen werden, 
die gemeinen Gassen nicht verunreinigen. 4 

Adamisch. ,l)as alte adamische, indische, tödliche Fleisch .. 
gehört in die Erde. 1 A. v. Frankenberg 1676 Nosce te ipsum 110. 

Alberkuzen: .T. Schettler verwendet das Wort nicht selten, z. R. 
in der Ausgabe seiner gesammelten Streitschriften, der Ecclesiologia, 
vom Jahre 1735 Vorrede 4 b . Denn da wird er sehen, wie — alber 
Albertus gealberkutzet. . . hat,, 4 I, 460 b : ,Wird also der Jurist 
bekennen, daß . . der Praedicant ignorantiam defendendi gegeben, 
und alberkutze; 4 I, 462“: ,Denn die ganze Welt wird sehen, daß er 
gealberkutzet hat. 4 Davon wird gebildet Alberkuzerei: bei J. 
Schettler, a. a. 0. I, 541 b : ,Pfuy dich der alberkutzerei! 4 

Allgemeine Bildung. Habe ich auf den Ausdruck nicht genügend 
geachtet, oder taucht er wirklich erst am Ende des 1<S. Jahrhunderts 
auf? Mein frühester Beleg stammt aus dem Jahre 1793 bei J. Fr. 
Rebmann, Briefe über Jena 91: ,Unsere allgemeine Bildung 
oder vielmehr — Verschliffenheit kommt der neuen Eleganz gar sehr 
zu Hülfe. 4 Nicht unerwähnt aber soll bleiben, daß ein jüngerer 
Bekannter, dessen Studien über die Bauernbefreiung in Schlesien 
ziemlich Weit gediehen waren, als der Krieg ausbrach, der nun schon 
lange in Rußland ruht, mir erzählte, er habe den Ausdruck in einer 
Beschreibung der Waldenburger Verhältnisse gelesen, wo lobend die 
allgemeine Bildung der dortigen Bevölkerung erwähnt worden 
sei, worunter man verstanden habe, daß die Bevölkerung Fertigkeit 
im Lesen und Schreiben besessen. — 

1807 fand sich dann der Ausdruck bei Ernst Wagner ,Reisen 
aus der Fremde in die Heimat (sämtliche Werke VII, S. 29): ,Vollends 
in Rücksicht der allgemeinen Bildung ist und bleibt der er¬ 
habenste Grundsatz dieser, daß von dem gebildeten Regenten selbst 
alle Kultur ausgehen und sich der gesararaten Menschheit seines 
Staates mitteilen müsse. 4 Im Original sind die Worte gesperrt. Darf 
man daraus schliessen, daß damals der Ausdruck anfing schlagwortartig 
zu werden? Von dem 3. Jahrzehnt ab häufen sich die Belege. 
A. H. Niemeyer 1824 Beobachtungen auf Reisen IV, 1, 18: Er 
war ein gewaltiger Sprecher, auch nicht ohne eine gewisse allgemeine 
Bildung. 4 Vgl. noch IV, 2, 339, 347. W. M. L. de Wette 1828 
Theodor 1, 76: ,Die allgemeine Bildung, die er sich verschafft 


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hatte, war eine gute Grundlage, auf der er weiter bauen konnte; 1 
A. H. Rehberg 1829 Polit. histor. kl. Schriften 252: Herr Möller 
bemerkt zwar mit Grunde, daß das englische Recht, weil es ganz 
national ist, doch zur allgemeinen Bildung von Staatsmännern 
mehr beitragen kann, als das römische Recht in Deutschland. 1 Der 
Satz stammt von einer Besprechung des mir vor der Hand nicht zu¬ 
gänglichen Buches von Adam Möller, 1808/9 Die Elemente der 
Staatskunst, die zuerst in der Allgem. Bit. Zeit. 1810 erschienen 
war. In Schleiermachers Briefwechsel mit Garz steht der Ausdruck 
S. 81, Pückler-Muskau verwendet ihn öfter in Tutti Frutti (1834) 
z. B. II, 28: ,Bei dieser vortrefflichen Verfassung des Militärwesens . . 
fängt sich bereits auf das sichtlichste eine allgemeine Bildung zu 
entwickeln an; und III, 105: ,welche (Verfassung) Willkühr verbannt 
und der allgemeinen Bildung ein sicherndes Organ in der Volks¬ 
repräsentation gestattet. 1 Aus der späteren Zeit seien nur noch ein paar 
Namen mit Quellenstellen angegeben: YV. v. Rahden 1840 Wanderungen 
I, 371; C. Venedey 1839 Preußen und das Preußentum 75; 
V. A. Huber 1855 Reisebriefe I, X; Soziale Fragen (1809) VII, 
20. 22. usw. Zu den größten Gegnern der sogenannten allgemeinen 
Bildung gehörte bekanntlich de Lagarde. Man vergleiche z. B. 
Deutsche Schriften 180: ,Wir müssen aufhören, dem von Hegel und 
dem Provisor alles Giftes im deutschen Unterrichts wesen, Johannes 
Schulze, in die Luft gemalten Phantome einer allgemeinen, das 
heißt, alles Wissenswerte umfassenden und in jedem gleichmäßig 
vorhandenen Bildung nachzulaufen. 1 Diese bescheidenen Beiträge 
machen natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, verzichten auch 
auf weitere Bestimmung und feinere Unterscheidungen im Sprach¬ 
gebrauch: sie wollen nur die Aufmerksamkeit auf den Ausdruck 
hinlenken und zur weiteren Nachspürung über sein Aufkommen auf¬ 
fordern. 

Altreuss(e). Vgl. DBW. I, 273, VIII, 953: Weigand-Hirt II, 48, 
Lexer I, 45. Ich füge zu den wenigen Belegen ein paar hinzu. 
Paulus Amnicola 1524 czu errettung den schwachen Ordenspersonen 
H 2 a : ,und heut am tage seynt sie, mit yren schrillten, zu knyrschen, 
und zu nichte machen, die yrende und vorfuhrliche lere Luters des 
altreussens, der alle vortylgte ketzerey vornawet, und wyder 
flycket. 1 J. Agricola 1585 Terentii Comoedia Andria 2: ,Ein 
rechter Altrenße, unsers Herr Gotts Poet 1 ; ähnlich 4 b ,Altreißen 
dicuntur Satores privati. 1 A. Beier 1085 der Meister bei den Hand- 


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werken 211. ,Hier sind die Altreußen also Schuster, die uicht in 
der Zunft sind. 4 

Altweiberisch. ,Zugeschweigen daß man eine abergläubische 
altweiberische Volltaufe daraus machen . . sollte. A. v. Francken- 
berg 1 t»JS4 Jordanssteine 137. 

Ampel damit bei seinem Grabmahle . . eine brennende Lampe 
(oder wie man hier spricht Ampel) unterhalten wurde. 4 J. Fr. Zöllner 
1792 Briefe über Schlesien 1, 49. 

Anberg, das im DWB. fehlt, haben wir bei E. G. Happel 
1683 Bel. curiosae (1685) II. 144 a : ,die traurig-erstorbene Gestalt 
der An berge; 4 ferner bei K. Sali mann, (1880) neue Beiträge 
der deutschen Mundart in Estland. 58: Anberg — die sanft an¬ 
steigende Böschung eines Hügels; mnd. anbergt. 4 

Anführen, vgl. Gombert, Groß - Strehlitzer Programm 1888/9 
Seite 4, wo das Wort in der Bedeutung täuschen aus Stammlers Über¬ 
setzung des Sleidanus vom Jahre 1557 beigebracht war. Hierauf 
bezieht sich Weigand — Hirt I, 59. Etwas früher ist folgende Stelle 
aus Joh. Herolt 1540. Vom Adel und Furtreffen Weibliches ge- 
schlechts D 4 b : ,Das der teuffei dem weil) so gefahr gewesen, und 
sie also zum ersten anzufüren begierig, ist der ursach geschehen. 4 

Anglemmen: 4 Damit nu unser Hertz . . auch zur Gottseligen 
frewde vber dem thewren Verdienst Jesu werde angegletnmet, so 
haben sie uns bald vrsach wollen geben. 4 V. Herberger 1611 
Passionzeiger 35. Wir haben die schwache Beugung des Wortes also 
nicht erst im 18. Jahrhundert! 

Anheimsuchen: ,mit was für schweren hart-drückenden Land¬ 
straffen und plagen . . der gerechte und eifferige Gott unser Vater¬ 
land etliche Jar hero nacheinander anheim!» gesucht". Abraham 
von Franckenberg 1646 Christi.-Fürstl. Bedenken und Außsclueiben 102. 

Anneiglichkeit. (im DWB. nur anneiglich aus Claudius.) ,Ferner 
vergleicht die heilige Schrillt den Himmel mit einem auß Ertz ge¬ 
gossenen, Crystall hellen, hochst-polirten, reinsten durchscheinenden 
Spiegel, darinn aller Geschöpfte, Gattungs-Arten, Leben, Sitten, An- 
neiglichkeiten und Handlungen durch der Gestirne und Planeten 
Bezeichnungen aufs klarste erscheinen. 4 A. v. Franckenberg 1684 
Gemma magica 54. (geschrieben 1641.); und Seite 43: t denn es 
unterstehet sich die lufft, ihrer Natur, Eigenschaft und naturlich- 
angebohrnen Aneiglichkeit nach, alle Dinge in die luftige Art 
durch dünnemachen und austrucknen wieder zurück zu bringen. 4 


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125 


Aufschwinger. Sinteraual Menno, von dem die Menisten gen ennt 
werden, nicht jlir Anfänger, sondern nur ihr Au ff Schwinger oder 
Fendrich gewesen ist. J. Scheffler, Ecclesiologia I, 365 b . 

Augenrohr (fehlt ein DWB.) Wie durch obgedachtes Augen 
Rohr vor wenig Jahren in Frankreich . . wahr genommen 1 Abraham 
von Franckenberg 1646 Oculus Sidereus I) 2 \ 

Ausbürgen: 

er hat den todt erwürget, 
und uns all ausgebürget, 
das uns forthin nichts schaden kan, 
so wir bleiben auf! seiner bau. 

V. Triller. 1553 ein schlesisch singebiichlein K 4 *. 

Ausgrünen, (im DWB. ohne Beleg, nur in der Bedeutung de- 
sinere virere). ,und wird ein neu Gewächs durch Christi Tod in uns 
ausgrünen. Abraham von Franckenberg 1676 Nosee te ipsum 117. 

Ausschlag, (vgl. DWB.) ,und mit gerechtem Ausschlage das 
Werck des Herrn trewlichen zu befördern wissen.’ Ab. v. Francken¬ 
berg 1649 Über und Wider den Greuwel der Zerstörung 24. Das 
Wort bedeutet hier natürlich Erfolg. 1 

Ausschrift. 4 daß ihr mich in der Außschrift für einen Meister 
der H. Schrift achtet, daran thut ihr zu viel. A. v. Franckenberg 
1684 Jordansteine 8. 

Ausschweifen. 

,So sah man hier und dar 

Wo selbst der Erdengrund ganz ausgeschweifet war, 

Der stärksten Eichen Stamm und Buchen niedersinken. 1 

G. E. Scheibel (Breslau 1752) Witterungen 10. 

Ausprutten. 4 und erlöste also balde, diße Schwester, vonn der 
ferlichkeit des grades (der Gräte), welches ir als balde aus ihrem 
halsze quam, und gantz blutfarbe also aussprutte. 4 1504 Hedwig¬ 
legende 43“. 

Bangsam: (vgl. DWB. 1,1105; Sanders 1,78; Ergänzungswb. 
39. Das Wort tritt hauptsächlich bei schlesischen Schriftstellern 
auf. ,In diesen stillen, und bangsamen Einöden. 4 G. Opitz 1748 
Merkwürdige Nachrichten I, 103. 

Bannerflüchtig, ist von Gombert, Groß-Strehlitzer Programm 
1888/9, Seite 11 aus dem Jahre 1528 belegt worden. Früher (1441) 
haben wir das Wort im Cod. dipl. Jjus-super. 4,197; dann bei 
S. Grün au, Preußische Chronik II, 4.: 4 dem sollte man das Haupt 


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126 


abschlagen wie einem bannierflüchtigen, Caspar Guetel 1522 
Eyn selig new jar J i *: „nicht wie panerflüchtiger treulosen 
buben art ist;’ Egranus Ungedruckte Predigten 25: ( Zceitlich wehren 
sie bannerfluchtig worden/ 

Bärtel. , Eigentlich ist in dieser Tracht (der Schlesierinnen) 
nur der Kopfputz oder das sogenannte Kasket national.. Der vordere 
Theil (des Kaskets) heil.lt das Schiff, und der hintere der Deckel. . 
Zur Schleife oder Masche, wird ein reiches Band genommen. 
Unter das Kinn hinab laufen zwei schwarze Bänder, die mit Flor 
oder schwarzen Spitzen besetzt sind, und die Bärtel heißen/ .1. Fr. 
Zöllner 1792 Briefe über Schlesien I, 169. 

Baum. ,Ein solcher Hörner- oder Hornschlitten hat die größte 
Ähnlichkeit mit unsern gewöhnlichen Rennschlitten. Nur gehn die 
gekrümmten Bäume oder Kufen nicht vorn in eine Spitze zusammen, 
sondern stehn richtauf wie Hörner/ .1. Fr. Zöllner 1799 Briefe 
über Schlesien 11, 195. 

Bedingsschluss. ,dann auch der Magnetischen Natur und Eigen- 
schafi't, gedachte Bedings- oder Behülft-Sc hin ß von Beweglichkeit 
der Erden, for sich genommen/ A. v. Franckenberg 1644 Genius 
Sidereus B 4 b ; Bedingungsschiusz steht 0 2 a : t Als ich achte . . 
nit darfor, daß der Vorgestellete Bedingungsschluß, von Beweglich¬ 
keit der Erden, und Unbeweglichkeit der Sonnen, nach yhrem rechten 
Verstände, so gar hart, wieder und von dem Geist- oder Sinne der 
Biblischen Sprüche anstöß- und abstümmig, noch auch den übernatür¬ 
lichen Glaubens-Puncten zugehörig sein solle/ Bedings-Satz. B 2 b . 

Bedürfnis. Wie alt ist die Redensart: einem dringenden (längst 
gefühlten) Bedürfnis, u. a. abhelfen? Mein ältester Nachweis stammt 
erst aus dem Jahre 1893: ,sondern um einem dringenden Be- 
dürfniß abzuhelfen/ A. F. W. Crome. Selbstbiographie 174. 
,Einem lange gefühlten Bedürfniß unserer Nation ist abgeholfen.’ 
H. Marggraff 1837 Bücher und Menschen 135. ,Die von Ihnen 
unternommene Zeitschrift kommt einem sehr gefühlten Bedürfnis 
der Freunde des vaterländischen Altertums entgegen.’ Uhland 1840 
an M. Haupt. Briefe HI, 165. ,entsprach es (das Büchlein) auch . . 
wie man zu sagen pflegte, einem längst gefühlten Bedürfnis. 
L. Steub 1888 Aus Tirol 210. ,Einem längst gefühlten Be¬ 

dürfnis abzuhelfen/ A. Glasbrenner 1844 Verbotene Lieder 
129. ,Es (die Gründung einer katholisch konservativen Leitung) ist 
ein wahres und weithin gefühltes Bedürfnis/ J. Fr. Böhmer 


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12 * 


Beschmeisz (nicht im I)\VB). 

,Sich, wie mein Leben heut verblühet, 

Durch Meineyd und Beschmeisz versengt, 

Gleich als ein Blum durch diird gekrenckt. 

A. Calagius Susanne C 4 a . Zu Dürde vgl. DWB II, 1720. 

Bestärkung: ,Jedoch umb etlicher noch Unwissenden unterricht, 
und der Wissenden fernerem Bestärckung willen wollen wir nur 
ein einiges, so aber anstatt vieler anderen genugsam beglaubet, und 
wohl Merck- und Folgwördig seyn kan, nehmlich hiernach gesetztes 
Christfürstliches Bedencken Außschreiben. 4 A. v. Franckenberg 
1646 Christfürstl. Bedencken 6. 

Beteilen: , . . daß die Beute sehr reichlich sein müßte, wenn 
alle Weiber und Kinder damit betheilet werden solten.* G. Opitz 
1748 Merkwürdige Nachrichten I, 234. 

Betrappeln, (vgl. DWB. I, 1709). 

Sie geben vor, wie sie dieselb 
Weiß nicht, ob vielleicht im Gewelb 
Betrappelt, oder in dem Garten 

A. Calagius 1604 Susanna C 8 »; für betrappeln gebraucht der 
Dichter auch bet rippen: 

,Am Wort und Pfort du mußt bestan 
Sam habet im Ehbruch sie betript. 4 B r , b . 

Betrüttling? ,Unsere Bischofle haben allein Gewalt Priester zu 
berußen und zu weihen, haben sie aus dieses eures Betriittlings 
unmöglicher Unibstossung, und ihrer selbst eignen Bekandtnüß zu 
erkennen.* J. Scheffler Ecclesiologie I, 641 b . 

Bezeichnen: ,Auch underweylen betzeichenete sy mitt dem- 
selbigen bilde (der Mutter Gottes) dy krancken, szo wurden sy also 
durch die gnade gottes . . gesundt von ihren kranckeytten. 4 1504 
Hedwiglegende 32 a : d. h. Sie machte über sie das Zeichen des 
Kreuzes. 

Bezeichnung. ,das zehende und letzte Gebot stellet uns die 
Art der Beschaffenheit auffs breiteste genommen vor Augen, in 
welcher alle Classen der Bezeichnungen Zusammenstößen.’ A. v. 
Franckenberg 1684 Gemma Magica 138. 

Bildichkeit. .Eine ewige unendliche Bildichkeit Göttlichen 
Willens und Worts, daraus das ewige Liebe-Wort von Ewigkeit 
urstAndet. 1 A. v. Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 50. 


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129 


Bildreich, (vgl. Lexer I, 275.) ,Eine Bildreiche Form 
eines vollkommenen Menschen, das wir lernen gleich stehen, und 
uns lassen in allen dingen, wie es Gott über uns angesehen hat.’ 
A. v. Franckenberg 1(134 Gewinn und Verlust 50. 

Bildsam. Weigand- Hirt und Kluge, EWB. berufen sich auf 
Gomberts Ausführungen, Groß-Strehlitzer Programm 1892/93, Seite 14 
fg., der als frühesten Beleg Stellen aus Wieland vom Jahre 1751 
und 1752 anführt. Wir haben aber das Wort bereits aus dem 
letzten Viertel des 14. Jahrhunderts: Johann von Neumarkt, das 
Leben des heiligen Hieronymus 54 (Benedict): ,Umgurtet euer hufft 
mit der keuschen reinikeit, traget brinnende licht in euren henden 
bildsames lebens, das aller mennicMch gebezzert werde; 1 und 
Seite 128: .Aber leider, das ich doch mit grossem smertzen reden 
muz, ist ir gar lutzel, die sulcher heiligen bildsamen leben, iren 
tugentlichen Werken, irer meisterlichen lere volgen wollen. 4 Bild¬ 
sam bedeutet hier vorbildlich. 4 

Böckinzen. (Seine Gestalt ist) 

Nicht hübscher, denn des andern, Alt, 

Erdfarben, krätzig, rauch triffäugicht, 

Bokintzend, hinckend, kurtz, Zanluckicht, 
Groszmäulicht, und breit über Rück. 

A. Calagius 1(504 Susanna C 5 b . (nach dem Bocke riechen.) 

Bocksbeutelei: ,Bocksbeutelei in edle Wohltätigkeit ver¬ 
wandelt. 4 Schl. Prov. Bl. (1865) 41, (519. 

Brauen: (vgl. DWB. II, 323,3) 

,Bleib, hör, was hab dein Fraw gebrawen. 4 

A. Calagius 1(504 Susanna B s a und C 7 a : (einbrauen.) 

.Fehlt kaum, mein Gsindlein hat gebrawen.* 

Brautlauf. 

,Die Gast wendt ab vom großen Mal, 

Ilirs Feldes, Viehs, und Brautlauffs wähl. 4 

A. Calagius 1(502 Kurtze Summarien B, a . 

Brücken (pflastern). 

,Die Gassen alle sind durchaus 
Mit klarem Gold gebriikket. 4 

J. Scheffler 1677 Sinnliche Beschreibung der vier letzten 
Dinge 64. 

Bug: (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 88; DWB. II 494), und 
rennen in vollem Biegen, so weit nicht hohes Gras vorhanden, mit 

Mitteiluugeu d. ScUles. Ge», f. Vkdc. ßd. XX. 9 


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130 


ihren leichten Pferden davon. 1 G. Opitz 1748 Merkwürdige Nach¬ 
richten I, *238. 

Bügeln, (vgl. DWB.) ,Sie (die Schleißerinnen oder Schleußer- 
innen) sorgen für die Reinlichkeit der Zimmer, ziehen die Dame 
an, stricken, plätten, oder (wie man hier spricht) bügeln. 1 J. Fr. 
Zöllner 1792 Briefe über Schlesien I, 168. 

Bürgerrecht: mußten wir beyde ins loch kriechen, und also 
zu Damasco das Bürger-Recht annehmen. 4 F. v. Troilo 1676 
Orientalische Reise-Beschreibung 451. Ironisch gebraucht, sie wurden 
gefangen gesetzt. 

Busszucht: ,daß dannen hero sie auch dem Menschen solche 
äußerliche harte und strenge Buß-Zucht mit Fasten, Wachen, 
Beten . . aufferleget. 4 Abraham von Franckenberg 1684 Jordans¬ 
steine 37. 

Dalde? ,wenn sy dar eynn (in die Kirche) kam, dalde czolie 
sy dy (Schuhe) wider vonn den fussenn. 4 1504 Hedwiglegende D, b . 
(mox nudatis pedibus.) vgl ndl. dadelijk = sofort? 

Dank. (vgl. Mitteil. XIX, 222). Ich trage noch nach, I) Dank¬ 
gratia bei Matthis Zell 1523 Christliche Verantwortung f s b : ,sondern 
wöll gern annemen verstandt, woh&r er körne, auch gern volgen wer 
jn fürte, vnd jm darzu großen danck sagen. 4 

II) Dank-Wollen. ,Blibet abir ein wie tot adir lam von einis 
mannis schuldin unde doch au sinen dank, unde tut her do sinen 
eit czu, her blibet is ane buze, als hie vor geredit is. 4 Neumarkter 
Rechtsbuch 185 (Meinardus); 195: ,also daz is gescheh an sinen 
Dank. 4 ,du würsts (das Evangelium) müssen on dein danck vnd 
mit Zerstörung deins gantzen reichs lassen fürgon.' Matthes Zell, 
a. a. 0. b 4 a ; ,also rauste der gute Keyser on sein danck auff 
sein, und jm Siriam zihen, Anno 1228. 4 N. Amsdorff 1534 Ein 
kurtzer Auszog F 4 b : t sie sagen man hab jm das Keyserthumb vnd 
die Krön wider seinen danck vnd willen auffgedrungen. 4 
W. Waldner 1567. Von Ankunft des Römisshen Kayserthumbs an 
die Deutschen 61: ,da müssen auch die frembde Gäst bey jhnen, 
mit flaisch essen, oft ohn jhren danck. 4 M. Eisengrein 1568 
Beschaidene . . erklärung 17»; ,aber da sie vor dem Schloß lagen, 
ward das Haus gespeißt ohn jren danck. 4 Hans Regkmann 1619 
Lübeckische Chronik 78. 

Dankllch. (vgl.Lexer I 417) ,dy (Schuhe) nam sy denglichen 
auf, und trug dy. 1504. Hegwiglegende 23 a . (gratanter accipiens.) 


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131 


Dauer (vgl. DWB. II, 839) 

,Dich lang bedenckst, und siebest saur, 

Ich setz dir mit dem Spiesz ein taur.' 

A. Calagius Rebecca 2,“. (Zeitraum, Zeit.) 

Daumenmässig (nicht belegt.) ,Welcher Staub . . wie an dem 
aller subtilesten Bley-Staube, der kleinen daumenmäßigen Sand- 
nhrlein Zusehen, gleichsam wie Wasser ist.' A. v. Franckenberg 
1644 Oculus Sidereus G, b . 

Dohne, (vgl. Mitteil. XVII, 84.) ,0 wie ein schrecklicher 

großer jammer ists, wenn ein ubeltheter ein jar, zwei, drei oder vier 
im elend umblauffen, ein monat zwei oder drei in einem tieffen, 
finstern und unfletigen thurm sitzen, eine halbe vierthel stunde an 
der dohne stehen und kaum zwei oder drei augenblick lang mit 
fewer angestoßen werden.' Sigesmundus Suevus 1572 Trewe 
Warnung, für der leidigen verzweiflelung G, b . 

Dohnen: 

,Das jung gewohnt, und alt ge (lohnt. 

Mehr dann zu viel, der Arbeit schont.' 

A. Calagius 1595 Rebecca D, a . 

Drängeln, (vgl. Gombert, Festschrift für die dreizehnte Haupt¬ 
versammlung des allgem. D. Sprachver. (Breslau 1903) 52 fg. Hin¬ 
zugefügt sei aus einem Briefe Lünings an L. Feuerbach vom 
4. August 1861 eine Stelle (W. Bolin II, 271): ,und es ist möglich, 
daß der Philister sich durch den dummen Schluß in dem Grund¬ 
satz befestigt, nur niemals zu drängeln.' 

Dreiblätterich : ,alles nach der Heiligen Gottes-Lehre, und dem 
Hochedelsten Schatze des Dreyblätterichen Wunder-Buchs der 
Natur, zu dem Grunde der Weißheit-Liebe und Hochedelen Chimiae 
durch das wahre Oehl . . hervorgesucht und herausgegeben.' A. v. 
Franckenberg 1675 nosce te ipsum, Titel. 

Dreschgärtner. 

,Da feyrte keinen Tag der Dreschegärtner Müh 
Und unverdroßner Fleiß.' 

G. E. Scher bei (Breslau 1752) Witterungen 7. 

Drüs(e) (vgl. DWB. II, 1459,3.) 

Weh mir, potz druß. 

A. Calagius 1599 Rebecca F, a . 

Durchriss: ,sondern dieser hoch verdamliche Durchriß in 

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132 


seinem freyen und sichern Hinlauflf zu lassen sei. 4 A. v. Francken¬ 
berg 1667. Von dem rechten Kirchen-gehen 29. 

Durchschaulichkeit: (nicht im DWB.) ,Diesem heiligen Blicke, 
und sehligen AutTgauge der gebenedeyeten Morgen-röthe Göttlicher 
Weißheit, aber nun etlicher maßen entgegen zu gehen, ist allhier 
in nächstfolgendem Bericht, von Bewegung der Erden und den 
Lichtern deß Himmels, die bis anhero versiegelte Pforte zu der 
Gestirneten Tiefife, oder unbeglaubeten Durchschaulich-heit der sicht¬ 
baren Welt eröffnet. 4 A. v. Franckenberg 1644 Oculus Sidereus 5. 

Durchschnitt, (vgl. Gombert, Programm 1896/7 Seite 10, der 
das Wort im Sinne von Durchmesser aus dem Jahre 1653 belegt.) 
, . . . mir Anno 1643 eine iäculara Solarem gewesen, welche größer 
als der dritte theil Diametri Solario, in der Sonnen Durchschnitt 
gewesen.* A. v. Franckenberg 1644. Oculus Sid. C 4 b . 

Dürfen: (vgl. Drechsler, Germ Abh. XI, 97.) 

,Jetzt darff ich deines fleiß und trew. 4 

A. Calagius 1599 Rebecca a 7 \ 

Dorrlendig. 

,Ja mein ich, du den Teufel banst, 

Als etwa ein durlendig Hun. 4 

A. Calagius 1599 Rebecca C H b . 

Eigenheit: Mitteil. XVIII, 31 war die Hoffnung ausgesprochen, 
dacz es vielleicht gelinge, die Bindeglieder für das Wort aus dem 
mhd. in dem Anfang des 18. Jahrhunderts zu finden; hier kann 
inzwischen ein Beleg aus dem friihnhd. beigebracht werden: ,Die 
herren retten b(ruder) Gangwolffum an, und er auch sprach, es wer 
min eigenheit mitgeben, er solte des unchristlichen hundes Witolden 
brieft nit aufnemen. 4 S. Grunau, Preußische Chronik I, 731 (Perlbach.) 

Im 17. Jahrhundert ist das Wort im Kreise der Spiritualisten 
ganz gewöhnlich. Ich gebe eine kurze Auslese der Belege. 
F. Bleckling 1660 Speculum 42: ,Von dem täglichen Kampf! und 
Streit desz Geistes in uns, wider uns selbsten, wider alle Höhen und 
Eigenheiten, wider den inwendigen Antichrist . .* cf. dessen Christus 
triumphans (1661) Seite 111; ferner bei Q. Kuhlmann 1684 Der 
Kühlpsalter 1,19: 

,Hoehr Vater, lioelir die ungerechte Wort! 

Beschau den Trutz, mit dem er dich wil trotzen! 

Wo Falschheit sich der Warheit gleich darf putzen! 

Wo Eigenheit Uneigenheit genannt. 4 


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133 

II, 53: ,Sie haben sich in eigen heit verstrickt, 

Und meinen sicli von deiner lieb umglückt; 4 
ferner bei J. Podarge 1699 Sophia 15: 

„Der (Nektarmost) da so reichlich fleußt, und die so recht ersuncken, 
Aus Ihrer Eigenheit im Geiste machet truncken; 4 
diese Verse wiederholt G. Arnold 1700 Das Geheimniß der gött¬ 
lichen Sophia II, 110. S. 77: ,aus dem Principio der Eigenheit 
und Selbstheit1704 Vier Tractätlein A a ": ,völlig mit ihm seiner 
Eigenheit abgestorben ist/ Unendlich häufig gebraucht das Wort 
G. Arnold. Z. B. 1700 Das Geheimnis der göttlichen Sophia 11,2. 
,Und sie (die Seele) selbst verlanget auch stets mit lieh zu sein beleget 
Wo sie den Verlust nicht offt nach der eigen heit beweist. 1 
vgl. II, 132: ,entzündet im blitzen Des Grimms die Eigenheit: 4 
11.244: .Geh aus dir selbst und deiner Eigenheit, 

So bistu in der Welt ron Welt befreit. 4 

Weitere Belege aus Arnold wären 1701 Göttliclfe Liebesfunken 
1,75. 130; ,Jesus und die Seele 4 1701 152. Von hier breitet sich 

dann das Wort weiter aus und übernimmt es Zinzendorf, Goethe u. a. 
Vgl. auch Konrad Burdach, Faust und Moses 740 fg. 

Einbildung. ,I)acz es eine ungeschickte Einbildung sey, von 
dem großen Jahre der Welt. 4 A. v. Franckeiiberg 1676 Nosce te 
ipsum 41. 

Einergebenheit: ,dargegen aber, er ohne unsern Rath und That, 
jedoch mit gänztlichen Einergeben- und Gelassenheit unsers Willens 
das Werck unserer Seeligkeit und Rechtfertigung für Gott allein in 
uns würkcn/ A. v. F. 1684 Jordanssteine 61. 

Einfächigkeit: ,Des Elements Einfächigkeit und große Macht 
ist mit unaufflößlicher Verknüpfung an des Geistes Natur verbunden. 4 
A. v. F. 16<s8 Gemma Magica 19. 

Einfassung: ,Und bleibt doch ein Hauchen des Ungrnndes. eine 
Schiedlichkoit der ewigen Stille, eine ewige Außtheilung und Ein¬ 
fassung seiner selben. 4 A. v. F. Nosce te ipsum 50. 

Eingebilden: ,\nnd sy do szwangk czu bleiben bey ir, uIT das 
sy ir mochte eyngepilden. das heilige gebethe. 4 1504 Hedwig¬ 
legende 33 b . 

Eingebildet: ,lJnnd also Risset sie (die Natur) Ihr kein Joch, 
oder auffgesparretes Dach von vorgelässelen Meinungen, vnd ein¬ 
gebildeten Machtschlüssen anlegen noch auffdrüngen. 4 A. v. F. 1644 




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135 


Empfindungsvoll: (vgl. Gombert, Groß Strehlitzer Programm 
1896/97 Seite 18.) Früher als hier naehgewiesen, haben wir das 
Wort bei H. W. v. Lohen stein 17*25 Poetischer Zeitvertreib 178. 

Emporkömmling: (vgl. besonders Gombert, Festschrift (Breslau 
1903) Seite 53 f.; W. Feldmann, Zs. f. d. W. XIII, 99. Im 
Anfang des 19. Jahrhunderts gebraucht das Wort ganz gewöhnlich 
und mehrfach Elisa von der Recke in ihrem 1804 geschriebenen, aber 
erst 1815 gedruckten Tagebuch einer Reise; z. B. 4,97: ,Diese 
neuen Anmaßungen des französischen Machthabers erinnern an den 
römischen Glücksritter Rienzo, so auffallend, daß die naheliegende 
Vergleichung zwischen beiden Emporkömmlingen sich von selbst 
•aufdringtSeite 100: ,So lebt er (L. Napoleon) im Schoße einer 
liebenswürdigen Familie, umgeben mit allen Reizen der feinsten, 
geschmackvollsten Ueppigkeit, die sich jedoch sorgfältig entfernt hält 
von jener prahlerischen Schwelgerei, welche sonst für Empor¬ 
kömmlinge so viel Verführerisches hat;‘ Schleiermacher 12. I. 
1807 an Fr. v. Raumer: ,alles scheint nur darauf berechnet zu sein 
einen unsiehern Emporkömmling durch Benutzung jedes niedrigen 
Interesses zu befestigen. 1 Lebenserinnerungen von Raumer I, 83; 
. . . könnten sonst diesen gröszten Emporkömmling (sc. Napoleon) 
verleiten, der Welt einen Trank zusammen zu quirlen. 1. G. 
Scheffner, 18*21 Mein Leben, Beilage E (geschrieben *25.—28. Dez. 
181*2.) Der Emporkömmlung ist Napoleon Bonaparte. 

Entfreien: Lasset uns ringen und kämpften, bisz wir den Gegen¬ 
satz unsers Treibens überwinden, ja bis sich scheidet Seel und Geist, 
Licht und Finsternusz, die Zeit, da wir der nichtigen Hiilffe sollen 
entfreiet und entledigt werden, ist nahe, auff welche ewige Be¬ 
lohnung erfolget. 1 A. v. Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 19. 

Entlosen: ,Man mileket sie, so lang sie Milch geben wollen, 
Es were denn, das sie entlossen wolten, oder vngefehr acht oder 
neun Wochen ehe denn sie Kalben. 4 Martinus Grosser 1590 
Kurtze . . Anleytung zu der Landtwirtschafft Ij». 

Erbaulich: (Weigand-Hirt belegt das Wort erst aus Stieler.) 
,Worbey ingleichen erbaulichen zu betrachten. 4 A. v. Francken¬ 
berg 1649 Uber und Wider den Greuwel der Verwüstung 21; ,dasz 
ich seeliger und erbaulicher erachte die Schrift . . . mit stillen und 
andächtigem Geiste daheime zu lesen. 1 1667 Von dem rechten 
Kirchengehen 4*2: das Hauptwort Erbauung steht Uber und Wider 
den Greuel der Verwüstung 11: Dasz wir wünschen, wie auch wohl 


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13G 


zu hoffen, das Werck des Herrn möchte eröffnet, und die Tieffe des 
Rathes und der Gerichten Gottes ... zu mäniglicher wissenschafft, 
nachricht und Erbauung, auf das Ebene gesetzt werden/ 

Ergremsen: (vgl. Lexer I, 633. Weinhold 29 b .) ,Durch -luge 
rede vor sunytte herrenn David, der szere dergremst was/ 
(irritatum.) 1504 Hedwiglegende a 3 a . 

Erkenntnisvoll: (nicht im DWB.) ,also wird nicht sonder 
grund, darför gehalten, daß es, der, in seinen vielen Geist- und 
Erkantnüsz vollen Schrifften bekannte Abraham von Fraucken- 
berg, ein Schlesischer von Adel, gewesen/ Vorrede zu A. v. F. 
Nosce te ipsurn (1676) 7. Geistvoll wird im DWB. für ein Er¬ 
zeugnis des 18. Jahrhunderts gehalten, weil das Wort bei Stieler* 
fehlt; Weigand-Hirt belegt das Wort denn auch erst 1741 aus 
Bodmer. 

Erörterung: , . . wie nichtsweniger dieselbigen zu weiterer 
Nachforschung und gantzlicher Erörterung, dieser, noch sehr un- 
bekandten und Unbeglaubeten Grundsatzungen gantz getreulich er¬ 
mahnen wollen/ A. v. Franckenberg 1644. Oculus Sidereus E t b . 

Erpicht sein auf etwas belegt Weigand-Hirt zuerst aus 
Fleming und Gryphius. Wir haben den Ausdruck aber bereits früher: 

,waren darauf so erbiehet, das sie kein ander gedanken haben mochten/ 
A. Scheidiger 1591 Novae novi orbis historiae 64; 121 ,das jhr 

auff das schlechte Metall also erbiehet/ F. Rhot 1587 Jesus 
Sirach I, 199 b : also auff den Geitz erpicht sein/ Ich füge noch 
hinzu: ,So auff seinen Feind erpicht/ .1. Bohemus 1656 Horaz A 4 b . 

Erschöpfungsbuch: vgl. DWB. IH, 969 Erschöpfung = creatio. 
Wie Er dann selbst im Erschöpfungs- Buche [Genesis] von sich 
(das hochzubejammern) hören lässet; Es gereue ihn, dasz Er 
Menschen gemacht habe/ A. v. Franckenberg 1676 Nosce te 
ipsum 6. Vorrede 

Erwerber: ,so miiszen wir doch baydes den Erwärber und 
das Erworbene, nahmlich Christum und sein Reich In uns haben, 
empfinden, erkennen, und Großachten: auch darinne bleiben/ 
A. v. Franckenberg 1675 Mir nach 65. (geschrieben 1639.) 

Essig: Sie sind über dieses so faul und träge, daß sie ohne 
Noth kein Pferd besteigen sondern in und bei ihren Hutten immer 
sitzen und liegen, so unbeweglich, als ein Eßig auf seinem Heien/ 
G. Opitz 1748 Merkwürdige Nachrichten I, 227. Mir nicht ver¬ 
ständlich. 


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137 


Feix: (vgl. Kluge, EWB * 132) ,dasz ein jeder Heintze und 
Cuntze, Feixs und Knirps, zum Richter über sie bestellt sei.* 
J. Scheffler, Ecclesiologia I, 195 a u. ö. 

Ferngesicht, (vgl. Gombert, Programm von Groll Strehlitz 
1896/97 Seite 30, der das Wort auch bei dem Freunde des Abraham 
von Franckenberg, dem J. Schefller nachweist, . . . sondern sie nur 
zu den Weltkundigen Exempeln und Schriften, . . Meilenzeiger 
Ferngesicht und dergleichen .. gewiesen. 4 1644 Oculus Sidereus B 2 a . 

Feürlicht (im 1)WB ans Rückert.) ,aus dem ewigen Fernlicht 
seiner Liebe. 4 A. v. F. 1676 N.osce te ipsum 46. 

Flammig. ,Das von vrem hertzen eynn fl am i ge crafft drangk. 4 
1504 Hedwiglegende 2 0 b . 

Flatter-Asche: (nicht belegt) .aber inwendig nichts als stinckende 
und todte Loder- und Flader-Aschen in sich haben. A. v. 
Franckenberg 1684 Jordanssteine 45. 

Fleck: ,Als I. von den . . Funcken und Flecken der Sonnen 
ist bei den alten keine Nachricht zu finden. 4 A. v. Franckenberg 
1644 Oculus Sidereus C 4 a . (vgl. Weigand-Hirt, Sonnenfleck.) 

Fliessborn (nicht belegt.) ,uff das si entpfinge den flyesborne 
seines worttes. 4 1504 Hedwiglegende 26 b . (nt ceteris dormientibus 
quasi furtive susciperet auris suae venas susurri ejus.) 

Flitt. (vgl. Weinhold 22 b , s. v. Flitzpfeil?) 

Dazu man dürfft ein Eichen Flitt 
Damit vhr hochmuth etwas brecli. 

A. Calagius 1604 Susanna 0 B b . 

F5sten:? 

Ein Ziege toste ns (Die alten Böcke) ohne ihr, 

Derselben wolt ich lauffen zu. 

A. Calagius 1604 Sussanna D 2 a . 

Flurzaun. ,und für die ausersten Fleur(!)-Zaunen Plancken 
aufrichten. 4 1680 Schlesische Infections-ordnung A s b . 

Fractur: (vgl. Gombert, Zts. f. d. W. VII, 139: Programm 
des Kgl. Willi. Gymn. 1908 Seite 13, Ladendorf 89.) Früher hinauf 
als diese Belege reicht folgender: , . . auch fein mit grober Fractur 
hindten auff den Buckel schreiben kündte. 4 B. Sartorius (er. 1612) 
Der Schneider Genug- und Sattsame Widerlegung 5. 

Fragsüchtig: (nicht im DWß.) ,0b nun jrgend einer oder 
der ander von der Schaar der zerrütteten Zancker und fragsüchtigen 
Wortkrieger, hierüber zürnen . . . wollte, der mag es . . thun. 4 


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138 


A. v. Franckenberg 1646 Christ-fürstliches Bedenken und Auß- 
schreiben 9. 

Fratt. cf., DWB. IV, 1, 1, 67: Weinhold 23*; Drechsler, Germ. 
Abh. XI, 111) 

So gehds uns armen Peuerlein, 

Das wir der Hunde Wärter sein, 

Da wir mit unsern Kindern fratt, (mager) 

Das liebe Brodt nicht haben satt. 

A. Calagius 1599 Kebecca C 2 tt ; 1602 Kurtze Summarien B 5 *: 
,Dem Weib, die lang gewesen frat, 

So bald den Saum sie rüert wird ratt. £ 

Frostkältig. (fehlt auch bei Leier). ,Wy wol dy frawen dy 
bey ihr warenn offt erkanntten das sy gantz frostkeldigk war. 
1504 Hedwiglegende 20 b . 

Frühklügelei, (fehlt im DWB.) ,so der menschliche Witz 
mit seiner früh-k 1 ügeley nicht zuvor, oder zu hülffe käme. 4 
A. v. Franckenberg 1684 Jordanssteine 68. 

Fucke. (vgl. DWB. IV, 1, 1, 3 61.) 

Kein wunder, (daß sie ohne Schmuck ist.) Denn kein kärgern Fuck 
Niemals als jhren Mann ich sah. 

A. Calagius 1604 Susanna A 5 b ., 

Wo fern ich nicht den schlimmen fucken, 

Den Cham, heut zahlt mit barem geld, 

Wil ich ein schelm sein aller weit. 

A. Calagius 1549 Rebecca C,\ 

Futter. ,Als wir nun ohngefehr vier deutsche Meilen, in einem 
Futter schon geritten waren, kamen wir an einem Ort der Ginim 
hiesse. 1 F. v. Troilo 1676 Orientalische Reisebeschreibung 410; 
,in einem halben Tage und einem Futter leicht zu erreichen, 
Zach. Allert 1627 Tagebuch 23. (Krebs.) 

Gabehaftig. (vgl. Lexer I, 721.) ,und den armen beweyste sy 
rechte gobehaftige myldikeyt.‘ 1504 Hedwiglegende A 2 b . 

Galg. (vgl. DWB. IV, 1, 1, 1172,4.) ,Wohin nahm denn die 
Flucht der Galg?‘ 

A. Calagius. 1604 Susanna B 8 \ 

Gattungsartig (nicht im DWB.) ,Die innere Natur oder Seele 
der Erden aber ist gantz und gar geistlich, lebhafft, die mächtigste 
und einfachste, wodurch das Element in seiner Gattungs-artigen 


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139 


Eigenschafft und den gantzen Qörper vertheilten Wirkung, unbeweglich .. 
bestehet. 4 A. v. Pranckenberg 1684 Gemma magica 27. 

Gegäck ,der (sc. der Teufel) volles unflätigen und unreinen 
gegäckes ist. 4 J. Scheffler Ecclesiologia I, 510 a ; Schand-Ge- 
gäcke 1677 Sinnliche Beschreibung 24. 

Gehei (DWB. IV, I, II, 2340; Schmeller I, 1026) ,Und das 
ich nicht kom in Gehey. 4 

A. Calagius Susanna C a b . 

Geheier. (vgl. DWB. IV, I, II, 2350.) 

Komm wider, ob der alt Geh ei er, 

Wie gestern, auch heut umbher leyer? 

A. Calagius 1604 Susanna E 8 a . 

Geheimnisvoll: (im DWB. und bei Weigand-Hirt aus Rädlein 
1711 belegt.) ,daß diese Geheimnüßvolle Schlifft, unlängsten zwar 
ohne Vermeidung und Beysetzung des Verfassers ist zuhanden ge¬ 
kommen. 4 A. v. Franckenberg 1676, Nosce te ipsum, Vorrede. 

Gehög. mhd. gehiige. adj.) 

,Und wird jhm ja so gutt, das er 
Im weichen Bett schlefft, denckt ir mehr, 

Wie bald jhn sein sorg wecken mög, 

Und recht, wie sichs ziemt, halt gehög. 4 

A. Calagius 1599 Rebecca E 5 b . 

Gekrappel. 

,Da fängt sich ein Gekrappel an 
In allen Todten Häusern: 

Ein jedes macht sich auf die Bahn, 

Kein Bein kan sich entäusern. 4 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 12. 

Gemeinsüchtig (nicht |im DWB.) , . . so (sc. die Laster) auß 
solchem Gemeinsü.chtigen Gewerb und unserem Antreiben, aber 
inwendig aus schlecht gegründeten Wohlmeinen, im wahn-GIauben 
und Mosaischeu Buchstaben, von Zeit zu Zeit sehr häuffig herfur 
kommen. 4 A. v. Franckenberg 1667. Von dem rechten Kirchen¬ 
gehen 28. 

Gemütsgabe. (vgl. DWB.) ,sondern er (Abraham v. Francken¬ 
berg) hat auch, seine, des seel. Jacobs Böhms, geistliche und himm¬ 
lische Gemüthes Gaben vor andern, durch Göttliches mitwurcken, 
erkennet und ergriffen. 4 1676 Vorrede zu Franckenbergs nosce te 
ipsum 7. 


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Original fro-m 

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140 


Gepläke. 

,Sie reitzten auch noch andre an 
Mit ihrem Schand-Gegäcke; 

Und brachten fast nichts auf die Hahn. 

Als sündiges Gepläke. 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung der vier letzten Dinge 24. 

Gequacker: ,.Ta (er war) ein Frosch voller Lügen und un¬ 
reines Gequackers. J. Scheffler, Ecclesiologia I, 290“. 

Geruht, (vgl DWB. s. v. ruhen 4.) 

,Auch führet ein geruhten stand. 

A. Calagius 1599 Rebecca B 2 b . 

Geschläder: (vgl. DWB. IV, I. II. 8901: Weinhold 84 b unter 
schlottern.) 

,0 fand der Axt ich einen Stil. 

Wenn er mir würd mit seim Gesehläter, 

An jhm würd ich zum ubelthäter/ 

A. Calagius 1599 Kebecca E 2 “. 

Geschlapper: ,den (sc. den Durst) du mit den Trebern und den 
geschlapper .. nimmermehr stillen wirst/ J. Scheffler, Ecclesio¬ 
logia I, 603 b . 

Gesittsam. (vgl. DWB. s. v.) 

Wenn ich, nechst Gott, dir eine find, 

Die from, Gottfürchtig, gsitsam, lind. 

Wilte dann sein mit ihr zufrieden? 

A. Calagius 1599 Rebecca C 3 b . 

Gespröde. *,bald dieke Wolken, bald Kegen-Gesprüde. 1 1717 
Breslauer Sammlung von Natur- und Medizin- usw. Geschichten II, 4. 

Gespül: 

,Wenn ihnen Satan gütlich wil. 

So füllt er ihren Rachen 

Mit Hüttenrauch, koth und Gespül 

Von grauerlichen Sachen. 1 

.1. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 42. 

Gestalt. Mitteil. XVII, 90 war aus V. Herbergers Hertz Postilla 
das Wort „Gestähle“ angemerkt und mit einem Fragezeichen ver¬ 
sehen worden. Eine Erklärung finden wir bei I. Retters (Prag 
1864) Andeutungen zur Stoffsammlung in den deutschen Mundarten 
Rohmens 29: ,Das steife Mieder der Bauernweiber im Braunauer 
Gebiet heißt die Gestalt (PI. Gestiilder.). 1 


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141 


Gesund, (vgl. Schmeller II 307; DWB. s. v. u. a) 

,Aufs Herrn gesund, in einem suff/ 

A. Oalagius 1599 Rebecca E g *. 

Gesundheitsdirector. , . . und folgends dem Gesundheit s- 
Directore angemeldet. 4 1080 Schlesiens Infections-Ordnung 11; 13: 
Gesundlieits-Pass; 12: Gesundheits-Zettel/ 

Gevatterle, das. (Das Wiesel) Man warnt die Kinder nicht in 
Erdlöcher zu gucken, es könnte ,a gevatterla drinnen sein und 
das Kind anblasen/ Schles. Provinzialblätter 1870, 608. 

Gewerbsweise: , . . und das Evangelium, auff eine solche 
fleischliche Art und gewinnsüchtige Gewerbs-Weise . . zu predigen/ 
A. v. Franckenberg 1684 Jordansteine 92. 

Gewisshaft: ,uff das hernachmals dy gewischafft des ge¬ 
schehen czeichens, dester clerlicher ertzeiget mochte werden/ 1504 
Hedwiglegende Cr,\ (ut postmodum patrati certitudo miracnli 
evidencius valeret.) 

Gewülk. ,wie eine große Sünde es sei, solche große gewülcke 
umb den Halß tragen/ Joh. Scharffenberg (Breßlau 1584) Neue 
Zeittunge 31 b . 

Gewülle. ,Was er wieder den Papst einwendet, ist alles mit¬ 
einander nichts als ein untereinander geschüttetes Gewülle oder m 
sich verwirreter Misthauffen/ J. Scheffler, Ecclesiologia I, 201 b . 

Gickel. (vgl. Schmeller I, 884.) 

,Villeicht, das sie der Gückel reit/ 

A, Calagius 1604 Susanna E, a . 

Gigacken. Hierauf gigackt er das alte Ganse gegacke/ 
J. Scheffler, Ecclesiologia I, 578 a . 

Gramschaft. 

,Sie wagen manche Schantz 

Und setzen jhn mit Gram sch afft zu/ 

A. Calagius, Susanna C 7 \ 

Grasen. ,Sintemal sie (Die Eulen) den kräen . . nach jhrem 
Neste hinterlistiger Weise grassen/ M. Wiesaeus (Breslau 1625) 
Evdavaöia. 

Grätschen. 

,Er scharrt, grätscht, und greiftt nach Geld, 

Schnapfft nach den höllschen Fliegen/ 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 52, 


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Original fram 

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142 


Graucrlich. 

,Wenn ihnen Satan göttlich wil, v 
So fällt er ihren Bachen, 

Mit Hüttenrauch, Koth und Gespül, 

Von grauerlichen Sachen/ 

J. Scheffler a. a. 0. 42. 

Greinader (nicht im DWB.) Ich kan nicht darfur, das ich der 
Frauen mit derWahrheit die Greinader getroffen habe/ J.Scheffler 
Ecclesiologia I, 522». 

Der kühne Griff: Büchmann 441. Dieses berühmte Wort des 
Präsidenten Gagern war bald in aller Munde. Aus der reichen Fülle 
der Belege seien einige angemerkt. M. Hartmann, Reimchronik 
des Pfaffen Mauricius« Ges. Werke II, 40: 

Der „Gagern“ heißt das erste Schiff. 

Es fährt mit starker Blähung und Spannung — 

Am Hintern das Bild vom kühnen Griff 
Doch vorne fehlt noch die Bemannung 1 und II, 48: 

,Da wird euch kein kühner Griff, kein Kniff 
Befreien, nicht jenseits und nicht hienieden/ vgl. auch 

L. Bamberger, Vorwort zur Reimchronik des Pfaffen Maaricius II, 
XXI. J. v, Hartmann (7. Dez. 1848) Lebenserinnerungen II, 193: 
Gagerns „kühner Griff.“ Ungemein häufig verwendet die Redensart 
Beda Weber 1853 Charakterbilder. Geschrieben wurden die in diesem 
Bande vereinigten Aufsätze während Bedas Aufenthalt in Frankfurt 
im Jahre 1848. Seite 471. ,Und ich glaube, daß dieser kühne 
Griff glücklicher war als der revolutionäre Traum des preußischen 
Kaisertums in der Paulskirche 1 ; ,In der That, Beisler und Hermann 
beweisen auch in Bayern den Thatbestand eines kühnen Griffes, 
der in unseren Tagen schwere Folgen haben kann 4 343: ,Und wäre 
nicht zur rechten Zeit Gagern hervorgetreten um den kleinsten Theil 
conservativer Hoffnungen durch einen kühnen Griff zu wecken, so 
wäre auch dieses durch das Ungeschick der zerhackten und zer¬ 
splitterten Partei zu Gunsten der linken rein verloren gewesen/ 
352, ,Um so auffallender ist bei solcher Bewandtniß Stahls „kühner 
Griff:“ B. Weber Cantons 35; ,Glücklicherweise wurde dieser 

„kühne Griff“ später gemildert. 4 K. Braun, Bilder aus der 
deutschen Kleinstaaterei II, 95 (geschrieben 1866.) 


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143 


Grillenfuss. 

,Ja freilich in eim wundernäst (bin ich gewesen.) 

Danher ich wahr ineim Herren bracht, 

Damit die Speiß man schmeckend macht, 

Gar seltsam Gwürtz, Reiffpossensaltz. 

Guttschnacken, viel rund, mückenschmaltz, 

Brillschnitzer, schwanckhart, taubenschuß, 

Fein Knotenraengsel, grüllenfuß, 

Frühanenkreh, trautherckerlein/ 

A. Calagius 1599 Rebecca E s b . 

Grossbänker. ,In Breßlau haben die Balbirer, Becker und 
Schuster eine gebundene Zunft. Denn ein jeder Barbirer muß seine 
Werckstatt, jeder Schuster seine Schue-Banck, jeder Becker seine 
Brod-Banck und Laden, wie auch jeder Fleischer seine Fleisch-Banck 
haben, und werden daselbst in Groß- und Klein-Bäncker getheilet/ 
A. Beier Jena 1691 Von Werckstätten und Krahmläden der Hand¬ 
wergs Leute 20. 

Grossgetu. 

,Daß sie sich für dem Großgethu 
Nicht ganz verwundern können/ 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 113. 

Grundschuld. ,Darum müssen wir den angenommenen Adams- 
Peltz, das Gchäuße der Vergänglichkeit quittieren, und mit diesem 
den Tribut unserer Schuldigkeit oder die Grundschulden bezahlen/ 
A. v. Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 89. 

Grütze. ,Wie die Frauen mit hitzigem Grütze den feind 
solten verbrüet haben/ V. Herberger 1613 Hertz Postilla II, 294. 

Gusche, (vgl. Schmeller I, 952; Weinhold 31 b ; Fischer III, 
752 u. a.) 

,Die gusch wil ich jhm bald zuquellen/ 

A. Calagius 1599 Rebecca C! b . 

Gutdünkel: ,diese Geister verführet ihr eigener hochfahrender 
muth vnnd guttdünckel, daß sie meinen, alles was sie thun, sei 
wol gethan/ A. v. Franckenberg 1634 Gewinn und Verlust 27. 

Habe. (Brauausdruck) ,Auch würde 4. in der sogenannten 
Habe durch langsames Kochen der Schleim nicht sattsam extrahiret 
und hernach deponiret werden können/ 1717 Breslauer Sammlung 
Von Natur . . Geschichten II, 94. 


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144 

Halbschädler. vgl. DWB IV, 2, 212, Halbscheidler; hierher 
gehört wohl auch das Mitteil. XVII, 92 aus V. Herberger angemerkte 
,Halbschebel 4 . 

,da stunden zweene andre halbschädler auf, nahmens Luther 
und Calvinus. 4 I. Scheffler, Ecclesiologia I, 704 b und 705 H : ,Es 
sage mir aber ein jetweder vernünftiger mann, wem er eher will 
beyfallen . . . Einem hergelaufenem Halbschädler, und altem 
Weibe, oder dem gantzen Rath aller ehrlichen Gelehrten und be¬ 
wehrten Aerzten und Doctoren?‘ vgl. auch Drechsler, Sitte, Brauch 
und Volksglanbe in Schlesien II, 19: ,1m Frankonsteinschen steht 
der „Haibschadel“ zwischen Knecht und Pferdejungen/ Hier 
scheint die ursprüngliche Bedeutung durchzuschimmern. 

Halunke 

,Weh euch Holuneken, weh. 1 

A. Calagius 1599 Rebecca B 5 *. 

Hämmern, (vgl. Schmeller I, 1107 Hämmert. (Umzäunung) und 
Lexer I, 1104 hamit.) , . . daß solche greuliche und abscheuliche 
Sündentluth . . mit, einem Mittel oder wehr tamme mehr zu hämmern 
oder aufzuhalten sei. 4 A. v. Franckenberg 1007 Vom rechten 
Kirchen-gehen 29. 

Hausmannsieben (nicht im DWB.) . . ,Kehr ich zum stillen 
Hausmanns-Leben vom Pfad der Dichtung zurück/ S. G. Bürde 
1803 Poetische Schriften I, 7. 

Hechelträger, (vgl. DWB. s. v.) ,Da suchen die Hechelträger 
nach Golde. 4 S. G. Bürde a. a. 0. I, 202. (Hechelverkäufer.) 

Hecken, (vgl. DWB.) 

Wil nein, den grundt hörn, sonst ich heck. 

A. Calagius 1504 Susanna B„ b . 

Heimat. ,frolich mit heyle und gesuntheit wider czu iren 
heymatten gyngen. 4 1504 Hedwiglegende EE 6 b . (cum salute et 
gaudio ad propria reraearent.) 

Heldenmütig. ,endlich auch die tapfrere Thaten der Helden- 
müthigen Fürsten. 4 A. v. Franckenberg 1784 Gemma Magica 97. 

Henkern, (vgl. DWB.) 

,Sie henkern selbst sich daß sie Gott 
Nicht haben wollen dienen. 4 

J. Scheffler 1077 Sinnl. Beschreibung 57. 

Herumschappern. (vgl. Weinhold 80 b .) ,Wir haben einen 
Ausdruck, der eine solche allgegenwärtige Hausfrauenschaft be- 


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Original fram 

PRINCETON UNtVERSITY 



145 


zeichnet: herumschappern.‘ J. v. Düringsfeld 1857 Aus 
Dalmatien III, 115. 

Hinbrütig. (nicht im DWB.; vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 
140.) ,ich erholle mich zwar Raths bey den hinbrüttigen und 
Warsagern, aber ich verlasse doch nicht die Kirche Gottes.' 
J. Scheffler, Ecclesiologia I, 308* u. a. a. 0.: ich frage keinen 
Wahrsager, ich suche keinen Hin blutigen. 1 Vgl. Siebs, Zeitschr. 
f. d. Phil. XXIV, 153. 

Hochbeweglich: ,Als haben wir solches in hochbewägliche 
Betrachtung und Obachtung zuziehen.' A. v. Franckenberg 1644 
Oculus Sidereus A 2 b . 

Hohl. Auch erhält man auf der Spindel einen lockeren (oder 
wie man in Schlesien spricht, hohlen) Faden.' J. Fr. Zöllner 1792 
Briefe über Schlesien I, 49. 

Hopfen, (vgl. DWB. s. v.) 

,Herodes schlemmt, das Mägdlein hop ff, 

Und nahm dem Teuffer seinen Kopff.' 

A. Calagius 1602 Kurtze Summarien B 8 \ 

Hörnerschlitten, (fehlt im DWB.) ,1m Winter bedienen sie 
sich zur Fortschaffung der Lasten der Hörnerschlitten statt der 
Kracksen.' J. Fr. Zöllner 1793 Briefe über Schlesien II, 195. 

Huckenträger, (nicht im DWB.) 

,Er (Rübezahl) zeigt sich oft als Huckenträger, 

Oft auch als Bettler, mit dem Sacke.' 

S. G. Bürde 1803 Poet. Schriften I, 163. 

Huff. (vgl. Weinhold Hüffe 37 b , DWB. IV, II, 1871.) 

,Doch leg an meine huff vor dein hand, 

Und schwer, du woist ins selbe Land, 

Das ich der Sachen sei gewis.' 

A. Calagius 1599 RebeccaB 2 ", vgl. auch Hedwiglegende a 4 b : ,der 
huff also fawl was worden.' (cuius ita utrumque femur computruit.) 

Hund. , . . ja manchen den schlafenden Hund, oder das 
Zipperlein, rege machten.' 1718 Bresl. Samml. Von Natur . . . Ge¬ 
schichten III, 775. 

Husche, (vgl. DWB. s. v.: Schmeller I, 1185; Fischer III, 1923, 
wo weitere Literatur angegeben ist.) 

,Hat nicht wol ein par Trfinck gethan, 

Muß bald ein redlich Huschen lahn.' 

A. Calagius 1604 Susanna C 4 *. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd! XX. 10 


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Original fro-m 

PRtNCETON UNtVERSITY 



146 


Igel. ,Es wird in demselben (Schweidnitzerkeller in Breslau) 
aus besonders gestalteten Gläsern getrunken, die wie Rheinweinrömer 
aussehen, und hier Ygel heißen.' J. Fr. Zöllner 1792 Briefe über 
Schlesien I, 162. 

Indelt. (cf. DWB. s. v. Inlet.) ,Bettüberzüge (Indelte, wie 
man hier spricht.)' J. Fr. Zöllner, Briefe über Schlesien II. 77. 

Infasslichkeit, (nicht im DWB.) ,Mercke diese Tieffe der 
übersinnlichen Unendlichkeit, dann allhier siehestu edles Seelen- 
Gemüthe den wahren Grund Göttlicher Innfaßlichkeit.' A. v. 
Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 48. 

Insurgent. (Schulz im Fremdwörterbuch belegt das Wort erst 
später) 

,Dort trägt ein leichtes Roß mit aufgesträubter Mähne 

Den wilden Insurgent, der die entblößten Zähne 

Womit sein Blutdurst knirscht, mit tollem Geifer netzt, 

Und voller Ungeduld den krummen Säbel wetzt.' 

C. G. Stöckel 1748 Gedichte 4. (Zuerst 1745 das befreite 
Schlesien, Erstes Stück A 2 1 ’. 

Jahrmarktsfahrer, (nicht im DWB.) , . . als ein gemeiner 
Jahrmarktsfahrer.' 1718 Bresl. Samral. Von Natur . . . Ge¬ 
schichten III, 571. 

Juften. ,Rindleder zu Juften und Blank-Stiefel-Leder.' J. Fr. 
Zöllner 1798 Briefe über Schlesien II, 77. 

Kaff? ,das angesicht am fordern theil dieses monstri ist ge¬ 
wesen gleich einem alten Weibe, hat auftwarts über sich in die 
höhe, gleich als es ein kaffen schlage, mit auffgesperrtem Munde 
gesehen.' M. Ohr. Irenaens 1584 Von seltzamen Wunder¬ 
geburten V t h . 

Kämeler. (vgl. DWB. V. 96. s. v. Kamelot.) ,doch in großen 
feyrtagen was sy gecleydet mit eyme schlechten Kemmeler.' 
1504 Hedwiglegende J 2 a (in sollempnitatibus tarnen induebatur de 
simplici camelino.) 

Kamich. Schlesische Geschichtsblätter 1915 Nr. 8, Seite 63 
war aus einer Breslauer Urkunde vom Jahre 1538 das Wort bei¬ 
gebracht worden. Es heißt dort: ,die Ältesten der Zimmerleut be¬ 
kennen, vom Albrechtskloster 2 demselben anvertraute Kasein wieder¬ 
erhalten zu haben, eine von schwarzem Sammet mit einer Huraeral 
von silbern Buchstaben und Puckeln, die ander gelb Keraichen.' Die 
Bedeutung blieb dunkel. Vielleicht führen folgende Stellen zur Er- 


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147 


klärung des Wortes. Bei Bruno Bücher (Wien 1889) die alten 
Zuntt- und Verkehrsordnungen der Stadt Krakau *23 lesen wir: 
,Under eirae gantßen stucke Kamchen attlas zamet, vnd gülden 
borteilen. 4 Aus dem Zusammenhänge ergibt sich, daß es ein kost¬ 
barer Stoft gewesen sein muß. Der Herausgeber vermutet fragend 
Kamelot. Bei S. Grunau, Preußische Chronik I, 339 heißt es: alles 
war von kamchen, tamaschken, sammat, und gülden stück gezieret; 4 
in den Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt (zum Jahre 1500) 
III, 1: ,In dieser Zeit sind aus der Moldau eingeführt worden . . . 
kam ich peciae 3; 4 und II, 1*25 werden auch erwähnt: ,guldin 
kamich. Der Herausgeber vermutet als Bedeutung Goldbrokat. 
Weitere Belege sind Acten der Ständetage Preußens II, 070 (aus 
dem Jahre 1445): ,und die hantwerckerfrauwen sulle keine samyts- 
borthen tragen, sundir balldige und kemmichen und nicht hoger 4 ; 
Frankfurter Zunfturkunden II, *20*2 fg. u. ö. Eine sichere Erklärung 
vermag ich nicht zu geben. [Vgl. ital. camice „Chorhemd“. Siebs.] 

Kahn. (vgl. DWB. V, 33.) ,der spiegelglatte See, auf dem 
unser kleines Kahn in sanfter Bewegung hinglitt. 4 S. G. Bürde 
1789. Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise 53. 

Kärgel. (vgl. DWB. V, *210 s. v. kärgeln.) .nach kurtzer zeit 
kompt kärgel, wil seinen schätz besichtigen. 4 S. Suevus 1569 
Herodes bancket F 5 b . (Geizhals.) 

Klimpke? ,deßhalb man auch in specie der letzten Klimpke 
klein Holz zulegen müsse, um frisch Feuer zu haben. 4 1717 Brest. 
Samml. von Nieder- . . . Gesell. II, 94. 

Klippfall? ,ist schier kein heiliger, er (der Teufel) hat jhm 
etwan ein narren keplein angehengt, jhn in sein klipp fall und 
schwartz register bracht. 4 M. Chr. Irenaeus 1570 Adam u. Eva 
T 2 b . (Wohl klüppfall(e) zu Kluppe gehörend.) 

Knall und Fall, (von Weigand-Hirt erst aus Lessing belegt.) 
,einige starben knall und fall. 4 1718 Bresl. Samml. von Nieder- 
Gesch. III, 522. 

Knollen, (hat hier die Bedeutung quälen, plagen, schinden; 
DWB. V 1516, knüllen; Schmeller I, 1351.) 

,Wenn du dich bettest lang gedrolt, 

So werestu nicht so geknallt? 

A. Calagius 1599 Rebecca C a a und F a b : 

,Wie wol du mich ja schendlich knolst, 

Vergeh ich dir und jhnen doch. 4 

10 * 


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148 


Kohle. ,einer der nicht durch mancherlei Creutz und wider- 
wertigkeit ober die Kolen geruckt ist, Was weis er von gedult, 
santftmut, Gerechtigkeit vnd andern guten Tugenden zu sagen? 
S. Suevus 1573 Geistl. Wallfahrth C fi “. 

Kommunmantel. ,Außer dem Schlesischen Kasket zeichnen sie 
(die Frauenzimmer) sich durch einen langen tuchenen meistens 
blauen, selten grauen Mannsmantel aus, der einen Kragen mit einer 
breiten goldenen Tresse hat. Jede Herrschaft muß für die Köchin 
(oder mit dem hier gewöhnlichen Namen, das Mensch) einen solchen 
Mantel halten, den sie Commun-Mantel nennen, uud ohne den 
keine Köchin über die Straße geht. 1 J. Fr. Zöllner 1792 Briefe 
über Schlesien I, 408. 

Kopfzeug. ,eine kattune Mütze (hier Kopfzeug genannt. 4 ) 
J. Fr. Zöllner, 1792 Briefe über Schlesien I, 199. 

Kraftleib, (nicht im DWB.) ,Der innere Mensch, als der 
reine Adamische Krafft-Leib . . . empfahet . . das unsichtbare 
geistliche Wesen, 4 A. v. Franckenberg 1G7(» Nosce te ipsum 125. 

Kraftwirkung, (nicht im DWB.) ,Die erste bewegliche Kraft- 
Wirckung dringet aus sich. 4 A. v. Franckenberg, Nosce te 
ipsum 44. 

Krähenast. ,die dicken mißpelichten Kraenäste der ergerliehen 
exempel in der Welt reiß von deinen äugen weg, daß du nicht ver¬ 
führet werdest. 4 V. Herberger, Hertz’ Postilla I, 521. 

Krakse. ,1m Sommer hat der Gebirgsbewohner, um Lasten 
foitzuschalfen eigene Tragen, welchen auch die Deutschen in Böhmen 
den Namen „Kracksen“ gegeben.' .1. Fr. Zöllner 1794 Briefe 
über Schlesien II, 195. 

Krengeln. (vgl. DWB. u. Weinhold 47 b .) 

,Wie gern die Kindlein krengel 
Der Feind, so gern viel Engel 
Sie schützen, und bewarn: 4 

A. Calagius 1605 Drey christl. Lieder. 

Kreutzgang. (vgl. DWB.V, 2193,3.) , . . sondern der durch 
den creutzgange dieses jamerthals, dem herrn Christo in allerlei 
widervvertigkeit nachfolget. 4 M. Chr. Irenaeus 1589 Spiegel des 
ewigen Lebens A a b . 

Kröcken (dasselbe wie krochzen, kröchzen, krockzen; vgl. 
DWB. s. v.) 


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149 


,Er muß sich würgen in der Pein, 1 
Und unaufhörlich Kröcken. 1 

J. Scheffler 1667 Sinnliche Beschreibung 53. 

Krollen, krollen (vgl. DWB. V, 2353.) , . . daß ihre Schaaf- 
peltze schöne kleine und kurtz gekrällete Haare oder Wolle haben. 1 
O. Opitz 1748 Merkwürdige Nachrichten I, 235. (gelockt.) 

Krötengereck. (vgl. DWB. V, 2421; Weinhold 4K b .) ,ja wir 
können uns so fast darauf!' stewren, das wir auch damit über tieffe 
Gräben hüpffen, und darinn den grewlichen Unziffer und Kröten¬ 
gereck, gifftigen Meulern. Rottengeistern, Tyrannen, Todt und Teuffel 
ubern Halß springen können. 1 S. Suevus 1573 Geistl. wallfahrt A- a . 
Krümmel, adj. 

,Ein alten Greiß (such ich), ein Ziegenbart. 

Ein Habichtnaß, der nimme zart. 

Ein breite Gusch, und krümle Fuß 
Dem ich nachgeh, nit ohn verdruß, 

Dir, wie mich düncket, ehnlich sehr. 1 

A. Calagius Susanna (’, b . 

Kunft (vgl. DWB. s. v. Kumpf.) ,mit einem kleinen gebogen 
kunften nesslein. 1 M. Chr. Irenaeus. 1584 seltsame Wunder¬ 
geburten R 4 b . 

Kunstgelehrt ,Dan die Weißheit und Warheit ist bey den alten 
Gottsgelehrten mehr, als bey den heutigen Geist- und Glaublosen 
Kunst- Welt- und selbs-gelehrten zu suchen und anzutreffen. 1 
A. v. Franckenberg 1668 Von dem Rechten Kirchen-gehen 58. 

Kurde. .Die Ruder gehen zwischen zwei Pfählen und die 
Bewegung, welche die Arbeiter mit dem Ruder machen, ist Kreis¬ 
förmig, so als wenn man eine Kurde mit einem Leierkasten dreht. 
S. F. Scholz 1819 Tagebuch einer Reise III, 31. (Bresl. Stadt 
Bibi. Hs. 2469.) 

Lache, (vgl. DWB.") ,czu letzte waren kommen dy selbigen 
hotten czu einer lachen nicht ferre von Viterbien. 1 1504 Hedwig¬ 
legende E 4 a : und a. a. 0. ,Das je yn derselbigen lachenn eynn 
fisch gefundenn oder gespuret worden. 1 

Lächern (vgl. DWB. s. v.) ,Du bist wol ein rechtes grobes 
Kalb, will nicht sagen Ochse, daß du lächerst, was du nicht ver¬ 
stehest. 1 J. Scheffler, Ecclesiologia I, 473 b . 

Lagerhaftig (vgl. DWB. und Lexer.) ,do wart er kranck, und 
lagerhafftigk. 1 1504 Hedwiglegende 45 b . 


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150 


Lagerpunkt, (nicht in dieser Bedeutung im DWB.) als der 
Stillruhige Lager oder Mittel Punct des Lichtes. 4 A. v. Fraucken- 
berg 1544 Oculus Sidereus C 2 a . 

Lämmelbier. ,Lämtnel- oder Lufft-Bier. 4 1717. Bresl. Samml. 
Von Natur- . . Gesch. II, 25. 

Landfriede, (vgl. DWB.) ,aber ich traute dennoch den Land¬ 
frieden nicht, ich gab ihn seinen gebührenden Kespeckt, wartete 
ihn tleissig auf. 4 F. v. Troilo 1 (»76 Orient. Reise-Beschr. 029. 

Lebensbrunnen (vgl DWB.) 

,Das Edle rechte kommt dir als ein Strolnn gerunnen 
Aus Jesu Christi Hertz, und Lebens-Liebe-Brunneu. 
zum theuren Löse-Geld zu deiner Seelen Heil, 
fällt dirs auffs lieblichste zum schonen Erbetheil. 4 

A. v. Fra nckenberg, Nosce et ipsum 18; Lebensflamme 
40: ,er ist und bleibet das ewige d Liecht, und die unmäßliche Lieb- 
und Lebensflamme, 4 Lebensfrucht 19: ,wir werden gewiß die 
lange verlangte viel und oflt gewünschte Liebe- und Lebensfrucht 
erndten und ewig geniesen; Lebenskraft 24: ,0 Freude über 

dieser großen d Lebens-krafft und Macht. 4 Lebenslicht 19: 
,daß d ewige, unauslöschliche unverzeihliche Lieb- und Lebens¬ 
licht scheinet, und wird vom Aufgang biß zum Niedergang 
scheinen für und für. 4 

Lehrart. (vgl. DWB.) ,Wie bemeldte seine Schrifften, und 
in Franckreich, Welsch- und Deutsch-Land gethane Professionen, 
oder Lehr arten und Probstücke genugsam bezeugen und ausweisen.* 
A. v. F. 1 (»44 Oculus Sidereus F, a ; Lehrbericht: ,gleich auch die 
Aerzte in ihren Lehr-Be rieh teil mehr als genugsam andeuten 4 
10X4 Gemma magica 44. 

Liebeifrig (nicht im DWB.) ,Siehe du Lieb-eitriges und 
Wahrheit begieriges Seelen-Gemüthe. 4 Nosce te ipsum 23; Liebe¬ 
willen 40: ,Aus dieser Tietfe des ewigen Ungrunds urständet die 
ewige, Seele Adams, des innern, über schönen, ewigen unsterblichen 
Menschen aussm f aus dem ewigen Hertzen Gottes im Centrum des 
Liebe-Willens. 4 

Liebuschlin. Die Erklärung dieses Hundenamens Mitteil. 
XVIII, 154 wollte nicht gelingen, sie findet sich bei Ernst Löwe 
(Berlin 1915) Die jüdisch deutsche Sprache der Ostjuden 5: ,So 
wurde aus Bär „Ber’l“, aber auch „Berisch“ und Berisch’l, aus 
Löwe wurde „Leib“, „Leib’l“, „Leibusch“. Die Silbe — usch als 


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151 


Anfügung besonders an Personennamen ist mir aus Oberschlesien 
ganz geläufig, so wird Georg ein Georgusch aus Max ein Maxusch 
usw. Ich erinnere mich bestimmt, auch Liebusch als Necknamen 
gehört zu haben; vielleicht hilft ein anderer weiter. — 

Lichtquelle (im DWB. aus Goethe.) ,Dessen ungeachtet, empfangen 
und empfinden sie allezeit in ihrem Gemüthe, durch die feurige 
Liebes-Begierde, in gelassener Demuth und Gebet, das himmliche 
Mann, die siissest-erquickende Krafft Gottes, auß der Heilig auß- 
flüsenden Licht- und Liebes-Quelle. Nosce te ipsum 12. 

Lohe. m. (vgl. DWB. und Weigand-Hirt; Drechsler, Germ. 
Abh. XI, 173.) ,und der lohe nam uberhandt/ Hedwiglegende BB fi a . 

Lummern, (nicht in der hier auftretenden Bedeutung im DWB.) 

, . . vermerckte man . . eine Feuer-Kugel vom Himmel, mit ge¬ 
waltigen Lummern, als wenn es donnerte/ 1717 Bresl. Samml. 
von Natur- . . . Gesell. I, 164. , 

Lurk. (vgl. Weinhold 55 b ; Drechsler, Germ. Abh. XI, 173; 
hier ist der Lurk im Sinne von Schwätzer gebraucht) , . . für 
einen bloßen Lurcken und Idioten mus geachtet werden 1 . J. Scheffler 
I, 649 b ; I, 662 a : ,Nachdem er es aber nicht .anderst als ein ungelehrter 
Tropft', unehrlicher lästerlicher Zanck-Narr, und bübischer Krätsehara- 
Lurcke zu thuen vermocht, So kaust, du dir leichteinbilden/ Lurkerei 
a. a. 0. Vorrede 3 a : ,Es kamen von allen Seyten und Orthen die 
hafftigsten ehrenrührigstenSchrilften, Pasquille, schimpffirende Kupffer- 
stiche, Lurckereyen, und wie sie Nahmen haben mögen, geflogen, 
daß ich sie auch alle nicht gesehen, und vielleicht nicht gehöret 
habe 1 ; 663 b : ,. daß sie solch thörichtes Küh-Geprille und Krütscham- 
Lurckerey, für gelehrte und wolgestalte Verantwortung . . approbiert. 

Lüster (nicht im DWB.) Ein Lüster, ab allerlei Wollüsten 
und Begierden. (J. Fischart?) Straßburg (1588.) Wolsicherend 
Aulfmunterung II, 4. ,Gleich wie an dem Diamant ein edler 
Lüster ist; Also ist an der Tugend die fürtreffllichste Schön¬ 
heit/ A. v. Franckenberg 1684 Gemma magfea 144; lüstern 
(vgl. DWB. und Weigand-Hirt). ,denn die eingefaßte Lust hungerte 
oder lüsterte nach der Eitelkeit/ A. v. Franckenberg, Nosce te 
ipsum 81; ,und nach jhres Vaters des Ertzlügners und Seelen- 
Mörders eignen Lust und Willen, lüstren und lästren sie, und ver¬ 
rücken das Licht der Einfalt in Christo und seinen Gliedern. 1649 
Über und wider den Greuwel der Verwüstung 15; ,du bist voll 


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152 


Greuel der Lüster- und Lästerungen. 1 Nosce te ipsum 135. 
(Lüsterung fehlt im DWB.) 

Mädchen für Alles. Zu dem von Ladendorf 190. Gombert, 
Programm 1908, 29 beigebrachten fuge man aus Bogumil Goltz 
1864 hinter den Feigenblättern II, 184: ,bei so Einem, den der 
Berliner Witz: „Mädchen für Alles“ nennt, sucht man weder 
Gewissen, noch Gemüth noch Würde noch Scham/ 

Mainlinie, vgl. Gombert, Zs. f. d. W. VIII. 129. Hier sei noch 
einzelnes beigesteuert; so schreibt Fr. Engels am 2. Sept. 1864 an 
Marx (Briefwechsel III, 178): ,So viel ist sicher, die preußische 
Stammpolitik mit der Teilung Deutschlands an der Mainlinie ist 
noch nie so frech gepredigt worden, und das liberale Pack scheint 
sich ganz damit zu befreunden/ Treitschke an M. Busch 1865 
(Briefe II, 426): ,Die Mainlinie ist das große Gespenst, womit 
die Biedermänner und Beuste den Philister in Bockshorn jagen/ 
vgl. Hist, polit. Aufsätze II, 215; Karl Braun, Bilder aus der 
deutschen Kleinstaaterei II, 29: ,Es gilt zu wachen, daß die Main¬ 
linie, wenn sie auch politisch gezogen wird, nicht mitten durch 
die deutsche Kultur, Civilisation und Nationalbewußtsein zerreißend 
und vernichtend hindurchschneide/ (geschrieben am 9. Juli 1866) 
und II, 218: ,Sie (die preußische Bewegung) könnte jetzt noch eine 
Zollgrenze errichten, welche übereinstimmt mit dem äußersten 
Cordon der Truppen, oder mit der Demarcations- oder Mainlinie/ . 

Matätsche. ,Eine Menge von Matätschen (eine Art von Flößen, 
auf denen das Holz nach der Oder geschwemmt wird) liegen überall 
unbeweglich im Moraste/ J. Fr. Zöllner, Briefe über Schlesien I, 39. 

Maulgewäsch, (vgl. DWB.) ,Erlöset, und Geheiliget, nicht nur 
durch jhr Plauderwerck und Maulgewäsche, sondern durch sein 
allmächtiges Wort/ A. v. Franckenberg 1649. Über und wider 
die Greuel der Verwüstung 15. 

Mengsal. (vgl. DWB). ,• . . so wird auch ein jetweder Schlüssen 
können, daß er . . jhr süsses Pflaumensod ihre Predigten für nichts 
anders, als für‘ein verblendendes Mengsal, und betrügerisches 
Geschrei halten soll/ J. Sch eff ler, Eccles. I, 703 b . 

Milchasch. (vgl. DWB. s. v. ohne Beleg; Weinhold 6 b ,; 
DWB. I, 578; Drechsler, Germ. Abh. XI, 75.) ,Mercke wie sie ihr 
Sacrament zuschanden machen, daß es ein jeder Bauer auß seinem 
Käse heraußgrübeln und auß dem Milchsasche trinken kan/ 
J. Scheffler, Ecclesiologia I, 343 b . 


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153 


Mirlitze? , . . sich das ausarbtin der Schöffin, Mir] iczen oder 
stürblinge, unterfanngen. Breslauer Stadtarchiv (18. IX. 1582). 
Ziemlich häufig finden wir das Wort in der Form Merlitze in den 
von Toeppen herausgegebenen Acten der Ständetage Preußens; z. B. 
I. 314 (aus dem Jahre 1418): ,Item von den merlitczen, die dy 
körsener in die pelcze setczen, das ein yderman hiruf spreche in 
seime rathe 4 ; I, 318: .das man . . vorbite, das man keyne merlizzen, 
mit nichte arbeite und werk dovon mache 1 ; I, 374 (aus dem Jahre 
1420): ,von den raerlitzen, das eyn vdermann die seynen warne“ 

I, 674 (1435): ,Item von den merlitczen ist by den steten ge- 

slossen, das man der in keyner stad sol machen, alze men vor 

langen jaren gehalden hatt, und wo man die veile vindet, das sullen 

die eldesten der korsenen der hirschafft adir den rethen der stete 
vorkundigen, das man die uflfhebe und neme, uff das * nymand do- 

methe werde betrogen 1 ; I, 664 (1434): ,Item ist verrmaet, das der 

aide artikel . . von den merliczen, das kein kursener sie vorbas 
machen sulle, in derselben wise sal gehalden werden 4 ; IIT, 48 (1448): 
,das kein korszener merlitczen erbeiten sal, und kein wullenweber 
roffuolle noch wolle von merlitczen adir awstwulle erbeiten sal 4 . 

Miss adj.: ,und alle raysse vormutunge, gentzlichen wart vortriben 
von aller menschen hertzen. 1 1504 Hedwiglegende CC, a . (sinistra 
opinio penitus ab omnium cordibus pellebatur.) 

Mittel, ihr Mittel (d. h. ihre Innung) bestände aus 30 Personen. 

J. Fr. Zöllner Briefe über Schlesien II, 234. 

Mummer. ,rittten auch allerhand Mumm er in schöner Maskerade. 1 
Zach. Allert Tagebuch 33. 

Musch (für Moschus vgl. DWB. II, 2595.) 

,Und vielen mit Verdruß nach Musch und Araber schmecket. 4 
Hoffmafnnswaldau, Begräb. Ged. 47 

Musche (vgl. DWB. VI, 2730). , . . daß die Mäglein den 
Halß entblößen, Müschen brauchen. Regent. 1723 Exempel. 176. 

Muttern, (vgl. Mitteil. XVII, 101.) 

Er aber Muttert sich im letzten gieben noch, 

Sucht da er schon fast todt, die liebste Mutter doch. 

E. Herrmann, Erstes Buch Unschuldiger Christi. Märtyrer C, b . 

Nasklug. (nicht im DWB.) ,Solches ist fürnemlich zu ersehen 
an der Schul-Lehrer Naß-klugen und allzuspitzfundigen Außlegung 
der heiligen Schrift. A. v. Franckenberg 1684 Gemma Magica 105. 


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1 


154 


Nordlicht (vgl. Weigand-Hirt; DWB.) ,Man hat mitdi ver¬ 
sichert, daß dieses Nordlicht bey klarem Himmel ohne Wolken 
auch in Island und Norwegen sehr helle gesehen werde/ 1718. 
Bresl. Samml. ven Natur- . . Gesch. II, 668: andere Bezeichnungen 
sind: ,Nordschein, Nordfluth, a. a. 0. 667. Nordlicht haben 
wir dann 1727 bei J. G. Schellern, Reise-Beschreibung von Lapp¬ 
land 17: ,nemlieh von dem sogenandten Nord-Licht oder Nord- 
Schein 4 ; um diese Zeit muß also Nordlicht für das ältere Nord¬ 
schein aufgekommen sein. So verwendet auch Wippel 1733 ein 
aufrichtiger Protestant noch beide Wörter: Seite 57 Nord-Licht 
und Seite 58 Nord schein; bei A. Volck (1750) 6. Entrevue 764 
lesen wir: ,bei den Einwohnern der Nordscheine; auch in Schlözers 
Lebensbeschreibung 1802 S. 184: zeigte sich einst ein Nordschein 
von ganz wunderbarer Art. 4 Und noch 1808 verwendet Bettine 
das Wort in einem Briefe an Arnim (Steig 96), Arnim greift es 
Seite 116 auf. 

Nurkeln. (nicht im DWB.) ,Eurer genurkelter Stylus giebts 
ann Tag, daß ihr nicht gewust, wie ilirs habt zusammen reimen 
sollen. 4 J. Scheffler, Ecclesiologia I, 39*. 

Ofenbreit, (nicht im DWB.) ,Darnach ists freylich besser in 
der Catholischen Kirche nur ein Brösamlein empfangen, als außer ihr 
durch eigensinnige Hoffarth getrennt einen gantzen Ofen breiten-, 
fladen, und gesehwiebögt-vollen Kelch. 4 J. Scheffler, Eccles. I 
493 \ 

Paschen. Weigand-Hirt führt als frühesten Beleg eine Stelle aus 
Flemings Teutschem Soldaten an, die auch Wiilker im DWB. unter 
„verpaschen 44 aus Sanders bringt. Kluge verweist auf Adelung. In 
der Mitte des 17. Jahrhunderts steht das Wort in den Quellen zur Ge¬ 
schichte der Stadt Kronstadt (1903) IV, 232: ,denn als der gottlose 
Wicht alle diese genommene Sachen stuckweis hin und wieder durch 
Griechen ins Land verposchet, so geschieht es ungefähr, daß er durch 
sein Brüderlein ein Stückei Goldes und Perlen vom güldenen Gehäng 
zum Goldarbeiter überschicket zu verkaufen. 4 ,Hier (d. h. in Flins- 
berg) sah ich zuerst einige preußische Jäger, die des Schleichhandels, 
oder wie man hier durchgängig spricht, des Pas che ns wegen über¬ 
all die Grenzen bewachen. 4 Fr. Herr mann 1814 Reise II, 102. 

Paschen. (Würfeln, vgl. DWB.) ,daß nachdem Luther die 
Würffel aufgeworflen, ein jeder paschen wollen. 4 J. Scheffler, 
Ecclesiol. I, 618 b . 


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155 


Pate. (cf. DWB.) ,I)o bleib alleyne bey yr katherina yr 
patte. 1504 Hedwiglegende M, a . (sola Katherina, ejus patrina, 
remanserat apud eam.) L 3 a : Do sähe dyselbige fraw katherina yre 
pate drey boße geiste yn menschlichem bilde an dy heyligen frawen 
lawffen/ 

Perzen. (vgl. Müller-Fraurenth 1,88 berzen.) 

Pertzt selbst, als bettest keinen knecht, 

Der, was du schaffest, mache recht, 

Acht, dein Gsind diß wol möge leiden. 

A. Calagius 1(504 Susanna A 4 b . (Springer.) 

Pfeien. (vgl. DWB.) ,Sünder sint dasher nicht funden wyrt 
in der erden der dy do lindiglich leben und hervor pfeiet, die 
schare der argtetigen wo mochte herlunden werden/ 1504 Hedwig¬ 
legende aj a (sed cum non inveniatur in terra suaviter viventium 
ceterumque malignantium detestetur ubi potest.) 

Pflücken. 

,Denn was du klagst, das klag ich mit, 

Zu pflücken ist hie Landes sit. 

A. Calagius Susanna C 4 b . 

Pfudian. Mitteil. XVII, 103 hätte auf DWB. VII. 1809 ver¬ 
wiesen werden sollen, wo bereits zu lernen war, daß der Ausdruck 
zusammengerückt ist aus pfui dich an, pfuidichan, pfuidian. Pfuy 
ich an in der Bedeutung Unflat, kot haben wir bei J. Critiphilus, 
Martyrologium Hordei 9: ,Wir müssen aber den Pfuy dich an 
auff eine Seite kehren, und widerurab wie der Prior auff unsere pro- 
position kommen/ Man vergleicht noch: ,pfui dich an, tu mala 
bestia‘ Cyriacus Schnaus 1546 Pasquillus C 2 b ; ,oder aber, daß 
er den pellenden Hunden ausspeye, mit einem pfuy dich an/ 
P. Gaediccus 1603 Purgatorium 16; A. H. Buchholtz 1666 Her¬ 
kules II, 120: ,Artabanus taht als hörete ers nicht, und fing an zu 
ruffen: Pfui uns an, wir sind nicht eines faulen Apfels wert/ An- 
pfuien in Verbindung mit anspeien gebraucht auch noch A. Mus- 
culus 1557 Vom jüngsten Tag J 8 a : ,das wir das anphuhen una ans- 
peyen, was unsere betörte Eltern für Heiligthumb haben atfgebetet/ 

Plaack. (welche Apothekerpfund) 4. Plaack oder Oessel aus¬ 
tragen/ 1717 Bresl. Samml. von Natur .... Gesell. I, 96. 

Plapperei. ,Es ist zwar keine ignorantia elenchi, aber wol seine 
elende plapperey und petitio Principij/ J. Scheffler, Ecclesiol. I, 
460“. 


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156 


Plotz. (vgl. DWB. VI, 1936; Drechsler, Germ. Abh. XI, 197.) 
,und ist durch einen plotzen Fall unversehenen Schuß oder auch im 
Schlafe durch einen Schlagfluß Augenblicklich auß diesem Leben 
gerissen worden. 4 J. Scheffler, Ecclesiol. I, 538 b ; 

,I)a sein gedacht, plotz ist im Saal 
Der Herr, und zeiget seine Nägel mal. 

A. Oalagius 160*2 Kurtze Summarien A 6 \ 

Pörsicht? 

,Und weißt ein Pörsicht Haubt halb-bloßer Brüste, Zier, 

Daß dein Unachtsam-sein geht andrer Aufputz für. 4 

H. A. Abschatz 1704 Poet. Übers, u. Ged. I, 197. 

Passen. (= bussen DWB. II, 570.) 

,Euch poss, wer will, im Mumen Hauß. 4 

A. Oalagius Susanna B 5 a . 

Pracherstuhl, (nicht im DWB.) , . . mit sambt jhren Wechsel- 
Tischen und Pracher-Stühlen. 4 A. v. Franckenberg 1649 Uber 
u. Wider den Greuwel der Verwüstg. 17. 

Prügelnaht ,die (s. das Mädchen) die so genandte Prügel¬ 
naht oder das Rheinische Garn von allen Stühlen abgefressen. 4 
1716 Bresl. Sammlung Von Natur . . Gesch. II, 66. 

Pucklich. (vgl. DWB. II, 488.) »Dieses thut er so lächerlich, 
daß sich einer fast pucklich drüber lachen solte. 4 J. Scheffler, 
Ecclesiol. I, 466 a . 

Purren. (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 201; DWB. VII, 2277; 
Weinhold 73 b .) ,och narret und porret nicht, vergesset ewres Sterbe- 
stündlins nicht. 4 

V. Herberger 1618 Trawrb. V, 401; 

,Sie konnten nichts als purren und murrn, 

Und in den Nächsten wütten. 4 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 23, 54: 

,Und zu allem ihrem sch nurrn und purrn 
Auch nicht ein Wörtlein sagen. 4 

Qualhaus, (nicht im DWB.) , so ist mein innerer Leib, sambt 
seiner Braut, aus dem Widerwillen und Quaal hause entlöset, ent¬ 
lediget und entbunden. 4 A. v. Franckenberg 1676 Nosce te 
ipsum 33. 

Quass. (cf. Lexer II, 318; Drechsler, Germ. Abh. XI, 203.) 
,und sich do fleyssiglichenn schickte czu nemen dy hertzlichen qwasse, 
unnd dy gütlichen wolluste yn dem hawße Gottes. 4 1504 Hedwig- 


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legende 32*: (eupiens illius riivine consolacionis dulcedine renovato 
gustu adhuc amplius perferri.) 

Räudel. (nicht im I)WB.) 

Hilft Jupiter, hilft’ heilig Dian, 

Darfst diesen reudel vor mich lahn, 

An dem nichts ist, denn bein und haut, 

Davor, als vorm aß, einem graut, 

Durchsichtig, leicht als ein latern? 

A. Calagius 1599 Rebecca B ti b . 

Raute, (vgl. DWB.) 

wenn er befeucht, begossen hat, 
so steht wie Rauth, die grüne saht. 

M. Liebig 1589, Aus dem 65. psalm A s *. 

Rehmen, (vgl. DWB. s. v.) 

Allein das Weiber nehmen 

Weis ich seim hertzen nicht zurehmen, 

Denn unsre bulcr solche wahr 
Mit blinden äugen nicht zahlen bar.‘ 

A. Calagius 1599 Rebecca B 4 a . 

Reinlin? (Schmeller II, 112 verzeichnet ein Reinlin für Reinhard); 
,aber wenn sie sollen from werden und büße thun, da fangen .die 
Reinlin an sich zu scheinen/ V. Herberger, Hertz Postilla I, 871. 

Renken, (vgl. DWB. u. Drechsler, Herrn. Abh, XI, 211.) 
,Eine (Meinung) des Prädicanten, welche sagen, er solle ein Weib 
haben, oder wie es der Becker räncken und lencken will, er könne 
eines haben/ J. Scheffler, Ecclesiol I, 457*. 

Reuesam. (nicht im DWB.) ,vnd rewsamen hertzens/ 1504 
Hedwiglegende 13 b . (in animo contrito.) 

Riechet, (vgl. Weinhold 78“, DWB VIII, 909.) ,Die Mädchen 
beschenken die »Knechte, wenn sie zum erstenmal mit den Sensen 
ausziehn, mit einem Blumenstrauß, der nach der hiesigen (Glogauer) 
Mundart ein Ri ec hei heißt], und womit die Schnitter ihre Hüte 
zieren/ J. Fr. Zöllner 1792 Briefe über Schlesien I, 34. 

Rollen, (vgl. DWB. VIII, 1145,8.) 

,Lieb, welch du willst, ich aber roll/ 

A. Calagius 1604 Susanna B 7 “; gehört hierher auch B 5 b ; 
,Ihr habt doch selb an Ehbruch schuldt 
Wenn jhr schon nicht in Lügen rullt?. 
oder ist hier an rullen, riihelen zu denken? 


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158 


Rosenhold, (nicht im I)WB.) , . . so durch die Schnee-weiße 
Keuschheit, Mäßigkeit und Rosen-holde Liebe Gottes erlangt worden/ 
A. v. Franckenberg, Genuna magica 103. 

Röte. (Die Pflanze, aus der man den bekannten Färbestoff ge¬ 
wann.) ,offtmals, wenn man ein Vater unser beten sol, so gedenckt 
man an die Röthe, und Wollsecke, an Gold und Silber. 4 .T. Po 11 io 
1601 Zehen predigten 196*. 

Rötzling. (vgl. DWB.) , . . daß ein jeder Rotzling . . so 
unverschämt vermessen darf sein. 4 J. Scheffler, Eccles. I, 200*. 

Rummeldeuss. (vgl. DWB.) Rümmeldenß — ein Biername 
in Breslau. 1718 Bresl. Samral. Von Natur . . Gesch. III, 722. 

Salbaderisch. ,er beantwortets aber eben . . mit seiner 
Salbaderischen selbstrede, weil er nichts anders kan noch weißt.* 
J. Scheffler, Ecclesiol. I, 465 b ; die Geschichte von dem Bader zu 
Jena, von dem das Wort salbadern seinen Ursprung haben soll, er¬ 
zählt Scheffler a. a. 0. I, 563*. 

Saufkampf, (nicht im DWB.) ,richten ein Sauffkampff an, 
verschwedern die herrlichen Creatoren Gottes, sclnvechen jhre Glieder.* 
L. Pollio, 1583 Vom ewigen Leben 146*. 

Saurigkeit. (vgl. DWB.) ,Auch in nassen, kalten Gründen 
vnnd Sawrigkeiten, wil es mit dem körn nicht thun.* R. Grosser 
1590 Kurtze . . anleytung C 3 *. 

Scharwolke, (nicht im DWB.) ,Limmel- oder Scharwolken.* 
1717 Bresl. Samml. Von Natur- . . Gesch. II, 23. 

Schattenwerk (vgl. DWB. wo das Wort viel später belegt ist) 
. . . mit den andern (Opfern) ists lauter schatten- und tocken- 
werck gewesen.’ V. Herbergsr 1613 Hertz Postilla II, 110; ,Ihr 
(der Vernünftigen) Verstand ist vom Gestirne, und nur für ein 
Schein- und Schatten werk gegen der Göttlichen Weißheit zu achten.* 
A. v. Franckenberg 1676 Nosce te ipsum 31. 

Schatzkästlein (im DWB. erst aus Hebel und Goethe belegt.) 
. . . also daß nicht einem jeglichen zugelassen, solchen geheimen 
Eingang zu dem verschlossenen Garten-Kämmerlein und versiegelten 
Schatzkästlein der geheiligten Natur zu finden. 4 A. v. Francken¬ 
berg 1667 Von dem Rechten Kirchen-gehen 29. 

Schaubühne: ,welche dinge . . nach ordnung der sechs Tage 
auff diese Schaubühne der Welt . . herfür gezogen sein. A. v. 
Franckenberg 1688 Gemma magica 10. (geschrieben 1641.) 


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159 


Scheideziel (nicht im DWB.) ,Aber die Wiedergeburt auß der 
Finsterniß des Grimmes zum Lichte der Sanfftmuth ist das Sch ei de- 
Ziel zwischen beyden.‘ A. v. F. Nosce te ipsnm 60. 

Schemel. ,Wenn Kinder, Gesinde und Hauswirte das auff jhrem 
Schemmel und Stubenstülichen bedencken. 4 V. Herberger, Hertz 
Post. I, 862. 

Schiebung (vgl. DWB. VII, 2674, Weinhold 88 a ) ,So fanden 
die Diebe in einem Schiebling eines Verborgenen Aelmerleins auch 
Obligationes 4 1723 Schlesischer Robinson 137. 

Schiedlichkeit. (nicht im DWB.) ,Was der magische Grund 
und Ungrund, das Herkommen und Urständ dieser Welt, die Schied- 
lichkeiten aller Kräfte, auch was die A- Licht und funstere Welt 
nach Liebe und Zorne sey, ist dir unverborgen. 1 A. v. F. Nosce te 
ipsum 38. 

Schiefer, (vgl. Weinhold 82 b ; Drechsler, Germ. Abh. XI, 223; 
hier muß das Wort aber persönlich gefaßt werden, wofür auch das 
DWB. leine Belege gibt.) 

,Dacht nicht der alte Hunnerfresser 
Und schiefer, solt es können besser, 

Als ich, der ich bin Jung und starck. 

A. Calagius 1599 Rebecca E 7 b . 

Schiessbeer Holtz. (vgl. DWB.) bei V. Herberger, Hertz 
Post. I, 639. 

Schilling, Schilg. (vgl. Weinhold 83 a ; Drechsler, Germ. 
Abh. XI, 224; DWB. s. v.) , . . und kauffte ein großen stoß 

Bücher, und schickte sie seinem pracceptori zur Verehrung, und hieß 
jhm für den alten wol verdienten Schilg danken. 4 V. Herberger, 
Hertz Post. II, 171; vgl. I, 872’ a : ,Etliche närrische Eltern steupen 
die Kinder alle gleich, wenn eins etwas hat verschuldet, damit sie 
einander den schilg nicht sollen auffrücken 4 : II, 572: ,sie werden 
auch mit eygenem schaden nicht klug, sondern können einen staup- 
schilg bald verschmertzen. 4 (Schlag, Streich.) 

Schirren, (vgl. Weinhold 82» und DWB.) man schirret aber 
ein wenig Erde mit dem Grabeysen hinweg. M. Grosser 1590 
Kurtze . . anleytung G 4 ‘. 

Schkampen, sckampen, schampen: (vgl. DWB. VIII, 2120; 
Drechsler, Germ. Abt. XI, 225.) .Da jhnen Simeon nicht wil das 
Liedlein singen, da muß er schampen, aber zu seinem besten 
Glücke. 4 V. Herberger, Hertz Post. I, 666. (sich fortmachen.) 


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160 


Schlackenläufer, (vgl. DWB.) 

.Es wollen unsre großmögende Herren, 

Allem Lumpengesindel, Schlackenläufern, 
Beutelschneidern und Taschegreifern, 

Mit strengster Huth die Stadt heut sperren.“ 

S. G. Börde 1803 Poet. Schriften I, 193. 

Schlaudern. (vgl. Weinhold 83 b ; Drechsler, Germ. Abh. XI, 
226). ,In Schlesien ist durch die eingeführte Schau dafür gesorgt, 
das sogenannte Schlaudern möglichst und den Betrug der Weber 
in Ansehung des Maßes durchaus zu verhüthen. 4 J. Fr. Zöllner, 
Briefe über Schlesien II, 409. 

Schlaufe. Aus dem Kessel wird die heiße Lauge mit eiuer 
Kanne (Schlaufe, d. i. Schöpfe) auf die Leinwand gegossen. 4 Zölln er 
a. a. 0. II, 137. 

Schlechterdinge (vgl. Weigand-Hirt.) ,die ubersichtige Welt wil 
jhn (den Schatz) schlechter dinge nicht sehen und erkennen. 4 
V. Herberger, Hertz Post. II, 102. 

Schleppzagel (nicht »im DWB.) ,I)ie andern, sind demütige 
bußfertige Hertzen, lauter Schleppezagei in der Welt, die sind 
auch gewesen im Weinberge, aber sie sind sehr langsam kommen/ 
V. Herberger, Hertz Post. I, 220, und a. a. 0. ,Dagegen kommen 
die stoltzen Primaner erst hinten nach, und müssen Schleppzagel 
werden. 4 

Schlipfern. (vgl. Weinhold 84. b ) , . . und brachte . . eine 
ziemliche jedoch saure Neige Milch, welche gesell lüpfert war. 
G. Opitz 1748 Merkwürdige Nachrichten I, 96, vgl. I, 163. 

Schlottern. F. Weinhold 84 b ; DWB. s. v. u. Wßigand-Hirt.) 
,das man an der belohnung schlottert und zweifelt. 4 C. Pollio 
1583 Vom ewigen Leben 19 b ; 70 a : ,schlottert und wancket 
das hertz. 4 

Schlüffel. (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 228; DWB. s. v.) 
,Herauß, fort mit euch, geht jhr schlüffel, 

Jhr ungemachte grobe püffel. 4 

A. Calagius 1599 Rebecca B 5 a . 

Schlumpern (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 230; DWB. IX, 
829). ,durch alle weltpfützen.. hindurch schlumpern. 4 V. Herberger 
Hertz Postilla 11,538; dazu schlumpe rhaftig, das im DWB. fehlt. 
,Wie kan auch ein tapffrer Hauswirth einem schlammigen, zöttichten, 


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Schlumper haftigen Unflat günstig bleiben?' V. Herberger, Hertz 
Post. II, 557. 

Schmälen, (vgl. DWB. und Weigaml-Hirt.) .Du bist wol ein 
rechtes grobes Kalb, will nicht sagen Ochse, daß du . . auf die 
Messe schmäh lest, die du doch nie erkandt hast.' J. Scheffler, 
Ecclesiol. I, 473 b . 

Schmoy? ,Der Gastbett', da er (der Geizige) einkehret, heist 
der Schadenfroh, der rühmet sich: Ey ich habe jhn tapffer be- 
schmudelt. Es war eine taptfere Sclnnoy.' V. Herberger Hertz 
Post. I, 714. 

Schneereifen. ,Um nicht in den Schnee zu versinken, binden 
sich die Leute einen hölzernen Keifen unter die Füße, der etwa einen 
Fuß im Durchmesser hat und innerhalb mit Schnüren netzförmig 
durchzogen ist. . . Sie. gehen dann mit den vorhin beschriebenen 
Schneereifen so viel als möglich auf den bczeichneten Wegen.' 
J. Fr. Zöllner, Briefe über Schlesien II, 194. 

Schneiden, (vgl. DWB. IX, 1267.) ,Sie sucht das principal 
und die schneidensten gesangseiten aus jhrem hertzen herfür. 
V. Herberger 1612 Rosarium Beatae Virginis 65. 

Schneller ,Ich ging in der größten Spannung hin (in das 
Theater) und kam mit einem gewaltigen Schneller zurück.' 
S. G. Bürde 1785 Erzählung von einer gesellschaftl. Reise 135. 

Schnellgalgen (vgl. DWB und Weigand-Hirt.) ,Zuletzt aber 
an einem Schnellgalgen sehr unbarmhertzig martert/ V. Her¬ 
berger, Hertz Post. II, 250. 

Schnepperhaftig. (nicht im DWB.) , . . und seine schnepper- 
haftige Magd.' V. Herberger, Hertz Post. II, 556. 

Schnerkel (DWB. IX, 1319.) ,allerhand Schnerckel erzehlen.' 
H. E. Flederwisch, Der Schlesische Zipfelpelz 36. 

Schnippfällchen (nicht im DWB.) ,ja wenns schnipfällichen 
(meusefallen), weren, da wußte ich wol bescheid.'. V. Herberger 
Hertz Post. II, 472. 

Schorschaufel. (vgl. Weinhold 87 b ; DWB. IX, 1582.) ,die 
(Wasserfurchen) rewmet man mit einer schorschauffel, damit das 
Wasser . . abschiessen kan.' M. Grosser 1590 Kurtze . . An- 
leytung C a *. 

Schreibier (im DWB. viel später belegt.) , . . und die elende 
Klügeley dieses oder jenes Schreibiers für vernünflftig halten.' 
J. Scheffler, Ecclesiologia I, 205 a . 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 11 


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182 


Schriftling. (vgl. DWB.)| ,Sehet ihr Lutheraner wie eure 
Schrifftlinge den H. Geist in der Schrifft redenden ausstechen?* 
J. Scheffler, Ecclesiol. I, 634 r . 

Schriftsatz (vgl. DWB.) »die andere in selbigen (Erdteilen) 
aber eingeschlossene particulir Landschaflten seyn gleichsam als 
grosse Sehrifft-Sätze auff dem Blatt des Erdreichs/ A. v. 
Franckenberg 1884 Gemma magica 138. 

Schuft (vgl. DWB.) 

,Hust nicht den Bracken diesem Schufft 
Zu warten auff das best befohlen? 1 

A. Calagius 1599 Rebecca B 4 ‘. 

Schulen (vgl. DWB. IX, 1937, 2.) 

.Ich habe zwar mit dir in Breßlau hier geschulet, 

Des Landes käyserin hat dich und mich ergetzt/ 

Tscherning 1855 Vertrab 0 9 b . 

Schürdremmel (nicht im DWB.) Jeremias hatte seinen Rost 
im jüdischen Lande, seine eigne Zuhörer waren die Schördremmel/ 
V. Herberger, Hertz Post. II, 371. 

Schwadern: (Weinhold 88 b ; Drechsler, Germ. Abh. XI, 239. 
DWB. s. v.) .Wenn sie aus Unvorsichtigkeit auß dem Kelch 
schwadern/ .1. Scheffler Eccles I, 472®. Hier hat das Wort 
die Bedeutung verschütten, vergießen. 

Schwärzen (cf. DWB. IX, 2330 S.) ,Paschen, welches sonst 
auch schwärzen (Waareu einschwärzen) genannt wird/ J. Fr. 
Zöllner 1793 Briefe über Schlesien II, 323. 

Schweif. ,Wenn der Weg genugsam geebnet ist, so macht 
jeder, theils um die allzuschnelle Fahrt zu hemmen, theils um die 
fortzubringende Last zu vermehren, an seinen Schlitten einen 
Schweif, d. h. er läßt eine Kette nachschleppen, an deren Ende 
eine verhältnißmäßige Menge Holzkloben befestigt ist/ J. Fr. 
Zöllner, Briefe^ über Schlesien II, 197. 

Schweifen (vgl. Weinhold 8«» und DWB.) Hieranff (nach 
dem Waschen) wird sie (die Leinwand) geschweift, d. h. vom 
Wasser abgespült/J. Fr. Zöllner, a. a. 0. II, 137; sich schweifen: 

,Thut noth, daß ich mich wasch und schweif/ 

A. Calagius, Susanna B t b . 

Schwiebbogen ,Also wenn du einen geschwiebögt - vollen 
Kelch außtrincktest/ J. Scheffler, Eccles. I, 472; . . Eine feine 
Kirch und mittelmäßigen Garten, darinnen viel Granat- Aepfel und 


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_ 103 _ 

Wein umb die geschwiebögten Gänge wachsen.* F. v. Troilo 
1676 Oriental. ßeise-Beschreib. 606. 

Schwieren (vgl. DBW. IX, 2620.) geradezu macht gute Keuter, 
was aus ist, das schwieret nicht.* V. Herberger Hertz Post. I, 287. 

Schwingeln. 

,Heut, als ich aus dem schlaff erwacht, 

Befand ich, das mirs schwingein macht, 

Praust, saust, und summt mir in dem Kopff, 

Nicht anders, als im holen topff.* 

A. Oalagius Bebecca E s b . . 

Schwülstei (vgl. Drechsler, Germa. Abh. XI, 241; Mitteil. XVII, 
110.) ,der dicke Schvvilstel.* 1724. Schles. Robinson II, 377. 

Schwutgenbeisser? (nicht im DWB.) ,Der Herr Jesus saß 
zu Gaste, nicht als ein Tellerlecker, Schwutgenbeisser und 
•Schmarutzer.* V. Herber ge r, Hertz Post. I, 572. 

Seelenstengel (nicht im DWB.) ,und wir mit unserm Leib¬ 
und Seelenstengel hinauff in Himmel wachsen. V. Herberger 
Hertz Post. II, 370. 

Segelfrei. (vgl. DWB, unzulänglich.) , . . das gefrorene und 
■verschlossene Meer wieder auffgetauet, und Segelfrey geworden.* 
A. v. Franckenberg 1644 Oculus Sidereus 5. 

Selbstdünkel (im DWB. erst aus Lessing belegt) . . . und auß 
eitelem .selbstdünckel herrührende eigen wollen und würcken.* 
A. v. Franckenberg, Jordanssteine 30. 

Senkel, (vgl. DWB. Drechslet, German. Abhh. XI, 243.) ,Er 
mag sich jmmer drollen in abgrund der Hellen, hier ist seines 
bleibens nicht, er bekommt keinen Sen ekel aus diesem Kram.* 
V. Herberger Hertz Post. I, 125. 

Sickern (vgl. DWB.) ,machet mau grüblin neben das Wasser, 
so sickerts bald hinein.* V. Herberger, H. P. II, 478. 

Signirglöcklein, nicht im DWB.) ,darumb so laß dich diß 
Signirglocklein autlmuntern.* V. Herberger H. P. II, 185. 

Sinnbildisch: (im DWB. und Weigand-Hirt erst aus Frisch 
beigebracht.) ,Daselbst entlehnen die heiligen Engeln der Thiere, 
Sternen . . der vierundzwantzig Eltesten Gestaltnüssen aus dem 
Natur-Buch, als Sinnbildische Buchstaben.* A. v. Francken¬ 
berg Gemma Magica 1)5. u. ö. (geschrieben 1641.) 

Skala. (Weigand-Hirt, sehr unbestimmt 18. Jahrhundert.) 
denn da stimmen durch die gantze Scalam hindurch, nicht mehr 

11 * 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



11;4 

als (1 rey claves. die andern sind lauter Octavae/ V. Herborger, 
H. 1*. 1,' 54t). ’ 

Sonnewolke, ('gemeint sind die Sonnenilecken: cf. DWH.) 
,Von welchen Sonne-Wolcken künfftig . . etwas ..gewisseres 
möchte an den Tag kommen." A. v. Franekenberg 1 (>44 Ocnlus 
Sidereus l), b . 

Speibes? ,Also weist dis Evangelium armen Leuten jhren 
Speicher. Speibes, Almerey, Hrodtkamnier, Küche und Keller in den 
wackeren Augen. 4 V. Herbergei, H. I‘. I, .'504. 

Sperre'. ,lieht die Bahn zu steil hinunter, oder ist sie durch 
vieles Fahren allzu glatt geworden, so wird der Schlitten mit der 
sogenannten Sperre, <1. h. mit kleinen Ketten gehemmt. 4 .1, Fr. 
Zöllner, Briefe über Schlesien II. 1!)<>. 

Spezialichen. ,Gott sorget wo Adam gute Spezialiehen finde, 
er macht ihm eine große Apotheken. V. Herberger, magnalia dei 
131; Die Spezialichen sind alle lieblich und wol zugerichtet: 
Auf Gottes Gnadentaffel wird gerfthmet. 4 Hertz Postilla I, )>74; 589: 
,kein geniestetes Kalb ist diesen Spezialichen zu vergleichen 4 . 

Spielvogel, (vgl. I)WB.) .darumb stehe mir bei, . . daß nicht 
der böse Geist, einen Spielvogel an mir habe. 4 L. Pollio 1585 
Vom ewigen Leben A M b . 

Spiegelseherin, (nicht im l)WB.) Saul suchte rath bey der 
Spiegelseherin. 4 V. Herberger. H. P. II, 382. 

Spitz, (cf. DWB. X, I, 2573,7.) 

Merck wol, das ich ein spitz gehabt. 4 

A. Calagius Rebecca L ; b , 

Spitzkunst, (nicht im DWB.) .Ungeachtet, jhrer viel die H. 
vom Geiste Gottes eingegebene Schrillt ohne Göttlichen Willen, 
BerulT, Zug, Trieb oder Beystand, aus eigenen Knifften der gestirneten 
Vernunfft, als mit Eigenmächtigen Sinnen, etweder durch vorwitzige 
Spitz- und eingebildete Schwätzkunst, hochmeisterlieh zu ftber- 
klugeln . . jlmen höchstes Heißes angelegen hatten und seyn lassen. 4 
A. v. Franckenberg, Oculus Sidereus G, b , 

Spitzting. , . . nicht aber den Verächtern, oder Nasewevsen 
Klug- und Spitzlingen. 4 a. a. 0. Vorrede. 

Sprenkel, (cf. DWB.) , . . bleibt im sprenckel der verdamnis 
behängen. 4 V. Herberger, H. P. II, 544. 

Sprung. ,indem ich nicht große Springe machen konnte, weil der 
Wechsel außer Hieb. 4 F. v. Troilo 1P>7(> Orient. Reise Beschr. 501. 


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PR1NCET0N UNIVERSITY“ 



1(>5 


Spültonne, (nicht im 1)WB.) , . . auch alles außgießen der 

Spültonne vnd andern Unflats unterlassen werden/ lnso Schles. 
Infect. Ordnung 1(5. 

Stäbein. (cf. Weinhold 5>3 a n. DWB.) ,also stiibole immer¬ 
fort zum ewigen leben/ V. Herbergor lfißO Arborum sripturae 
lucus C 4 b . 

Stadtwasche, (nicht im DWB.) .Die Hunde l)elautfeu alle 
Wände, wer weis was du für eine Stadtwasche, Stadtplatze und 
was du für ein Sclmiipperlin bist gewesen/ V. Her beiger H. P. 
I, 284. 

Stankerhündlein. (nicht im DWB.; cf. Drechsler, Herrn. Abh. XI, 
24}).) ,ich habe . dich . . wie ein stnnckerhiindlin außgespüret/ 
V. Herberger H. P. I, 28(5. 

Standwesen, (nicht im DWB.j ,Ist derhalben das eußer 
Standwesen oder die Substantz dieses Hluts schwartz, grob und 
die schwerste, auch mit den übrigen Elementen untermischet/ 
A.. v. Franckenborg, (iemma magica 2(5. 

Stauden, (vgl. I)WB. X. II, lfm, aber ohne Umlaut.) ,Weil 
<ler Hirse kleinkörnig ist vnd viel stiiudet, so dartV man dessen 
nicht viel zu Samen. M. Grosser Kurtze . . anleytung I') rt a . 

Steckbrief, (vgl. I)WB.) ,Nach diesem zeigte er ihnen die 
Steck-Briefe. welche schon viel eher denn sie, angekommen waren/ 
F. v. Troilo 3.^4 

Stehrbeutel? (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 7‘.) zu Beutel) 
ist hier an den -Ster (widder) zu denken? .Dein Hertz sey keine 
stoltze auffgeschwollene Erbeyßblase, kein grober Stehrbeutel, 
kein törichter Beutel, wie Haggai sagt cap. 1/ V. Herberger, 
Trauwrbinden 4,540. (vgl. Gusindo, Mundart von Schönwald 154 a .] 

Stellen. 

,Wo steckt sie denn? 

Drinn stellt sie Leid. 

A. Calagius, Susanna O s b . 
stellen mit dat; 

.Dis eben ist, das mich thut nagen, 

, Und furcht, man stell so meinem Sohn/ 

A. Calagius Rebecca A 8 a . 

Stengel. 

,Du, Sanga, raff die Netz von stengeln. 

A. Calagius Rebecca I) 3 b . 


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PR1NCETON UN1VERSITY 



Hi 6 

Stichelei, (bei Weigand-Hirt erst vom Jahre 17lii belegt.) 
Wer . . dennoch solche sticheley huren muß. 4 V. Herberger* 
H. P. I, *29«. 

Stockebossen, (nicht im DWB.; die Erklärung erhellt aus 
,Drechsler, Germ. Abh. XI, 233 s. v. stocken.) ,nachdem er bey 
Nacht im finstern Walde herumb hat gestockebosset. V. Herberger 
1607 Magnalia dei 101. (spaßen, scherzen.) 

Stockfremd. , . . vnd kömpt zu stock fremden Leuten. 4 
L. Pollio 1383 Vom ewigen Leben 110. Das Exemplar der Breslauer 
Stadtbihliothek hat von gleichzeitiger Hand an den Rand geschrieben 
statt stock .stein"; so daß steinfremd gebräuchlicher gewesen sein 
muß als stockfremd. Stockstaarblind bei .1. Scheffler Eccles. I, 
647 D . 

Stossgebetlein (Weigant-Hirt führt als ältesten Beleg eine 
Stelle aus Fischart an.) Wo steht das Wort bei Luther':' .der Herr 
Lutherus nennets Stoßgebetlein. 4 V. Herberger 1612 Rosarium 
Beatae Virginis 17. 

Strahlicht: ,daß sein Antlitz stralicht ffuikelte." V. Herberger 
H. P. II 364. 

Stratzen. (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 253 s. v. strotzen) 
,er start, knart, stratzt wie ein Brenscheid, wie ein höltzern Jäckel. 4 
V. Herberger, H. P. I, 671. 

Straussstern. Daß die Cometen oder Strauß-Sterne, außer¬ 
halb des Ortes, von den Planeten nicht unterschieden: dazu auch 
verborgene Erdkugeln sein. . . A. v. Frankenberg, Oculus 
Sidereus E, b . 

Streitmeinung. ,aber deine dieses Deinige Licht leuchtet und 
leitet, der ist vom Joch der Streit-Meinungen entlediget und ent¬ 
bunden. 4 A. v. Franckenberg, Nosee te ipsum 71. 

Strohhaube. ,Die Kinder tlechten . . Strohhüte oder wie man 
in Schlesien sagt, Strohhauben. 4 J. Fr. Zöllner, Briefe über 
Schlesien I, 196. 

Stüchzen : Nun bald hin zu Zunfftmeister stfichtz 
Dein Sach sol haben bald ein Ort. 

A. Calagins Susanna D 3 b . (vgl. Schmeller II, 725 umb 
stuchsen.) 

Stüren. (=stören.) 

,Für war, ich furcht, mich jemand stur. 4 

A. Calagins Susanna B 3 a . 


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Original fro-m 

PRINCETON UN1VERSITY 



167 


Sülen. (vgl. Weinhold 96 b ; Drechsler Germ. Abh. XI, 257.) 

Midian: Lengst gern ich dich hett abgekiilet. 

Susanna: Sehr hab ich mich hiß her gesület, 

Thut noth, daß ich mich wasch und schweitf.* 

A. Calagius Susanna ß, b . 

Sündenbock. ,Wo bleibet aber jhr gottlosen, stinkenden, un¬ 
züchtigen hoffertigen Söndenbücke, hats euch der Herr Jesus ge¬ 
heißen, was jhr thut?* V. Herberger, H. P. I, 541. 

Symphonist. ,Lernet . . himmlische Symphonisten werden.* 

V. Herberger, H. P. H, 465. 

Tallen? (Weinhold 97 a ; Drechsler, Germ. Abh. XI, 258.) 

,Wie, Schnapp, das dein Maul töllpisch talle.* 

A. Calagius 1604 Susanna Bj*. (stammeln, lallen.) 

Talpe. (Weinhold 96 b .) 

.Hast nicht, du böswicht, puff' derhalb 
Verdient? Ha, ha, dergleichen talp 
Für solche trew zu lohn man giebt, 

Pack dich hinein, weil dirs so liebt.* 

A. Calagius Rebecca B ß b . 

Terr. (vgl. Schmeller I, 540; DWB. II, 786 ,Darre.*) 

,Soll ich jhm nicht gehn eine therrn.* 

a. a. 0. F t a . 

Tertschner. (nicht bei Lexer und im DWB.) Do sy alszo het 
gebettet, batthe si, heincken ein Tertschner das her ir einn bilde 
machte von wachße.* 1504 Hedwiglegende BB 2 b . Rogavitque Henco- 
nom clipeatorem. 

Todesbett. 

Todes-Bett. V. Herberger, Jesus Siraeh 686 b . Im 16. und 
17. Jahrhundert begegnet diese sprachlich anfechtbare Bildung selten, 
die gewöhnliche ist ,Todbett*. 

Treibeis, (bei Weigand-Hirt erst aus Campe 1810 belegt.) 
,daß die Donau voll Treib-Eisz sei.* 1718 Bresl. Samml. Von 
Natur-Gesch. III, 513; Treib-Hauß a. a. 0. 727. (bei Weigand- 
Hirt erst aus Adelung 1780.) 

Trommen? (vgl. Lexer II, 1545 s. v. trumpfen: Schmeller I, 665.) 
,Muß in des in mein heußlin trommen, 

Biß von der Jagd sie wiederkornmeu.* 

A. Calagius Rebecca C- 2 \ 


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Original from 

PRINCETON UNfVERSITV 




Trumpf? 


,Wie manchen ich auch sehr gefeiert. 

Ja fast jhm aufl der trumpf!' geleiert, 

Hah iclis doch keinem recht gemacht. 

Harr, kümpt der Herr, kaum er des lacht. 1 

A. Caiagius Rebecca B Ä ''. 

Tüttlein. (vgl. Sehmollerl. 554; DWR. II, 1772; Fischer II, 
519 fg.; zum übertragenen (rehrauch, wie hier Saugknablein, vgl. das 
bei Fischer angeführte „Duttel“ junges Schal.) 

.Dein alter aber mag passieren. 

Weil du das fortan weist zu luren, 

Da du fort mehr kein tüttlein bist. 1 

A. Caiagius Rebecca C. t b . 

Überreiter .Die Defraudationen wurden auch s<i sicher entdeckt, 
da nicht nur die sogenannten Ü bet reut er überall Achtung gaben, 
sondern auch dem Angeber . . grolle Belohnungen verheißen waren/ 
J. Fr. Zöllner. Briefe über Schlesien I, Hl. 

Umherleiern (vgl. DWB. VI, (5s7 ummerleiern raüssrg 
herumgehen) 

.Komm wider, ob der alt Hebern, 

Wie gestern, auch heut umbherleyer? 5 

A. Caiagius Susanna E* 3 . 

Unbeuglich (nicht im DWll.i ,wen seyne lulle und bevnschneckel, 
als eyn holtz dorre unpewglich waren/ Hedwiglegende BB c b . 
(erant enim predicti pedes cum cruribus aridi et veluti lignum in- 
lexibiles.) vgl. Dfb. 297' : inflexibilis-onbeuglich. 

Unfindlich (vgl. DWB.) ,dilJ einige Ein, ist ewig, ungründlich, 
unfindlich, unendlich, ohne Anfang und Ende, und ist doch alles 
und über alles/ A. v. Franckenberg, Nosee te ipsum 27. 

Ungeleuhnt? (vgl. DWB. XI. III, 7.75.) 

,Danck hab, Wannher körapst UngeleuhntV* 

A. Caiagius Susanna C, l *. 

Ungeruhsamkeit, (nicht bei Lexer) ,IJas her sy auch von der 
ungerusarakei t, dy czu czeyttenn sich vonn etzlicher geschichte 
dergeth durch wundersame kretlte hewarthe/ Hedwigleg'ende E, b . 
(ab inquietudine.) doch vgl. jetzt DWB. XI. III, S25. 

Unzuchthaus. ,gehe aus dem viehischem Brunst- und Unzucht¬ 
hause dieser schnöden eiteln Nichtigkeit* A. v. Franckenberg 
Nosce te ipsum 93. 


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Original ftorri 

PRINCETON UNIVERSITY 



Urbar (vgl, Lexer 11, 2000.) 

,Der Urbar die geladnen (tiist, 

Zur Hochzfeit schwerlich kommen lost. 4 

A. Calagius 1002 Kurtze Summarien B 4 a . 

Urhab. ,Denn das Wasser ist der erste Vorrath, Hauung und 
Urliab gewest. 4 A. v. Frauekenberg. Nosce te ipsum 43. 

Verfitzen (vgl. Mitteil. XVII. 114.) 

' .Mein Anna tnerek, wie niags doch stehen 

Umb das, was meinst die Nachbarn jt/.t 
Gemurmelt, und im stilln verfitzt, 

Vom unsrer Tochter ein Geschrei ? 4 

A. Calagius 1004 Susanna I), b . Da Weigand-Hirt erst aus 
Frisch vom Jahre 1741 das Wort beibringt, so stehe hier noch ein 
älterer Beleg vom Jahre 1524: ,Dorzu sähe ich, das ich cyne reyse 
han wurd, durch stelle, dy gantz verwürfen von vielen und mancherley 
hyndernussen. mit struppicht verfitzt, von gehegk und felsenbruchen 
unwegsam, von syndfluten und grutften zerrissen. 4 Mi chael Risch, 
Parphrasis Erasmi. . vber das Evangelium Johannis, Vorrede. 

Vergesellschaften, (vgl. DWB.) ,Diese Kälte nun vergesell¬ 
schaftet die lebhaffte oder geheime Qualität, nemlich die Fix- 
machnng. 4 A. v. Frauekenberg Gemma magica 2<S. (Geschrieben 
1041.) 

Vergrellen. Das DWB XII, 4Ü1 behauptet, das Wort sei in 
der Schriftsprache selten, und belegt es erst aus Bode’s Montaigne¬ 
übersetzung. „verärgern“. 

,die uns diesen tranck so vergellen und vergrellen. 4 Joh. 
Pomarius 1590 Große Postille 1, 464 b u. ö; 

,Wiß, o Gottslästermaul, daß Gott, vor dieser Welt 
Ein Hell erbawet. hat, vor die, die so vergrelt, 

Daß sie, vermeüner Weiß, entfärben sich mit nichte, 

Die Weißheit Gottes selbst zu fordern vor Gerichte. 

Tobias Hübner, Güten, 1061, Sieben-Tages-Zeit 3; und 11: 
,Man sah drob hoch und tielf unordenung entstehen, 

Dis alles im geraeng, und war also vorgrelt, 

Daß sichs auffrührisch selbst zerstört hett und gefeit; 4 31: 

.daß er sich dort vergrellet. mehre. 4 (qu’il croist toujour 
d’audace.): ,damit den vergrelleten Untertahnen konte geant¬ 
wortet werden.' Buchholtz 1G6G Hercules I. S76 E. Francisci 


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Original fram 

PR1NCETON UNIVERS1TY 



170 


1686 Weh der Ewigkeit 602: ,welches (Strohmännlein) der ver- 
grellete Bär zu kleinen Stucken zerreist. 4 J. Cats 1711 Sinnreiche 
Werke II, 262: 

,Bistu des Nattern Zucht, der Basilisken Brüht, 

Daß dein vergrelltes Hertz bricht aus in solche Wutt? 

Verköten (nicht im DWB: vgl. Köthen V, 1896) ,sindt jhnen 
die hend gar verklumpet, unnd erstarret, mit terpentin, und pech, 
ja mit eitel schwefel und hellischem fewr, der massen verpicht, ver- 
kötet und verlötet, daß gar nichts herauß wil‘ S. Suevus 1569 
Herodes bankrett G s *. 

Verleumgrieben. (nicht im DWB.) ,Doeg lialff den unschuldigen 
David bey dem Könige Saul verleumgrieben. V. Herbergor, 
Jesus Sirach 98 b . 

Vernehmen. ,und do sy (Hedwig) merckte, das sy (die alte 
Frau) eynes grohen vorneraens was, Do nam sy das selbige weyp, 
wol bey gantzer czehen wochen des nachts czu vr yn yr schlaff¬ 
gemach/ Hedwiglegende 33*. 

Vernunftbegriff (im DWB. erst aus Kant.) ,Danuenhero 
wird es auch Groß genant, weiln die Herrlichkeit des entsetzlich 
grossen Werck, und die verborgene Grösse der Heimlichkeiten gantz 
und gahr dem Vernunl'fts-Begrieffe der Heydnischen Philosophen 
entgehen. 4 A. v. Franckenberg, Gemma magica 11. 

Vernunftgeist (nicht im DWB.) ,Der eitele Vernunfft-Geist 
kan diß nicht gründen noch ergreift'eti. 4 Nosce te ipsum 20; ver¬ 
nunftklug (auch nicht im DWB.) 31: ,welche sein die Vernunfft- 
klugen Menschen, die sich in Witz und Thorheit regieren. 4 

Verragen (nicht bei Lexer, DWB, Fischer; vgl. DWB, s. v. 
ragen.) ,und das kynth heraus czohenn, todt bleich kallt und vor¬ 
raget wy eyn holtz. 4 Hedwiglegende DD,», (et extraxerunt purum, 
utpote mortumn, glaucum, frigidum inflexibilemque viluti lignum.) 

Verrennen (vgl, DWB.) 

,Die Weiber dort sich han verrandt, 

Welchs Gott hernach zum besten wandt. 4 

A. Calagius, Susanna B 4 ». 

Verschulden (vgl. DWB. XII, 1175, 3.) 

Nichts (weiß ich mehr), Jungfrau schön, denn das ich sehr 

Euch danck, und denck, wie ichs verschuld.* 

A. Calagius Rebecca C ; b . 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



Verschwatzt, (vgl. DWB. XII, 1193, 5.) 

,Wie grimmig sie verfahren. 

Kan kein verschwatzter Mann erzehlen 
In vielen langen Jahren/ 

J. Scheffler 1677 Sinnliche Beschreibung 49. 

Vollsacken. ,Der Leser wurde sich verwundern, wenn er die 
Spejereyen sehen solte, die Adversarius auß seinem voll gesackten 
Lästerschlunde wieder heraus wirfft. 4 .1. Scheffler, Ecclesiologie 
I, 585 b . 

Vorhängung (nicht bei Lexer.) ,So verbarige sie sich mit Vor- 
hangunge der tucher vor den andern menschen. 4 Hedwiglegende- 
28 b . (ab aliis se abscondit sub quibusdam pannorum velaminibus.) 

Vorstat. Fischer III 1676 verweist auf Schöpf 702; er trennt 
Vor Staat und erklärt: Teil der vormaligen vornehmem Kleidung. 
Die Belege, die hier beigebracht werden, erweisen, daß unter dem 
Wort eine niederländische Wollware zu verstehen ist, die in Ver¬ 
bindung mit andern Erzeugnissen der niederländischen Webekunst 
genannt wird, und Gewänder daraus den Weibern und anderen als 
Ehrenkleid zu tragen gestattet war. Vorstadt, eine Niederl. Woll¬ 
ware in der sächsischen Steuerverordnung vom Jahre 1641 A a b ; 
vgl. I. Bauw 1599 Cosmographia 201: .denn es macht viel Harras, 
Borstet und Macheier da; 4 1503 Ständeakten Joachims II (Friedens¬ 
burg) II, 311: seiden und anderer atlasz, karteck, Vorstadt, arras, 
settin .; 4 1612 Sächs. Policei- und Kleider Ordnung 33: ,Ihren 

Weibern . . sol zu Ehrenkleidern Vorstat, Macheyer . . vergönnet 
werden; 4 39: ,auch Vorstadt und Harras. Das adj. vorstaten 
haben wir bei S. Hütte 1, Chronik der Stadt Trautenau (ed. Schlesinger) 
z. B. 180: ,und ein erbar rath dem her Johannes Hintzius vom 
kirchengelde liß ein grosse schwarz vorstatene reverenda machen 
zum kaiserlichen Begengnis. 1 Eine Vorstadt Jope begegnet im 
Codex dipl. Lusat. super. I, 339 und 340 (aus dem Jahre 1426.) 
Bei S. Grüner, Die ältesten Sitten und Gebräuche der Egerländer 
114 aber lesen wir: ,Die Aermeren tragen auch halb fein und wollen 
auch urdinairen Zeug Vorstatt genannt. 4 Feit hatte das Wort 
auch aus den Krakauer Zunft- und Verkehrsordnungen beigebracht 
(Hansische Geschichtsblätter XX (1914) 486 und vermutete Zu¬ 
sammenhang mit Vorstadt; das wird sich aber nach dem hier 
vorgetragenen kaum halten lassen. Fischer und Schöpf scheinen 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



172 


auf dom richtigen Woge zu sein, aber Genaueres kann ich leider 
auch nicht bringen. 

Wadenbein, (vgl. I>Wli.) ,In czevtenn wurden dy waden 
beyne gefrostent. - Hedwiglegende A 4 b . (sed proeedente tempore 
tibiis solidatis.) 

Wagehals, (vgl. DWB. XIII, 473,3.) ,Wir stiegen in das 
Schiff welches sehr klein, kurtz, schmal und recht liederlich, wie 
die Griechischen Barrhetten mit einem Segel, auf Wagehals, ge- 
machet sein. 1 F. v. Troito, Orient. B-ise-Beschr 40. 

Wahnmass. (vgl. DWH. XII, 672 .) , . . dorumme das sie im 

won moß angegossen haben. 1 1471. Ifresl. Stadt Archiv Hs. G. 
5,40 p. 1: wegen der wanemosse, <1 ie er im lmt frevelichen 
losssen angießen und den kegil nemen und hot nicht recht mosse 
wellen geben, sonder die dienet - ser dorzu gelestert. 1 Hs. G. 5.50 
p. 25 (anno 1472.) 

Wännel. (cf. I)WB. XIII, 1011.) ,utid brachten ein langes 
und sauberes kftppernes wannel. mit warmen Wasser samt wohl¬ 
riechenden Krautern gefüllet.* F. v. Troilo Orient Reise-Besehr. 00. 

Warnigen: ,Benachbarte Orte durch Schreiben zu warnigen, 
wenn ein vorhin unbewußter Ort angesteckt oder verdächtig worden. 
1680 Schlesische Inf'ectionsordnung A., a ; Warnigung, a. a. 0.: .Zu 
Jedermanns Warnigung.' 

Wasserkunst, (vgl. Weigand-Hirt.) .wunderst du dich nicht 
über die Wasserkunst Jesu Christi, der die Wasserwolcken in die 
höhe ze\jcht.‘ V. Herberger 1017 Magnalia I)ei IN; und 120; 
,Gott machet Wasserkünste, wie die listigen Holländer, daß sich 
das Wasser hinein senck, und der Krdhoden trocken vnd gesund 
werde. 1 

Watmel? .Herr von Haren meinet vielleicht auch den Zeug, den 
wir Kit hay nennen, unter dem Namen des groben Watmeis.* 
G. Opitz 1748 Merkwürdige Nachrichten I, 234. 

Weichmütigkeit. (vgl. DWB. XIV, 531.) ,wenn aus besunder 
weychrautigkeit, bette sy eyn mitleydunge, czu allen mensehen, dy 
etwas levpliches leydes trugenn.* (Mira compassionis teneritudine 
condescendebat afflictis.) Hedwig legen de. 

Weltrichter. .es wird kommen der allgemeine inenschenrichter, 
der aucli die weltrichter richten wird.* L. Pollio 1(501 Zehen 
predigten 102 a . 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



Wettlauf. , Wehe dem Menschen, der in solchem Wett lau ff 
liegen bleibet/ L. Pol] io a. a. O. 206 a ; also sind wir allhier auch 
Wettläuffer/ a. a. 0. 

Wittern, (vgl. Drechsler, Germ. Abh. XI, 273.) 

,Muß wecken meine gselschaft halt, 
weil sich jhr keiner wittert bald. 

A. Calagius Rebecca E s b . 

Wuhne, (cf. Schmeller II, 534. Weigand-Hirt II. 12X5.) 

.Haid wirffet man sie auß der Gluti 
In ein Eißkalte Wuhne/ 

J. Scheffler 1677 Sinnl. Beschreibung 51. 

Wundersam, (nicht bei Lexer, Weigand-Hirt aus Luther.) 
,vnd mit dem gomme yres mundes kostete den schmack seyner 
wundersamen süßen schmackhafftikeyth/ Hedwiglegendc ‘2ti b . 
(degustavitque cordis palato mirande snavitatis ipsius saporem.) 
Etwas früher (14!)X) taucht das Wort auf bei H. Geister, new prac- 
icirt rethoric u. brieft formulary ‘f 9 b : Wundersamen miszrat; 
dann 1516 in der Übersetzung von Bonaventuras ,Deutsch Marial‘ 0 7 b . 

Zähnlein. ,wo sie nicht biszweilen ein Zähn lein Knoblauch 
mit eim Stein zuknirscht, unter kaltem wasser mit einem wenig 
schimlichten Brodt vermischten/ Fr. Seidel 1626 Türkische Ge- 
fängnüß F 3 a . 

Zänkgespüle. ,HiltT daß ich . . nicht stinckend zenckgespüle 
eingieße/ V. Herberger,’Passionzeiger 70. 

Zapp. ,wirt ziehen ab 

Mit Schandt und Spott, der grauer Zapp/ 

A, Calagius Snsanna E- b . 

Zehkäse: ,Sei nicht zu Hitzig, nicht ein Scharrhauß und Zeh- 
Käse, nehre dich redlich, und laß deiner auch andere Leute ge¬ 
nießen/ V. Herberger, Jesus Sirach 1061“. 

Zerkiefen. (vgl. Weinhold 42 b ; Drechsler Germ. Abh XI, 147 f.; 
DWB. V, 442.) ,und etliche Sparren so kleine zukiefete, als Segen¬ 
speene und Fischholtz/ V. Herberger, H. P. II, 427. 

Zermergeln. (vgl. Drechsler 178.) 

,Der feurgen Schergen grimmge Schaar 
Wirfft dir strachs an die Ketten, 

Bindt, reist, schlägt, tritt, biß du fast gar 
Zer mergelt und zertreten/ 

J. Scheffler, Sinnl. Beschreibg. 35. 


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PRINCETON UNIVERSITY 



174 



Zischeln. ,aber eins muß ich dir ins ohr tschischeln. 
V. Herberger, H. P. II, 349. 

Zösen? (vgl. DWB.) 

,Die Pauern sind genug gezost 
Bin unzufrieden.“ 

A. Calagius Rebecca E,*. 

Zotten, (vgl. DWB. s. v.) 

,Zott hin, der Cham kompt eben recht, 

Wird sagen, was jhr seid ffir Knecht.“ 

A. Calagius, Rebecca B s b . 

Ismael: Was meinst, ob sie nicht unser spotten? 

Cham: Leicht, die des wert, mßcht ein her zotten, 

Wenn sie schon nicht so weit kem her.“ 

A. Calagius, Susanna E^. 

Zudel. (vgl. Schmeller II, 1166.) 

,Diß ist der Zudeln aller arth, 

Das, was sie sind, sich nirgend part.“ 

A. Calagius, Susanna E, b , 

Zuflüssig. ,wann yr gemuth, was sam czu flüssig czu den 
annenn undkrancken? Hedwiglegende 36 b . (liquescebatque animus 
ejus ad panperes et infirmos.) 

Zwirnsfaden. ,Simson zureist seine zweene stricke und sieben 
Seile von bast wie versengete Zwirnesfaden.“ V. Herberger, 
H. P. II, 356; vgl. Osterschatz 56. 


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PRINCETON UNIVERSW**-! 




Reime, Sprüche und volkstümliche Dichtung 
aus der Trachenberger Gegend. 

Von Friedrich Graebisch in Kudowa. 


Die folgenden Beiträge, die aus dem Volksmunde gesammelt sind, 
zeigen die niederländisch-schlesische Mundart der Trachenberger 
Gegend — aus Marentschine —, von der bereits in Band XVIII, 
117ff., der „Milteilungen“ eine grammatische Darstellung ge¬ 
geben ist. 

Auf diese (Seite 117—137: III. Systematische Übersicht usw.) 
ist mit der Abkürzung Gram, an einigen Stellen Bezug genommen. 

Die mit einem Sterne * bezeichnten Wörter sind in dem am 
Schluß gegebenen Wörterverzeichnis erläutert. 

1. Lieder und Keime. 

1—5. Sommerlieder: 

1. dr fetr kunyt hot a häuc^is hös; wl sain stait le gaträde: 

9 

a lit-tsum iebrSte gäibt rös; s ku r n und-$ dr wQse; 

a 11t uf le *geläde, got ga n s olrm^rsta! 

(Der Vetter Kunoth (F.-N.) hat eiu hohes Haus; er sieht zum obersten 
Giebel heraus; er sieht auf sein Gelege, wie schön steht sein Getreide: das 
Korn und auch der Weizen; Gott gebe ihm das Allermeiste!) 

2. ai£h kum tsum fumr; gapt rar a *gakt, 

gapt 1 ) rar n *pumi\ dos i<£h waidr wetr wakl! 

(Ich komme zum Sommer; gebt mir einen Pommer, gebt mir ein Ei, daß 
ich wieder weiter wackle!) 

3. di liona staid-e dr tair, si r tsa mit n lut^ia; 

di hot n Saina Si r tsa fair, fi is n föta *knuqlja. 


l ) Echt mundartlich gat; vgl. Gram. 51 V. Diese Lieder enthalten oft 
mehr oder weniger schriftdeutsche Formen, da sie oft ursprünglich hoch¬ 
deutschen Wortlaut hatten. 


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Original frorn 

PRINCETON UNIVERSGY 



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(Die Hanno stobt in der Tiii\ die bat eine schöne Sehiirzo vor. Schürze 
mit dem Loche; sie ist eine faule Knoche.') 


4. dr her, da r hot n rundn tis'), mit.« drin a gliios fot wen; 

uf jedr eko n körpfntis 2 ), do \vi r t a wal tsufrldn 3 ) len. 

(Der Herr, der hat einen rundeirTisch, auf jeder Kcke einen Karpfenfisch, 
mitten drin <‘in (ilas voll Wein; da wird er wohl zufrieden sein. 

5. dr (z. B. ko r la) hot f« a *stomp a wi r t s lusn 

gobjöht, bis di bröt \vi r t kiun swQfn. 

a hot Cieli s hemda ögawe^ht: 

(Der Karl hat in den Stampf geseicht, er hat sich's Hemde eingeweicht: 
er wird’s lassen weichen, bis die Braut wird kommen schweifen.) 


6. Kettenreim: 

mono mutr luote : 

gai no Coluota! 

lus dr a hott tsügän! 

s hott wam-br dr kü gän. 

kü wi't ins miieh gän, 

milch wam-br n *kitst gän. 

# 

kitSt wi r t ins fäl gän, 


fäl wam-br m-mitr gän. 

mitr wi't ins mal gän, 

mal wam-br m-bekr gän. 

bekr wi r t ins braut gän, 

* / 

braut wam-br a *putlfi *brokii. 

• r 

putl wan ins *gakt gän, 
galt, gakl smekn gut, 
kirnt- tr pör unt juot fi fu r t! 


(Meine Mutter sagte: Geh nach Salat! Laß dir ein Häuptel zugeben! 
Das Häuptel werden wir der Kuh geben. Kuh wird uns Milch geben, Milch 
werden wir dem Kätzchen geben. Kätzchen wird uns Fell geben, Fell werden 
wir dem Müller geben. Müller wird uns Mehl geben, Mehl werden wir dem 
Bäcker geben. Bäcker wird uns Brot geben, Brot werden wir den Hühnchen 
brocken. Hühnchen werden uns Eier geben, Eier, Eier schmecken gut, kommt 
der Bauer und jagt sie fort!) 


t i > 

7. wä'da wel dflos säfrmädl lifion, 
da r mus gutdna *aurgahenka 
fcröofi, 

gutdna atirgahenka 


r 

unt ii 0 lana * plehta 
unt-ri älda hut: 

l * 

da r is frs-safrmädl gut! 


(Wer da will das Schäfermädchen haben, der muß goldne Ohrgehänge 
tragen, goldne Ohrgehänge und eine lange Jacke und einen alten Hut: der ist 
fürs Schäfermädchen gut!) 4 ) 


*) rundn tis Schriftdeutsch statt runto tais; vgl. Gram. 5 und 47. 
a ) korpfnfis halbschriftdeutsch; vgl. mundartlich korpo f. und korpfaus; 
Gram. 7. 

3 ) Schriftdeutsch; Gram. 5. 

4 ) Vgl. das Sommerlied aus dem Ölser Kreise: ..wärda weil a fumr f&n*, 
Mitteil., Heft XI, S. 82. 


Go igle 


Original from 

PRINCETON UNIVERSITY 



177 


8 . ko'la, ko r la, fafrmaila, 

t 

dena kifidr frasn fail: 
ota täga a feksbaimbraut; 


r 

naim di köla unt Slö' (Gram. 
20a. Anm. 2) fi taut! 


(Karle, Karle, Pfeffermühle, deine Kinder fressen viel: alle Tage ein Seche¬ 
böhmen-Brot; nimm die Keule und schlag sie tot! — In mannigfachen Ab¬ 
änderungen im ganzen schlesischen Dialektgebiet verbreiteter Spottreim.) 

9. f is gasän unt f is frbe; mutr hu! di wiga re! 

(Es ist geschehen, und es ist vorbei; Mutter, hole die Wiege herein!) 


10 . limwa gain r jüoü; f 0 fcnerghvits no nüodlwits 

tswle breu in gatröofi, (Gram. 20a. Anm. 1), 

fi trüofi-an-no knerglwits, du r t wi r t a drSluofi. 


(Fünf gehen ihrer jagen; zwei bringen einen getragen, sie tragen ihn 
nach Knergelwitz, von Knergelwitz uach Nagelwitz, dort wird er erschlagen. — 
In ähnlicher Form weit verbreitetes Rätsel; vgl. auch „Mitteilungen“, Heft XIV, 
S. 17 f.) 


II. Sprüche und Sätze. 

11 . aubm *hui und-undn fui. (Oben hui und unten pfui = oben 
beglissen und unten zerrissen.) 

12 . baitn unt gän is tsufäii. (Bitten und Geben ist zuviel.) 

13. frS gak^fta gipt dr jauda ni§t. (Fürs Gekaufte gibt der Jude 
nichts.) 

14. *brinkl bren braut. (Bröckchen bringen Brot.) 

i 

15. n blifida hena fint (Gram. 21 ) q amä a ku r n. (Eine blinde 
Henne findet auch einmal ein Korn.) 

16. s Te is kllgr wi di hena. (Das Ei ist klüger als die Henne.) 

17. rledn is-silbr, §weg» is gult. (Reden ist Silber, Schweigen ist 
Gold.) 

18. wä r di wüot hot, hot-ti kwüol. (Wer die Wahl hat, hat die Qual.) 

19. no dr *wie!a kirnt di *kwiela. (Nach der Wähle kommt die 
Quäle.) 

20 . wä r da tsi r nt be dr sist, tit (Gram. 52 b.) fi^h 1 ) Süodn fern riet. 
(Wer da zürnt bei der Schüssel, tut [sich] schaden seinem 
Rüssel.) 

21. wen da *o r st gokrst, do musta 9 llen. (Wenn du erst gockerst, 
da mußt du auch legen.) 

') Fleonastischer Dativ; derartige Häufungen sind im schlesischen Dialekt 
nicht selten. 

MitteUangai) d. Scblei. Ges. t. Ykde. Bd. XX. 12 


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Original fro-m 

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178 


i » 

22. §8 gilt n mandt unt s andr fuftsn. (Eins gilt eine Mandel und 
das andere fünfzehn.) 

23. $fn (Gram. 8 Anm. 2) breiat nist guts. (Eilen bringt nichts 
Gutes.) 

24. lanr Stai^ 1 ) f(»drt*) mai<£l*. (Langer Stich fordert mich: beim 
Nähen.) 

i • 

25. s gipt ja no fail mädl; s gipt ni etwa blauf-n hantfl, s gipt 
ja a gants lantft. (Es gibt ja noch viel Mädchen; es gibt nicht 
etwa bloß eine Handvoll, es gibt ja ein ganz Landvoll. — Trost¬ 
spruch für abgewiesene Freier; in Schlesien weit verbreitet, aus 
der Camenzer Gegend s. „Mitteil.“, Band XII, S. 223, auch 
glätzisch.) 

26. dl hinnira gain, di hüon kQ gelt. (Die — im Dorfe — hinten 
hinum gehen, die haben kein Geld.) 

27. dl maq]>n hukst, unt-ti kotse um fanstrbrätf wi r t niSt gewüor! 
(Die machen Hochzeit, und die Katze auf dem Fensterbrettchen 
wird nichts gewahr!) 

28. hukst fom luqlja unt kin kuqlje! (Hochzeit vom Loche und keinen 
Kuchen = sie machen Hochzeit und haben nichts, nicht einmal 
Kuchen zu diesem Anlaß.) 

29. mene bröt bekt braut. (Meine Braut bäckt Brot. — Merkvers 
für die Eigenart der Trachenberger Mundart, vgl. Gram., S. 117 
Fußnote.) 

30. raut, raut is ni sain. (Rot, rot ist nicht schön. — Lautmalender 
Zuruf an kollernde Puter.) 

31. mij, *betsl, m^! (Mäh, Kälbchen, mäh! — Zuruf an jd., der 
am 1. Mai angeführt worden ist mit Anspielung auf mij Mai.) 

32. na, na, dü bist wui aibr a stüotgrüobm gehepst! (Na, na, du 
bist wohl über den Stadtgraben „gehepst“! — Zuruf an einen, 
der sich bemüht hochdeutsch zu sprechen, es aber nicht fertig 
bringt; daher absichtlich gehepst statt gehopst.) 

33. spuk ös unt rietandrS! (Spuck aus und rede anders! — So sagt 
man zu einem, der zotenhafte Reden führt.) 

34. mene mutr hot gelüot, wen hjlj *pisprn hair, do ful i<& h$m- 
kum! (Meine Mutter hat gesagt, wenn ich flüstern höre, da soll 


l ) In der heutigen Mundart sonst meist sti<^. 
f ) Lautgesetzlich wire fiedrt zu erwarten; vgl. Gram. S. 


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ich heimkommen! — So wird gesagt zu zweien, die heimlich 
zusammen flüstern.) 

35. niste is gut fr di ygn. („Nichts“ ist gut für die Augen. — 

Bezieht sich meist auf ein soeben gehörtes „nichts“; phrasen¬ 

hafte Redensart, ebenso die tolgende.) 

36. wen ai<$]i wiste, wl fi^hi s siste (Gram. 51 II und d.), do kyft 1 ) 

i<Jh dam juna gle n flinta*). (Wenn ich wüßte, wie sich’s 

schösse, da kaufte ich dem Jungen gleich eine Flinte.) 

37. got batsüot fi<di Ä ) s! — do het a fail tsu batsüoln, wen a otis 

t t 

batsüoln welta! (Gott bezahle euch’s! — Da hätte er viel zu be¬ 
zahlen, wenn er alles bezahlen wollte!) 

38. dü konst miöh om üorfa lekn! — wo't ok, *fQgr, ai<Jh wä r diöjji 
sau amä lekn kum, dos da drüo denkn wi r st! (Du kannst mich 
am A. 1.! — Warte nur, Feger, ich werde dich schon einmal 
lecken kommen, daß du dran denken wirst!) 

39. himf, üorF-unt-tswi'n, dr mens (Gram. 20c Anm. 2) da r küon 
fi(J]r i r n! (Himmel, A. und Zwirn, der Mensch, der kann sich 
irren!) 

40. hl hot i<£li s, unt dy frlaur (Gram. 51 II) i<£li s. (Hier hatte 
ich's und da verlor ich’s.) 

41. düos is ni etwa afau le<£hto, als wen dr hüon dr heno aibr a 
swants stekt! (Das ist nicht etwa so leicht, als wenn der Hahn 
der Henne über den Schwanz steigt!) 

42. düos is ni etwa afau wi mit dr eptfry: Qobesn unt haismösn! 
(Das ist nicht etwa so wie mit der Äpfelfrau: anbeißen und 
hinschmeißen!) 

43. dl drlet fi<£lj wl dr fu r ts uf dr he<dit. (Die dreht sich wie der 
F. auf der Hechel; von flinken Frauenspersonen.) 

44. a) a gait grüodo wi dr *bTr fy<£l)t. 

b) den» furch n fön grüodo afau wl dr blr fy<Jht. (a) Er geht 
geradeso], wie der Eber seicht, d h. im Zickzack, z. B von 
Betrunkenen, b) Deine Furchen sind geradeso, wie der Eber 
seicht, d. h. du hast ungerade, im Zickzack gepflügt.) 

45. a hot a gafi^lito wl a ösgeklatstr *putka-üors. (Er hat ein Ge¬ 
sicht wie ein ausgeklatschter A. einer polnischen Frau.) 


•) Der Indikativ lautet kQft(o), ohne Umlaut, vgl. Gram. 53. 
*) nt hier nicht palatalisiort. 

5 ) Über fieli = euch vgl. Gram. 57 b. 

12 * 


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180 


t 

46. a hot n bö<$ wi a trüofidr sustr. (Er hat einen Bauch wie 
ein trächtiger [tragender, Gram. 60] Schuster.) 

47. dar is no aibr a Stikt fr<&: a stikt fi<£h wis(-s), wen s genunk 
hot, abr da r ni^! (Der ist noch über ein Stück Vieh: ein Stück 
Vieh weiß es, wenn es genug hat, aber der nicht! — Von stark 
Betrunkenen.) 

48. da r hot 9 om leustn gasisn, da r wi r t wul bälda a *lädr maql}i». 
(Der hat auch am längsten gesch. [= gelebt], der wird wohl 
bald ein Leder machen [= sterben].) 

1 

49 . dr wifit gait waidr afau, s hot fiöh waidr a (ist gahau. (Der 
Wind geht wieder so, es hat sich wieder ein Aas [= jemand] 
gehängt.) 


III. Volkstümliche Dichtung. 

Die folgenden beiden Zwiegespräche leben jetzt im Volksmunde, 
ohne daß ihre ursprünglichen Verfasser noch bekannt sind. Beide 
scheinen älteren Ursprungs zu sein, darauf deuten u. a. in Nr. 50 der 
rührselige Ton in Liesens Worten und in Nr. 51 der Ausdruck 
„Bettelvogt“, sowie manche Entstellungen oder. Verdunkelungen des 
ursprünglichen Wortlautes, z. B. in Nr. 50 „nur du allein könntst. .. 
mich wehn“, „dr kistüol (is) noi gatswekt“, „düos is dr ri^tja 
tswi r tl“. Nr. 51 dürfte etwa 40 Jahre alt sein, Nr. 50 halte ich für 
noch bedeutend älter. 

50. pör unt lila (Bauer und Liese). 

Pör. hairSta (od. hirsta, Gram. 13a), llfa, kimsta ni bälda 
(Hörst du, Liese, kommst du nicht bald!) 

Liese. Aber, Vater, sag’ doch nicht immer „Liese“! 

Das klingt ja gar zu grob und unanständig roh! 

Wie leicht wäre nicht zu sagen: „Kind“, „Elise“! 

Die gute Tante nannte mich ja immer so. 

Hättest du mich in der Stadt gelassen! 

Denn hier zu bleiben, ist unmöglich mir; 

Ich fühle mich so unstät und verlassen; 

Gott, dieses Bauernleben mit seiner Unmanier! 

Statt Rosenlauben sieht man Düngerhaufen, 

Statt Glockenklang, da hört man Kuhgebrüll! 

Ach, Alfred, Alfred, wüßtet du, wie ich hier weine, schmachte 

und vergeh! 


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181 


Nur du allein könntst mich verstehn, mir in allem beistehen 

und mich *wehn! 

P. na, do hairt (oder hi r t) ok, d$ me<$t ma *he r nr krign! 

is düos a tumr *of 0 ^wants! 

/ 

na wo r t, dü weist (Gram. 5, Anm. 2 und 20 c) miöli *o r St ballgn! 
de füotr is gewis k(j hons! 

mäir hot mene läptäge (Gram. 38) no k(j mist gastunkn; 

unt wen-ne kü pritt, düof-is $ ni Sle<$lit! 

unt wen de mr no amä neust dan Stfiothalunk», 

dam hüo idli di mukn ösgeducl^t! 

do is-se fau n tsimprlije *prlle, 

fait-si (Gram. 11 ) dr olp hot e di Stüot gabruel.it; 

do fitst-si dy wi ne älde gluke, 

dr hols is nakt unt-tr pukl 9 . 

1 

naim dr a mi^hl, wen de weist gut ‘hukstn; 

düof-is a smukr pu r $’, da r hot ffr kl (Gram.. 36) unt-tswie uksn, 

unt s hös is 3ain gedakt 

unt-tr klstiiot noi *getswekt! 

s ha r tse 'm lebe meiste 9 m *.iuksn, 

wen ma fi< 5 h di galtjgnh^t bafit. — 

11 a, hairsta, ai<£h wä r dr no wüos füoü: 
dena mutr wuor 9 gawis a smukis dink, 
wes wi mib£h unt putr, 

sprunk (Gram. 51 lila) wi a rädf, wen idh amä mait r giuk. 

i<£l> hüo a gants j$r im fi gawurbra, 

unt wen mi<£h fi ni gemucht heta, 

do wir i<£]> 0 ni gasturbm, 

fnndrn i<£li het mr n andre gefucht! 

(Na, da hört nur, da möchte inan Hörner kriegen! Ist das ein dummer 
Affenschwanz! Na warte, du willst mich erst belögen! — Dein Vater ist gewiß 
kein Hans! Mir hat meine Lebtage noch kein Mist gestunken; und wenn eine 
Kuh brüllt, das ist auch nicht schlecht! Und wenn dü mir noch einmal nennst 
den Stadthalunken, dem habe ich die Mucken [zu vertreiben] ausgedacht! Da 
ist sie so eine zimperliche Prise, seit sie der Alp [Alfred, s. vorher] hat in die 
Stadt gebracht; da sitzt sie da'wie eine alte Glucke, der Hals ist nackt und 
der Buckel auch. Nimm dir den Michel, wenn du willst gut hochzeiten; das 
ist ein schmucker Bursch, der hat vier Kühe und zwei Ochsen, und das Haus 
ist schön gedeckt, und der Kuhstall neu gezwagt [gewaschen -» zurechtgemacbt ?] 
Das Herz im Leibe möchte einem jauchzen, wenn man sich die Gelegenheit 
besieht. — Na, hörst du, ich werde dir noch etwas sagen: Deine Mutter war 


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182 


auch gewiß ein schmuckes Ding, weiß wie Milch und Butter, 6prang wie ein 
Rädlein, wenn ich einmal mit ihr ging. Ich habe ein ganzes Jahr um sie ge¬ 
worben, und wenn mich sic nicht gemocht hätte, da wäre ich auch nicht ge¬ 
storben, sondern ich hätte mir eine andere gesucht!) 

L. Aber. Vater, schweige! Meine Nerven beben, 

Vor Entsetzen quillt das Blut in mir! 

Ich habe in der Mühlenbach gelesen: 

„Die Liehe ist das erste Morgenrot; 

Wer nicht geliebt, der ist gewesen 
Auf Erden schon lebendig tot!“ 

P. nu, wüos husta den fo denr lTba?! 
dl is orm wi n kirdhnmös; 
unt gait s amä a bist trlba, 
do gukt-si gle tsum fanstr nös! 
dr swo'tsr, düos is dr riöhtja *tswi r tt, 
da r raecht amä no frankrödh nös! 
düos wir amä a muntr stikt, 

do laqt>t i<£h mr n *pukt, wi n arpsa graus! * 

(Nun, was hast du denn von deiner Liebe?! Die ist arm wie eine Kirchen¬ 
maus: und geht's einmal ein bißchen trübe, da guckt sie gleich zum Fenster 
hinaus! Der Schwarzer, das ist der richtige Dummkopf (?), der möchte einmal 
nach Frankreich hinaus! Das wäre einmal ein munteres Stückchen, da lachte 
ich mir einen Buckel, wie eine Frbse groß!) 

L. Ach, ich will ins Kloster gehen, 

Hinterm Schleier bergen meiner Tränen Zahl 
Und auf Alfred warten, 

Bis voran wir ziehen in den Rosengarten! 

P. wüos? es klaustr welsta kridhn?! 
bist lutöriS! bist lrhekst! 
na wo r t, i^h wä r gle tsum pastr sikn, 
dos a dr just a tekst frlist! 
unt-tsl dr jitst di klunkrn rundr, 
unt br gain es hie! 
unt wen da no wüos tsu *wotsn hust, 
do kriksta no qna ne! 

(Was? Ins Kloster willst du kriechen? Bist lutherisch! Bist verhext! 
Na wart, ich werde gleich zum Pastor schicken, daß er dir just den Text ver¬ 
liest! Und zieh dir jetzt die Klunkern [gemeint ist die städtische Kleidung] 
herunter, und wir gehen ins Heu! Und wenn du noch etwas zu schwätzen hast, 
da krieget du noch ein# hinein!) 1 


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51. Töopri<£h unt fefo (Taprig und Josefa). 

Tüopri<$. wulgaspestsuhüon, fetr standisbaomtr; len f ok fau 
gabätn unt hüon 11 rars ni fr tingut, dos i<^h amä tsu oiCh 1 ) (oder 
tsün fi<$h, Gram. 57 b) kuma! 

(Wohlgespeistzuhaben, Vetter Standesbeamter; seien Sie nur so gebeten 
und haben Sie mir’s nicht für ungut, daß ich einmal zu euch komme!) 

Standesbeamter. Wer seid ihr denn? 

T. aiölj h(jsa tüopri^ unt bai grauskneCht undrm gwolbm- 
Swantsa 3 ) bem pör lumpriCI). 

(Ich heiße Taprig und bin Großknecht unterm Schwalbenschwänze beim 
Bauer Lumprich.) 

<• Sjt. Und was wollt ihr denn? 

T. ja, lan f ok, fetr standisbaomtr, duos is-sau n frflista, fr- 
wiktta gaSi^ta; düos batrift n^rali^ mehr üogal^gnh^ts holbr. düos 
maQl>t rar unbedenklich fait *kuprltsijn. unt wen i^li drüo denka, 
do lumt mrs em kupa wT em 'humlrnäste, unt-tr w$k tsu äin is 
mr $ no ni le^tr gawu r n. 

(Ja, sehen Sie nur, Vetter Standesbeamter, das ist so eine verflixte, ver¬ 
wickelte Geschichte: das betrifft nämlich meine[r] Angelegenheit [halber] 3 ). 
Das macht mir unbedenklich [statt: ungeheuer] viel Kopfzerbrechen. Und wenn 
ich dran denke, da summt mir’s im Kopfe wie im Hummelneste, und der Weg 
zu Ihnen ist mir auch noch nicht leichter geworden.) 

St. Was ist euch denn passiert? Ist euch jemand gestorben? 

T. I, got bawüore, grüodi-s (Gram. 31) gCgat^l! und-aibrijns 
het i^h ja *kin menSn, dä f mr starbm kefita, als wi mene fefa, 
unt-ti is kroitsfidel unt *bawusprt wi a rautgwentsl. 

(I, Gott bewahre, grade das Gegenteil! Und übrigens hätte ich ja keinen 
Menschen [— niemand], der mir sterben könnte, als [wie] meine Josefa, and 
die ist kreuzfidel und behende wie ein Rotschwänzchen.) 

St. Da ist euch wohl ein Kind geboren? 

T. I, got bawBora, düos falte grüoda no; flüos-sul o r St richtig 
lausgain! 

(I, Gott bewahre, das fehlte gerade noch; das soll erst richtig Losgehen!) 

1 ) Über den Wechsel zwischen „Sie* und „Ihr** in der Anrede sagt 
Th. Schönborn, Das Pronomen in der schlesischen Mundart, S. 21: „Im süd¬ 
lichen Teile des Gebirgsschlesischen braucht man vielfach im Noih. fi, aber Im 
Bat. und Akk. atfb.“ Nach obigem gilt dies auch für die Trachenberger Gegend; 
daneben werden auch die Formen der 3. Person gebraucht. 

a ) Flurname." 

3 ) Konstruktionsmischung, vgl. oben Nr. 82! 


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St. Aber, lieber Taprig, da muß ich euch doch bitten, daß ihr 
mir sagt, was euch zu mir führt. Ich kann doch eure Wünsche 
nicht erraten, habe auch nicht lange Zeit, mich auf unnütze Er¬ 
klärungen einzulassen! 

9 _ 

T. fai hüon wul höta fair fail tsu tün? be ins drhqma is $ 
afau; dl roim grüoda a *h^kn§tüot ös. 

(Sie haben wohl heute sehr viel zu tun? Bei uns daheim ist’s auch so 
die räumen grade den Schafstall aus.) 

St. Da seid nur meinetwegen unbesorgt, und tragt mir kurz 
und bündig euer Anliegen vor! 

T. fai hüon wul y güor fair fail *mal6stija mit a * fryfetkrn ? 

(Sie haben wohl auch gar sehr viel Schererei mit den Frauenzimmern?) 

St. Quatscht nicht immer solchen Unsinn und bleibt bei der 
Sache! 

T. nü, dö fen f ok ni gle afau baifa! wiiof-i<£h fr^fi wutta, 
— ai^lj wutta halt blaus bamerku, — 

(Nun, da seien Sie nur nicht gleich so böse! Was ich fragen wollte, — 
ich wollte halt bloß bemerken, —) 

St. Lieber Taprig, wenn ihr nicht bei der Sache bleibt, muß 
ich die Unterhaltung schließen! * 

T. ja, fän fi, fetr Standisbaomtr, is tit mr ja fair lQt, dos i<& 

9 

£i balestijn mus, abr mena fefa lls mr S no höta frl d u r<£jji a *batt- 

9 9 9 

w$t luofi; li füote: „tüopri<^, düos turne *gekwot§e mit dair hüo 
i<& grüode wi mit *leftn gefrasn. faibm j$re kimste nQ sau tsu 
mair, unt wen i$ji araa a w$rt fom hukstmaq^n riede, do Sittste mit 
dem dike *ätepl unt tist wi a *putn£ (Gram. 23 Anm.) d u rf! wen 
di-s nü w^rkli^ afau gnt mait 1 ) (oder mit) mr m^nst, unt-tü weist, 
dos br futn tsufom kum, do gaiste höte balde dos aufbaitn (Gram. 
61 f. II) bestein!“ 

(Ja, sehen Sie, Vetter Standesbeamter, es tut mir ja sehr leid, daß ich 
Sie belästigen muß, aber meine Josefa ließ mir’s noch heute früh durch den 
Bettelvogt sagen; sic sagte: „Taprig, das dumme Geschwätz mit dir habe ich 
grade wie mit Löffeln gefressen. Sieben Jahre kommst du nun schon zu mir 
und wenn ich einmal ein Wort vom Hochzeitmachen rede, da schüttelst du mit 
deinem dicken Schädel und tust wie ein polnisches Dorf! Wenn du es nun 
Wirklich so gut mit mir meinst, und du willst, daß wir sollen zusammen 
kommen, da gehst du heute bald [= sofort] das Aufbieten bestellen!“) 

*) Die gedehnte Form mait kommt nur vor persönlichen Fürwörtern und 
in adverbialer Bedeutung vor; die Präposition lautet in allen anderen Fällen 
„mit* (Gram. 13b). - :5,J * 


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185 


St. Ihr wollt also heiraten? 

T. nü ja, im düos wult ai<^ fai baitn; wen fi we r n afau gut 
unt baitn ins amä auf! ai<£li fr mene *po r te bai ja ni afau liitsi<£l} 
uf a w^kwork, abr mene fefe, di lest mr ^myl k^na rü. 

(Nun ja, um das wollte ich Sie bitten; wenn Sie wären so gut und böten 
uns einmal auf! leb für meinen Teil bin ja nicht so hitzig auf den Weich¬ 
quark, aber meine Josefa, die läßt mir einmal keine Ruhe.) 

St. Euerm Aufgebot steht nichts im Wege, sobald ihr die dazu 
erforderlichen Papiere mitgebracht habt. Habt ihr auch mitgebracht 
die Zeugnisse? 

T. wüos fr nisa? 

(Was für Nüsse?) 

St. Ich frage euch, ob ihr die zu Eurer Verheiratung erforder¬ 
lichen Papiere mitgebracht habt? 

T. nü, ai<S]j hüo s dlnstbüqlj. maita. 

(Nun, ich habe das Dienstbuch mit.) 

St. Das genügt nicht zur Sache! 

T. nü, fän fi ok *o r §t amä ne; s hot güor fair saina tsoiknisa 
drina! aiborüot, wau i<£l) bai gawäst, hüon fi negaäraibm: „Treu 
und ehrlich, aber immer phlegmatisch.“ mena fefa frlet fi< 2 j) 9 güor 
fair draibr; fi m^nt: „tüoprh^ljt, di tsoiknisa fen fair sain, abr düos 
flekmätn wi r st-(r misn opgawlen (Gram. 15 b), den wem-br wan 
tsuföm fen, unt-tü wi r st dos flekmätn afau wetr trebm, do wam-br 
wut moi^ima di * gtrüoblkotsa tsln! 

(Nun, sehen Sie nur erst einmal hinein; es hat [= sind] gar sehr schöne 
Zeugnisse darin! Überall, wo ich bin gewesen, haben sie hineingeschrieben:... 
Meine Josefa freut sich auch gar sehr darüber; sie meint: „Taprig, die Zeug¬ 
nisse sind sehr schön, aber das Phlegmaten wirst du dir müssen abgewöhnen, 
denn wenn wir werden zusammen sein, und du wirst das Phlegmaten so weiter 
treiben, da werden wir wohl manchmal Streit haben!) 

St. Eure Braut ist wohl sehr ernsthaft? 

T. nü, do kum fi Sain üo! dl hot kuräfa, wl a kut§lrfa r t 
ai(£h wä r mi<£h misn frfliSt uf di hinrb^na fetsn, wen fi mr ni wi r t 
futn tsu kupa waksn! 

(Nun, da kommen sie schön an! Die hat Kurasche, wie ein Kutschier¬ 
pferd. Ich werde mich müssen gehörig auf die Hinterbeine setzen, wenn sie 
ihir nicht wird sollen zu Kopfe wachsen!) 

St. Ja, wie ich bereits gesagt habe, das Dienstbuch kann mir 
die erforderlichen Papiere nicht ersetzen. Sie müssen die beider¬ 
seitigen Geburtsscheine mitbringen. Wer- ist denn eure Braut? 


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T. nö f is ja mene müina, dis *m 9 twutfsfeiirs fefa. br fen ja 
no a bist mitanandr frwant, f is raem grausfüotrs friis (Gram. 44) 
brüdrs toqljtrs iena llpsta swastr. 

(Nun, cs ist ja meine Muhme» des Maulwnrfsfäugers Josefa. Wir sind 
ja noch ein bißchen miteinander verwandt; es ist meines Großvaters Frau 
Brudors Tochter liebste Schwester.) 

St. Die beiderseitigen verwandtschaftlichen Verhältnisse sind 
allerdings sehr weitgezweigt! 

T. diios füota mens grausmutr 9 . f is grüoda wi fom hundrtste 
gebeka s *klQbraut ödr di tr^k-krotsa. 

(Das sagte meine Großmutter auch. Es ist grade wie vom hundertsten 
Gcbäcke das Kleinbrot oder die Trogkratze.) 

St. Wann seid ihr denn geboren? 

T. gan^ w^i-i^h s ni amä; abr düos w^f-i^, dos iöh bai 
fuftsi^l) j$ra gawäst. me füotr wüor grfioda um j u rrarta gawäst in 
kü kQfn, unt do is a graus gawitr gakum, unt-trn^ bai aiql) gakum. 

(Genau weiß ich cs nicht einmal; aber das weiß ich, daß ich biu fünfzig 
Jahre gewesen. Mein Vater war gerade auf dem Jahrmärkte geweseu eine Kuh 
kaufen, und da ist ein großes Gewitter gekommen, und danach bin ich ge¬ 
kommen.) 

St. Ja, lieber Taprig, das Aufgebot eines Brautpaares, das durch 
vierzehntägiges öffentliches Aushängen geschehen muß, darf nicht 
erfolgen, wenn die dazu gehörigen Papiere nicht in Ordnung sind! 

T. wfios? fi r ts täga aufhen! *o r §t a hofn ’mal^stija mit a 
tsoiknisn, unt-trny noöh fi'ts täga aufhei»; nq, düos maqh br nidli, 
al'au a ’trimjän bai ai<^h ni^li! maintswQgi» (od. mtjntshotbr) küon 
ii<$l) mena fefa e a junkfrnfarQn ekqfn, abr mäi^h *balemprt fi ni<^! 
blöbm fi mr hips gafunt, unt niSt fr ungut, fetr standisbaomtr! 

(Was? Vierzehn Tage aufhängen! Erst ein Haufen Schererei mit den 
Zeugnissen, und danach noch vierzehn Tage aufhängen; nein, das uiachen wir 
nicht, ao ein dummer Kerl bin ich nicht! Meinetwegen kann sich meine Josefa 
in den Jungfern verein cinkaufcn, aber mich betrügt sie nicht! Bleiben .Sie mir 
hübsch gesund, und nichts für ungut, Vetter Standesbeamter!) 

Zum Schluß sei noch das folgende Märchen hinzugefügt: 

t » 

52. huti mit-tr tu Ata es worma. 

s hota amä a müon a foüs wep. wen a imf e di arbqt gink, 
giwk-si uf a bijdn; du r t hot-si n tuna mit fädrn, do füota fi (Gram. 36 
Anm.) imr: „*huts mit-tr *tuüta es worma!“ unt Sprunk ne e di 
tune unt blip (Gram. 511 und a) duda bis (»brat«, wen-nu dr müon 


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hörna küom, wundrt a fiöh imr, wös-si enklidlj gama^t kota. do 
hot a fiöh amä uf a bydn frstakt, nnt-to hot a nü da r *kam^dija 
amä tsügafän. „wo r t ok“, duqljt a, „dam dina gaid-optsuhalfn!“ a 
hot-ti fädrn rösganum ös dr tuna unt wosr nögagusn und-aubmdrauf 
waidr a püor fädrn gatyn. wi nu a andrn täk dr miion waidr fu r t 

i t 

wüor, gink-si waidr uf a b$dn unt maQ]jta: „huts mit-tr turtta es 
worma!“ unt plauts es kälda wosr ne! jitst hota fi (Gram. 36 Anm.) 
abr ganunk, fo jitst op gink-si nimai uf a bydn. unt-tr müon 
frleta lieh, dos a fi kurirt hota. 

(Es hatte einmal ein Mann ein faules Weib. Wenn er immer in die 
Arbeit ging, ging sie auf den Boden; dort hatte sie eine Tonne mit Federn, 
da sagte sie immer: „Hutsch mit der Tunte ins Warme!“ und sprang hinein 
in die Tonne und blieb dort bis abends. Wenn nun der Mann heim kam, 
wunderte er sich immer, was sie eigentlich gemacht hatte. Da hat er sich 
einmal auf den Boden versteckt, und da hat er nun der Komödie einmal zu- 
geschcn. „Warte nur,“ dachte er, „dem Dinge geht abzuhelfcn !‘* Er hat die 
Federn herausgenommen aus der Tonne und Wasser hincingcgossen und oben- 
darauf wieder ein paar Federn getan. Wie nun den anderen Tag der Mann 
wieder fort war, ging sic wieder auf den Boden und machte: „Hutsch mit der 
Tunte ins Warme!“ und, plauz, ins kalte Wasser hinein! Jetzt hatte sic aber 
genug, von jetzt ab ging sic nicht mehr auf den Boden. Und der Mann freute 
sich, daß er sie kuriert hatte.) 

Erläuterungen zu den mit * bezeichneten Wörtern, 
aurgahenka n. (7) Ohrgehänge. Mhd. gehenke Gehänge = 
Schmuck. 

batlwyt m. (51) Bettelvogt: dieser hatte ehemals dafür zu 
sorgen, daß die Bettlerplage nicht überhand nahm. Heute wird das 
Wort teils nicht mehr verstanden, teils hat es anderen Sinn an¬ 
genommen. Vgl. „Mitteil.“, Band XII 118 J ): „fir a tsvantsi«^ 
jyrn vyr s rnet a batl-loita afü Slemp, dos on must eksträ a batlfoyljt 
m darfa fain, dä r -fa velda rnadja (verscheuchen) must“ (aus Neu- 
weistritz bei Habelschwerdt). In veränderter Bedeutung: 1. bitten¬ 
des Kind: dü bist sun amöl a batifuqljt! (Mohren bei Weckelsdorf); 
2. lästiger Bettler: batlfoqljt (Brzesowie, Kreis Glatz). 

balemprn schw. v. (51) betrügen, hintergehen. Im eigent¬ 
lichen Sinne: beschmutzen, einen Schmutzsaum machen; Weinhold, 
Beiträge zu einem schles. Wb. 53 a; vgl. auch die entsprechenden 
Bedeutungen von „bescheißen“ im Schlesischen: 1. beschmutzen. 

*) In geänderter Schreibung.; dasselbe gilt für alle Belege aus Quellen mit 
abweichender Lautschrift. 


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188 


2. betrügen. Verbreiteter als belemprn ist im Sinne „betrügen“ im 
Schlesischen das ähnliche, aber wohl nicht dazu gehörige balemrn; 
Weinhold, Beitr. 53 a; ebenso glätz. baleman; altenb. belämmern, 
0. Weise, Altenb. Ma. 61 usw. Weigand, D. Wb. 5 I 199. 

bet§I n. (31) Kosename des Kälbchens. Bei Brieg petsl, bei 
Neisse (Steinhübel) betSla. Ich hatte das Wort als Klangwort auf 
slavischer Grundlage gedeutet (tschech. beöeti blöken, Gram. 60); 
zu vergleichen ist aber auch poln. byczek, Deminutiv von byk Ochse, 
wovon schönwäldisch betskje x ) m., ein Ochsenname, kommt; Gusinde, 
Eine vergessene deutsche Sprachinsel, S. 153a. 

bowusprt a. (51) behende, flink; dabei einschmeichelnd, zärt¬ 
lich. Vergleich: bewusprt wi a raut&wentsi (51). In Breslau: 
b. wie ein Ohrwürmel, auch Schles. Prov. Bl. 1786, 137; glätzisch 
bevusprt vT a hundla; Holtei, Schles. Ged. 19 50: do kam schuntEr 
so bewuschbert als wie de Wachtel, wenn se daß se fruhs aus em 
Weeze rickt und sihch’s Wätter betracht und pickberwickt. Wein¬ 
hold, Beitr. 106 b. 

blr m. (44) Eber. b<jr Th. Schönborn, Pron. in der schles. 
Ma. § 47 (wohl Ma. bei Sorau N. L., vgl. a. a. 0. S. XVI); Wein¬ 
hold, Beitr. 9a. Mhd. ber hätte bei Trachenberg zu *bair werden 
müssen; daher ist entweder eine alte Nebenform *ber oder eine 
frühe Entlehnung aus der nhd. Schriftsprache oder Einfluß einer 
Nachbarmundart anzunehmen (Gram. 3 und 5; vgl. neumarktisch ftr 
sehr, von Unwerth, Schles. Ma., § 26 II Anm. 1). Glätzisch dafür 
gewöhnlich bork (Klesse, Vierteljahrsschrift d. Gfsch. Glatz III 231 
— dagegen bedeutet mhd. bare männliches Schnittschwein, ebenso 
schles., auch nordböhm. burk, schönwäld. bük<&: Weinhold, Beitr. 
11b; Knothe, Markersdf. Ma. 28; Gusinde, Sprachinsel, S. 155b); 
glätzisch stellenweise (Lewin, Reinerz) daneben auch noch ävr, mhd. 
öber; schönwäldisch und zipserisch pais, mhd. bi 3 e: Gusinde, Sprach¬ 
insel, S. 190 b. 

brinkl n. (14) Krümchen. Weinhold, Beitr. 12b; Knothe, 
Markersdf. Ma. 27. Itp Gebirgsschlesischen meist das Deminutiv 
briukala, glätzisch breokala. . Das Staramwort bruoku m. . Brocken 
(„einen Brunken Brot“) habe ich selbst als Kind oft von meiner 
Großmutter in .Breslau gehört; es scheint, aber jetzt fast yerklungen 

l ) kj oder auch k<5Ji entspricht Gusindes palatalem k’ ror Vokalen und im 
Auslaut, vgl. Gusinde, Sprachinsel, S. 2f. 


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zu sein. Die Form brikl (in „a brikl“ ein bißchen = a brinkala) 
gilt besonders im Riesengebirge und seiner Nachbarschaft (gebschles. 
auch a brikala), sowie im nordöstlichen Böhmen westlich bis gegen 
Kratzau (a brikl, F. Wenzel, Studien zur Dialektgeogr. der südl* 
Oberlausitz und Nordböhmens § 217). 

brokn schw. v. (6) in Brocken brechen. Mhd. brocken, 
fijgr m. (38) Feger: geringschätzige Bezeichnung besonders 
männlicher Personen, meist zu Kindern. Häufig in der städtischen 
Umgangssprache Schlesiens, wohl aus der Bedeutung „Schläger, Raufer“ 
entwickelt; Weigand, D. Wb. 5 I 510. Das ^ statt le erklärt sich 
wie in n<j(Jhtn (Gram. 3 und 4) oder durch Einfluß der Schriftsprache 
fr(ifulk n., pl. fr^felkr (51) Frauvolk: derber Ausdruck für 
Frauenspersonen. Auch sehr üblich in Breslau. 

gakf n. (2, 6) Ei, nicht nur Kinderausdruck. In einem 
Sommerliede aus dem Oelser Kreise, „Mitteil.“, Heft XII 87, heißt 
es (wohl entstellt): „Gatt mer ock a Kachel.“ Vgl. Weigand, D. 
Wb 5 1 608 f.: Gackelchen = Ei in der Kindersprache, 1586 Kackelein; 
0. Weise, Altenb. Ma. 74: Gackei Kinderausdruck für Ei, auch 
leipz. Zum klangmahlenden Stamme gak mit den Nebenformen gik, 
gok, gäk, z. B. schles. gaksn und giksn: wer gickst muß auch 
gacksen, er weiß weder Gicks noch Gacks; gokrn vom Schreien des 
Huhnes beim Eierlegen (s. oben 21); göks m. Hahn; gäku schreien 
wie eine Gans usw. Weinhold, Beitr. 25 a (gäken), 28b (Goksch). 
gahenka n. (7) a. aurgahenka. 

gakwotSa n. (51) Geschwätz. Verbreitet, vgl. Weinhold, 
Beitr. 74 b. S. auch wotSn. 

galäda n. (1). Das Wort wird nicht mehr recht verstanden, 
daher ist die ursprüngliche Bedeutung hier wohl verdunkelt. 
Lebendig ist das Wort in der Bedeutung „Lage geschnittenen Ge¬ 
treides“ z. B. noch schönwäldisch: gjellade n.; Gusinde, Sprach¬ 
insel, S. 165b. Beide Formen kommen von mhd. gelegede f. Lage; 
für die Trachenberger Form ist Sekundärumlaut anzunehmen wie in 
gaträda, mhd. getregede. Dieselbe Bedeutung hat auch glätzisch 
gleja f., nordböhm. gleija f. (Knothe, Markersdf. Ma. 43 f.); diese 
Formen entsprechen jedoch mhd. gelsege n. das Zusammengelegte. 
Es hat daher wohl gegenseitiger Einfluß von gelegede und gelaege 
stattgefunden, woraus sich auch das verschobene Geschlecht erklärt. 
Vielleicht ist die Bedeutung von galäda auch beeinflußt von „Lehde“ f. 


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11)0 


das — teilweise, z. B. glätzisch, über * leide — nach Weigand, D. 
Wb. 5 II 40 auf mnd. legede f. Niederung zurückgeht. Im Schlesischen 
bedeutete Lehde nach Weinhold, Beitr. 52b „unbebautes, meist als 
Wiese benutztes Auüenield“, vgl. auch «altenburgisch Leede f. Anger, 
Weideland (0. Weise, Altenb. Ma. 93); im Glätzischen (bei Wilhelms¬ 
thal) ist noch die Ableitung s läidija oder s ltjdija n., auch der 
läidi<$hakr, lebendig, m.an bezeichnet damit die höchstgelegenen Felder, 
die nicht gedüngt werden können und daher zur Kräftigung mehrere 
Jahre als Brachen liegen bleiben; leda pl. (z. B. bei Camenz „Mitteil.“, 
Band XVI 112), lQda (glätz.; vgl. auch J. Schmidt, Grafsch. Glatz, 
Jahrg. 1915, 19) usw. sind jetzt häufige Flurnamen. Verschieden 
ist nach Ansicht Gusindes trotz der Ähnlichkeit in Form und Be¬ 
deutung schönwäldisch lüde f. Weide mit zweijährigem Klee, das 
zu poln. lada unbebautes Feld gehört (Gusinde, Sprachinsel, S. 181b), 
doch möchte ich vielmehr Entlehnung des slavischen Wortes aus 
dem Deutschen annehmen (auch tschechisch lada f. Lehde, Brachfeld). 

gatswekt part. (50). Vielleicht liegt eine Entstellung aus un¬ 
verständlich gewordenem, aus der Schriftsprache entlehntem gezwagt 
vor (vgl. auch den Reim auf gadakt) von zwagen waschen, das noch 
Wenzel Scherffer kannte, vgl. Paul Drechsler, W. Scherffer 280. 
Mhd. meist twahen, auch dwahen, waschen, baden; noch obd. zwagen 
nach Weigand, D. Wb. 5 II 1349. 

hijka f. (in h^knStüol 51) Schaf, Schöps. So auch,-aber in ver¬ 
ächtlichem Sinne z. B. bei 0«amenz und Wilhelmsthal; ferner Schles. 
Prov. Bl. 1788, 220: Höke Schöps, drehende Höke konfuser Mensch. 
Nach Weinhold, Beitr. 35 b, bedeutet heka Kuh, also wohl in der 
Reichenbacher Gegend. Im Glätzischen ist hQka zumeist eine ge¬ 
ringschätzige Bezeichnung oder ein Scheltwort für eine alte, geringe 
Kuh (z. B. Klesse, Vierteljahrsschr. d. Grfsch. Glatz, III 231), für 
ein solches Pferd oder gar für eine Frauensperson. 

hui int. in dem Spruche „aubm hui und-undn fui“ (11) meint 
den Scheinglanz im Gegensatz zu dem damit verhüllten Schmutz. 
Andere Bedeutungen von hui im Schlesischen s. P. Drechsler, 
W. Scherffer 139 f.; vgl. auch Weigand, D. Wb. 5 I 898 f. Eine 
andere Lesart des vorgenannten Spruches ist u. a.: üva pikfain on 
onda vl a dr6k§vain (Hannsdorf bei Glatz). 

hukstn schw. v. (50) Hochzeit machen. Mhd. höchziten. In 
Braunauer (glätz.) Ma.: doqlj va r t r met m huqlista halt n tsait nö<& 


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191 


va r ta fela (Anton Kahler, Deutsclie Volkskunde aus dem östl. Böhmen, 
IV 159). 

humlr m. (51) Hummel. Ebenso z. B. Weinhold, Beitr. 37b; 
glätzisch: Klesse, Vierteljahrsschr. III 233. Mhd. humbel, hummel m. 

hu r n n. Horn; Redensart: d§ medht ma hemr krlgn (50). 
Ausruf der Ungeduld, des Unwillens und einer gewissen Machtlosig¬ 
keit gegenüber den Verhältnissen. 

hutg int. (52). Hier gleichbedeutend mit mhd. hutsch, raschen 
Schwung in die Höhe bezeichnend. Wohl verwandt mit husch Aus¬ 
druck der Geschwindigkeit, huschen sich schnell fortbewegen, hutschen 
rutschen usw. 

juksn schw. v. (50) jauchzen, jubeln. In Schlesien weit ver¬ 
breitet; auch glätzisch: Klesse, Vierteljahrsschr. III 157; nordböhm.: 
Knothe, Markersdf. Ma. 59. Mhd. jüchezen. Glätzisch in demselben 
Sinne auch jukan „juckeln“ (Brzesowie). 

kami*dija f. (52). Hier übertragen: lustiger Vorgang; vgl. 
H. Schulz, Deutsches Fremdwb. 367. 

k^möns pron. (dat. kim-mensn, acc. kin mensn 51) niemand. 
Vertritt in einem Teile Schlesiens das dort fehlende Fürwort „niemand“. 
Th. Schönborn, Pron. in der schles. Ma., § 100; Gusinde, Sprach¬ 
insel, § 214 II. 

kitst n. (6) (auch kitsaf.) weibliche Katze. Weinhold, Beitr. 43a. 
kl^brautn. (51) Kleinbrot: aus den zusammengekratzten Teig¬ 
resten, der tryk-krotsa (Trogkratze), gebackenes Brot; fom hnndrtsta 
gabeka s klqbraut bezeichnet eine sehr entfernte Verwandtschaft; 
glätzisch: fö dr frmta beka s klQna brüt (bei Lewin). 

knuqlja f. Knochen; föla knuqlja (3) Schelte für eine faule 
Frauensperson. Ferner glätzisch knoqlja steinige Erhebung im Felde, 
wovon der Ackerboden leicht fortgeschwemmt wird (Brzesowie); befa 
knoql^a. steiler Berg (bei Wilhelmsthal). 

kupritsijn pl. (51) Bedenken, Kopfzerbrechen. Stammt wohl 
von frz. caprice f. oder von ital. Capriccio m. Laune, durch An¬ 
lehnung an kup Kopf ist aber die Form und Bedeutung verändert. 

kwlela f. (19) Quäle, Qual. Nur in dem angeführten Sprich¬ 
wort. Eine andere Lesart: tsoaSt da vela on-nögrt-ta kvela (bei 
Weckelsdorf). Mhd. quaele f. 

lädr n. Leder; Ra.: a lädr maql>n (48) sterben. Verbreitet, 
z. B. auch glätzisch. 


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192 


left m. Löffel; Ka.: wi mit lefln gefrasn (51 ) satt, über¬ 
drüssig. In andern Sinne z. B. glätzischj: a höt s met lefan gefrasa 
von einem Menschen, der sich für sehr klug hält. 

malßstija f. (51 zweimal) Schererei, Umstände. Glätzisch 
mol6stija (Wilhelmsthal), molestnija (Gießhübel, Weckelsdorf); Ab¬ 
leitungen von raolesttrn quälen, schinden (s flöh molestlrn bei 
Weckelsdorf). Franz, molester belästigen. 

m^twulf m. (51) Maulwurf, mötwulf Weinhold, Beitr. 63 a; 
nordböhm. moutvolf, moutvulf Knothe, Markersdf. Ma. 82; mötvorf, 
raötvarf und raotvarf südöstliche Grafschaft („Mitteil.“, Band XVI 
226). Entstellt aus mhd. moltwerfe unter Anlehnung an rahd. 
mot Moder, Schlamm, Sumpf, das noch fortlebt in kuhländ. möt 
Schlamm, Kot (Meinert, Volksl. d. Kühl. 408), glätz. möthjj} moorig: 
mötijr bödm (bei Wilheimsthal) und dem verbreiteten mötsn schmieren 
(Weinhold, Beitr. 63a). Andere schlesische Formen: 1. nordböhm. 
moultvurf, multvorf Knothe, Markersdf. Ma. 82; glätz. möltvorf, 
moltvorf, moltverf. molkvorf, molkvarf, vgl. „Mitteil.“, Band XVI 226; 
2. mountvolf nordböhm., Knothe, Markersdf. Ma. 82; möntwulf bei 
Brieg (Linden, Zindel); möntwurf bei Brieg (Cantersdorf), bei Grott- 
kau und Neustadt 0. S. (nach Gusinde); meontwof Schönwald bei 
Gleiwitz (Gusinde, Sprachinsel, S. 185 b). Schönhengstisch molküäf 
bei Landskron i. Böhm. (J. Matzke, Ma. v. Rathsdorf, § 69, 2). 

ofegwants m. (50) alberner Mensch. Auch in der Umgangs¬ 
sprache Schlesiens häutig. 

o r $t. (21, 50, 51), auch o r sto adv. erst. Diese Form reicht 
bis Nordraähren und scheint nur im Glätzischen, sowie im westlichen 
Gebirgs- und Lausitzisch-Schlesischen zu fehlen, wo die mhd. örest 
genau entsprechenden, lautgesetzlichen Formen e r St, i r St, örtlich auch 
a r St, gelten; o r St dürfte eine erstarrte Zusammenziehung aus olr-i^t, 
mhd. allererst, sein, so erklärt auch Gusinde, Sprachinsel, S. 159a, 
das schönwäldische Adverb eoSta. 

pisprn schw. v. (34) flüstern. In Schlesien verbreitet; Wein¬ 
hold, Beitr. 70a; Klesse, Vierteljahrsschr. IV 155; Knothe, Markersdf. 
Ma. 91. Weigand, D. Wb. 4 II 431. 

9 

plefite f. (7) dünne, schlechte Männerjacke (Rock), auchje<&- 
pleüto. Plente besonders kurze, dünne Männerjacke; vgl. Weinhold, 
Beitr. 71b (auch Weiberrock); Klesse, Vierteljahrsschr. III 317; 
plant f. kuhländ., Meinert, Volksl. d. Kühl. 411; plentla n. dünnes 
Kleidchen, z. B. bei Camenz, „Mitteil.“, Bd. XV 252. Andere Be- 


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deutungen: 1. Schelte, z. B. geringe Kuh: n äle plenta bei Camenz 
(„Mitteil.“, Bd. XVI 123), auch bei Weckelsdorf; 2. sehr großes, 
langes und breites Feld: n grüso plenta bei Weckelsdorf, vgl. franz. 
plant m. Pflanzung. 

po r ta f. Partei; Teil, Anteil; aidli fr mene po r ta (51) ich für 
meinen Teil. Allgemein schlesisch; glätz. pa r te., 

prlfe f. eigenartige Frauensperson, z. B. n tsimprlija prlfa 
(50). In der Umgangssprache Schlesiens oft mit dem Nebensinn 
„hochmütig, launisch.“ Auch berlinisch, H. Meyer, Der richtige 
Berliner 93a. Vgl. Jäschke, S. 112. 

pukl m. Buckel; auch derb für Rücken; Ra: do lacl> i<£h mr 
n pukl wi n arpsa graus (50) Ausruf der Schadenfreude. Ähnlich 
Weiß, Bresl. Klabatschke 35. 

pulka f. (45) polnische Frau. Polka bei W. Schertter, Ged. 
564, 617 nach P. Drechsler, W. Scherffer 199. Von poln. polka. 

pulnis a. polnisch (Gram. 23 Anm.); tün wi a pulns durf (51) 
sich unwissend stellen. Auch z. B. glätzisch tün vl a pol§ darf (bei 
Lewin: vi a pölS dorf); pöl§ tün nicht reden wollen (Adlergebirge). 
Schlesisch meist puls; schönwäldisch pötS, Gusinde, Sprachinsel, 
S. 192b. 

pumr m. (2) Der Text des Liedes ist wahrscheinlich entstellt; 
vgl. die in Schlesien verbreitete Form: fumr, fumr, fumr, T<9j bin 
a klenr pumr usw. Die gewöhnliche Bedeutung von pumr, auch 
pimr, ist in Schlesien jetzt „kleine, dicke Person“, ursprünglich 
„kleine Hundeart [aus Pommern]“; vgl.Püramer, Weinhold, Beitr. 73b; 
Pümmer, Pimmer, K. Steinhäuser, Die Muttersprache des Bresl. höh. 
Schülers 16; pumä Knothe, Markersdorfer Ma. 95. 

putl n. (6) Huhn (als Lockruf und in der Kindersprache). 
Weinhold, Beitr. 74 b; Klesse, Vierteljahrsschr. III 232. 

Steptm. (51)dicker Kopf (derber Ausdruck); eigentlich „Stöpfel“. 
Weinhold, Beitr. 94 b; Steinhäuser, Mutterspr. 17; Klesse, Viertel¬ 
jahrsschr. III 229; Knothe, Markersdf. Ma. 113. 

stomp m. (5) vierkantiger Baumstamm "mit einer Öffnung, in 
der Graupe, Mohn oder Leinsamen gestampft wird. Mhd. stampf 
m. Werkzeug zum Stampfen, Stampfmaschine, Stampfmühle. 

strüobikotsa f. in der Ra.: di §tr. tsln (51) sich streiten, 
zanken, besonders von Eheleuten. Weinhold, Beitr. 42a; Steinhäuser, 
Muttersprache 17; glätzisch str(>vlkotsa tsln. 

Mitteilung«» d. Schiet. Get. f. Vkde. Hd. XX. 13 


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tswirtt in. (50) närrischer Kerl (geringschätzig); sonst nicht 
gebräuchlich, vielleicht liegt daher eine Entstellung aus dem gleich¬ 
bedeutenden tswikl vor: frdrQtr tswikl, häufig in der Umgangssprache 
Schlesiens. Närrischer Zwickel, 0. Weise, Altenb. Ma. 126. 

tümjän in. (51) dummer Kerl. In Schlesien häufiger Aus¬ 
druck; Weigand, J). Wb. 5 I 389. 

i 

tunte f. (52) einfältige Frauensperson. Vgl. tuntern zaudern 
usw., Weinhold, Beitr. 101b; Tunte, Weigand, D. Wb. 5 II 1088. 

wehn (hochd.) v. (50). Hier wahrscheinlich entstellt; etwa „das 
Weh, den Schmerz teilen, bedauern“? Vgl. auch mhd. waehen ver¬ 
herrlichen, wegen helfen, beistehen, gewehenen gedenken. 

wlelo f. (19) Wahl. Nur in dem angeführten Sprichwort, s. 
kwieto. Mhd. wele. 

r 

wotsn schw. v. (50) schwatzen. Weinhold, Beitr. 74b, 104a. 


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Original fro-m 

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T 


Volkssagen aus dem Isergebirge. 

Von Wilhelm Jlnller-Rüdersdorf in Charlottcnburg. 


I. 

Engmann und di«* Erscheinungen In*i «ler Kupferzeche. 

Die alte Frau Kittelmann aus (Jieliren hat es mir zugetragen. 
Und da sie angibt, es einst von ihrer Mutter gehört zu haben, so 
liegt die Zeit, da es geschah, schon ziemlich weit zurück. 

Damals wohnte auf seinem kleinen Bauerngute in Giehren (Haus 
Nr. 106) der „Engmann-Mündel“, der als ein böser Mensch ge¬ 
achtet ward und sicherlich mit Beelzebub' im Bunde stand. Ein 
Arbeitsmann aus dem Orte kam öfter zu ihm, um ihm beim Dreschen 
behilflich zu sein. Als er eines Morgens wieder in Engmanns 
Stube trat, sagte dieser zu ihm: „Warte hier; ich muß schnell erst 
einmal in die Scheune sehen!“ Und als er dann nach einer Weile 
zurückkehrte, forderte er den Arbeiter auf: „Geh nur heut’ nach¬ 
hause! Das schwarze Meila (Katze) ist da!“ Der Mann verschwand. 
Als er aber am nächsten Morgen wiederkam und in die Scheune 
trat, fand er zu seiner Verwunderung einen mächtigen Haufen Korn 
daliogen, den Engmann sicher nicht allein ausgedroschen hatte. — 
Bei einem späteren Besuche öfl'nete niemand dem Arbeiter. Und als 
er, in der Vermutung, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse, 
doch in die Stube ging, sah er Engmann tot und mit „überriicktem“ 
Kopfe auf seiner alten Pritsche liegen. 

Von dem Tage an, da der Bauer begraben wurde, ging es in 
seinem Hause toll um. Und niemand war, der es zur Nachtzeit 
darin aushalten konnte. Man ließ darum den Ortsgeistlichen Pastor 
Schmidt kommen (er wirkte vor LS5S in Giehren), der den störenden 
Unruhgeist. in die alte Kupferzeche verbannen mußte. Er sollte 
genau all die Nadeln zählen, die von den Bäumen herabfielen. Das 
■machte ihm natürlich jede Kückkehr ins Dorf unmöglich.. „Der 

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— 


196 


große Knecht bei Schubert“ fuhr ihn in Begleitung des Pastors Schmidt 
auf einem mit sechs Pferden bespannten Wagen nach dort hinaus. 
Es war nachts gegen zwölf Uhr. Die Pferde schwitzten gehörig bei 
dieser Fahrt. Schmidt selbst aber lag gleich darauf eine Zeitlang krank. 

Jedes Jahr, wenn der Verbannungstag wiederkelirte, „scheechte“ 
es seitdem bei der Zeche. Bald erschien ein Reiter, der ohne Kopf 
war und auf einem Ziegenbock saß und bald ein großer Leichen¬ 
zug. Bis zu achtzehn Kutschen sah man, und alle hatten brennende 
Lichter. Durch diese seltsamen Erscheinungen wurden die Leute 
irregeführt und verliefen sich. 

Nach Mitteilung von Frau Kittelinann, Giehren 1917. 

II. 

Das graue Weibel. 

Fürwahr, eine höchst sonderbare Erscheinung, von der ein alter 
Bauer (Gemeindevorsteher Scholz) aus Groß-Stöckigt zu erzählen 
wußte! Bestimmtes über ihre Art und Wesenheit läßt sich nicht 
annehraen, doch erinnert ihr Äußeres merklich an die Holz- und 
Buschweibel, die an vielen Stellen des Gebirges — vornehmlich in 
seinem schlesischen Vorlande — auftauchten. Hören wir aber nun, 
was der betreffende Bauer uns mitzuteilen weiß! 

„Ich saß mit meiner Frau und dem Gesinde beim Abendbrot. 
Da schlug der sonst bösartige Hund in seltsamen Lauten an und 
verkroch sich scheu unter die Bank. Ich beauftragte die Magd, 
einmal nachzusehen, ob jemand im Hausilur sei und herein wolle. 
Die aber kam leichenfahl hereingestürzt und rief: „Ach Gott, ach 
Gott, kommt nur heraus und seht, was das ist!“ Da ging meine 
Frau, der Magd die dumme Einbildung und Furcht verweisend, 
hinaus, um zu sehen, was da sei. Aber auch sie kam bald aufs 
höchste erschrocken zurück und rief: Gebt nur schnell etwas, daß 
es wieder geht! Da ging ich selbst in den Hausflur hinaus, um zu 
sehen, was denn eigentlich los sei. Da sah ich denn in der Nähe 
der halbgeöffneten Haustür ein in graue Lumpen gehülltes oder 
mehr wie ein Wickelkind eingewickeltes Wesen von kugelförmiger 
Gestalt, weder Mensch noch Tier. Aus dem ebenfalls verbundenen 
Gesichte ragte eine schnabelförmige, gebogene Nase und blitzten zwei 
Augen wie glühende Kohlen hervor. Ohne bemerkbare Füße und 
Hände, still und stumm, stand es da, und ich vermochte vor Über- 


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197 


raschung kein Wort hervorzubringen. Da machte das rätselhafte 
Wesen plötzlich kehrt und humpelte zur Türe und zum Hofe hinaus, 
bei einem Weidenstrauche an der Ecke des Gartens verschwindend. 

Auf der Stelle des Strauches stand in alter Zeit ein Gehöft. 
Dieses brannte ab, und eine Wöchnerin mit ihrem neugeborenen 
Kinde verlor dabei das Leben. Wiederholt ist es später bei dem 
Gesträuche, wie man sagt, „umgegangen“. Ich habe es bald darauf 
abhacken und ausroden lassen. Seit dieser Zeit ist nichts derartiges 
mehr zu spüren gewesen.“ 

Nach Mitteilung des Gemeindevorstehers Scholz in Groß-Stüekigt u. hand- 
schriftl. Aufzeichnung des Lehrers a. 1>. A. Groß in Greiffenberg i. Schl. 1917. 


m. 

Die Kreuztanne. 

An der Kreuztanne hing nachweislich ein Kruzifix. Daher ihr 
Name. Den Pilgern, die im Gebirge oberhalb Kunzendorf und 
Antoniwald westwärts zur Wolfgangskapelle zogen, war sie eine 
Wegweiserin und eine Mahnerin zu stillem Gebet. Auf einer Stein¬ 
platte konnte der Andächtige seine Knie vor dem Gekreuzigten beugen. 
Und wehe dem Unbedachten oder Überdreisten, der es wagte, von 
dem erlesenen Haum einen Ast oder ein Trieblein abzubrechen. Mit 
dem Gefühl quälendster Furchtsamkeit wurde er künftig gestraft. 

Jetzt steht die uralte Kreuztanne längst nicht mehr. Ein junges 
Tannenbäumchen, das den Namen der Dahingesnnkenen trägt, grünt 
an ihrem Platze. Nur wenige entsinnen sich noch des völlig ver¬ 
morschten Stammes, der neben dem modernden Wurzelstumpf nutz¬ 
los am Waldboden lag. Der greise Förster Kiesewalter, der ein 
■würdiger und sinniger Heger des Waldgebietes am Schmiedels- und 
Scheibenberg war und den nun auch schon seit Jahren der grüne 
Rasen deckt, wußte noch von der alten abgestorbenen Kreuztanne 
zu erzählen. Das Kruzifix, das den Baum weihte, ist jenes goldene 
Marterkreuz, das nachdem der Mönchgeist des Wolfgangskirchleins 
in Verwahrung hatte. Die schöne große Steinplatte aber, die unter¬ 
halb des Kruzifixes eingelassen war, dient noch jetzt, falls eine ge¬ 
wisse Vermutung nicht trügt, verkannt auf einem Bauernhöfe als 
Flur- oder Schwellenstein. 

Nach Mitteilung de* Försters Kiesewalter f in Antoniwald (1911) und dos 
Hauptlehrers Rüger in Querbach. (1913). 


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138 


IV. 

Das Kirchhöfel. 

Jeder, der in der Gegeud heimisch ist und sich im Walde über 
den „zweit Brücken“ auskennt, weiß die Stelle zu zeigen. Und 
wer nach dem „Kirchhöfel fragt, den wird man in die unmittelbare 
Nachbarschaft der Wolfgangskapelle verweisen. Wenn man auf dem 
Kapellenpfade im Scheibental aufwärtswandert, so hat man es zu 
seiner Rechten — dicht hinter dem steinernen Kessel, der an das 
einstige Wolfgangskirchlein erinnert. Eine Fichtenschonung über- 
wipfelt den Grund. 

Das Kirchhöfel bezeichnet den Platz, auf dem im Dreißig¬ 
jährigen Kriege die Dörfler der Umgegend, als sie vor der grimmigen 

Soldateska flüchten mußten, ihre Toten bestatteten. 

* * 

Allerdings will man wissen, daß die wilden Kriegsgesellen auch 
zur Wolfgangskapelle hinauffanden. Sie wurde zu der Zeit von 
einem Einsiedler bewohnt und bewacht. Diesen nicht achtend, 
zündeten die plündernden Fremdlinge die Kapelle an und töteten 
auch ihren einsamen Hüter. 

Seitdem sah man zu gewissen Zeiten den Geist des Einsiedlers, 
in sein Mönchsgewand gehüllt, erscheinen. Immer streng und 
strafend denen wehrend, die mit unlauterem Sinn der Kapellenstätte 
nahetraten oder gar in ihrem Grunde wühlten. Mit ihm ward auch 
eine Glocke an den entweihten Ort gebannt. Wer geboren ist, 
wenn immer ein volles Jahrhundert seit dem letzten friedlichen 
Geläute des Kapellenglöckleins dahinschwand, — es muß natürlich 
aüch in der zwölften Stunde sein — der kann die Glockenklänge 
vernehmen. 

Nach Mitteilung des Ewald Hauinert, Stellenbesitzerssohn, in Rabisbau- 
Miihldorf. 1913. 

r • 

' V. 

Zigeunerbrunneu. 

Bei einer großen alten Fichte am Scheibenberg — nach den 
.Steintrümmern auf seiner Kuppe allgemein Hirschstein genannt — 
fließt ein schmales Quellwässerlein. Weil die Zigeuner darin früher 
ihre Kinder tauften, heißt es. der Zigeunerhrunnen. 

Nach Mitteilung von Elli Weber, Kabishau-Mühldorf. 1911 aufgezeichnet. 


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199 


VI. 

Das merkwürdige Pferd. 

Die ,, Kittelmann-Bauern“ oben in Giehren denkt dabei an 
ihre jungen Jahre zurück. Sie sagt: Als ich in Rabishau diente, kam 
einmal, es war an einem Sonnabend - Abend, der Stelzer - Bauer- 
Heinrich zu uns herein. Ich sehe ihn noch vor mir: Er war ein 
großer, starker Mann. Ganz naß geschwitzt, erzählte er, was er 
soeben erlebt hatte. Er war die „Großbauersträucher“ raufgekommen, 
als er mit einem Male ein Pferd vor sich liegen sah. Das war so 
merkwürdig und schlug nach ihm aus. Dann lief er gerade drei 
Stunden in der Irre ’rum. Dabei waren es kaum zweihundert 
Schritte bis zu uns hin. Natürlich wurde er auch von der Ge¬ 
schichte krank, und es dauerte vierzehn Tage, bis er wieder anfstehen 
konnte.“ 

Nach Mitteilung der Fran Kittelmann, Oiehren. 1917 anfgez. 

ß 

VII. 

Franzosenteich. 

Er ist nur ein winziges Wasserbecken, nicht viel größer oder 
kleiner als der doppelte Raum der Ottendorfer Schulstpbe. In seiner 
Mitte hebt sich ein Bäumchen aus feuchtem Grunde empor. Und 
um ihn herum grünt zur Sommerzeit üppiges Buschwerk. Wer ihn 
kennen lernen will, muß ihn an der Grenzscheide zwischen Otten- 
dorf und Langwasser suchen. 

• Die Erklärung seines Namens liegt auf der Hand. Als 180(j 
und 1807 die französischen Eindringlinge das arme Preußen 
demütigten und bedrückten, blieb auch die Ottendorfer Gegend nichts 
von ihnen verschont. In dem Teich an der Dorfgrenze sollen da¬ 
mals mehrere von ihnen ertrunken sein. Freilich ist es auch nicht 
unmöglich, daß dies in den Befreiungskriegen von 1813—15 ge¬ 
schah. Eine Folge des Ereignisses ist der Spuk, der sich um die 
Mittagsstunde zuweilen am Teiche bemerkbar macht. 

Nach Mitteilung von Ottendorfer Schulkindern. 1918. 


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Die Junggesellenlade. 

Von Wilhelm MnUer-Rüdersdorf in Charlottenburg. 


In dem zum schlesischen Isergebirge gehörenden Dorfe Rabishau 
gab es vor ungefähr dreißig Jahren eine sogenannte Junggesellen¬ 
lade. Sie war ein den alten Innungsladen ähnlicher mittelgroßer, 
verschließbarer Kasten, der außer unwesentlichen Belastungs¬ 
gegenständen ein schlichtes Schriftstück enthielt. Darin waren 
sorgfältig und ordnungsgemäß die Namen und Geburtstage aller in 
dem Orte ansässigen Junggesellen verzeichnet. Die Verwaltung der 
Lade mußte stets der Älteste aus der Ledigenreihe übernehmen. 
Verheiratete er sich oder zog er fort, so wurde sein Name auf der 
Liste feierlich getilgt und die Truhe mit komischem Aufzug dem 
an seine Stelle tretenden nächst älteren Junggesellen zugeführt. 

Obgleich keiner der zu Verwaltern der Lade bestimmten „Mannslüt’“ 
es an dem nötigen Maß gesunden Humors fehlen ließ und jeder die 
ihm überbrachte „Anerkennung seiner Würde“ sorgsam bewahrte, 
war deren Dasein leider von kurzer Dauer. Die „vernünftig“ denkende 
Mutter eines mit der Lade beehrten Alt-Junggesellen, die sich durch 
die Auszeichnung ihres Sohnes wenig geschmeichelt fühlte, machte 
sich eines Tages, als die Junggesellenlade unbehütet war, daran, zer¬ 
schlug sie und übergab die „würdelosen“ Trümmer dem Feuer. 

(Nach Mitteilung des Ewald Baumert, Stellenbesitzerssohn, in Rabishau- 
Mühldorf. 1912.) 


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Wie ich Volkslieder sammelte. 

Von Wilhelm Schremmer in Breslau. 


In meinem Vaterhause erhielt ich die ersten tiefen Anregungen 
für das Volkslied. Noch immer sehe ich die breite Bauernstube vor 
mir, in der wir Kinder mit den Eltern, mit den Knechten und 
Mägden zusammen sangen. Oft kamen Nachbarsleute herbei und 
sangen mit. Im Frühjahr zog der Gesang hinaus ins Freie, unter 
die beiden Hoflinden, und er blieb dort, bis ihn die Kälte wieder 
hinein unter die Balken trieb. Draußen rauschte der Bergbach sein 
Lied in unsern Gesang; Sterne, Berg und Wald hörten schweigend 
zu. Die häufigsten Gäste unter den Linden waren ein einäugiger 
Stellmacher und ein Wandersattler, der einst zu Fuß bis nach 
Sizilien gereist war, ein Handweber mit einem Philosophenkopfe, der 
einst in den Bergschenken den Baß geblasen hatte, und ein Jugend¬ 
freund meines Vaters, der 1870/71 in Frankreich an einen Baum 
gebunden wurde. Die alle verstärkten nun den Chor. Es wurde 
im Dorfe noch viel gesungen, obwohl es mit den Spinnabenden 
längst vorbei war, oft unter Begleitung von Flöte, Harmonika, 
Klarinette, Trompete. Die Hauptsingezeit war der Winter. 

Als ich mich später mit dem Volksliede zu beschäftigen begann, 
wußte ich recht wohl, daß oben in den Bergen noch der Born des 
schlesischen Volksliedes sprang. Freilich war es schon an vielen 
Orten still geworden. Die alten Lieder waren verklungen mit den 
letzten Jahren eines scheidenden Jahrhunderts. Das zwanzigste 
Jahrhundert brachte eine wahrhafte Überschwemmung des breiten 
Landes mit Gassenhauer- und Operettenweisen. Die übliche Gro߬ 
stadtkultur begann das alte Gut zu überwuchern. Die Lichter einer 
neuen Zeit, die mit Dampf und Elektrizität herrscht, umgaukelten 
auch die Seelen der Dorfleute. Die alten Lieder fanden keinen 
Platz mehr. Sie flohen in die Einsamkeit. Aber noch lebten sie 


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• 20*2 


in den alten Leuten in allen Dörfern. Ich wußte wohl, daß die 
Lieder der Gegend noch niemand aulgezeichnet hatte. Die Sammlung 
von Hofftnann von Fallersleben und |Richter reichte kaum bis an 
die Berge heran. So machte ich mich 1906 auf, die Lieder des 
Eulengebirges zu sammeln. Ich hatte noch keine Ahnung von den 
vielen Schwierigkeiten, die hinter der Sammlung von Volksliedern 
stecken, ich griff zu und — hielt aus. 

Im Vaterhause, in der nächsten Umgebung wurde die Arbeit 
begonnen; alles, was nur singen konnte, mußte singen. Man denke 
nicht, daß diese Anfangsarbeit etwa leicht war. Hier schon be¬ 
gegnete mir oft die Schüchternheit der Leute, schon hier kostete es 
viel Mühe, diese Scheu zu überwinden. Es war für den Anfang 
des Sammelns besonders seelisch sehr wertvoll, daß ich mich fast 
unbewußt an die alte gute Wahrheit hielt: sieh, das Gute liegt so 
nah! „Mir kina halt nisto“, wurde mir immer wieder gesagt, aber 
da ich recht gut wußte, daß sie es doch konnten, ließ ich nicht 
locker, bis sie sangen. Ich wurde schnell gewitzigt, daß die fest¬ 
stehende, immer wiederkehrende Antwort „mir kina halt niSta“ nie¬ 
mals geglaubt werden durfte. Ich sollte bald mehr lernen und er¬ 
fahren, daß Bitten, Zureden und die üblichen Aufmunterungen gar- 
nicht oder doch eben nur in der nächsten Umgebung — und auch 
hier nicht überall —über die Verlegenheiten weghelfen, die das 
Singen dem schlichten Manne des Volkes bereitet. 

In den Ostertagen des Jahres' 1906 klopfte ich zum ersten 
Male an das Tor eiraes Fremden, des Friebebauers in D. Er stand 
gerade vor seiner Haustür und rauchte die Pfeife, als ich durch das 
Hoftor daher kam und sein Hund auf mich los fuhr. 

„Guten Tag wünsch ich.“ gun täk! „Kalt Wetter heute, der 
Wind, fährt an den Bergen entlang.“ jöo, jüo! öbr is glt ufs tauft 
.tsü: dös Ts o gut, is hot nl ftl tsü tüli. 

„Der G. . . läßt sie grüßen. Er hat mir erzählt, daß sie viel 
alte schöne Lieder kennen, daß Sie viel sjngen. Ich will mir sie 
aufschreiben. Singen Sie mir doch dann einige vor“. 

lü fü, meint er halb verlegen, halb verdrossen. Viel Auf¬ 
munterung. enthielten diese befiden Laute nicht 

- Ich möchte mir einmal das Vieh in den Ställen ansehen“, 
beginne ich von neuem und denke im stillen: „So fängst du ihn am 
'besten“.- : . . !.* 


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•203 


„Ihr Hund ist etwas böse, sehen Sie nur, wie er mich noch 
ansieht“, sage ich in Hinsicht auf solche Politik. f 

a Ts gö ni a fü blfo, wl a tut. waltmön, kus dlöli glai! 

„Sie haben dort einen sehr schönen Hahn vor der Stalltür.“ 
a if gesfprt, jüo, jüo, a macljt lila frßde. i 

So plaudernd traten wir in die Ställe, und ich hotfte das Aller¬ 
beste. Dann gingen wir zusammen in die Stube. Als man sich 
über den ungewohnten Besuch beruhigt hatte, brachte ich von neuem 
meine Bitte vor. Der Alte räusperte sich, nahm die Pfeife in die 
Hand und spukte in die Ofenhelle, die Frau lächelte verlegen, und 
die erwachsenen Kinder verschwanden aus der Stube. 

ich bin hoite helj; un köii eüklich gö ni fifiga. mir faifi ola' 
hefr, döf macht Is wätr, durchbrach der Alte die Verlegenheit. Mit 
dem Singen war an dem Tage nichts. Er versprach mir, die Lieder 
aufzuschreiben und sie mir die nächsten Tage gelegentlich mit einem 
Dorfboten zu senden. Ich versuchte, ihm noch einmal auseinander 
zu setzen, was für Lieder ich meine. Ei nickte mit dem Kopfe, 
und ich glaubte, daß alles noch gut werden könne. 

Nach vier Tagen kam er selbst, zog ein großes beschriebenes 
Papier aus seiner Brusttasche und reichte es mir. Wunderliche 
Haken sprangen da vor mir kreuz und quer: Heil dir ihm siger 
Krantz ... So ging das weiter. 

nä gelt, ä wiuk klunkriqh gesrlba; raa ätdrt sir, ma If wl a 
tötriqh, a renr plots. !<jh höfis falbr gesrlba, Iqh kön nimo öhtli<$. 
fäii, mai waip ö ni, uüt di kindr wutda ni sraiba. 

Ich sah es den Buchstaben an, welche Mühe hinter ihnen lag. 
Aber ich konnte dem Alten doch nicht verhehlen, daß ich andere 
Lieder gemeint hatte, so wie: Es war einmal ein roter Husar . . • 
jüo, jüo, dl kö» Teh o, äbr Töh duqhta gö ni<*h, dös lune äla 
lldr 1‘ain fnln. i 

Als ich ihn bat, doch einige dieser alten Lieder zu singen, 
verschloß ihm die fremde Umgebung den Mund. Es wäre umsonst 
gewesen, in ihn zu dringen. ; 

Ein glücklicher Zufall kam mir später zu Hilfe. Ich kehrte 
eines Abends aus Leutmann$dorf zurück und hörte, als ich an dem 
Hause des Alten vorüber, kam, vielstimmig singen. Ich horchte auf 
und trat zu den Sängern hinein. Sie sangen das Lied zu Ende. 
Da kam ich auf den Einfall, den Anwesenden selbst einige Lieder 
vorzusingen, die sie noch nicht kannten. Das wirkte wunderlich. 


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204 


Lieder wurden in bunter Reihe genannt, es wurde darüber gesprochen. 
Die Vergangenheit lebte auf, man begann aus alten Zeiten zu er¬ 
zählen. Ich sprang mutig hinein in die Reden, erzählte von den 
Erlebnissen alter Dorfleute, die in der Gegend bekannt sind, und 
bediente mich bei den Gesprächen ganz der Mundart. Diese machte 
mich schnell heimisch. Immer von neuem erklangen die Lieder. 
Ich konnte mit dem Aufschreiben gar nicht fertig werden. Über 
zwanzig trug ich an diesem Abend nach Hause, und auf dem Heim¬ 
wege pfiff” ich lustig zum Monde hinauf, denn ich wußte nun, wie 
man schüchterne Seelen aus dem Schlupfwinkel zum Singen heraus¬ 
lockt und Freude, Wetteifer als Gehilfen gewinnt. Oft ist der reine 
Zufall ein gewaltiger Lehrer des Sammlers. 

Wer Volkslieder sammelt, muß heute mehr denn früher die 
breiten Landstraßen und viel befahrenen Wege meiden und stets die 
schweigsamen Waldpfade aufsuchen. Aus den einsamen Gebirgs- 
dörfern holte ich die meisten Lieder heraus. Da kam es oft in der 
Einsamkeit zu seltsamen Begebenheiten; denn dort oben hinter den 
Tannenwäldern, da der Sturm sehr oft um die Holzhäuschen fährt, 
der Winter den Verkehr zerschneidet und fast jeder Mensch ein 
festgefügtes Original ist, kann viel erlebt werden. Der Schuhmacher 
Kl. in K. brachte keinen Ton aus dem Halse, wenn seine Frau 
nicht dabei war. waip, fang ön! hieß es einfach. Dann aber 
trillerte er darein wie eine Nachtigall. Noch weiß ich ganz genau, 
wie er auf seinem Schusterschemel saß und wartete, bis seine Frau 
vom Wandsplind aus einsetzte: 

Marschieren wir über das Sachsenland, 

Stadt Dresden ist uns wohlbekannt, 

Marschieren wir über die Schanzen . . 

Ein anderes Mitglied der edlen Schusterzunft legte mir vor dem 
Singen erst sein Weltbild dar, erklärte die Erde aus Wasser, Feuer 
Luft und Seele, verzweifelte an der siebentägigen Schöpfung wie 
an der Eva, behauptete, die Erde werde an einem gewaltigen Zu¬ 
sammenstoß mit dem Feuerstern zugrunde gehen, erzählte mir, daß 
er den Alb in Gestalt eines kleinen weißen Männleins gesehen habe, 
forschte mich über die Sintflut und dann über die Sahara genau 
aus und hielt mich schließlich bei den Herrschern dieser Welt fest. 
Die bewegten ihn alle Tage. Er hatte alle Könige, deren er im 
Bilde nur habhaft werden konnte, an seinen vier Holzwänden fest- 


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205 


genagelt. Alle Balken hingen voll, von der alten chinesischen 
Kaiserinmutter bis zum verstorbenen Eduard. Solche Gespräche 
helfen oft glücklich über gewisse Einleitungen hinweg und schlagen 
Brücken zum Vertrauen. 

Immer muß der Volksliedersammler Tag und Stunde zu fassen 
wissen. Dem Zufall soll er getrost vertrauen, weil er ihn oft tröstet 
für langes Suchen, für das ärgerliche Nichtfinden, die des Sammlers 
Freude zerreiben. In dem Gehöfte eines Lehrers, den ich besuchen 
wollte, traf ich auf eine Gruppe Männer und Frauen aus dem Volke, 
die aus dem Schulbrunnen Wasser holten und in die Tiefe schauten. 
Die Leuten erweckten meine Hoffnungen. Sie sollten singen, kostete 
es, was es wollte! So vereint habe ich sie nicht gleich beieinander, 
dachte ich. Ich trat heran und sang aus den Königskindern in 
schlesischer Mundart die bedeutende Stelle: 

Ts wösr Ts fTl tsü tif! 

o 

Ich sang es ein paar Mal hintereinander und schaute auch in die 
schwarze Tiefe des Brunnens, der ausgebessert werden sollte. Ein 
paar Augenblicke später sangen die Leute. 

Einst kehrte ich müde durch den Wald zwischen St. und F. 
heimwärts. Ich war über alles Mißgeschick auf dieser Welt er¬ 
grimmt und dann besonders auf den Hausdorfer Schneider, der 
immer in die Welt reiste, wenn ich zu ihm kam. In diesem Grimm 
traf ich auf einen Trupp Waldarbeiter, die auf hochgeschichteten 
Baumstämmen beim Vesperbrot saßen. Ich fragte nach der Arbeit, 
nach der Dauer des Wetters, nach dem Förster, den ich kannte, der 
durch sein Latein bekannt ist. Wir kamen ins Gespräch, und bald 
saß ich auch auf den Baumstämmen. Ich begann über die Zeit und 
den Lauf dieser Welt zu klagen — der Ärger kochte noch in mir 
— und behauptete, daß man diese Zeit verrauchen und versingen 
müsse. Die Tabakspfeifen qualmten nämlich schon, und Lenau 
hatte schon lange das schöne Wort niedergeschrieben: 

.. . wenn das Leben uns nachtet, 

wie mans verraucht, verschläft und vergeigt 

und es dreimal verachtet. 

Die Abendnebel kamen schon am Berghange herauf, es blieb 
mir hier nicht viel Zeit übrig, „jüo, frTr, dT älä loito“, sagte ich, 
„di fonga no fil.“ Von hier aus schritt ich den Weg, den ich oft 
mit viel Glück eingeschlagen habe. Ich sah ganz unschuldig im 


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20t> 


Kreise umher und fragte sehr nebensächlich, ob solche Lieder aus 
den alten Zeiten ihnen noch bekannt seien, welche gesungen und 
wie sie gesungen werden! Von der Vergangenheit hört der Mann 
des Volkes immer gern reden. Ja, wie sie gesungen werden! Ich 
sang ihnen einige Gesätze vor. Lei Gott, ich habe nicht schön ge¬ 
sungen; in einem Konzertsaal wäre ich der allgemeinen Heiterkeit 
anheimgefallen. Für das Sammeln von Volksliedern ist es vortrefflich, 
wenn man nicht wie ein Opernsänger singt, wenn man das garnicht 
fertig bringt. Da denkt ein jeder: Das kaunst du zehnmal besser 
.wie dieser Kerl da! Ich gestehe es offen, ich sang den Waldarbeitern 
absichtlich in einem, in dem andern Gesätz völlig falsch vor und 
schwang mich kühn in unmelodische Tiefen und Höhen. Auch 

solche Politik kann hin und wieder befolgt werden. Wie sie da 

auffuhren: dös Ts nl alü, mr fingas ändert! Und nun sangen sie. 

Das wollte ich ja. Ich zog schnell Papier und Bleistift hervor. 

Aber noch etwas Neues sollte ich heute erleben. 

Unter den Waldarbeitern saß ein Dorfkapellmeister, der am 
Sonntage in der Schenke die Trompete blies, auch fiedelte, sich 
aufs Notenlesen verstand und ein gescheiter Kopf war. Der rückte 
hart neben mich, und wenn ich im Aufschreiben über die Noten¬ 
linien fuhr, ging er mit dem Axthalm auf die armen Notenköpfe los 
und rief: dös Is fals. Als ich nach ihrem Singen die Lieder, wie 
ich es immer gehalten habe, noch einmal vorsang, ging der Kapell¬ 
meister nicht von meiner Seite und gab acht, wo ich mich versang. 
Er verbesserte auf der Stelle meine Fehler. „Ich kön n nöta,“ 
meinte er. Ich glaube es ihm heute noch. Ich empfahl mich dann 
mit meinem Schatze und drückte dem Vorarbeiter ein Geldstück in 

! 

die Hand, damit die Sänger einmal trinken konnten, denn sie hatten 
Durst bekommen. Ich hatte die zarten Anspielungen keineswegs 
überhört. Daß keiner glaube, daß Volkslieder zu sammeln ohne 
Geldopfer von statten gehe! Sie gehören nicht zum Begriff des 
Sammelns, aber irgendwo und irgendwann muß sicher der Sammler 
seine Börse öffnen. Nicht selten tut er es aus freudigem, dank¬ 
erfülltem Herzen. 

Kein Volksliedersammler, der mitten unter das Volk ging, ist 
ohne Alkohol ausgekommen, schon darum nicht, weil er die alten 
^Schenken nicht meiden darf, darinnen sich der Tanz noch um die 
Säule dreht und sich derbes, ehrliches Volkstum um die runden 
Tische drängt. In der „Wacholderschenke“ zu K. habe ich so 


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208 


Wohnt hier der Gottfried Michael?“ 
höt amöl do gowont, is jitsa ai Henriqtjau. 

Auf nach Heinrichau! 

„Ist der Gottfried Michael in der Stube? 
war? dr gotfrit miöljael ? da Is jitsa ai Folbrika. 

Hin nach Faulbrflck! 

Dort finde ich ihn auf dem Felde beim Grasmähen. Hundert¬ 
fach ist er mir beschrieben worden, ich weiß längst, wie er den 
Hut auf dem Kopf trägt und wie er den Riemen um den Leib 
schnallt. Ich rufe ihm schon aus der Weite entgegen: 

ge], dös is a hesr tak! na, wen ma fl a fö lange fuqlja müs. 
Dabei wische- ich mir den Schweiß von der Stirn. Der Gottfried 
Michael aber sieht mich ganz erstaunt an, ist überrascht von meinem 
Kommen und glaubt, daß irgend eine schlechte Tat, von der er 
nichts weiß, an ihm heimgesucht werden soll. 

war fain fl den, löli ken fr jü gö ni östo! Es wurde alles 
aufgeklärt vor seinen Augen; ich steckte mein Kommen hinter 
einen Friedersdorier Verwandten, sprach mit ihm über seine Arbeit. 
Er war früher Schmied gewesen. Ich sprach von der Landwirtschaft; 
von der glege, vom füdr wanderten wir zusammen zur pinka. Es 
wirkt immer, wenn der Sammler an der Arbeit, dem Schicksal des 
Volkes warmen Anteil nimmt. Die Herzen öffnen sich ihm schneller. 
Die Lehren für das Sammeln klingen alle einfach, in der Tat aber 
zeigt sich alle Kunst. Es ist gut, wenn der Sammler über ein 
scharfes Personengedächtnis verfügt. 

Am schnellsten ging mir das Aufzeichnen der Kinderlieder von 
der Hand; ich habe diese Arbeit immer leichter eingeschätzt. Von 
einem bekannten österreichischen Sammler hörte ich aber, daß die 
Mühe hier keineswegs geringer sei. Mein Lehramt brachte mich 
mit den Kindern zusammen, und ein gütiges Geschick warf mich 
gerade in einen Ort vor den Bergen, daß ich ständig das Singen 
in den eigentlichen Gebirgsorten mit dem der Vorlandschaft ver¬ 
gleichen konnte. Die Kinder schmunzelten über das ganze Gesicht, 
wenn ich sie bat, mir ihre Sommer-, Spiel- und Spottliedchen vor¬ 
zusingen. Das Verlangen war so ungewöhnlich, daß sie lachen 
mußten; die Röte überlief ihr Gesicht. Niemand hatte sich vordem 
um ihre Liedchen gekümmert. Sie schämten sich zu singen. Bald 
aber machte ihnen die Sache großen Spaß, und dann kamen sie 
unaufgefordert zu mir und brachten mir ihre Schätze. Sie sahen, 


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209 


daß sie mir damit eine große Freude bereiteten. Durch sie schlug 
ich nicht selten eine goldene Brücke in das Haus, zu Vater und 
Mutter. Oft entspann 9ich ein regelrechter Wetteifer zwischen 
Knaben und Mädchen, den ich wie das Feuer im Ofen schürte. 

Wenn ich von meiner Mutter, meinen Geschwistern, einem 
Freunde, einem alten Knecht absehe, war es nur noch meine alte 
Bedienungsfrau, die aus freiem Entschlüsse und Freude an der 
Sache mir ihre Lieder brachte. Das sind aber die schönsten Freuden 
für den Sammler, wenn er mitten aus dem Volke den Ruf hört: 
T<dj hö wldr a llt, Tq 1> wes no es, hön fis äunta? Im allgemeinen 
aber tut der Sammler gut, wenn er die Begeisterungsfähigkeit für 
eine Sache, die ihn selbst erfüllt, möglichst niedrig in seine Arbeit 
einstellt. 

Der Sammler muß sich in unsern Tagen fast durchweg an 
ältere Leute halten. Das jüngere Geschlecht lernt auch in den 
Gebirgsdörfern die alten Lieder nur noch selten, äle lldy, sagen 
selbst die weißhaarigen Frauen und Männer. Mit jedem Greise, den 
sie stille auf den Friedhof tragen, stirbt unser Volkslied dahin. 
Über die Gründe soll hier nicht berichtet werden. Man merkt es 
schon dem Ausdrucke „älo lTdr“ an, wie mächtig das Volk seit 
etwa fünfzig, sechzig Jahren von einer neuen Zeit vorwärts gerissen 
wurde. Den alten Leuten aus allen Ständen verdanke ich das meiste. 
Ich habe mich kühn mitten unter das Volk gemengt, ich habe sie 
alle kennen und lieben gelernt: Bauern, Schuster, Weber, Wald¬ 
arbeiter, Hirten, Steinklopfer, Schneider, Handelsleute . . . Auch die 
Bettelmusikanten, die Wandergesellen, die Wahrsagefrauen. Es war 
oben in Friedersdorf, als mir die alte Frau G. aus einem ge¬ 
schlagenen Ei, aus den Linien meiner Hand die Zukunft erhellte: 

1. In mindestens zwei Jahren muß ich sterben, unweigerlich 
sterben: denn das Lebenskreuz gibt keinen Aufschub, 

2. vorher tue ich einen tiefen Fall, und 

3. noch zeitiger verliere ich Geld. 

Das war im Jahre 1910. Es war nicht das erste und auch 
nicht das letzte Mal, daß man mir auf meinen Saramlungsfahrten 
wahrsagte. Ein Dienst ist des andern wert! So muß der Sammler 
denken, wenn ihm auch nach der Wahrsagerei auf nächtlichem Heim¬ 
wege grausen sollte. 

Sieben Jahre zog ich so im Lande und in den Bergen einher, 
durchzog kreuz und quer die Gegend der Eule, wanderte auch durch 

Mitteilungen d. Sohle». Ge», t. Vkde. Bd. XX. 


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210 


das Waldenburger Grenzland und den Zobtengau. Als ich 1912 die 
Sammlung durchmusterte, hatte ich über 600 Lieder beisammen. 
Davon wurde die ungefähre Hälfte im gleichen Jahre als „Volks¬ 
lieder ans dem Eulengebirge“ mit vergleichenden und geschichtlichen 
Bemerkungen veröffentlicht und die andere Hälfte als weniger 
wesentlich und aus anderen Gründen ausgeschieden. Bemerkens¬ 
werte volkstümliche Lieder wurden in der Sammlung mit berück¬ 
sichtigt, weil -sie für den Aufschluß einer Gegend nicht minder 
wichtig sind als die sogenannten echten Volkslieder, gehören sie doch 
zu den am liebsten gesungenen Liedern. 

Manchen Leser wird es gewiß interessieren, daß es mir auch 
gelang, das bekannte Lied, das 1X48 den Weberaufstand im Eulen¬ 
gebirge mitentfachte, von Leuten, die das Lied selbst noch 1848 
mitgesungen hatten, in Wort und Weise aufzuzeichnen. Das Lied 
'mußte, da es nicht einmal ein volkstümliches Lied geworden ist, 
aus der Sammlung genommen werden. Gerhart Hauptmann scheint 
es nicht ausfindig gemacht zu haben, als er sein Schauspiel schrieb. 

Noch manches Lied wurde seitdem der Vergessenheit entrissen 
und für die große schlesische Volksliedenamralung aufbewahrt. 
Aus der Großstadt ziehe ich heute hinaus in die Berge. Es ist 
jetzt sehr stille geworden in den Dörfern. Nun steht die Arbeit der 
Kriegsaufklärung vor der des Sammlers. 

Der Sammler rückt jedem Stande, jeder Arbeit, aller Volks¬ 
sorge und Volksfreude näher. Er lernt die Masse begreifen, alle 
die Arbeit uud das viele Heldentum, das mitten im breiten Volke 
wohnt. Wieviel Treue und Herzensgüte sah ich nicht unter dem 
gröbsten Kittel! Die Kenntnis des gesamten Volkslebens bleibt der 
schönste Lohn für die Mühe und Arbeit. 


Das Weberlied aus dem Eulengebirge. 

Von Wilhelm Sch rem in er in Breslau. 


Als im Sommer 1844 im Eulengebirge der Weberaufstand aus¬ 
brach 1 ), spielte das Lied eine nicht unwichtige Rolle. Es schürte 

*) Nach heimatlichen l berlieferungen lind Quellen habe ich darüber be¬ 
richtet in der „Hilfe“ 1910. 


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211 


den Haß gegen die Fabrikanten, die von neuem bereit waren, die 
Löhne herabzusetzen und so herzlich wenig nach Not und Jammer 
fragten; hatten doch die alten Löhne schon genügt, um dabei zu 
verhungern. Bei den Plünderungen, bei den Umzügen ist das 
Weberlied erklungen. Es wurde nach dem Aufstande mit allen 
Mitteln unterdrückt, aber es lebte weiter. Die nachstehende Fassung 
stammt aus Friedrichshain, einem freundlichen, stillen Weberdörfchen 
nahe dem Klaumnitztale. Im Jahre 190!* zeichnete ich es zuerst nach 
dem zitternden Gesänge eines alten Maurers auf, der den Hunger¬ 
aufstand mit erlebt hatte. Er bewahrte noch alle 24 Strophen treu 
im Gedächtnis. Auf Bruchstücke fies Liedes war ich schon vordem 
gestoßen. 

Das Lied weist die Spuren eines hastenden Dichtens auf; es 
zeigt die Erregung des Augenblickes. Die Weise ist dem Liede 
„Es liegt ein Schloß in Österreich“ entlehnt 1 ) und legt die Ver¬ 
mutung nahe, 'laß der Dichter aus den Bergen stammt. 



Fe - me, wo man nicht erst ein Ur- teil spricht, das Le - ben 




S7\ 




schnell zu neh-men. 


2. Hier wird der Mensch langsam gequält, 
hier ist die Folterkammer, 

es werden Seufzer viel gezählt 
als Zeugen von dem Jammer. 

3. Die Herren Zwanziger die Henker sind, 
die Diener ihre Schergen, 

davon ein jeder tapfer schindt, 
anstatt was zu verbergen. 

4. Ihr Schurken all, ihr Satansbrut 
ihr höllischen Kujone, 

*) Volkslieder aus dein Faltengebirge S. 43. 

14* 


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212 


ihr freßt des Armen Hab und Gut,, 
und Fluch wird euch zum Lohne! 

5. Ihr seid die Quelle aller Not, 
die hier den Armen drücket, 

Ihr seids, die ihr das trockne Brot 
ihm noch vom Munde rücket. 

6. Was kümmerts euch, ob arme Leut 
Kartoffeln kauen müssen, 

wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit 
den besten Braten essen. 

7. Kommt nun ein armer Webersmann 
die Arbeit zu besehen, 

findt sich der kleinste Fehler dran, 
wirds ihm noch schlecht ergehen. 

8. Erhält er dann den kargen Lohn, 
wird ihm noch abgezogen, 

zeigt ihm die Tür mit Spott, und Hohn 
kommt ihm noch nachgeflogen. 

9. Hier hilft kein Bitten, hilft kein Flehn, 

% 

umsonst sind alle Klagen, 

gefällts euch nicht, so könnt ihr gehn,. 

am Hungertuche nagen. 

10. Nun denke man sich diese Not 
und Elend dieser Armen, 

Zu Hause keinen Bissen Brot, 
ist das nicht zum Erbarmen! 

11. Erbarmen, ha, ein schön Gefühl, 
euch Kannibalen fremde, 

ein jeder kennt schon noch sein Ziel, 
es ist der Armen Haut und Hände. 

12. 0 euer Geld und euer Gut 
das wird dereinst zergehen 

wie Butter an der Sonnen Glut, 
wie wirds um euch dann stehen! 

13. Wenn ihr dereinst nach dieser Zeit, 
nach diesem Freudenleben 

dort sollt in jener Ewigkeit, 
sollt Rechenschaft abgeben! 

14. Doch, ha, sie glauben an keinen Gott, 


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noch weder an Höll und Himmel, 

Die Religion ist nur ihr Spott, 
hält sich ans Weltgetümmel. 

15. Ihr fangt stets an zu jeder Zeit, 
den Lohn herabzubringen, 

und and’re Schurken sind bereit, 
euerm Beispiel nachzufolgen. 

16. Der Reihe nach folgt Fellmann noch 
ganz frech ohn’ alle Bande, 

bei ihm ist auch herabgesetzt 
der Lohn zu wahrer Schande. 

17. Die Gebrüder Hofrichter sind, 
was soll ich von ihnen sagen, 

nach Willkür wird auch hier geschindt, 
dem Reichtum nachzujagen. 

18. Und hat auch einer noch den Mut, 
die Wahrheit herzusagen. 

dann kommt’s so weit, es kostet Blut, 
und dann will man verklagen. 

19. Herr Kamelott Langer genannt, 
der wird dabei nicht fehlen, 
einem jeden ist er wohl bekannt, 
viel Lohn mag er nicht geben. 

*20. Wenn euch für dieses Lumpengeld 
die Ware hingeschmissen, 
was euch dann zum Gewinne fehlt, 
wird Armen abgerissen! 

*21. Sind ja noch welche, die der Schmerz 
der armen Leut’ beweget, 
in deren Busen noch ein Herz 
voll Mitgefühle schlaget, 

*22. Die müssen von der Zeit 
auch in das Gleis einlenken, 
der andern Beispiel eingedenk 
sich in dem Lohn einschränken. 

23. Ich sage, wem ist’s wohl bekannt, 
wer sah vor zwanzig Jahren, 
den übermütigen Fabrikant 
in Staatskarossen fahren. 


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24. Wer traf wohl dort Hauslehrer an 
bei einem Fabrikanten, 
in Livreen Kutscher angetan, 

Staatsdomestiken, Gouvernanten! 

Nachdem der Aufstand erdrückt worden war (es wurden durch 
die Soldaten 11 Personen erschossen, 29 verwundet, von denen noch 
etliche starben, viele verhaftet, die dann der Kerker traf), fahndete 
man eifrig nach dem Dichter des Liedes. Man hatte den „Trompeter 
im Grunde“ (Friedrichsgrund) im Verdacht, der damals weit und 
breit als Allerweltskünstler berühmt war. Er versteht das Trompeten¬ 
blasen, spielt zu Tanz-, zu Hochzeitsmusiken auf, okuliert, kopuliert, 
dichtet, deklamiert, verschneidet Bäume und Haare, setzt Uhren in 
Gang, stellt Ehrenpforten und Denkmäler auf, malt Schilder. . ! 

Solche Köpfe sind im Volke nicht selten. Seine Wohnung wird 
genau untersucht, selbst in der Ofenröhre spürt man herum. Aber 
man kann dem guten Manne nichts nach weisen. Am Abend dieses 
Tages bläst der Trompeter durch die winkligen Dorfgassen und 
Kletterstege, heißt doch Friedrichsgrund im Volksmunde dl grilsa 
stöt, dl leksundraisi<*h hoifr höt, das Lied: 

Üb’ immer Treu und Redlichkeit 
bis an dein kühles Grab . . . 

Der Volksdichter blieb unentdeckt. Das Lied ist auch 1848 
gesungen worden; es lebte immer wieder auf,’wenn Unrecht, Not, 

Groll die Masse der Weber packte! Noch heute kann man erleben, 
daß in Augenblicken der Erregung auf einzelne Strophen des Liedes 
(is wäbrllt) zuriickgegritTen wird. Seine schnelle Verbreitung hät * 
das Lied gewiß der packenden und die Massen erregenden Weise mit 
zu danken. 


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Schülergeheimsprachen. 

Von Pr. Helmut Wocke in Haynau. 


Den Sondersprachen widmet die Forschung seit einiger Zeit 
besondere Aufmerksamkeit. Und in der Tat sind sie von großer 
Bedeutung; sie bilden neue Worte und Wortformen, geben alten 
Worten aus der eigenen oder einer fremden, fernerliegenden Sprache 
einen neuen Inhalt; eine Menge dieser Sonderausdrücke dringt dann 
in die Allgemeinsprache ein und wird dadurch wichtig für die Ent¬ 
wicklung unseres Wortschatzes. 

Über die Pennälersprache besitzen wir eine tüchtige, wenn auch 
nicht erschöpfende Schrift von Rudolf Eilenberger (Straßburg 
1910). Entgangen ist dem Verfasser leider die wertvolle Arbeit 
von Karl Steinhäuser „Die Muttersprache im Munde des Bres¬ 
lauer höheren Schülers und ihre Läuterung im deutschen Unter¬ 
richt“ 1 ), die S. 18 ff. ein Verzeichnis der Ausdrücke bringt, die von 
den Schülern der höheren Lehranstalten Breslaus gebraucht werden. 
Kleine Beiträge haben dann R. Sprenger (Ztschr. f. dtsch. 
Wortf. V, 249) und H. Wehrle (in seiner Besprechung von Eilen¬ 
bergers Büchelchen, Ztschr. f. dtsch. Wortf. XIII, 78 f.) geliefert. 
Ein „kleines Wörterbuch der in und außerhalb der Schule gebräuch¬ 
lichen volkstümlichen Ausdrücke und Redensarten“ findet sich in 
Joh. Lewalters Deutschem Kinderlied und Kinderspiel, Kassel 1911, 
S. 175—179; lesenswert sind auch Georg Schlägers wissenschaft¬ 
liche Bemerkungen ebendort S. 426—428. 

Ich selbst stelle die bekanntesten, zum größten Teil allerdings 
noch nicht gebuchten Sehülergeheimsprachen im folgenden zu¬ 
sammen. 

') Wissenschaftl. Beilage zum Jahresbericht der Breslauer cv. Realschule I 
Ostern 1006. 


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1. Nicht begegnet sind mir die NB-, die LB- und die DB- 
Sprache, die Hans Stumme in seiner Schrift „Über die deutsche 
Gaunersprache und andere Geheimsprachen“ Leipzig 1903, S. 4 er¬ 
wähnt. Das Wesen der NB-Sprache* ist folgendes: „Man läßt die 
Lautgruppe neb jedem wirklich gesprochenen Vokale des deutschen 
Wortes folgen und wiederholt alsdann den betreffenden Vokal.“ 
Was schlägst du ihn? = Wanebas schlänebägst dunebu ihnebihn? 
Oder in der DB-Sprache: Wadebas schlädebägst dudebu ihdebihn? 

2. Die b-Sprache. Sie ist außerordentlich verbreitet. Wie 
schon Kluge in seiner deutschen Studentensprache S. 61 vermutet, 
gehören ihr vielleicht Worte wie stibitzen=stehlen und Labaschke= 
Waffe an. Thurneysser von Thum bezeugt sie uns für das 16. Jahrh. 
(Rotwelsch I, 111 f.). „Item zu besserm Verstandt weber glabaubt 
vbund gebetabaufebet wibird, deber wibird sebelebig weberdeben. 
Lateinisch Quibi credededideberebit ebet babaptibisabatabur, fubue- 
berebit sabaluabus eberebit. Das ist wer glaubt vnd getauffet wird, 
der wird selig werden.“ Auf Thurneysser greift Schwenter in seiner 
Steganologia (um 1620) zurück (Rotwelsch I 145 f.). Vgl. ferner 
Kluge, Unser Deutsch, 1914 3 , S. 81 f.; Lewalter, a.a. 0. S. 155 und 
S. 373 (Nr. 474—477). Wir gehen in die Stadt = Wibir gebeheben 
ibin dibie Stabadt. 

3. Die p-Sprache. Vgl. Stumme, a. a. 0. S. 5. Statt des b, 
wie es bei Thurneysser vorliegt, bringt Schottel in der „Ausführ¬ 
lichen Arbeit von der Teutschen Haupt-Sprache“ Braunschweig 1613 
ein p. (Rotwelsch I 160 ff.) Die p-Sprache erwähnt auch Behaghel, 
Die deutsche Sprache, Wien u. Leipzig 1916®, S. 105: „in jede Silbe 
des ursprünglichen Wortes wird die Silbe p mit einem Vokal ein¬ 
geschaltet, z. B. wipir wopollepen foporth gepehn = wir wollen fort¬ 
gehn.“ Vgl. auch Richard M. Meyer, Künstliche Sprachen, Jdg. 
Forschgen. XII, 63. 

4. Die Bei-Spraehe erwähnt Lewalter a. a. 0. S. 155, Nr. 476. 
Sie findet sich (nach Schlägers Anmerkung S. 373) auch bei H. Dünger, 
Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Vogtlande, 1894 2 . 

5. Die fe-Sprache. Hinter jeden Vokal eines Wortes wird die 
Silbe fe eingefügt. Also: Mein Bruder heißt Helmut = Mefeifen 
Brufejdefer hefejifeßt Hefel mufet. Stehen vier Konsonanten hinter¬ 
einander, so folgen die zwei ersten dem ersten Vokal; die beiden 
anderen werden dem zweiten Vokal zugewiesen; z. B. Eckbrecht = 
Eckfe|brefecht. 


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6. Mit der fe-Sprache verwandt ist die folgende, bei der fa 
nach dem Vokal a, fe nach e, fi nach i, fo nach o und fu nach u 
eingefügt wird. Meine beiden Geschwister heißen Lotte und Roderich 
= Me feifi|nefe be|fe|ifi|be|fen Ge|fejschwijfi|stefer he fe|ifijße|fen 
Lo|fo|te fe u|fund Ro fo|deife|ri fich. 

7. Eine „Hühnersprache“ aus Elberfeld findet sich nach 
Schläger (Lewalters Buch S. 373) in Erks Handschriftlicher Samm¬ 
lung „Deutsches Kinderbuch“, Musiksammlung der Königlichen 
Bibliothek in Berlin, Ms. A. Fol. 233, Bl. 38. 

8. Die Räubersprache. Sie ist bei den Schülern sehr beliebt. 
Jede einzelne Silbe wird verdoppelt (anlautender Konsonant oder 
anlautender Doppelkonsonant fallen bei der Verdoppelung fort), es 
iolgt dann stets „le“ und die Verdoppelung mit Vorgesetztem f. 
Beispiel: Warum bist du gestern nicht gekommen?. = Waälefa 
ruraümlefum bististlefist duülefu geelefe sternernlefern nichtichtleficht 
geelefe komömlefom men£nlefen? 

9. Die H-Sprache. Lewalter a. a. 0. S. 155 N. 475. Es 
wird „jede Silbe des in Frage kommenden Wortes wiederholt und 
statt des ihr zugehörigen Anfangsmitlauters der Buchstabe h vor¬ 
gesetzt. Außerdem wird der Silbe, die schließlich ohne h noch 
einmal wiederholt wird, lef vorgesetzt. Mairegen lautet also in der 
li-Sprache: Mai-hailefai-re-helefe-gen-henlefen.“ Vgl. auch Schlägers 
Anmerkg. bei Lewalter S. 373. 

10. Die U-Sprache. Sie wird von Schülern vielfach auch als 
„Schriftsprache“ empfohlen. Bei den mit einem Konsonanten be¬ 
ginnenden Worten läßt man den anlautenden Konsonanten fort, 
verwandelt den darauffolgenden Vokal in u und setzt den Anfangs¬ 
konsonanten, den man zuerst weggelassen hat, dahinter, in Ver¬ 
bindung mit ä. Ball = Ullbä; Tisch = Uschtä. Bei W r orten, die 
mit einem Vokal beginnen, verwandelt man den anlautenden Vokal 
in n und verlängert das Wort um ein ä. Also: Igel = Ugelä; 
Ofen = Ufenä. Bei Zusammensetzungen wird jeder Bestandteil in 
die U-Sprache übersetzt; also Fensterbrett = Unsterfä-uttbrä. Bei 
den Diphthongen ei und ai wird nur das e, bezw. das a in ein u 
verwandelt, das i bleibt stehen; z. B. Eimer = Uimerä; Kaiser = 
Uiserkä. Besonders Acht geben muß man bei langen Wörtern; so 
heißt Universität in der U-Sprache Uniä|ursivä uttä.“ Zum Schluß 
sei noch ein ganzer Satz in Übersetzung wiedergegeben. Meine 


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Schwester ging in die Stadt, uni sich Bücher zu kaufen = Uinemä 
Usterschwä unggä unä udä Udtstä, umä uchsä Ucherbä uzä ufenkä. 

11. Die Erbsensprache. An jeden einzelnen Buchstaben 
eines Wortes wird „erbse“ angehängt, an Vokale nur „rbse“. Ich 
gehe nach Hause = Irbse cherbse gerbse erbse herbse erbse nerbse 
arbse cherbse Herbse arbse urbse serbse erbse. Nach einem anderen 
Prinzip übersetzt Richard M. Meyer Jdg. Forsch. XII, 63 aus eigener 
Schulerinnerung. Vgl. auch Lewalter, a. a. 0. S. 156 Nr. 477 und 
Schlägers Anmerkung dazu, ebendort S. 373. 

12. Die Umsetzsprache. Nur die Vokale und Diphthonge 
werden verändert, die Konsonanten bleiben unberührt. Vokale: a>e; 
Hans p- Hens. e^»i; Berg > Birg, i, ie>o; Hirt > Hort; Tier >Tor. 
o > u; Most > Must, u > a; Mus > Mas. Diphthonge; au > ei; Maus > 
Meis, ei, ai > eu; fein>feun, Mais > Meus. eu, äu >au; Leuten 
Laute, Däuser > Hauser 1 ). 

Bei all den genannten Schülergeheimsprachen handelt es sich 
um kindliche Spielereien und harmlose, wenn auch systematische 
Entstellungen. Auf eine Sprache, die mit dem Rotwelsch innige 
Verwandtschaft zeigt und von der Berner Schuljugend, teilweise 
auch von Erwachsenen gesprochen wird, hat A. Roliier in der 
Zeitschr. f. deutsche Wortf. II, 51 ff. unsere Aufmerksamkeit gelenkt. 

l ) Ähnliche Verschleierungen des gegebenen Spraehstoffes durch Ein¬ 
schieben, Streichen, Umstellen linden sich in Kreisen von Erwachsenen. Vgl. 
vor allem die ausführliche Darstellung bei Sclnventer, der vielfach auf Thurn- 
cjsser zurückgreift' (Rotwelsch I 143 ff.); ferner Schottel (Rotwelsch 1 162 f.) 
und Friederici (Rolwelsch I, 164 f.) Genannt seien auch die languc javanaise. 
die lingua papanesca u. das „Argot, der Jargon der bohemiens.“ Auch russische 
Analogien sind nachgewiesen. Vgl. Richard M. Meyer, a. a. 0. S. 64 ff. — 
Stumme a. a. 0. S. 5 erwähnt noch das Cadogan; hier wird die Lautgruppe 
deg ins Wort cingefügt; z. B. bon jour bodegon joudegour. Er fügt bei, 
daß ihm „auf dem Gebiete orientalischer Sprachen, und zwar auf dem Gebiete 
des Arabischen und des Persischen sowie des Türkischen Goheiinsprachonarten 
bekannt sind, die ebenfalls das Prinzip der Lauteinschiebung aufweisen. u S. 6 
berührt er zwei weitere französ. Geheimsprachen, das Largonji u. das Louchorbcm 
Anlautender Konsonant wird hier fortgelassen und an den Schluß des Wortes mit 
einer bestimmten Endung angefügt, an den Wortanlang stellt man stets ein 1. 
„Largonji 44 liegt Jargon“, „Loucherbem“ das Wort „boucher“ zu Grunde 
Vgl. ferner L. Günther, Das Rotwelsch des deutschen Gauners, Straßburg 
1905, S. 46—49. 



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Literatur 


Wagner, Kurt, Schlesiens mundartliche Dichtung von Holtei bis auf die 
Gegenwart. (— Wort und Brauch, volkskundliche Arbeiten, namens der 
. Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde herausgegeben von Th. Siebs und 
M. Hippe, Heft 14), Breslau, M. & H. Marcus, 1917. VIII -f- 100 S. 3,00 M. 

Was an Denkmälern schlesischer mundartlicher Dichtung vor Holtei 
vorhanden ist, ist nur ganz weniges vereinzeltes Gelegenheitsgut, das die vor¬ 
handenen Übersichten über schlesische Literatur kurz streifen. Besonders be¬ 
rücksichtigt sie auch E. Küster, Der schlesische Dialekt in der Literatur, 
Breslau 1888 und ein Aufsatz von H. Bauch in der Schlesischen Zeitung vom 
14. August 1903 (Nr. 568): neue Quellen hat vor allem A. Lowack in ver¬ 
schiedenen Arbeiten zugänglich gemacht (Mittlgn. 1905, S. 58 lf., 1909, S. 141 ff., 
1914, S. 247 ff.). 

Von einer bewußten Pflege der schlesischen Mundart in der Dichtung 
kann erst seit Holteis Auftreten, seit dem Erscheinen der Schlesischen Gedichte 
(1830) die Rede sein. Die seit Holtei sich sehr reich und mannigfaltig ent¬ 
wickelnde Dialektdichtung hat nun, zum ersten Male in wissenschaftlicher 
Form, Wagner in dem vorliegenden Buche mit redlichem Fleiße und an¬ 
erkennenswerter Umsicht zusammengestellt, geordnet und kritisch beurteilt, 
ein Unternehmen, das nicht immer ganz leicht war, da von älteren Denkmälern 
schon manches verschollen und nur noch dem Namen nach bekanut ist. Holtei 
hat, wenn auch nicht sofort und zuerst, auch nicht uneingeschränkt, eine sehr 
nachhaltige Wirkung ausgeübt, sodaß eine recht stattliche Anzahl von Dichtern 
in seinen Bahnen wandelt. Nach ihm kommen zwei Hauptrichtungen auf, die 
gröbere unter Führung von Robert Rößler, die die Prosa, insbesondere die 
humoristische, die „Schnokc“ bevorzugt, daneben die weichere, künstlerisch 
entschieden höher stehende lyrische Kunst, deren bester und erster Vertreter 
Max Heinzei freilich anfangs viel weniger reiche Erfolge als jene zu ver¬ 
zeichnen hatte. Eine ganz entsprechende Doppelentwicklung bringen dann die 
achtziger Jahre. Hermann Bauchs heitere Erzählungen setzen Rößlers Be¬ 
strebungen fort, neben Heinzei stellt sich der feinsinnige, grübelnde, ernste 
Philo vom Walde, und im letzten Jahrzehnt ist es nicht anders. Hugo 
Kretschmer und Max Waldenburg eifern Rößler und Bauch nach, während 
August Lichter und Hermann Oderwald als Nachfolger Heinzeis und Philos 
gelten dürfen. Diese Jahre bringen aber noch einen neuen, sehr bemerkens¬ 
werten Aufschwung: Die Mundart erobert sich das Drama in den Werken von 


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220 


Gerhart Hauptmann und von Karl Hauptmann. Unter den im 20. Jahr¬ 
hundert Wirkenden sind die bekanntesten etwa* Karl Klings und Hermann 
Hoppe, Robert Sabel und Marie Oberdieck. 

Selbstverständlich berücksichtigt der Verfasser außer den wenigen hier 
genannten richtunggebenden Gestalten auch die Fülle der minder bedeutenden 

— sein Verzeichnis der Verfasser enthält 95 Namen und 2 namenlose Schriften. 
Besonders wertvoll ist sein Bemühen, möglichst vollständig sowie biblio¬ 
graphisch genau und zuverlässig zu sein. Daß er die Darstellung der Ent¬ 
wicklung an die Persönlichkeiten der einzelnen Dichter anschließt und von 
diesen auch stets kurze Lebensbilder entwirft, ist nur zu billigen, schon des¬ 
wegen, weil der Ursprung oft wichtige Aufschlüsse über die Mundart gewährt. 
Diese selbst wird durchweg so genau wie möglich festgestellt — leider 
erschwert die mangelhafte Schreibung der Verfasser nicht selten die Be¬ 
urteilung. 

Das Werturteil, das Wagner fällt, ist nicht gerade sehr schmeichelhaft, 
aber im ganzen doch zutreffend: „Weniges Gute, viel Mittelmäßiges und noch 
mehr Schlechtes“, wozu allerdings zu bemerken ist, daß das Gute, das sich 
vorwiegend an die Namen Holtei, Heinzei, Philo, Klings und die Brüder 
Hauptmann knüpft, manche sehr beachtenswerte Höhepunkte aufzuweisen hat. 

Im Einzelnen bemerke ich nur folgende Kleinigkeiten; S. 22 ist An¬ 
merkung 2 falsch gesetzt; ihr zweiter Teil gehört zur 3. Anmerkung; denn 
Fr. Zehs Dichtergrüsse sind nicht eine Neuausgabe der Blumen aus Rübezahls 
Garten , sondern der Blumen aus den schlesischen Bergen . — Bei Philos Leute¬ 
not (S. 43) fehlt das Erscheinungsjahr 1901. — S. 55 besagt Anmerkung 1 
irrtümlich bei Hugo Kretschmer, daß Kürschners Literaturkalender für 1914 
„sein Leben“ bringe; er enthält nur, wie üblich, eine Aufzählung seiner Werke. 

— S. 60 H. Oderwalds Schriften Anne sehlösche Paperstunde und Achilles. 
Zigeunerliesel sind nach einem mir vorliegenden Verlagsvcrzeichnis in den 
Verlag von Heege in Schweidnitz übergegangen. 

Sodann teile ich noch die Titel derjenigen Bücher mit, die Wagner nicht 
mehr ermitteln konnte: Karl J. Friedrich Becker, Dichterische Versuche aus 
den neuesten Zeitereignissen geschöpft. Liegnitz, Druck von E. D’ocnch 1830. — 
Hugo Jahns, Gedichte . Waldenburg, Metzler, 1857. — Wilhelm [Jocosus] Walke, 
Sammlung scherzhafter und launiger Vorträge und Gedichte. Breslau, Goerlich 
und Coch, 1867. — Reinhold Rochricht, Gedichte in Bun\lauer Mundart 
(Fraglich, ob gedruckt). — Sollte einer unserer Leser wissen, ob oder wo noch 
eines dieser Bücher vorhanden ist, so möchten wir bitten, dem Vorsitzenden 
unserer Gesellschaft, Herrn Geheimrat Siebs, davon Kenntnis zu geben. 

H. Jantzen. 

Burdacli, Konrad, Vom Mittelalter zur Reformation. Forschungen zur Ge¬ 
schichte der deutschen Bildung. Im Aufträge der Königl. Preußischen 
Akademie der Wissenschaften herausgegeben. Dritter Band. Erster Teil 
Der Ackermann aus Böhmen. Herausgegeben von Alois Bernt und Konrad 
Burdach. Mit 8 Tafeln im Lichtdruck. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung 
1917. XXII 4- 150 4- 414 S. 20 M. 


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Weder von der Hägens Ausgabe Frankfurt a. M. 1824 nach einer Gott- 
schedschen Abschrift noch die Knischeks (Prag 1897), zu der Martin und 
Roediger Anz. f. d. a. IV Nachträge und Besserungen geliefert haben, konnten, 
dem hier neu herausgegebenen Dichtwerk die Stellung in der Literatur schaffen, 
die ihm gebührte. Spürsinn und Finderglück Alois Bernts haben neue Hand¬ 
schriften und Drucke ans Licht gefordert. Weiter haben erst nach Knischeks, 
Ausgabe Untersuchungen über die Stilkunst in den Sprachen der Urkunden 
ui<d Dichtung der sp&tmittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen Zeit, vor 
allem angeregt und gefördert durch Konrad Burdach, nebst seinen eigenen 
Untersuchungen den Blick geschärft für die richtige Beurteilung der neu auf¬ 
kommenden Prosakunst. So konnte auf Grund des gesamten handschriftlichen 
Materials und der neu gefundenen Drucke, und zweitens im Anschluß der neu¬ 
gewonnenen Einsichten eine Ncuausgabe des Ackermanns gewagt werden, die 
— um das gleich zu sagen — in ihrer Art mustergültig ist. Was hier ge¬ 
leistet worden ist in der Herstellung des Textes und in den Anmerkungen bei¬ 
gesteuert ist zur Erklärung dieser gewaltigen Dichtung, verdient unsre warme 
Anerkennung. Nicht alle liätscl sind gelöst, aber in solchen Fällen geben die. 
Herausgeber Fingerzeige, wo vielleicht eine Lösung möglich ist. Ich glaube 
es gern, daß dieses Werk in seiner neuen Gestalt auf viele wie eine Neu¬ 
entdeckung gewirkt hat. Bei wiederholtem Versenken und Durchdenken kann 
man sich darin verlieben. An Sprachgewalt, Stilkunst, Formkunst hat es wenig 
seines Gleichen. Die Leser dieser Blätter wollen wir darauf hinweisen, was 
die Volkskunde aus diesem Gespräch zwischen dem Ackermann und dem Tod, 
lernen kann. Das ganze 26. Kapitel handelt von den geheimen Künsten und 
Zauber, Wahrsagerei. Und wenn der Dichter sich auch hier der antiken Be¬ 
zeichnungen bedient, so bricht doch leicht auch rein deutscher Aberglaube 
durch, wie Burdach S. 370 fg. zeigt. Kap. 6,13 erschrecken die ,bilvis 4 und 
die ,Zauberinne‘, die ,reiten auf den knicken 4 und ,auf den bocken 4 ; 
25, 18 werden die ,s ehret ein 4 erwähnt und die ,cl a ge mutter 4 , worüber Alois 
Bernt S. 202 und 324 ausführlich handelt. Wenn der Dichter 5,3 die ,war- 
sagende Wünschelrute* nennt, so wird das in diesem Zusammenhang auf lite¬ 
rarischer Tradition beruhen, wie Burdach bemerkt hat. Erzählungen aus den 
Tiersagen 6,1; 18,10 und Namen der Heldensage 30,21 begegnen uns. Wie 
der Ausdruck 9,7: ,die here (d. h. die verstorbene Frau) engeltc mit iren 
Kindern 4 lange unverständlich blieb, und daun schließlich ein Zeitwort 
,cngeln 4 ergab, das noch heut in mehreren Mundarten bei einem Kinderspiel 
fortlebt, das mag jeder selbst bei Burdach S. 208 fg. nachlesen. S. 202 weist 
Bemt darauf hin, wie der Dichter bei Vergleichen und Bildern gern Ausdrücke 
der Mundart anw T endet, während er sonst in der Wortwahl Mundartliches meidet 
und es nur anbringt, wo er ironisiert. — 

Zum Schlüsse mag erwähnt werden, daß Bernt eine wohlgelungene Um¬ 
schreibung der Dichtung in die heutige Sprache im Inselverlag hat er¬ 
scheinen lassen, und daß Hans Watzliks packender Roman „der Phönix“ auf 
diesem Stoffe beruht. — 

Ein zweiter noch im Druck befindlicher Teil soll uns über die Persönlich¬ 
keit des Dichters aufklären. Möchte Burdach uns auf diese Gabe nicht zu¬ 
lange warten lassen. Georg Schoppe. 


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Fischer, Hermann, Grundzüge der deutschen Altertumskunde. 2. verbesserte 
Auflage. Wissenschaft und Bildung. 40. Leipzig, Quelle und Mover. 1917. 
geb. M. 1,50. 

In zweiter Auflage liegt das treffliche kleine Buchlein vor; ihr sind die 
seit 1908 erschienenen einschlägigen Werke, vor allem wohl das Keallexikon, 
zugute gekommen. In knapper Form werden übersichtlich die wichtigsten Stoff¬ 
gebiete der Kunde von den germanischen Altertümern zusammengefaßt. Nach 
Angabe der bedeutsamsten Quellen wird über Land und Leute gehandelt, die 
Siedlungsformen, Wohnung, Tracht und Nahrung werden besprochen: Rechts¬ 
und Standesverhältnisse, Familie; Handel und Gewerbe; Unterhaltung: Religions¬ 
und Kriegsaltertümer — das sind die Kapitel, in die der Stoff gegliedert ist, 
und die zusammen eine kleine Volkskunde germanischer Vorzeit ausmachen. 
Das kleine Buch, das aus Vorlesungen über deutsche Altertümer erwachsen ist, 
kann sowohl Studierenden als auch Lehrern des Deutschen warm empfohlen 
werden. Siebs. 

LaufTer, Prof. Dr. Otto, Deutsche Altertümer im Rahmen deutscher Sitte. 
Wissenschaft und Bildung 148. Leipzig, Quelle und Meyer, 1918. VIII, 
134 S. M. 1,50. 

Als Ergänzung zu dem Buche von Fischer kann in gewissem Sinne diese 
kurze Darstellung der „deutschen Altertümer 4 * betrachtet werden, die in der¬ 
selben Sammlung erschienen ist. Lautier behandelt in ähnlicher Weise, wie 
Moriz Heyne in seinen Arbeiten getan hat, Wohnung und Tracht: dann Musik 
und Spiel: Landwirtschaft, Gewerbe und Verkehr; Schriftwesen und wissen¬ 
schaftliche Instrumente: Kriegsaltertümer: Recht: Altertümer des Staates, der 
Städte, der Stände und Genossenschaften; endlich kirchliche Altertümer, sowohl 
christliche als auch jüdische. La uff er schließt sich in dieser geschickten Zu¬ 
sammenstellung an die Erscheinungsformen im privaten und öffentlichen Leben 
an: stilgcschichtliehe, kunstgeschichtliche und kulturgeschichtliche Betrachtung 
vereinen sich. Eine kleine Zahl von Abbildungen ist eingefügt. Leider hat 
sich in einem so kurzen Handbüchlein wohl nicht mehr davon bieten lassen. 
Namentlich den vielen, die auf Anschauung in Museen verzichten müssen, wäre 
damit gedient gewesen. Siebs. 

8tucki, Dr. Karl, Die Mundart von Jaun im Kanton Freiburg. Beiträge zur 
Schweizerdeutschen Grammatik, herausgegeben von A. Bach mann. VIII, 
346 S. Huber & Co., Frauenfeld 1917. M. 11. 

Jaun ist eine freiburgische Gemeinde, ein vorgeschobener Posten des 
Deutschtums in einem Seitental der Saane; etwa 800 Einwohner sind es. Der 
Verfasser, aus St. Gallen stammend, hat die Mundart selbst aufgenommen. 
Eine phonetische Betrachtung der einzelnen Laute und des Stärkeakzentes 
wird vorangeschickt, wobei auch die Betonung der Fremdwörter berücksichtigt 
wird. Es folgt eine geschichtliche Behandlung der Vokale, die vom Althoch¬ 
deutschen ausgeht und der analogischen Wirkung des i-Umlautes eine be¬ 
sondere und dankenswerte Beachtung schenkt. Von diesen und anderen 
qualitativen und quantitativen Lautveränderungen, die sehr übersichtlich zu- 
ßamraengestellt sind, wird eine zusammenfassende Behandlung der ncuhoch- 


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deutschen Grammatik mit Nutzen Kenntnis nehmen. Besonders lehrreich sind 
uns die Entwicklungen der Nebensilbenvokale: auslautende ahd. Kurzen sind 
apokopiert, ahd. i ist als i erhalten, ahd. A u o als a. — Auch im Konsonan¬ 
tismus, der vom urdcutschen abgeleitet wird, werden allgemeine Erscheinungen 
übersichtlich zusammen geordnet. — Die Flexionslehre, die im Wesentlichen 
ja nur eine Anwendung der für die Lautgeschichte gewonnenen Ergebnisse 
bedeutet, ist ganz kurz behandelt. Kleine Anhänge, die sich mit Mundarten¬ 
grenzen, Flurnamen und Sprachproben beschäftigen, sowie ein Wörterverzeichnis 
beschließen die Arbeit, die zwar manchem gnten Vorbilde vieles schuldet, 
aber doch ein weiterer dankenswerter Beitrag zur schweizerischen Sprach¬ 
forschung ist. Siebs. 

Wlget, Dr. Wilhelm, Die Laute der Toggenburger Mundarten. Beiträge zur 
Schweizerdeutschen Grammatik, herausgegeben von A. Bachmann. VI 
171 S. Frauenfeld, Huber & Co. 1 Dl6. M. 6,50. 

Der Verfasser hat seinen Stoff in der Landschaft Tuggenburg, im Westen 
des Kantons St. Gallen 1908 gesammelt und ihn später durch Flurnamen¬ 
forschung ergänzt. Die trefflichen Arbeiten von Winteler, dem ja freilich dio 
Darstellung der Mundart nicht das wichtigste Ziel war, sind dankbar benutzt 
worden. 

Gute phonetische Erörterungen eröffnen das Buch. Sie berücksichtigen 
den exspiratonischen und musikalischen Akzent. Für den Stärkeakzent wird 
eine Fülle von Beispielen aus den Flurnamen herangezogen: deren verschieden¬ 
artige Betonung sähe man gern durch die Art der Zusammensetzung begründet. 
Es folgt eine übersichtliche Entwicklungsgeschichte der einzelnen Vokale und 
Konsonanten, bei jenen wird vom althochdeutschen, bei diesen vom urdcutschen 
Standpunkte ausgegangen. 

Beiträge zur Besiedlungsgeschichte, eine Sammlung der nicht als 
deutschen Ursprunges zu erklärenden Flurnamen und eine Betrachtung der 
Mundartengrenzen beschließen die dankenswerte, übersichtliche Arbeit: ihre 
Benutzung wird durch ein gutes Wörterverzeichnis noch erleichtert. Siebs. 

Hauffei); Adolf, Geschichte des deutschen Michel. (Herausgegeben vom 
deutschen Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Frag). Prag, 
Verlag des Vereines, 1918. 96 S. 1,50 Kr. 

Der volkstümliche Ausdruck „Der deutsche Michel“, der während der 
Kriegszeit wieder ganz besonders lebensfähig geworden ist, hat eine lange 
und sehr eigentümliche Geschichte. Hauffen hat sie in seiner ungemein 
fleißigen und liebevoll geschriebenen Arbeit verfolgt und, weit Uber seine 
Vorgänger in der Erforschung dieser Bezeichnung hinausgehend, eine außer¬ 
ordentliche Fülle von Stoff über ihre Entstehung und Bedeutungsentwicklung 
zusammengetragen. Er beginnt mit einer einleitenden Untersuchung über 
den ursprünglichen Träger des Namens Michael, den Erzengel, und seine 
Verehrung in Deutschland; er führt sie von den ältesten Zeiten, da das 
Christentum in Deutschland Eingang fand, bis zur Gegenwart. Michael ist 
schon in der altjüdischen Überlieferung der Fürst und streitbare Held unter 
den Engeln, er hat den Satan in Drachengestalt besiegt und im Streite mit 


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dem Teufel um den Leichnam des Moses die Oberhand behalten. Bei der 
Einführung des Christentums in Deutschland gewinnt dieser Engel sehr bald 
eine besonders beliebte und geachtete Stellung, wozu wohl auch beitrug, daß 
das deutsche Eigenschaftswort „wichet“ in der Form init der volkstümlichen 
Verkürzung seines Namens zusammenfiel und mit seiner Bedeutung „groß, 
mächtig, stark“ ausgezeichnet zu dem Wesen des Heiligen paßte. Auch manche 
Züge Wotans und seiner Verehrung sind auf Michael übertragen worden. Sehr 
früh erscheint er ferner als Schutzheiliger der Heere, und bei den großen 
Ungarnschlachtcn 933 und 955 war das Reichssturmbanner mit seinem Bildnis 
geschmückt. Sehr zahlreich sind die Volks- und Festbräuche am Michaelistage, 
und es gibt auch viele Michaelislieder. 

Auf welche Weise das geflügelte Wort „Der deutsche Michel“ entstanden 
und wie der Zusammenhang mit dem Heiligen ist, bleibt unklar. Wir wissen 
nur, daß cs im Jahre 1541 zum ersten Male bei Sebastian Franck in seinen 
Sprichwörtern — übrigens in wenig schmeichelhaftem Sinne — auftritt und 
dann nie mehr ganz verschwindet. Im 17. Jahrhundert gewinnt es eine bessere 
Bedeutung, da man den hochberühmten, kurpfälzischen Reiterobersten Michael 
von Obentraut — namentlich in der Zeit von 1621—1625 gern als den „schreck¬ 
lichen deutschen Michel“ bezeichnete. Im 18. Jahrhundert wird der Ausdruck 
immer häuliger; er bedeutet bald den wackeren, ehrlichen, aber etwas un¬ 
beholfenen kernigen deutschen Bauern, bald — die Schlafmützc ist hier 
wesentlich — die stumpfe große Masse. In der Zeit zwischen den Befreiungs¬ 
kriegen und der Revolution wird der deutsche Michel zur politischen Spott¬ 
figur, im neuen Reiche wird er zur Verkörperung des ganzen Volkes in seinen 
guten Vertretern, im Weltkrieg erlebt er als gewaltiger Kriegsheld oder Ver¬ 
körperung des Volksgeistes eine neue Auferstehung. 

Hauffen belegt diesen hier nur kurz angedeuteten Entwicklungsgang mit 
zahlreichen genauen Quellenangaben und verfolgt dann in höchst lehrreicher 
und anziehender Weise die Gestalt des deutschen Michel iu den Romanen, 
Dramen und Gedichten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 
Am Schlüsse streift er noch verwandte sinnbildliche Erscheinungen bei andern 
Völkern, so den englischen John Bull, den amerikanischen Bruder Jonathan, 
die französische Marianne, den holländischen Mijnheer, den irischen Paddy, den 
böhmischen Wenzel und geht auch noch kurz auf die bildlichen Darstellungen 
des deutschen Michel ein, die ebenfalls in unserer Gegenwart wieder häufiger 
hervortreten. 

Da dem Verfasser weitere Belege erwünscht sind, seien hier noch ein 
paar anspruchslose Bemerkungen zu dem Stoffe angefügt. Zu den vielen von 
Michael abgeleiteten Familiennamen (S. 23) kommen noch ein paar in Schlesien 
öfter begegnende Formen: Michalke, Michalski(y), Michalowitz, sowie noch 
Ableitungen wie Michels und Michling. — Bräuche am Michaelstage ver¬ 
zeichnet noch Drechsler, Sitte, Brauch und Volksglauben in Schlesien, (1903) 
I, S. 151/2 und Wuttke, Der deutsche Volksaberglauben der Gegenwart , 3. Aufl. 
(1900), Register. — Literatur über Michael als Wäger und Führer der Seelen 
erwähnt noch R. Köhler, Kleine Schriften III, 372. — Einen Michaclsbri ef 
aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts führt Fränkel in unseren 
Mitteilungen Bd. 9, Heft 18 S. 36 an, andere Michaelisbriefe nennt Olbrich 


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in den Mitteilungen Bd. 10, Heft 19, S. 57, 64. — Schließlich kommt noch ein 
Bächlein in Betracht, das dem Verfasser entgangen ist: A. Rudolph, Lieber 
deutscher Michel. Weltherrschaft . Angelsachsentum. Kriegsxiele. Leipzig, 
Theodor Weicher 1917. 63 S., eine politische Schrift, in der Rudolph auf den 
deutschen Michel als symbolische Gestalt am Anfang und Ende Bezug nimmt. 

H. Jantzen. 

Imme, Theodor, die deutsche Soldatensprache der Gegenwart und ihr Humor 
Dortmund, Fr. Wilh. Ruhfus, 1917. XII 4- 172 S. 4,00 M. 

Die Literatur über die Soldatensprache ist im Laufe des Krieges schon 
ganz ansehnlich geworden. Zeitungen und Zeitschriften bringen größere und 
kleinere Aufsätze darüber, und auch an volkstümlichen und wissenschaftlichen 
Büchern, die sie behandeln, fehlt es nicht. Das von Mauser wurde im 
vorigen Jahrgange S. 275/6 besprochen, und das oben genannte ist auch ein 
schätzenswerter Zuwachs. Sein Hauptverdienst ist, daß es eine sehr beträcht¬ 
liche Stoffsammlung zusammenträgt, die eine höchst wertvolle Grundlage für 
eine spätere wissenschaftliche Darstellung oder ein Wörterbuch der Soldaten¬ 
sprache bildet. Imme hat einen außerordentlichen Fleiß aufgewandt und große 
Findigkeit bewiesen, um seinen Stoff zusammenzubekommen. Er hat plan¬ 
mäßig die Lazarette von Essen und seiner Umgebung durchstreift, den Insassen 
Vorträge über die Soldatensprache gehalten und dann aus ihnen herausgeholt, 
was er nur konnte. Daß er dabei Glück und einen so großen Erfolg gehabt 
hat, ist hocherfreulich: Das Wörterverzeichnis am Schlüsse der Arbeit umfaßt 
nach roher Schätzung mehr als 2500 Wörter und Redensarten. 

Nach einer kurzen allgemeinen Einleitung über seine wichtigsten Quellen 
und über die deutsche Soldatensprache und ihren Humor stellt er die Er¬ 
gebnisse seiner Sammlungen in übersichtlicher Form zusammen. In anregendem 
Plaudertone, der oft mit zutreffenden sprachlichen und sachlichen Belehrungen 
durchsetzt ist, aber niemals pedantisch und trocken wird, führt er die Fülle 
der Ausdrücke in folgenden Hauptgruppen vor: Der Soldat als solcher und 
die Rangstufen im Heere; die einzelnen Waffengattungen; die Truppenverbände 
mit besonderer Rücksicht auf die Stämme, aus denen sie gebildet sind; die 
einzelnen Leute im Regiment und in der Kompagnie; der Soldat im Dienst 
und außer Dienst, im Manöver und im Felde; Körperteile, Lebensmittel und 
Ausrüstungsgegenstände; Geschütze und Geschosse. Zwar ist dabei nicht jedes 
Wort und jede Wendung mit philologischer Genauigkeit nach Ort und Zeit 
der Herkunft bestimmt worden; das ist aber auch weder möglich noch nötig, 
und daher scheint mir der Tadel zu scharf, den Karl Helm in der Deutschen 
Literaturxcitung 1918, Sp. 370 ausspricht: es sei ein Mangel, „daß oftmals 
versäumt wird festzustellen, ob ein Ausdruck wirklich eine spezifisch soldatische 
Wendung ist, nicht vielmehr allgemein vulgärsprachlich oder wenigstens in 
einem bestimmten geographischen Gebiete allgemein auch in der nicht 
soldatischen Bevölkerung herrschend.“ Eine geschlossene Standessprache, wie 
im 17. und noch im 18. Jahrhundert, ist die jetzige Soldatensprache nicht 
mehr. Unser Heer ist unser Volk. Daher ist zwar dem Kriegerstande noch 
immer sehr vieles Besondere eigen, aber der Rekrut übernimmt auch vieles aus 
seiner heimischen Mundart oder Berufssprache in die Dienstzeit und trägt 
Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XX. 15 


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umgekehrt wieder auch sehr vieles aus dieser ins Zivilleben und damit in 
recht weite Kreise von Freunden und Angehörigen hinein. An einzelnen Stellen 
hat übrigens Imme selber anschaulich geschildert, in wie eigenartiger Weise 
gewisse Soldateuausdrücke — durch den Einfluß irgend eines hellen Kopfes 
oder Witzboldes — entstehen und verbreitet werden können. Aber der wirk¬ 
liche Nachweis solcher Vorgänge wird immer nur in ganz seltenen Ausnahnie- 
fällen möglich sein. 

Ein wichtiges und umfangreiches Gebiet der Soldatensprache hat freilich 
Imme absichtlich — und für seine Zwecke aus guten Gründen — weggelassen: 
alles Zotenhafte und alle auf das Geschlechtliche sich beziehenden Ausdrücke; 
wenn dieser über alle Maßen reichhaltige Teil des soldatischen Sprachschatzes 
auch nicht gerade erfreulich ist, so verdiente er doch aus volkskundlichen 
Gründen auch gesammelt zu werden. Was unserrn Verfasser an solchem Stoffe 
entgegengetreten ist, hat er aufgezeichnet und stellt es Forschern gem zur 
Verfügung. Eine ganze Reihe schon recht kräftiger Derbheiten anderer Ajrt 
hat er übrigens ruhig in sein Buch aufgenommen. 

Beiläufig noch ein paar kleine Bemerkungen: Die Bezeichnung Nulljungen 
und Streichhölzeljungeri (nicht Streichhölzer, wie S. 50 steht) ist für die beiden 
schlesischen Grenadierregimenter Nr. 10 und 11 längst nicht mehr üblich: sie 
verschwand, als den Regimentern Namenszüge auf die Achselklappen verliehen 
wurden. — Der Ausdruck Katschmarek (S. 61) für einen oberschlesischen, 
polnisch sprechenden Soldaten hängt zwar natürlich mit demselben slavischen 
Wortstamm zusammen, von dem unsere Wörter „Kretscham und Kretschmer“ 
kommen, aber er ist auch ein außerordentlich häutiger Eigenname in Ober- 
schlesien. und weil viele Soldaten wirklich Katschmarek heißen, so ist eben 
hier und da der Eigenname zum Gattungsnamen geworden. — Der Ausdruck 
„Schasehke“ mit dem nach Imme (S. 40) die Marinesoldaten die Landtruppen 
belegen, ist in vielen Teilen Ostpreußens, auch bei der Binnenbevölkerung, ganz 
üblich für den gemeinen Mann im Sinne des viel verbreiteteren Muschko. 

Das Buch kann den weitesten Kreisen warm empfohlen werden. Jeder 
Freund unseres Heeres, unserer Sprache und der Volkskunde wird manches 
Neue und Anregende darin finden. Wenn, unsere Leser weitere, darin nicht 
enthaltene Wörter und Wendungen kennen, so erwerben sie sich ein Verdienst, 
wenn sie sie entweder dem Verfasser, Prof. Dr. Th. Imme in Essen, oder dem 
Vorsitzenden unserer Gesellschaft mitteilten *). 

Jlriczek, Dr. Otto L., Seifriedsburg und Seyfriedsage. Archiv des historischen 
Vereins für Unterfranken. Bd LIX, Würzburg 1917. H. S. 

Es ist eine lehrreiche methodische Untersuchung, die Jiriczek hier dar¬ 
stellt. Eine Seifriedsbürger Ortssage wird zuerst von Baeder 1835 und dann 
1838 von Höfling und 1848 von Panzer, zudem auch nachweislich selbständig 


1 ) Einige schöne Ergänzungen zu Immes Ausführungen bieten bereits die 
Aufsätze von K. Scheffler, Zur Namengebung, mit besonderer Rücksicht auf 
die Soldatensprache, und von A. Götze, Deutscher Krieg und deutsche 
Sprache, in dem Wissenschaft! . Beiheft r ur Zeitschrift (/es Aflrj. Dtsch. Sprach¬ 
vereins (V. Reihe, Heft 38/40, 1918). H. Jantzen. 


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kein Gewicht geliegt. Da er „het terrein vrij laat, oin de taalkundige 
afleiding van binhus en bushus op te Sporen,“ so sei bemerkt, daß biushus 
zweifellos „Bansenhaus“ ist, und daß binhus auch wohl nicht (als Gegensatz 
zu buthus „Binnenhaus“ meint, sondern etwas ganz anderes bedeutet; ob an 
friesisch bin „Korb“ oder an „Buhne (Boden)“ zu denken ist, wage ich 
nicht zu entscheiden. Siebs. 

Schmied-Kowarczik, Walther, Die Gesamtwissenschaft vom Deutschtum und 
ihre Organisation, ein Sehnsuchtsruf dreier Jahrhunderte. (= Bücher der 
Fichte-Gesellschaft, herausgegeben vom Arbeits-Amt der Fichte-Gesellschaft 
von 1914, Bd. 1.) Hamburg und Leipzig, Deutschnationale Verlägs-Anstalt 
A. G. 1918. 96 S. 

Das Buch stellt als erstrebenswertes Ziel die Gründung einer großen 
Akademie oder Gesellschaft der gesamten Deutschwissenschaften auf. Zur 
Begründung dieser Forderung gibt der Verfasser eine kurz gefaßte und nur 
die wesentlichsten Hauptsachen enthaltende Übersicht über die Geschichte 
ähnlicher Bestrebungen in Deutschland, von der Fruchtbringenden Gesellschaft 
von 1617 an über die Versuche und Entwürfe von Leibniz, Gottsched, Herder, 
Ranke und anderen bis zu den Plänen eines Reichsamtes für deutsche Sprach¬ 
wissenschaft und der Umfrage der „Deutschen Dichtung“ von 1902 wegen 
Gründung einer Literaturakademie. Am Schlüsse entwirft er dann selbst einen 
Plan zu einer „zeitgemäßen Organisation.“ Näher darauf einzugehen, ist hier 
nicht der Ort, da volkskundliche Fragen nur insofern kurz berührt werden, 
als unserer Wissenschaft im Rahmen der geplanten Gründung der ihr ge¬ 
bührende Platz eingeräumt werden soll. H. Jantzen. 

Bojunga, Klaudius, Der deutsche Sprachunterricht auf höheren Schulen. 
Berlin, Otto Salle, 1917. 70 S. 1,60 M. 

Renscliel, Karl, Die deutsche Volkskunde im Unterricht an höheren Schulen. 
Ebenda. 70 S. 1,60 M. 

Diese Arbeiten sind die beiden ersten Hefte einer neuen Schriftenreihe 
„Deutschunterricht und Deutschkunde, Arbeiten aus dem Kreise des deutschen 
Germanistenverbandes über Zeitfragen des deutschen Unterrichts auf den 
höheren Schulen,“ die der Frankfurter Studienanstaltsdirektor Bojunga heraus¬ 
gibt. Sie stellen sich in den Dienst jener immer weiter greifenden Bewegung, 
die dem deutschen Unterricht an unseren höheren Lehranstalten eine bessere 
und würdigere Stellung verschaffen will, als ihm bisher zu teil geworden ist. 
Ihr Ziel ist vor allem, den deutschen Unterricht so zu erweitern, daß auch 
die Kunde vom deutschen Volkstum — und zwar im weitesten Sinne ge¬ 
nommen — künftig stärker berücksichtigt werden kann. 

Welche Rolle die Volkskunde in der Schule zu spiolen vermag, zeigt 
Reuschel in dem zweiten der oben genannten Hefte. Nachdem er eine Er¬ 
klärung des Begriffes Volkskunde gegeben und schon frühere Anregungen im 
Sinne seines Themas gestreift hat, führt er aus, wie unsere Wissenschaft, ohne 
daß sie etwa besondere Stunden zu beanspruchen brauchte, in nahezu allen 
Unterrichtsfächern zu ihrem Rechte kommen kann. Der deutsche Unterricht 
selbst kann natürlich die wichtigste Pflegestätte für sie werden, aber auch 


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Geschichte und Erdkunde, Religion, alte und neue Sprachen, die Natur¬ 
wissenschaften, Zeichnen, Turnen und Singen bieten oft und reichlich Gelegen¬ 
heit, auf Volkskundliche Fragen, auf Sitten und Bräuche, Sagen und Mythen, 
Aberglauben und Prophezeiungen, Lieder und Tanze oder sachliche Denk¬ 
mäler von Volkskultur und -kunst einzugeheu. Bald werden die Schüler aus 
eigener Erfahrung Anknüpfungspunkte herauslinden, vor allein aus der 
heimischen Mundart mit ihrem besonderen Wortschätze und ihrem eigenartigen 
Satzbau, bald wird der Lehrer auf bisher Unbeachtetes hinweisen, Dichtung 
und Kultur fremder Völker wird zu allerhand Vergleichen anregen, das Haupt¬ 
ziel aber wird immer sein, das heimische Volkstum der Jugend lieb und ver¬ 
traut zu machen, sodaß sie nicht mehr, wie dies leider noch allzuhäufig ge¬ 
schieht, achtlos daran vorfibergeht, sondern Verständnis dafür bekommt und 
seinen tiefen Sinn erfassen lernt. 

Was für gute Erfolge sich aus solchen Anregungen ergeben können, habe 
ich selbst, als ich Direktor in Königsberg war, erproben können. Nicht nur, 
daß bald helle Begeisterung meine älteren Schülerinnen erfüllte, sie gingen 
auch auf meine Aufforderung, in den Ferien volkstümliche Überlieferungen zu 
sammeln, mit solchem Eifer ein, daß ich manche „Volkskundliche Ecke“ in 
der Zeitschrift Ost- und 11 'e&tprenßcn (1912 u. 13) mit dem genannten Stoffe 
füllen, eine nicht ganz unbedeutende Sammlung bisher in solcher Fassung un¬ 
bekannter „Ostpreußischer Beschwörungsformeln“ in der ()s1prcussisrhcn Rund¬ 
schau (1913, S. 230—236) veröffentlichen und überdies noch beträchtliche hand¬ 
schriftliche Beiträge an die volkskundliche Abteilung der Altertumsgeselischaft 
„Prussia“ abliefem konnte. 

Beiläufig bemerkt, kann auch in Mathematik und Rechnen, Fächern, die 
Reuschel nicht erwähnt, volkskundlichen Bemerkungen hin und wieder ein 
Plätzchen gegönnt werden, so etwa, wenn man auf die heilige Drei, die böse 
Sieben, die wunderreiche Zwölf, auf das geheimnisvolle Pentagramm oder auf 
sonstige Zahlen- und Figurensymbolik eingeht, 

Bojunga widmet sein Buch wesentlich dem Betriebe des deutschen 
Sprachunterrichts. Auch er betont unausgesetzt alles Volkstümliche und lenkt 
vor allem die Aufmerksamkeit auf die reichen volkskundlichen Werte, die in 
unsem Mundarten und in den Fach- und Standessprachen enthalten sind, aber 
leider noch immer viel zu wenig im Unterricht ausgenutzt werden. 

Beide Hefte bieten reiche Anregungen und sind den dem Lehrstande An¬ 
gehörigen unter unsem Lesern warm zu empfehlen. H. Jantzen. 

Deutschkunde« Ein Buch von deutscher Art und Kunst. Mit 2 Karten. 

32 Tafeln und 8 Abbildungen. Herausgegeben von Walther Hofstaettcr. 

Leipzig, B. G. Teubner 1917. geb. 3 M. 

In den Kriegsjahren ist das eifrige Strcbeu erwacht, der Kenntnis 
deutschen Wesens aller Zeiten in der Schule mehr Beachtung zu schenken, 
und so war cs dankenswert, die verschiedenen Stoffgebiete, die dabei für den 
Unterricht in Frage kommen, und die einen wesentlichen Teil dessen aus¬ 
machen, was man als Volkskunde im weitesten Sinne zusammenzufassen pflegt, 
in aller Kürze zu beschreiben: Ethnographie und Topographie Deutschlands; 
seine wirtschaftliche, staatliche und soziale Entwicklung, Sprache, Religion, Sitte 


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und Brauch, Wohnung, Kunst u. a. m. Ein»* Reihe von Mitarbeitern haben 
versucht, einen Begriff davon zu geben, wie weit sich solch ein kultur¬ 
geschichtlicher Unterricht erstrecken kann, und bieten dadurch den Lehrern 
manche Hinweise, wie sie sich auf ihn vorbereiten können. 

Ob es sich empliehlt, nur dem Unterricht im Deutschen, der doch 
gerade nach allgemeinem Urteile noch so viele andere Wünsche unerfüllt läßt, 
diese gewaltigen Pflichten aufzubürden, müßte erst ein Versuch erweisen. Die 
Schulung im deutschen Stil, in Aussprache und Vortrag, die Pflege der 
Literaturkenntnis und der Sprachgeschichte liegen noch so sehr im Argen, daß 
man nicht genug an das „multum, non multa!“ erinnern kann. Will man 
nicht den Deutschunterricht in den meisten Klassen auf mindestens sechs 
Stunden in der Woche erhöhen, so könnte man vielleicht einige der genannten 
kulturgeschichtlichen Stoffgebiete dem Geschichtsunterricht zuweisen, der sich 
ja durchaus nicht auf Kriege und Verwandtschaftsverhältnisse beschränken soll; 
auch der Geographieunterricht könnte manches übernehmen. Wie dem auch 
sei, das knapp und klar geschriebene Büchlein kann dem Unterricht gute 
Dienste leisten. Siebs. 

Schlesischer Musenalmanach. Vierteljahrsbücher für schlesische Kunst. 
Organ des Logaubundes. Begründet und herausgegeben von Wilhelm 
Wirbitzky. 5. Jahrg., 1. Vicrteljahrsband. Beuthen 0. S. Verlag 

Th. Cieplik. 1919. 

Der Musenalmanach, bisher der Poesie und auch der Kunst der Zeichnung 
geltend, will nunmehr auch die Musik pflegen: ein „Schlesisches Baudenlied“ 
von Urban und ein Lied von Johannes Hönig werden in Wort und Weise 
gegeben. Unter den Aufsätzen sind einige literarische: dem Minnesänger 
Herzog Heinrich von Pressela ist eine Darstellung gewidmet (die Übersetzung 
aus dem Mittelhochdeutschen enthält einiges Unrichtige), eine andere der 
Dichterin Margarete Scdlnitzky-EichendorlV. Einige Schilderungen haben zur 
Volkskunde Beziehungen („Wie ich Grillen ling. Aus dem Leben eines ober¬ 
schlesischen Bauernbuben;* 4 „Zauber der Birkhahnbalz“). Kriegslieder der 
Logaubündlcr beschließen den stattlichen Band. — e— 


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Mitteilungen 


Volkskunde und Jungdeutschland. 

(vgl. Band XIX, S. 27D ff.) 

In weiterer Verfolgung seines Zieles, durch Erwecken des Heimatsinnes 
und Fördern der Heimatkunde ein heimatfrohes Geschlecht zu erziehen, veran¬ 
staltete der Jungdeutschi an d-Mädchenbun d (Proviuzialverband Schlesien) 
im November 1917 abermals Vortragsabende, an denen Professor Dr. K. Olbrich 
über „ Jungdeutsehla nd und die Heimatkunde“ sprach. Er ging aus 
von der allmählichen Vernichtung des Heimatsinnes und Verödung der Heimat 
durch Freizügigkeit und Großstadt, Nützlichkeitsfanatismus und Gewinnsucht 
und der etwa 1890 beginnenden Gegenbewegung, wie sie in den Bestrebungen 
des Heimatschutzes und der Volkskunde einsetzte und auch im Leben 
der Schule sich in einer kräftigeren Betonung des Heimischen zu äußern begann. 
Eingehend schilderte dann der Vortragende, wie der neu erwachte Wandertrieb 
der Jugend, richtig geleitet und in den Dienst der Heimatkunde gestellt, diese 
stark fördern, von ihr aber auch reiche Anregung empfangen kann. So zeigte 
der der Ortskunde gewidmete erste Teil der Vortragsreihe, daß sich schon aus 
den Ortsnamen des Landkreises Breslau eine lebendige Anschauung von der 
Besiedlung des slavischen Ostens durch deutsche Bauern und Mönche uud der 
Anlage ihrer Dörfer und Gehöfte gewinnen läßt. Daran schloß sich eine durch 
Karten und Zeichnungen belebte Wanderung durch Altbreslau: sie stellte neben 
die Besiedlung des flachen Landes die Anlage foster Plätze durch ein Geschlecht 
fleißiger Gewerbetreibender und weitblickender Kaufleute. An Wehrbauten und 
Flurnamen, Inschriften und Wappen, Kirchhöfen und einsamen Denkmälern 
wurde dann gezeigt, wie überall geschichtliche und kulturgeschichtliche Er¬ 
innerungen zu dem Wanderer sprechen. Der zweite Teil der Vortragsreihe 
setzte mit einem Hinweis auf den innigen Verkehr der wandernden Jugend mit 
Tier- und Pflanzenwelt der Heimat ein. Er wies darauf hin, wie hier die alte 
Tiersage neues Leben gewinnt, wie aus den volkstümlichen Namen der Gewächse 
alter Glaube und Brauch, eine tiefsinnige Symbolik sich erschließen. Damit 
war der Übergang zu Schlesiens reichem Sagenschatze gewonnen, und der Vor¬ 
tragende zeigte, wie die Sage aus dem Landschaftsbilde erwächst; er entwickelte 
an Beispielen aus Breslau und seiner Umgebung den Begriff der ätiologischen 


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und Wandersage, er schilderte, wie inan Naturaagcn, nacherlebend, verstehen 
kann. 

Der letzte Teil führte die Zuhörer in Haus und Hof des Landmannes und 
wies darauf hin, wie die wandernde Jugend bei ihrem regen Verkehre mit der 
ländlichen Bevölkerung manch Wissenswertes in Brauch und Sitte, Sprache 
und Lied sammeln kann. — So führt ein richtiges Wandern zu genauem Be¬ 
obachten und bewußtem Sehen, es schärft die Denk- und Urteilskraft, ent¬ 
wickelt das Sshönheitsgefühl, befruchtet das Gemüt und beschwingt die 
Phantasie. Gewinn daraus zieht auch der Unterricht, der seinerseits die 
lebendig gewonnene Anschauung wissenschaftlich vertieft. Aus dem Gefühle 
der Beständigkeit aber und des Verwachsenseins mit der näheren Umwelt er¬ 
blüht der echte Heimatsinn, Verständnis für den Heimatschutz und die Liebe 
zu Heimat und Vaterland. Der Vortragende zog überall die einschlägige 
Literatur, insbesondere die Arbeiten der schlesischen Gesellschaft für 
Volkskunde heran. Auch diesmal wurde eine Reihe neuer Mitglieder ge¬ 
wonnen. Auf wie fruchtbaren Boden solche Anregungen fallen, zeigten eine 
Reihe volkskundlicher Veranstaltungen. So führten Wandergruppen der Viktoria¬ 
schule Weihnachtsspiele und Osterbräuche auf; die Kunitz-Malbergsche Anstalt 
brachte an einem Elternabende einen schönen, von Gesangsvorträgen der Chor¬ 
klasse durchwobenen Vortrag über „Volksleben und Volkslied“ von Fräulein 
von Hunolstein: der Elternabend des Jungdeutschland-Mädchenbundes am 
10. Februar 1918 bot neben turnerischen Vorführungen einen Volkslieder¬ 
wettgesang einzelner Schulen und eine schlesische Spinnstube. So verbreitet 
sich in und durch Jungdeutschland immer mehr Verständnis und Liebe für 
deutsche Volkskunde uud deutsches Volkstum und sichert so durch Treue xuin 
Alten die völkische Zukunft. —ch. 


Am Freitag den 18. Januar 1918 hielt die Gesellschaft in der Uni¬ 
versität ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Zunächst gab der Vor¬ 
sitzende, Universitätsprofessor Geh. Regierungsrat I)r. Siebs, den Jahresbericht 
über die Arbeiten der Gesellschaft. Aus ihm ist hervorzuheben, daß die Zeit¬ 
schrift „Mitteilungen“ trotz des Krieges, ja sogar in erweitertem Umfange 
erschienen ist, und daß in der Reihe „Wort und Brauch“ die Bücher „Schlesischo 
Volksliedforschung“ von Günther und „Geschichte der mundartlichen Literatur 
Schlesiens seit Holtei“ von Wagner erschienen sind und eine oft empfundene Lücke 
ausfllllen. Die Sammlung der Volkslieder und vor allem die Stoffsammlung 
für das geplante schlesische Wörterbuch sind sachgemäß fortgeführt worden. 
Weniger günstig sind die Fortschritte zu beurteilen, die bisher die Sammlung 
der Soldaten- und Kriegslieder, der Soldatensprache und des 
Kriegsaberglaubens gemacht hat. Obschon im Felde und in den Lazaretten 
reichliche und gute Gelegenheit wäre, ist doch der Wunsch der Gesellschaft, 
daß dem Vorsitzenden mancherlei Beobachtungen und Aufzeichnungen eingesandt 
würden, nicht erfüllt worden. Das Gleiche gilt von dem Aberglauben und den 
Sagen, die sich an unsere Glocken knüpfen. Wie viele Erzählungen aus 
früherer Zeit verbinden sich mit den meisten unserer Glocken: man denke nur 
an die Sagen von der Ermordung des Glockengießerknaben, von deu ver- 


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233 


8nnkenen und wandcrudeu Glocken, von der Sprache, die die Glocken reden. 
In ganz Deutschland werden jetzt, wo so manche Glocken eingeschmolzeii 
werden, alle auf sie bezüglichen Sagen und Bräuche gesammelt und auf Ver¬ 
anlassung des Kultusministeriums zu einem großen Werke verarbeitet. 

Bei der dann folgenden Vorstands wähl wurde zum Vorsitzenden ge¬ 
wählt Geh. Reg.-Rat Professor Siebs, zu seinem Stellvertreter Geheimrat 
Hillebrandt; zum Schriftführer Professor Hippe, zum Stellvertreter Prof. 
Dr. Seger; zum Schatzmeister Dr. von Eichborn; weiterhin die Herren 
Dr. Dr. Feit, Schräder, Körber, Kühnau, Olbrich, Klapper und 
Jantzen. — Nach der Rechnungslegung wurde auf Vorschlag des Geheimrat 
Appel und Professor Hilka Entlastung erteilt. 

Sodann hielt der ordentliche Professor der Orientalistik Dr. Bruno 
Meißner einen Vortrag über „Das älteste Märchen der Weltliteratur“, 
in dem er etwa ausführte: Entstehung und mündliche Überlieferung von 
Märchen weist in früheste Zeiten zurück; von schriftlicher Aufzeichnung wissen 
wir zuerst bei den Ägyptern: wir brauchen nur an die von Herodot überlieferte 
Geschichte vom Schatz des Rhampsinit zu denken. In die Weltliteratur sind 
die ägyptischen Märchen nicht übergegangen. Wohl aber gilt das von dem 
ältesten semitischen Märchen, das uns aus der arabischen Fassung von 1001 
Nacht bekannt ist: es ist die Geschichte von dem weisen Haiqar, dem Wesir 
Sanheribs, des Königs von Assyrien. Er hatte sechzig Frauen, aber keine 
Nachkommen: seinen Neffen Nadan erzog er und lehrte ihn viele weise Sprüche 
— sie bilden den bedeutsamsten Teil der Erzählung. Nadan aber war schlecht 
und suchte Haiqar, der sich von ihm abwandte, durch Verleumdung beim 
Könige zu verderben. Haiqar wurde zum Tode verurteilt, aber vom Henker 
durch einen Betrug gerettet und kam wieder zu Ehren. Der Pharao hatte von 
Sanherib verlangt, er solle ihm ein Schloß in der Luft bauen; niemand wußte 
Rat, bis unter fremdem Namen Haiqar auftritt. Er läßt zwei Knaben auf 
Adlern in die Lüfte steigen, und von oben rufen sie dem Pharao zu, er solle 
Steine und Mörtel heraufbringen lassen, das Schloß zu bauen. Auch andere 
Aufgaben werden in ähnlicher Weise gelöst. Er wird wieder Wesir und be¬ 
straft den bösen Nadan, indem er ihm in erziehlichen Reden seine Schändlich- 
keiten vorhält. 

Dieses arabische Märchen ist auch in einer syrischen Fassung überliefert,, 
in der der Wesir Achiqar heißt; verschiedene Stücke erscheinen hier in ur¬ 
sprünglicherer Form. Der Pharao hat von ihm verlangt, er solle etwas sagen, 
was noch niemand gehört habe; die ägyptischen Würdenträger sind vom 
Pharao angewiesen, auf alles hin zu sagen, es sei ihnen längst bekannt. Da 
gibt Achiqar einen Brief kund, in dem der Pharao von Sanherib neunhundert 
Talente erbittet; alle müssen nun zugeben, das sei ihnen neu, denn andernfalls 
würden sie ja die Schuld des Pharao bezeugen. — Aus dieser syrischen 
Fassung sind dann mittelbar wieder andere abgeleitet, eine armenische und 
eine türkische; auch im Kirchenslavischen und im Rumänischen erscheint die 
Erzählung. Ferner ist die Achiqargeschichte in die Lebensgeschichte des 
Asop verarbeitet, seine Erlebnisse in Babylonien und Ägypten sind nichts 
anderes als eine griechische Bearbeitung unseres Märchens. 


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234 


Die syrische Fassung fuhrt in sehr alte Zeit zurück, darauf weisen 
Spuren heidnischer Anschauung hin. Auch ist beachtenswert, daß die Er¬ 
zählung von den Leistungen des Achiqar sich in dem Talmudtraktat Bechorot 
im 5. Jahrhundert nach Christus und einzelne Züge sich schon im Buche Tobit 
um 150 v. Chr. linden, und daß die Gestalt des orientalischen Weisen auch 
den Griechen bekannt wurde; auf einer Mosaik in Trier aus dem *2. Jahr¬ 
hundert v. Chr. erscheint Acicar neben Homer uud Thamyris als Erlinder einer 
Poesiegattung. Vor allem aber ist wichtig, daß in den alt-aramäischen Papyri 
von Elephantine die Geschichte des Achiqar erscheint und damit in das 
5. Jahrhundert v. Chr. zurückdatiert wird. Letzten Endes aber scheint 6in 
Assyrer der Verfasser zu sein, darauf weisen verschiedene Charakterzüge und 
religiöse Vorstellungen in den altaramäischen Sprüchen hin; auch ist der 
Name Achiqar und der mehrerer anderer Personen assyrisch; zudem sind die 
Weisheitssprüche in der Keilschriftliteratur üblich, und die Rätselfragen 
scheinen auch ein beliebtes Motiv gewesen zu sein. Schließlich wies der 
Vortragende darauf hin, wie die Eroberung der Luft die Gedanken der alten 
Babylonier beschäftigt habe, und zeigte am Etanamythus, wie der Vater Etana 
durch einen Adler nach dem Himmel der lstar emporgetragen wird: die Fahrt 
wird genau beschrieben, und die verschiedenen Eindrücke, die der Aufsteigende 
von der immer mehr ihm entschwindenden Erde erhält, werden geschildert. 
So weisen diese Märchen, und mit ihm die eigenartige Erzählung von der 
Luftfahrt wohl in die ältesten Zeiten zurück, von denen wir geschichtliche 
Kunde haben. 


Am Freitag den 11. Oktober hielt die Gesellschaft im Hörsaal I der 
Universität die erste Sitzung des Winters. Der Vorsitzende, Geh. Regierungs- 
rat Professor Dr. Siebs, eröffnete den Abend mit einem kurzen Bericht über 
die Tätigkeit der Gesellschaft und wies auf die fortschreitende Arbeit an der 
Volksliedersammlung und am Wörterbuche der schlesischen Mundarten hin. 
Sodann hielt Dr. pliil. Georg Schoppe einen Vortrag über „Die ältesten 
Quellen für ein schlesisches Wörterbuch“. Er führte aus, daß die 
Arbeiten an einem großen Gesamtwörterbuche des Deutschen in engster Ver¬ 
bindung mit denen für mundartliche Wortforschung der verschiedenen Sprach¬ 
gebiete stehen, und zeigte, daß liier für Schlesien noch viel zu leisten sei, 
wenn es andere Provinzen erreichen oder überflügeln wolle. Zwar habe die 
Schlesische. Gesellschaft für Volkskunde in ihren seit 25 Jahren erscheinenden 
„Mitteilungen“ viel Stoff zusammengebracht, und auch die in der Reihe „Wort 
und Brauch“ herausgegebenen Schriften von von Unwerth, Schönborn, Gusindo 
u. a. böten viel für die Erforschung der lebenden Mundart, aber die älteren 
Quellen seien — von Drechslers Wenzel Scherffer, dem Breslauer Arzneibuch usw. 
abgesehen — noch nicht genügend berücksichtigt. Vor allem gilt es, die 
schlesischen Vokabularien, die handschriftlich aus der Zeit von 1340 bis 1500 
stammen, und von denen etwa 40 auf der Königlichen Universitätsbibliothek 
6ind, zugängig zu machen. Es ist sicher, daß sie schlesisches Spracligut dar¬ 
stellen. Das lehren Lautverhältnisse und Wortschatz, wie der Vortragende an 
Beispielen (Erbeit, Klette=Lehmhütte; Brautslucke; Kadel; Radber; Patz= 


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Ziege u. a. m. zeigte. Das sogenannte Heinrichauer Glossar ist das einzige 
dieser Vokabulare, das bisher herausgegeben ist. Weiterhin ging der Vor¬ 
tragende auf die gedruckten Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts und auf 
die sprachliche Bedeutung der Flurnamen, der Familien- und Ortsnamen ein, 
sodann auf die Urkundensammlungen, Chroniken, die theologische Literatur, 
die Dichtung des 16. und 17. Jahrhunderts und schließlich auf die Bedeutung 
des Valerius Herberger, der von 1562 bis 1627 lebte. 

An den Vortrag schlossen sich ergänzende Bemerkungen des Vorsitzenden 
und des Geh. Studienrats Gymnasialdirektor Dr. Feit über schlesische Namen¬ 
forschung. 


Am Freitag den 15. November 1918 hielt der an Stelle von Professor 
Dr. Klaatsch an unsere Universität berufene Professor der Anthropologie 
Dr. Mollison einen Vortrag über die Frage: „Wie bilden sich Rassen 
und Völker?“ 

Zunächst bestimmte der Vortragende den Unterschied dieser beiden Be¬ 
griffe. Eine Rasse besteht aus Einzelwesen, die durch Abstammung miteinander 
verwandt und infolgedessen durch gleichartige ererbte und unveräußerliche 
Merkmale des Körpers und des Geistes ausgezeichnet sind. Ein Volk wird zu¬ 
sammengehalten durch eine mehr oder weniger feste staatliche Organisation, ein¬ 
heitliche Sprache, Sitten und Gebräuche, also durch Eigentümlichkeiten, die 
jedes Individuum ablegen und mit anderen vertauschen kann. Aus der ur¬ 
sprünglich einmal vorhandenen einheitlichen Menschenart müssen die ver¬ 
schiedenen Arten und Rassen sich durch Änderung ihrer Erbsubstanz differenziert 
haben. Die Faktoren, die bei der Rassenbildung in Frage kommen, sind die 
Vererbung als erhaltende Macht auf der einen Seite, die umändernden Ein¬ 
wirkungen auf der anderen Seite. Für die Vererbung vieler Merkmale ist beim 
Menschen die Geltung der Mendelschen Gesetze nachgewiesen, die besagen, 
daß eine vorhandene Anlage auch dann in Erscheinung tritt, wenn sie nur 
von einem Elter geerbt wurde, und daß in den Keimzellen eines Bastards die 
vom Vater und von der Mutter geerbten Anlagen sich von einander trennen. 
Diesen Gesetzen folgt beim Menschen unter anderem die Augenfarbe: dabei 
zeigt sich, daß die dunkle Augenfarbe durch eine positiv vorhandene Anlage 
hervorgerufen wird, so daß die helle Augenfarbe des Europäers durch den 
Verlust jener Anlage entstanden sein muß. Ferner die Haarform, bei welcher 
die Kraushaarigkeit durch eine neu aufgetretene Anlage hervorgerufen wurde. 
Ebenso ist die schmale Nasenform des Europäers durch eine neu entstandene 
Anlage aus der breiten Nasenform niederer Rassen hervorgegangen. Die ura- 
ändernden Kräfte bringen nur dann dauernde Änderungen einer Rasse zu¬ 
stande, wenn sie die Erbsubstanz verändern (Idiokinese). Solche Änderungen 
werden offenbar durch die Domestikation begünstigt, deren Einwirkungen der 
Mensch selbst ebenso unterliegt, wie seine Haustiere. Infolgedessen finden 
wir fast alle Domestikationserscheinungen der Haustiere beim Menschen als 
Rassenmerkmale wieder. So die Farbenverschiedenheit, die Kraushaarbildung, 
Zwerg- und Riesenwuchs, die Fettsteißbildung und Anderes. Vielleicht siud auch 
die geistigen Rassenverschiedenheiten idiokinetische Folgen der Domestikation. 


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236 


Das Zusammentreffen zweier Rassen fuhrt zur Bastardierung. Sehr weit 
ist diese gegangen in Europa, wo die Völker sich der Hauptsache nach wohl 
aus 4 Rassen zusammensetzen, der nordischen, der westmediterranen, der 
alpinen und der adriatischen. Daß die Verbreitung dieser sich nicht an die 
Völkergrenzen hält, wird an einer Rassenkarte Europas gezeigt. Die nordische 
Rasse war vermutlich einmal die Trägerin der urindogermanischen Sprache 
und hatte eine größere Ausbreitung als jetzt. Mit ihrem Ruckzug sind 
dunkelhaarige Rassen in das Sprachgebiet eiugedrungen. Die Rassen wandern 
gewissermaßen durch ein Sprachgebiet hindurch, sie halten sich weder an 
staatliche noch an sprachliche Grenzen. 


Als Mitglieder sind der Gesellschaft beigetreten 
in Breslau: Frl. Dora Böttger, cand. phil. Frl. Dora Hencl, cand. phil., 
Frl. Marie Luise Metzner, stud. jur., Universitäts-Professor Dr. Milch, 
Lehrer Bruno Gonschorek, Frau Direktorin Elisabeth Lange, Lehrer 
Paul Seipel, techn. Lehrerin Frl. Margarete Thiele, Vereinigung für 
Glatzer Heimatkunde. 

von auswärts: Oberlehrer Dr. Tschisclnvitz in Schweidnitz, das Gym¬ 
nasium in Schweidnitz, Lehrer Johannes Langer in Kottwitz, Kreis 
Trebnitz, Pastor E. Gold mann in Harpersdorf, Bezirk Liegnitz, Gym- 
nasialprolessor Dr. Julius Greb in Kakaslomnitz (Ungarn), Komitat Zips, 
Amtsgerichts rat Beyer in Zobten a. B. 


Alle diejenigen, denen es gegeben ist, in jetziger Zeit für die 
Aufzeichnung von Soldaten- und Kriegsliedern zu wirken, bitten wir, 
der Bestrebungen unserer Gesellschaft zu gedenken. Wort und 
Weise in allen ihren Besonderheiten und Abweichungen sind für 
die Volksliedforschung wichtig. Auch bemerkenswerte Erlebnisse 
und Erfahrungen iu Freundes- und Feindesland bergen manche 
volkskundlich wertvollen Dinge: und für Sammlung und Mit¬ 
teilung solcher Erinnerungen, mögen sie Sitte und Brauch, Volks¬ 
lied oder Mundart betreffen, wissen wir Dank. 


Die Schlesische Gesellschaft für Volkskunde, gegründet im 
Jahre 1894, verfolgt den Zweck, der Wissenschaft der Volkskunde 
zu dienen und das Interesse für volkstümliche Überlieferungen zu 
beleben und zu pflegen; auch will sie möglichst alles, was sich von 
solchen Überlieferungen in Schlesien erhalten hat, sammeln. 

Der Eintritt in die Gesellschaft erfolgt durch Anmeldung bei dem 
Schatzmeister Dr. Kurt von Eichborn, Bankier, Breslau, Blücher¬ 
platz 13 11 oder bei dem Schriftführer Direktor der Stadtbibliothek 
Professor Dr. Max Hippe, Breslau, Brandenburgerstr. 48. 

Schluß der Schriftleitung: 4. Dezember 1918. 

Bichdruckerei A. Favorite, Breslau II. 


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MITTEILUNGEN 


DER 


SCHLESISCHEN GESELLSCHAFT 


FÜR VOLKSRDNDE 

* 

herausgegeben 


THEODOR SIEBS 


lliuiil XXI 

Jahrgang 1919 


BRESLAU 

Kommissionsverlag von M. & H Marcus 
1919 


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Alle Kechte Vorbehalten. 


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Inhalt 


Seite 

Aufsätze und Mitteilungen. 

Kampcrs, Universitätsprofessor Dr. Franz, Gnostisches im „Parzival“ und 

in verwandten Dichtungen . 1 

Klapper, Dr. Josef, Das Aberglaubenverzcichnis des Antonin von 

Florenz .63 

Andreae, Univcrsitätsprofessor Dr. Friedrich, Volkskundliches aus 

schlesischen Städtechroniken.102 

Schoppe, Dr. Georg, Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörter¬ 
buch .113 

Peuckert, Will-Erich, Niederschlesische Sagen.129 

M aller-Rn der sdorf, Wilhelm, Volkssagen aus dem Isergebirge . . . 154 

Goldmann, Eberhard, Zwei bisher unbekannte Sagen aus dem Bober- 

Katzbach Gebirge.162 

Schrcmmer, Wilhelm, Verarmung und Wiedererweckung des Volks¬ 
gesanges .164 

Schremmer, Wilhelm, Zwei alte schlesische Tänze .174 

Wocke, Dr. Helmut, Zum deutschen Soldatenlied .177 

Wocke, Dr. Helmut, F. A. L. Jakob, ein Pfleger des Volksgesanges . 185 

Wocke, Dr. Helmut, Schlesische Volkslieder.191 

Olbrich, Karl, Volkslieder und Sagen aus der Umgegend des Zobtcn- 

gebirges.'.227 

Perlick, Alfons, Aus einem oberschlesischen Dorfe.233 

Rother, Karl, Schlosel und Schloweiß .241 

Vogt, Universitätsprofessor Dr. Friedrich, Wolf von Unwerth + ... 243 

Jantzen, Dr. Hermann, Paul Drechsler + 246 

Besprechungen. 

Hertel, Johannes, Indische Märchen (Siebs).251 

Glatzer Heimatblätter, Zeitschrift des „Vereins für Glatzer Heimat¬ 
kunde“ .251 

Guda Obend! Glatzer Volkskalender für das Jahr 1919, Herausgeber 

Dr. R. Karger.252 

Schlesischer Musenalmnach, Vierteljahrbücher für Schlesische Kunst 

V, 2 252 

Geschäftliche Mitteilungen. 

Zuui 28. Juni 1919: Sitzungsberichte, Nachrichten und Anzeigen. . . . 253 


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Gnostisches im „Parzival“ und in verwandten 

Dichtungen. 

Von Franz Kampcrs in Breslau. 


Der Geschichtsschreiber, welcher die großen, später verödeten und ver¬ 
gessenen Weltstraßen der Gedankenübertragungen feststellen möchte, ist ge¬ 
zwungen, zu diesem Behufe alle Äußerungen des geistigen Lebens als seine 
wichtigsten Urkunden in ihrer Abfolge zu würdigen. Indem er den Standpunkt 
der Träger für die Kette einzelner geistiger Vorstellungsreihen genau festlegt, 
bestimmt er zugleich topographisch die großen Haltepunkte eines allgemeinen 
Kulturweges, hilft er die Beziehungen und die Wandlungen der Anschauungen 
weit auseinanderliegender Welten und Zeiten erklären 1 ). 

Dichtung und Sage namentlich stellen dem Geschichtsschreiber in über¬ 
raschender Fülle Ringe zu solchen Ketten zur Verfügung und ermöglichen ihm, 
durch die Wiederherstellung einer derartigen zusammenhängenden Entwicklung 
nicht nur die Abwandlungen der Erzählungsstoffe, sondern häufig auch die Ab¬ 
folge führender Ideen zu erkennen. Gerade in das gefällige Gewand des Liedes 
und der Mär hüllen sich gern tiefernste geistige, sittliche oder sogar über¬ 
sinnliche Vorstellungen. 

Über dem Lebensepos Wolframs von Eschenbach, jenem packenden Auf¬ 
schrei der Zeitseele nach Wiedergeburt, ist ein fremder, flimmernder Glanz aus¬ 
gebreitet. Rückwärts schreitend erkennen wir in diesem den Widerschein jener 
bunten, wahllos sich zu einander gesellenden Strahlen, welche teils aus dem 
Osten kommend durch die Linse des Hellenismus gesammelt, gebrochen, ver 
streut, teils von dem Hellenismus auf den geistigen Brennspiegel des Orient 
ausgegossen und von diesem mehr oder minder abgewandelt zurückgeworfen 


J ) Dieser Aufsatz ist gedacht als Ergänzung zu meinen früheren Schriften: 
1. Das Lichtland der Seelen und der heilige Gral. Köln 1916. 2. Turm und 

Tisch der Madonna. Mitteilungen der Schles. Gesellsch. für Volkskunde. XIX. 
(1917) 73 ff. 3. Die Mär von der Bestattung Karls d. Gr. Zur Grallegende 
und zur Karlsage. Jahresbericht der Görresgesellsch. für 1917. Köln 1918 
4. Der Waise. Histor. Jahrbuch [Im Satz befindlich]. Ganz ließen sich kleinere 
Wiederholungen naturgemäß nicht vermeiden. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 1 


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2 


Franz Kainpers 


werden. Bei diesem Geben und Nehmen, Wiedernehmon und Wiedergeben ohne 
Ende gestalteten sich jene phantastischen und bizarren Vermengungen ver¬ 
schiedenartiger Lichter, denen die wandernden Sagenstoffe durch die Jahr¬ 
hunderte ihr magisches Leuchten verdanken. Wie nun im Spektrum jener 
Strahlenbündel in der hellenistischen Zeit in der breiten und hellen Linie des 
Religiösen die mattere der Gnosis erscheint — was namentlich der philologische 
Scharfsinn Richard Reitzensteins erkannte, — so läßt auch der von den Jahr¬ 
hunderten seit Urzeiten weitergegebene Sagenstoff, welchen Wolfram von 
Eschenbach zu einer deutschen Dichtung umgestaltete, noch deutlich die Spuren 
der Tatsache erkennen, daß er hindurchgegangen ist durch die Gedankenwelt 
jener grübelnden, verzückten Sucher des Urlichts. 

Was die feinsinnige Gelehrsamkeit Konrad Burdachs 1 ) soeben für den 
Minnesang des Mittelalters schlagend dargetan hat, das ergibt sich auch für 
den nach verschiedenen Seiten sich ausdehnenden Sagenkreis, in dessen Mittel¬ 
punkt die Vorstellung vom heiligen Gral steht: Gedanken der orientalisch- 
hellenistischen Geisteswelt sind in der Kultur jener beiden Jahrhunderte, welche 
dem „Neuen Leben“ Dantes vorangingen, eine Macht gewesen, welche der 
persönlichen schöpferischen Kraft der germanischen und der romanischen Rasse 
vielfach Ansporn und Richtung gab. 

Eine Nebeneinanderstellung des ernst und gemessen daherschreiteuden 
Sanges Wolframs und der leichtgeschürzten deutschen Mär von einem Apollonius 
aus Tjrus, die Heinrich von Wiener Neustadt zum Verfasser hat, sowie einiger 
anderer verwandter Dichtungen wird uns die Grundlage für diese Erkenntnis 
schaffen und damit zugleich unsere Überzeugung stärken, daß auch die Fest¬ 
stellung der Entstehungsgeschichte so unbedeutender Machwerke, wie des 
Abenteurerepos des Wieners, häufig mehr ist als ein bloßes Schulbeispiel philo¬ 
logischer Kleinkunst oder mehr als ein anziehendes Kapitel der vergleichenden 
Literaturgeschichte, daß es, wie gerade unser Fall lehrt, berufen sein kann, 
ein ragender Wegweiser für den Kulturhistoriker zu sein. 

Heinrich von Wiener Neustadt, der an die hundert Jahre nach Wolfram 
seinen „Apollonius von Tyrland“ schrieb 2 ), hat den „Parzival“ gekannt. Die 
Gralsage erwähnt er in den Versen: 


*) K. Burdach, Über den Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs, 
Liebesromans und Frauendienstes. Sitzungsberichte d. prouß. Akad. d. Wiss. 
XLV u. XLVII (1918). S. Singer, Arabische und europäische Poesie im 
Mittelalter. Abhandlungen d. preuß. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1918. Nr. 13. 

2 ) Über den Dichter J. Seemüller, Deutsche Poesie vom Ende des 13. 
bis in den Beginn des 16. Jahrh. S. A. aus Band III der „Geschichte der Stadt 
Wien“, hrsg. vom Altertumsverein zu Wien. Wien 1903. S. 9 ff. Der älteren, 
häufig nur einen Auszug gebenden Veröffentlichung dieser Dichtung von 
J. Strobl [Heinrich von Neustadt, Apollonius. Von Gotes Zuokunft. Wien 
1875] folgte im VII. Bande der „Deutschen Texte des Mittelalters“ eine voll¬ 
ständige von S. Singer [Heinrich von Neustadt, „Apollonius von Tyrland“ 
nach der Gothaer Handschrift. „Gottes Zukunft“ und „Visio Philiberti“ nach 
der Heidelberger Handschrift.“ Berlin 1906]. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


3 


„Eraclius von Persia Das der kunc Protefal 

Strayt so kretfticlichen da Nie so gestrait umb den garal 1 ).“ 

Eine einfache Nebeueinanderstellung von wesentlichen Zögen dei / Fabeln 
beider Dichtungen stellt deren sachliche Verwandtschaft 2 ) heraus. 

Apollonius wird durch einen Sturm auf dem Meere verschlagen und von 
einem hilfreichen Fischer aufgenommen. Daß dieser auch in dem lateinischen 
Prosaroman vorkommende Sagenzug unter Heranziehung der Mären von Orendel 
und Salomon die rätselhafte Episode der Gralerzählungen von dem trotz seiner 
schweren Krankheit fischenden Anfortas erklärt, werde ich im Verlaufe dieser 
Untersuchungen dartun. Weiter müssen Apollonius und Parzivals Parallelfigur 
Gawan, beide in einem Schloß, das nur von Frauen bevölkert und durch zwei 
Mißgestalten, ein abschreckend häßliches Weib und einen ebenso scheußlichen 
Mann, hier Flata und Kolchan, dort Kundrie und Malkreature, bewacht wird, 
Abenteuer bestehen. Eine Sirene gibt dem Tyrlander, eine „Dame im Zelte“ 
dem Anschewein einen Zauberring zur Fahrt ins Paradiesesland. Dort stößt 
der Königssohn auf Serpanta -und Idrogant, Doppelgänger der eben genannten 
Mißgestalten; hier auf die unschöne Gralbotin und deren Bruder. Gawan 
entdeckt, wie Apollonius, einen Zaubcrspiegcl, der alle Geheimnisse enthüllt und 
sich dort auf der Höhe eines kegelartigen Baues in sieben Terrassen, hier auf 
acht sich drehenden Treppenstufen — die achte Stufe wird uns der KÄi/Liag 
InrdjivAos erklären 3 ) — auf grüner Säule erhebt. Apollonius wie Gawan haben 
dabei den Kampf mit einem Löwen zu bestehen. Der Tyrlander wird darauf 
König des goldenen Tals, des Paradieseslandes, und der Anschewein erhält das 
Gralkönigtum im Lichtland der Seelen. Ganz unverständlich heben dann im 
Apolloniusroman wieder die sinnlosen Abenteuer an. Sie beginnen mit seinem 
Liebesverhältnis mit der Mohrenkönigin, die ihm einen Sohn gebiert, welcher 
auf der einen Seite weiß, auf der anderen schwarz ist, und eine Tochter 
„schwärzer als eine Krähe“. Daß dieser Zug an Parzivals Vater Gachmuret, 
an Belakane und deren elsterfarbenen Sohn Fcirefis erinnern muß, ist selbst¬ 
verständlich 4 ). 

Diese zahlreichen Berührungspunkte könnten die Annahme einer sachlichen 
Abhängigkeit des jüngeren Verseschmiedes von dem älteren Meister nahelegen 
ln Wirklichkeit aber werden sich diese starken inneren Beziehungen dadurch 
erklären, daß beide Dichtungen auf das gleiche Urbild zurückgehen, welches 
seine Farben von dem durch die Gnosis leicht übcrtiinchten Weltbilde der 
Völker des Zweistromlandes genommen hat. Die Grundtatsachen der Suche 
nach dem Gral und nach dem Goldenen Tal: Kämpfe des Helden mit finsteren 
Mächten, seine innere Läuterung, Erlangung eines wunderkräftigen Talismans, 
Eingehen als König in eine bessere Welt, gehörten zum eisernen Bestand jenes 
alten Mythus und eigneten sich vortrefflich für die Bildersprache der nach er¬ 
lösender Erkenntnis begehrenden Gnosis. 

1 ) Ich zitiere im Folgenden nach Singers Veröffentlichung. Hier Vers 
11)676 f. Andere Handschriften haben Parceval und Parcival. 

2 ) Gelegentlich wurde schon früher auf diese Verwandtschaft hingewiesen; 
indes wurden dann doch nur mehr nebensächliche Dinge nebeneinander gestellt. 

3 ) Siehe unten S. 20. 4 ) Darauf wies hin Strobl, a. a. 0., S. XXV f. 

1 * 


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4 


Franz Kampers 


Den Nachweis solcher für die Geistesgeschichte ebenso bedeutsamen wie 
anziehenden Fern Wirkungen orientalischer und hellenistisch gnostischer Ge¬ 
dankenbilder auf unsere mittelalterlichen Dichtungen ermöglicht uns die von 
der klassischen Philologie in der jüngsten Zeit mit so großem Erfolge gepflegte 
Religionsgeschichte 1 ), welche, wie wir sehen werden, klare Ausblicke nach rück¬ 
wärts auf die Göttersage des Zweistromlandes und nach vorwärts auf die Ritter¬ 
mären des Mittelalters gewährt. 

In seinem Buche „die Krone“ erzählt Ostanes 2 ), daß Hermes Trismegistos 
dem Könige von Ägypten, Amon, eine Schrift gegeben habe, welche von den 
Schülern des Hermes erklärt worden sei: „Amon ließ die göttliche Lehre auf 
sieben Stelen schreiben und barg sie in einem äövz ov, das sieben Tore ver¬ 
schließen; das erste ist von Blei, das zweite von Elektron, das dritte von 
Eisen, das vierte von Gold, das fünfte von Kupfer, das sechste von Zinn, das 
siebente von Silber, nach Farbe und Wesen der sieben Sternengötter. Amon 
zeichnete auf die Pforten wunderbare Bilder, wie das einer gewaltigen Schlange, 
die sich in den Schwanz beißt, das heißt, übertrug symbolisch derartigen 
Wunderwesen die Bewachung und befahl, die Tore niemandem zu öffnen als 
wahren Schülern des Meisters, die sich durch Geburt und Unterricht der Gnade 
würdig erwiesen.“ Eine arabische Übersetzung der „Schrift des weisen Ostanes“ 
bietet eine Fortsetzung zu diesem Fragment, die Folgendes berichtet: r In 
Fasten und Gebet hatte sich Ostanes um das tiefste Wissen gemüht, da erschien 
ihm eines Nachts im Traum »ein Wesen« und führte ihn empor bis zu den 
sieben Pforten des Himmels, sieben Pforten von wunderbarer Schönheit, welche 
die Schätze der yvebotg bergen; die Schlüssel zu ihnen hütet ein seltsames 
Ungetüm mit einem Elefantenkopf, Schlangenschwanz und Geierflügeln, das 
sich selbst zu verschlingen scheint (wie die Schlange). Auf Geheiß seines 
Führers tritt er heran und fordert von ihm im Namen des allmächtigen Gottes . . . 
die Schlüssel, erhält sie, öffnet die Tore und findet hinter dem letzten eine in 
allen Farben strahlende Mctallplatte mit sieben Inschriften in sieben ver¬ 
schiedenen Sprachen . . . Draußen findet er einen Greis von wunderbarer 
Schönheit — es ist Hermes Trismegistos — der ihn zu sich ruft und ihm eine 
Erklärung alles dessen, was ihm noch dunkel geblieben ist, verheißt 3 ).“ 

Weiter noch führt uns das Buch des „göttlichen“ Krates 4 ), das in seiner 


] ) Philologen und Theologen müssen verzeihen, daß moine in erster Linie 
für einen anderen Kreis berechneten Darlegungen sich ihre Grundlage in etwas 
breiter Form schaffen. 

2 ) Das Material über diesen Ostanes stellte zusammen W. Bousset, Zur 
Dämonologie der späteren Antike. Archiv für Religionswissenschaft XVIII. 
(1915) 168 ff. Siehe auch über diesen E. 0. v. Lippmann, Entstehung und 
Ausbreitung der Alchemie. Berlin 1919, S. 362 f. 

8 ) F. R ei tz ei* stein, Himmels Wanderung und Drachenkampf in der 
alchemistischen und frühchristlichen Literatur. Festschrift Friedrich Carl 
Andreas dargebr. Leipzig 1916. S. 34f. 

4 ) Über diesen v. Lippmann, a. a. 0. S. 359f. Dessen Werk ist über¬ 
haupt für die gnostische zur Alchemie überleitende Literatur einzusehen. Be- 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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jetzigen Fassung wohl dem neunten Jahrhundert n. Ohr. angehört. Dieser 
erzählt, wie er sich plötzlich in die Luft erhoben fühlte und den Himmel durch¬ 
wanderte. „In seiner Hand hielt er dabei ein Buch, in welchem die sieben 
Himmel durch die sieben Sterngötter dargestellt waren.“ Ein wunderschöner 
Greis, Hermes Trismegistos, welcher in dem Buch der Geheimnisse liest, läßt 
ihn hineinschauen und diktiert ihm Abschnitte für sein eigenes Buch 1 ). 

Mit dieser Vision berührt sich eng ein fast um tausend Jahre älterer Text 
in den im zweiten Jahrhundert v. Chr. aufgezeichneten Erzählungen der Hohen¬ 
priester von Memphis 2 ). Das Zauberbuch liegt hier „auf einer Insel mitten in 
dem Meer bei Koptos (dem Nil bei Koptos)“, aber in sieben Kisten. Waren 
die ursprünglichen sieben Himmel vorher zu sieben Toren geworden, so ist 
hier eine andere Abwandlung vorgenommen. Auf einem Zauberboot gelangt 
der Held zu der Insel, wo er vor der Erbeutung des Buches mit der „endlosen“ 
Schlange kämpfen .muß. Daß in diesen Erzählungen ein alter Mythus literarische 
Gestalt angenommen hat, offenbart schon deutlich der „Hymnus der Seele“, 
welcher in die frühchristlichen Thomasakten aufgenommen wurde 3 ). 

Ein Herrscherpaar schickt den Sohn aus dem Osten, „mit einer Weg¬ 
zehrung“ fort. „Sie zogen mir das Prachtkleid aus, das sie in ihrer Liebe mir 
gemacht hatten und meinen Scharlachrock, der meiner Statur angemessen ge¬ 
webt war, und machten mit mir einen Vertrag“, heißt es im Texte. Er erhält 
den Auftrag, die Perle zu bringen, welche „im Meere ist, in der Umgebung 
der schnaubenden Schlange“. Tue er das, so solle er „sein Prunkgewand 
(wieder) anzichen“ und Erbe des Reiches werden. Er sucht in einer Ver¬ 
kleidung die Bestie zu belauern. Trotzdem ihn ein „verwandter Edelmann“ 

vor den Ägyptern warnt, läßt er sich von diesen überlisten, genießt von deren 
Speise. „Ich vergaß, daß ich ein Königssohn war und diente ihrem König. 
Ich vergaß die Perle, nach der mich meine Eltern geschickt hatten; durch die 
Schwere ihrer Nahrung sank ich in tiefen Schlaf.“ Aus diesem Schlummer 

wird er erweckt durch einen Brief seiner Eltern, „der dabei ganz als eine Art 

göttlicher Person erscheint“. Da erinnert er sich seines Auftrages. Er ver¬ 
zaubert die Schlange, indem er den Namen seines Vaters über sie ausspricht, 
erhascht die Perle und kehrt zum Vater zurück. „Das schmutzige und unreine 
Kleid zog ich aus, ließ es in ihrem Lande und richtete meine Reise, daß ich 
käme zum Lichte unserer Heimat, dem Osten.“ Er erhält nun sein wundervoll 
strahlendes Prunkgew T and. Mit ihm bekleidet steigt er empor „zu den Toren 
der Begrüßuug und Anbetung“ und betet an den Glanz des Vaters, der es ihm 
gesendet, und der seine Verheißungen ebenso erfüllt hat, wie er selbst des 
Vaters Gebote. Es ist das Lichtgewand der Gnosis, von welchem hier die Rede 


sonders ist der gute Literaturangaben bietende Abschnitt über die Gnosis 
S. 237 ff. zu berücksichtigen. 
a ) Reitzenstein S. 37 ff. 

2 ) R. Reitzenstein, Hellenistische Wundererzählungen. Leipzig 1906. 
S. 114. Ders., Himmelsw f anderung S. 39 ff. 

3 ) Der Text bei Reitzenstein, Wundererzählungen S. 107 ff. Vgl. auch 
Reitzenstein, Himmelswanderung S. 44 f. 


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6 


Franz Kampers 


ist, das der Königssolin, der gnostisobe Erlöser, nachdem er innere Kraft oder 
Verklarung erlangte, zurückerhält. 

Alle diese Erzählungen geleiten, teilweise über die verwandte Horussage* 
zum babylonischen Mythus zurück. Es erübrigt sich für die Zwecke dieser 
Untersuchungen, die noch nicht vollständig aufgedeckten mythologischen Zu¬ 
sammenhänge abermals zu verfolgen. Eine Kennzeichnung der beiden Haupt¬ 
glieder dieser seltsamen Gedankenkettc: des sechsten und besonders des achten 
Traktates der rechten Genzä genügt. In dem letzteren, in welchem die 
mythischen Erzählungen häufig in zwei- und dreifacher Gestalt wiederkehren, 
unternimmt der mandäische Erlöser, Hibil-Ziwä, im Aufträge seines Vaters eine 
Höllenfahrt. Unerkannt fährt der Lichthoros durch die einzelnen Welten der 
Finsternis hindurch und verweilt längere Zeit darin. Er zieht durch die sieben 
Höllen. In der siebenten wohnt der Riese Krun, der ihn verschlingen möchte. 
Aber er unterwirft ihn und fordert von ihm einen Paß. „Und er stand auf 
und brachte mir den Paß und brachte den Siegelring, der in der Schatzkammer 
verborgen war, auf welchem geschrieben und gemalt war der Name der großen 
Finsternis, der verborgen war . . .“ Der Paß ist das Zaubermittel, mit welchem 
der Aufstand des Dämons der Finsternis gegen die Lichtwelt später nieder¬ 
geschlagen wird. Diesen Zug, „daß der in dio Unterwelt hinabfahrende Licht¬ 
gott den, Mächten der Tiefe ihre geheimnisvollen Machtmittel raubt“, finden 
wir noch an anderen Stellen dieses umfangreichen Berichtes von der Höllen¬ 
fahrt des Hibil-Ziwä. Dieser gelangt in die Hölle der Qin. „Und sie zeigte 
mir die Kraft und Festigkeit der Finsternis und das verborgene Mysterium, 
welches behütet wird von diesen Großen.“ Es liegt hier ersichtlich eine Variante 
der ersten Erzählung vor; aber an die Stelle des Passes oder Siegelringes ist 
ein in einer Quelle liegender Zauberspiegcl getreten, in welchem die Mächte 
der Finsternis sich bespiegeln und dann jedesmal wissen, was sie zu tun haben. 
Wieder an anderer Stelle ist dieses Machtmittel eine Krone, und dann wiederum 
eine Perle. Diese mandäischcn Vorstellungen, welche den „Hymnus der Seele“ 
als eine Spiegelung eines Mythus vom Sonnenheros als dem Besieger der Mächte 
der Finsternis erkennen lassen, gehen ihrerseits auf ägyptische und ganz be¬ 
sonders auf babylonische Mythen zurück. 

Der Lichtgott Marduk, von den Göttern zu seinem Werk ausgerüstet, 
zieht aus gegen das Chaosungeheuer, die Tiämat, welche mit anderen Dämonen 
die Lichtwelt der Götter bedroht. Zuerst bezwingt er diese, dann ihren Ge¬ 
nossen, den Kingu. „Er entriß ihm die Lostafeln, die an seiner Brust hingen, 
siegelte sic mit seinem Siegel und hängte sie sich an die Brust.“ Hier muß 
der Lichtgott also zwei dämonischen Wesen, einem Weibe und einem Manne, 
die Machtmittel der Finsternis abringen. Daß hier ein Sonnenmythus vorlicgt, 
braucht nicht eigens unterstrichen zu werden 1 ). 

Der hier erwähnte Zauberspiegel nun hat für uns eine starke Anziehungs¬ 
kraft. Ein anderer Wanderer zum Paradiese, der große Alexander, welcher bei 
dieser Fahrt an die Stelle des Gottes, des Dionysos oder des Herakles tritt, 
hat gleichfalls diesen Zauberspiegel erbeutet, der ihm die Zukunft enthüllte 
und ihn gegen alles Unheil und gegen alle Feinde schützte. Nach seinem Tode, 

*) W. Bousset, Die Hauptprobleme der Gnosis. Göttingen 1907. S. 244 ff. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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so erzählt der ägyptische Alchemist Zosimos aus dem Ende des dritten oder 
aus dem Anfänge des vierten Jahrhunderts n. Chr., kam er in den Tempel, 
welcher aber den Himmel bedeutet 1 ): „Der Spiegel steht über dem Tempel der 
sieben Tore, welche den sieben Himmeln entsprechen, an der Westseite, so daß, 
wer hinein schaut, den Osten erblickt, wo das geistige Licht aufgeht. Der 
Tempel steht über der sichtbaren Welt, über den zwölf Häusern (des Himmels) 
und über den Plejaden, der Welt der Dreizehn. Über ihnen steht dies Auge 
des Geistes, das allgegenwärtig ist. Man sieht dort das nvev/na reXeiov, in 
dessen Gewalt alles ist, von jetzt bis zum Tode.“ Diese Erzählung ist nicht 
ganz mit Recht „die letzte Nachwirkung des Marduk-Mythus und der Schicksals¬ 
tafeln“ genannt — wir werden eine viel jüngere Nachwirkung kennen lernen. 
Die Wirkung der Gnosis beschränkt sich bei diesem Alexanderspiegel freilich 
noch auf Mautik und Zauber, auf das JtQoyiyvcüöneiv. Derselbe Zosimus 
kennt aber in einer anderen Schrift auch die sittliche Wirkung der Gnosis. 
Hier heißt cs wörtlich: Der Spiegel vertritt den göttlichen Geist. Wenn sich 
die Seele in diesem erblickt, sieht sie da ihre Makel und reinigt sich von 
ihnen.“ „Sie bildet sich“ — auf die kurze Formel bringt der für diese 
Forschungen so verdienstvolle Reitzenstein dio Ausführungen des Alchemisten 
— „nach dem Spiegel, dem jevev/ua äyiov, und wird selbst jzvevjua. So besitzt 
sie die volle Leidenschaftslosigkeit und gehört jener höheren Ordnung an, in 
der man Gott kennt und von ihm gekannt wird. Es sind die Grundgedanken 
auch der mönchischen Mystik 2 ).“ 

Diese gnostischen Deutungen der alten Mythologeme haben sicherlich wesent¬ 
lich dabei mitgewirkt, daß Grundgedanken jener visionären Träume lebendig 
blieben und noch nach Jahrhunderten wieder Gestalt annahmen. So kleideten 
sie sich in das rauhe Gewand isländischer Göttermär. Darnach wurden den 
Göttern durch Gewalt und List die Göttin Idhun mit ihren Unsterblichkeits¬ 
äpfeln durch Loki geraubt und den Riesen ausgeliefert, welche beide nach 
Thrymheim bringen. Als darob die Körper der Götter zusammenschrumpfeu, 
und diese alt und grauhaarig werden, zwingen sie Loki, die Göttin und ihre 
Äpfel wieder herbei zu schaffen. Freya verleiht dem Bösen die Gabe der Ver- 

1 ) Der Spiegel ist aus Elektron, einer Legierung von Gold und Silber. 
Außer diesem Spiegel ließ Alexander d. Gr. daraus Amulette anfertigen. Zuvor 
soll schon Salomou das Elektron hergestellt und daraus sieben Flaschen ver¬ 
fertigt haben, in welche er die Dämonen einsperrte, und weiche er mit Zauber¬ 
formeln beschrieb. Ygl. v. Lippmann, a. a. 0. S. 91. 

2 ) Reitzenstein, Himmelswanderung S. 49 f. Ders., Historia Monachorum 
und Historia Lausiaca. Eine Studie zur Gosch, des Mönchtums und der früh¬ 
christlichen Begriffe Gnostiker und Pneumatiker. Göttingeu 1916. S. 242 ff. 
Nach A. Wünsche, a. a. 0., S. 71, der keine Quelle angibt, gehörte der Zauber¬ 
spiegel Alexanders zu den sieben Reichskleinodien und besaß die Eigenschaft, 
daß sein Inhaber alles, was im Himmel und auf Erden verborgen war, sehen 
konnte. „Zu seiner Erlangung unternahmen die alten Könige Persiens Züge 
in das fabelhafte Gebirge Kaf am Erdrande und bestanden viele Abenteuer 
mit Dämonen.“ Die Erinnerung an die Herkunft dieses Spiegels vom Götter¬ 
berge ist hier meines Erachtens unverkennbar. 


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Franz Kampers 


Wandlung, und als Falke fliegt dieser zur Burg der Riesen, wo Idhun in einem 
durch sieben Türen geschützten Gemach weilt. Durch seine Ver¬ 
wandlungskünste befreit er die Göttin und ihren Schatz und entführt beide 
nach Asahcim. Darauf erholen sich die Götter und strahlen von neuem in 
Jugend und Schönheit. — Das Urbild des Schatzes und seines siebenfach ge¬ 
schützten Aufenthaltsortes kann jetzt nicht mehr zweifelhaft sein 1 ). 

Die Bilder dieser alten Visionen eignet sich nun auch Heinrich von Neu¬ 
stadt an, wenn er in seinem „Apollonius“ schildert, wie sein zum Paradiese 
wandernder Held mit Ungeheuern aller Art zu kämpfen hat, wie dieser über 
sieben Stufen der Läuterung zu dem alles enthüllenden Zauberspiegel gelangt, 
wie er schließlich im Paradiese das himmlische Kleid der Vollendeten empfängt. 
Daß hier tatsächlich mittelbare Beziehungen angenommen werden müssen, ist 
einleuchtend. Wir sind aber nun in der Lage, mit Sicherheit die Heimat des 
Urbildes dieses Himmelswanderers nachzuweisen. Zu dieser zeigt uns den Weg 
der berühmte Namensvetter unseres Helden. 

In Philostrats vielgelesener und vielgedeuteter Lebensbeschreibung des 
Apollonius von Tyana finden wir auch eine Unterweits- und Lichtlandsfahrt, 
freilich in nicht mehr ganz leicht zu erkennender Form 2 ). Die Bewohner 
Lebadeas in Arkadien sollen nämlich jenem Verfasser selbst über den Besuch 
ihres Orakels des Trophonios 3 ) Bericht erstattet haben. Dieser Trophonios 
wird von Philostrat als „Sohn des Apollo“ bezeichnet. Ein böotischer Zeus 
Chthonios erteilt dieser durch erschütternde Erscheinungen und Töne in einer 
unterirdischen Schlucht Orakel und Offenbarungen über das Leben der Seele 
nach dem Tode. Es ist ersichtlich über den Abstieg des Helden dieser Bio¬ 
graphie in den Erdschlund ein mystisches, geheimnisvolles Halbdunkel gebreitet. 
Apollonius hüllt sich eigens in ein weißes Gewand, nimmt Honigkuchen in die 
Hand, um damit drunten die ihm entgegenkriechenden Schlangen zu besänftigen. 
Länger wie irgend ein anderer zuvor weilt er in der Höhle: ganze sieben Tage. 
In der Gegend von Aulis — die unterirdischen Zugänge der Höhle führen 
nämlich, wie hier berichtet wird, bis jenseits Lokris und Phokis — kommt er 
wieder ans Tageslicht und zwar mit einem Buche, das die Schriften des Pytha¬ 
goras enthielt. Die mystische Kleidung, der Abstieg in den Erdschlund, das 
lange Verweilen dort, die gefährlichen Schlangen, die Kuchen, welche au die 


*) A. Wünsche, Die Sage vom Lebensbaum und Lebenswasser. Leipzig 
1905. S. 10 ff. 

2 ) Die Unterweltsfahrt erkannte schon F. C. Bauer, Apollonius von 
Tyana und Christus oder das Verhältnis von Pythagoraeismus und Christentum. 
Tübinger Zeitschrift für Theologie 1832. Neu herausgegeben von E. Zeller 
unter dem Titel: Drei Abhandlungen zur Geschichte der alten Philosophie und 
ihres Verhältnisses zum Christentum. Leipzig 1876. S. 145 f. Dagegen 
J. Göttsching, Apollonius von Tyana. Leipz. Diss. 1889. S. 102 f. Ich 
zitiere nach Philos tratorum et Callistrati opera rccogn. A. Westermann 
etc. Parisiis. 1849. VIII, 19. S. 190. 

3 ) Über das Orakel des Trophonios vgl. u. a. Porphyrii de philosophia 
ex oraculis haurienda ed. G. Wolff. Berlin 1856, p. 91. 


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Gnosti8ches im „Parzival*. 


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Pcchkuchen für den babylonischen Drachen erinnern 1 ), besonders die Auf¬ 
findung des Buches — das sind Vergleichspunkte, zahlreich und bedeutsam 
genug, um uns zu veranlassen, diesen Bericht des Philostrat in jene mystisch- 
gnostischc Reihe der Visionen einzugliedern. 

Ebenso hat man nun in der Schilderung des rätselhaften Wiedererscheinens 
dieses Apollonius eine Himmelfahrt erkannt. In einer Nymphengrottc mit einer 
wunderbaren Quelle beklagen seine bekümmerten Gefährten das Geschick ihres 
Meisters. Da vernehmen sie dessen Stimme, und bestürzt fragen sie, ob er 
lebend oder als ein Abgeschiedener gegenwärtig sei. Der gibt ihnen zum 
Zeichen dafür, daß er leibhaftig vor ihnen stehe, mit seltsamen Worten die 
Hand. Noch immer zweifelnd fragt sein Gefährte Damis weiter, wie er den 
Weg von Rom bis Dikäarchia in der kurzen Zeit vom Mittag bis Spätnach¬ 
mittag zurückgelegt habe. Auch auf diese Frage erfolgt eine geheimnisvolle 
Antwort 2 ). Wir können es unentschieden lassen, ob hier die Thomasorscheinung 
nachgeahmt wurde, oder nicht. Jedenfalls sind die Spuren einer ursprünglichen 
Himmelfahrt ganz wo anders in dieser Lebensbeschreibung zu suchen und durch¬ 
aus wert, daß wir ihnen uachgehen. 

Philostrat läßt seinen Helden zuerst nach Babylon kommen. Die spätere 
Vorstellung von der verödeten und von Schlangen bewohnten einstigen Welt- 
und nunmehrigen Totenstadt für alle Zeiten tritt uns hier noch nicht entgegen. 
Von Zügen, welche die spätere Sage kennzeichnen, finden wir nur den, daß die 
Häuser des Königs mit Erz gedeckt, und daß deren Wände aus massivem Gold 
und Silber gefertigt sind. Sodann wird uns noch, ähnlich wie in der Chosrosage, 
die uns beschäftigen wird, der Raum aus Saphirstein geschildert, dessen Decke 
dem Himmel gleicht, aus dem die Götterbilder herniederschauen 3 ). Von Ba¬ 
bylon kommt Philostrats Apollonius in das Wunderland Indien. Märchenhaftes 
Getier gibt es dort, darunter die gewaltigen Greifen. Auf einem Viergespann 
werden diese bei Darstellungen der Sonne von den Indern gemalt 4 ). Drachen 
hausen dort in großer Fülle; die auf den Bergen haben einen Stein im 
Haupte, der im bunten Farbenspiel erglänzt und geheime Kräfte birgt, wie der 
Ring des Gyges 5 ). Steine spielen überhaupt eine große Rolle: ein andermal 
wird ein solcher beschrieben, der bei Nacht wie die Sonne leuchtet und alle 
übrigen Steine an sich zieht 0 ). Menschen von fünf Ellen Länge begegnen den 
Reisenden, dann ein Weib, das auf der einen Seite weiß, auf der anderen 
schwarz ist, Pygmäen, Sciapoden, Makrocephalen 7 ) — kurz, die ganze Zauberwclt, 

1 ) Bousset, a. a. 0., S. 246 A. 1. Drachen oder Schlangen werden ge¬ 
meiniglich in der Unterwelt gesucht. Vgl. dazu u. a. A. Maury, Croyances 
et legendes du moyeu äge. Paris 1896. p. 238. 

2 ) Philostr., VIII, 12. S. 186. 

3 ) Philostr., I, 25. S. 16. 

4 ) Ebenda III, 48. S. 69. 

5 ) Ebenda III, 6—8. S. 50 sq. Über den Stein im Haupte des Drachen 
Plinius XXXVII, 10 und Solinus XXX, 16. 17. B. d’Herbelot, Orien¬ 
talische Bibliothek IV (Halle 1790) 161. 

6 ) Philostr., 111, 46. S. 68. 

7 ) Ebenda III, 3. S. 49. III, 45. 47. 68 u. ö. 


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Franz Kampers 


in welcher später die Sage dem Priesterkönig Johann seinen Palast der Un¬ 
sterblichkeit erbaut, tut sich hier auf. Mitten in diesem Lande der Wunder 
erhebt sich ein von Philostrat mit der Akropolis Athens verglichener Berg, 
auf welchem die Burg der Brahmanen sich erhebt. Dichte Nebel umgeben 
Berg und Burg, in welchen sich die weisen Inder nach Belieben sichtbar 
und unsichtbar machen. Uneinnehmbar ist diese unzugängliche Veste — und 
kämen tausende Achilles und Ajaces 1 ). Nicht mit Walfen, sondern mit Donner 
und Blitz verteidigten sie sich, als Herkules Agyptius mit Bacchus im Bunde 
gegen ihre Burg anstürmte. Damals habe, berichtet Philostrat, Herkules seinen 
Schild verloren, den die Weisen darauf einmal zum Ruhme dieses göttlichen 
Helden, sodann wegen des Schildes selbst in einem Heiligtume aufhiugen; 
denn Herkules war darauf abgebildet, wie er die Grenzsäulen der Welt er¬ 
richtete 2 ). Auf der Höhe dieses Berges ist ein Wunderbrunnen. Dort werden die 
Eide abgelegt. Weiter öffnet sich dort ein Feuerkrater, bei dem man Entsühnung 
für Vergehungen findet, den sie „<pQ£aQ ikeyxov“ oder „nvg $vyyvo)fir]s u 
nennen. Es ist die Feuerzoue der Läuterung in den visionären Himmels¬ 
reisen, durch welche noch Dante in der Commedia schreiten muß. Durch ein 
Regen- und Windfaß regeln sie die Witterung in Indien, spenden sie Frucht¬ 
barkeit und Dürre. Sie glauben, iin Mittelpunkt der Erde zu wohnen, und ihren 
Berg nennen sie den Nabel der Welt. Ihr Feuer gewinnen sic unmittelbar aus 
den Strahlen der Sonne 3 ). Der Stoff einer Pflanze spendet ihnen ihre wunder¬ 
bar weichen Gewänder. Ohne ihr Zutun sprießt dieses Gewächs aus der Erde. 
Will ein anderer davon pflücken, so hält die Erde cs) fest 4 ). Im Schmucke 
von Kränzen tanzen sie um die Mittagszeit dem Helios ihre heiligen Reigen; 
dann erhebt sich der Erdboden wie eine Woge zwei Ellen hoch 5 ). Indes, es 
kommt noch besser! Das Schlaraffenland ist hier oben. Von selbst steigen 
vier Tripoden aus der Erde empor. Weiuschenkcn, griechischen Ganymeden 
und Pelopen gleichend, aus schwarzem Erz erscheinen. Die Erde streut Laub¬ 
werk weicher wie Betten. Speisen und Früchte kommen von selbst — viel 
besser hergerichtet, als es ein Koch machen könnte. Dann mischen die ehernen 
Schenken im richtigen Verhältnis in den kostbaren Trinkschalen Wasser mit 
Wein 6 ). 

Wir sind ohne Zweifel auf dem Paradiesesberg der Inder, Meru. In den 
Vishnupuranam heißt es: „on the top of mount Meru, 0 Maitreya, therc is a 
vast city, named after Brahma, extending for fourtecn thousand yoyanas, and 
cclebrated in the region of the celestials. And around it in the variuus quar- 
ters and intermediate quarters are situato the magnificent cities of Indra and 
other deities presiding over various quarters. Originating from the foot of 
Vishnu, and watering the region of the moon, the Ganges falls from the heaven 


Ebenda III, 13. S. 52. 

2 ) Ebenda 11,33. S. 43. 

3 ) Ebenda III, 14. S. 53. 

4 ) Ebenda III, 15. S. 54. 

5 ) Ebenda III, 17. S. 55. 

6 ) Ebenda III, 27. S. 00. 


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Gnostischcs im „Parzival“. 


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into the city of Brahma! Falling there she has divided herseif into four 
branches namely Sita, Alakakandä, Chakshu and Vadrä 1 )“. Im Alexanderroman 
des Pseudokallisthenes erscheint der indische Götterberg inmitten der nysac- 
ischen Flur, die auf der Insel des Helios gesucht wird. Auf ihm erhebt sich 
eine saphirne Ringmauer, die Häuser aas Gold und Silber umgibt. Der Berg 
wird ausdrücklich in Beziehung zu Dionysos gesetzt, wie die Bildsäulen von 
Bacchantinnen und Satyrn, das Bacchanal, das Alexander droben feiert, die 
gekünstelte Etymologie des Namens jurjQÖg ■= Hüfte, nämlich die Hüfte Jupiters, 
in der Vater Liber verborgen gewesen sei, dartun 2 ). 

Echte Märchenstimmung erfüllt diesen Teil der Lebensbeschreibung des 
Apollonias, wie wir sie im Alexandorroman und in den Visionen so vieler 
mittelalterlicher Heiligen wiederfinden 3 ). Paradiesesluft >veht uns von diesem 
(Jötterberge entgegen. Die hier sichtbar werdende Vorstellung eines Berg-r 
paradieses ist uralt: sie begegnet uns u. a. wiederholt in den Psalmen. „Sende 
Dein Licht“, heißt es einmal, „und Deine Wahrheit! Die sollen mich führen, 
sollen mich hinbringen zu Deinem heiligen Berge und zu Deiner Wohnung, 
daß ich eingehe, zum Gott meiner jubelnden Freude 4 )“. Noch in dem gro߬ 
artigen Abschluß der mittelalterlichen Visionsliteratur, in Dantes Commedia, 
wird diese Vorstellung übernommen, und auch im Mont Salvage der Parzival- 
sage hat sie dichterische Gestalt angenommen. Diese Märchenstimmung, welche 
von einem weitverbreiteten, uralten Völkergedanken ausgeht, war eine treffliche 
Voraussetzung für die Entstehung einer Legende von einer Himmelfahrt. Wir 
werden diese mit kennzeichnenden Zügen aus Philostrats Schilderungen im 
deutschen „Apollonias“ wiederfinden und zugleich ihre Quelle in der Göttermär 
von Herakles, dem Nachfahren des babylonischen Himmelswanderers, aufdecken. 

Hinter dem Apollonius von Tyana erhebt sich nämlich, ebenso wie hinter 
dein Apollonius von Tyrus, so wie ihn der deutsche Dichter schildert, der 
Schatten eines größeren, des Heros und Gottes Herakles - Apollo, der in 

*) A prose english translation of Vishnupuranam. Ed. by M. N. Dutt. 
Calcutta 1894. S. 118. Vgl. die an das Grundschema der Zikkurats er¬ 
innernde Beschreibung dieses Berges bei L. A. Waddell, The Buddhism of 
Tibet or Lamaism. London 1895. S. 78ff. Vgl. auch H. H. Wilson, Works. 
Vol. V (London 1865) 109 ff. Auf Zusammenhänge mit dem Assyrischen, be¬ 
sonders mit der Architektur von Naräm-Sin verweist E. B. Havell, The history 
of aryan rule in India. London 1918. S. 111 f. Über die Verpflanzung der 
indischen Gymnosophisten nach Aethiopien kurz E. Roh de, Der griechische 
Roman und seine Vorläufer. 3. Aufl. Leipzig 1914. S. 470. Noch einige 
Literatur bei W. Foy, Indische Kultbauten als Symbol des Götterbergs. Fest¬ 
schrift Ernst Windisch zum 70. Geburtstag dargebr. Leipzig 1914. S. 213 ff- 

2 ) F. Kampers, Alexander der Große und die Idee des Weltimperiums 
in Prophetie und Sage. Freiburg i. B. 1901. S. 125 ff. 

3 ) Eine gute Übersicht über die mittelalterlichen Visionen und eine Zu¬ 
sammenstellung der wichtigeren Literatur über diese findet man jetzt in dem 
Werke Tondalus’ Visioen en St. Patricias’ vagefuur uitg. d. R. Verdeyen 
en J. Endepois. Gent 1914. 

4 ) Psalm 43,3. Ähnlich 15,3. 


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Franz Kampers 


Kleinasien Züge des babylonischen Lichtgottes annimmt| l ). ln Tyrus war 
Herakles - Melqart der gefeierte Stadtgott 2 ). Er steht in der Gründungsgeschichte 
dieses wichtigen Mittelpunktes des phönikischen Handels im Vordergründe. 
Diese aber ist durchaus ein semitisches Seitenstiick zur Lichtlandfahrt der 
Argonauten nach der kosmischen Eiche, an der ja auch Herakles nach einigen 
Überlieferungen führend Anteil nahm 8 ). So war hier oder im angrenzenden 
hellenistischen Gebiete den Literaten ein starker Anreiz dazu geboten, den 
Mythus von der Fahrt dieses Gottes zum Wunderlande des Aufgangs auf einen 
erdichteten oder geschichtlichen Helden dieses Gemeinwesens zu übertragen. 

Alten Vorstellungen vom Weltenbaum unter besonderer Bezugnahme auf 
den heiligen Ölbaum der Athene gibt Porphyrius Raum. Er sagt von dem Öl¬ 
baum, welcher in der Nähe einer in der Odyssee erwähnten Höhle steht: „Er 
ist aber nicht, wie man vielleicht glauben könnte, infolge irgend eines Zufalls 
so entsprossen, sondern er selbst hängt mit dem Rätsel der Grotte zusammen. 
Denn da der Kosmos nicht planlos und zufällig entstanden ist, sondern die 
Wirkung der göttlichen Vernunft und einer intellegiblen Natur ist, so ist der 
Ölbaum in die Nähe der Grotte, dem Abbilde des Kosmos, als Symbol der 
göttlichen Vernunft gepflanzt. Denn er ist die Pflanze der Athena. Athena 
aber ist die Vernunft“. Dieser kosmische Olbaum beschäftigt ihn noch an 
einer anderen Stelle 4 ); dort teilt er ein Orakel mit, das die Byzantiner er¬ 
hielten. Es lautete: 

v Nf)ö6g ng nö/.ig iöxi (pvTcbvv/xov aijua Äa/ovoa, 
iodjuöv ö t uov ual noQdjuöv in 1 ijnelQoio (pegovöa 
grd' "Htpaiörog e/cov %aiQ£i ykavKCjmv 'Aßijvrjv 
Ksldi üvrjnokLrjv oe qpäoeiv KEÄojuai * iZjoattJ.ee.“ 


l ) U. v. Wilamowitz-Moellendorff verweist in seiner Erklärung des 
Herakles des Euripides [a. a. 0. S. 46] auf eine „höchst altertümliche Variante“ 
des Zuges, daß Theseus ins Meer taucht, um sich von Amphitrite den Kranz 
zu holen. Er erkennt diese in der Nachricht, daß Herakles in den Schlund 
eines Ungeheuers — „in den Schlund des Todes“ — hinabsteigt. Meines Er¬ 
achtens ist das eine Abwandlung des babylonischen Motivs von dem in den 
Schlund des Ungeheuers springenden Lichtgott Marduk. Vgl. Bousset, 
Hauptprobleme a. a. 0. S. 247. Wilamowitz-Moellendorff gibt S. 26 die 
Identifikation mit Melqart zu, lehnt aber die Beziehungen zu Izdubar-Nimrod ab. 

2 ) „Melqart heißt der Gott Ba'al als tyrischer Nationalheros. In dieser 
bestimmten Beziehung sahen die Griechen in ihm den Herakles“. F. Jeremias, 
Tyrus bis zur Zeit Ncbukadnezars. Leipzig 1891. S. 8. 

s ) Dazu vgl. auch Euripides, Herakles. Erkl. v. U. von Wilamowitz- 
Moellendorff. 2. Bearbeitg. 1. Bd. (Berlin 1895) 59. 

4 ) Homer, Od. XIII, 102. Hierzu ist zu vgl. die auch sonst im Rahmen 
dieser Studien anziehende Schrift des Porphyrius de antro nympharum. [Iter. 
recogn. A. Nauck. Lipsiae 1886], besonders aber Achilles-Tatius B, 13. 
[Erotici scriptores graeci. Recogn. R. Her eher. Lipsiae 1858. p. 68.]. Ma¬ 
terial zu dieser Stelle in Anthologia graeca. Cur. F. Jacobs. III (Lipsiae 
1817) 798. Über Achilles-Tatius Rohde a. a. 0. S. 50111*. Auf Porphyrius 


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Gnostisches im „Parzival*. 


13 


Dieses Orakel wird auf Tyrus bezogen. Darnach fährt Porphyrius fort: 
„Hephaistos hat Athena. Damit deutet das Orakel auf den Ölbaum und das 
Feuer, die bei uns mit einander vereint sind. In dem ganzen Umkreis der 
heiligen Gegend blüht der Ölbaum mit glänzenden Zweigen, und es ist zugleich 
mit ihm das Feuer entstanden und verbreitet gar hellen Schein rings um die 
Zweige; und des Feuers Ruß befruchtet den Baum, und dies ist die Verbindung 
des Feuers und des Baumes; und so verschmäht Athena den Hephaistos 
nicht 1 )“. 

Die uralte Vorstellung von dem Lichter- und Sonnenbauin, dem Welten¬ 
baum mit dem Auge der Gottheit, mit dem alles erhellenden Spiegel des Ur- 
lichts, kurz: mit der Sonne — Ephraem der Syrer nennt den Baum der Er¬ 
kenntnis wegen seines Glanzes die Sonne des Paradieses 2 ) — ist also hier in 
engste Beziehung zu Tyrus gesetzt. Das ist noch mehr der Fall in der 
Grän dun gsgeschichte dieser Stadt. 

Nonnos von Panopolis im hellenistischen Ägypten erzählt in seinen 
Dionysiaca, wie Bel Samen, der tyrische Herakles-Astrochiton — bei der da¬ 
maligen Religionsmengerei begegnet er auch als Chronos, Helios, Ammon, Apis 

— durch Dionysos beschworen wird. Der Gott erscheint in seinem Lichtglanz 
und erzählt ihm von der Entstehung der Welt, von dem Geschlecht, das einst 
Tyrus bewohnte, gleichaltrig dem ewigen Kosmos, erzeugt aus ungepflägtem, 
unbefruchtetem Schlamm. Diesem sei er erschienen und habe es aufgefordert, 
ein Schiff zu bauen zur Fahrt gen Sonnenaufgang bis zu dem Orte, wo zwei 
lose Felsen im Meere unstät schwimmen. — Die beiden schwimmenden Felsen 
stellen nach ihrer Vereinigung ein Abbild der Erde mit dem Weitenberg dar, 
der, wie häufig im babylonischen Mythus, zwei Gipfel hat. — Oben grüne ein 
Ölbaum, den Leto mit goldenen Blättern schmückte. — Dieser erscheint häufiger 
auf tyrischen Münzen. Er steht beim Nabel der Welt und ist der Sonnenbaum. 

— Oben erblicke man in diesem Baume einen Adler und eine kunstvoll ge¬ 
arbeitete Schale. Ein sich selbst erzeugendes Feuer sprühe von dem Baume 
wunderbare Funken, und der Glanz übergieße ringsum den Stamm des un- 
verzehrten Ölbaumes. Um den Stamm winde sich eine Schlange und blicke 
nach dem Adler. Diesen weisen, dem Ölbaum gleichfarbigen Vogel, sollten sie 
dem schwarzgelockten Poseidon opfern, und der Fels w T erde von selbst auf 
festem Grunde ruhen. So sei es geschehen, und die Menschen hätten auf dem 
Felsen Tyrus gegründet 3 ). — Wir gehen wohl kaum fehl, vrenn wir in dem 

wurde ich hingewiesen durch H. Köbert, Der zahme Ölbaum in der religiösen 
Vorstellung der Griechen. München 1894. S. 29 f. 

ö Über den Kult des Feuer- und Lichtgottes Herakles ist zu vergleichen, 
F. C. Movers, Die Phoenizier I (Bonn 1841) 401 f. Hier auch anderweitiges 
Material zum Mythos dieses tyrischen Gottes. Auf die Deutuug durch Porphyrius 
ist, wie Herr Kollege Kroll mich belehrt, nichts zu geben. 

2 ) Wünsche, a. a. 0., S. 7. 

3 ) Nonnos, Dionys. XL, 467 sq. Für alles Nähere verweise ich auf das 
reiche Materiel bei R. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt. München 1910. 
S. 256 u. 576 ff., auch für das zunächst Folgende. Über die Himmelsschale 
ebenda S. 521. Vgl. auch Köbert a. a. 0. 


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14 


Franz Kainpers 


tyrischen Gott den Führer dieser phoenikischen Argonauten erkennen; denn 
die Fortsetzung dieser Gründungsgeschichto bei Nonnos offenbart ja deutlich, daß 
ihr Kern eine Lichtlandfahrt dieses Gottes ist. 

Bei Samen schenkt dem Dionysos zum Abschied seinen Sternenmantel, 
und diese Gabe erwidert Dionysos mit einem kunstvoll von Hephaistos ge¬ 
schmiedeten Becher. Eine Deutung dieses Zuges fällt nicht schwer. Dionysos 
ist gen Osten gefahren als der Herbstgott der Traubenreife; nach anderen 
ist er der Frühlingsgott 1 )« Der gewesene ÖQ/ajuog köo^iov übergibt dem 
scheidenden Halbjahresregenten die zeitweilige Herrschaft über die Welt durch 
das Symbol des Himmelskleides. Der neue Herscher spendet dafür den goldenen 
Becher, in welchem der scheidende Sonnengott über den Himmelsozean zu den 
Hyperboräern hinüberschifft. Da ist es nun, wie wir erkennen werden, für uns 
höchst bemerkenswert, daß die Fischer in Haliae alljährlich ihren Dionysos 
Halieus ins Meer tauchten, um ihn dann mit ihren Netzen wieder aufzufischen, 
und daß Ähnliches auch von dem tyrischen Herakles, dein Nationalgott der 
phönikisehen Küstenbewohner, welcher auch selbst Fischer hieß, berichtet 
wurde. Dessen Kultbild wird nämlich von einem Fischer, welcher den in diesem 
Zusammenhänge auffälligen Namen Phormion, der Leierspieler, führt, aus dem 
Meere gezogen 2 ). Ganz besonders aber wird uns die Tatsache beschäftigen, 
daß der Name dieses kleinasiatischen Herakles — so nannten die Griechen 
diesen Gott Sandan- oder Sardan-Melqart — im alttestamentlichen Hebräisch 
sowohl das Jahr, w ie der „Rote“ bedeutet. Ausdrücklich wird das rote Gewand 
des tyrischen Herakles erwähnt und er selbst als der Erfinder des Purpurs 
bezeichnet. Er ist der Chronosdrache, der wieder dem roten Drachen von 
Babylon gleicbzusetzen ist, welcher das wandernde Jahr versinnbildet 3 ). 

t 1 ) Über Preislieder auf den wiederkehrenden und Klagelieder auf den 
scheidenden Dionysos und über den Winterdämon Lykurgos vgl. F. Rödiger, 
Die Musen. Jahrbücher f. klass. Philol. 8. Supplementbd. (1875) 261 f. 

2 ) Eisler, a. a. 0., S. 781. Nach Euripides [Jon 1141 sq.] schenkte 
Herakles dem delphischen Gott eine Zeltdecke mit Sonne, Mond und Sternen. 

3 ) Auch hier sei allgemein auf Eisler, a. a. 0. S. 33, 58, 107, 395, 518 
verwiesen. Erwähnt sei die Abhandlung von R. Redlich, Vom Drachen zu 
Babel und Tierkreisstudie. Globus 84 (1903) 366. Nach F. Lenormant (Die 
Magie und Wahrsagekunst der Chaldäer. Jena 1878. S. 137 f.) ist „Adar- 
Samdon, der chaldäisch-assyrische Herakles, aus dem man später den Gott des 
Planeten Saturn machte, ursprünglich eine Personifikation der Sonne ... Er 
wurde insofern, als er die Sonne darstellte, als ein Gott betrachtet, welcher in 
bestimmten Zeiträumen freiwillig starb, um sodann von Neuem geboren zu 
werden, oine Anschauung, auf welche auch folgendes Fragment eines Hymnus 
Bezug haben dürfte: 

„Er ist gekommen, er ist hiuabgestiegen in den Abgrund der Erde; 

Selbst Sonne, ist er eingegangen in das Land der Toten.“ 

Über den kitharaspielenden Herakles-Melqart vgl. F. Rödiger, Die Musen. 
Jahrbücher für klass. Philol. 8. Supplementbd. (1875—76) 285. Erinnert sei 
in diesem Zusammenhänge an die Tatsache, daß ^Egvö^eia = Rotlaud ein 
mystischer Name für das Totenreich jenseits der Abendröte ist. v. W ilamowi tz- 


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Gnostisches im „Parzival“. 15 

Im hellenistischen Mythus vollzieht sich die Übergabe des Sonnensymbols, 
hier des goldenen Bechers, den nach einer peloponnesischen Tradition Alkmene 
als Gewähr für seine Gnade von Zeus erhält 1 ), in friedlichen Formen. Ge¬ 
legentlich nahm man aber auch an, daß sie erst nach heftigem Ringen erfolgte. 
Wir wissen von Kämpfen des Lichtgottes der Dorer (Zeus oder Apollon) Avko- 
ögyog mit dem hier als Heros der Tiefe angesehene^ Herakles, welche auf 
einer von Wasser umgebenen Insel von spartanischen Epheben dramatisch dar¬ 
gestellt wurden 3 ). Von einem Kampfe zwischen Herakles und Apollo um den 
Dreifuß ist bei Pausanias die Rede, 3 ). 

Unter dem Gesichtswinkel des Jahreszeitenmythus ist wohl auch der roman¬ 
haft zusammengesetzte und gefärbte Bericht des Philostrat über den Sturm 
des Götterpaares, Dionysos-Herakles, auf die Burg der Brahmanen, welche wir 
als Paradieses- und Lichtlandsburg auf dem Berge der Länder kennen lernten, 
aufzufasseu. Mir will es nicht gelingen, diese Episode durch anderweitige 
griechische Göttermär restlos aufzuhellen. Einen Fingerzeig nur scheint mir 
der Schild zu geben, den Herakles nach Philostrat bei jenem abgeschlagenen 
Sturm zurückließ 4 ). Jeder Schild ist ein kosmisches Symbol und kann den 
Himmel oder den Himmelsmantel, aber auch die Sonne bedeuten 5 ). Dieser 
Schild des Herakles aber hat einen ganz besonderen Weltbezüg wegen seines 
kosmischen Bildwerks. Er wird auch von den Brahmanen, die doch den Gott 
mit Blitz und Donner von sich fernhielten, wie der Gott selbst ganz besonders 
geehrt. Sie hängen ihn im Heiligtume auf. Nun erzählt die Sage des Mittel¬ 
alters von einem „dürren Baum* in Indien, dem alten Weltenbaum, der, nach¬ 
dem der große Kaiser seinen Schild daran gehängt hat, sein frisches Laub 
wieder erhalten würde. Diese symbolische Baumbeklcidung ist eine Kult¬ 
handlung, welche bedeutet, daß der Weltenbaum durch den kosmischen Schmuck 

Moellendorff, a. a. 0., S. 65. Dort auch S. 103 der Hinweis darauf, daß 
Herakles in der allegorischen Mythologie der fieiog Aöyog, oder die Zeit, oder 
das Urfeuer wird. Schließlich ist bemerkenswert was H. Oldenberg [Die 
Religion des Veda (Berlin 1894) 134] über Indra sagt: „Wahrscheinlich kannte 
schon die indogermanische Zeit einen vom Himmelsgott getrennten Gewitter¬ 
gott, einen blondbärtigen oder rotbärtigen Riesen von übergroßer Kraft, 
den mächtigsten Esser und Trinker, der den Drachen mit seiner Blitzwaffe tötet.“ 

1 ) Euripides, Herakles. Erkl. v. U. von Wilamowitz-Möllcndorff. 
2. Bearbeitg. 1. Bd. Berlin 1895. S. 9: 54. Vgl. auch den Artikel „Herakles“ 
von Gruppe in Pauly-Wissowas Realenzyklopädie. Supplemcnt-Bd. III 
(Stuttgart 1918) Sp. 981 ff. 

2 ) Eisler, a. a. 0. S. 333. Den Streit des Apollo mit Herkules um den 
Dreifuß erwähnt die Schrift Porphyrii de pbilosophia ex oraculis haurienda 
1. c. p. 202. Es erübrigt sich, für unsere Untersuchungen weitere Quellenbelege 
für diese mythischen Dinge beizubringen. 

3 ) Pausanias X, 13, 7 u. 8. 

4 ) Bei den Kämpfen des Dionysos in Indien ist gleichfalls die Rede von 
einem kunstvoll von Hephaistos für diesen Gott gefertigten Schild, welcher u. a. 
mit Erde, Meer und Himmel geschmückt ist. Nonnos, Dionys. XXV. 

5 ) Eisler S. 302 ff. 


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Franz Kampers 


seinen Blättermantel mit den Äpfeln der Hesperiden, den goldenen Sternen 
wieder erhält, jenen Mantel, den Zeus über das dürre Geäst dieses Baumes 
als Zeltdecke breitet, unter welcher die Theogamie zwischen ihm und der Erde 
gefeiert wird. Spuren von Abwandlungen dieses alten Mythologems, welches im 
antiken Mysterium den Gedanken einer ewigen, heiligen Erneuerung des All 
einkleidete und dem Mysten ein Gleichnis war der neuen geistigen Geburt aus 
der Gottheit heraus, finden sich auch sonst im hellenischen Mythus und später 
in der deutschen Sage: durch Medeas Zauberei beginnt der Ölzweig und in 
Tannhäusers Hand der Stab wieder zu ergrünen 1 ). Mit diesem Baum, oder 
mit dem „Einbaum* der Danielapokryphen, bei dem Alexander und Darius um 
die Weltherrschaft ringen, oder mit der goldenen Platane, welche Xerxes mit 
einem Kranze schmückt, ist auch dieses Aufhängen des Schildes des Herakles 
in Verbindung zu bringen. Wir dürfen auch bei diesem Nabel der Erde, den 
der Berg der Brahmanen darstellt, einen Weltenbaum annehmen, an dem das 
Lichtsymbol der Herrschaft befestigt wird. Erkennen wir in dieser Episode 
eine ungeschickte Verschmelzung und Verarbeitung von Zügen aus der Giganto- 
maehie, in der wir ja diese beiden Gottheiten verbündet finden, mit der 
Dionysosfahrt nach Indien, so dürften wir ihrem ursprünglichen Sinn wohl am 
nächsten kommen: die beiden Halbjahresgötter erbeuteten sich das Sonnen¬ 
symbol, den goldenen Becher, und ergreifen Besitz von der Herrschaft auf der 
Höhe des Bergthrones der göttlichen Herrlichkeit. Daß auch der andere Halb¬ 
jahresgott, Dionysos, auf der Höhe dieses Berges als Weltregent gedacht wurde, 
geht aus dem hervor, was oben über den Meru in der Alexandersage mit¬ 
geteilt wurde. 

So viel ist sicher — und das genügt durchaus für unsere Zwecke, — daß 
Philostrat von dem Bestreben geleitet ist, seinen Helden dem zum Lande des 
Aufgangs ziehenden Lichtgott Herakles-Apollo anzugleichen. Man hatte das 
schon in der mit märchenhaften Farben geschilderten Geburt dieses Apollonius 
von Tyana wahrnehmen können; denn ein Chor von Schwänen, also von Vögeln 
des Apollo, umgibt singend die gebärende Mutter 2 ). Unsere deutsche Dichtung 
vom Tyrlander verstärkt nun diese Angleichung noch wesentlich. 

Ein Fischer, so erzählt Heinrich von Neustadt, zieht den schiffbrüchigen 
Apollonius aus dem Wasser und fordert ihn auf, mit ihm fischen zu gehen und 
den Erlös zu teilen 3 ;. Apollonius erwirkt sich alsdann durch sein meisterhaftes 
Spiel in der fremden Stadt Zutritt zur Königsburg. Der Fischer und Leicr- 
spieler Herakles-Apollo, dessen Kultbild von Fischern aus dem Meere gezogen 
wird, hat ersichtlich für diese Szene Modell gestanden. Jeden Zweifel daran 
zerstreut eine Reihe von anderen bedeutsamen Beobachtungen. Wolframs Par- 
zival eröffnen die Liebesabenteuer des Vaters des Helden mit der Mohren¬ 
königin Belakanc, welche dieser zur Mutter des elsterfarbenen Feircfis macht. 
Eine zum Verwechseln ähnliche Episode enthält nun auch die deutsche 
Apollonius-Dichtung, nur an anderer Stelle im Aufbau des Gedichts. Apollonius 
selbst ist der Liebhaber der Schwarzen geworden. Dieser Wechsel des Helden 

: ) Ovid, Metam. VIII, 275. 

2 ) Philostrat, Apoll. I, 5. S. 8. 

3 ) Ich zitiere im Folgenden nach Singers Ausgabe. V. 1426 ff. S. 25. 


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Gnostisches im „Parzival“. 17 

ist kaum eine Zutat des späteren Dichters. Schon ein alter französischer 
Roman bringt die Nachricht, daß Parzival der Vater des Mohrenkiudes ist, und 
eine verwandte Dichtung „Moriaen“ kennt die gleiche Versiou, lehnt diese aber 
mit Rücksicht auf Parzivals beständige Jungfräulichkeit ab l ). Nun müssen wir 
beachten, daß im „Apollonius“ diese Episode bei der Mohrenkönigin sich wieder 
als eine Variante der voraugegangenen Erzählung von der Heirat des Helden 
und der Herrin des goldenen Tals, Diomenas, erweist. An sich ist es ja schwer 
zu verstehen uud gar nicht begründet, weshalb der eben erst durch eine Heirat 
mit dieser engelschönen Maid zum König des Paradieseslandes erhobene Held 
gleich darauf eine zweite Ehe mit der Mohrin eingeht. Genug! Die Mutter 
Diomenas heißt Palmena, die Mohrin Palmina. Diese letztere ist eine Tochter 
des Amphytimon. Des Apollonius und der Diomena Tochter hat den Namen 
Altmena. Lösen wir — wie das schon vor piir getan wurde — das Amphy¬ 
timon in Amphitryon und das Altmena in Alcmena auf, so sehen wir, wie 
hier die Heraklessage in fragmentarischer Form in die mittelalterliche Dichtung 
hineinragt. „Fraw Alkmeina“ neben Proserpina, „Deß windes güttynnen“, stehen 
unserem Helden auch einmal hilfreich zur Seite 3 ). Der schwarzen Palmina 
Kinder sind nun Garamant und Marmatora. Garamas war der Sohn des Apollo, 
der Stammvater der Garamanten; der Name Marmatora ist wohl mit Recht 
als „Marmorata“ erklärt und mit den Marmaridae, den Bewohnern der benach¬ 
barten marmarica regio, in Verbindung gebracht. Erst die falsche Etymologie 
des Namens führte zur Vorstellung der Zweifarbigkeit dieser „Marmorierten 3 )“. 
Daß hinter dem Apollonius der deutschen Dichtung der Gott Herakles-Apollo 
steht, dürfte jetzt nicht mehr zweifelhaft sein, und damit ist die Voraussetzung 
gegeben, daß die ganze Geschichte seiner Paradiesesfahrt aus dem Umkreise 
des Mythus dieses kleinasiatischen Lichtgottes entnommen wurde. 

Wie der Apollonius des Philostrat, kommt auch der Held Heinrichs von 


*) J. Wes ton, The Legend of Sir Perceval. I (London 1906) 126. 
Wolfram von Eschenbach, Parzival. Neu bearb. v. W. Hertz. 5. Aufl. 
Stuttg. 1911. S. 476 f. S. Singer, Über die Quelle von Wolframs Parzival. 
Zeitschrift für deutsches Altertum. 44 (1900) 323 f. In seinem Buche 
„Apollonius von Tyrus. Untersuchungen über das Fortleben des antiken 
Romans in spätem Zeiten.“ Halle a. S. 1895, hat Singer unsere deutsche 
Dichtung absichtlich ausgeschaltet. E. H. Meyer [Quellenstudien zur mittel¬ 
hochdeutschen Spielmannsdichtung. Zeitschrift f. deutsch. Altertum XXXVII 
(1893) 323] schließt sich der Ansicht an, daß der heidnische Roman im 
3. Jahrhundert in griechischer Sprache entstanden sei, und daß dessen mit 
christlichen und spätrömischen Elementen versetzte lateinische Version spätestens 
in den Anfang des G. Jahrhunderts falle. Nach Rohde, a. a. 0. S. 436, ist 
das griechische Original nicht vor das dritte Jahrhundert zu setzen; die 
lateinische Bearbeitung, welche im 7. Jahrhundert zitiert wird, entstand viel¬ 
leicht schon in beträchtlich früherer Zeit. 
a ) Apollonius v. 6842. S. 112. 

3 ) Singer [Quelle S. 339 f.] hat das Verdienst, diesen Sachverhalt zuerst 
erkannt zu haben. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 2 


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18 


Franz Kampers 


Neustadt auf seiner Wanderung zuerst nach Babylon. Während aber die 
griechische Lebensbeschreibung nur die ersten Ansätze einer Sage in diesem 
Teile erkennen läßt, ist diese Episode in der deutschen Dichtung ganz in das 
Reich der geistlichen Legende entrückt. Wesentliche Züge der byzantinisch- 
slavischen Sage vom babylonischen Reich treten uns hier entgegen 1 ), u. a. die 
Vorstellung von einem Riesendrachen, der die Stadt umgibt, aus dem hier 
freilich ein Heer von Drachen geworden ist. Hier wie dort geht dann dio 
Fahrt weiter zum Paradiese, das in beiden Fällen unzugänglich ist wie die 
Paradiesesinsel des Lichtgottes. Haben die Brahmanen des Philostrat ein 
Regen- und Windfaß, so besitzen auch die Wächter des goldenen Tals, Serpauta 
und Ydrogant, solche Wundergefäße: 

„Der ain krug schult plicke, Der ander hagel und schawr, 

Von doner strale dicke, • Der dritte ainen regen sawr 3 ).“ 

Diese Verwandtschaft in einem höchst kennzeichnenden Einzelzug ist jetzt 
kaum noch überraschend. Deutlich sehen wir die Glieder einer Kette, welche 
von der deutschen Dichtung unmittelbar zu einer Apollonius-l berlieferung führt, 
die wiederum in den kleinasiatischen Mythen von Herakles-Apollo wurzelt. 
Da wir auch sonst in der Anlage der Himmelswanderung beider Namensvettern 
ein Verwandtschaftsverhältnis feststellen konnten, so ergibt sich, daß der Bio¬ 
graph und der Dichter, weil der Deutsche von dem Griechen nicht abhängig 
sein kann, unmittelbar oder mittelbar eine gemeinsame Vorlage benutzten, 
welche natürlich kein „verlorener byzantinischer Roman des dreizehnten Jahr¬ 
hunderts“ sein kann, wie behauptet wurde 3 ), sondern die, wie eine Würdigung 
unserer deutschen Dichtung ergeben wird, in die Reihe der von uns heraus¬ 
gehobenen visionären Reisebeschreibungen einzugliedern ist. 

Phönikische Kolonisten brachten den Kult und die Mythen des tyrischen 
Herakles nach Spanien. Wir hören von verschiedenen diesem Gotte geweihten 
Heiligtümern, namentlich auf dem benachbarten afrikanischen Fcstlande und 
auf den vorgelagerten Inseln. Schon Pomponius Mela kennt eine dem Herkules 
heilige Höhle in der Nähe der Stadt Tinge (Tanger), dort, wo der Heros auch 
mit dem Riesen Antaios gekämpft haben soll. In dieser Höhle wurde der 
hochverehrte Rundschild des Herkules aus Elephantenhaut aufbewahrt — dio 
unendliche Höhle der Zeit in dem Berghause der Ewigkeit und das dorthin 
sich zurückziehendc Sonnensymbol 4 )! Durch diese Nachricht gewinnt meine 
Behauptung von der Bedeutung des Aufhängens des Herakles-Schildes auf dem 
Götterberge der Brahmanen, die ich oben begründete, eine Stütze. 

Anknüpfend an diese Übertragungen suchen spanische Romanzen, welche 
die Kennzeichen der scheckigen iberischen Mischkultur zur Schau tragen, einen 


*) A. Wesselofsky, Die Sage vom babylonischen Reich. Archiv für 
slavische Philologie. II (1876—87) 129 ff., 308 fl’. 
a ) Apollonius v. 10840 ff. S. 173. 

3 ) Das suchen darzutun A. Bockhoff und S. Singer, Heinrichs von 
Neustadt Apollonius von Tyrland und seine Quellen. Tübingen 1911. 

4 ) Movers, a. a. 0., II, 2 (Berlin 1850) 647 ff. Pomponius Mela I, 5. 
Vgl. den schon angeführten Artikel „Herakles“ von Gruppe Sp. 988 f. 


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Gnustisches im „Parzival“. 


11) 


sagonberühmteii Schrein in dein Haus, in dem Turm, iu der verzauberten Grotte 
des Herkules. Im „VictoriaP des Diaz de Gomez, der etwa um 1400 verfaßt 
wurde, wird jener Herkules zum heidnischen Eroberer Spaniens. Ihm hatten 
Astrologen verkündet, daß einst afrikanische Völker Spanien erobern würden. 
Dieser Herkules baute ein Haus, das, so heißt es hier, heute noch steht, und 
eine Anmerkung des Amador de los Kios zu dieser Stelle besagt: „Das Haus 
heißt Grotte des Herkules und ist eine dem Jupiter geweihte Krypta in einem 
römischen Tempel.** Herkules verschloß dieses Haus und verbot den Königen, 
es zu betreten. Jeder König legte in der Folge ein weiteres Schloß davor. — 
Das alte Motiv von dem Zauberkleinod in den vielen Kisten, aber in einer 
anderen Form! — Nur König Rodrigo glaubte, daß Herkules hier große Schatz^ 
verborgen habe. Er dringt ein und lindet in einem verborgenen Winkel einen 
Schrein und in diesem drei Pokale. Auf dem einen war das Haupt eines 
Mauren, auf dem anderen eine Schlange, auf dem dritten eine Heuschrecke. 
Eine Schrift warnte ihn, die Pokale zu zerbrechen. Nun wird beim Turm des 
Herkules zu Coruna von einem Spiegel berichtet, in dem man die entferntesten 
Schiile habe sehen können. Einen Tempel des Herakles, in welchem der be¬ 
rühmte Smaragd der Genuesen, der Doppelgänger des heiligen Gral, gefunden 
wurde, keunt auch die bis in das zwölfte Jahrhundert zurückgehende Sage vom 
„Sacro Catino“ und sucht diesen in Tyrus. Es will bei der Vermengung der 
Sagenstolle, wie das Beispiel der babylonisch-mandäisehen Mythen von den 
verschiedenartigen Machtmitteln der Gewalten der Finsternis dartut, nichts be¬ 
sagen, daß hier einmal von einem Schrein, dann von einem Zauberspiegel und 
endlich von einer Schale die Rede ist. Wir werden diese und andere Symbole, 
die alle ursprünglich auf die gleiche Wurzel zurückgehen, später sogar noch 
neben einander linden. Dieser Turm war, wie ich früher nachwies, ein Zikkurat 1 ), 

W Entscheidend für uns ist die Tatsache, daß in der mittelalterlichen 
Vorstellung der Zikkurat als siebenstutiger Turm mit quadratischen, gleichmäßig 
sich verjüngenden Stockwerken, oder als Turm mit schraubenartig empor¬ 
steigender Rampe fortlebte. In der ersten Form begegnet er uns u. a in Clin. 
14G, in den Miniaturen zum Speeulum humanae salvationis, weiter linde ich 
ihn abgebildet in Andrea Orcagnas Inferno [F. X. Kraus, Dante. Berlin 18D7. 
Nach S. 648. Dort auch Abbildungen von Zikkurats in rudimentärer Form 
S. 569 u. 571]. Die zweite Form hat ersichtlich Wolfram bei der Schilderung 
des Zauberschlosses vorgeschwebt. Letztere hat heute noch ein ragendes 
östliches Vorbild in dem Minaret der Moschee von Samarra, der Malwiyvah, 
einem „Spiralturm nach Art eines Turmes zu Babel. u Nach E. Herzfeld 
[Erster vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen von Samarra. Berlin 1912. 
S. 11 f.] ist dieser Turm keine spontane Nachahmung babylonischer Ruinen, 
sondern eine bauliche Überlieferung von den babylonischen Türmen hat auf 
dem Wege über das sassanidische Persien bis ins 9. Jahrhundert fortgelebt. Her¬ 
kunft und ursprüngliche Form des Zikkurat sind umstritten. Es genüge, die 
wesentliche Literatur zu nennen; denn für unsere Untersuchungen ist die Frage 
belanglos, ob und wann das indische, oder babylonische Urbild Wandlungen 
unterworfen wurde, nach welchen sich die spätere mittelalterliche Vorstellung 

bildete. Auf Indien hat nämlich inzwischen W. Foy [Indische Kultbauten 

2 * 


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•V 


20 Franz Kampers 

eine Nachbildung des siebenstufigen Götterberges 1 ), so wie ihn die gleich zu 
würdigenden Sagen vom Priesterkönig Johann und vom Gral übernahmen. 

Die sieben oder — wie bei dem KÄijnag inrdnvXog sich über den sieben 


a. a. 0, S. 21311'.] hingewiesen. Hier finden sich in Stufen ansteigende pyramiden- 
oder kegelförmige Kultbautcn als Symbole des mythischen Berges Meru, welcher 
sich im Zentrum der Erde zu enormer Höhe erhebt, und auf welchem die 
Götter wohnen. Anziehen muß uns die Tatsache, daß in diesem indischen 
Kulturkreis auch kleinere Modelle dieser Bauten als Meru-Symbole häufig nach¬ 
weisbar sind, welche im Buddhismus als Reliquienbehälter und überhaupt als 
Schrein verwendet wurden. Es bestehen Zusammenhänge mit dem E-Kur (Berg¬ 
baus) der Babylonier nach Herzfold, aber ein Urteil über die Priorität fällt er 
nicht. Diese Beziehungen werden in der übrigen Literatur nicht erwähnt. 

Nach Ed. Meyer [Geschichte des Altertums. I, 2. 2. Aull. (Stuttgart 1907) 
421; 444 ff.] waren die Zikkurats ursprünglich künstliche Bergkegel aus Ziegeln, 
um die sich eine Rampe aufwärts wand. Ihre Bestimmung war, den Sturmgott 
Ellil auch im Flachlande an sein Heiligtum zu fesseln. H. Prinz [Alt¬ 
orientalische Symbolik. Berlin 1915. S. 84 ff.] meint, daß die Sumerer zu¬ 
nächst ihre Götter in Berge versetzten; erst allmählich sei der Tempelberg 
zum Götterberg geworden, welcher aus der Unterwelt emporsteigt und bis in 
den Himmel ragt. A. Jeremias [Handbuch der altorientalischen Geistes¬ 
kultur. Leipzig 1913. S. 43; 54; 86 ff.; 187] nimmt an, daß die Tempeltürme 
von sieben Stockwerken, auf deren oberstem sich noch ein Aufbau — der Sitz 
des Gottes — erhob, schon für die sumerische Zeit nachweisbar seien. Während 
Th. Dombart [Zikkurat und Pyramide. München 1915] noch für den Stufenbau 
als die ursprüngliche Form eintritt, leugnet R. Koldewey [Die Tempel von 
Babylon und Borsippa (Leipzig 1911) und Der babylonische Turm und die Ton¬ 
tafeln von Anubelschunu in den Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 
1918 Nr. 59] den stufenförmigen Aufbau und die Etagen. Vgl. hierzu auch 
A. Gcrsbaeh, Geschichte des Treppenhaus der Babylonier und Assyrer, 
' Ägypter, Perser und Griechen (Straßburg 1917) u. E. 0. v. Lippmann, Ent¬ 
stehung und Ausbreitung der Alchemie. Berlin 1919. S. 168 f. 668. 

l ) Nach Abschluß des Satzes macht mich Herr Kollege Meißner auf zwei 
weitere Veröffentlichungen von Th. Dom hart aufmerksam. In der ersten 
verteidigt dieser die Ergebnisse seiner oben genannten Arbeit [Der Turmbau 
zu Babel. Orientalistische Literaturzeitung XXI (1918) 161 ff.] gegen Koldewey; 
in der anderen bietet er eine „Kuusthistorische Studie zum Babelturm-Problem“ 
[Orientalische Studien. Fritz Hommel zum 60. Geburtstag. Mitteilungen der 
Vorderasiatischen Gesellschaft, XXI (1916) 1 ff.]. Im Vordergrund der letzten 
Arbeit steht nicht der Zikkurat an sich, sondern „der Zikkurat katexochen, 
d. h. der Vertreter aus dem Riesengeschlecht dieser Thronberge, der allgemein 
bekannt wurde und bekannt blieb bis auf den heutigen Tag, das ist der Turm 
von Babel.“ Die hier gebotenen, höchst lehrreichen Ausführungen über den 
„Schneckenturmtyp“ brauche ich nur zu erwähnen. Hinweisen aber möchte ich 
darauf, daß Dombart außer auf die von mir oben bezeichnete Dante-Illustration 
noch auf eine andere bildliche Darstellung eines quadratisch fundierten Stufen¬ 
turms von dem Magister Johannes de Ravenna mit allerdings nur vier Stock- 


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Gnostisches „im Parzival“. 21 

Toren der sieben Planeten ja auch noch ein achtes Tor befindet 1 ) — acht 
Stufen der Treppe erinnern nachdrücklich an das babylonisch-assyrische Urbild. 
Ebenfalls ist, wie die Drehung dieser Treppe dartut, die kosmische Bedeutung 
dieser Wundertreppe noch nicht ganz vergessen. In der Sage vom Priester¬ 
könig Johann und auch noch in der, wie wir sehen werden, rationalistisch um- 
deutenden Sage vom Gral ist dieser Zug viel ursprünglicher. Das siebenstufige 
Bauwerk selbst dreht sich. Heinrich von Neustadt schöpft seine Schilderung 
der Wundertreppe keineswegs aus Wolframs Parzival: denn diese Abwandlung 
des kosmischen Mythus, die wir bei ihm finden, ist, wie ich gleichfalls schon 
zeigte, auch in andere, dem Wiener Sänger sicherlich unbekannte Dichtungen 
der Weltliteratur übergegangen, welche von dem deutschen Epos völlig unab¬ 
hängig sind. In Berols „Tristan“ dreht sich König Arturs runde Tafel wie 
die Welt, und Thomas Malory weiß, daß diese ein Abbild der Welt sein sollte. 
Im „Morte Arthure“ ist sic in eine Umgebung gestellt, welche der im „Apollonius“ 
überraschend ähnlich ist 2 ). Der König sieht sich im Traume in eine von 
Bergen umgebene liebliche Wiese entrückt. Da steigt eine schöne Fürstin zu 
ihm herab, die ein Rad schwingt, auf dem ein Thronsessel steht. Am Rande 
des Rades klammern sich Könige, die aber hinuntergeschleudert werden. Artur 
erhält alsdann königliche Abzeichen, und darauf beugen sich die Früchte zu 
ihm hinab. Die Fürstin schöpft Wein aus einem Brunnen und labt ihn mit 
dem Herrlichsten, was die Erde bietet. Auffallend ist auch hier der Wechsel 

werken aufmerksam macht. Weiter hebe ich den Satz heraus: „In der »Cos- 
mographio« von Sebastianus Munsterus ist der Babelturm im Bau dargestellt, 
gestuft, zylindrisch, mit angefangenem fünften Stockwerk.“ Auch noch andere 
„viel phantastischere“ bildliche Wiedergaben dieses Turmes werden namhaft 
gemacht. Die bildliche Darstellung des Rampenturmes beginnt, wie hier mit 

H. Thier sch (Pharos. Leipzig 1909) behauptet wird, erst mit dem 15. Jahr¬ 
hundert [vgl. dazu das oben Gesagte]. Die großartige Vorstellung von diesem 
Steimiescn Babels, dem „Turm des Unglaubens“, hat die Erinnerung an dessen 
Formen sicherlich lebendig erhalten helfen. Und wie der „Turm Davids“ das 
nach jüdischem Glauben wieder gut. macht, was d* r Turm von Babel verdorben 
hat [Die Sagen der Juden von Micha Josef bin Gorion. Frankfurt 1914. 
S. 62. Dombart S. 16], so hinderte das an Gleichnissen sich erfreuende Mittel- 
alter nichts, diesem „Turm des Unglaubens“ einen „festen Turm des Glaubens“ 
etwa in der Art des Unsterblichkeitspalastes des Priesterkönigs gegenüber¬ 
zustellen. 

1 ) Vgl. Celsus, Wahres Wort. Hrsg. v. Th. Kpim. Zürich 187o. S. 84 ff'. 
Hier findet sich Näheres über die Leiter als Sinnbild in den Mysterien ,des 
Mithras, deren sieben Tore aus Blei, Zinn, Erz, Eisen, Mischmetall, Silber und 
Gold sind. E. 0. v. Li pp mann |a. a. 0., S. 250] bezeichnet diesen sieben¬ 
torigen Klimax als eine Nachbildung des babylonischen Stufenturms, „der schon 
der Vision des Patriarchen Jakob von der Himmelsleiter zugrunde liegt, und 
gilt als stufenweise Erhebung der Seele zum Höcbsthronenden, dem großen 
Mithras.“ Einiges Material zu dieser Himmelsleiter auch bei Maury, Croyances 

I. c. p. 178. 

2 ) Kampers, Lichtland S. 91 gibt das Nähere. 


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22 


Franz Kampers 


der Gewandung. Die hinuntergeschleuderten Könige haben in den Begleitern 
des Apollonius Leidensgenossen. Die Treppe unseres Wiener Säugers ist nun 
aber von ganz besonderer Art. 

Heinrich von Neustadt begründet allein die Zauberwirkung dieses kosmischen 
Aufstieges zum alles enthüllenden Spiegel. Bei ihm wird die Treppe zu einem 
kleinen Berg der Läuterungen. Die Stufen sind ein Gleichnis für die Haupt¬ 
sünden der Meuschen geworden, welche den Schuldigen bestrafen. Das ist ein 
Zug, welcher deutlich auf eine zeitlich über Wolfram weit hinausreichende 
Vorlage hin weist und zugleich dartut, daß in dieser der alte babylonisch- 
assyrische Gedanke bereits durch die gnostische Vorstellung von der Wanderung 
der Seele durch die sieben Höllen, oder die sieben Himmel hindurch gegangen 
sein muß. Wir erinnern uns, daß der Zauberspiegel des großen Alexander, in 
welchem man das nvEv/ua rekeiov sicht, über den sieben Himmeln steht. 
Unter diesem Gesichtswinkel erhält auch die Tatsache des Anlegens der könig- ' 
liehen Abzeichen im „Morte Arthure“ erst ihre rechte Beleuchtung. Ähnliches 
berichtet Heinrich von Neustadt; er geht aber über den Engländer und auch 
über den großen deutschen Vorgänger, Wolfram, noch weiter hinaus, kommt 
der Urquelle noch näher. Apollonius und seine Gefährten nehmen, nachdem sie 
den Zauberspiegel erreicht haben, ein Bad. 


„Yeder man sich under stieß, 
Das haupt und di gelider gar. 
Sie wurden liecht und klar. 

Ir har ward den seyden geleich. 
Si wurden alle wunnikieich 


Als die jungn knabelein, 

Di in der pluenden Jugend selten sein. 
Di drew kosperen claid 
Helten si an sich gelait. 

Si waren geleich ane wer 


Dem hymclischen her“ 1 ). 


Diomena gibt ihnen dann noch: „Drey krönen auff ir seyden har.“ Kein 
Zweifel! Die im Wasser Wiedergeborenen sind engelgleiche Wesen geworden. 
Sie tragen die Lichtgewänder der Pneumatikor, und in diesen gehen sie jetzt 
zum goldenen Baume im goldenen Tale. Dieses Himmelskleid spielt auch in 
einer verwandten deutschen Dichtung eine Holle. 

Ein Fischerkönig, wie Herakles und Apollonius, ist nach einem gegen das 
Ende des zwölften Jahrhunderts 2 ) entstandenen Spielmannsepos der Königssohn 
Grendel 3 ). Ein wunderwirkendes, höchst eigenartiges Heiligtum ist sein eigen. 
Der Sang schildert die Brautfahrt des Helden nach Jerusalem. Ein Sturm ver¬ 
schlägt ihn und seine Mannen nach Babylon, wo er mit einem König Belian 
kämpfen muß. Weiter fahrend überrascht die Schiffer ein neues fürchterliches 

») Apollon, v. 13008.’S. 207. 

2 ) Zur Datierung vgl. K. Heinzel, Über das Gedicht vom König Orendel. 
Sitzungsberichte der Kais. Akad. d. Wiss. 12b (1892) 10. 

3 ) Orendel, ein deutsches Spielmannsgedicht. Hrsg. v. A. E. Berger, 
Bonn 1888. S. XLII u. 22. Kampers, Lichtland S. 36. Ähnlichkeiten zwischen 
dieser Dichtung und dem deutschen „Apollonius“ erkannte u. a. schon Heinzei 
a. a. 0. S. 11. Für unsere Zwecke bietet die Abhandlung von L. Laistner 
[Der germanwehe Orendel in der Zeitschrift für deutsches Altertum. N. F. 
XXVI (1882) 113 ff.] nichts von Belang. 


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Gnostisches im „Parzival*. 


23 


Unwetter. Einzig Orendel kann sich, an eine Diele geklammert, retten. Am 
Ufer sieht er einen Fischer, Meister Ise, der den nackten Schiffbrüchigen für 
einen Räuber hält. Nun gibt sich Orendel als Fischer aus und soll zum Be¬ 
weise einen Fang tun. In dem Magen eines der gefangenen Fische findet er 
sein verlorenes Heiligtum: den grauen Rock Christi wieder, welcher wegen 
seiner untilgbaren Flecken rosenroten Blutes 1 ) ins Meer geworfen und von einem 
Wallfisch verschlungen worden war. Er ist ein sonderbarer Fischer, dieser 
„Meister Ise*. Sieben herrliche Türme hat sein Haus. Achthundert Fischer 
dienen ihm. Auf seiner Burg steht sein Weib mit sieben reichgekleideten 
Dienerinnen. Später begegnen uns der Meister und seine Söhne als Herzoge. 
Das Heiligtum ist das Licht- und Feuerkleid, das Osiris trug, 2 ), das Kosmos¬ 
kleid Christi, das nvevjuariKÖv oder delov gvdv/ua der gnostisch-mystischen 
Literatur 3 ). In einer Paradieseswanderung des Zosimus sind die Gerechten im 
Paradiese nackt; aber über ihnen schwebt ihr himmlisches Lichtgewand, das sie 
bei der Vereinigung mit Gott anlegen werden 4 ). Auch im „Hymnus der Seele 44 
erhält der Königssohn sein Prunkgewand erst wieder, als er das Roich seines 
Vaters betritt. In dev jüdischen Kabbala schmückt die Krone das Haupt des 
himmlischen Menschen. Das Recht, in Orendels „grauem Rock* ein solches 
Sphärenkleid zu erkennen, gibt uns die ganze Fabel dieser Dichtung. Dieser 
königliche Fischer, seiu Weib mit den sieben Dienerinnen und sein Palast mit den 
sieben Türmen sind unschwer zu deuten 5 ). Es ist Gott Vater, die Sophia, deren 
sieben Brautführerinnen der erwähnte gnostische Hymnus nennt, und der Himmel 
mit seinen sieben Kkijtiara. Orendel ist ein Nachfahre des ägyptischen Königs- 
solms, der auf seiner Himmelswanderung sein Lichtgewand zurückerhält 6 ). 

In anderen Kleidern erscheint bei Liudprand von Crcmona auf der Höhe 
des siebenstufigen Salomonthrones der byzantinische Kaiser. Dessen Schilderung 
kommt auch sonst in der Beschreibung des goldenen Baumes unserer deutschen 
Dichtung sehr nahe, wodurch abermals die Tatsächlichkeit einer alten Vorlage 
erhärtet wird. Liudprand sagt: „Ein eherner, aber vergoldeter Baum stand 
vor dem Thron des Kaisers, dessen Zweige ebenfalls eherne und vergoldete 
Vögel verschiedener Art ausfüllten, welche jeder nach seiner Art Stimmen ver¬ 
schiedener Vögel ertönen ließen. Des Kaisers Thron aber war derartig ein¬ 
gerichtet, daß er augenblicklich niedrig, dann höher, dann ganz erhaben er¬ 
schien.* Die eheYnen Löwen, welche den Thron bewachten, hüben ein Gebrüll 
an. Den Kaiser, den er eben noch vor sich hatte sitzen sehen, erblickte Liud¬ 
prand „mit andern Kleidern angetan, dicht am Gebälk des Hauses sitzend* 7 ). 

*) Nach Heinzei a. a. 0. S. 11 ist der Trierer Rock purpurfarben, „was 
aber vor 1512 niemand wdssen konnte.* 

2 ) Plutarch, De Isid. 51. 

8 ) Reit zenstein, Himmelswanderung 8. 45. Ders., Hist. Monach. 8. 107 f. 

4 ) Reitzenstein, Himmelswanderung S. 45. 

6 ) Anderer Ansicht ist H. Tardel, Untersuchungen zur mittelhochdeutschen 
Spielmannspoesie. Rostocker Diss. 1884. S. 6 f. 

6 ) W. Boussct, Hauptprobleme der Gnosis. Göttingen 1907. S. 202. 

7 ) Liudprand, Antapodosis VI, 5. Auf diese Stelle wies hin J. P. Richter, 
Quellen zur byzantinischen Kunstgeschichte. Wien 1897. S. 303. 


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24 


Franz Kampcrs 


Daß das Urbild dieses Baumes der Weltenbaum auf dem Bergthron der gött¬ 
lichen Herrlichkeit mit den Sternen, den goldenen Äpfeln der Hesperiden, ist, 
kann nicht bezweifelt werden 1 ). Dieser Weltenbaum spielte im antiken 
Mysterium eine bedeutsame Rolle. Unter ihm wurde die heilige Hochzeit des 
Himmelsgottes mit der bräutlichen Erde gefeiert, jenes Mythologem 2 ), das, ins 
Gnostische übersetzt, in freilich arg verblaßter Form in unserem „Apollonius“ 
wiederkehrt. 

Der goldene Baum in Diomenas Paradiesesgarten wird mit apokalyptischen 
Farben gezeichnet. 


„Appolonius vor im sach 
Das ander hymelreich: 

Es was auch im geleich. 

Er enweste nicht was es was: 


Von jochaut und von palaß 
Sach er ain mawren auff getriben, 
Ain eien hoch was si wol peliben. 
Di was mit zvnnen umbelait.“ 


Viereckig ist diese Mauer wie die des himmlischen Jerusalem. 


„Ain pawm stund mitten dar inne ... Di esto er über das inewrel zoch. 

Von golde was der pawm geslagen 3 ). Auff den saß< 4 u vogellein, 

Er war wol zwayer sper hoch. l>i waren alle guidein.“ 

Die heben alle zu singen an. Der Baum hat Türen, aus denen liebliche Jung¬ 

frauen heraustreten, welche ein „hymelisches spil" beginnen. Mit einer Kroue 
auf dem Haupte kommt auch Diomena aus dem Baum. 

„Sy nam den bereu pey der haut Ir sult schauwen meinen hört < 

Und sprach > herre von Tyrlant, Si flirte in durch den pawm dort“ 4 ). 

! ) Im Buche Henoch c. 24 u. 25 erheben sich im Süden der Erde sieben 
Berge aus Edelsteinen. Der mittlere ist einem Thronsitz ähnlich. Bei ihm 
steht der Baum des Lebens. A. Wünsche, Die Sagen vom Lebensbaum und 
Lebenswasser. Leipzig 1905. S. 5. 

Q ) Poetisch fein ist das geschildert in dem Lobpreis des Wuudergarteus * 
der Hesperiden im Hippolytos des Euripides [Von J. J. C. Donner. I (Heidel¬ 
berg 1841) 315]: „Flog ich zum Strande der hesperischen Jungfrauu, / Wo die 
goldnen Äpfel glühen, / Und des purpurnen Meers waltender Herrscher nicht / 
Länger Schiffern die Bahn vergönnt, / Der die heilige Mark schirmt, Wo der 
Atlas den Himmel trägt, / Und ambrosische Bäche wallen / Beim bräutlichen 
Lager des Zeus, w*o / Das göttliche Land des Segens / Den Unsterblichen ohn’ 
Ende das Glück zuströmt.“ Vgl. hierzu M. Gothein, Der Gottheit lebendiges 
Kleid im Archiv für Religionswissenschaft IX (1906) 336 11’. R. Eisler. Welten¬ 
mantel und Himmelszelt. München 1910. F. Kampcrs. Weltheilandsidee und 
Renaissance. Internationale Wochenschrift. 1910. Sept. 

8 ) Auf den Lcbeusbaum bezieht sich wahrscheinlich auch die Stelle aus 
dem Gilgame>cpos: „Edelsteine trägt er als Frucht, / Äste hängen daran, 
prächtig anzuschauen, / Krystall tragen die Zweige, / Früchte trägt er, herrlich 
anzuschauen.“ Vgl. Wünsche a. a. 0. S. 3*. A. Jeremias, Izdubar-Nimrod. 
Leipzig 1891. S. 30. F. Kampers, Alexander der Gr. und die Idee des Welt¬ 
imperiums in Prophetie und Sage. Freiburg i. B. 1901. S. 90 f. 

4 ) Apollonius v. 13062 ff. 1309311'. S. 208; v. 13255 11. S. 211. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


25 


Alle Paare gehen „ander dem pawm her“ und dann in das Innere des Berges, 
wo der reiche Hort Diomenas ruht. 

Ein Seitenstück zu dieser Schilderung hißt diese als ein arg vermensch¬ 
lichtes Abbild der antiken Hierogamie und der gnostischen Vermählung Christi 
mit der Sophia, oder überhaupt mit der Seele des „Vollendeten“ erscheinen. 
In den Offenbarungen der Mechthild von Magdeburg (+ zwischen 1281 und 1301) 
sagt der Heiland zur Seele: 

„Und ich warten din in dem bomgarten der minne 
Und briche dir die blume der sueßen einunge 
Und machen dir da ein bette 

Von dem lustlichcn grase der heligen bekantheit . . . 

Und da neigen ich dir den hohsten bom miner heligen drivaltikeit, 

So brichest du dene die gruenen, wissen, roten ocpfel miner sanftigen menscheit.“ 

Wie die Braut dem Bräutigam im antiken Hochzeitsritus Äpfel darbietet, 
so hier umgekehrt. Ähnlich heißt es bei der jüngeren Mechthild von Hackeborn, 
welche durch die Jungfrau Maria in einen Lustgarten mit schönen Bäumen 
geführt wird: „Auch ward daselbst ein begehrenswerter Baum voll Lust, wie 
reinster Kristall mit goldenen Blättern, in jedes Blatt ein Goldring gewirkt, die 
Frucht schneeweiß und ganz süß und linde, wodurch die lichte, natürliche 
Reinheit des Herrn bezeichnet ward, die sich allen mitzuteilen strebt. Dieser 
Baum tat sich auf, und der Herr ging hinein und verband die Seole ihm selbst 
mit solcher Einung, daß erfüllt schien das Wort des Psalmisten: Ich habe 
gesagt: Götter seid ihr“ 1 ). Diese mystische Gottesminne hat die Wiedergeburt 
durch göttliche Zeugung, die Gotteskindschaft, welche auch das antike Mysterium 
kennt, zum Ziele. Bei Apuleius wird der Myste nach seiner Wiedergeburt mit 
dem Himmelsgewandc bekleidet und als Gott verehrt. Die Verwandtschaft dieser 
Baumfeier mit dem Durchschreiten des Baumes durch das Brautpaar im 
„Apollonius“ ist nicht in Abrede zu stellen. Wir vernehmen jetzt mit besonderer 
Aufmerksamkeit, daß sich dieser Baum auch in ähnlicher Form in der Herakles¬ 
sage findet. Im Inselheiligtum — man denkt an die schwimmende Insel der 
tyrischen Gründungssage — des punischcn Herakles zu Gadeira stand nämlich, 
wie Philostrat berichtet, ein goldener, von Pygmalion gefertigter, mit Smaragden 
geschmückter Ölbauin 2 ). Dieser ist wie jene eben genannte goldene Weinrebe 3 ) 
am byzantinischen Kaiserthron, die auch für das Königszelt des Xerxes und für 
den Thron Salomons gefertigt wurde, nur ein Gleichnis des einen Weltenbauines. 
Der Schild des Herakles, der sicherlich ursprünglich als Symbol der Baum¬ 
bekleidung daran gehängt wurde, und den wir in der Höhle bei Tinge wieder- 

J ) Vgl. meinen Aufsatz „Dante und die Renaissance“ [Internationale 
Wochenschrift. 15. Oktober 1910], Über die Mechthild von Magdeburg 
H. Stierling, Studien zu Mechth. von M. Nürnberg 1907. 

2 ) Philostrat, Apollonius V, 5. S. 95. 

3 ) Eisler, u. a. 0. S. 586. Nach dem Zend-Avesta (vgl. Wünsche a. a. 0. 
S. 3] steht der Lebensbaum, der weiße Hom, auf dem Berge Albordsch. Aus 
ihm kommen alle Gewässer der Erde. Er wird gegen die Angriffe des Reiches 
Ahrimans bewacht. Auch dieser, der Unsterblichlichkeit verleiht und alles 
Verborgene offenbar macht, gleicht einem Weinstock. 


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26 


Franz Kainpcrs 


fanden, fehlt in jenem punischeu Heiligtum. In unserem ^Apollonius“ kehrt er 
in freilich anderer Form wieder. An die Stelle der Phiale, welche als 
kosmisches Symbol des Himmelsmantels in der Grlindungssage von Tyrus über 
dem Weltenbaum schwebt, an Stelle des goldenen Kranzes, mit dem Xerxes die 
goldene Platane schmückte 1 ), haben wir hier das wie die Sonne strahlende 
Vließ von der kosmischen Eiche. Nur ist daraus, da der Dichter dessen 
Bedeutung nicht kannte, ein Tier geworden. 

,Da giengen tierel inne; Gleyssenden und durchleichtig gar. 

Venus di gottynne Es ist als ain lampelein. 

Hette es der schonen gesant: So gar liecht ist sein schein: 

Goltschepper ist es genant, Als di sunne dar an geht, 

Das ist im latein alsuß: Wer dann in dem garten stett 

»Aureuni vellus«. Dem wird von dem scheine puß, 

Sein wolle ist als goltvar, Das es die äugen decken muß.“ 

Nur ein schwacher Abglanz des alten mystischen Tiefsinns und der 
gnostischen Mystik liegt auf dieser ins Groteske herabgezogenen Paradieses¬ 
wanderung des Apollonius; aber angesichts der Fülle von Beziehungen zwischen 
der deutschen Dichtung und der Herakles-Sage einerseits, der Lebensbeschreibung 
des Philostrat und der Gründungsgeschichte von Tyrus andererseits sind wir 
geradezu gezwungen zur Annahme einer Vorlage der deutschen Dichtung, welche 
in gnostischen Kreisen sei es der Stadt Tyrus selbst, sei es der hellenistischen 
Nachbarschaft entweder verfaßt oder doch überarbeitet wurde. Ihr Gegenstand 
war entweder: die Wanderung des Gottes Herakles selbst, oder: die Himmels- 
wanderung eines tyrischen Helden, auf welchen die Züge des Gottes übertragen 
wurden. Für den Mythus könnten sprechen die Gegenspieler des Apollonius: 
Serpanta, Idrogant und der Löwe. Als Sternbilder — Serpens, Hydra, Leo — 
fügen sie sich einem verstirnten Heraklesmythus unschwer ein 2 ). 

Wenn wir von hier aus nunmehr zu den Dichtungen des Gralkreises und 
vor allen zu dem gewaltigen Lebensepos Wolframs übergehen, so müssen wir uns 
bei der offenbaren Verwandtschaft zwischen der Gralsuche Paizivals und der 
Himmelswanderung des Apollonius fragen: Ist diese Schale der Genuesen im 
Heraklestempel zu Tyrus, und mag sie auch wertloses Glas sein, nicht doch 
vielleicht das Urbild des Gral? Ist diese vorauszusetzende Vorlage des deutschen 
Apollonius nicht vielleicht mittelbar auch die Vorlage Wolframs gewesen? 

Wolfram nennt als seinen vornehmsten Gewährsmann den Provenzalen 
Kyot, der ihm die rechte Kunde vom Gral vermittelt habe. Daß dieser Kyot, 
an dessen Vorhandensein — mag er nun so, mag er anders geheißen haben — 
nicht gezweifelt werden darf, selbst wieder andere Vorlagen benutzte, ist von 
vornherein anzunehmen. Zur Gewißheit wird diese Voraussetzung durch zwei 
Überlieferungen der Parzivalfabel im englisch-keltischen Kulturkreis, welche 
unabhängig von den Gralepen entstanden sind. Es sind das: der keltische 
Roman von Percdur und das englische Spielmannsmärchen von Percyveile 3 ). 

J ) Herodot 7,27. Vgl. dazu Kampers, Alexander. S. 102. 

2 ) Auf serpens und hydra verweist Singer (Quelle a. a. 0. S. 337); ich 
möchte auch den Löwen hinzunehmen. 

3 ) Aus der umfangreichen Literatur über den Peredur-Roman hebe ich 




Gnostisches im „Parzival“. 


27 


In den Mabinogion, deren vorliegende Redaktion dem ersten Drittel des drei¬ 
zehnten Jahrhunderts angehört, die aber wohl auf ältere Fassungen zurück- 
gchen 1 ), wird von einem Helden Peredur das Gleiche berichtet wie von dem 
Parzival dor Graldichtungen. Seine Jugend in der Einsamkeit, seine Begegnung 
mit den strahlenden Rittern, sein Auszug in lächerlicher Rüstung, sein Kampf 
mit dem Ritter, der von Arturs Tafel den goldenen Becher raubt, die Unter¬ 
weisung, welche ihm sein greiser Onkel erteilt, seine Ankunft in der Burg des 
zweiten Onkels, die Wunder der Lanze und der Schüssel, die Befreiung der 
Schloßherrin, welche sich ihm in Liebe ergibt, die Blutstropfen im Schnee, die 
ihn an die Geliebte erinnern, die Vorwürfe des als häßliches Mädchen ver¬ 
kleideten Jünglings wegen der Unterlassung der erlösenden Frage und noch 
viele andere Einzelheiten dieser Mär verraten deren nächste Verwandtschaft 
mit der Parzivalfabcl. Um so mehr sind wir überrascht, daß hier statt des 
Gral eine Schüssel mit einem blutenden Haupte erscheint. Die Mabinogion 
erzählen 2 ): „II commencait ä causer avec son oncle, lorsqu’il vit venir dans la 
salle et entrer dans la chambre, deux hommes portant une lancc enorme: du 
col de la lance coulaient jusqu’ ä terre trois ruisseaux de sang. A cette vue, 
to\ite la compagnie se mit ä se lamenter et ä gemir. Malgre cela le vieillard 
ne rompit pas son entretien avec Peredur; il ne donna pas Fexplication de ce 
fait ä Peredur et Peredur ne la lui demanda pas non plus. Apres quelques 
instants de silencc, entrerent deux pucelles portant entre eiles un grand plat 
sur lequel etait une tote d'homme baignant dans le sang. La compagnie jeta 
alors de tels oris qu il etait fatigant de rester dans la memo salle qu’eux. 
A la fin, ils se turent. Lorsque le moment de dormir fut arrive, Peredur se 
rendit dans une belle chambre. Le lendemain, il partit avec le conge de son 
oncle.“ Später macht das häßliche Mädchen dem Helden folgende Vorwürfe 3 ): 
„Tu es alle ä la cour du roi boiteux, tu y as vu le jeunc hoinme avec la lance 
rouge, au bout de laquelle il y avait une goutte de sang qui se changea en un 
torrent coulant jusque sur le poing du jeune homme; tu as vu lä encore 
d'autres prodiges: tu n’en as demande ni le sens ni la cause! Si tu Favais 
fait, le roi aurait obtenu la Santo pour lui et la paix pour ses Etats.“ Ganz 
am Schlüsse der Erzählung erhält Peredur, ohne zu fragen, die Aufklärung 4 ): 
„La tote etait celle de ton cousin gennain. Ce sont les sorcieres de Kaerloyw 
qui Font tue; ce sont elles aussi qui ont estropie ton oncle; moi, je suis ton 
cousin. Il est predit que tu les vengeras.“ 

Diese Erzählung ist voller Widersprüche. Peredur ist dazu ausersehen, 
daß er die Ermordung seines Vetters und die Verwundung seines Oheims durch 

heraus: Mary Rh. Williams, Essai sur la composition du roman gallois de 
Peredur. These. Paris 1909. Les Mabinogion du livre rouge de Hergcst 
avec les variantes du livre blanc de Rhydderch. Trad. du gallois avec une 
introduction etc. par J. Loth. 2 vol. Paris 1913. In beiden Werken findet 
sich das Beweismaterial dafür, daß dieser Roman seinen Stoff nicht aus dem 
Epos Chrostiens schöpfte. Über das Spielmannslied vgl. weiter unten. 

*) Williams 1. c. p. 79 sv. Loth 1. c. p. 21 sv. 

2 ) Loth 1. c. II. p. 64 sv. 3 ) Loth 1. c. II. p. 104 sv. 

4 ) Loth 1. c. II. p. 119. 


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28 


,Franz Kampers 


die Hexen von Kacrloyw rächt. Lanze uiul Haupt sollen, an die Untat erinnernd, 
zur Rache außerdem, und diese soll dann die Heilung des Verwundeten zur 
Folge haben. Das ist der kurze Sinn der Erzählung 1 ). Die Tatsache, daß in 
ihr der Frage an sich nun eine heilende Wirkung zugeschrieben wird, wirkt wie 
ein Fremdkörper. Mindestens können wir erwarten, daß Peredur diese Frage 
im weiteren Verlaufe der Handlung wirklich stellt. Das geschieht nicht. Ohne 
auch nur den leisesten Wunsch geäußert zu haben, wird Peredur über Lanze 
und Haupt aufgeklärt. Darauf nimmt er wirklich Rache an der Hexe. Und 
dann wieder hören wir nichts davon, daß nun sein Oheim tatsächlich geheilt 
ist. Diese Verwirrung läßt eine ungeschickte Verarbeitung eines älteren 
Gedankens deutlich erkennen. Manessiers „Conte de GraaP stellt diesen 
heraus 2 ). Diese breite, schwülstige Umdichtung des schönen Werkes Chrestiens, 
die ein paar Jahrzehnte nach diesem Epos entstand, berichtet, daß die Wunde 
des Fischerkönigs nicht eher heilen werde, bis der Mord seines Bruders gerächt 
sei. Perceval unterrichtet sich hier über den Gral und die Lanze und schwört, 
den Tod des Ermordeten zu vergelten. Mit dem abgeschlagenen Haupt auf der 
Lanze kehrl er zurück. Sofort ist der Oheim gesund. 

Reste dieses ursprünglichen Motivs bilden sich auch bei Wolfram, der mit 
dem Peredurroman häufig viel mehr übereinstimmt, als mit den Versen des 
Chrestien, wodurch allein schon die Benutzung einer französischen oder vielleicht 
lateinischen Vorlage, die älter ist als dieser, durch den deutschen Meister 
erwiesen ist. Das Motiv von der vorausgesagten Rache ist vorhanden, aber es 
ist arg verblaßt. Nach der unzweideutigen Aufforderung der Mutter, die 
Ermordung seines Vaters zu rächen, durfte man bei Wolfram auch erwarten, 
daß das im Verlaufe der Handlung auch geschehen werde. Dem ist aber nicht 
so. Auch die blutende Lanze, die mit dem Gral im deutschen „Parzival“ in 
den Saal getragen wird, ist nur als Symbol der Rache zu erklären. Gral und 
Lanze sind beide in der Wolframschen Dichtung außerkirchliche Heiligtümer. 
Erst später hat klerikale Überarbeitung aus dem Gral die Abendmahlschüßel 
und aus der Lanze die Lanze des Longinus gemacht. Die Abwesenheit der 
Priester, das Unterbleiben jedweder Frömmigkeitsäußerung beim Erscheinen 
des Gral und der Lanze, das muntere Zugreifen „am Tischlein deck Dich** — 
all das zwingt uns zu der Voraussetzung, daß Wolfram und Chrestien gar nicht 
die Absicht hatten, mit diesen Wunderdingen hochheilige Symbole in ihre 
abenteuerliche Darstellung cinzuführen. Obendrein verrät Chrestien, daß nicht 
der Gral, sondern die Lanze das Ursprünglichere ist; denn Gauvaiu zieht aus, 
die Lanze und nicht den Gral zu suchen 3 ). Geben wir nun aber den außer¬ 
kirchlichen Charakter der beiden Symbole zu. so ist die blutende Lanze nur 
verständlich durch die Annahme, daß wir es hier mit einem nicht mehr in 


1 ) So richtig Williams 1. c. p. 4G sv. Peredur erscheint nach ihr im 
zwölften Jahrhundert als „le medecin par excellence*. 

2 ) Perceval le Gallois. ed. Potvin. Vol. V (Mons 1S70) v. 34935 sv. 
Vgl. dazu Williams 1. c. p. 48 sv. 

8 ) I. Ti. Westen, The legend of Sir Perceval. Studios upon its origin, 
development and position in the Arthurian cycle. Vol. II (London 1909) 193. 


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Gnostisches im „Parzivai“. 


29 


seiner Bedeutung verstandenen Reste einer älteren Überlieferung zu tun haben. 
Das Gleiche gilt auch von dem lauten Jammern der Tafelrunde beim Herein tragen 
der Lanze. Warum dieses Weheklagen bei Wolfram? Die Ermordung des Vaters 
Parzivals hat mit der Verwundung des Königs gar nichts zu tun, und an diese 
kann die Lanze unmöglich erinnern. Der kranke, bemitleidete König aber ist 
ja schon vorher unter den Jammernden. Daß dieser verwundet ist, sagt ihnen 
der Augenschein. Nachher stört ja auch der Anblick des Leidenden durchaus 
nicht die den Speisen tapfer zusprechenden Ritter. Chrestien weiß nichts von 
diesem Schmerzausbruch, wohl aber der Roman von Peredur. In diesem letzteren 
wird das Klagen verständlich. Wie Manessier uns lehrte, sind hier die Lanze 
und das abgeschlagene Haupt ursprünglich die Mahner zur Rache. Wir besitzen 
sogar eine Fassung dieses Zuges, in welcher das Haupt selbst jammert, d. h. 
also wohl, in welcher das Haupt selbst zum Ankläger wird. In des Petrus 
Berchorius „Reductorium Morale“ aus dem vierzehnten Jahrhundert findet sich 
die seltsame Nachricht 1 ): „Quid dicam de mirabilibus quae in historiis Galuagni 
et Arcturi ponuntur; quorum unum de omnibus recito, scilicet de palatio quod 
Galuagnus sub aquam casu raptus reperit. vbi mensam refertam epulis et 
sedem positam inuenit: ostium uero per quod exire valeret non vidit: qui cum 
famesceret et comedere vellet, statim caput hominis mortui positum in lance 
affuit; et gigas in feretro iuxta ignem iaeuit; giganteque surgente et palatium 
capite concutiente, capite uero clamante et cibos interdicente, nunquam de cibis 
comedere ausus fuit: qui post multa miracula exiuit: sed nesciuit qualiter exiuit“. 

Diese Symbole der Rache in ihrer schreckhaften Gestalt deuten im Peredur- 
romati auf eine starke, sagenbildende Einwirkung einer rauhen, urwüchsigen, 
bodenständigen Vorstellung hin. Daneben verrät diese Erzählung der Mabinogion, 
ebenso wie andere dieser Sammlung, aber auch die Verarbeitung von Stoffen, 
weiche durch französische Vorlagen vermittelt wurden. Die Fabel des Peredur 
bezeugt trotz dieses starken volkstümlichen Gehaltes die östliche Herkunft der 
in ihr verarbeiteten Erzählung vom Rächer und Jenseitswanderer Parzival. 

Nach dem Osten deutet schon Peredurs Abenteuer im Lande der Kaiserin 
von Oristinobyl, das er „du cöte de Finde“ suchen muß. In diese Richtung 
weist auch der Zug von dem Wunderstein, welchen die von Peredur erschlagene 
Schiauge im Schwänze trägt. Wir erinnern uns dabei sofort an die von 
Philostrat erwähnten indischen Schlangen mit dem Zauberstein im Kopfe. Zur 
Sagenwelt, aus welcher der Urparzival geschöpft haben muß, und damit zu 
den Gedankenkreisen des Ostens bietet dieser keltische Roman endlich noch 
drei weitere Beziehungen. Jene Kaiserin gibt dem Helden einen Talisman, 
damit er den Kampf mit dem Drachen bestehen kann — ganz wie in den öst¬ 
lichen Überlieferungen vom Jenseitswanderer. Sodann ist die heilende Frage 
meines Erachtens die Umformung einer zauberwirkenden Frage, die in den 
Sagen vom Priesterkönige Johann eine Rolle spielt. Die Frage nach der Lanze 
wirkt nämlich im Peredurroman, wie wir sahen, höchst störend. Auch die 
Graldichter wissen nichts Rechtes mit ihr anzufangen. In Form und Inhalt 

l ) Petri Berchorii Pictaviensis Opera omnia. I (Coloniae Agrippinae 
1730) 565. Damit stimmt der Text der von Williams (1. c. p. 47) citierten 
Pariser Ausgabe vom Jahre 1521 genau überein. 


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Franz Kampers 


erscheint sie in den Gralepen geradezu als nichtssagend und lächerlich, als so 
nichtssagend, als so lächerlich, daß wir auch hier die Verzerrung eines älteren 
Vorbildes annehmen müssen. Möglich, daß ursprünglich durch die Frage nur 
die Aufklärung über den Mord herausgefordert wurde, und daß diese dann das 
Rachegefühl weckte und so die heilende Vergeltung herbeiführte. Es ist aber 
auch denkbar, daß hier ein heimisches, grausiges Motiv in Verbindung mit einer 
anderen Erzählung gebracht wurde, in welcher gleichfalls von der Rache eines 
Verwandtenmordes die Rede war, und in welcher daneben aber auch schon eine 
Frage eine bedeutsame Rolle spielte. Das Abenteuer Peredurs in Indien läßt 
sich in der Tat unschwer in eine orientalische Beleuchtung rücken. Wir er¬ 
innern uns des Wundertisches im Ewigkeitspalaste des Priesterkönigs Johann 
von Indien; wir erinnern uns des mit Speisen besetzten Tisches mit dem 
jammernden Menschenhaupt in dem Palaste des Beichorius unter den Wassern, 
welcher in dem versunkenen Kaiserpalast unter dem Marsfeldc Roms mit dem 
taghell leuchtenden Edelstein, von dem Wilhelm von Malmesbury berichtet, ein 
bemerkenswertes Scitenstück hat 1 ). In den Kreuzfahrersagen von jenem Priester¬ 
könige kommt nun auch eine solche Frage vor; cs ist die Frage nach dem 
Wesen des Wundersteines, welchen der Traumheld des fernen Ostens dem Kaiser 
Friedrich nach dem Westen schickt 2 ). Diese Frage erst sichert hier Besitz 
und Zauber des Steines. Bei dieser Sachlage gewinnt die Vermutung an 
Wahrscheinlichkeit, daß auf dieser Stufe der Sagenentwicklung, wo schon der 
Tisch, nicht aber der Gral — so in >ener Kreuzfahrersage, so in der spanischen 
Salomonsage — sich bereits verselbständigt hatte, wo der Wunderstein, der 
zuvor als Sonnensymbol u. a. auf der Spitze der Grabpyramide der Salomone 
oder des Palastes des Priesterkönigs erstrahlte, anfing zum Mittelpunkt der 
Sage zu werden, wo es aber das, was die ritterliche Welt später „Gral“ nannte, 
noch nicht gab, der bodenständige Stoff von der Rache wegen des Frevels 
gegen Mitglieder des Geschlechtes Titurels verschmolzen wurde mit der aus dem 
Orient gekommenen, aus der Kyrossage entstandenen Mär vom Ritter Parzival, 
welcher den Mörder seines Vaters bestraft und zum Fischerkönig gelangt, wo er den 
wunderwirkenden Stein erhält. Die Fäden, die von dem keltischen Roman 
zu den Sagen des Ostens führen, verdichten sich schließlich zum Garne durch 
eine weitere Beobachtung. Nachdem Peredur den Talisman empfangen hat, 
heißt es: „II se dirigea vers la vallee arrosee par unc riviere. Les contours 
en etaient boises; mais, des deux cötes de la riviere, s’etcndaient des prairies 
unies . . . Sur le bord de la riviere se dressait un grand arbre: une des 
moities de Farbre brülait depuis la racine jusqu'au sommet; l'autre moitie 
portait un feuillage vert 8 ).“ Es ist wohl nicht allzukühn, in diesem Feuerbaum 
ein Abbild des brennenden Strauches in dem Bergheiligtum auf Sinai, oder des 
flammenden Baumes im Heraklesheiligtum von Tyros 4 ) wiederzuerkennen. 

x ) Uber die Sage handele ich in meinem genannten Aufsatz über den 
Waisen. 

2 ) Darüber vgl. mein Lichtland. S. 103. ff. 

8 ) L o th 1. c. II. p. 95. 

4 ) Exod. 3. 2. Dazu Eisler, a. a 0. S. 276 u. 577. Hier auch Hinweise 
auf verwandte Kultsagen. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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Gewiß! Mittelglieder für diese weit auseinander klaffende Bezugnahme fehlen; 
aber gestützt wird diese durch die Tatsache, daß auch das englische Spiel¬ 
mannslied, dessen Verwandtschaft mit dem Peredurroman nicht zu bestreiten 
ist 1 ), auf anderem Wege zur Göttermär vom tyrischen Herakles führt. 

Der englische Spielmann, welcher im 14. Jahrhundert die alte Mär von 
Parzival mit ihrem Dümmlings- und Rachemotiv weitertrug, nennt den Ritter, 
der des Helden Vater erschlagen hat, den Roten Ritter. Auch hier erzieht die 
Mutter den Knaben in der Einsamkeit, auch hier lockt diesen der Anblick der 
Ritter in die Welt. Die Mutter gibt ihm einen Ring als Erkennungszeichen 
mit. Unterwegs steckt er diesen der Dame im Zelte an den Finger, nachdem 
er der Ruhenden den ihrigen geraubt hat. Der Ring jener Dame hat die 
Zauberkraft, unverwundbar zu machen. Dann kommt Percyvellc an Arthurs 
Huf, wo gerade der Rote Ritter wie alljährlich 2 ) den goldenen Becher raubt. 
Nun erfüllt sich die Prophezeiung, daß die bislang von Niemandem bezwungenen 
Kräfte dieses gewaltigen Räubers durch den Sohn des von ihm Ermordeten 
überwunden werden würden. Alsdann legt er sich die Rüstung des Erschlagenen 
an und tötet darauf eine alte Hexe, die Mutter jenes Roten Ritters. ‘ Auf seiner 
weiteren Fahrt gelangt Percyveile ins Mädchenland, dessen Königin er von 
einem aufdringlichen Sultan befreit und heiratet. Nach Jahresfrist zieht es 
ihn heimwärts zur Mutter. Den Spuren seines Ringes nachgehend, der in¬ 
zwischen von der einen Hand an die andere wanderte, findet er die Gesuchte 
und führt sie mit sich in sein Königreich. 

Durch die Wendung, daß der Rote Ritter alljährlich den Becher raubt, 
verrät das Spielmannslied, daß es sich in ihm um einen Jahreszeitenmythus 
handelt. Dieses Märchen findet sich nun auch bei Chrestien und Wolfram. Bei 
beiden aber fehlt dieser kennzeichnende Zug. Ein Zweites: Der Ring der 
Dame, den Parzival erbeutet, hat die Kraft unverwundbar zu machen; so er¬ 
langt er Bedeutung für den Kampf mit dem Roten Ritter. Bei Wolfram spielt 
der Ring gar keine Rolle. Diese ganze Mär erscheint überhaupt wie ein 
Fremdkörper im Aufbau seiner Dichtung. Noch ein Drittes: Parzival tötet 
im Roten Ritter den Mörder seines Vaters. Auch dieser Zug, von welchem in 
Wolframs Vorlage ersichtlich, wie wir bereits beobachteten, noch eine dunkle 
Ahnung durchschimmert, fehlt in den Graldichtungen. Aus alledem ergibt sich, 
daß das Spielmannslied nicht aus den Graldichtungen geschöpft hat. (Jhnehin 
wird das, wie ich früher schon mit Nachdruck betonte, auch durch die Nicht- 

1 ) Dazu vgl. Williams 1. c. p. 111 sv. 

2 ) „Alljährlich“ steht nicht im Text; aber die Wendung, daß der Ritter 
es schon fünf Jahre so getrieben, und die Tatsache, daß später mehrfach von 
der Wiederbringung eines goldenen Bechers die Rede ist (v. 648: 670 etc), 
berechtigen dazu, mit diesem Worte den ursprünglichen und allein eine Erklärung 
dieser Episode ermöglichenden Sinn der Stelle zu kennzeichnen. Es heißt im 
Spielmannsliede [The romance of Sir Perceval of Galles ed. J. 0. Ha 11 iw eil. 
The Thornton romances. London 1844. v. 633 ff. p. 25.]: 

„Fyve zeres base he thus gane, 

And my coupes fro me tune, 

And my gude knyghte slayne“ . . . 


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Franz Kampers 


erwähnung des Gral in diesem Märchen erwiesen. Wäre das hochgefeierte 
Kleinod der ritterlichen Welt, das der üppigste Zauber umgibt, schon damals, 
als jener fahrende Sänger zuerst diese Mär weitertrug, in seiner Quelle vor¬ 
handen gewesen — er hätte es sicherlich nicht vergessen. Dieses Spiclmanns- 
lied hat — wie sich das aus der Vorstellung des Mädchenlandes des Paradieses 
ergibt, von dem die derbsinnliche Phantasie der Kelten träumte — einen 
heimischen Firnis erhalten; es überwiegen aber in ihm durchaus die Elemente 
aus dem fernen Osten. Schon durch die Gestalt des aufdringlichen Sultans 
verrät der Stoff seine orientalische Herkunft. Wir erinnern uns an den „Roten“, 
den Jahreszeitengott Herakles, welcher den goldenen Becher erbeutet^ wir er¬ 
innern uns an die kampfcrfüllte Gewinnung der geheimnisvollen Machtmittel 
der Finsternis durch den Lichtgott, und aus diesen Elementen bauen wir uns 
eine in grauen Zeiten entstandene Vorlage dieses Spielmannsmärchens wieder 
auf. Dazu haben wir ein Recht. 

ln der Schilderung des Ringens Parzivals mit dem Gatten der Dame im 
Zelte überrascht der Hinweis auf die Drachen, welche dieser im Schilde führt. 
Sie scheinen zu leben 1 ): 


„üf des schiltes vander 
einen trachcn, als er lebete 
ein ander trache strebete 
üf sinem helme gebunden, 
an den selben stunden 


manec guldin trache kleine 
(mit manegem edeln steine 
muosten die gelieret sin 
ir ougen wären rubin) 
üf der decke und aui kursit.“ 


Vergleichen wir damit den französischen Prosaroman von Apollonius, wie ihn 
eine Wiener Handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts erzählt 2 ). Als Bedingung 
zur Heirat der begehrten Königstochter wird dem Apollonius hier ein Kampf 
mit einem feuerspeienden, teullischen Ritter“ gestellt. Apollonius zieht aus 
und iindet diesen durch die Macht des Teufels gewaltigen Kämpen. In der 
Hand führt der eine feurige Lanze, und er trägt einen Schild, aus dem heraus 
ein Drache Feuer speit. „Apollonius wirft nun seine, Lanze dem Drachen wie 
einen gauelot in den Mund, aber sie verbrennt sofort. Dem Stoß der feurigen 
Lanze weicht er aus und wirft seinen Stockdegen dem Drachen ins Ohr. da 
wendet sich dieser gegen den eigenen Herrn und verbrennt ihn. Apollonius 
reißt dem Brennenden den kostbaren Helm herunter und haut ihm den Kopf 
ab. Der Ritter ruft seine Teufel zu Hilfe, drei erscheinen, aber nur, uui Leib 
und Seele mit sich zu führen.“ Später gibt die Prinzessin dem Apollonius eine 
rote Rüstung und dadurch wird er als roter Ritter gerühmt. 

Hier wird der Waffengang des „Roten“ zu einem Kampf mit dem Teufel, 
mit den Mächten der Finsternis um den kostbaren Helm, den, wie wir vermuten 


x ) Parzival 262. Ich zitiere nach Wolfram von Eschenbach, hrsg. 
v. A. Leitzmann in Altdeutsche Textbibliothek 12 (Halle 1902); 13 u. 14 (1903), 
2 ) Hs. 3428 der Wiener Hofbibliothek. Darüber berichtet S. Singer iu 
einer Rezension von A. H. Smith, Shakespeare’s Pcricles and Apollonius of 
Tjre, im Beiblatt der Anglia X (1899/1900) 107 ff. Die Beziehungen dieser 
Episode zur Sage vom Babylonischen Reich stellte S. Singer Quelle a. a. 0. 
S. 333 f. fest. 


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Gnostisches im ..Parzival“. 


33 


dürfen, Zaubersteine schmückten. Das geht nämlich aus der Verwandtschaft 
dieses Zuges mit der Sage vom Babylonischen Reiche mit Sicherheit hervor 1 ). 
Diese berichtet: ^Nabucliodonosor ließ um Babylon herum einen großen Drachen 
machen. Im Kopfe dieses Drachens ist der Eingang in die Stadt. Er befiehlt, 
Drachenbilder zu machen auf alle Geräte, auf die Paläste, auf alle Türen uud 
auf das Vieh. Für sich selbst aber macht er das Schwert »Selbsthau, Aspis- 
Drache.« Als er stirbt, befiehlt er, das Schwert in die Stadtmauer einzu- 
mauern und verbietet, es herauszunchinen bis zum Ende der Welt. Da aber 
einstmals übermächtige Feinde gegen die Stadt heranziehen, bewegen die Baby¬ 
lonier seinen Sohn Wassili (Basilius), gegen sein Verbot das Schwert aus der 
Mauer zu nehmen. Da fuhr Selbsthau, Aspis-Drache aus der Scheide und schlug 
des Kaisers Wassili Haupt ab, erschlug aber auch alle die feindlichen Könige 
mit ihren großen Heeren. Aber alles an der Armee der babylonischen Krieger, 
was an ihnen von Abzeichen an Kleidern, Waffen, Pferden, Zäumen, Sätteln und 
Rüstung von Drachen war, alle diese begannen zu leben und fraßen das ganze 
Heer. Uud was in der Stadt von Drachenbildern war, die fraßen die Frauen 
und Kinder und alles Vieh; und auch der große Drache um die Stadt herum 
wurde lebendig und zischte und brüllte 2 )“. Später kommen Gesandte des 
Kaisers Leo in die verödete Stadt und linden dort die mit kostbaren Steinen 
verzierten Kronen Nabuchodonosors und seiner Frau. Daß dieser Drache — 
ebenso wie in unserer Heraklessage — einem mythischen Könige gelegentlich 
gleichgesetzt und Träger dor gefeierten Krone wird, werden wfir später sehen 3 ). 

Indem nun Wolfram im Gegensatz zu dem Spielmannsliede diesen Zug, 
der seine mythische Herkunft gar nicht zu verleugnen vermag, wenn auch in 
höchst abgeblaßter Form überliefert, verrät er, daß er mittelbar — ich setze 
auch hier wieder die Tatsächlichkeit seines Kyot voraus, die auch durch diese 
Ausführungen eine neue Stütze erhalten wird — auf eine alte östliche Vor¬ 
lage zurückgeht. Da wir nun die ganze Fabel in all ihren großen Einzel¬ 
heiten, vor allem mit ihrer Gestalt des „Roten“ im Mythus des Ostens wieder¬ 
finden, so dürfen Wir jene Vorlage mit diesem in die engste Beziehung bringen, - 
zumal auch die übrige Fabel der Graldichtungen mit ihren Gestalten, Szenerien 
und Symbolen entschieden nach dem Osten zurückweist. 

Das uralte babylonisch-assyrischeMythologem von dem die Welt beglückenden 
Sonnengotte auf dem siebenstufigen Thronsitz der Herrlichkeit im Garten Eden 
kam nun natürlich nicht in seiner lapidaren Form nach dem Westen. Schon in der 
Kulturwelt des Zweistromlandes wandelte es sich zu einer Sage vom Musterkönige 
um. Das babylonische Nationalepos mit seinem zur jenseitigen Welt wandernden 
Helden leitete vom Mythus zum Heldensang des Ostens hinüber. Gilgamos- 
Nimrod dringt nach der Besiegung des Riesen Humbaba und des Himmelsstieres 
durch Schrecken aller Art, an einem Unhold vorbei, welcher mit seinem Weibe 

! ) Vgl. hierzu Kampers, Alexander S. 105 ff. 

a ) A. Wes8elofsky, Die Sage vom babylonischen Reich. Archiv für 
slav. Philologie. II (1876—1887) 136. Über die Verwendung von Drachen zu 
militärischen Symbolen bei Indem, Persern, Parthern, Reimern vgl. Pauly- 
Wissowa, Realencyclopaedie s. v. dracu. v 

3 ) Unten S. 56. 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 3 


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34 


Franz Kampers 


die Sonne nach ihrem Untergänge bewacht, bis zu den ewigen Wassern, wo der 
Weltenbaum herrlich aufragt, wo die Göttin Sabitu im Meerespalast dem Kühnen 
warnend zuruft, daß nur Sarnas, der Held, die verschlossenen Gewässer des Todes 
überschritten habe. Der lichte Held aber, angetan mit dem Himmelskleide 1 ), 
findet Zutritt zu den Gefilden der Seligen, ohne freilich dort auch die Unsterblich- 
keit zu erlangen. Aus diesem Heldensang schöpfte die persische Königssage, 
die sich an verschiedoue Herrscher, besonders aber an den gefeierten König 
Chosro kettete. 

In der iranischen Sage 2 ) wandelte sich das Mythologem von der Lichtlandfahrt 
des Gottes und dessen Triumph nach dem Wiedergewinn der Lostafeln zu der 
Mär von dem jungen Königssohn, welcher in der Verborgenheit aufwächst, als 
Weltfremder ins Leben tritt, die Ermordung des Vaters rächt, kämpfend sich 
über das Menschliche zum Ewigen erhebt, im Besitz des alles enthüllenden 
Welteubechefs oder Zauberspiegels gewürdigt wird, das Glück Edens um sich zu 
breiten, und schließlich nach seinem geheimnisvollen Verschwinden tot und 
doch nicht tot auf seinem Turm, der Nachbildung des Götterberges, umgeben 
von Sonne, Mond und Sternen dem Lichtgotte gleich thront. Wie die Fabel 
unseres „Parzival* gerade in ihren wesentlichsten Zügen, besonders in dem 
Grundgedanken der inneren Läuterung des Helden, ein eng verwandtes Seiten¬ 
stück zur Chosrosage ist, habe ich früher eingehend gezeigt. Mittelbar stammt 
aus dieser persischen Mär neben dem Gedanken der Heilsfahrt auch die Vor¬ 
stellung von der Unzugänglichkeit der paradiesischen Gralburg, von dem Zauber¬ 
spiegel, welcher bei dem Doppelsinn des persischen Wortes güm in jener Mär 
des Ostens auch ein Weltenbecher ist, von der Herkunft Parzivals von zwei 
berühmten Geschlechtern, von seiner weltfremden Erziehung in der Einsamkeit, 
von dem tölpischen Auftreten des Naturkindes, von der Rache für die Ermordung 
des Vaters. Auch das Bild des Vaters Parzivals wird dem des Sagenkönigs 
Chosro angeglichen. Beide werden von den Heiden als Gott angebetet. Wie 
der Perser, so läßt auch Gachmuret auf seinem Grabe ein Kreuz aufrichten, 
damit auch die Christen bei ihrer Verehrung des Toten das Gleiche zu tun 
scheinen, wie die Heiden. Beide werden nach ihrem Ableben in einen goldenen 
Sarg oder Becher gelegt 3 ). Erwähnt sei hier nobenbei, daß wir auch das 
Regen faß der Brahmanen an Chosros Stufenthron, über den sich, wie auch 
ähnlich bei jenem babylonischen Könige des Philostrat, der Himmel mit Sonne, 
Mond und Sternen wölbt, wieder finden. Dieser Thron ist nämlich künstlich 
mit Röhren versehen, „ut quasi deus pluviam desuper videatur infundere*. 
Genug! Parzival tritt an die Stelle dieses persischen Musterkönigs und dadurch 
mittelbar an die Stelle des Lichtgottes, welcher den Mächten der Finsternis 
die Lostafeln, den Spiegel oder den Siegelring abtrotzt. Das zuerst genannte 


J ) Über das Himmelskleid noch weiter unten S. 43 und Eisler a. a. 0. 
S. 293. 

2 ) Kampers, Turm S. 113ff. 

3 ) Maßmann, Eraklius. Bibliothek der ges. deutschen Nationalliteratur VI 
(1842) 499. 503. Singer, Quelle S. 338. Kampers, Alexander, S. 137. Turm 
S. 118 f. 


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— 


Gnostisches im „Parzival“. 35 

Unterpfand des Sieges ermuntert mich, mit größerer Sicherheit, wie früher 1 ), 
zu behaupten, daß der Name Parzival persischer Herkunft ist und als „Perser“ 
oder „Kitter des Loses“ zu erklären ist, und mit größerer Zuversicht glaube 
ich jetzt, daß in der spanischen Kabbalistik das hebräische Wort goral, Los 
oder Losstein, zu garal wurde, wie der „Apollonius“ das Wort graal schreibt. 
Ich halte es sogar nicht für ausgeschlossen, daß eine dunkle Erinnerung an die 
Lostafeln und damit an die Herkunft des Wortes Gral auch in Wolframs Versen 3 ) 
noch zu erkennen ist: 

„um den wurf der sorgen mit sinou ougen äne hant 

wart getopelt, dö er den gräl vant, und äne Würfels ecke“. 

Diese babylonisch-persische Königssage nun bemächtigte sich der Gestalt 
des weisen Judenkönigs Saloinon. Es formen sich unter ihrem Einfluß die 
mannigfaltigen und häufig tiefsinnigen und dichterisch schönen Gedanken von 
seinem weltbedeutenden Tisch und seinem die Dämonen beherrschenden Zauber- 
ring, von seinem Leben in Knechtsgestalt als armer Fischer, von dem Wieder¬ 
auffinden seines Ringes im Bauche dos Fisches und seiner Brautfahrt ins Wunder¬ 
land zu der Göttin an den ewigen Wassern, deren Bild nach dem Bilde der 
babylonischen Sabitu entworfen wurde 3 ). Jetzt wird diese letztere zur Königin 
von Saba, zur Bilkis im Märcbenlande der aufgehenden Sonne, Aethiopien. 
Einmal als Belakane, sodann als Ahnmutter der Gralkönige und des Priester¬ 
königs Johannes lebt sie in den Gralsagen fort 4 ). Salomons Tisch und sein 
Ring 5 ) begegnen jetzt selbständig von einander getrount. Unter dem Einfluß 
der kosmischen jüdischen Tempelsymbolik — hier war der Schaubrottisch, ebenso 
wie der Sonnentisch auf dem Götterberge, ein Gleichnis der Erde — entwickelt 
sich die Vorstellung eines weltbedeutendou salomonischen Tisches, den später 
die maurische, spanische und provenzalische Sage feiern sollten 6 ). Sein Ring- 
stein wird zum krönenden Abschlußstein der Grabpyramide der praeadamitischen 
Salomonc oder des von ihm angeblich in Babylon erbauten Zikkurat. So 
schwebt der Gral später noch im jüngeren „Titurel“ über dem Onyxberg, dessen 
Schichten ausdrücklich erwähnt werden 7 ). Ursprünglich bildete der Sonnentisch 
und das Sonnensymbol eine Einheit. Auch diese Vorstellung erhielt sich. In 
einem Tempel der Sabier, der ganz grün gehalten ist, steht ein Thronsessel 
aus acht Stufen, auf dem ein Idol aus Zinn oder einem Stein, das auf Jupiter 
Bezug hat, sich befindet 8 ). Der^Wunderspiegel auf der Säule 9 ) ist nur eino 

x ) Kam per s, Turm S. 109 ff. 2 ) Parzival 248. 

3 ) Kampers, Alexander S. 91 f. 

4 ) Darüber Kampers, Lichtland S. 31 ff. 

5 ) Ob dieser Salomonsring in Beziehung steht zu dem geomautischen Ringe, 
den Adam bei seinem Auszuge aus dem Paradiese erhielt, ist nicht ersichtlich. 
Letzterer war mit einem Weltkreuze geziert und kam durch Adams Nachkommen 
nach Ägypten, wo er als Geheimnis aller Wissenschaft betrachtet wurde. 
Wünsche a. a. 0. S. 54 u. 57. 

6 ) Kampers, Lichtland S. 19 ff. S. 76 ff. 

7 ) Ebenda S. 81 f. 87 f. 95. e ) Ebenda S. 98. 

9 ) Hier treffen wir den eigenartigen Säulenkult wieder au, der uns in Tyrus 
begegnet. Herodot II, 44 erwähnt im tyrischen Heiligtum des Herakles 

3* 


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Franz Kampers 


3b 

Abwandlung dieses Mythologems. Überall aber behält der Stein seine Sonnen¬ 
natur. Auf dem Tisch Peters des Grausamen, einem Nachfahren des Salomonischen 
Tisches, ist der wie der Tag leuchtende Stein auch in des Tisches Mitte ein¬ 
gelassen. Zwölf Porträts erinnern bei diesem an die Brote des Schaubrottischcs 
und an die Tierkreisbilder. Auch der Altar des hochsinnigen Königs Akbar in 
Sikandarah, ein heute noch vorhandener Zeuge für die mensa im Götterhause, 
trug den Koh-i-nür, den „Berg des Lichtes“. An das ursprüngliche Verhältnis 
zwischen Stein und Tisch erinnert der Zug der Gralsagen, daß das heilige 
Juwel auf die gepriesene kostbare Tafel gestellt wird 1 ). Auch sonst offenbart 
der Stein seine Sonnennatur. In der Salomonsage leuchtet er durch den Bauch 
des Fisches und überzieht er das Meer mit goldigem Lichte. Seinen über¬ 
irdischen Glanz feiern auch die Graldichtungen wiederholt, und wie der Sonnen¬ 
stein als Auge der Gottheit bald federleicht, bald unsäglich schwer in der 
jüdischen Sage erscheint, so kann auch den Gral einzig die reinste Jungfrau 
tragen 2 ). 

„Repanse de Schoic phliget daz in diu valschlich mennescheit 

des gräles, der so swaere wiget, nimmer von der stat getreit“. 

Zu der Verselbständigung von Stein und Tisch trug die Kabbala in der 
Mischkultur Spaniens ganz besonders bei. Hier wird Salomons Tisch der „Tabula 
smaragdina“ des Hermes und sein Sonnenatein dem „Ei der Philosophen“, dem 
„lapis elixir 3 )“, dem Stein der Weisen der Alchemisten, angeglicheu. Ein 
Hauch schwüler Mystik dringt dadurch über die Berge in die alten Sagen, die 
auch darin jenem schein wissenschaftlichen Irrwahn Zugeständnisse machen 
müssen, daß sie Zügen aus der Vorgeschichte dieses bei den Alchemisten die 
Welt bedeutenden Steines — Verlust der Jungfernschaft der Mutter Erde, 
Sündenfall der Engel und Verfehlungen der Töchter der Menschen in der 
Urzeit — Aufnahme gewähren 4 ). In dieser Verselbständigung hatte die gesonderte 
Sage vom Tisch Salomons schon vor den großen Gralepen im Abendlande die 
eigene Mär von der bald hochgefeierten, sich, wie die Welt, drehenden Tafel 
des brotonischen Königs Artur ins Lebon gerufen. 

Alle diese Sagenformen wurden nun mehr oder minder in der verzückten 

„önjAat övo, i] %qvöov än£q)dov, i) öi: O/tagaydov Aidov Adjunovrog t dg 
vvKzaz /leydAcog“. Die Smaragdsäule hieß Hhamman oder Baal-Hhamman 
[Movers a. a. 0. S. 387, 393, 401 f.] Herakles ist ein strahlender Feuer- und 
Säulengott. Die bemerkenswerte Hervorhebung der Smaragdsäule im Umkreise 
der Gralsage findet in diesem tyrischen Kult also auch ihre Aufklärung. Über 
diese Säulen, die eine aus geläutertem Golde, die andere aus Smaragd vgl. 
Plinius XXXVII, 75. Hierüber Grupp es schon angeführter Artikel „Herakles“ 
Sp. 981 f. 

J ) Die näheren Mitteilungen über diese Dinge wird man demnächst in 
meinem Aufsatz „Der Waiso“ linden. 

2 ) Parziv. 477. 

s ) Diese Deutung teilte mir liebenswürdig Konrad Bur dach brieflich mit. 

4 ) Darüber handelte ich eingehend in meinem Aufsatz Turm und Tisch 
a. a. 0. S. 101 ff. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


37 


Geisteswelt der Gnostiker mit neuem Inhalte erfüllt. Das Leitmotiv der Mären 
vom Musterkönige im Paradiesesland, vom weisen Könige Salomon, vom lyrischen 
Herakles erhielt seinen ursprünglich vorherrschenden üborwoltlichen Grundton 
wieder. Die Lichtlandfahrt der verschiedenen Helden wurde mehr oder minder 
zu einer mystischen Läuterungsreise der Seele. Insbesondere „der Rote", der 
gefeierte phönikischc Stadtgott, änderte dabei sein Bild in diesem Gedanken¬ 
kreise. So erscheint bei Justin der kynische Herakles als gewaltiger Diener 
des ’EAoeijn, des gnostischen Vaters, des größten vor Jesus 1 ). Da nun die 
Graldichtungen von diesen hellenistischen Vorbildern die Grundgedanken und 
die Farben nahmen, so können die Spuren gnostischer Vorstellungen, welche 
ihre Gestalten und Örtlichkeiten noch erkennen lassen, nicht überraschen. 

Die Mystik der Gnostiker tut sich in der Tat auf hinter der bunt be¬ 
wegten Welt der ritterlichen Gestalten der Graldichtungen. Hier wie dort 
steht der alte siebenstufige Götterberg ragend in der Mitte; hier wie dort ist 
dieser ein Gegenbild des Himmels mit seinen sieben Sphären geworden, und 
einzig in seinem Innern liegen die Schlüssel zur Lösung der Rätsel der Gral¬ 
dichtungen. 

Gawan, Parzivals Doppelgänger, sicht Orgelusens Schloß Logrois 3 ): 

„an der bürge lägen lobes wert*. der bürge man noch hiute gibt, 

nach trendein mäze was ir bere: daz gein ir sturmes hörte niht: 

swä si verre sach der tumme, si vorhtc wenoc sollte not, 

er wände, si liefe aluinmc. swä man liazzen gein ir böt u . . . 

Es blickt in diesen Versen ersichtlich eine Erinnerung an ein kosmisches 
Drehen dieses die Welt bedeutenden Bauwerkes durch.’ In diesem Schlosse ist 
der Treppenbau, auf dem die Säule mit dem Wundersfuegel steht 3 ). 

„üf durch den palas eincsit diu was niht von holze vül, 

gienc ein gewelbe niht ze wlt, si was lieht unde starc. 

gegredet über den palas hoch; so gröz, vroun Kamillen sarc 

sinewcl sich daz umme zöch. wacre dnife wol gestanden, 

dar üfe stuont ein kläriu sül: uz Feirefizes landen 

brähtez der wise Klinschor“ . . . 

Gawan schaut hinein: 

„dä vant er solh wunder gröz, und daz mit hurte emphiengen 

des in ze sehen niht verdröz: die grözen berge ein ander, 

in dübte, daz im al diu laut in der siule vander 

in der grözen siule waeron bekant liute riteu unde gen, 

und daz diu laut alumme giengen dison loufen, jenen sten. u 

Also auch hier wieder die leicht rationalistisch umgedeutete kreisende 
Bewegung. Wolfram gibt nun auch die Herkunft dieses Wunderwerkes an. 
Es stammt aus Feirefisens Land. Dieser ist der Vater des Priesters Johann 
von Indien, ln dieser Sage vom Priesterkönig begegnet uns auch ein Wunder* 

ö Hippolytus, Werke. 3. Bd.: Refutatio omnium haeresium. V, 26. 
Hrsg. v. P. Wendland. [Die griechisch-christlichen Schriftsteller. Bd. 26 
(Leipzig 1916) 131], Vgl. hierzu Gruppe, Herakles, a. a. 0. Sp. 988 f. 

2 ) Parzival 508. 8 ) Ebenda 589. 


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Franz Kampers 


Spiegel mit einem kostbaren Unterbau von sieben Stockwerken, zu dem 325 — 

soll wohl heißen 365 — Stufen hinaufführen. Dieser Spiegel enthüllt alles, 

was sich im Lande des Priesterkönigs ereignet 1 ). Im jüngeren „Titurel“ 2 ) 

kommt dann ein Zug hinzu, den wir als einen ursprünglichen ansehen müssen: 

„Välsch und al-untrieve der selbe Spiegel meldet, 

diu siht man drinn al niuwe unz er die schuld mit büze widergeldet: 

so zergent diu mal und wirt ein shlite. 

aller mcnschen sünde sint vor got ein mal sinr ougen sihte. 

Als man si dann gebüzet nach der priester lere, 

so wirt der zorn gesuzet an got, daz er die sünde siht niht mere, 

ez si dann daz er aber wider vellet: 

so kom ouh aber widere ze got mit reht, so wirt er niht geheilet.“ 

In der mystischen Seelenwanderung des Königs der Romanci, Manuel, zur Burg 
der Unsterblichkeit des Priesterkönigs heißt es von dem Spiegel, in dem man 
alles durch „Gottes Kraft“ sieht 3 ): 

„Wer czu dem Spiegel wil gan, der müz wesen aller Sünden an, 

sam er in der tawff waz . . 

In der noch dem zwölften Jahrhundert angehörenden Beschreibung Indiens und 
des Landes des Priesterkönigs Johann durch Elysäus steht die kostbare Säule 
auf der Spitze des Palastes. Auch hier ist der Bau staffelförmig. Einen 
Spiegel kennt dieser Bericht nicht, wohl aber leuchtende Karbunkeln, die 
jene Säule trägt. Archaische Züge bringt dann über den Spiegel ein anderer, 
verhältnismäßig junger Reisebericht aus dem Jahre 1389, den Johannes Witte 
de Hose verfaßte. Löwen bewachen darnach den Eingang des Schlosses des 
Priesterkönigs. Häretiker und Heiden, welche die „gradus“ hinaufsteigen 
möchten, werden von ihnen verspeist. Der unterste Palast ist der der Pro¬ 
pheten. Darauf folgen der Palast der Patriarchen und, immer über einander, 
die Paläste der heiligen Jungfrauen, der Märtyrer und Bekenner, der Apostel, 
der heiligen Jungfrau, der heiligen Dreieinigkeit. Der letztere Palast gleicht 
dem Himmel und dreht sich wie dieser. Dort ist auch ein Spiegel mit drei 
Steinen, von denen der eine den Blick, der andere die Gesinnung, der dritte 
die Erfahrung schärft. Drei gelehrte Männer sehen in diesem Spiegel alles, 
was in der Welt vorgeht. Dieser Bau ist also im engen Anschluß an das 
mythische Vorbild des Götterberges errichtet; er ist zum Himmel der seligen 
Geister mit dessen sieben Sphären geworden 4 ). Sieben Tore muß die Seele in 
der Gnosis durchschreiten. Oberhalb des letzten feurigen Durchgangs herrscht 
die Gnade. Dort wird die Vermähluug der Sophia mit Christus gefeiert. Daß 


1 ) F. Zarncke, Der Priester Johannes. Abhandlgn. d. phil.-hist. CI. d. 
Kgl. sächs. Ges. der Wiss. VII (1879) 919. Vgl. die 365 Stufen des baby¬ 
lonischen Tempelturmes zu Borsippa. Dazu E. Maass, Die Tagesgötter in Rom 
und in den Provinzen. Berlin 1902. S. 20. 

2 ) Zarncke a. a. 0. S. 988. 

3 ) Ebenda S. 1001. Verwiesen sei auf das Kapitel meines „Lichtland“. 

4 ) Ebenda VIII (1880) 125 u. 166 f. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


39 


wirklich die alte kosmische Vorstellung diesen gnostischen visionären Träume¬ 
reien zugrunde liegt, wird sich noch deutlicher herausstellen. 

Diomena schenkt dem Apollonius ein Ciborium 1 ): 


„Ain klainot, di was groß: 

Di weit hat nit ir genoß. 

Es was ain stain flameu var, 

Als ain liechtes fewr klar. 

Er >ras groß als ain köpf 

Ain ciborje und ain liechter knöpf 

Auff vier fußen was gemacht: 

Di was mit turlein ped^ht. 

Dar inne lag der reiche stain, 

Der durch die turlein auß schain . . . 


Der stain hatt so große kraft, 

Ir werdet da von monhaft, 

Frölich und wejse. 

Er ward auß dem paradeyse 
Pracht mit abentewre. 

In wasser oder in fewre 
Mag euch nicht geworden. 

Ungelucke muß von ew verren 

Di weyl ir den stain habet 

Für alleu süchtum er ew labet . . . 


Bei Wolfram hat der Klausner Trevrizent eine „kefse“ „griiener denne der kle“; 
er hieß sie „wurken uz eim steine 2 )“. Dieser Einsiedler mit seiner „kefse“ 
und Anfortas mit seinem Gral sind entschieden Doppelgänger 8 ). Das Heilig¬ 
tum der Sage kommt also in Wolframs Dichtung in doppelter Gestalt vor : als 
Schrein und als Stein 4 ). Bei Heinrich von Neustadt liegt der Wunderstein in 
einem Ciborium. In der „kröne“ des Heinrich von dem Türlin heißt es da¬ 
gegen von dem Kleinod: 

„einer kefsen was ez glich, diu üf einem alter stet“ r> ). 

Im „Grand St. Graal“ macht Joseph von Arimathia dem Gral wieder eiue 
Arche 6 ), welche die wunderbare Eigenschaft hat, sich erweitern zu können, so 
daß die Gemeinde, wie in einer Kirche, darin Platz hat. Diese Arche begleitet 
Josephs Gemeinde auf allen ihren Fahrten. Damit stimmt nun die Kapelle 
im Palast des Priesterkönigs merkwürdig überein. Auch diese kann sich be¬ 
liebig erweitern, aber ein Gral ist nicht darin. Sie ist am Tage der Geburt 
des Priesterkönigs aus dem Nichts entstanden. Hier haben wir nun weiter den 
Zug, daß die Geistlichen dieser Kapelle, welche von besonderer Reinheit sein 
müssen, bevor sie diese betreten, sich ganz eirtkleiden müssen. Dann erhalten 
sie kostbare Gewänder, von denen niemand weiß, wer sie gewirkt hat: 

„sic siud aller cleider pesten nyemant sy moeht angesehen 

vnd glich der sannen glesten: vor irem glast vnd irem prehen** 7 ). 


*) Apollonius v. 13611. S. 217. ’ i ) Parzival 498. 

3 ) Näheres darüber Kampers, Turm S. 135 ff. 

4 ) R. Heinzei, Über die französischen Gralromane. Denkschriften der 
Kais. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 40 (1892) 130. Heinzei weist S. 47 auch 
darauf hin, daß gelegentlich zwischen „li saint Greals et li saint vaissialz“ 
geschieden wird. 

5 ) Diu Cröne von Heinrich von dem Türlin. Herausg. von G. H. F. Scholl. 
Stuttgart 1859: v. 29385 f. 

6 ) In einer „arca marmorea“ ruht auch der graue Rock Orendels. Vgl. 
Heinzei, Orendel a. a. 0. S. 12. 

7 ) Zarncke a. a. 0. VII. 1021 f. 


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40 


Franz Kampers 


Wir haben die gnostische Himmelfalirtslegendc der Pistis Sophia vor uns. 
Die Schwelle der Kapelle ist die Kosmosgrenze. Hier müssen jene Geistlichen 
ihre stoffliche Leibeshülle ablegen; hier empfangen sie das „Kleid der Herrlich¬ 
keit“, das „Lichtkleid“. Es ist jene Kapelle die räumlich verstandene yvcjöig. 
In der Hermetischen Literatur wird sie ja auch als Haus oder Palast aufge¬ 
faßt, zu dessen Türen man kommt 1 ). Das Ciborium, die „kefse“, welche sich 
zur Kapelle erweitert, ist aus einem Stein gefertigt 2 ). Nun ist auch die 
Kapelle der Seligen im Paradiesesland in der Schilderung einer merkwürdigen 
OdouzoQia“ 3 ) aus dem Anfang des siebenten Jahrhunderts ein Monolith, ein 
einziger großer Anthrazit. An die sieben Stockwerke des Göttorbcrges erinnern 
bei diesem die sieben Altäre. Auch seine 72 Stufen 4 ) haben kosmische Be¬ 
deutung. Dieser Anthrazitberg aus einem einzigen SteTh ist zugleich der Nabel 
der Erde, von dem, wie von dem Götterborge Mcru in den Vishnupuranam, die 
vier Ströme ausgehen. Es ist die Petra genitrix der Heiden, dio Sophia der 
Gnostiker, deren Nacken sich wie Stufen erhebt 5 ). Kein Wunder, daß eine 
Handschrift dieser „'Oboutogla“ die Überschrift trägt v Alo)v u . Nicht die 
Paradieseskirche, sondern — und das dürfte wohl der ursprünglichen Fassung 
des Gedankens näher kommen — das Paradies selbst erscheint bei dem letzten 
mittelalterlichen Berichterstatter der gefahrvollen Fahrt Alexanders des Großen 
zur Lobensquelle als ein gowaltiger Monolith. Der Österreicher Seyfriod be¬ 
richtet um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts: „Auf seiner Abenteurer¬ 
fahrt kommt Kaiser Alexander an das Wasser Physon, das lauter und schön 
aus dem Paradiese Hießt über Sand, aus Gold und Edelsteinen gemischt. Er 
geht dem Wasser nach, bis er an eine Stadt kommt, die eine wolkenhohe, aus 
einem ganzen Stein gemachte Mauer umschließt.“ An einem Tore in dieser 
Steinwand erhält der Makedone von St. Michael einen kleinen Stein, den dieser 
— wie die Jungfrau Maria das Stückchen von der Steinkrippe des göttlichen 
Kindes als Gegengabe für die Magier, wie Herzog Ernst das deutsche Kron- 
juwel, „den Waisen“ — aus jener Mauer bricht, und der bald — wie der Gral 
bei Wolfram — unsäglich schwer, bald federleicht ist, was in der Alexauder- 
sage eine tiefernste, ethische Begründung erfährt 6 ). Die auf das himmlische 
Jerusalem deutende Symbolik der deutschen Kaiserkrone, die jener taghell — 
wie man wähnte — leuchtende Edelstein ziert, wird jetzt völlig durchsichtig. 

! ) Reitzenstein, Hist, monach. S. 119. *) Parziv. 498. 

3 ) A. Klotz, 'OdoinoQia änö 'EÖe/u xov JtaQabeioov d%Qi xcbv 'Po/uaiov. 
Rhein. Museum N. F. 65 (1910) 608: „'Ebe/i Kal ol MauaQivol iKK^rjoiav (iiav 
i/ovoiv, ävÖQag öQog fiovökitiov £nxa /uiAia juf)Kos, xgia nXäxos' £yEi erexd 
dvöiaoxi^ia' rö ßfjua avxov ^ßbojur/KOvxa Kal öuo ßadßtov. imoKäxo aüxod 
iKnoQEvexaL noxajuög ik xöv nagädeioov, €keiüev jueQigexai eIo xEöoaQEQ ägydg.“ 

4 ) Über die Zahl 72 viel Material bei Eisler a. a. 0. S. 32 f. 

5 ) Vgl. unten S. 50 und meinen Aufsatz „Aus der Genesis der abend¬ 
ländischen Kaiseridec“ in den Mitteilungen der Schics. Ges. f. Volkskunde XVII 
(1916) 176 ff. 

6 ) Nach W. Hertz [Gesammelte Abhandlungen. Stuttgart 1905. S. 12311.], 
der Cod. germ. Monac. 579 benutzte. Vgl. hierzu meinen oben genannten Auf¬ 
satz „Der Waise“. 


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Gnostisches im „Parzival* 4 . 


41 


Wir können, unsere Beobachtungen zusammenfassend, feststellen, daß das 
Ciborium Heinrichs von Neustadt und die sich zur Himmelskapelle erweiternde 
kefse der Graldichter Abbilder des riesigen Nabelsteines der Welt, des Berg- 
thrones der göttlichen Herrlichkeit, des Berghauses des seligen Lebens sind, 
in dessen Innerem oder auf dessen Höhe der Mythus das Sonncnsymbul suchte. 
Die gleiche Symbolik, die vor hunderten von Jahren die Buddhisten veranlaßt©, 
Miniaturnachbildungen der Kultbauten, die als Abbilder des Götterberges Meru 
gedacht waren, als Reliquienbehiilter anzufertigen 1 )! 

Wir schließen alsdann aus diesen Feststellungen, daß das Ziel der 
Himmelswanderung Parzivals zunächst nur der Aufenthaltsort der Reinen, dio 
Erringung des Lebens der „Vollendeten" war. Der Weg zu ihm ist auch in 
Wolframs Epos eine Heilsfahrt. Die Begnadeten in der Gralburg leben von 
des Steines Kraft 2 ), welche diesem die Taube, der Vogel der Sophia, spendet 3 ). 
Es ist geistige Nahrung für die Pneumatiker. Erst allmählich wird das Amu¬ 
lett des Himmelswanderers zum Symbol des Lebens der Wiedergeborenen. Und 
dann geht die alte, rein geistige Auffassung des Zieles des Vollendeten, welcho 
sich schon in jenen gnostischcn Visionen zu einer paradiesischen Örtlichkeit 
verdichtete, vielfach auf jenes Symbol über. Unter „Gral“ versteht man aber 
auch dann noch häufig — und gerade diese Tatsache gewährt uns einen Ein¬ 
blick in das Werden dieser Vorstellungen — nicht ausschließlich das Kleinod, 
sondern zunächst das Reich der weltentrückten seligen Geister. Ich wies schon, 
dem Altmeister Wilhelm Hertz folgend, darauf hin, daß in der Schilderung 
eines Magdeburger Turnicrspieles in einem hochdeutschen Gedicht des 15. Jahr¬ 
hunderts eine Gruppe von neun „köstlichen Zelten, die aller Erdenwonne voll 
sind“, Gral genannt wird. „Die Knäufe sind von edlem Gesteine; sic funkeln 
in der Sonne und zieren den ganzen Gral.“ Wer denkt da nicht au den Sonnen¬ 
stein Salomons als Abschluß der Grabpyramide? Wem wird es nicht offenbar, 
wie diese leuchtende Spitze unter dem Einlluß von Sage und alchemistischem 
Aberglauben sich zum Symbol und dann zum Gegenstand des Märchens ver¬ 
selbständigen konnte? Auch der Himmel und der Venusberg heißen Gral. Und 
im Glossarium saxonico-latiuum vom Jahre 1425 findet sich die Begriffsbe¬ 
stimmung: „gralus ys eyn ghelogen dynck, dat eyn koning sy dar de lüde leven 
in vrolycheit wende an den jungesten dach 4 ). 44 

Durch die Erkenntnisse, zu denen uns unsere Untersuchungen bis hierher 
führten, ist nichts Geringeres gewonnen, als eine Festlegung der Triangula¬ 
tionspunkte für die topographische Wiederherstellung einer alten Kulturstraße 
mit ihren Halte- und Vermittlungsstellen. Die Bedeutung, welche unter diesen 
letzteren die Gnosis für sich in Anspruch nehmen darf,* wird in ein noch helleres 
Licht gerückt durch eine Würdigung verschiedener Einzelheiten des tiefernsten 
Lebensepos Wolframs. Hierfür bietet jene gnostische Mönchsliteratur, welche 
Reitzenstein verarbeitete, ein willkommenes Material. Es handelt sich um zwei 
Sammelwerke: die Historia monachorum und die Historia Lausiaca 5 ). Die 

*) Vgl. oben S. 20 A. 0. 2 ) Parzival 469. 8 ) Eisler a. a. 0. S. 478. 

+ ) Kampers, Lichtland S. 101. 

ft ) Die griechische Fassung der Historia monachorum ist von E. Preu sehen 
(Palladius und Rufinus. Gießen 1897) herausgegeben. Die lateinische Fassung 


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42 


Franz Kampers 


erstere hat Rufin zum Verfasser, die andere ist nach Preuschen von Palladius 
zusammengestellt. Reitzenstein möchte sich dieser letzteren Annahme nicht 
unbedingt anscbließen, sondern vermutet, daß der Autor der Historia Lausiaca 
„zunächst in den Kreis des Euagrius und später in den des Johannes Chry- 
sostomus gehörte und daß sein Werk anonym erschienen sei.“ Unter dem 
Gesichtswinkel unserer vorhin gewonnenen Ergebnisse gewinnen auch Vergleichs¬ 
punkte zwischen der deutschen Dichtung und diesen legendären Erzählungen, 
welche sonst als zufällige betrachtet worden wären, für uns Wert, zumal, wenn 
sie in einer solchen Fülle auftreten, wie das hier der Fall ist. Daß diese 
Mönchsliteratur durchsetzt ist von hellenistischen und jüdischen Elementen 
religiöser, philosophischer, literarischer, sagengeschichtlicher Art, muß bei einer 
Würdigung dieser Vergleichspunkte stets im Auge behalten werden. Zu der 
unmittelbaren Vorlage, aus der die Einzelheiten des Urbildes des „Parzival“ 
gewonnen wurden, gelangen wir natürlich bei diesen Mönchserzählungen nicht, 
wohl aber in eine Gedankenwelt, die ganz besonders aufnahmefähig und auf¬ 
nahmewillig war für das Mythologem von der Himmelsreise, und die, aus dem 
Eigenen hinzutuend, diesen fremden Stoff nicht nur mit wahlverwandten Zügen 
ausstatten, sondern ihn auch mit ihrem Geiste erfüllen und so den mythischen 
Heldensang des Ostens dem christlichen Gesichtskreis des Westens anpassen 
konnte. 

Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Parzival im englischen 
Spielmannsmürchen und in den Graldichtungen, Apollonius in dem Singsang 
Heinrichs von Neustadt sein Weib verläßt, um die suchende Wanderuug anzu¬ 
treten, ist überraschend. Sie mag ihre Erklärung finden in dem wiederholt 
geschilderten ähnlichen Verhalten der vorn „Geiste“ getriebenen, auf die Suche 
nach der Gnosis ausziehenden angehenden Pneumatiker 1 ). Nicht viel fragen 
lehrt Qurnemanz den zum Gral fahrenden Parzival, und in den Schilderungen 
der palästinensischen Asketen betont Eusebius das Gebot des Stillschweigens 2 ). 
Namenlos zieht Parzival in die Welt: „Bon fils, eher fils, beau fils“ heißt er, 
und ebenso müssen die „gevirevovreg“, die Pneumatiker, ihren Namen ver¬ 
schweigen 8 ). In Narrenkleidern laßt die sorgende Herzeloyde den jungen 
Königssohn ausziehen, aber sein Körper ist heller wie der Tag 4 ). Der voll¬ 
endete Mönch kleidet sich wie Parzival in eine lächerliche Gewandung, welche 
ihm möglichst viel Mißhandlung und Holm eintragen soll 5 ). Wie Kyros und 
Chosro den Narren spielen, wie Parzival als Tor erscheint, so sollen auch die 
Mönche ihr Benehmen so einrichten, daß sic für schwachsinnig und verrückt 
gehalten werden 6 ). 

Parzivals Fahrt ist eine Wanderung zum Lichtreich des Gral. Derartige 
Wanderungen unternimmt der „vollendete“ Mönch. Er ist bereits auferstanden. 

steht bei Migne, Curs. patr. lat. XXI, 378 sq. Die kritische Ausgabe der 
Historia Lausiaca besorgte C. Butler [The Lausiac History of Palladius. 
Robinsons Texts and Studies. Vol. VI. 1898 u. 1904]. 

0 Reitzenstein, Hist. mon. u. a. S. 25. 

2 ) Parzival 171; Reitzenstein, H. m. S. 50. 

3 ) Parz. 140. Reitzenstein S. 57. 4 ) Parziv. 167. 

6 ) Parz. 127; 164; 167. Reitzenstein S. 48 u. 57. G ) Ebenda. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


43 


Alio kann er schon auf (1er Erde die verheißenen Wonnen genießen. Geheim¬ 
nisvoll wird er ins Paradies entrückt, nimmt teil am himmlischen Mahle und 
bringt Früchte von dort mit, welche er herzeigt. Er begnügt sich aber nicht 
mit solchen visionären Traumwanderungen. Die gnostische Himmelswanderung, 
wie sie der Hymnus der Seele einkleidet, wird zu einer wirklichen Wanderung 
des Lebenden zum Paradiese. Da aber das Paradies im Himmel liegt, so kann 
der Lebende, wie antignostische Tendenzerzählungcn berichten, nur in dessen 
Gogenbild auf Erden gelangen. Dieses haben nicht Gott, sondern böse Zauberer 
begründet. Damit sind wir bei Wolframs Klinschor angelangt, den Dämon 
Aschmedai der Salomonsage 1 ), der den Zauber des Wunderschlosses schuf. Ein 
Mönch Macarius kommt in einen wundervollen Hain von Fruchtbäumen und 
erzählt davon seinen Brüdern nach der Heimkehr; diese aber sagen ihm: 
„Wenu der Hain wirklich, wie man sagt, von den Zauberern Jamnes und 
Mambres gepflanzt ist, so ist er ein Werk des Teufels und zu unserer Vor¬ 
führung geschaffen; gerade wenn er an Überfluß und Wonne reich ist: wo 
bleibt unsere Hoffnung auf das jenseitige Leben, wenn wir in diesem uns dem 
Genuß hingeben?“ 2 ). Es ist das „ander Paradies“ des „Apollonius“. Auch in 
dieser Dichtung tritt ein Zauberer auf, der allerdings nicht in Beziehung ge¬ 
setzt wird zu der Entstehung des goldenen Tals, dessen Figur aber im Aufbau 
der Handlung eine Erklärung verlangt 3 ). Wie die vom See Brumbane 4 ) um¬ 
gebene Gralburg in einem Inselparadies liegt, so lebt die Paradiesesinsel — 
„die Tbteninsel suchte die Phantasie des Ägypters ja im Himmelsozean“ — 
auch in diesen visionären Mönchsträumen fort 5 ). Wie Parzival auf wunderbare 
Weise hinübergelangt, so setzt den einen Mönch, der seine Wanderung durch 
breite Wasser gehemmt sieht, ein Engel über, den anderen fährt ein geheimnis¬ 
volles Schiff an das ersehnte Ufcr fi ). Eine Fülle wertvoller Ausblicke gewährt 
die Wanderung des Zosimus, der Gott gebeten hatte, ihm den Aufenthalt der 
Seligen zu zeigen. „Er wandert vierzig Tage; als er kraftlos wird, kommt ein 
Kamel und nimmt ihn auf seinen Rücken; endlich nimmt ihn der Wind auf 
seine Flügel, kann ihn aber nur bis an den Strom tragen, der das Paradies 
von der Erde trennt und den selbst Satan nicht überschreiten kann. Von ihm 
bis zum Himmel reicht eine undurchdringliche Wolkenmauer. Wolke und Strom 
belehren den Zosimus mit menschlicher Rede, daß er nicht hindurch kann; 
aber auf sein Gebet wachsen auf den beiden Ufern zwei mächtige Bäume, die 
sich zueinander neigend ihm eine Brücke machen. Er findet am anderen Ufer 
einen nackten Menschen, einen Mann Gottes, der ihn fragt, ob er aus der Welt 
der Vergänglichkeit gekommen sei, und den er nach dem Grund seiner Nackt¬ 
heit fragt. Jener weist gen Himmel, und da sieht er über ihm das strahlende 
Himmelskleid schweben. Er wird dann zu der Versammlung der Seligen ge¬ 
führt, und zwei Engel offenbaren, daß er sieben Tage bleiben darf. Die Seligen 
schreiben auf seine Bitte mit dem Finger auf Steintafeln ihre Geschichte und 
die Beschreibung ihres Lebens: es sind die Gerechten Israels, die verlorenen 


*) Kampers, Turm S. 87. 2 ) Reitzen stein S. 173 ff. 

3 ) Apollonius v. 4192 ff. und öfter. 4 ) Kampers, Lichtland S. 42. 
6 ) Reitzenstein S. 177 ff. 6 ) Ebenda S. 27 u. 90. 


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44 


Franz Kampers 


Stämme, die ein Engel hierhergeführt hat: Sündlos leben sie hier, ernährt von 
Wunderbäumen, getränkt von wunderbaren Quellen, in gottgefälliger Ehe, im 
Verkehr mit den Engeln, zwar nicht unsterblich, aber wunderbar lange, und 
auch ihr Tod, den sie voraus wissen, ist nur eine Entrückung in noch größere 
Gottesnähe *).“ 

Zunächst ziehen uns die hier geschilderten Hemmnisse des wandernden 
Mönches an; die Kennzeichnung dieses halbseligen Lebens wird uns später be¬ 
schäftigen. Die hier erwähnte Wolkenmauer ist uns als Schutzwehr der Brah- 
manen durch Philostray bekannt. In anderen Mönchserzählungen treten den 
Suchenden auch Drachen in den Weg oder Dämonen 2 ). Gefahrvoll ist ja auch 
der Weg zur Gralburg. 

In der lateinischen Apophthegmensammlung ist dann weiter von einem 
Palmenbaum die Rede, welcher bei der Höhle eines frommen Greises steht, der 
diesem allmonatlich einmal eine Frucht bietet und vertrocknet, als jener stirbt. 
Ähnlich trägt der Weinstock auf den Seligen Inseln bei Lukan zwölfmal 3 ). 
Vereinzelt findet sich in diesen Mönchserzählungen auch der Gedanke, daß im 
Paradiese der Baum der Erkenntnis steht, und daß das Essen von ihm die 
yvcboig bringt 4 ). Es sind das kümmerliche Ableger von Diomenas goldenem 
Baum und von dessen Urbild, dom Weltenbaum im Paradiese. Ähnlich kümmer¬ 
lich erscheint im „Conte du graal 44 der Lichterbaum mit dem Kinde 5 ). 

Paradiesesfrüchte werden dem „Gerechten 4 *, ebenso wie den Gästen der 
Gralburg gespendet, Früchte von besonderer Grüße und Süßigkeit. Himmels¬ 
speise bildet die ausschließliche Nahrung der „Vollendeten 4 *. Im „Hymnus 
der Seele 44 sinkt der Königssohn in tiefen Schlaf, als er irdische Speise zu sich 
genommen hat. Daran erinnert der Zug in der „Krone“ des Heinrich von dem 
Türlin, daß Gawan sich des Trinkens auf der Gralburg enthält, obwohl der 
Wirt ihn dazu ermuntert. Seine beiden Genossen, die seinem Beispiel nicht 
folgen, versinken in einen tiefen Schlaf 6 ). Der wie ein Engel gewordene 
Mönch findet täglich ein feines Brötchen. Der Gedanke an die Oblate, welche 

*) Reitzenstein S. 181. 

2 ) Ebenda S. 10 u. S. 175 f. 8 ; Ebenda S. 180. 

4 ) Ebenda S. 173. 

5 ) Kampers, Lichtland S. 43. Zu dem Baum mit dem Kinde vgl. auch 
die Erzählung in der von Ad. Borgnet veröffentlichten Chronik: Le myreur 
des histors von Jean de Preis dit d' Outremeuse I (Bruxelles 18G4) 416 sv. 
Seth sieht den Baum ohne Laub und ohne Rinde, um den sich die Schlange 
ringelt. Im Gipfel des Baumes, der bis in den Himmel ragt, erblickt er ein 
neugeborenes, in Windeln gewickeltes Kind. Ebenso in des um 1300 gestorbenen 
Jakob von Maerlau t Dichtung [Dboec van den houte door J. v. M. Hrsg. v«»n 
Tidemann. Leiden 1844 v. 184 ff.] und in Heinrich von Freibergs Gedicht 
vom heiligen Kreuz. [Hochdeutsche Übertragung bei Wünsche a. a. 0. 
S. 55 ff. vgl. auch S. 29 und 327.] — H. Köbert [Der zahme Ölbaum in der 
religiösen Vorstellung der Griechen. München 1894 S. 12] erinnert an den 
schlangengestaltigen, von Athena als Wächter des Baumes bestellten Heros 
Eriehthonios. 

6 ) Dazu vgl. Kampers, Lichtland S. 66. 


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Gnostischcs im „Parzival*. 


4 5 


die Taube vom Himmel zum Gral bringt, drängt sich auf 1 ). Wie ferner 
Trevrizent in der Nähe der Gralburg wohnt, so findet sich auch in diesen 
mönchischen Schilderungen beim Paradiese ein solcher Einsiedler 2 ). Daß 
Wolframs festliches Mahl in der Gralburg nichts anderes ist als ein mit stark 
verwässerten Farben nachgemaltes Bild des himmlischen Mahls der Seelen, wie 
es sich namentlich die Gnostiker zum Vorwurf wählten, führte ich schon früher 
aus. Unter diesem Gesichtswinkel erst gewinnt die Handlung einer Kern¬ 
episode der Wolframschen Dichtung jene Wärme und jenes Leben, das wir 
nach der Anspannung unserer Teilnahme durch die Schilderung des Gral ver¬ 
geblich erwarten. Diesen alten tiefsinnigen Gedanken hat zwar im „Parzival“ 
des Märchens wucherndes Grün fast ganz dem Blicke verborgen. Die Himmels- 
burg mit den „Vollendeten* wird zu einem Nirgendheim zwischen Himmel und 
Erde, irgendwo in der Welt, auf das Züge vom Schlaraffenland übergehen, mit 
reinen Jungfrauen und mit durch ein Wunder zum Graldienst berufenen 
mönchischen Rittern, die dort tot und doch nicht tot, wie es in der „Krone* 
Heinrichs von dem Türlin heißt, weilen 3 ). 

Ein schillerndes Zwielicht ist über die Gralburg gebreitet. Die Seele 
dieses dreizehnten Jahrhunderts flüchtet sich hier in ihrem unendlichen und 
doch so unklaren Sehnen nach ihrer Erneuerung, nach einer Nova vita im 
Einklang mit dem Unbegreiflichen, mit dem Übersinnlichen in eine Traumwelt, 
über welche der Nebelduft der Kreuzzugsromantik liegt, die wie jede Romantik 
den Untergrund der Unzufriedenheit, des leidenschaftlichen Begehrens des 
großen Unbekannten — des Gral hat. Es ist die weitabgekehrte, mystische 
Stimmung, in welcher Kirche und Kirchentum immer mehr verblassen, es ist 
das zweifelnde, unruhige, nach Neuem strebende Herz, das sich außerhalb 
dieser Welt der staatskirchlichen, die Geister verwirrenden uud quälenden 
Kämpfe eine Burg seligen Friedens errichtet. Zwischen dieser Stimmung und 
jener in der eben herausgehobenen Paradieseswauderung des Zosimus, meine 
ich, zieht sich das unsichtbare Gespinst feiner Verbindungsfäden. 

Ein solches seliges Zwischenreich schwebte auch dem Rufin vor, welcher 
von der Vorstellung beherrscht ist, daß Gott sich in Aegypten von Neuem 
offenbart und hier eine wunderbare und wunderwirkende Frömmigkeit geschaffen 
habe 4 ). Tot und doch nicht tot sind die Bewohner der Gralburg — und nach 
Irenaeus gab es Leute, welche behaupteten, daß sie schon jetzt garnicht mehr 
auf Erden leben, sondern in das Pieroma, das zwischen Himmel und Erde liegt, 
eingezogen seien und ihre Vermählung mit dem Engel gefeiert hätten 6 ). 

Wie später die Graldichter, so will auch Rufin die Läuterung seiner 
Helden und ihre außergewöhnliche Begnadung schildern 6 ). Verzicht auf ge¬ 
schlechtliche Freuden ist ein Hauptgebot jener Asketen. Das strenge Kirchen¬ 
tum tritt dabei aber stark in den Hintergrund Von Gemeindeordnung und 
Klerus hören wir nichts. „Der Asket steht im gewissen Sinne außerhalb der 
Kirche* 7 ). Die Vollendeten sind bei Rufin äußerlich und innerlich den Engeln 

1 ) Parzival 470. Reitzenstein S. 127, 164. 

2 ) Reitzenstein S. 179 u. ü. 3 ) Darüber ebenda S. 45. 

4 ) Reitzenstein S. 10. 5 ) Ebenda S. 172. 

c ) Ebenda S. 39. 7 ) Ebenda S. 54. 


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46 


Franz Kampers 


gleich und führen das Leben von Engeln. Die Enkratiden haben die Kraft, 
sich der Sünde zu enthalten. Sie fühlen sich nicht mehr als Menschen. Der 
Kirche halten sie sich fern, wenn sic auch in ihr getauft sind. Sie fühlen sich 
auch als Engel und verehren den jzvevjuariKÖg JtarrjQ oder die ttvev/icukt) 
jut/Trjo. Der Vollkommene hat eben hienieden schon die Auferstehung erreicht 
und in dieser Auferstehung seinen pneumatischen Leib empfangen. Die yvcöoic; 
ist die ßaöiteia tieov, jenes Reich, in welches sich dio Seele der Asketen bei 
der Vollendung erhebt. Das ist der neue alcov. Mit dieser Vorstellung mischen 
sich dann ganz von selbst chiliastische Hoffnungen, und diese schöpfen vielfach 
aus der überkommenen Märchenwelt 1 ) Damit vergleiche man das Völklein der 
Templeisen in den Graldichtungen. Im „Perceval li Galois“ wird der Gral 
„in einem geistlichen Inselreich von Mönchen bewahrt, die wie die Templer 
auf weißem Gewände ein rotes Kreuz tragen.“ Von diesen heißt es bei 
Wolfram*): 

„si körnen alle dar vor kint 
die nü da gröze liute sint. 
wol die muoter, diu daz Kind gebar, 
daz sol ze dienste hoereu dar! 
der arme und der riebe 
vreunt sich al gelkhe 
ob man ir kint eischet dar, 

Und an anderer Stelle heißt es: 

„swer sich dienstes gein gräle hat beWegen, 
gein wiben minne er muoz verphlegen.“ 

Kirche und Kirchentum, welche im „Parzival“ Wolfram s überhaupt nur 
eine untergeordnete Rolle spielen, treten, wenn er den Gral selbst unseren 
Blicken enthüllt, vollständig zurück. Dieser Gral ist ein wunderwirkendes, 
nichtkirchliches Heiligtum und doch von religiöser Art. Seine Hüter leben von 
des Steines Kraft und von der beseligenden Wirkung des Anschauens dieses 
Juwels, das den Vogel Phönix verbrennt und mit herrlichem, lichtem, strahlendem 
Gefiedor wiedergebiert 3 ). Die Wunder der Gnosis, die Wiedergeburt der Voll¬ 
endeten! 

Der Pneumatiker hat ein Herrschafts- und Königsrecht 4 ). Euagrius sagt: 
„Wer jetzt schon einen pneumatischen Leib hat, ist König in dem gegen¬ 
wärtigen Zeitalter.“ „Der Leiter oder die Leiterin einer Asketengemeinschaft 
gelten ganz allgemein als vollendet und daher als Herrscher und von Gott mit 
unbeschränkter Macht ausgerüstet 6 ).“ Des Gralkönigs einzige Legitimität ist 
die wunderbare Berufung des „Wiedergeborenen.“ Jedweder Verstoß gegen dio 
Satzungen, deren vollkommene Erfüllung erst zur Vollendung führt, hat den 
Verlust des Gralkönigtums zur Folge. 

Erst von dieser Erwägung aus hellt sich die rätselhafte Episode des auf 
den Wassern fischenden und dann gleich darauf schwerkrank darniederlicgenden 

l ) Ebenda 78: 131; 165; 172; 205 ff. 

a ) Parzival 471; 495. 3 ) Ebenda 469. 

4 ) Reitzenstein S. 49. ß ) Ebenda S. 149. 


daz siz suln senden an die schar! 
man holt si in manegen landen, 
vor sündebaeren schänden 
sint si immer mer behuot 
und wirt ir lön zc himele guot: 
swenne in erstirbet hie daz leben, 
so wirt in dort der wünsch gegeben ... 


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Gnostisches im „ParzivaD. 47 

Anfortas auf. Die unklaren Vorstellungen von diesem Fisclierkönig sind ein 
Niederschlag griechisch-orientalischer Mythen. In der antiken Sage wird die 
mensa solis, das Attribut des Sonneugottes, aus dem Meere, in welches das 
Tagesgestirn am Abend hinabtaucht, von Fischern wieder hervorgeholt. Die 
fromme Dichtung des Mittelalters machte aus diesem Tisch ein Gleichnis für 
die Gottesmutter 1 ). In anderer Überlieferung tritt an die Stelle des Tisches 
der Dreifuß des Gottes oder der Ring — häufig mit irgendeinem Zeichen, 
so mit dem Zeichen der Leier. Dieser Zug kehrt in der Salomonsage in 
verschiedenen Fassungen wieder. Hier ist der Ringstein des Königs mit dem 
Jahwe-Namen die leuchtende Sonne, und er stammt aus dem Paradiese. In 
der deutschen Kaisersage finden wir erneut diesen Talisman 2 ). Fischer bringen 
ihn; aber nur der kann ihn behalten, der die rechte Frage stellt: die Frage 
nach den Bedingungen des seligen Leben«. Der Stein ist da« uralte Macht¬ 
mittel des lichten Gottes, das im ewigen Wechsel die Mächte der Finsternis 
rauben. Er ist die Perle jenes oben erwähnten „Hymnus der Seele“, das 
Unterpfand der Wiedergewinnung des Kleides der Herrlichkeit. Sein Symbol 
des Pneumatikers nun ist dem Anfortas abhanden gekommen; wie der Ring¬ 
stein des Salomon ist es in das Meer versenkt worden. Er wirft todesmüde 
die Netze darnach aus. Erst als der junge Königssohn, der Frühlingsgott, 
der rote Ritter, der lyrische Fischer Herakles, hinzukommt, wird es wieder¬ 
gewonnen. So ungefähr mag dem Provenzalen Kyot die östliche Vorlage in 
ihrer fremden Bildersprache die Dinge erzählt haben. Jedenfalls ist diese 
Episode ein Bruchstück aus dem Mythenkreis vom göttlichen Fischer. Wahr¬ 
scheinlich war aber auch dieses Bild schon von der Gnosis übertüncht, ehe es 
auf Wolframs Gewährsmann wirkte. Jener gnostisch übermalten Perlensuche 
gleicht sich auch darin die Gralsuche an, daß der Held das Ziel seiner Reise 
zunächst vergißt, d. h. daß er nicht nach der höchsten Erkenntnis strebt, oder 
um mit Wolfram zu reden, daß er nicht fragt nach dem Gral, der nur den 
völlig Wiedergeborenen — das waren Parzival bei seinem ersten Besuche in der 
Gralburg und jener ägyptische Königssohn bei seinem Eindringen in die andere 
Welt noch nicht — sich in seinem übersinnlichen Werte offenbart. Der Un- 
getaufte vollends, Feirefis. sieht ihn überhaupt nicht. So kann ja auch nur der 
Begnadete das Licht sehen, welches von den Vollendeten ausstrahlt 3 ). 

Wolfram dichtete zu jener Zeit, in der Joachim von Fiore eine neue Form 
des Mönchtums verhieß: die perfecti spirituales, den ordo justorum. Die Taufe 
genügt für Joachim ebensowenig wie für jene Anachoreten. Er erwartet das 
Heil von der spiritualis intelligentia, welche au« dem Alten und Neuen Testa¬ 
mente, die dem Buchstaben nach vergehen sollen, hervorgehen wird. Durch 
diese werden die Unvollkommenen, die Ungetauften in Christus neugeboren und 
einziehen in das Land, in welchem Milch und Honig fließt. Die »Erwählten 
Gottes«, die im Stande des Neuen Testaments leben, unterscheiden sich von 
den Söhnen Jacobs, die im Fleisch geboren sind dadurch, daß sie zur Gerechtigkeit 


1 ) Vgl. die Einleitung zu meinem Aufsatz „Turm u. Tisch“. 

2 ) Kampers, Lichtland S. 103 f. 

®) Reitzenstein S. 56; 59. 


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Franz Kampers 


geboren und wiedergeboren sind durch Wasser und den heiligen Geist 1 ). Hier 
wirken noch nach Jahrhunderten Gedanken jener weltfremden gnostischen Ana- 
choreten nach. Die wahre Askese, so lehrten diese, führt eine beständige Um¬ 
wandlung des homo carnalis zum spiritalis und perfectus herbei. Die spiritales 
theoriae offenbaren alle Geheimnisse Gottes. Durch sie spricht und entscheidet 
der Geist 2 ). Wir haben hier jenes persönliche Element der Wiedergeburt, auf 
welches Joachim von Fiore und Franz von Assisi immer wieder mit Nachdruck 
hindeuten. Alte gnostische Adern laufen eben noch unmittelbar unter dem 
harten Erdreich des mittelalterlichen Glaubenslcbens. Da und dort sprengen 
sie den Boden und brechen überraschend hervor. So in einer merkwürdigen 
Rede Innocenz’ III. Darin geht dieser Papst aus von der Erwähnung des an¬ 
tiken Festes des Licbtertragens zu Ehren der Proserpina zu Beginn des Februar 
und von der \'bernahme dieser nicht auszurottenden Sitte durch die Christen. 
Darauf folgen die Worte: „Ob hoc quoque in purificatione Virginia cereos 
accensos portamus, ut purificati per gratiam* cum accensis lampadibus, quasi 
prudentes virgincs ad nuptias ingrcdi mereamur 3 ). u Die Wiedergeburt durch 
die heilige Hochzeit, wie sie das alte Mysterium dramatisch vorführte, wie sie 
die Gnosis verkündete! 

Etwas von diesem in der Verborgenheit fortwirkenden Geiste ist auch 
zugleich mit den Bildern der alten gnostischen Himmelswanderung in die 
deutsche Parzivaldichtung übergegangen. Eine außerkirchliche Wiedergeburt 
des Einzelnen, eine außerkirchliche Gemeinde der „Vollendeten u und als deren 
höchstes Heiligtum: der Gral, das Symbol des seligsten Schauens und des 
tiefsten Erkenuens, oder aber dieses Schauen und Erkennen selbst! So löst 
sich das alte Rätsel: Wer ist der Gral? 

Im Sonnenglanze der Ritterdichtung verlieren freilich die ursprünglichen 
Züge des alten Weltbildes ihre Härte. Die gewaltigen, eckigen Quadern des 
vor Urzeiten aufeinander getürmten Bergthrones der göttlichen Herrlichkeit 
verschwinden fast gänzlich unter dem wuchernden, wild wachsenden Grün 
heimischer dichterischer Gedanken. Nur hier und da schimmert das verwitterte 
Gestein durch. Als aber dann nach Wolframs Tagen die mittelalterliche* 
Märchenwelt abstarb, da stand der Kyklopenbau noch einmal wieder in seiner 
gewaltigen, rauhen einstigen Größe vom letzten Leuchten gnostischer Er¬ 
innerungen übergossen vor der Seele dessen, der die Wiedergeburt der Zeiten 
als Chorführer der Monscbheit einleiten sollte, der selbst auf seiner Himmels¬ 
wanderung durch die Schrecken der Hölle sich den Weg suchen, die sieben 
Stufen des Läuterungsberges emporsteigen mußte und schließlich die ewige 
Liebe schauen durfte, die da die Sonne bewegt und die anderen Sterne. Dantes 
Commedia ist das erhabenste Glied jener visionären Jenseitswanderungen, welche 
das alte Weltbild des Ostens mit seinem Mythologem von der durch die heilige 
Hochzeit symbolisierten \. iedergeburt zum Hintergrund haben. 


’) K. Bur dach, Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Refor¬ 
mation. Sitzungsberichte der k. preuß. Akad. d. Wiss. XXXII (1910) 616 f. 

’ 2 ) Reitzenstcin S. 114 ff. 

3 ) Oratio de sanctis. Migne, Ours. Patr. lat. 217,510. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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Die ursprüngliche großartige Szenerie ist geblieben. Im Mittelpunkte 
der Divina Commedia erhebt sich der siebenstufige Berg der Läuterungen, den 
das irdische Paradies mit dem Weltenbaume krönt. Daß der Dichter den 
Bergthron der Herrlichkeit im gnostischen Zwielicht erblickt, offenbaren seine 
sieben Engel, die den sieben Archonten bei der gnostischen Himmelsreise der 
Seele entsprechen, oder jener hier wie dort sich findende letzte feurige Durch¬ 
gang 1 ), hinter dem die Gnade herrscht. Aber noch etwas anderes geleitet — 
vermutlich mittelbar — von Dante zur Gnosis zurück: die verklärte Beatrice. 

Dantes Weltgedicht ist die reifste Frucht des „dolce Stil nuovo“, welcher 
nach dem inneren Zusammenbruch des höfischen Minnesanges und der ritter¬ 
lichen Dichtung einem kleineren Kreise höher gestimmter Geister als neues 
Ideal die Vergeistigung der Frauenliebe, die Vergottung des Weites verkündete. 
Wie der Minnesang der abendländischen Völker wurzelt auch dieses vereinzelt 
nach dichterischer Gestaltung ringende Hochgefühl der Seele in der Misch¬ 
kultur des Ostens. 

Um das Jahr 890 sang in einem spanischen Kerker Said Ibn Dschüdi: 
„Und du, Wanderer, bringe meinen Gruß an meinen edlen Vater und meine 
zärtliche Mutter: sie werden dich mit Entzücken anhören, sobald du ihnen 
sagst, du habest mich gesehen. Grüße auch meine teure Gattin und überbringe 
ihr diese Worte: Immer gedenke ich dein, selbst am Tage des Jüngsten Ge¬ 
richts; dann werde ich mich vor meinen Schöpfer stellen, dein Bildnis im 
Herzen tragend 2 ).“ Das sind minnigliche Gedanken, welche nach vier Jahr¬ 
hunderten neues Leben gewinnen in den Versen Guinizellis 3 ): 

„Geliebte Frau, wenn meine Seele einst Des Himmelreichs, die allen Trug zer- 
Vor Gott erscheint, wird er mir sagen: stört, 

>Wie? Gebührt allein der Preis !c 

Durch alle Himmel drangst du bis zu mir Dann muß ich sagen: >Ach, die Liebste 
Und nahmst dir Mich zum Gleichnis schien mir 

ird’scher Liebe. Ein En g el deines Reiches! 

Mir und der Königin ZurSünde rechne mir dieLiebe nicht’.c“ 

Ein Hochgefühl, das zum Übermaß gesteigert ist, spricht zu uns aus 
diesen beiden dichterischen Ergüssen. Die gleiche geistliche Stimmung drängte 
beide heraus. Aber während diese von vornherein im Orient lebendig war 
und der Frauenhuldigung frühzeitig das Panegyrische und die Richtung auf die 
Verherrlichung und Verklärung einer hochstehenden Dame gab, wird diese zu 
Beginn des „Neuen Lebens“ erst durch eine rückläufige Bewegung von dem 
innerlich allmählich erstarrten Minnesang zum Übersinnlichen zurück wach¬ 
gerufen. Die Sinnengierigkeit des Ostens fühlt sich niemals so ganz frei. Sie 
fiüchtet sich, so wild sie auch eben noch hervorbrach, bald wieder scheu vor 

! ) Der feurige Durchgang entspricht dem Feuerkrater, bei dem man Ent¬ 
sühnung für Vergehungen findet, in der Burg der Brahmanen bei Philostrat. 
Siehe oben S. 10. 

2 ) Die Übersetzung bei K. Burdach, Über den Ursprung des mittelalt. 
Minnesangs a. a. 0. S. 1074. 

3 ) Übersetzt bei K. Voßler, Die göttliche Komödie I, 2 (Heidelberg 
1907) 494 f. 

Mitteilungen d. Schies. Ges. f. Vkde. Bd. XXL * 


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Frauz Kampers 


dem nie verstummenden Gefühl der Verschuldung ins Übersinnliche. Ich wage 
nun, zu behaupten, daß die erotische Dichtung des Ostens mit diesem Doppel¬ 
gesicht, wie sie den europäischen Minnesang zeitigte, so auch dem „süßen 
neuen Stil“ — natürlich unter kräftigster Mitwirkung christlicher Ideale — 
die Grundlage darbot. Ich leite die Berechtigung dazu ab aus der Tatsache, 
daß im Kreise der Anhänger dieser vergeistigten Frauenverehrilng in Italien 
das Urbild des vergotteten Weibes: die Hypostase der göttlichen Weisheit 
neues Leben angenommen hat. 

Schon in dem Israel des Alten Testamentes wird die Sophia nahezu eine 
selbständige Gottheit. In kühnen Gedankengängen wird sie in der jüdischen 
Hagada mit Eden, oder mit dem himmlischen Jerusalem verglichen, ja, diesem 
sogar völlig gleichgesetzt 1 ). Nach diesem Vorbild feiert sie der gnostischc 
Hymnus 2 ): 


„Die Jungfrau ist des Lichtes Tochter; 
Auf ihr ruht der Abglanz des Königs. 
Stolz und erfreulich ist der Anblick, 
Von glänzender Schöne strahlend. 

Ihre Gewänder gleichen Knospen, 
Wohlriechender Duft strahlt aus ihnen. 
Auf dem Scheitel wohnt der König .... 
Ihr Nacken ruht wie Stufen, 

Die der erste Schöpfer schuf. 

Ihre beiden Hände 

Weisen auf das Land der Äonen, 

Und ihre Finger 

öffnen die Tore der Stadt. 

Licht ist ihr Brautgemach, 

Duftend von Balsam und jeglichem Wohl¬ 
geruch . . . . 


Umringt halten sie ihre Brautführer. 
Sieben sind es an der Zahl, die sie 
selbst erwählte. 

Ihre Brautjungfern sind sieben . . . 
Den Blick richten sie auf den Bräu¬ 
tigam . . . 

Damit sie durch seinen Anblick Licht 

empfangen, 

Und in Ewigkeit werden sie bei ihm sein, 
In jener ewigen Freude. 

Und werden sein bei jenemFreudenmahl, 
Bei dem dieGroßen sich versammeln — 
Und werden sich kleiden mit könig¬ 
lichen Kleidern, 
Und werden auziehen glänzende Ge¬ 
wänder . . . .“ 


Vielleicht erklären diese mystischen dichterischen Vorstellungen die kühnen 
Gegenüberstellungen des persischen Lyrikers Hafis. Einmal vergleicht dieser 
den Wuchs der Geliebten mit dem Lebensbaum der Muhammedaner, dem Thuba 3 ): 


„Zuflucht sucht bei deiner schönen Wange 
Und bei deiner schlanken Hochgestalt 
Selbst das Paradies und selbst der 

Thuba“. 

Wohl denn ihnen! Schöner Aufenthalt. 
Wie mein Aug’, so sieht durch ganze 

Nächte 


Auch der Strom der Paradiesesflur 
Immerdar im Schlaf das Traumgebilde 
Deiner trunkenen Narzisse nur. 

Jeder Abschnitt in des Frühlings Buche 
Ist ja deiner Schönheit Kommentar, 
Und ein jedes Tor des Paradieses 
Bringt ein schönes Lobgedicht dir dar.“ 


1 ) Vgl. meinen Aufsatz „Aus der Genesis der abendländischen Kaiseridee“ 
Mitteilungen der Schles. Ges. f. Volksk. XVII (1916) 175 ff. 

2 ) Zwei gnostische Hymnen. Ausgelegt von E. Preuschen. Gießen 1904. 
Hier S. 10ff die griechische und syrische Fassung. Ich teile Bruchstücke der 
ersteren in der Übersetzung mit. 

3 ) Hafis, Divan des, hrsg. von Ritter v. Rosen zweig-Sch wannau. 
Bd. I (Wien 1858) 47. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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Ein ander Mal sind die Lippen eines schönen Weibes diesem Dichter der 
lebenspendende Quell des himmlischen Paradieses, den die altpersische Mytho¬ 
logie Selsebil nannte: 


„0 du, mit Wangen, schön wie Eden, Der junge Flaum um deine Lippe, 

Und Lippen gleich dem Selsebil! Gehüllt in grünliches Gewand, 

Der Selsebil setzt dir zu Liebe Ist einer Schar von Ämsen ähnlich 

So Herz als Seele auf das Spiel. Rings um des Selscbiles Rand 1 ).“ 

Wie dem auch sein mag: sicherlich ist die gnostische Lichtgestalt der 
Sophia das Urbild, nach welchem Dante in genialer, frei schaltender Neu- 
sehüpfung seine verklärte Beatrice formte, Sic ist ihm, wie den Gnostikern, 
die „Geliebte der Urliebe“, die „Lichtbezwungene“ 2 ). Den Sonnenwagen mit 
dem Greifen, den Philostrat bei den Indiern erwähnte, gibt Dante ihr als Braut¬ 
wagen. Sieben Brautführer geleiten sie wie in jenem gnostischen Hymnus, 
oder wie in dem Hochgesang des Alatius ab insulis 3 ). Wie im Rituell der 
antiken Hochzeit steht im Mittelpunkte dieser Brautgesängc der Commedia die 
Entschleierung der Beatrice. An den antiken Zug, daß die Braut dem Gemahl 
in der Brautnacht Äpfel darreicht, erinnern die Verse:* 


„Quäle a veder dei fioretti del melo, 

Che del suo pomo gli Angeli fa ghiotti 
E perpetue nozze fa nel cielo“ 4 ). 

Volle Beweiskraft für diese Auffassung der letzten Gesänge des „Berges der 
Läuterung“ besitzt dann der Zug vom Wiederergrünen des dürren Baumes durch 
die Berührung mit dem Brautwagen Beatrices. Die im Mythus vom Wieder¬ 
ergrünen des Weltenbaumes begleitete heilige Hochzeit des Himmelsgottes mit 
der Erde, welche den Höhepunkt der antiken Mysterienfeier bildete und auch 
den Gnostikern in der Übertragung auf Christus und die Sophia eiu hoch¬ 
heiliges Symbol war, wird hier vom Dichter ins Mystische übersetzt 5 ). 

Ganz verschwunden ist dann die alte, von den Gnostikern auf die sieben 
Sphären des Himmels bezogene Vorstellung vom Weltenberge auch nach Dantes 
Zeiten nicht bis — auf den heutigen Tag. Der siebenstufige Thron der Herr- 

*) Ebenda II (1863) 189. Vgl. Wünsche a. a. 0. S. 9 u. 74. 

a ) „amanza del prirno am ante.“ Parad. IV, 118 

s ) Alani ab insulis, Anticlaudianus. Migne, Curs. Patr. Lat. *210, 506. 
Die Schwestern sollen die Sophia begleiten: 

„(Minerva) et efficiat, ut currus currat ad esse .... 

.et trini superato cardine cooli 

Scrutetur secreta noys, sensusque profundos, 

Hauriat, et summi perquirat veile magistri.“ 

Ermen rieh von Ellwangen kennt auch eine Quadriga der vier Haupttugenden, 
auf welcher sich die Seele zum Himmel emporschwingt. Epistola Ermenriei 
ad dominum Griinoldum. Mott. Germ. Ep. V, 536. 

4 ) Purg. XXXII, 73—75 

5 ) Ich darf wohl auf meine längeren Ausführungen in meinem Aufsatz 
„Dänte und die Renaissance“ in der Internationalen Wochenschrift, 1910, 
15. Oct., verweisen. 

4 * 


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Franz Kampers 


lichkoit, auf welchem die „vcra sophia“ sich niedergelassen hat, erscheint 
wieder im fünfzehnten Jahrhundert in den Miniaturen der Handschriften des 
vielgelesenen „Speculum humanae salvationis.“ Und wenn heute die Katholiken 
in ihrer „Lauretanisclien Litanei“ die Gottesmutter als „Sitz der Weisheit“ an- 
rufen 1 ), so wissen sie nicht, daß dessen Urbild der Bergthron des Sonnengottes 
jenes Landes ist, wo sie im Paradiesesglanze die Wiege der Menschheit suchen 
und zugleich den ragenden Baum, unter dem die Sünde geboren ward, welche 
die Tore jener Herrlichkeit für immer verschloß und den Adamskindern das 
Lichtkleid der Vollendeten raubte, nach welchem sich seitdem in träumendem 
Dichten, in grübelndem Denken, in gläubigem Hoffen das Sehnen der Zeiten 
verzehrt. 

Aus erstaunlich wenigen Resten des Alten Weltbildes formten die Dichter 
des Mittelalters somit tiefsinnige Sagen. Wcltenberg und Weltenbaum in den 
mannigfaltigsten Abwandlungen stellten sie mitten hinein in ihre, diesen fremde 
Heimatnatur; und der Gott, welcher allnächtlich geheimnisvoll die Fahrt zum 
Paradieseslande des Aufganges machen muß, um dann von jenem Hochsitze 
der Herrlichkeit aus däs All zu beglücken, wird ein hochgemuter Ritter oder 
ein abenteuerlicher Wanderer zu einem goldenen Nirgendheim, und die Göttin 
an den ewigen Wassern, welche das Eiland immerwährender Freuden schweigend 
umgeben, wird zur minniglichen Dame. 

So einfach diese Urform der alten babylonischen Göttermär nun auch war, 
so fruchtbar erwies sie sich dichterisch, wie die mannigfaltigen Ableitungen 
von Sagenstoffen aus ihr in der hohen Zeit des Mittelalters dartun. Die Frage 
drängt sich da auf, wie das Abendland Kunde erhielt von den Bildern und 
Gestalten dieses urzeitlichen Mythus. Da erinnern wir uns sogleich des später 
verlassenen Weges jener erotischen Panegyrik, deren wichtigste Ausgangs- und 
Haltepunkte Konrad Burdach vor kurzem feststellte. Bei der innigen Ver¬ 
flechtung gerade dieser lyrischen Erzeugnisse mit der gesamten Kulturentwicklung 
können wir unbedenklich voraussetzen, daß die für diesen freilich eng um¬ 
grenzten Bruchteil der Geistestätigkeit gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert 
werden dürfen. Dieser Weg des Miunesanges ist in der Tat zugleich eine der 
großen Kulturstraßen, welche Ost und West im Mittelalter miteinander ver¬ 
banden. Es kann uns nicht überraschen, wenn wir auf dieser auch unseren 
mythisch epischen Gedanken zum Abendlande wandern sehen. Wir sind aber 
vorsichtig genug, trotzdem auch Ausschau darnach zu halten, ob dieser nicht 
zugleich auch noch die anderen Kulturstraßen benutzte, welche jene Lyrik mied. 

Als Ausgangspunkt dessen, was wir heute Minnesang nennen, nimmt 
Burdach eine hellenistische galante Hofpanogyrik an fürstliche Personen an, 
läßt es aber in der Schwebe, ob in ihr das hellenische oder das orientalische 
Element überwog. Die Annahme liegt nahe, daß nach der formalen Seite hin 
das Hellenische, nach der inhaltlichen aber das Orientalische als das Vor¬ 
herrschende wirksam war. Das schwärmerisch Inbrünstige, das uns u. a. aus 
dem Hohen Lied entgegenweht, dem das Griechentum nichts Ähnliches zur 
Seite zu stellen hat, deutet meines Erachtens nachdrücklich auf den Osten als 
die eigentliche Quelle des anbetenden Frauenkultes. Inwieweit auch hier, ein 

! ) Kampers’, Turm und Tisch a. a. 0. S. 74 ff. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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gegenseitiges Nehmen und Wiedergeben zwischen dem Hellenismus und dem 
persischen Osten vorauszusetzen ist, oder ob jene Art der erotischen Dichtung 
nicht im Iraniertum selbst bodenständig war — das wage ich nicht zu beur¬ 
teilen. Jedenfalls bezeichnet Burdach mit gutem Rechte Persien und besonders 
den Hof der persischen Vasallenkönigc zu Hira am Rande der syrischen Wüste 
als das Gebiet, von welchem die Araber die Verherrlichung der fürstlichen 
Herrin mit minniglichen Farben kennen lernten. Burdach nimmt dann weiter 
an, daß die in Hira sehr starken christlichen Einflüsse bereits den rohsinnlichen 
Charakter der Poesie der Araber zu vergeistigen mitgewirkt hätten. 

Die weiteren Wege der erotisch-panegyrischen Hofpoesie der Araber haben 
sich vermutlich geteilt. Ein vielbegangener Kulturweg war jener am Nord¬ 
rand Afrikas vorbei über die Säulen des Herkules zum muslimischen Spanien. 
Auf diesem wanderte auch jene Liebesdichtung und wurde dann in den west¬ 
lichen europäischen Chalifaten einem „neuen aristokratischen und geistigeren 
Bildungsideal“ angepaßt, wobei mutmaßlich die leidenschaftliche Gefühls¬ 
innigkeit des spanischen Christentums, „die sich in der Wonne der Gottesliebe 
berauschte,“ mitwirkte. So schufen die arabischen Hofpocten der andalusischeu 
Herrscher seit dem neunten Jahrhundert „jenes gesuchte literarische, poetisch¬ 
soziale Schema, das der werdende provencalische Minnesang, der neue Minne¬ 
dienst und der romantische Liebesbegriff der höfischen Romane übernommen 
hat.“ Daneben dürfen aber, wie Burdach unter Hinweis auf die reiche Aus¬ 
beute versprechende Arbeit, die hier noch zu leisten ist, ausführt, der Weg 
über Sizilien und die Kreuzfahrerwege zu Wasser und zu Lande nicht außer 
acht gelassen werden. Die alte Kulturstraße über Byzanz wurde von dieser 
Lyrik bei der so ganz anders gearteten, mehr dem Rednerischen, Epigram¬ 
matischen, Historisch-Epischen zugewandten Sinnesart der Romäer nicht be¬ 
gangen. 

Unser mythisch epischer Gedanke — damit fasse ich zugleich die Ergeb¬ 
nisse dieser Untersuchungen zusammen — konnte, nachdem er Babylon ver¬ 
lassen hatte, die gleichen Wege wählen, die jene minnigliche Dichtung wanderte, 
ohne daß er, da für ihn jene Hemmungen wegfielen, die Straße über Neurom 
unbenutzt zu lassen brauchte. Auch für ihn war Persien das eigentliche Ver¬ 
mittlungsland. Nachdem schon in Babylon die Übersetzung des mythischen 
Stoffes von der Jenseitsfahrt des Lichtgottes und dessen Triumph nach dem 
Wiedergewinn der Lostafeln ins Heroische begonnen hatte, wird die damit an¬ 
hebende Vermenschlichung der alten Göttermär in der iranischen Geistes weit 
nachdrücklich weiter durchgeführt. Es bildet sich hier eine Fabel von einem 
paradiesischen Musterkönig, welcher in der Verborgenheit aufwächst, als Welt¬ 
fremder ins Leben tritt, kämpfend sich über das Menschliche zum Ewigen er¬ 
hebt und so gewürdigt wird, das All zu befrieden. Diese Sage knüpft sich in 
beständiger Entwicklung und Erweiterung an verschiedene persische Könige, 
besonders aber an den von Firdusi gefeierten Nationalhelden Chosro. Von 
diesem künden spätere Sagen, daß er von der Höhe seines kosmischen Zikkurat 
aus nach seinem geheimnisvollen Verschwinden tot und doch nicht tot, dem 
Sonnengottc gleich, throne. Mit dieser Chosrosage wanderte die Vorstellung 
vom Weltenberg mit dem Sonnentisch, dem Sonnensymbol, dem Sonnen- und 
Weltenbaum und der Göttin an den ewigen Wassern westwärts. 


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Franz Kampers 


Im phönizischen Küstengebiet befruchtete dieses Mythologein alsdann die 
dort herrschende Göttermär von Melqart. Es entsteht die Sage von der semi¬ 
tischen Lichtlandfahrt dieses von den Griechen Herakles genannten Gottes zum 
Nabelberg der Erde, wo der lohende Sonnenbaum aufragt. Dieser Herakles, 
welcher auch „der Rote“ genannt wird, ist ein Halbjahresgott, welcher kommt 
und verschwindet, welcher nach den einen friedlich, nach den anderen im 
Kampfe das Lichtsymbol, den goldenen Becher, erhält. 

Das babylonische Mythologem dringt dann auch in die umlaufenden jüdisch¬ 
arabischen Sagen vom weisen König Salomon, läßt diesen als Fischer sich sein 
Brot verdienen, nach seiner vollen Läuterung das strahlende Sonnensymbol, 
seinen Ringstein, wiedergewinnen und die Fahrt zur Königin im Paradieses¬ 
lande machen. Schließlich setzt sie ihn tot und doch nicht tot auf seinen 
siebenstutigen Thron. 

Eine weitere Verästelung jenes alten mythischen Zuges stellt die helle¬ 
nistische Alexandersage dar. Mit der schon zu Lebzeiten des großen Makcdoneri 
anhebenden jüdischen Legende, nach welcher der Eroberer des Ostens als 
messianischer König die Völker der Endzeit, Gog und Magog, einschließen soll, 
und ferner mit jener griechischen Göttermär, welche üppig fabulierende, roman- 
hafte Berichterstattung mit der Indienfahrt des wiedererschienenen Dionysos — 
so nannte die hingerissene Mitwelt den Makedonen — verquickte, geht auch 
unser Mythologem eine innige Verbindung ein. Alexander kommt dann in den 
Wunderpalast der Kandake beim Paradieseslande, besteigt dann den Berg Meros 
in der nysaeischen Flur und erhält dann aus Eden das Sonnenauge der Gottheit. 

Aus dem babylonischen Motiv vom allzeit strebend sich bemühenden 
„Ritter des Loses“, faris-i fal, gestalten sich feiner die visionären Jenscits- 
wanderuugen, von denen gnostische Schriftsteller des hellenistischen Kultur¬ 
gebietes erzählen. Für diese mußte jener aufwärts weisende Stufenberg, jener 
mystische Sonnentisch und jenes Lichtsymbol etwas ungemein Anziehendes haben, 
zumal kabbalistischer Irrwahn frühzeitig in diese Welt des Grtlbelns eindrang. 

Die uralten Hoftnungen auf einen Erretter-Kaiser mit Namen Johannes 
schließlich hatten im zwölften Jahrhundert im Heiligen Lande die Verheißung 
eines Messias-Königs gezeitigt, welcher zugleich Priester und König sein sollte. 
Diese Erwartung vermengte sich mit den Vorstellungen jener persischen Sage 
vom paradiesischen Musterfürsten. Auf diesen letzteren gingen Züge vom 
jüdischen Priesterkönige Salomon und von dessen sagenhafter Fahrt zur Königin 
von Saba, welche auch Makeda hieß, über. Der Name des Ahnherrn Parzivals 
bei Wolfram, „Mazedans“, erinnert meines Erachtens an diese Sagenvennengung 
— ganz abgesehen von anderen Bezugnahmen der Graldichtungen auf dieses 
Verwandtschaftsverhältnis des Helden 1 ). Salomon, der jüdische „Ritter des 
Loses“, und die Königin von Saba, die Makeda, die Bilqis-Belakane, werden 
also die Stammeltern des Priesterkönigs Johann 2 ). In dieser neuen Zusammen¬ 
setzung wird aus dem babylonischen Götterberg und Zikkurat ein Himmelspalast 
in sieben Stockwerken; die mensa solis erscheint darin als ein Prunktisch, der 
schon eine wunderbare Eigenschaft besitzt, und der Wcltenbaum begegnet als 

! ) Siehe die Ausführungen über Parzivals Ahnen in meinem „Lichtland“ S. 31 ff. 

2 ) Darüber Kampers, Alexander S. 100 ff. 


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Gnostisches im „Parzival“. 


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dürrer Baum. Ein Sonnensymbol in Gestalt eines bei Nacht taghell leuchtenden 
Edelsteins auf der Spitze dieser Burg des seligen Lebens kennt diese in Wunder¬ 
berichten schwelgende Mär, nicht aber das, was die Parzivaldichtung als Gral 
bezeichnet. 

Mit diesen im hellenistischen Luftkreis entstandenen und dort auch weiter¬ 
wuchernden Sagen und Legenden war die Grundlage gegeben, auf welcher das 
Abendland seinen Sang von Parzival und dem Gral aufbauen sollte. Das 
Abenteuer Gachmurets und der Belakane — ich sehe von Entlehnungen aus 
diesen Sagen in Einzelheiten bei dieser Zusammenfassung ab — hat den Bund 
Salomons und der Königin von Saba zum Vorbild. Parzivals Jugendgeschichte 
und das Kämpfen seiner Parallelfigur, des Gawan, sind der Chosrosage nach¬ 
gebildet. Der Streit des Helden mit dem roten Ritter um den goldenen Becher 
hat den Mythus vom tyrischen Herakles zum Hintergrund. Die Salomonsage 
wiederum bot in der Königin von Saba, der babylonischen Göttin Sabitu an 
den ewigen Wassern, das Urbild für die Parallelgestalten Kondwiramur-Orgeluse. 
Die schon in der persischen Königssage in die Erscheinung tretende Um¬ 
wandlung der Lichtlandfahrt in eine Heilsfahrt schöpfte, ehe sie ins Höfisch- 
Ritterliche übersetzt wurde, aus der Schilderung einer gnostisch visionären 
Jenseitsw r anderung. Die Vorstellung vom Palast der Ewigkeit, welche allerdings 
nur hier und da in den Graldichtungen durchblickt, und die vom Zauberspiegel 
gehörten ursprünglich der Sage vom Priesterkönig Johann an. Der allzeit mit 
Speisen bedeckte Sonnentisch und das Sonnensymbol hatten sich, ehe sie Auf¬ 
nahme fanden in die Parzivalmär, unter dem Einfluß der jüdischen Kabbala in 
Spanien verselbständigt, ohne aber ihre ehemalige kosmische Bedeutung, die 
auch noch in den Graldichtungen sich wiederholt offenbart, dabei gänzlich zu 
verlieren. 

Da wäre es nun höchst anziehend, zu wissen, auf welchem Wege das 
einstmals Zusammengehörende sich schließlich wiederfand. Das mit Sicherheit 
restlos festzustellen, wird gewiß immer unmöglich sein. Immerhin dürften wir 
jetzt die Probleme klarer herausarbeiten können. 

Wir wissen, daß die erwähnten hellenistischen Sagen alle einzeln nach 
dem Westen kamen und dort auch einzeln zu selbständigen dichterischen Ge¬ 
bilden verarbeitet wurden. Welche Wege sie dabei gingen, ist nun gleich eine 
schwer zu beantwortende Frage. Wir sehen, daß die eine dieser Sagen bestimmt 
diesen, die andere ebenso bestimmt einen anderen Weg gegangen ist, können 
aber doch nicht mit Sicherheit behaupten, daß sie nicht gleichzeitig bei dieser 
allgemeinen sagenfrohen Ergriffenheit ob der schon seit den Tagen Karls des 
Großen sich allmählich immer mehr erschließenden Wunderwelt des fernen Ostens 
daneben auch noch andere Wege wählten. Aus den Heiligtümern des 
Herakles in Tanger und in Spanien mit ihren Kleinoden, dem Schild, oder dem 
Tisch, oder dem Schrein, oder dem Spiegel, schließen wir mit Recht auf einen 
Weg, den die Sage vom „Roten“ cingeschlagen hat. Nun begegnet uns aber 
die Sage von Herakles, den wir zugleich auch als den roten Chronosdrachen 
von Babylon kennen lernten, in Fassungen, die mit großer Wahrscheinlichkeit 
über Byzanz gewandert sind, weil sie mit der byzantinisch-slavischen Sage vom 
babylonischen Reich viel Gemeinsames haben. In den französischen und 
italienischen Prophezeiungen des Merlin ist die Rede von der Krone des baby- 


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Franz Kampers 


Ionischen Drachen mit vier Edelsteinen und von einer gleichen des Kaisers von 
Orbante, einer mythischen Stadt. Dieser letztere, Aurians-Adriano, wird in 
einer Überschrift eines Kapitels der italienischen Prophezeiung dem babylonischen 
Drachen gleichgesetzt. Die Krone dieses Herrschers wurde zufällig im Meer 
gefunden, und ein Fischer brachte die Edelsteine, mit welchen sie geschmückt 
war, zum Kaiser Friedrich II. 1 ) Indes nur der darf die Steine behalten — so 
lehrt uns die deutsche Kaisersage 2 ) — welcher die rechte Frage stellt. Der 
glückliche Besitzer aber wird übers Meer ziehen, die Ungläubigen vernichten 
und seinen Schild an den dürren Baum hängen. Für die byzantinische Her¬ 
kunft dieser Prophezeiung spricht auch die Tatsache, daß im Neuen Rom 
die alte Königssage des Ostens wohl in ihrer frühesten Form lebendig blieb. 
Im griechischen Texte der Weissagungen Pseudo-Daniels aus dem Ende des 
siebenten Jahrhunderts wird ein rettender Kaiser Johannes — mit dieser apo¬ 
kalyptischen Chiffre wird der große Alexander eingeführt — verheißen 3 ). Von 
ihm wird gesagt, daß er die Sarazenen besiegen und bis zum „Einbaum“ ver¬ 
folgen werde. Es ist ursprünglich der Nationalheld des Zweistromlandes, 
Gilgamos-Nimrod, welcher auch Oannes und Johannes genannt wurde — so in 
jener Sage vom babylonischen Reich. Ich zw r eiflc nicht, daß der Beiname „der 
Rote“, welcher Otto II. gegeben wurde, ebenso wie die ganze Sage von dessen 
entscheidenden Sieg über die Sarazenen nichts anderes ist, als eine Übertragung 
uralter Hoffnungen auf diesen Herrscher 4 ). 

Zu dessen Zeit waren ja die Beziehungen zwischen dem sächsischen Hofe 
und dem Bosporus ganz besonders rege. Damals wurde auch die Chosrosage 
in ihrer byzantinischen Ausprägung übertragen und erzeugte zunächst in Italien 
und Südfrankreich die Mär von dem hochthronenden, entseelten Kaiser Karl 5 6 ). 
Aber auch bei dieser persischen Königssage möchte ich es nicht für unbedingt 
ausgeschlossen halten, daß sie dem die Sagenstoffe verarbeitenden Sänger des 
epischen Urparzival nicht auf einem ganz anderen Wege zuging. Das Gleiche 
gilt von der Salomousage für die ja auch neben der Heraklessage — das spätere 
Nebeneinander- und Durcheinandergehen dieser beiden ursprünglich und noch 
später verwandten Sagen ist höchst lehrreich — in Spanien eine Fülle von 
Wegmarkierungen vorhanden sind. Ähnlich dürften auch die Dinge bei der Mär 
vom Priesterkönig Johann liegen. Den ursprünglich babylonischen messianischen 
Johannes erwarteten im siebenten Jahrhundert, wie wir eben hörten, die Byzan¬ 
tiner als großen Erretter. So war hier der Boden bereitet für die Übernahme 
der Sage vom Priesterkönige. Der berühmte erdichtete Brief dieses Traumheldeu 

1 ) Les propheties de Merlin. Lib. III; c. 21 (Paris 1626; 47 sv. Kampers, 
Alexander, a. a. 0. S. 105. 

2 ) Kampers, Lichtland S. 101. 

8 ) Kampers, Alexander S. 98 f. u. 147. 

4 ) Über diesen Beinamen K. Uhlirz in den Jahrbüchern des deutschen 
Reichs unter Otto II. und Otto III. I (Leipzig 1902) 209. Vgl. hierzu auch 
das oben S. 15 A. 0. über den rotbärtigen Riesen der indogermanischen Zeit 

Gesagte. 

6 ) Darüber Kampers, Die Mär von der Bestattung Karls d. Gr. a. a. 0. 
S. 22 ff. 


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Guostisches im „Parzival“. 


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der Christen im Heiligen Lande ist an den byzantinischen Kaiser gerichtet. 
Ein Romäerkaiser sucht und findet Aufnahme in seinem Ewigkeitspalast. Beides 
deutet entschieden auf byzantinische Vermittlung, schließt aber wiederum nicht 
aus, daß ein Kreuzfahrer — vielleicht sogar Wolframs Gewährsmann, Kyot, 
selbst — diesen Stoff unmittelbar aus Palästina mitbrachte. 

Damit kommen wir zu einer anderen Seite dieses Übertragungsproblems. 
Es erhebt sich die Frage: Hat der Dichter des Epos vom Helden Parzival 
die einzeln aufgeführten Sagen, welche alle nachweislich den Weg ins Abend¬ 
land fanden und dort alle einzeln in der Dichtung ein selbständiges Leben 
führten, selbst zusammengerafft, oder fand er sie zu einem Konglomerat ver¬ 
einigt bereits vor? Und wenn wir uns für ein vorher vorhandenes derartiges, 
durch Vermischung entstandenes Gebilde entscheiden, müssen wir weiter fragen: 
wo ist dieses entstanden? Der deutsche „Apollonius“ erleichtert uns die Antwort. 

Die Mär von Parzival ist, wie wir sahen, eng verwandt mit jenem Teile 
des deutschen „Apollonius“ insbesondere, welcher in den Inhalt des dieser 
Dichtung zu Grunde liegenden lateinischen eingeschoben wurde. Diese Ver¬ 
wandtschaft führten wir nicht auf Abhängigkeit des Jüngeren vom Älteren, 
sondern auf die Benutzung einer gemeinsamen Vorlage zurück. Bei dem starken 
gnostisehen Einschlag — ich erinnere an die Läuterung über sieben Stufen, 
an den Zauberspiegel über dem Abbild der sicbeu Himmel, an die Sophia als 
das Urbild der Diomena, an die Lichtgewänder und an die heilige Hochzeit im 
Baume — kann diese nur zu einer Zeit verfaßt sein, in welcher Menschen noch 
gnostisch dachten. Ob unser Wiener Sänger, oder ob bereits irgend ein Vor¬ 
gänger desselben, die sicherlich ernst aufgefaßte und ernst geschilderte 
Himmelsreise der Seele zu dieser abenteuerlichen Groteske machte, ist eine 
zweite, uns weniger anziehende Frage. Wir begnügen uns mit der Feststellung, 
daß die ursprüngliche, nicht zweifelhafte religiöse Kennzeichnung im Großen 
Zeit und Ort der Abfassung des Vorbildes dieser Schilderung der kampferfüllten, 
an Abenteuern überreichen Fahrt zum Goldenen Tal bestimmt. Es muß im 
Osten in den ersten christlichen Jahrhunderten entstanden sein 1 ). Vielleicht 
läßt sich die Zeit noch genauer festlegen durch die Tatsache, daß Philostrat 
diese in Heinrich von Neustadts Sang verarbeitete Vorlage bei der auffälligen 
Übereinstimmung seiner Biographie mit der deutschen Dichtung sowohl im In¬ 
halte, wie auch in einer bemerkenswerten Einzelheit in irgend einer Form gekannt 
haben muß und aus ihr erst seinen Tendenzroman gestaltete. Da schon aus inneren 
Gründen die Himmelswanderung das Primäre, die romanhafte Lebensbeschreibung 
das Sekundäre sein muß, so ist das umgekehrte Verhältnis ausgeschlossen, daß 
die gesuchte Vorlage des „Apollonius von Tyrus“ sich an den „Apollonius von 
Tyana“ angeschlossen haben könnte. Daß die Vorlage der Abenteuer des 
Tyrlanders freilich nur eine Ableitung aus jener der Lebensbeschreibung sein 
kann, ist selbstverständlich. Da die Geschichte beider Namensvettern der 
Weltliteratur angehört, so ist dieses Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem 

l ) Auch ich möchte mich mit A.Bockhoff und S. Singer [Apollonius, a. a. 0. 
S. 71] für die Existenz eines ursprünglich in griechischer Sprache abgefaßten 
„Apollonius von Tyrus“ entscheiden, kann mich aber sonst den Ausführungen 
dieser Forscher in dem in Frage stehenden Punkte nicht anschließen. 


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Franz Kampers 


Roman und der Dichtung ein Problem, das, wie mir scheint, durchaus die Be¬ 
achtung eines dazu berufenen philologischen Forschers verdient. 

In Wolframs „Parzival“ finden wir mit durchaus verwandten Grundzügen 
diesen Kern des „Apollomus“, welcher, wie jetzt erwiesen sein dürfte, eine in 
sich abgeschlossene Himmelsreise darstellt, wieder. Bei näherer Untersuchung 
des Lebensepos dieses großen deutschen Meisters erkennen wir unschwer, wie 
die Schilderung der mystischen Wanderung der Seele als etwas einstmals für 
sich Bestehendes aus dem ganzen Gefüge dieser Dichtung herausfällt. Nun 
bringt aber Wolfram gerade in diesem Teile mehr wie Heinrich von Neustadt 
und zwar verschiedene Züge, durch welche er dem uns bekannten Schema von 
der Seelenreise des Königssohnes bedeutend näher kommt. Dazu gehören die 
Jugendgeschichte seines Helden, dessen Kampf mit dem Drachenritter um das 
gesuchte Kleinod, die Schrecken des Zauberschlosses, das auch die Chosrosage 
kennt, die bedeutsame, bei Wolfram freilich ins Triviale hinabgezogene Frage. 
Durch alle diese Züge gleicht sich die Fabel des „Parzival“ jener gnostischen 
Seelenreise des Königssohnes mohr an, welche mit der Sage vom roten Herakles, 
der mit dem Drachen kämpft und den goldenen Becher erbeutet, eine innige 
Verbindung eingegangen war. Diese Züge nun offenbaren sich alle als ursprüng¬ 
liche. Der deutsche Dichter des „Apollonius“ hat nur einige davon ausgelassen; 
in der französischen Fassung dieser Mär finden wir ja den Helden auch als 
„roten Ritter“, und hier muß er ebenfalls mit dem feuerspeienden Drachen 
kämpfen. Nur der goldene Becher fehlt. 

Aus diesen Überresten im „Apollonius“ und im „Parzival“ können wir die 
Vorlage annähernd wiederhcrstellen, wolche dem Sänger des englischen Spiel¬ 
mannsmärchens den orientalischen Stoff erzählte. Von einem Gral wußte jene 
noch nichts, und deshalb konnte der fahrende Sänger auch nichts von ihm be¬ 
richten. Ehe dieser die fremde Mär weitertrug, hatte der goldene Becher hier 
die alte kosmische Bedeutung bereits verloren, dort war er zum Talisman, wie 
viele andere, geworden. Das zauberwirkende Kleinod ist auch in der späteren 
Veränderung und Erweiterung dieser ersten Vorlage noch nicht enthalten ge¬ 
wesen; denn die Sagen vom Priesterkönige Johann, welche diese Überarbeitung 
darstellen, kennen es* wie wir sahen, wenigstens in seiner späteren mystischen 
Bedeutung noch nicht. 

Die wunderfrohen Fabeleien der Christen vom Priesterkönige Johannes, 
welche in den uralten Erwartungen jenes babylonischen Erretters Cannes ihren 
Nährboden hatten, sind, wie Kyot-Wolframs Sang dartut, später mit der ins 
Jüdische übertragenen und mit Zügen aus der Alexandersage verbrämten 
persischen Mär vom Musterkönige im Paradieseslande vermengt worden. Ob 
das schon auf dem alten Mutterboden, welcher jene Sage entstehen, wachsen 
und sich vermischen sah, geschehen ist, erscheint mir zweifelhaft. Wäre das 
der Fall gewesen, so fänden sich in der ältesten uns bekannten Nachdichtung 
dieser östlichen abgewandelten Königssage, die das englische Spielmanns¬ 
märchen überliefert, Spuren dieser phantastischen Schilderungen, welche bald 
in aller Mund waren. Auch der Umstand spricht dagegen, daß die Nahtstellen 
zwischen der alten Parzivalfabel und den Zügen, die der Sage des Priester¬ 
königs entnommen wurden, in Wolframs „Parzival“ noch deutlich zu erkennen 
sind. Unseres Meisters Gewährsmann, Kyot, wird jene Fabel vom „Ritter des 


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Gnostisches. im „Parzival“. 


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Loses“ uud jene Erwartung eines Priesterkönigs mit einander verschmolzen haben. 
Diese Annahme findet auch in der Tatsache eine Stutze, daß die eng verwandte 
Parzivaldichtung des Chrestien von Troyes nichts von diesem indischen Traum¬ 
fürsten und seiner Märchenpracht weiß. 

Als der erste Sänger von Parzival und dem Gral dann in der Heimat 
daran ging, den fremden Stoff episch zu verarbeiten, 'da wirkte auf ihn außer 
der bodenständigen Sage, auch ganz von selbst, jene über die Pyrenäen wandernde 
alte Mär von den Kleinoden Salomons ein. Durch diese drang die uralte Vor¬ 
stellung vom Sonnentisch mit dom Sonnenidol, die sich auf dem langen Wege 
vom Orient nach Spanien vornehmlich unter Beihilfe jüdisch-arabischer Kabba- 
listik, wie wir sahen, verselbständigt hatte, auf einem Seitenwege wieder in die 
nunmehr freilich abgewandelte alte Fabel ein, zu der sie, als diese noch die 
Quellenfrische der Ursprünglichkeit besaß, dereinst gehörte. Wie früher, so 
paßten sich auch jetzt der Held und sein Kleinod dem Wandel der Zeiten an. 
Die Mär vom Lichtgotte und dessen Wahrzeichen, welche eine gigantische Welt 
sich formte, bewahrte auch dann, als der Mythus — noch in seinem Ursprungs¬ 
lande — ins Heroische übersetzt wurde, seinen großartigen, überirdischen, 
kosmischen Bezug. In den Zeiten des hochgehenden, vielfach überreizten 
religiösen Enthusiasmus der Gnosis begann aber dann die Erhabenheit der von 
jener, wie wir erkannten, zum Gleichnis der Seelenreise umgearbeiteten alten 
Göttermär zu schwinden. Aus dem aufwärts steigenden Helden wurde in den 
verzückten Gedankenkreisen mönchischer Grübler irgend ein Geringster unter 
den Geringen, ein die eigene Schwachheit restlos Niederringender, ein frei¬ 
williger Narr. Dann, ^nach Jahrhunderten, als die christliche Republik des 
Mittelalters zusammenbvach, wob ritterliche Romantik um die Fabel und ihr 
Juwel ein buntes Gespinst von Abenteuern und Märchen. Damit verweltlichte 
der Stoff. Wohl lebt auch in des reinen Toren Brust etwas von jener leiden¬ 
schaftlichen Sehnsucht nach dem Schauen des Unerforschlichen und Unbegreif¬ 
lichen, welche dereinst das religiöse Triebleben der Gnostiker ausfüllte. Der 
Gralsucher, welcher, allen sichtbar, mit jugendlichem Feuer durch seine Zeit 
schreitet, findet aber jetzt das Heil jenseits von Staat und Kirche in einem 
außerkirchlichen Nirgendheim, und dementsprechend ist das heiße Begehren, 
das ihn treibt, nach dem Anblick eines außerkircblichen Heiligtums gerichtet, 
das nur von religiöser Art ist, das nur in der Traumwelt der Dichter seinen 
Zauber wirkt, von dessen Form und Art keiner von Allen, die uns seine Wunder 
künden, eine klare Vorstellung hat. Der glaubte, daß es ein Stein sei; jener 
hielt es für eine Truhe; ein anderer wieder erkannte in ihm eine Schale. Seine 
Gestalt darf nur der Auserwählte schauen; sein Wesen kann nur der „Voll¬ 
endete“ ergründen. So wurde mit der Wiederaufnahme des Idols in die Fabel 
zugleich deren früherer Tiefsinn wesentlich getrübt. Die satten Farben der 
Unterweltsfahrt des Lichtgottes, welche schon in der gnostischen Perlensuche 
des ägyptischen Königssohnes matter geworden waren, wurden jetzt mit ganz 
anderen, freundlichen, lichten Tönen übermalt. 

Gerade in diesör entzückenden Unklarheit war die Mär von Parzival, der 
immer strebend sich bemüht und schließlich den zum Wunschkleinod ge¬ 
wordenen Gral und die Krone im Reiche des Traumes erwirbt, vortrefflich ge¬ 
eignet, dem unstillbaren, noch nicht abgeklärten, ahnungsvollen Bedürfnis der 


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Seele dieses Jahrhunders, das dem „Neuen Leben“ den Weg bereiten sollte, 
nach Erkenntnis des Unerforschlichen und Unbegreiflichen, nach Befreiung der 
Menschheit von der Menschheit, nach Wiederherstellung des furchtbar gestörten 
Einklanges des All ein Gleichnis zu sein. Die Zeitseele, deren Wirklichkeits¬ 
sinn in den langen staatskirchlichen Kämpfen schlaff geworden war, griff gierig 
nach diesem Stoff, der ihren ausschweifenden, die Grenzen irdischer Not¬ 
wendigkeit hinter sich lassenden dichterischen Träumen so reiche Nahrung bot. 

Zu der gleichen Zeit, in welcher diese Gralepen entstanden, begann das 
Volk seinem Erretter-Kaiser, den es in der Vergangenheit suchte und von der 
Zukunft wiedererwartete, weil es aufgehört hatte, Kämpfer zu sein, aus orien¬ 
talischen Fäden seinen köstlichen Sagenmantel zu weben. Wie der Dichter den 
Parzival auf seiner abenteuerlichen Fahrt zur Burg des seligen Friedens, die 
da außerhalb der Welt, unerreichbar den Blicken der Unberufenen, gesucht 
wurde, begleitete, so raunte das Volk wenig später vom Rotbart, der da glor¬ 
reich aus dem Berghause des ewigen Schlafes wieder hervortreten sollte. Par¬ 
zival und der Rotbart, beide Nachfahren des gleichen Ahnen, des Gottes auf 
dem Berge des seligen Lebens, erhalten dessen Wahrzeichen. Der Gralheld 
empfängt es in der Gralburg, dem Abbild des Götterberges; aus dem gleichen 
kosmischen Palast des Priesterkönigs wird dem deutschen Kaiser der zauber¬ 
wirkende, Sieg und Herrschaft verleihende Stein gebracht, den er hier am Finger 
trägt, mit dem er dort seine Krone schmückt. Die Sagen, welche dieses 
Steines Wunder künden, und Walther von der Vogelwcide, welcher — nicht 
als Einziger — des Kaisers heilige Macht in eine so innige Verbindung mit 
diesem Kronjuwel brachte, das man — dunkel sich an d^s Sonnenauge der Gott¬ 
heit, an das Augje der Alexandersage erinnernd und das lateinische Wort pupillus 
mißverstehend — den „Waisen“ nannte, kennen beide die Urbilder der babylonischen 
Göttermär und des gnostischen Tiefsinnes nicht mehr, von denen sie unbewußt 
die Farben nehmen für die Schilderung der Herrlichkeit ihres Helden und 
seines Wundersteines. 

So glaube ich denn, den Jahrhunderten ihr Geheimnis abgetrotzt zu 
haben, woher sie die Bausteine zur Burg der seligen Wiedergeburt nahmen, 
und nach welchem Grundriß, und mit welchen Mitteln sie diese zusammen¬ 
fügten, woher die Kleinode der Gralsage, der Tisch und der Stein, stammen, 
und wer sie zuvor gehütet hat, welcher Ahnenreihe sich der Held der Fabel 
des Sanges Kyot-Wolframs rühmen darf. Gewiß! An Kombinationen fehlt es 
diesen Untersuchungen nicht. Wenn schon die exakten Wissenschaften ohne 
die Brücken schlagende Phantasie nicht auskommen können, so ist der allzeit 
rein nüchtern vorgehende Verstandesmensch auf diesem sagengeschichtlichen 
Gebiete von vornherein verloren. Hier leben die Stoffe oft Jahrhunderte lang 
im Verborgenen fort: hier mischt sich zu allen Zeiten Verwandtes oder auch 
Fremdes miteinander; hier gestaltet immer wieder die nie rastende dichterische 
Erfindungskraft um. Und nun erst die Zeit der Kreuzzüge! Wie muß es ge¬ 
brodelt haben in den Geistern empfänglicher Kreuzfahrer, als berauschend und 
verwirrend des Orients Märchenpracht sich ihnen auftat;•wie werden sich in 
deren Erinnerungen später die bunten Bilder vermengt oder verwandelt haben! 
Und in dem alsbald anhebenden Singen und Sagen der Kreuzzugsromantik 
sollte Jemand ohne Kombinationen die leitenden Grundtöne feststellen können? 



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Gnostisches im „Parzival“. 


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Wir sind aber nun bei der Gralsage in der glücklichen Lago, festzustellen 
daß unsere notwendig werdenden Kombinationen an einem stark vernieteten 
Gerüst gesicherter Tatsachen haften. 

Mit der diesen Untersuchungen gegenüber stets gebotenen Einschränkung 
behaupte ich, daß die Grundlinien des Werdeganges unseres Stoffes, sowohl 
der Szenerie, wie der eigentlichen Fabel, sich von dem beengten Standpunkt 
des starren, unerbittlichen Gesetzes von Ursache und Wirkung erkennen lassen. 
Lückenlos vornehmlich ist die Kette der Überlieferung vom kosmischen Tisch. 
Von dem Altar des Königs Akbar, über den Tisch Peter des Grausamen, über 
die weltbedeutende Tafel der Gralepen, über den silbernen karolingischen Tisch 
mit „einer Beschreibung der ganzen Welt u , über den Tisch der spanischen Salomon- 
und Heraklessagen mit den 365 Füßen, über den jüdischen Schaubrottisch zieht 
sie sich bis zur mensa solis der Alten. Salomon- und Heraklessage aber stellen 
beide die innigste Verbindung her zwischen der Burg der Unsterblichkeit des 
Priesterkönigs, dem Gralschloß der Wunder und dem Götterberge des Ostens; 
denn diese beiden Mären bewahrten die Erinnerungen an das Berghaus der 
Ewigkeit, in welchem sie das Kleinod des Tisches suchen, jenes Berghaus, in 
welchem, außerhalb Spaniens, König Arthur, dessen sich drehende Tafel in aller 
Welt gefeiert wurde, und der deutsche Kaiser ein Traumleben führen. Und 
wenn es auch diese Zwischenglieder nicht gäbe, wenn wir weiter gar nicht 
wüßten, daß in ottonischer Zeit diese überaus fruchtbare mythische Vorstellung 
mit der Chosrosage über Byzanz ins Abendland wanderte — wir brauchten gar 
keine leibhaftigen Zeugen für unsere Ahnenprobe. Wenn spätmittelalterlichc 
Miniaturen getreue Abbildungen von Zikkurats bringen, wenn ein solcher 
Sakralturm in den Mären vom Priesterkönig und vom Gral beschrieben wird, 
wenn das Abendland diese Bauten, die es selbst niemals gesehen, im Para¬ 
dieseslande sucht und von ihnen fabelt, daß sie sich drehen, so genügt das, 
um mit vollster Sicherheit das Modell dieser Bilder und Schilderungen festzu¬ 
stellen. Solche siebenstufige, oder wie eine Schraube geformte Türme wurden 
ja nur ein Mal, zu einer bestimmten vorchristlichen Zeit und nur im baby¬ 
lonischen, iranischen, hellenistischen Kulturkreis und nur dort als sakrale kos¬ 
mische Symbole des kreisenden Kabelberges der Erde im Eilande ewiger 
Freuden errichtet. So steht der Bergthron der Herrlichkeit mit gutem Rechte 
als sicherer Pharos inmitten der verschlungenen Pfade meiner Untersuchungen. 
Tisch und Berg schließlich vermitteln das Sonnensymbol, dessen Verselb¬ 
ständigung und dessen Bedeutungswechsel wir gleichfalls quellenmäßig verfolgten. 

Eine ähnliche kausal zusammenhängende Tatsachenkette bietet auch die 
Geschichte der Parzivalfabel dar. Wir sahen, wie die den Graldichtungen so 
innig verwandte Mär von Apollonius eine Fülle alter gnostischer Elemente 
birgt, die sich so offensichtlich als solche herausstelleu, daß wir gar keiner 
Zwischenglieder für die Behauptung bedürfen, daß deren Vorlage in der Zeit 
der Gnosis entweder entstanden, oder aber abgewandelt ist; denn, daß Jemand 
in so späten Zeiten auf den Gedanken gekommen wäre, mit gnostischen Zügen 
einen Stoff zu verbrämen, ist ausgeschlossen. Führen uns nun aber diese 
wiederum durchaus kausalen Beziehungen mit voller Sicherheit vom „Parzival“, 
dessen gnostische Übertünchung vornehmlich durch einen Vergleich mit dem 
„Apollonius“ offenbar wird, zu den Mönchen der Wüste, so stellt sich sofort 


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Franz Kampers, Gnostisclies im „Parzival u . 


wieder in der Visionsliteratur der letzteren das Verbindungsglied ein, das die 
bis zur Gnosis zurückverfolgte Parzivalfabel nunmehr zu ihrem Ursprungslande, 
dem Lande der zwei Ströme geleitet. — 

Doch ich will meinen Beweis nicht wiederholen! Nachdrücklich nur möchte 
ich, auf diese zweifellos kausal zusammenhängenden Dinge hinweisend, deren 
Zahl ich unschwer vermehren könnte, betonen, daß ich auf dem festen Boden 
gesicherter Tatsachen zu stehen glaube, wenn ich behaupte, daß das Mosaik 
der Parzivalmär so, wie ich es entwickelte, entstanden ist. Mag auch im 
Einzelnen vielleicht das Bild dieses Werdeganges durch neuere Forschungen 
noch verschoben werden — die Grundtatsache dürfte meines Erachtens nicht 
mehr zu erschüttern sein, daß zu der Fabel des Epos Kyot-Wolframs jene 
Sagen den wesentlichsten Stoff hergaben, welche aus der durch persische Ver¬ 
mittlung aus Babylon gekommenen Wurzel auf dem klassischen hellenistischen 
Kulturboden aufsproßten und dort mehr oder minder Nahrung erhielten vom 
Geiste grübelnder, träumender, hoffender Gnosis. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des 
Antonin von Florenz. 

Von Josef Klappor. 

Leben und Werke. 

Antonius von Florenz, wegen seiner kleinen Gestalt Antoninus 
genannt, wurde 1389 in Florenz geboren. Er trat in jungen Jahren 
in das Dominikanerkloster von Fiesoie ein, wurde Prior des großen 
Konvents S. Maria sopra Minerva in Bom, dann des Klosters von 
Neapel, von Gaeta, Cortona, Siena,Fiesoie und endlich seiner Heimat¬ 
stadt Florenz; im Marz 1446 vertauschte er unter Cosimo de’ Medici 
auf Befehl des Papstes seine leitende Stelle im Markuskloster mit 
der erzbischöflichen Würde seiner Vaterstadt. Er starb 1459 und 
wurde 1523 heilig gesprochen. Von seinen Werken sind die be¬ 
deutendsten eine Summa theologica, die im 15. Jahrhundert neunmal, 
im 16. ellmal und im 18. zweimal gedruckt worden ist, eine Summa 
bistorialis und das Werk, dem unser Aberglaubenverzeichnis ent¬ 
nommen ist, die Sumraula confessorum,‘ auch De eruditione, 
directione, instructione simplicium confessorum, oder nach 
dem Anfangsworte Defecerunt genannt. Diese Sumraula wurde 
eines der verbreitetsten theologischen Handbücher des ausgehenden 
Mittelalters; in zahlreichen Handschriften fand sie auch in den 
deutschen Klöstern Eingang; sie wurde zuerst Mainz 1468 in latei¬ 
nischer Sprache gedruckt; wir kennen von ihr mehr als zwanzig 
lateinische und sechs italienische Druckausgaben. 

Im schlesischen Osten ist sie in mehreren Frühdrucken und in 
zwei Handschriften der Staats- und Universitätsbibliothek zu Breslau 
vertreten. 

Die ältere Handschrift I F 264 ist’ zwischen 1467 und 1471 
durch Michael Nibisch pro tune capellanum in Swebuss geschrieben, 
der 1497 als Mansionar in Freistadt starb; von dort kam das Buch 
in das Kollegiatstift zu Glogau; es enthält als ersten Teil die 


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64 


Josef Klapper 


Summa vitiorum des Wilhelmus Parisiensis, dann von Bl. 252 ra an 
unseren Tractatus de instructione sew dictaeione simplicium con- 
fessornm, editus a domino Anthonio arehiepiscopo Florentino. Das 
Aberglaubenverzeichnis findet sich darin von Bl. 264» b an. 

Die jüngere zweite Handschrift I F 312 a aus dem letzten Viertel 
des 15. Jahrhunderts bildete früher mit I F 312 b einen Band un¬ 
bekannter Herkunft. I F 312 b enthält von anderer Hand Joannis 
Merkelini Instructio devotorum sacerdotum und mehrere andere 
Traktate, die teilweise auf das Baseler Konzil Bezug nehmen. Der 
Traktat Merkelins ist dem Bischof Heinrich III. von Ermland ge¬ 
widmet und 1388 entstanden. Unsere Handschrift I F 312 a trägt 
den Titel: Antonius Florentinus de instructione simplicium sacerdotum 
et confessorum; ihr Text ist flüchtiger als der von I F 264; beide 
Handschriften sind nicht unmittelbar aus derselben Vorlage ab¬ 
geschrieben. 

Der älteste in Breslau vorhandene Druck bildet den ersten Teil 
der Sammelhandschrift I Q 158 a = Inc. 1379; er beginnt: Incipiüt 
Rubrice super Tractatum De instructione seu directionc simplicium 
confessorum. Die Rubriken für die in Betracht kommenden Kapitel 
heißen hier: De interrogatione circa decem precepta Et primo. De 
primo precepto scz. Kon habeas deos alienos. XIII. Item de prenosti- 
cacöne. Quo ad aues. Quo ad ignem. Quo ad aquä. Quo ad 
terram habes in eode. c. pretracto. Das Aberglaubenverzeichnis be¬ 
ginnt auf dem handschriftlich foliierten Blatte XLV. Der Druck ist 
enger mit der Handschrift I F 264 als mit I F 312* verwandt. 

Der Traktat gliedert sich in drei Teile; der erste handelt von 
der Gewalt des Beichtvaters und schließt mit einer Abhandlung über 
den Kirchenbann; der zweite enthält das Fragenverzeichnis, der dritte 
ist eine Darstellung des Rechtes vom Schadenersatz 1 ). 


J ) Literatur: Wctzer und Welte, Kirchenlexikon I (1882) Sp. 983—986. 
Hinter, Nomenclator literarius, ed. tertia, 1906, tom. II, 958—961. Biographie: 
Bollandisten Maji I, 311 fl'. In neuester Zeit haben sich mit ihm beschäftigt 
Ilgner, die volkswirtschaftlichen Anschauungen Antonins von Florenz, Thcol. 
Quartalschr. 87. Jahrg.; F. J. Biirck, die Psychologie des hl. Antonius von 
Florenz, Diss. Bonn 1915. 


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Text. 

[Bl. 264 vb] Sequitur int er- Was der Beichtende gefragt 

rogacio confessorio. . . . werden soll. 

[Bl- 265ra] 1. Si invocavit de- 1. Hast du böse Geister durch 

mones vel invocare fecit per male- Zauberei angerufen oderanrufen 
ficia ad faciendum mala aut fieri lassen, um etwas Böses zu tun oder 
faciendo, quod est peccatum mag- tun zu lassen? Das ist eine schwere 
num et dignum corporali morte. Sünde und verdient Todesstrafe. 

2. Si adoravit aliquam creatu- 2. Hast du geschaffene Dinge 

ram faciendo reverenciam vel oraci- angebetet, indem du dich vor ihnen 
onem ad eam, ut ad lunam novam 
vel solem vel stellam aut ad sonum 
campane, quod peccatum mortale 
est. 

3. Si ex constellacionibus vel 
planetis, sub quibus natus est, ali- 
quid iudicavit determinare de vita 
et conversacione ipsius. 


4. Item si credidit ex visiono- 
mia aut ex fato vel constellacione 
aut complexione hominem cogi ad 
bonum vel ad maluni, quod eciam 
heresis est. 


Sequitur de prenostica- 
cione, primo quoad aves. 

5. Si estimavit aliquod malum 
futurum propter garritum avium, 
[Bl. 265 vb] puta quia cantavit gal- 
lina vel corvus vel noctua vel que- 


Der lateinische Text folgt der Handschrift I F 264, die in den Lesarten mit 
A bezeichnet wird. B = I F3I2*. C = Inkunabel. 

4. Item] Idem C Visionomia C, visione A, viso nomia B Sequiter fehlt A. 

5. futurum nach avium A quia erstes] quod A C quia zweites] quod A 
omnia fehlt A Quoad ignem nach opinionem A. 

Mitteilungen d. Schl es. Ges. f. Vkde. Bd. XXL 5 


verneigtest oder zu ihnen Gebete 
sprachst, etwa zum Neumonde 
oder zur Sonne oder zu einem 
Sterne, oder wenn eine Glocke 
läutete? Das ist eine Todsünde. 

3. Hast du geglaubt, daß du 
aus der Stellung der Gestirne 
oder aus den Planeten deiner Ge¬ 
burtsstunde etwas über dein Lebens¬ 
schicksal oder deinen Verkehr er¬ 
forschen könntest? 

4. Hast du geglaubt, daß ein 
Mensch durch den Bau seines 
Gesichtes, durch die Stellung 
der Gestirne oder durch den 
Zustand seines Körpers mit 
Notwendigkeit zum Guten oder zum 
Bösen getrieben wird? Das ist eben¬ 
falls Ketzerei. 

Von der Wahrsagerei, zu¬ 
nächst von der Beobachtung 
der Vögel. 

5. Hast du geglaubt, daß der 
Schrei gewisser Vögel Unheil be¬ 
deute, etwa wenn ein Huhn krähte 
oder ein Rabe oder ein Käuzchen 


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Josef Klapper 


cumque alia avis aut eciam cucu- 
lus aut huiusmodi, que omnia fatua 
sunt et vana. 

Quoad ignem. 

6 . Si habuit maiam opinionem 
de igne sibulante credens esse sig- 
num, quod morietur aliquis, vel si¬ 
mile, quod fatuum et vanum est. 


7. Si negavit dare ignem extra 
domum in kalendis mensium timens 
et credens propter hoc malum even- 
turum in domo. 

8 . Si truncum ignis factum in 
nativitate domini servavit et posuit 
in vinea contra grandines, vel cum 
illo signavit angulos et hostia domus 
et huiusmodi. 


Quoad aquam. 

9 . Si fecit vel fieri procuravit 
aut docuit aliquam incantacionem 
cum sacramentis vel sacramentalibus 
ecclesie ut oleo sancto vel aqua bap- 
tismali et huiusmodi ad sanitatem 
vel aliam causam, quod gravissi- 
mum est peccatum. 


10 . Si incantavit cum aqua tri- 
um ecclesiarum vel trium foncium. 

11 . Si prorealiqua respexitam- 
pullam plenam aqua vel vas vini, 
quod dicitur sancti Johannis. 


oder sonst ein Vogel, vielleicht der 
Kuckuck, schrie? Das ist nichts als 
dummer Aberglaube. 

Vom Feuer. 

7. Hast du abergläubische Ge¬ 
danken gehabt, wenn das Feuer 
knisterte, indem du das für ein 
Zeichen hieltst, daß jemand sterben 
werde, oder hast du ähnliches ge¬ 
glaubt? Das ist Aberglaube und 
Torheit. 

7. Hast du dich geweigert, am 
Monatsersten aus deinem Hause 
Feuer holen zu lassen, aus Fuicht, 
es könne deswegen deinem Hause 
ein Unglück widerfahren? 

8 . Hast du das Holzscheit 
das man am Weihnachtstage an» 
brennt, aufbewahrt und zum Schutz 
gegen den Hagel in deinen Wein¬ 
garten gelegt oder damit die Ecken 
und Türen deines Hauses einge¬ 
segnet oder sonst etwas damit ge¬ 
tan? 

Vom Wasser. 

9. Hast du einen Zauber ge¬ 
übt oder üben lassen oder gelehrt 
mit den Sakramenten oder den 
Sakramentalien der Kirche, etwa 
mit dem heiligen Salböle oder 
dem Taufwasser oder mit ähn¬ 
lichen Dingen, in dem Glauben, 
daß du dadurch die Gesundheit er¬ 
langst, oder aus sonst einem Grunde? 
Das ist eine sehr schwere Sünde. 

10. Hast du Zauberei getrieben 
mit dem Wasser aus drei Kirchen 
oder aus drei Quellen? 

11 . Hast du Wahrsagerei ge¬ 
trieben, indem du in ein Fläsch¬ 
chen mit Wasser oder in einen 


7. ncgat A. 8. trunctum A winea A cum fehlt B. 

9. fieri procuravit C, fieri fecit uel procurauit A, fieri fecit uel fieri procurauit B. 

10. aqua fehlt C. 


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Las Abcrglaubonverzeichnis des Antonin von Florenz 


12. Si ex effusione olei vel vini 
credidit aliquem eventum evenire. 


13. Si prenusticavit ex rumore 
aquarum currencium, quod fatuum 
et vanum est. 

14. Si incantavit cum speculo 
vel pelvi plena aqua. 

15. Si aliquid fecit cum san- 
gwine menstruato, (juod est mortale. 

IG. Si lavit filios cum aqua 
benedicta, quod similiter mortale 
est. 

17. Si incantavit grandinem, 
quod eciam est mortale. 


Quoad terram. 

18. Si fecit vel fieri fecit ali- 
quam divinacionem ad inveniendum 
aliqua furta, vel ad sciendum ali¬ 
quid occultum vel futurum, quod 
sibi vel alteri contingere debeat, 
quod mortale est. 

19. Si usus est sortibus divi- 
natoriis, ut psalmo vel libro cum 
filis et huiusmodi pro se vel pro 
alio vel eciam [Bl. 265 va] quocum- 
que modo, quod mortale est; quod 
tarnen, si ex levitate fecit, veniale 
est. 


Becher mit Wein, den man den 
Johannis wein nennt, geschaut 
hast? 

12. Hast du geglaubt, daß es 
eine bestimmte Vorbedeutung habe, 
wenn Öl oder Wein vergossen 
wird? 

13. Hast du die Zukunft er¬ 
forscht aus dem Murmeln des 
fließenden Wassers? Das ist 
Aberglaube und 'Torheit. 

14. Hast du Zauber mit dem 
Spiegel oder mit einem Becken 
voll Wasser getrieben? 

15. Hast du mitdem Menstru- 
alblute etwas getan? Das ist eine 
Todsünde. 

IG. Hast du deine Kinder mit 
W e i h w a s s e r g e w a sc h e n ? Das ist 
gleichfalls eine Todsünde. 

17. Hast du den Hagel be¬ 
sprochen? Auch das ist eine 
Todsünde. 

Von der Erde. 

18. Hast du Zauberei getrieben 
oder treiben lassen, um einen Dieb 
zu entdecken oder um etwas 
Geheimes zu erfahren oder 
etwas, was dir oder einem andern 
in der Zukunft zustoßen wird? 
Das ist eine Todsünde. 

19. Hast du Loszauber ge¬ 
trieben, etwa mit dem Psalm oder 
mit einem Buche, mit einem Faden 
oder in ähnlicher Weise, für dich 
oder für andere? Das ist eine Tod¬ 
sünde; und nur, wenn es aus 
Leichtfertigkeit geschah, kann es 
als läßliche Sünde gelten. 


14. speculc A. 18. contingere posset uel debeat B. 

19. diuinatorie A ut] vel A quocumque modo] quoquo modo B, quoquö C 
Si vsus est wiederholt vor quod tarnen A. 

5 * 


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Josef Klapper 


20. Si dixisti Paternoster ad 
fenestram auribus obturatis, ut post- 
modum per prima verba, que audi- 
erit ab extra, interpretetur id quod 
scire desiderat, quod mortale est. 


21. Si didicit artem notoriam 
vel usus est ea ad sciendum aliqua, 
vel si usus est arte nigromantica, 
quod mortale est, et si huiusmodi 
artis librös habet, inducendus est, 
quod illos comburat; quod si facere 
rennueret, non esset absolvendus. 


22. Si fecit sibi manus inspi- 
cere aut alterius inspexit prenosti- 
cando de fortuna. 

23. Si credidit, quod aliquis 
haberet malos oculos super pueros 
vel aliquid malum obviamentum. 

24. Si in ortu librorum respe- 
xit libros fatidicos. 

25. Si credidit aliquid evenire 
debere vel significari ex sibulacione 
auiium vel propter tremorem oculi 
vel propter sternutacionem in exe- 
undo domum. 

26. Si cantavit cum cipho lig- 
neo vel cantare fecit pueros vel 
puellas, ut audiret, quid pronunci- 
arent. 

27. Si frondes olyve benedicte 
vel granum frumenti acceptum de 
presepio posuit super ignem ad 
prenosticandum de vita vel morte 
alicuius. 


20. Hast du mit ver stopften 
Ohren gegen das Fenster ein 
Vaterunser gebetet, um darauf 
aus den ersten Worten, die du von 
außen vernimmst, zu erforschen, 
was du wissen wolltest? Das ist 
eine Todsünde. 

21. Hast du die Kunst der 
Geisterbe sch w ö r u n g gelernt oder 
dich ihrer bedient, um etwas zu er¬ 
fahren? Hastdudtchdersch warzen 
Kunst bedient? Das ist Tod¬ 
sünde. Hast du derartige Zauber¬ 
bücher, so mußt dusie verbrennen. 
Willst du das nicht tun, kannst du 
nicht losgesprochen werden. 

22. Hast du dir in der Hand 
lesen lassen oder anderen das 
Schicksal aus der Hand gelesen? 

23. Hast du geglaubt, daß je¬ 
mand durch bösen Blick schaden 
könne, oder hast du an bösen 
Angan g geglaubt? 

24. Hast du neugeborenen 
Kindern das Schicksal aus Wahr¬ 
sagebüchern erforscht? 

25. Hast du geglaubt, daß dir 
etwas Besonderes zustoßen werde 
oder daß es etwas bedeute, wenn 
dir die Ohren sausen oder das 
Auge zuckt oder wenn du beim 
Ausgange niesen mußt? 

26. Hast du in einen hölzer¬ 
nen Becher gesungen oder Kna¬ 
ben oder Mädchen singen lassen, 
um zu hören, was sie dir künden? 

27. Hast du Blätter von ge¬ 
weihten Ölzweigen oder ein Ge¬ 
treidekorn aus einer Krippe auf 
den Feuerherd gelegt, um zu 
erforschen, ob jemand mit dem 


20. interpretet A quod vor mortale fehlt A. 

21. sciendum] faciendum A comburtt A B renuerit non est A. 

23. habet A uel ad aliquid B. 25. significare A. 


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Vas Aoerglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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28. Si observavit sompnia faci- 
ens aliquas oraciones ad sanctam 
Annam vel ad sanctam Helenam 
vel ad tres reges vel alium quem- 
cumque sanctum aut sanctos volens 
propter hoc ex hys, que sompniat, 
de futuris vel occultisdivinare, quod 
mortale est. Alias autem sine tali 
oracione vel observacione adiuncta 
nimis fidem sompnys adhibere, etsi 
non mortale est peccatum, pericu- 
losum tarnen est huiusmodi insistere, 
quia sic dyabolus multos decipit. 

29. Si estimavit mulieres con- 
versas in cattos vel simeas vel alia 
animalia et de nocte ambulare ac 
sugere sangwinem puerorum exire 
et intrare domum hostys clausis et 
volare per longa terrarum spacia 
et huiusmodi, que impossibilia sunt 
Bl. 2G5vb] talibus, et ideo falsa. 


30. Si annotavit vel annotare 
fecit aliquam bestiam perditam. 

31. Si observavit unam diem 
plus quam aliam non incipiendo 
aliquid opus vel non lavando caput, 
vel si observavit dies egipciacos 
vel diem, in quo occurrit festum 
decollacionis beatiJohannisBaptiste 
vel diem Veneris in non incidendo 
pannos, quod veniale videtur, pre- 
cipue quando ex simplicitate hoc 
credidit, quia non audivit contrari- 


Leben davon kommen oder sterben 
werde? 

28. Hast du durch Träume 
die Zukunft oder verborgene Dinge 
erforscht, indem du vor dem Ein¬ 
schlafen zur heiligen Anna oder 
zur heiligen Helena oder zu den 
heiligen Drei Königen betetest?* 
Das ist eine Todsünde. Wer ohne 
solche Gebete oder Traumdeutung 
den Träumen zu sehr Bedeutung 
beimißt, begeht zwar keine Tod¬ 
sünde; doch ist es immerhin ge¬ 
fährlich , auf Träume zu achten, 
weil der Teufel dadurch schon viele 
getäuscht hat. 

29. Hast du geglaubt, daß sich 
Weiber in Katzen oder Affen 
oder in andere Tiere verwandeln 
und nachts umherstreifen und den 
Kindern das Blut aussaugen; 
daß sie bei verschlossenen Türen 
aus ihrem Hause kommen oder in 
das Haus zurückkehren und daß sie 
durch weite Länderstriche fli e gen , 
oder hast du ähnliches geglaubt, 
was einem Menschen unmöglich 
und deshalb Irrglaube ist? 

30. Hast du ein Tier, das 
dir verloren ging, öffentlich vorge¬ 
laden oder vorladen lassen? 

31. Hast du Tagwählerei 
getrieben, indem du an bestimmten 
Tagen eine Arbeit nicht anfangen 
oder dir das Haupt nicht waschen 
wolltest? Hast dudieÄg yptisehen 
Tage beobachtet oder den Tag, 
auf den das Fest der Enthau ptung 
des Täufers fällt, oder den Frei¬ 
tag, indem du an diesen Tagen kein 
Tuch anschneiden wolltest: Das 


28. Annam] annü B vel ad alium A sonipniaret A, somniät B est tarnen A. 

29. sugere] fugere C et vor intrare] ac A per longa tempora terrarum et 

spacia B sunt falsa A 30 perditam] t’re A quia] quod A defendere] de 

se videre A. 


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Josef Klapper 


um. Sed si animo obstinato hoc 
defendere vellet, mortale esset. 


32. Si in kalendis mensium no- 
luit aliquid dare aut concedere ex¬ 
tra domum putans, quod ex hoc 
fieret diminucio rerum. 


33. Si in kalendis January com- 
edit in lecto ficus cum melle vel 
fecit sibi portare piscem vivum. 

34. Si eo die dedit pueris pe- 
cuniam vel si ipse ab aliquo rece- 
pit, quod dicitur wulgariter »la 
manciac vel »offerta« vel >la strina«. 


35. Si eo die misit vel porta- 
vit in domo temporalia aliqua, quia 
esset prima dies anni, et hoc, ut 
sic toto anno intrent multa bona, 
et si noluit intrare sine aliqua re 
temporali. 


36. Si eo die fuerit suspectus 
de primo, quem viderit. 

37. Si in kalendis Marcy sig- 
navit ostia domus vel aliam rem 
posuit in fenestra vel ante domum. 

38. Si signavit et posuit ovum 
natum in die natalis domini vel in 
die Veneris sancto vel in die as- 
censionis credens, quod comedens 
illud non possit occidi igne, vel 
simile. 


ist eine läßliche Sünde, wenn du 
es aus Einfalt glaubtest, weil dir 
niemand das Gegenteil lehrte. Wer 
es aber verstockten Gemütes ver¬ 
teidigen will, begeht eine Todsünde. 

32. Hast du dich geweigert, 
am Monatsanfange etwas aus 
dem Hause zu geben oder zu 
versprechen, in dem Glauben, daß 
sich sonst deine Habe vermindern 
würde? 

32. Hast du am Neujahrstage 
im Bett Feigen mit Honig ge¬ 
gessen oder dir einen lebenden 
Fisch bringen lassen? 

34- Hast du an diesem Tage 
Kindern Geld gegeben oder 
selbst von einem anderen ange¬ 
nommen, was man »Handgeld« 
oder »Gabe« oder »Neujahrsge¬ 
schenk« nennt? 

35. Hast du an diesem Tage 
in ein Haus Geschenke gesandt 
oder getragen, weil es der erste 
Tag des Jahres sei und du wolltest, 
daß so das ganze Jahr reiche Güter 
in dieses Haus kämen? Hast du 
bhne solche Geschenke dort nicht 
eintreten mögen? 

36. Hast du an diesem Tage 
wohl ängstlich Umschau gehalten, 
wen du zuerst erblicken würdest? 

37. Hast du am ersten März 
die Haustür besegnet oder sonst 
etwas ins Fenster oder vor das 
Haus gestellt? 

38. Hast du ein Ei, das am 
Weihnachtstage oder am Kar¬ 
freitage oder am Himmelfahrts¬ 
tage gelegt wurde, besegnet und 
jemandem vorgesetzt in dem Glau¬ 
ben, daß der, der es ißt, nicht 


33. lectu A. 34. ab aliquo co die recepit. A. 

36. vidit A. 38 illud A, igne B, ille C. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


71 


39. Si in die sancti Johannis 
Baptiste collegit herbas, quasi illo 
die essent maioris virtutis collecte 
quam altero, ut cum illis faceret 
fumigationem contra infirmitates. 


40. Si in profesto dicti festi 
transivit super ignem factum de 
herbis cum incenso, qui dicitur ig- 
nis sancti Johannis. 

41. Si in nocte talis festi fecit 
vinum, quod dicitur vinum sancti 
Johannis, [Bl. 266 ra] adprenostican- 
dum de furtis vel alys secretis. 

42. Si mulier dedit suo viro 
vel eciam alteri aut vir mulieri ali- 
quid ad comedendum, ut eam ama- 
ret vel ipsa eum, quod est mortale. 

43. Si fecit vel fieri fecit ali- 
quam incantacionem ob sanitatem 
consequendam. Et quando hoc fit 
scienter, quia scitur esseprohibitum, 
tune est communiter mortale; cum 
vero fit ex simplicitate putando esse 
bonas oraciones, videtur, veniale. 
Sed si nollent in futurum abstinere 
ab huiusmodi, neganda est eis ab- 
solucio, quia ex obstinacione et 
malicia fit mortale. Et interrogan- 
dum est de verbis, quibus utuntur, 
et de ceremonys et observancys, 
quas addunt. 


durch Feuer ums Leben 
kommen könne, oder hast du 
ähnliches geglaubt? 

39. Hast du am Johannis¬ 
tage Kräuter gesammelt, gleich 
als ob sie größere Wirkung hätten, 
wenn sie gerade an jenem Tage 
gesammelt würden, und hast du 
dich damit gegen Krankheiten be- 
räuchert? 

40. Bist du am Johannis¬ 
abende über das Feuer ge¬ 
schritten, das man aus Kräutern 
und Weihrauch macht und das man 
das Johannisfeuer nennt? 

41. Hast du in der Johanni s- 
nacht den Wein bereitet, den 
man den Johanniswein nennt, um 
damit Diebe oder sonst unbekannte 
Dinge zu entdecken? 

42. Eine Todsünde ist es, wenn 
ein Weib seinem Manne oder einem 
anderen, oder auch der Mann seinem 
Weibe etwas zu essen gibt, um 
Liebe zu erwecken. 

43. Hast du gegen Krank¬ 
heiten Beschwörungsformeln 
gesprochen oder sprechen lassen? 
Wer weiß, daß das verboten ist, 
sündigt tödlich, wer aber aus Ein¬ 
falt glaubt, es handele sich dabei 
um gute Gebete, begeht eine lä߬ 
liche Sünde. Will er sich aber in 
Zukunft dieser Beschwörungen nicht 
enthalten, so ist ihm die Los¬ 
sprechung zu verweigern, weil er 
dann in seiner Hartnäckigkeit und 
Böswilligkeit eine schwere Sünde 
begeht. Man frage hier auch nach 
dem Wortlaute der Besprechungen 
und nach den Bräuchen und Hand¬ 
lungen, die dabei verübt werden 

40. profesto] vigilia A factam A 


39. virtutis quam altero collecte B. 

42. ipsa eum B, eum allein C, eam A. 

43. ex mera simplicitate A ex malicia et obstinacione A. 


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72 


Jescf Klapper 


44 . Si exereuit artem geoman- 
cie, quod est mortale. 

45. Si contra vermes vel febres 
scripsit in tructu amigdali vel in 
hostia vel alibi. 


46. Si incantavit vel incantari 
fecit contra dolorem dencium, ca¬ 
pitis, yliorum aut superciliorum vel 
oculorum cum faba et paternoster 
et huiusmodi. 


47. Si portavit pureros infirmos 
ad sambucum vel ad rubum vel 
alium similem locum causa sani- 
tatis recuperande. 

48. Si fecit vel fieri fecit aut 
usus est litteris vel brevibus, que 
sunt communiter supersticiose ex 
verbis vel caracteribus vel carta, 
in qua fuerit, vel modo imponendi 
aut portandi, vel tempore aut loco 
scribendi. Et inventa supersticione 
eorum imponendum est, ut combu- 
rantur, et si nollet, non esset ab- 
solvendus, quia sic fieret mortale. 


49. Si super se portavit cartam 
scriptam, que dicitur sancti Cypri- 
ani, vel cartam non natam vel vir- 
gineam vel aliquid aliud simile ob 
spem sanitatis vel alterius cuius- 
cumque supersticiosi, quod non 
esset naturaliter ex arte medicine 
vel alterius approbatum. 


44. Hast du die Kunst der 
Geomantie geübt? Das ist Tod¬ 
sünde. 

45. Hast du gegen die Würmer 
oder gegen das Fieber auf eine 
Mandel oder auf eine Hostie 
oder auf sonst etwas Wörter ge¬ 
schrieben? 

46. Hast du den Zahn¬ 
schmerz, den Kopfschmerz, 
die Schmerzen der Eingeweide, 
der Stirn oder Augen be¬ 
sprochen oder besprechen lassen 
mit einer Boh ne und dem Vater¬ 
unser oder in ähnlicher Weise? 

47. Hast du kranke Kinder 
zum Holunderstrauch oder zum 
Brombeerbusch oder zu einer 
ähnlichen Stelle getragen, damit 
sie wieder gesund werden? 

48. Hast du Zettel oder 
Amuletbriefe angefertigt oder 
anfertigen lassen? Sie sind gewöhn¬ 
lich abergläubisch entweder wegen 
ihrer Worte oder Zeichen oder 
wegen des Stoffes, aus dem sie be¬ 
stehen, wegen der Art, wie sie 
Kranken aufgelegt oder getragen 
werden, wegen der Zeit oder dem 
Orte, wo man sie schreibt. Sind 
sie aber abergläubischer Natur, 
dann sind sie zu verbrennen. Wer 
sich weigert, das zu tun, kann nicht 
losgesprochen werden, denn er be¬ 
geht eine Todsünde. 

49. Hast du als Amulet einen 
Brief getragen, den man den Zy- 
priansbrief nennt, oder einen 
Brief aus ungeborenem Perga¬ 
ment oder Jungfernperga ment 
oder etwas ähnliches, um gesund 
zu werden, oder aus einem anderen 
abergläubischen Grunde, der sich 


45. fructum A. 46. Si incantavit vel incantari fecit fehlt A. 

47. lambucum B uel ad alium A recipiende A. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


73 


50. Et generaliter, si quam* 
cumque aliam incantacionem, con- 
iuracionem vel maleficium aut quid- 
cumque supersticiosum exercuerit 
aut eis fidem adhibuit. Hec om 
nia sunt vana et fatua ac prohibita. 
Et in quibus omnibus non serva- 
tur primum preceptum. 


nicht auf natürliche Weise aus der 
Arzneikunst oder sonstwie recht- 
fertigen läßt? 

50. Hast du sonst eine Be¬ 
sprechung, eine Beschwörung, einen 
Zauber oder etwas Abergläubisches 
ausgeübt oder derartigen Übungen 
Glauben geschenkt? Das ist alles 
nutzlos und töricht und verboten. 
Durch all dies sündigt man gegen 
das erste Gebot. 


Erläuterungen. 

Die Aberglaubenverzeichnisse der spätmittelalterlichen theologischen 
Werke, Summen, Beichttraktate, Synodalstatuten und Predigten sind 
überaus zahlreich. Für die volkskundliche Forschung aber sind sie 
größtenteils wertlos. Sie geben eben fast nie Aufschluß über den in 
einer bestimmten Gegend oder Zeit noch lebendigen Volksglauben und 
Brauch, sondern teilen mit der scholastischen Theologie die Eigenheit, 
daß sie beharrlich die Überlieferungen längst vergangener Jahrhunderte 
zum Ausgange ihrer Darstellungen nehmen und durch Entlehnungen 
aus den Werken der großen Theologen sämtlicher Völker des Abend¬ 
landes, hauptsächlich Frankreichs und Italiens, ein System von volks¬ 
tümlichen Anschauungen herausarbeiten, das weder die wünschenswerte 
klare Anschaulichkeit der Einzelzüge aufweist noch Schlüsse auf den 
wirklichen Zustand der Volksbräuche der Zeit, in der das Werk ge¬ 
schrieben wurde, einwandsfrei zuläßt. 

Der Überlieferung des Volksaberglaubens geht es also genau wie 
den literarischen Wandersagen und den Predigtexempeln. Immer in 
neue Werke hinübergenommen, erfahren sie willkürliche sprachliche Er¬ 
weiterungen, und nur spärlich sind die Züge, die aus der unmittelbaren 
Anschauung der Verfasser in die Darstellung eingeschaltet werden. 
Anderseits wirken sie wieder infolge ihrer beständigen Wiederkehr in 
der Predigt oder als Beichtfragen auf das Volk, so daß mancher ur¬ 
sprünglich klassisch-antike Aberglaube erst so an anderen Orten, auch 
in Deutschland, in Übung kommt; man denke an die Kalendenbräuche 
am Neujahrstage. Endlich ist es erwiesen, daß sich die antike-klassische 
Überlieferung der theologischen Werke teilweise mit verwandten 
Übungen bei anderen europäischen Völkern, auch bei den Deutschen, 


48. Usus] visus C uel ex modo imponendo aut portando aut loco scribcndi B 
aut vor portandi] uel A. 


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74 


Josef Klapper 


begegnete, die Opfer- und Reinigungsfeuer, der Glaube an den Angang, 
Weissagungszauber und vieles andere. In solchen Fällen wird, wie leicht 
erweisbar ist, die klassisch-antike Überlieferung richtungsgebend für die 
weitere Ausgestaltung des einheimischen Glaubens und Brauches, das 
Fremde überwuchert das Bodenständige, und so ist es ganz unmöglich, 
den beiderseitigen Anteil an dem heutigen Bestände restlos zu scheiden. 

Augustinus mit seiner umfassenden Gelehrsamkeit und Kenntnis 
der biblischen wie der antik-heidnischen Überlieferung wird der Aus¬ 
gangspunkt und Hauptzeuge für fast sämtliche theologischen Werke, die 
sich mit dem Aberglauben befassen. Aus ihm entlehnt die Causa XXVI 
des Dekrets Gratians die meisten Angaben und Widerlegungen; was 
aus Martin von Bracara (f 580), Rabanus oder Burchard von Worms (f 1025) 
und aus anderen Quellen im Dekret überliefert wird, ist neben dem 
Stoff, der Augustinus entnommen ist, recht wenig. Das Dekret wird 
um 1140 in seiner heutigen Form abgeschlossen. Von nun an beziehen 
sich die späteren Theologen entweder unmittelbar auf Augustin oder 
viel häufiger auf Gratian. Im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts schreibt 
der einflußreiche Pariser Theologe Johannes Beleth sein Rationale 
divinorum officiorum. Fast gleichzeitig entstehen die gewaltigen Summen 
des Thomas von Aquin (1225—1274), Benedikts von Massilia (um 1200 
bis um 1263), des Spaniers Raimundus dePennaforti (1175—1275), 
des Wilhelm von Auvergne (um 1249). Auf Beleth bezieht sich 
Wilhelmus Durandi (1231 —1295). Auf diese Quellen gehen sämtliche 
deutschen Theologen des 14. und 15. Jahrhunderts zurück, die über 
abergläubische Bräuche schreiben. Die einflußreichsten unter ihnen sind 
Nicolaus von Jauer (etwa 1355—1435), Johannes Nider (um 1380 
bis um 1438), aus dessen Formicarius das 5. Buch in Sprengers Hexen¬ 
hammer aufgenommen wurde, Johann Herolt, dessen Sermones de 
tempore 1418 beendet wurden, Nicolaus von Dinkelsbühl (um 
1360—1433). Meist über diese Theologen, in manchen Fällen unmittelbar, 
führt der Weg aus den vielen Beichtbüchern, die nicht mehr zu der alten 
Gruppe der Bußbücher und Beichtspiegel gehören, zurück auf das Dekret 
oder Augustin. 

Khe an eine Verwertung solcher Quellen für die Erforschung ein¬ 
heimischen Volksglaubens gedacht werden kann, muß somit bei jedem 
einzelnen Werke und bei jeder einzelnen Angabe des Werkes festgestellt 
werden, ob die benutzte Vorlage rein antike Überlieferung enthielt, ob 
diese Überlieferung sich vielleicht mit bodenständiger Übung gedeckt 
und sie umgeformt hat, oder ob ein aus eigener Beobachtung des 
Verfassers oder eines seiner Vorgänger entstammender Zusatz von 
selbständigem Werte vorliegt. Und falls auch der gegenwärtige Volks¬ 
brauch für die Annahme einer einheimischen Überlieferung sprechen 
sollte, ist immer noch die Möglichkeit zu beachten, daß ein antiker 
Brauch durch die kirchliche Vermittlung in die heutige Übung ein¬ 
gedrungen sein kann. 

In diesem Sinne ist das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von 
Florenz zu prüfen. 


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Das Aborglaubcnverzeichnis des Antonin von Florenz 


75 


Es ist sicher, daß der Dominikaner Antonin das Dekret und die 
vorerwähnten Summen, die größtenteils von Angehörigen seines Ordens 
geschrieben sind, genau gekannt und auch benutzt hat. Die Einteilung 
folgt einem gelehrten Schema, wenn auch die Fachausdrticke dabei 
möglichst vermieden worden sind, um den Belehrungszweck für die 
»einfachen Beichtväter« nicht zu gefährden. Die Fragen handeln von 
maleficia, divinationes, auguria, pyromantia, hydromantia, geomantia, 
uecromantia, chiromantia, praesagia, divinatio somniorum, transformatio 
mulierum, observatio temporum, coniuratio morborum, literae et caracteres. 
Die Abhängigkeit der Ausdrucksweise von dem Dekret Gratians ist an 
mehreren Stellen unverkennbar. So ist also für die Verwertung der in 
dem Verzeichnis angeführten Einzelheiten die größte Vorsicht geboten. 
Und doch enthält das Verzeichnis eine große Zahl von Zusätzen, die 
aus der Erfahrung des Verfassers stammen und die daher von wesentlicher 
volkskundlicher Bedeutung sind. Auf sie wird sich in den folgenden 
Erläuterungen unser Hauptaugenmerk richten. So sollen die Erläuterungen 
die Entlehnungen aus der gelehrten Literatur feststellen und die neu 
hinzutretenden Einzelangaben abgrenzen und deuten. Auf entsprechende 
Erscheinungen in der handschriftlichen schlesischen Überlieferung wird 
vergleichsweise hingewiesen. 


Im folgenden werden aus den Handschriften der Staats- und 
Universitätsbibliothek zu Breslau wiederholt benutzt: 

I F 212, früher im Dom zu Neiße, v J. 1452; enthält von Bl. 224 ra 
an einen Tractatus de superstitionibus mit dem Anfänge: Tempus 
putatioms advenit. Der Traktat entstand kurz nach dem Konzil von 
Basel und lehnt sich sehr eng an Nicolaus von Jauers Schrift De 
superstitionibus an. 

IF 224, als Testamentum domini Ulrici de Olm presbyteri zu den 
Augustiner-Chorherren nach Sagan gekommen; 14. Jhdt., enthält auf 
Bl. 100 rb die Dekretstellen gegen die Sternverehrung, Kräuterbe¬ 
schwörungen und den Glauben an die Dies aegyptiaci. 

I F 240, früher liber Vincentii Costan de Sagan, dann Besitz der 
Augustiner Chorh. zu Sagan; 15. Jhdt., Summa pro fide catholica contra 
haereses des Benedictus Massiliensis. 

I F 24 5, von einem Schreiber Ryntfleisch 1387 geschrieben; aus 
derBibl. derZisterz. zu Räuden; von Bl. 124 va Traktatus de superstitionibus, 
Anf.: Sed quidam illud proverbium; vgl. IF G27. 

IF 249, 2. Hälfte des 15. Jhdts; Nicolaus Dinkelsbühl, Tractatus 
de X praeceptis; der gleiche Traktat in IV Q 82 Bl. 207 r v. J. 1465. 

I F 250, Herkunft unbekannt, aber schlesisch; Ende des 14. Jhdts; 
Bl. l v De decem preceptis von den czeen gebotyn; Anf.: Umbe die 
czen gebot hat got gesworen. Bl. 80 va Anweisung für Beichtväter, Anf: 
Ad utilitatem eorum, qui curam gerunt animarum. Der erste Traktat 
ist teilweise von P. Pietsch gedruckt in Zeitschr. f. d. Phil. 16, 185 —196. 

I F 256, aus der Bibi, der Zisterz. zu Heinrichau, Ende des 13. Jhdts; 
Guilelmus Peraldus, Summa de vitiis et virtutibus; Anf.: Dicturi de 
singulis vicys. Gleicher Text in IF 255 aus dem Kollegiatstift zu 
Glogau, v. J. 1418 und I F 257, Aug.-Chorh.-Sagan, v. J. 1382. 


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76 


Josef Klapper 


✓ 


IF 259, Kollegiatstift zu Glogau, Mitte 14. Jhdt., Bl. 64 v Beicht¬ 
traktat, Anf.: Si dixerimus, quia peccatum non habemus, nos ipsos 
seducimus. 

IF 260, Kollegiatstift zu Glogau, Anf. 15. Jhdt., Bl. 49 vb Incipit 
summula in foro penitenciali; Anf.: In primis debet sacerdos; bezeichnet 
im Schluß als Excerpt de summa et apparatu magistri Raymundi [de 
Pennaforti] ordinis fratrum predicatorum. 

I F 285, Aug.-Chorh.-Sagan, v. J. 1401; Bl. 5 ra Statuta Archiepiscopi 
Amosti. 

I F 335, Dominikaner zu Breslau, Mitte 15. Jhdt., Bl. 127 vb Beicht¬ 
traktat; Anf.: Penitens per se dicat peccata. 

I F 509, Corpus-Christi-Breslau, Anf. 15. Jhdt., Zderaziensis Sermones. 

I F 560, Kollegiatstift zu Glogau, v. J. 1426; Geschenk des Dominus 
Augustinus Ortlip vicarius. Postilla Simonis de Cremona. 

I F 627, Aug.-Chorh.-Sagan, Ende 14. Jhdt., Bl. 144 ra Apostelpredigt; 
Anf.: Sed quiaam illud proverbium; vgl. I F 245. 

IQ 98, aus Wien 1819 der Bibi, geschenkt; v. J. 1451; Erklärung 
der zehn Gebote; Anf.; Dy czehen gepot gocz. 

I Q 267, Dom zu Neiße; Ende 12. Jhdt.; Sermones de tempore; 
Anf.: cum appropinquasset. 

IQ 274, Aug.-Chorh.-Sagan: v. J. 1474, Sermones discipuli des 
Joh. Herolt; Schreiber frater pancraz de Lawbenitz. 

I Q 340, Dominikaner zu Breslau; Sermones, von frater Jacobus 
hoannis Streller Streller im J. 1914 aus dem Gymnasium Neapolitanum 
beim gebracht. 

I Q 42, Aug.-Chorh.-Sagan, in Grünberg 1470 geschrieben; Bl. 315 r 
Beichttraktat; Anf.: Confiteor deo. 

II F 39, Mitte 15. Jhdt., Bl. 132 vb Interrogaciones in confessione 
ad rusticos. 

IV Q 156 b , Gewiß Spiegel des her Merten prediger von Ambergke, 
geschrieben 1507 von Caspar Regler; Alhie hebt sich an das puchelin 
der gewiß spigel. 

IV Q 175, Aug.-Chorh.-Sagan, Anf. 15. Jhdt.. aus dem Besitz des 
Conradus de Reichenbach; Bl. 103 v De Confessione; Anf.: Fidelis 
sermo. 


Wiederholt benutzte Werke: Deutsche Mythologie v. J. Grimm, 
4. Ausg. Germ. Mythologie v. E. H. Meyer, 1891. Die kirchl. 
Benediktionen im Mittelalter von Adolph Franz, 2 Bde. Freiburg 1909. 
Der Magister Nikolaus Magni de Jawor, von Ad. Franz, Freiburg 
i B. 1918. Mitteilungen der Schles. Ges. f. Volkskunde. 


Nr. 2 . Mondanbeter. 

Elementa colere, lunae aut stellarum cursus in suis operibus 
christianis observare non licet (Decr. Grat. 26 q. 5 c. 3 nach Martinus 
Bracarensis c. 72). Non liceat christianis tenere traditiones gentilium 
et observare vel colere elementa, aut lunae aut stellarum cursus, aut 
inanem signorum fallaciam pro domo facienda, aut propter segetes 
vel arbores plantandas vel coniugia socianda. (Decr. Grat. 




Go. 


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Das Aberglaubcnverzeichnis des AntoDin von Florenz 


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26 q. 5 c. 3 nach Burchard v. Worms 1. 10 c. 3; aus Burchard in D M 4 
Bd. III 407 und Bd. I 595). 

Item. Si quando vidit lunam nowam, dicit aliquid, et si dicit, 
quod luna possit aliquid prodesse vel nocere. Tarnen ad quedam facit 
luna secundum suam naturam, ut ad incidendum arbores et quedam 
alia. (Hs. I F 260 Bl. 49^). 

Secundo contra illud preceptum primum et contra alia precepta, 
que ad hoc primum preceptum reducuntur, de quibus prius supra dictum 
est, peccant omnes supersticiosi et primo idolatre per idolatriam, quam 
committunt, quando aliquod creatum credunt divina honorificencia dignum 
aut aliquid, quod soli deo convenit, alicui creato inesse credunt, ut 
quando credunt omnipotenciam inesse soli, luna aut alteri creato aut 
quando credunt quodcumque creatum talis virtutis esse, ut seipso possit 
dare salutem aut aliud quodcumque. (Nik. Dinkelsbühl, de praeceptis 
decalogi, Hs. I F 249 Bl. 50 ra ). 

Ad idem reduci potest ille stultissimus error, quo quidam, quando 
primo vident novam lunam, ipsam venerantur, immo adorant dicentes 
hec aut similia verba: Bis wilkomen feyner man, holdir her, mach mir 
meynes gutes mer. Et aperta bursa monstrant ei pecuniam aut eam in 
bursa vibrant et movent credentes per huiusmodi deprecacionem et 
reverencie exhibicionem ab ea obtinere prosperitatem per istum mensem 
et augmentum diviciarum. (Ebenda Bl. 54 ra ; andere Gebetsvarianten 
in diesen Mitt. Bd. XVII Heft 1 S. 40 zu Nr. 24; D M 4 587 nach Hulderic. 
Eyben zitiert, der aus Nik. Dinkelsb. entlehnt.) 

Hodie plures inveniuntur, qui, cum novilunium vident, flexis genibus 
deposito caputio et inclinato capite honorant colloquendo et suscipiendo, 
ymmo eciam plures ieiunant ipso die novilunii. (Herolt, sermo de fide, 
Nr. 9; ähnlich aus Nie. von Jauer zitiert in D M 4 Bd. III 414; vgl. 
Franz, Nie. de Jawor, S. 170 f.) 

di do peten gegen der stinnen, gegen dem nianen, gegen dem 
gestirn. (Hs. IV Q 156 b Bl. 30 aus Martin von Amberg). 

Für den französischen Mondaberglauben vgl. Liebrecht, Gervasius 
von Tilbury, Anhg. N. 400; 425; 467. Wohl mit den christlichen Ein¬ 
wanderern gelangte zu den brasilischen Negern das Gebet zum Monde: 
Deus vos salve lua nova! De quatro coisas me livreis: Aguas correntes, 
dores de dentes, Fogos ardentes, lingua d’uma gente. Grüß dich Gott, 
neuer Mond! Schütz mich vor vier Dingen: Vor reißenden Fluten, 
Zahnschmerz, Feuersbrand und der Zunge einer Person. (Anthropos 
Bd. III (1908) 904). 

Der Glaube an die Abhängigkeit vom Monde in gewissen Lebens¬ 
lagen, der zur Mondverehrung führte, ist sicher altdeutsch. Vgl. dazu 
in diesen Mitt. XVII (1) S. 32 Nr. 24 die Schicksalskündung unter An¬ 
rufung von Mond oder Sternen. Die gleichen Übungen in romanischem 
Gebiet, vornehmlich Italien, führten zur Aufnahme der Burchardstelle 
ins Dekret und damit zu einer Neubelebung der Volksüberlieferung, die 
jetzt auf kirchlich gelehrtem Wege romanischen Einschlägen zugänglich 
wurde. Das bei Nik. Dink. überlieferte Mondgebet ist im Hinblick auf 


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Josef Klapper 


die romanische Überlieferung der brasilischen Neger, die wörtlich den 
gleichen Eingang zeigt, daher wahrscheinlich nicht altdeutscher Herkunft; 
vgl. die Variante (Mitt XVII (1)40 Nr. 24: Bis got wilkomen nawer monde. 

Nr. 4 . Fatum. Sternenglaube. 

Fatum dicitur abusive a for, faris, tamquam si constellacio nativitatis 
vel concepcionis vel eciam alterius höre precedentis nativitatem vel 
concepcionem fata sive locuta fuerit nascentis fortunata vel infortunata, 
presignans eius prospera vel adversa magnis eius eventibus. Non enim 
dicitur fatum de cottidianis et modicis eventibus. Dedit autem causam 
huic errori assercio muliernm dicencium se audivisse deas colloquentes 
de eventibus nascencium et ideo dicunt eos esse fatatos ad bonum vel 
ad malum. Nomen fate vel fati vel fatacionis abhominabile est 
apud iudeos et christianos, qui sunt reliquie ac sequele de ydolatria et 
cultura deorum et dearum, que remansit circa vetulas curiosas sive que- 
stuosas volentes ab insipientibus per huiusmodi mendacia aliquid obtinere. 
Fate vero non sunt nisi demones, si aliquid sunt, qui permittuntur 
seducere illos, qui talia secuntur. (Benedikt von Massilia; Hs. IF2i0 
Bl. 106«.) 

Item. Si dicit et credit, quod, quando aliquis homo casu moritur 
in aqua , r el aliam mortem preternaturalem, quod sit ei predestinatum. 
vel dicit aliquis, quod ordinatum erat ei. Hoc enim hereticum est. 
(Hs. I F 260 Bl. 49'b ; vgl. D M 4 718 f.) 

Uber den deutschen Schicksalsglauben 1) M 4 335; romanische 
Überlieferungen nach antiken Grundlagen ebenda Anm. 3; Fcenkult 340 ff. 

Genethliaci appellati sunt propter natalitiorum considerationes 
dierum. Geneses enim hominum per duodecim coeli signa describunt, 
siderumque cursu nascentium mores, actus et eventus praedicere conantur; 
id est, quis quali signo fuerit natus, aut quem effectum habeat vitae, 
qui nascitur. Hi sunt, qui vulgo mathematici vocantur, cuius super- 
sticionis genus constellationes Latini vocant, id est, notationes siderum, 
quomodo se habeant, cum quisque nascitur (Decr. Grat. XXVI q. 5 c. 
3 et 4, nach Augustinusstellen [de doctr. Christ. 1121 u. 22j 

De ydolatria stellarum et luminum notandum est, quod illi, qui sunt 
huius erroris, dicunt mortales subiectos esse soli et lune et stellis 
eciam quantum ad sapienciam et ignoranciam et quantum ad mores 
bonos vel malos et dicunt celestia lumina secundum situs suos sea 
* constellaciones causam esse morum vel bonorum vel malorum in 
hominibus; diversitates eciam legum, sectarum et morum attribuunt celis et 
stellis. Quod multis modis patet esse falsum. (Benedikt von Massilia; 
Hs. I F 240 Bl. 20 rb) 

Quidam considerant tempus nascendi et cursus syderum, sub quibus 
quis nascatur, ut sunt genetliaci. (Hs. I F 627 Bl. 144 ra .) 

Auch die, die do sprechen oder gelauben, das ein mensch wol oder 
vbel tu nach dem einflusse der planeten, vnder den er geporn ist worden 
(Martin v. Amberg; Hs. IV Q 156 b Bl. 32 r .) 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


Über den Glauben an constellationes vgl. D M 4 602; Verbot nach 
Nik. v. Jauer ebenda Bd. III 415. Antiker Glaube bei Plinius, Hist, 
nat. II 6: Sidera, quae affixa diximus mundo, non illa, ut existimat vulgus, 
singulis attributa nobis et clara divitibus, ininora pauperibus, obscura 
defectis ac pro Sorte cuiusque lucentia, annumerata mortalibus, quia nec 
cum suo quaeque homine orta moriuntur, nec aliquem extingui decidua 
significant. Die Sterne, welche wir Fixsterne nennen, sind nicht, wie 
der Pöbel glaubt, einem jeden unter uns Menschen auf die Art zuge¬ 
ordnet, daß die helleren nur den Reichen, die kleineren nur den Armen 
und die dunkleren nur den Alten und Elenden leuchten, und also einem 
jeden nach Beschaffenheit seines Schicksals auch gewisse Sterne schienen; 
denn die Sterne entstehen nicht mit dem Menschen, dem sie zugehören 
sollen, sein Tod wird auch nicht durch ihr Herabfallen angedeutet. 

Der volkstümliche deutsche Feenglaube hat wohl durch die französische 
Einwirkung nur oberflächliche Umgestaltung erfahren; dagegen liegt die 
volle sachliche Abhängigkeit des deutschen Sternenglaubens vom Dekret 
und von der gelehrt-antiken Überlieferung auf der Hand. Über die 
Beziehungen der altdeutschen Zeit zum Sternenglauben fehlt uns sichere 
Kenntnis. 


Nr. 5 . Vogelweissagung. 

Augures sunt, qui volatus avium et voces intendunt, aliaque 
signa rerum vel observationes improvisas occurentes ferunt. Decr. 
Grat. XXVI q. 5 c. 3 et 4. 

Si observavit auguria avium in volatu vel voce vel sternutaciones 
vel alia inicialia credens illa esse causas vel signa infortunatorum illa 
die vel mense vel anno. (Bened. v. Massilia; Hs. I F 240 Bl. 289 va .) 

Prenosticasti aliqua futura in cantu vel volatu avium? (Hs. I F 250 
Bl. 93 ra .) 

Quidam per volatum et garritum avium futura prenunciant (Hs. I 
F G27 Bl. 144«.) 

Item si observat auguria, ut quando cantat gallina vel gallus, in 
sero scilicet. Item quando corvus crocitat vel alia avis. (Hs. I F 200 
Bl. 49 vb.) 

Aliqui enim prenunciare volunt huiusmodi futura exgarritu avium 
aut volatu aut aliis gestibus earum et dicuntur augures. (Nie. Dinkelsbühl, 
Hs. I F 249 Bl. 50 T b.) 

Als Auguria werden aufgeführt: Vogelflug, Hahnenschrei, Rabenruf, 
Kuckucksruf, sowie Hundsgebell im Register des Sermo 41 de fide 
Nr. 5 des Joh. Herolt; Hs. I Q 274. 

Angang durch Vogelschrei D M 4 944; Eligius verbietet dieses 
Augurium beim Reiseantritt, vgl. D M 4 945. Kuckucksruf D M 4 563 ff.; 
Rabenschrei D M 4 559; Käuzchen D M 4 Bd. III 327; Hühneikrähen 
D M 4 949 aus klass. lat. Überlieferung. 

Die Deutung dieser Rufe als schicksalskündend ist wohl altdeutsch, 
ebenso wie sie romanisch ist. Wo die Beeinflussung deutschen Glaubens 


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Josef Klapper 


durch die klassische Überlieferung im Einzelfalle anzunehmen ist, kann 
nicht entschieden werden; daß sie aber sehr stark in Ansatz gebracht 
werden muß, zeigt die völlige Abhängigkeit der oben angeführten Stellen 
von romanischen Vorlagen in sprachlicher Hinsicht. 

Auch die Stelle des Antonin von Florenz scheint weniger der Volks¬ 
überlieferung unmittelbar entnommen als einer gelehrten Formel zu ent¬ 
stammen, wenn auch die anschauliche Angabe der Vögel (Henne, Rabe, 
Käuzchen, Kuckuck) nahelegt, daß sie lebendigem Volksglauben 
entspricht. 


Nr. 6. Feuerwahrsagung. 

Alii sonitu ignis aut ex figura eius et dicuntur pyromantici. 
(Nik. Dinkelsbühl, Druck vom J. 1516; fehlt Hs. I F 249 Bl. 51 ra ). 

Bei Frater Rudolfus [Mitteilungen XVII (1) 38]Nr. 53: inspiciunt ignes. 

Wenn das Feuer auf dem Herde knistert und knallt, gibt es Zank. 
(Drechsler, Schlesiens volkstüml. Überlieferungen II 2 Nr. 562). 

Die wenigen deutschen Angaben über Pyromantie sind wohl sämtlich 
romanischer Herkunft. Die Angaben Antonins stellen zeitgenösssischen 
italienischen Glauben dar. Vermutlich ist die Seltenheit der deutschen 
Überlieferung auf dem Gebiete der Feuerwahrsagung darin begründet, 
daß das Decr. Grat, nichts darüber enthält und damit die Einwirkung 
kirchlicher Überlieferung fehlt. 

Nr. 7. Feuer verweigern. 

Frater Rudolfus ; Mitteilungen XVI (1) 30 Nr. 14: Geburtsaberglaube 
Ignem de domo sua nulli tribuunt. 

Refuser du feu ä ses voisins depuis Noel jusqu’ä la Circoncision 
de peur de s’exposer ä . . . (Liebrecht. Gerv. v. Tilb. französischer Aber¬ 
glaube Nr 121.) 

Refuser du feu ä ses voisins ä certains jours de la semaine parce 
qu’en en donnant on donne son bonheur. (Ebenda Nr. 164.) 

Als Kalendenaberglaube scheint die Feuerverweigerung romanisch 
zu sein; als Schutzmaßregel zu bestimmten Zeiten (gegen böse Geister?) 
wohl bei allen primitiven Völkern, auch im altdeutschen Brauch. 

Nr. 8. Weihnachtsblock. 

Die D M 4 522 zum Jahre 1184 angeführte Stelle: et arborem in 
nativitate domini ad festivum ignem suum adducendam esse beweist die 
Sitte für das Münsterland. Schlesische Nachrichten fehlen. Die gleiche 
Übung am Johannisabende erwähnt nach Nik. v. Jauer Hs. IF212 
Bl. 228 va : 

1 vm in vigilia Joannis Baptiste quidam tedam recipiunt de igne 
facto in vigilia eadem portantes eam ad ortum, ne vermes corrumpant 
vel corrodent olera. 

Ähnliche Wirkungen erhofft der französische Aberglaube vom 
Weihnachtsblock. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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Croire qu’une büche que Ton commenece ä mettre au feu la 
veille de Noel (ce qui fait qu’ellc est appelee le tröfoir ou le tison 
de Noel) et que Ton continue d’y mettre quelque temps tous les jours 
jusquaux Rois, peut garantir d’incendie ou de tonnerre, toute l’annee, la 
maison oii eile est gardöe sous un lit, ou en quelque autre endroit; . . . 
enfin qu’elle peut preserver les bles de la rouille en jetant de sa cendre 
dans les champs. (Liebrecht Gerv. v. Tilb.; französ. Aberglaube Nr. 231). 

Mettre dans les jardins un tison de feu que l’on a accoutume de 
faire le 1 er dimanche de Careme, qui est le jour des Brandons, et 
s’imaginer que cela fait beaucoup de bien aux jardins et y fait venir de 
gros oignons. (Ebenda Nr. 149.) 

Eine Verchristlichung der altgermanischen Vorstellungen von der 
Fruchtbarkeitswirkung der Frühlingsfeuer stellen die kirchlichen Bräuche 
bei der Entzündung des neuen Feuers am Ostersonnabende dar; vgl. 
dazu Franz, Die kirchlichen Benediktionen I 517 f. — Noch heute bringen 
die Bauern in der Grafschaft Glatz für diese Zeremonie sauber geschälte 
Holzklötze, die so aufgeschichtet werden, daß sie die Feuerstelle um¬ 
geben. Das neue Feuer schlägt an ihnen empor und brennt sie an. 
Den brandgeschwärzten Klotz nimmt man heim, schneidet daraus Holz¬ 
splitter, die zu Kreuzchen zusammengefügt in die Ecken der Felder 
gestellt werden in Verbindung mit Weidenkätzchen, die am Palmsonntage 
geweiht worden sind. Dieser Übung entspricht die Verwendung des 
Weihnachtsklotzes in der Provence und in der von Antonin von Florenz 
angeführten Stelle, die italienischen Volksglauben ohne gelehrten Ein¬ 
schlag darstellt. 


Nr. io. Dreiquellenzauber. 

Hartliebs Buch aller verboten Kunst cap. 55 — 57 erwähnt Hydromatie 
mit Wasser von >drein fließenden prunnenc zu Schatzzauber und Diebs¬ 
auffindung DM 4 III 428. Das ist natürlich nie in Deutschland Volks¬ 
aberglaube gewesen, sondern gelehrte Geisterzitierung fremdländischer 
Herkunft. 

Guerir des fi^vres en assistant un seul jour de Dimanche ä trois 
eaux benites en trois differentes paroisses. (Liebrecht, Gerv. v. Tilbury ; 
französ. Abergl. Nr. 258.) 

Item habuisti unquam fantasticas opiniones et errores contra fidem 
et hereticas pravitates ut in infirmitatibus oculorum vel dencium vel 
capitis dolore, ut est illud: Credidisti forte, quod amiseras septimum 
pedem, et bibere de quinque fontibus de terra? (Hs. IV Q 175 Bl. 148 r .) 

Nr. 11 . Becherwahrsagung. Vgl. 12—14. 

Lekanomantie. Weissagung aus einem wassergefüllten Becher, in 
den ein Tropfen Öl fiel, aus den Bewegungen und Formen des Öls, ist 
aus Keilschriftentexten bereits bekannt; sie kam zu den Persern, Griechen 
und Römern. Augustinus, de civ. Dei VII 35 : Numa . . . hydromantiam 
facere compulsus est, ut in aqua videret imagines deorum vel potius 
Mitteilungen d. Schlos. Ges. f. Vkde. B<L XXI. 6 


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Josef Klapper 

ludificationes daemonum, a quibus audiret, quid in sacris constituere 
atque observare deberet. — Cornelius Agrippa (v. Nettersheim), de 
occulta phylosophia I 57 : Orakel werden bei der Hydromanti gewonnen 
per impressiones aqueas illarumque fluxus et refluxus, excrescentias et 
depressiones, tempestates et colores. Von der Lekanomantie, der das 
Blei* und Wachsgießen verwandt ist, sagt er: hydromantiae species, 
lecanomantia nuncupata, a pelvi aquae plena, cui imponebantur 
aureae et argenteae laminae et lapides pretiosi certis imaginibus, 
nominibus et characteribus inscriptae; ad quam etiam referri potest 
artificium, per quod plumbo aut cera liquefactiset in aquam proiectis 
rem, quam scire cupimus, manifestis exprimunt imaginum notis. Vgl. 
Joh. Hunger, Becherwahrsagung bei den Babyloniern = Leipziger semitische 
Studien hg. v. Aug. Fischer u. G. Zimmern Bd. I 1905. 

Wenn nach Antonin der Johanniswein zur Wahrsagerei verwendet 
wird, so ist damit lebendige italienische Volksüberlieferung gekenn¬ 
zeichnet. In Deutschland ist die Becherwahrsagerei nie volkstümlich 
gewesen; das Bleigießen, das DM 4 937 aus griechischer Überlieferung 
hergeleitet wird, ist dagegen sehr verbreitet. Vgl. Mitt. XVII ( 1 ) 38 Nr. 53. 

Nr. I4. Kristallsehen. 

Si seit experimentum speculi vel ensis vel unguis, cristalli, 
pere vel manubrii eburnei vel de invocandis demonum auxiliis 
super aliquibus herbis vel avibus vel aliis creaturis. (Bened. v. Massilia; 
Hs. I F 240 Bl. 289 *.) 

Fecisti aliquas incantaciones . . . contra infirmitates oculorum, 
dencium, capitis, coniuracionibus pro rerum amissione, ut in gladio, 
speculo, ungwe? (Hs. I F 259 Bl. 69 r .) 

Contra illud preceptum sunt . . Et similiter quidam christiani, scilicet 
omnes divinatoies sive per augurium sive per sompnium sive per sortes 
sive per incantaciones sive per inspeccionem speculi, vi tri et un gwis. 
(Hs. I F 560, Postilla Simonis de Cremona f er. 1390, Bl. 35 vb .) 

Vel si pro rerum amissione usus fuit experimentis in gladio, 
speculo, ungwe, psalterii benediccione. (Hs. I Q 175 Bl. 148 r - 

Alii ex inspeccione speculi aut spate vel ungwis invencione 
futurorum et alia quedam occulta predicere volunt. (Nik. Dinkelsb., 
Hs. I 249 Bl. 51 ™.) 

Item in coniuracionibusconiurandopsalterium, gladium,unguem, 
cristallum. (Hs. I F 335 Bl. 127* b .) 

Incantant quidam in ungulis, in cratis, in speculis ferreis 
(Hs. I Q 340 Bl. 59’.) 

In der Breslauer Agende vom Jahre 1499 steht von einer Hand 
des Jahres 1527 nachgetragen eine Spiegelweiheformel für den 
Aschermittwoch. (Franz, Benediktionen I 468). Die Formel stammt 
möglicherweise aus der Krakauer Diözese. Geweihte Spiegel zur Ent¬ 
deckung von Dieben zu befragen, war kirchlich verboten; zur Heilung 
von Augenkrankheiten durften sie verwendet werden. Vgl. Franz, ebenda 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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I 469 und II 492. Das Kristallsehen besteht darin, daß man stetig 
und fest in einen Kristall, einen Spiegel, ein Glas Wasser oder überhaupt 
auf eine glänzende reflektierende Fläche blickt, bis subjektive Bilder 
daselbst erscheinen. Es erscheinen Landschaften, Gesichter, Buchstaben 
usw., auch dramatischeScenen. Gelingtesnicht, dasSpielder Assoziationen, 
deren Schöpfung die Visionen sind, zu entdecken, so nehmen die 
Visionen das Gepiäge des Wunderbaren an; vgl. Julius Bessmer: Visionen 
im Kristalle (Stimmen aus Maria-Lach Bd. 74 (1908). 165 ff.); von 
Negelein, Bibel, Spiegel und Schatten im Volksglauben, Arch. für 
Religionswiss. Bd. 5 (1902) S. 1 — 37. 

Auch das Kristallsehen ist auf gelehrtem Wege ins deutsche Volk 
eingedrungen. Wieweit die Angabe Antonins der italienischen Volks¬ 
übung entspricht, ist nicht festzustellen. 

Nr. 15. Blutzauber. 

Ähnliche Fälle des Liebeszaubers in Deutschland im Landgerichtsbezirk 
Kolmar aus dem Jahre 1885, in Schleswig aus dem Jahre 1888 bei O. v. 
Hovorka und A. Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin, Stuttg. 1909 

II 622. Die gleiche Überlieferung wie bei Antonin auch bei Frater 
Rudolfus; Mitteilungen XVII (1) 33 Nr. 29. Es liegt auch in Deutschland 
uralter Sympathiezauber vor, der auch im Poenitentiale des Rabanus 
(Migne S. L. CX 490) c. 30 verboten wird. 

Nr. 16. Weihwasserbad. 

Zauberbräuche miVWeihwasser und Taufwasser sind in Deutschland 
durch die Übernahme kirchlicher Übungen verbreitete Sitte geworden 
und haben sich wohl auch hier auf das erste Bad des Kindes bezogen. 
Das Weihwasser ersetzt das germanische Heilwasser (K. Maurer, über 
die Wasserweihe des germanischen Heidentums, München 1880, 71 fl.) 
Der hl. Wilfried von York (f 709) badete sich gewohnheitsgemäß in Weih¬ 
wasser. (Franz, Benediktionen 1 94.) Atto von Vercelli (f um 961) 
verbietet solche Bäder (Franz, Benediktionen I 109): In aqua vero 
sanctificata nullus balneum facere audeat pro aliqua infirmitate vel 
necessitate. 

Nr. 19. Buchorakel. 

Quidam furta occulta supersticiose requirunt. Quidam considerant, 
quid eis aperiendo libro occurrat. (Hs. I F 627 Bl. 144 ,a .) 

Die in losbuchern werfen vnd die doran gloubin. (Hs. 1 F 250 
BI. 17*.) 

Et dicuntur sortilegi, ut, cum über aperitur, ex illo, quod primo 
occurrit, futura cognosci creduntur. (Hs. 1 F 249, Nie. Dinkelsb., 
Bl. 51 ra .) 

Joh. Herolt, sermo 41 de fide Nr. 8 verbietet: aus dem Psalm 
und den Evangelien das Schicksal zu lesen; geschriebene oder un¬ 
geschriebene Zettel, Salzhäufchen, Schlägel(festuca), Losstäbchen (taxillus), 
die auf das Wahrsagebuch geworfen wurden. (Hs. 1 Q 274.) 

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Josef Klapper 


Alii sortes, alii psalterio et alijs sortibus utuntur. (Hs. I Q 340 
Bl. 59 V.) 

Uber die Ausführung des seit dem 12. Jahrhundert nachweisbaren 
Judicium in psalterio vgl. Franz, Benediktionen II 362 ff. In Deutschland 
üblicher Loszauber DM 4 928 ff. Die auf kirchlichen Grundvorstellungen 
sich vollziehende Ausgestaltung der Einzelheiten bei der Vornahme 
dieser Zauberhandlungen unterscheiden sich landschaftlich gewiß stark, 
doch ist diese Verschiedenheit kaum in dem Weiterwirken echter alter 
Überlieferungen begründet. Der von Antonin angegebene Buchzauber 
ist kirchlich gelehrten Ursprungs, aber volkstümliche Übung geworden. 

Nr. 2i. Necromantie. 

Und die do swarcze Kunst treiben also nigromancia, dy man 
mit den totin vnd erem gebeyne, is sei mensche adir fie. 
(Hs. I F 250 Bl. 17 v ). 

Alii ex quibusdam disposicionibus et habitudinibus corporum 
mortuorum in coloribus, figuris et membrorum disposicionibus, et 
dicuntur nigromantici. (Hs. I F 249, Nik. Dinkelsb., Bl. 50 vb .) 

De primo precepto decalogi. . Nigromancia fit, quando per 
mortuorum apparicionem vel locucionem adhibito sanguine vel 
alio videntur suscitati mortui divinare, ad interrogata respondere. 
(Hs. I F 274, Joh. Nider, Tract. de lepra morali. Bl. 29 ra .) 

Über andere Zeugnisse von der aus romanischen Ländern in Deutsch¬ 
land eingeführten Nigromancie vgl. DM 4 866. Das Zeugnis des 
Antonin erweist die Verbreitung der Zauberbücher für Italien, wohin 
das deutsche Mittelalter auch gern den Ursprung dieser Kunst verlegt; 
neben Apulien wird aber auch Spanien, also auch ein Sarazenenland, 
als Ursprungsland genannt. 

Nr. 22. Chiromantie. 

Quidam in manibus signa iudicant sive in membris, ut sunt 
ciromantici. (Hs. I F 627 Bl. 144 ra .) 

Alii ex lineamentis manus et dicuntur ciromantici. (Hs. I E 249, 
Nie. Dinkelsb. Bl. 51 ra ) 

Joh. Herolt im sermo 41 de fide Nr. 21 verbietet Chiromantie, die 
kündet, ob man schnell sterben wird, oder ob man Glück haben wird. 
(Hs. I Q 274.) 

Die Germanen kannten diese Wahrsageform nicht. Auch in der 
Überlieferung des Antonin für Italien scheint sie gelehrte Übung darzu¬ 
stellen. 

Nr. 23. Böser Blick. 

Et si credit, quod aliquis fascinari possit, ut quidam dicunt, 
dicentes, quod aliquis habet mal um oculum incantandi ad corrigiam 
vel aliam quameumque incantacionem, quia est similiter contra fidem, 
eciam si quis dicat, quod dicit bona verba. (Hs. I F 260 Bl. 49 vb ; für 
incantandi müßte wohl incantantes gelesen werden.) 


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Das Aberglauben Verzeichnis des Antonin von Florenz 85 

Der böse Blick ist in der deutschen Überlieferung nicht einwandsfrei 
belegt. DM 4 920 f beweist dafür nichts. In klassischer Überlieferung 
ist er in zahlreichen Fällen erweisbar; mit den kirchlichen Aberglauben¬ 
verboten kamen die Hinweise in die deutsche Literatur. Antonins 
Angabe entspricht italienischem Volksglauben. Vgl. Siegfr. Seligmann, 
Der Böse Blick und Verwandtes. 2 Bde. Berlin 1910. 

Angang. 

His adiunguntur milia insanissimarum observationum, si membrum 
aliquod salierit, si iunctim ambulantibus amicis lepus aut canis aut 
puer medius intervenerit. Hinc sunt etiam illa, limen calcare, cum 
ante domum suam transit; redire ad lectum, si quis, dum se calceat, 
sternutaveri t; redire ad domum, si procedens offenderit; cum 
vestis a soricibus roditur, plus timere suspicionem futuri mali, quam 
praesens damnum dolere. (Decr. Grat. XXVI q. 2 c. 6 wörtlich aus 
Augustinus, de doctr. Christ. II 20.) 

Sicut aliqui, cum vident vestel a soricibus rodi, timent de aliquo 
infortuito eventu. Ad hoc idem pertinet, quod si homo surgens de lecto 
ad lectum redeat, quando sternutavit, antequam calciare. Item, 
cum pro malo accipitur, si duobus amicis simul ambulantibus puer 
medius incurrerit vel aliud aliquod animal. Estimatur enim, quod eorum 
amicitia per hoc sit dividenda . . . Similiter est redire domum, si 
homo statim procedens se offenderit. Et tales multas fatuasobservationes 
ibidem recitat Augustinus. Tale est eciam hys diebus a fatuis inventum, 
quod, si venatores eundo monachis obviant, pro illo die venacionis 
di Ifidunt. (Hs. I F 509 Bl. 36 V M 

De ydolatria inicialium rerum. Idolatria de inicys et inicialibus 
rebus credit inicia sive inicialia causas esse vel signa infortunarum illa 
die vel mense vel anno futurarum, maxime cum in primo anni die, 
mensis vel septimane vel prima hora talia acciderint, verbi gracia, cum 
surgit aliquis de lecto suo, si motum surgendi inchoet a parte 
sinistra, movens eam priorem vel pedem vel calciamentum sinistrum 
prius quam dextrum, vel vestimentum primo induendum inversum aut 
non rectum accepit vel induerit vel econverso. De his et consimilibus 
XXVI q. 2: Illud. Et q. 3 c 1 et q. ultima: Quis estimaret. (Hs. I F 240, 
Bened. v. Massilia, Bl. 27 ra .) 

Quinto peccant eciam, qui observaciones quasdam casaliter et 
improvise hominibus evenientes attendunt sive ut causas sive ut signa 
quedam futurorum eventuum bonorum aut malorum, ut quod male 
eveniat vianti, si lepus aut ovis per viam sibi currit; at bene, si lupus 
aut coluber, et quod redire debeat ad lectu m, si sternutaverit, 
dum se calceat, et quod redire debeat ad domum, si procedens se 
offendit, et quod corosio vestis a muribus futurum significat damnum. 
. . . Sunt fere innumerabiles huiusmodi observancie, immo, ut dicit autor 
de fide et legibus [Wilh. v. Paris] ad tantum huiusmodi insania maxime 
de occursibus casalibus aliquorum animalium processit apud quosdam 


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Josef Klapper 


gentiles, ut orrme illud, quod eis primo unaquaque die oecurit, sive 
porcus, sive canis, sive aliud tale adorant illo die prospero_ successu. 
(Hs. I F 249, Nik. Dinkelsb., Bl. 52*M 

Credidisti prosperum iter te habere, si vidisti corniculam a senestri 
in destram trans viam volare et cantare? Credidisti te consequi bonum 
hospicium, si vidisti, quod . avis, que muriceps vocatur, volavit ante 
te trans viam, quam ivisti, tali augurio te magis committens quam deo? 
(Hs. I F 250 Bl. 80 va ; aus Btirchard v. Worms; vgl. DM 4 Bd. III 408.) 

Credidisti, dum transires, si cornix ad dexteram vel sinistram 
cantaverit, te ex hoc prosperum iter habere, vel si per viam volaverit 
prospere tibi succedere? (Hs. I F 51 Bl. 222 va , Poenitentiale v. J. 1433; 
Anf. Bl. 217 va : Quo autem tempore; aus der Corpus-Christi-Kirche zu 
Breslau.) 

Hostu icht gelobit, das eyn mensch besser begerunge hatte, wen 
das andern, das eyn pfaffe adir eyn mönch boze begerunge habe 
vnde eyn wolf gutte adir eyn hase böse ader des gleich? (Hs. IV Q 
38, Beichtfragen, Ende 14. Jhdt., Bl. 8 r .) 

Hastu glewbit an fogil gesang? . . . hastu glavbit, das eyn 
mensche bozer gefelle hat wen das ander? das ein pfaffe, eyn monch 
adir ein haze adir eyn Jude böse gefelle bedewt, Ein wolflf, kacze 
guts vnd des gleychin? (Hs. IV Q 229, Beichtspiegel des Nie. v. Czobten 
v. J. 1480, Bl. 26'.) 

Vel qui credit in occursum lupi, leporis vel hominis vel qui sperat 
nicia fori vel contractus, quod vulgariter dicitur hantgift. 
(Hs. I F 627 Bl. 144 ™.) 

Item de occursu bestiarum, leporum vel luporum. Item de errore, 
que vocatur anegarg vel hantcaufft. (Hs. IV Q 175 Bl. 148 v .) 

di do gelauben an anganckt vnd an hantgifft der leute vnd 
an ein begegnen der leute, wolff oder hassen vnd anderley tier. 
(Hs. IV Q 156^ Bl. 30 v .) 

Fecisti aliquas incantaciones ... in occursu bestiarum, leporum 
vel vulpium? (Hs. IF 259 Bl. 69 r .) 

Item credis in occursum bestiarum sicut leporum vel vulpium? 
(Hs. I F 335 Bl. 117 v b.) 

Item si credidit se habiturum malum propter occursum clerici 
vel scrofe vel leporis. (Hs. II F 39 Bl. 132 vb .) 

Begegnung eines alten Weibes bedeutet Unglück. Von Priestern 
oder Mönchen Pferde kaufen bringt Unglück. Links aufstehen, 
linken Schuh zuerst anziehen bedeutet Unglück. (Hs. I Q 274, 
Joh. Herolt, Sermo 41 de fide Nr. 21.) 

Zum czwelften mal, so man chunftige ding sagt aus hantgift, 
als so ein munich oder ein priester von erst chaufft oder ein ander 
gaistlich person, so schol es chain glukch nicht habn. Aber so pueben 
und pliebin von erst chauffen, so schol es in den ganczen tag wol 
gen. (Hs. I Q 98 Bl. 11 v.) 

Vgl. die Stellen, die über Vogelweissagung Nr. 5 angeführt sind, 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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sowie die Stellen zu Nr. 25: Niesen, Ohrensummen, Gliederzucken und 
zu Nr. 34, Neujahrsgaben. Über Handgift sprechen die folgenden 
Stellen. 

Apponis fidem in hoc, quod est aneganc vel hantgift vel warsagen? 
(Hs. I F 259 Bl. 69 r .) 

Vel qui sperat in inicia fori vel contractus, quod dicitur hant¬ 
gift. (Hs. I F 245 Bl. 125 rl , fast wörtlich wie in I F 627 Bl. 144 r& .) 

Ad hanc fatuitatem reducitur error mercatorum et ceterorum similium, 
qui in vendicione rerum suarum precium, quod primo recipiunt, 
credunt fortunatum esse, saltem aliquid et ab aliquo datum. (Hs. I F 
249, Nie. Dinkelsb., Bl 54 ra .) 

Item credis in hoc, quod dicitur aneganch, hantgifte? (Hs. I 
F 335 Bl. 127 vb .) 

Für Frankreich vgl. Adolf Orain, Folk-Lore de l’Ille-et-Vilaine 
(1898 p. 18): Die Bäuerinnen von Rennes passen genau auf, wer zuerst 
kauft. Haben ihnen diese Personen einmal Glück gebracht, so warten 
sie geduldig auf sie und verkaufen lieber ihre Ware nicht, bis jene 
Personen kommen, denen sie dann zu billigem Preise verkaufen. Bevor 
sie das Geld in die Tasche stecken, machen sie das Kreuz und sprechen 
Que le bon Dieu benisse la main qui m’^trennel 

Als günstige Angänge treten somit in den vorgenannten Aus¬ 
zügen aus Breslauer Handschriften auf: 

Wolf, lupus, dreimal; viermal ohne Angabe, ob günstig oder un¬ 
günstig, angeführt; vgl. DM 4 938 f; als deutscher Glaube erwiesen 
DM 4 943. 

Mäusebussard, muriceps, über den Weg fliegend. Die Stelle geht 
auf Burchard v. Worms zurück; DM 4 III 408; mhd. Belege DM 4 939; 946. 

Schlange, coluber; unglückbringend dagegen DM 4 949 als 
antiker Glaube. 

Krähe, cornicula, cornix, zweimal; die Bezeichnung cornicula 
stammt aus Burch. v. Worms; vgl. DM 4 946 f; III 408. Glückkündend, 
wenn sie von links nach rechts fliegt, links oder rechts schreit, oder 
allgemein über den Weg fliegt. 

Katze; vgl. DM 4 III 324; als unglückskündend dagegen J. Hoops, 
Reallex. d. germ. Altert. I 7. 

Buben, pueben, wenn sie zuerst kaufen. 

Hure, püebin, wenn sie zuerst kauft; vgl. DM 4 938 femina publica; 
Deutung DM 4 941. 

Unglückkündend ist der Angang in folgenden Fällen: 

Geistlicher, pfaflfe, priester, clericus, fünfmal erwähnt; Begegnung, 
erster Kauf, Pferdekauf von ihm; vgl. DM 4 938 f; Deutung 941 f. 

Mönch, fünfmal erwähnt; Begegnung, Jäger trifft ihn auf dem 
agdgange, erster Kauf, Pferdekauf von ihm; vgl. DM 4 938 fif. 

Hase, lepus, fünfmal erwähnt, dazu fünfmal ohne nähere Bedeutungs¬ 
bestimmung: vgl. DM 4 938 f; Deutung als germanisch 943; Ausgangs¬ 
punkt ist wohl nur die Augustinstelle, in der das Dazwischenlaufen des 


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88 Josef Klapper 

Hasen (wie jedes anderen Wesens!) zwischen Freunde als Zeichen der 
Trennung gewertet ist. 

Maus, sorices (Spitzmäuse), mures; dreimal erwähnt; vgl. DM 4 
949, nagende Mäuse antike Unglückskündung; Ausgangspunkt für die 
deutsche Überlieferung ist in jedem Falle die Augustinstelle. 

Jude, einmal erwähnt; Beleg fehlt bei Grimm. 

Schaf, ovis, kommt entgegen; als glückbringend DM 4 938; von 
rechts kommend glückliche, von links unfreundliche Aufnahme dem 
Wanderer kündend DM 4 943. 

Altes Weib; vgl. DM 4 940, Deutung 941. 

Schwein, Sau, porcus, scrofa; einmal ohne nähere Deutung (porcus), 
einmal unglückkündend (scrofa); als böser Angang DM 4 944. 

Knabe, puer, aus der Augustinstelle; läuft zwischen Freunde, was 
Freundschaftsbruch kündet. 

Hund, canis, läuft zwischen Freunde, nach der Augustinstelle; 
einmal ohne nähere Deutung; böser Angang vgl. DM 4 944. 

Fuchs, vulpes, ohne nähere Deutung zweimal als Angangstier 
genannt: guter Angang DM 4 940; böser Angang J. Hoops, Reallex. 
d. germ. Altert. I 7. 

Käuzchen, noctua, ohne nähere Deutung bei Antonin; vgl. Nr. 5 . 
Böser Angang DM 4 950; III 327 als antiker Glaube. 

Rabe, corvus crocitat, ohne nähere Deutung, bei Antonin; vgl. 
Nr. 5 . Als guter Angang aus germanischer Überlieferung DM 4 938, 940; 
unbestimmt schicksalkündend DM 4 945. 

Hahnenschrei, gallus, abends, bei Antonin, vgl. Nr. 5. Als 
antike Überlieferung DM 4 949. 

Kuckucksruf, unbestimmt bei Antonin, vgl. Nr. 5 , auch bei Herolt. 
DM 4 945 Glücksruf von rechts, Unglücksruf von links. Kuckuck als 
altgermanisches Angangstier bewertet von W. v. Unwerth in Paul und 
Braunes Beitr. 41, 512. 

Henne kräht, cantat gallina, unbestimmt bei Antomn, vgl. Nr. 5. 
DM 4 949 aus Terenz als antiker Glaube. 

Mit dem Angangsglauben verwandt sind die folgenden Vorzeichen: 

Links aufstehen, linken Fuß zuerst bewegen, linken Schuh zuerst 
anziehen, Kleidungsstück verkehrt anziehen; vgl. DM 4 941; scheint 
allgemein verbreiteter auf Analogie beruhender Glaube zu sein. 

Anstoßen mit dem Fuße beim Ausgange; geht auf die Augustin¬ 
stelle zurück. DM 4 940 belegt es jedoch auch für den nordischen 
Glauben, wo es kaum Originalglaube sein wird. 

Gliederzucken, membrum salit, zweimal ohne nähere Deutung; 
vgl. einen Fall unter Nr. 25; ist antike Schicksalsklindung. 

Niesen, sternutare, dreimal als unglückkündend angeführt; geht 
auf die Augustinstelle zurück; dreimal ohne nähere Deutung; vgl. 
Nr. 5 und Nr. 25; ist antike Schicksalsdeutung. 

Schwelle treten, limen calcare, beim Ausgang; ohne nähere 
Deutung; scheint gleichfalls ungermanisch, wohl antik zu sein. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


89 


Gerstenkorn in Flamme werfen; vgl. Nr. 27. DM 4 952 allein 
aus einer Stelle bei Burchard von Worms; vgl. DM 4 III 408: mittunt 
grana hordei loco adhuc calido, et si esalierient grana, periculosum erit, 
si autem ibi permanserint, bonum erit. Da es bei Antonin für Italien 
bezeugt ist, wird es wohl nur römischer Glaube sein. 

Flamme knistert, ohne nähere Deutung, vgl. Nr. 25; DM 4 952 
als nordischer Glaube erwiesen; scheint allgemein verbreitete Schicksals- 
ktindung zu sein. 

Handgift, Angang, inicia fori vel contractus, sechsmal als 
glück- oder unglückbringend erwähnt; ist auf Analogie beruhender 
ganz Europa gemeinsamer alter Glaube. 

Nr. 25. Niesen, Gliederzucken, Ohrensausen. 

Salitores (salisatores) vocati sunt, quia dum eis membrorum 
quaecumque partes salierint, aliquid sibi exinde prosperum seu triste 
significari praedicunt. (Decr. Grat. 26 q. 3 et 4). 

Alii ex sternitacione aut ex membrorum saltacione aliquid 
futurum dicere conantur et dicuntur salisatores, dum enim eis membrorum 
queque pars salierit, aliquid sibi prosperum exinde seu triste seu cari 
predicunt (Hs, I F 249, Nik. Dinkelsb., Bl. 50 vb . 

Item si credit sternutis. (Hs. I F 260 Bl. 49 vb .) 

Herolt, sermo 41 de fide Nr. 19 erwähnt: wenn man im linken 
Ohr ein Geräusch hört, wird man verleumdet, desgleichen, wenn 
man auf der Zunge eine pustula merkt. (Hs. I Q 274.) 

Ce sont des presages de bonne ou de mauvaise fortune, quand on 
(fternue le matin, ä midi ou au soir, rarement ou souvent. Liebrecht, 
Gerv. v. Tilb., französ. Abergl. Nr. 54.) 

Quand l’oreille gauche nous tinte, ce sont nos amis qui parlent 
ou qui se souviennent de nous* et le contraire arrive, lorsque l’oreille 
droite nous tinte. (Ebenda Nr. 57.) Vgl. DM 4 1071. 

Das Niesen galt schon in homerischen Zeiten als günstiges Symptom 
bei schweren Krankheiten; vgl. Hovorka und Kronfeld, a. a. O. II 
Seite 4. Aus der Zeit des Papstes Gregor d. G. wird in der Legende 
von der Einführung der Letania und der großen Bittprozession berichtet, 
daß sich der Beginn der Pesterkrankung durch Gähnen und Niesen 
bemerkbar machte; daher der Brauch, beim Gähnen das Kreuz auf 
den Mund zu machen, beim Niesen: Helf Gott! zu rufen; vgl. Hs. I 
F 662 Bl. 96 VÄ , Anf. d. 15. Jhdts. Die beiden Übungen bestehen noch 
in Luxemburg; vgl. Edinond de la Fontaine, Luxemburger Sitten und 
Bräuche, S. 42. Aus dieser christlichen Überlieferung scheint das Niesen 
die unglückskündende Bedeutung erhalten zu haben. 

Nr. 27. Getreidekornorakel. 

Prendre douze grains de ble le jour de Noel, donner ä chacun le 
nom d’un des douze mois, les mettre Tun apr£s l’autre sur une pelle 
de feu un peu chaude, en commen^ant par celui qui porte le nom de 


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Josef Klapper 


Janvier, et en continuant de meme; et quand il y en a qui sautent sur 
la pelle, assürer que le ble sera eher ces mois lä, comme au contraire 
qu’il sera k bon march£, quand il y en a qui ne sautent point sur la 
pelle. (Liebrecht, Gerv. v. Tilb., franz. Abergl. Nr. 117.) 

Vgl. Nr. 23 Angang, Gerstenkorn. Über das bei Antonin erwähnte, 
ähnliche Orakel mit Blättern des Ölzweiges ist nichts bekannt; es 
handelt sich dabei sicher um besonderen Volksbrauch Italiens. 

Nr. 28. St. Anna. St. Helena. Drei Könige. 

St. Anna wird in Geburtsbriefen erwähnt; Gebete zu ihr um 
schicksalkündende Träume sind in Deutschland nicht nachweisbar; 
ebensowenig Gebete in gleicher Absicht zu den drei Königen, deren 
Kult in Deutschland im 12. Jahrhundert bekannter wird und die haupt¬ 
sächlich in Reisesegen und gegen Fallsucht angerufen werden. Helena 
kommt in einer Psalterprobe des 12. Jahrhunderts zum Zwecke dei 
Diebsermittlung vor; vgl. Franz, Benediktionen II 363; wie hier liegt 
es auch im Gebete um einen schicksalkündenden Traum nahe, diejenige 
Heilige anzurufen, der die Auffindung des hl. Kreuzes zugeschrieben 
wurde; eine andere Diebesstellung mit Anrufung Helenas enthält der 
folgende französische Aberglaube: 

Decouvrir et trouver un voleur en pratiquant ce qui suit: Faire une 
croix sur un verre de cristal; ecrire sous cette croix »sancta Helena«; 
donner ce verre ä tenir k un enfant de dix ans, qui soit chaste et x\6 
de legitime mariage; dire derriere lui ä genoux trois fois l’oraison de 
sainte Helene: Deprecor te Domina sancta Helena, mater Regis 
Constantini, etc. Amen; et quand l’enfant verra un Ange dans le verre, 
lui demander qui est le voleur que Ton cherche. (Liebrecht, Gerv. v. 
Tilb., franz. Abergl. Nr. 479.) 

Nr. 29. Hexenritt. 

Die von Antonin erwähnte Ausfahrt in Katzen- und Affengestalt ist 
auch in französischer Volkssage bekannt; die Angab'en über die Tätigkeit 
der Hexen sind von Antonin in Wendungen des Dekrets Gratians XXVI 
q. 5 c. 7 gehalten, also bis auf die Erwähnung der Tiere gelehrten Inhalts. 
Über die deutsche und schlesische Überlieferung von den Hexenfahrten 
vgl. diese Mitteilungen XVII (1) 42 Nr. 42. Dazu die folgenden Nachträge: 

Item si rustica credidit se noctumo tempore equitare cum Dyana 
super cattum vel canem vel caballum vel nuiusmodi ad remotas 
partes et in momento transire flumina vel montana. (Hs. II F 39 Bl. 132 vb .) 

Zu den Mitt. S. 44 zitierten beiden ältesten deutschen Erwähnungen 
von der Brockenfahrt tritt die folgende dritte: 

Item credis in brokylzber, an warzayn et similibus? (Hs. I F 335 
Bl. 127 vb .) 

Nr. 30. Verlorenes Vieh. 

Der von Antonin wohl der Volksüberlieferung entnommene Brauch 
ist unbekannt; die richtige Deutung des lateinischen Wortlautes ist 
fraglich; vielleicht hängt die folgende Stelle damit zusammen: 


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Das Aberglauben Verzeichnis des Antonin von Florenz 91 

Item quedam mulieres supersticiose rustice, dum aliqua vaccarum 
suarum permanserit in campis per noctem, cultellum, cum quo precu- 
duntur culmi, in fimum vel in suplumare(?) figunt, ut a lupis sit secura, 
ut non devorant vel lacerant. (Hs. I F 212 Bl. 229 ra .) 

Nr. 31. Tagwählerei. 

Vnde etiam Augustinus ait in lib. Psalmorum in Ps. 30 concione 8 
ad versiculum [In manibus tuis sortes]. . . Apostolus [Gal. 4 ] ait: Dies 
observatis et menses et tempora et annos. Unde timeo, ne forte sine 
causa laboraverim in vobis. (Decr. Grat. 26 q. 2 c. 1 ). 

Dies AEgyptiaci et Jan uarii Calendae non sunt observandae. 
Item Augustinus: Non observetis dies, qui dicuntur /Kgyptiaci autCalendas 
Januarii, in quibus cantilenae et commessationes et ad invicem 
dona donantur, quasi in principio anni, boni fati augurio, aut aliquos 
menses, aut tempora aut dies aut annos aut lunae solisque cursum. 
(Decr. Grat. 26 q. 6 c. 16.) 

Grave peccatum est dies observare vel menses et annos. 

De temporum quoque observationibus scribit Augustinus in Enchiridio 
1 c. 79. 

Quis aestimaret, quam magnum peccatum sit dies observare et 
menses et annos et tempora (sicut observant, qui certis diebus, sive 
mensibus, sive annis volunt aut nolunt aliquid inchoare, eo quod secundum 
vanas doctrinas hominum fausta vel infausta existiment tempora) nisi 
huius mali magnitudinem ex timore Apostoli pensaremus? qui talibus 
ait: Timeo, ne forte sine causa laboraverim in vobis. (Decr. Grat. 26 q. 
6 c. 17.) 

Unde ipse [Augustinus] ait: Non observabitis dies, qui dicuntur 
Egyptiaci aut calendasjanuarii, in quibus cantilene et com messacion es 
et ad invicem dona donantur, quasi in principio anni boni fati augurio 
aut aliquos menses aut tempora, diesve et annos aut lune solisve 
cursum. (Hs. I F 256, Guil. Peraldus, Bl. 47 ra .) 

De ydolatria temporis. Idolatriam temporis provexiterrormaleficorum, 
qui nominibus dierum et horarum virtutem mirificam attribuerunt, illa 
maleficorum suorum operibus adhibentes, scribentes nomen diei et höre. 
Contra quos apostolus Gal. III c: Dies observatis et menses et tempora, 
vnde timeo, ne forte sine causa laboraverim in uobis. XXVI q. II His 
ista respondetur; q. III c. 1 et q. VII Non observetis. Quis estimaret. 

De hoc genere ydolatrie est illud, quod in parietibus domorum 
scribitur eciam nomen diei, quo primo audita sunt tonitrua in illa regione, 
credentes, quod virtute illius scripture tuta sit domus a lesione fulguris. 

De hoc genere est eciam omnis error ille, quo creduntur quedam 
höre fortunate et fauste, quedam infortunate et infauste rebus incipiendis 
ef aggrediendis. (Hs. I F 240, Bened. v. Massilia, Bl. 26 rb .) 

Si observaverit dies Egypciacos credens eos esse infaustos ad aliquid 
incipiendum et huiusmodi.*. . 

Si observavit menses aut tempora aut horas diei aut annos aut 


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Josef Klapper 


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lune aut solis cursum vel etatem; credens dies vel horas vel puncta 
vel tempora aliqua fortunata vel infortunata ad aliquid faciendum vel 
incipiendum vel obmittendum, ut pro viagio vel edificio inchoando. 
(Ebenda Bl. 289 rb .) 

Servasti dies egiptiacos vel tempora pro minucione vel seminacione 
vel nove domus edificacione, ita ut in diebus egiptiacis malum sit, si 
minues vel quod in sexta feria melius sit Seminare quam in quinta 
feria, et cetera talia? (Hs. I F 250 Bl. 93 va .) 

Quidam observant dies egypciacos et tempora (Hs. I F 245 Bl. 125 I& .) 

Quidam observant dies egypciacos et qui observant tempora, ut 
non incipiant opus, laborem vel viam feria secunda vel quacumque alia 
die, exceptis observaneijs naturalibus, quibus utuntur rustici, quando 
Seminare debent vel arbores plantare, vel illi qui provident tempus 
minucionis, quia illud licite fit. (Hs. I F 627 Bl. 144 rb .) 

Und die an vorworfene tage ader czeit gloubin, die von den 
ereztin adir von den natuerlichen meistern nicht gesaezt vnd geschrebin 
seyn noch keyne natuerliche sache habin, worumme se gut adir böse 
sint. (Hs. I F 250 Bl. 17 v .) 

Nota secundum Augustinum: Non observabitis dies, que dicuntur 
egiptiaci aut kalendas January, in quibus quedam cantilene et 
commessaciones et ad invicem dona donantur quasi in principio 
anni boni fati augurio, aut aliquos menses ac tempora diesve et annnos 
aut lune solisve cursus. (Hs. I F 250 Bl. 94 ra .) 

Dies egyptiaci, dies infantum innocentum; erste Handlung des 
Neujahrstages, des ersten Monats oder Wochentages beobachten. Verbot 
nach Nie. v. Jauer in I F 212 Bl. 233 va .) 

Item in quo die arripiat iter ad eundum ad aliquem locum. (Hs. I 
F 260 Bl. 49 vb .) 

Item si observavit unam diem plus quam aliam ad seminandum 
vel aliud faciendum. (Hs. I F 260 Bl. 49 vb .) 

Item non debent servari dies egyptiaci ad minuendum sanguinem 
vel aliud faciendum. (Hs. I F 260 Bl. 50 Tb .) 

Sexto peccant observatores temporum, ut qui credunt tempora 
quedam fortunata esse vel infortunata seu fausta seu non fausta rebus 
aggrediendis vel inchoandis. Credunt, quod si certa hora exeatur ad 
mercandum vel bellandum aut navigandum prospera evenient, et si alia 
hora, tune adversa, acsi victoria belli aut tuta navigacio etcetera 
huiusmodi sint a virtute temporis et non a deo, quod est apeita 
idolatria. (Hs. I F 249, Nik. Dinkelsb., Bl. 53 rb .) 

Ad hanc supersticionem pertinet error ille de diebus Egyptiacis. 
(Ebenda Bl. 53 ?a.) 

Im sermo 41 de fide des Joh. Herolt wird unter Nr. 1 die Tag¬ 
wählerei und der Glaube an die dies egyptiaci verworfen. (Hs. I Q 274.) 

Multi die? egyptiacos, tempora vel momenta observant. (Hs. 1 

Q 340 Bl. 59 v) 

Was von Tagwählerei in deutscher Überlieferung berichtet wird, 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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geht fast durchweg zurück auf die Wendungen, in denen das Dekret 
Gratians diesen Glauben verurteilt. Als einer der unglücklichsten Tage 
gilt der Tag der unschuldigen Kinder. Vielleicht liegt deutsche echte 
Überlieferung vor in dem Glauben an den Dienstag als Unglückstag, 
an dem der Beginn eines Werkes oder der Ausreise verboten ist; in 
DM 4 954 gilt der Dienstag gerade als Glückstag für diese Unter¬ 
nehmungen. Der Freitag als Unglückstag (vgl. DM 4 953) ist wie die 
Überlieferung bei Antonin gleichfalls vermuten läßt, unter christlichen 
Vorstellungen zum Unglückstag geworden; ebenso der Johannistag, den 
Antonin erwähnt, ein Glückstag; vgl. DM 4 954. 

Nr. 32-36. Neujahrsglaube- und Brauch. 

Die vollständigste Darstellung der Neujahrskalendenbrauche gibt: 
Fritz Bünger, Geschichte der Neujahrsfeier in der Kirche, Göttingen 1911 . 

Wie wenig auch in diesen Überlieferungen die Angaben unserer 
Handschriften eigene Beobachtung des lebendigen Volksbrauchs ent¬ 
halten, zeigt die entsprechende Stelle des Dekrets Gratians. 

Si quis calendas Januarias et brumam ritu paganorum colere, 
vel aliquid plus novi facere propter novum annum aut mensas cum 
dapibus vel epulis in domibus praeparare et per vicos et plateas 
cantiones et choros ducere praesumpsit, quod magna iniquitas est 
coram Deo, anathema sit. (Decr. Grat. XXVI q. 6 c. 14.) 

Die Stelle ist Burchard von Worms entlehnt, führt auf einen 
Bonitatiusbrief an Papst Zacharias zurück und enthält wohl altdeutsche 
Volksübung. Auf diese und die bei der Tagwählerei angeführte dem 
Augustin entlehnte Stelle des Dekrets XXVI q. 6 c. 16 führen fast 
sämtliche handschriftlichen Verbote des Neujahrsbrauchs zurück. 

Si in kalendis Januarii propter annum novum fecit aliquid augurio 
boni tati dando ad invicem aliqua pro strenis. (Hs. I F 240, Bened. 
von Massilia, Bl. 289 rb .) 

Dedisti vel recepisti aliqua munuscula vel res aliquas in Kalendis 
Januarii, id est, in principio novi anni, ut per hoc tibi vel aliis aliqua 
salus vel prosperitas eveniret? (Hs. I F 250 Bl. 53 vb .) 

Item si fecit vel fieri sibi fecit strenam, maxime in anno nowo vel 
procuravit, quod quis faceret pedem in domo. (Hs. I F 260 Bl. 49 va .) 

De nouo anno. Nota quod hodie ad inicium noui anni solent 
homines liberales dare suis caris munuscula pro nouo anno. (Hs. I 
F 589 , Sermones, geschr. v. Conradus Zolto in Heidelberg, Mitte 15. Jhdt. 
Bl. 24 va .) 

Aus Neujahrspredigten stammende Kinderbettelliedchen zum Neu¬ 
jahrstage: Mitt. XII (1910) S. 215. 

Was Antonin an Einzelheiten erwähnt, ist Volksüberlieferung seiner 
Zeit. Daß Feuer am Neujahrstage nicht aus dem Hause gegeben 
werden darf, ist begründet in der Sorge, daß dann im Jahre das Haus¬ 
gut verloren gehen könnte. Feigen und Honig essen ist ein Gesund¬ 
heitszauber. Der lebende Fisch ist ein Symbol der Gesundheit. Neu- 


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Josef Klapper 


jahrsgeschenke werden den Bekannten ins Haus gebracht. Der Angang 
spielt an diesem Tage eine besondere Rolle. 

Nr. 37—38. Frühjahrsbräuche. 

Nach Antonin wird am März an fang das Haus durch Segen ge¬ 
reinigt; welche Bräuche er im übrigen meint, ist nicht recht klar. Eier¬ 
genuß ist auch durch die kirchliche Weihe der Ostereier im Volke als 
alter heilkräftiger Brauch in Übung geblieben; daß Eier, die an 
Weihnachten, am Karfreitage oder an Himmelfahrt gelegt 
worden sind, besonders heilkräftig sein müssen, ist nicht bloß italienische 
Überlieferung; solche Eier finden auch in Zauberhandlungen Ver¬ 
wendung; vgl. Franz, Benediktionen I 590 fr. 

Nr. 39—41. Johanniszauber. 

Quidam homines thurificant se per herbas benedictas et psalmis 
et se circumdant cultellis et scribunt super limina, crines et ungwes. 
Vtrum talia sint admittenda? Respondeo: Non, quia sunt supersticiosa. 
Palmas tarnen benedictas in domibus tenere possunt sine peccato. 
(Hs. I F 285 Bl. 17 rb .) 

Item quidam thurificant se cum herbis benedictis et palmis. 
(Hs. I F 212 Bl. 228 Tb .) 

Unde in vigilijs eiusdem [Job. d. Täufer] in quibusfdam] provincijs 
ossa animalium cremantur, rota tumultuose circumvolvitur, 
homines arva cum brandis circueunt. Secundum quoddam festum. 
Primum ex gentibus sumptum est, que quedam alias dracones, qui 
solebant aerem corrumpere, vel propter alios intemperies aeris ex huius 
ignifs getilgt] aer depurabatur. Solsticium Christi Christum preit atque 
Johannem. Faccula ardens defertur, quia lucerna ardens Johannes veram 
lucem preveniens. In hac nocte solent filie diaboli maleficia et sacri- 
legia exercere. (Hs. I Q 2G7 Bl. 146 r .) 

Diese sprachlich zwar entstellte, aber inhaltlich klare Stelle ist einer 
Handschrift des ausgehenden 12. Jahrhunderts entnommen. Sie ist also 
dem Joh. Beleth (um 1182) gleichaltrig, dem DM 4 516 eine eng ver¬ 
wandte Darstellung des Volksbrauchs am Johannisabende entlehnt. Bei 
Beleth fehlt der Gang durch die Felder, wogegen auch von brandae, 
rota volvkur, lucerna ardens gesprochen wird. Beide Texte gehen auf 
eine gemeinsame, wohl französische Quelle zurück. Ob die Predigt 
auf Johann den Täufer, der unser Text angehört, also auch auf deutsche, 
schlesische Volksbräuche abzielt, ist somit fraglich. Es werden unter¬ 
schieden: 1 . Feuer aus Tierknochen, eine heidnische Überlieferung, um 
die Luft von giftigen Dünsten der Drachen oder anderen Krankheits¬ 
dünsten zu reinigen. 2. Ein Rad wird herumgerollt, das sei ein Fest¬ 
brauch. 3. Brennende Fackeln werden um die Saaten getragen, was 
als Erinnerung an die leuchtende Fackel Johannes gedeutet wird, die 
vor Christus einhergeht. 4 . Hexen treiben in der Johannisnacht ihren 


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Das Abcrglaubenvcrzeichms des Antonin von Florenz 


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gottlosen Zauber. Das Wort solstitium stellt ausdrücklich die Verbindung 
dieser Bräuche mit der Sonnenwende her. 

De ydolatria quatuor elementorum habetur XXVI q. 1 c. 1: Cultores 
ignis miserunt Abracham in ignem, quia ignem colere detestabatur sicut 
legitur Gen. XV c. Deus illesum liberavit de Ur Caldeorum . . . 

Sciendum autem, quod multe reliquie huius ydolatrie adhuc sunt 
apud nos. Quod enim misere mulieres faciunt fieri de transiliendis 
ignibus ve! accipiendis de aliquo numero focorum, huius ydo¬ 
latrie est. 

Similiter quod faciunt ex ossibus tempore solsticij, pro quo vulgus 
hoc facit in nativitate beati Johannis Baptiste. Nec credibile, quod in 
memoriam combustionis ossium beati Johannis fiat. Que enim veneracio 
sancti Johannis combustio casu huiusmodi? Nec ipsi, qui faciunt hoc, 
intendunt, quia a pueris et insipientibus fit hoc tantum. 

In multis eciam locis fiunt foci huiusmodi de solis lignis vel sapulis 
et alicubi vadunt ad loca excelsa 'gestantes faces accensas. 

Similiter foci, qui consverunt fieri in kalendis Januarij et vigilia 
Epiphanie. (Hs. I F 240, Benedikt von Massilia, Bl. 22 v .) 

Hier wird der Bericht Beleths dahin ergänzt, daß nur Kinder und 
törichte Menschen die Feuer anzünden, die nicht überall aus Knochen, 
sondern an manchen Orten aus Holz (vel sapulis = scapulis? Schulter¬ 
blätter? oder von scapus, Schaft, Stamm?) entzündet werden, ferner, daß 
die Fackelzüge auf Bergkoppen gehen. 

Insuper ad observacionem supersticionum pertinent nonnulla, que 
apud quosdam christianos remanserunt de reliquiis illius idolatrie, qua 
quidam ignem ut deum colunt, sicut habetur Sapiencie tredecimo, sicut 
sunt lustraciones per ignem aut candelis accensis transilicionem 
ignis aut translaciones parvulorum per ignes pro sanacione eorum 
et multa alia, que insensate fetule consulunt fatuis mulieribus vel pro se 
vel pro liberis suis de igne transiliendo aut de lustracione per ignes 
aut de combustione unguium vel crinium aut de aliis modis circa ignes 
et focos agendi, que omnia et multa alia exhibent igni ad eius veneracionem 
idolatre, qui ipsum ignem ut deum coluerunt. 

Ad hoc eciam pertinere videntur multe supersticiones, que fieri 
solent circa ignes incensos in vigilia beati Johannis Baptiste, quia fatuis 
creduntur quasdam virtutes habere, propter quod circa eos fiunt quedam, 
ut translaciones et transiliciones ac circuiciones et cetera multa vana, 
que gentiles in reverenciam ignis, quem ut deum coluerunt, facere soliti 
sunt. (Hs. I F 249, Nik. Dinkelsb., Bl 51 rb .) 

Aus der farblosen Darstellung läßt sich entnehmen, daß im 15. Jhdt. 
durch das Johannisfeuer kranke Kinder getragen werden, daß man über 
das Feuer springt und es umschreitet. 

Item in vigilia Johannis Baptiste quidam tedam recipiunt de igne 
facto in vigilia eadem portantes eam ad ortum, ne vermes corrumpant 
vel corrodent olera. (Hs. I F 212 Bl. 228 TÄ .) 


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PRiNCETON UNtVERSITY 



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Josef Klapper 


Die gleiche Verwendung des Brandholzes beim Weihnachtsblock; 
vgl. Nr. 8. 

Das Johannisfeuer ist in Italien ebenso wie in Frankreich bekannt; 
vgl. den Beleg aus Orvieto DM 4 518; daß es aus Weihrauch und 
Kräutern entzündet wird und wohl ausschließlich zur Lustration dient, 
erfahren wir aus der Überlieferung Antonins. 

Über seine Verbreitung durch fast ganz Europa vgl. DM 4 519. 

Ex premissis omnibus et bene pensatis possunt fideles christiani 
colligere, quid sentire debeant de potu illo consecrato per certa verba 
et oraciones, qui dicitur haustus sancti Johann is, cum oraciones 
ille non sunt ex dei ordinacione nec ex statuto vel ordinacione ecclesie, 
sed ex humana adinvencione et tradicione et querantur in hoc effectus 
varii et mirabiles et fiunt eciam varie abusiones. Sicut in quibusdam 
partibus in missa nupeiarum fiunt tales benedicciones vini et bibiciones, 
ac si essent in taberna. (Hs. I F 212 Bl. 232 rl) ; das sei zum Andenken 
an den hl. Johannes, der den Giftbecher gesegnet habe.) 

Benediccio vini in die Johannis (Hs. IV Q 175; 15. Jhdt., 

Schreiber und Besitzer Conradus de Reichenbach, später in der Bibi, 
der Aug.-Chorh. zu Sagan; Bl. 195 r .) 

Benediccio vini in die Johannis Evangeliste. (Hs. I 0 67 
v. J. 1509, Agende von Heinrichau, Bl. 54 v .) 

Deinde, si vinum adest, incipiat sacerdos et bibat et dat sponso, 
deinde sponse et circumstantibus. Si non habent: darbeth alle. (Hs. I 
O 65 Bl. 95 v Trauzeremonien in einer Agende der Aug.-Chorh. zu 
Sagan, Mitte des 15. Jhdts.). 

In allen diesen Fällen handelt es sich um den Wein, der zu Ehren 
des hl. Johannes des Evangelisten geweiht ist. Täuferwein ist in 
Schlesien nicht nachweisbar. Über die Verbindung der Benediktion des 
Johannisweins mit der Trunkzeremonie der Eheschließung, die für ganz 
Deutschland nachweisbar ist, vgl. Franz, Benediktionen I 283 f. Über 
die volkstümliche Verwendung handelt E. H. Meyer, Germ. Mythol. S. 218. 

In der Stelle bei Antonin handelt es sich nicht um den Trunk des 
Evangelistenweines, sondern um seine Verwendung im Becherzauber; 
vgl. Nr. 11. In Deutschland wurde am Johannistage auch die Minne 
des Täufers getrunken; vgl. Franz, Benediktionen I 296. Der dazu 
gebrauchte Wein war nicht kirchlich geweiht; DM 4 III 31. 

Nr. 42. Liebeszauber. 

Alle ähnlichen, ziemlich zahlreich begegnenden Stellen gehen in ihren 
sprachlichen Wendungen zurück auf das Poenitentiale des Rabanrs, 
cap. XXV und cap. XXX; Migne, Series latina, tom. CX 490 Ähnlicher 
schlesischer Sympathiezauber in den Angaben des Frater Rudolfus, 
Mitteilungen XVII (1) 33 Nr. 28—34. Vgl. dazu den entsprechenden 
Blutzauber Nr. 15, sowie die uralten ähnlichen Bräuche in J. Hoops, 
Reallex. d. germ. Altert. I 10. 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 


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• Nr. 45—46. Krankheitsbesegnung. 

Idem [Augustinus] in Üb. 2 de doctrina christiana c. 19. 20 et 21 
Ex quo genere sunt, sed quasi licentiori vanitate, Aruspicum et Augurum 
libri. Ad hoc genus pertinent omnes ligaturae atque remedia, quae 
medicorum quoque discipüna condemnat . . . (Decr. Grat. 26 q. 2 c. 6). 

Ad haec omnia supradicta pertinent ligaturae execrabilium 
remediorum, quae ars medicorum condemnat, seu in praecantationibus, 
seu in characteribus, vel in quibusque rebus suspendendis atque ügandis. 
in quibus omnibus ars daemonum est, et quadam pestifera societate 
hominum et Angelorum exorta (Decr. Grat. 26 q. 5 c. 14.) 

Augustinus: Ad supersticionem pertinent omnes ligature atque 
remedia, que medicorum disciplinam contempnant. (Hs. I F 256, 
Guilelmus Peraldus, Bl. 47 rb ). 

Vel si portavit vel deposuit super homines vel animalia piccaciolas 
scriptas sive brevia pro infirmitate vel alia causa. (Hs. I F 240, Bened. 
v. Massilia, Bl. 289 VA ). 

Ad hoc eciam pertinent omnes ligature et remedia, que eciam 
medicorum disciplina condemnat, siue in verbis, sive in caracteribus, 
sive in quibusdam rebus suspendendis vel ligandis vel solvendis. 
(Hs. I F 627 Bl. 144 ra ). 

Quidam contra febres vel dolorem dencium, capitis vel oculorum 
in pomo vel in lauribacco, in plumbo, in hostia, sive quod, 
scribunt: >Lutum fecit ex sputo dominus«; sive »Jhesus autem 
transiensc et infra evangelium "et incidunt cruces infra passionem, 
que ideo supersticiosa sunt, quia in eis spes habetur, quod in tali hora 
fiant, et non in alia, acsi alia hora facta non possint habere vigorem, 
vel quia aliquid vamtatis aut supersticionis circa hec exercetur, quod 
ad divinam reverenciam non pertinet, et quod dicitur: Quicumque hanc 
litteram aput se portaverit, hoc accidet vel non accidet sibi. Quidquid 
talium est, supersticiosum est. (Ebenda Bl. 144 vb ). 

IIli preterea urgente infirmitate aut necessitate aliqua sortilegos 
consulunt et divinatores utentes pomis inscriptis aut brevibus, cartulis 
sive cedulis collo suspensis aut caracteribus aut alijs quibuslibet vanis 
credulitatibus. (Joh. Gerson, Tract. de articuüs fidei, Hs. I Q 152 Bl. 65 v ; 
aus der Bibi. d. Kollegiatst. zu Glogau, Mitte 15. Jhdt.). 

Alii scribunt infra Evangelium: »Lutum fecit ex sputo.« Alii: 
»Jesus transiens per medium illorum ibat.« Alii scribunt contra 
febres vel dolorem dencium in pomo vel ob lata vel plumbo vel 
lauribacca. (Hs. I F 212 Bl. 229 ra ). 

Quidam divinaciones exercent per sompnia. Quidam contra febres 
vel dolorem in pomo vel lauri bacca, in plumbo, in hostia, sive 
quod, scribunt: »Lutum fecit dominus« sive »Jhesus autem 
transiensc vel infra evangeüum, et incidunt cruces infra passionem, 
que immo supersticiose sunt. (Hs. I F 245 Bl. 125 rt ), 

Item: Vtrum admittendum sit, quod quidam scribunt infra evangelium: 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 7 


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Josef Klapper 


»Lutum fecit ex sputo.« Et iterum: »Jhesus autem trSnsiensc 
[contra] dolorem dencium in poma, in abluta [oblata], in plumbo, 
in lauribacca? Respondeo, quia supersticiosum est. Item, qui benedicunt 
equos, qui habent vermes, vel alia peccora, vtrum sint remittendi? 
Respondeo: Sunt remittendi propter causam immediate premissam et 
in predicacionibus et in confessionibus sunt bene arguendi. (Hs. I 
F 285 Bl. 17 va ) 

Sicut solet fieri per quasdam vocales prolaciones et per scripturam 
de nominibus ignotis et quasdam ligaturas ad collum, per poma que- 
[damj inscripta, per gunphum infixum, aliquocies per cedulam contra 
dolorem dencium, et sic de aliis multis vanitatibus. (Hs. 1 F 249, 
Nik. Dinkelsb., Bl. 5i rb ). 

Infra scriptos, quos nominabo, prohibeo a communione eukaristie 
. . . Tercio omnibus incantantoribus et sortilegis et phitonissis et 
carminatricibus, que carminant oculos, caput et dentes hominum, et 
eciam, que carminant peccora. Similiter et qui vadunt ad phitonissas 
et interrogant eas de rebus occulte furatis, et illi, qui pendunt litteras 
ad collum contra dolorem dencium sevv eciam oculorum etc. (Hs. I 
Q 75 Bl. 214 Q. 

Quarto eciam peccant, qui tempore necessitatis aut alterius in- 
firmitatis incumbentis vtuntur quibusdam supersticiosis observaneijs ad 
sanitatem aut ad alium effectum huiusmodi corporalem inducendum, 
et hoc per applicacionem rerum, que huiusmodi effectus ex sui natura 
causare non possunt. Sic solet fieri per quasdam vocales prolaciones 
aut per scripturas de nominibus ignotis aut de ignotis caracteribus et 
per quasdam ligaturas ad collum, per poma quedaiti inscripta, per 
gumphum infixum aliquociens in cedulam contra dolorem dencium 
et de aliis innumeris vanitatibus. (Hs. I F 176; Traktat über die zehn 
Gebote, vorn unvollständig, 15. Jhdt., Minoritenbibl. zu Breslau, Bl. 452 ra .) 

di do schreibent für das fiber, für wetagen der zen, des hauptes, 
der äugen vnd ander gelider der leute oder des vihes auff einen apfel, 
auf!' einen lorper, aufT pley, auf oblat oder auf ander dinck. 
(Hs. IV Q 156 b , Martin v. Amberg, Bl. 30 v ). 

Im sermo 41 de fide des Job. Herolt, Nr. 13 wird verboten, Briefe 
bei sich zu tragen gegen Verbrennen, Ertränken, Verwundung, Briefe 
zu schreiben gegen Zahnschmerz, Augenkrankheit usw. (Hs. I Q 274). 

Similiter non admittuntur scripture, que fiunt infra evangelium: 
»Lutum fecit ex sputo« pro oculis. Item: »Jhesus autem transiens 
per medium« contra inimicos. Item: »Beatus Petrus sedebat in 
porta Jerusalem etc.« contra febres. Item: »Homines et iumenta 
salvabis, domine« contra diversas infirmitates. Item contra dolorem 
dencium, contra vermes animalium. Item, quidam scribunt in po mum, 
in hostia, in plumbum, in lauri bacca et similia. (Hs. I Q 172 
Bl. 102 r v. J. 1513.) 

Amulette und Segen sind die verbreitetsten volkstümlichen Äußerungen 
des Aberglaubens; sie gehören dem religiösen Brauch auch der Germanen 


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Das Aberglaubenverzeichnis des Antonin von Florenz 91) 

seit ältester Zeit an. Aber auf keinem Gebiete ist die Abhängigkeit 
der schriftlichen Quellen, die davon berichten, von einander deutlicher 
nachweisbar. In den vorangestellten Zeugnissen theologischer Herkunft 
aus schlesischen Handschriften, die bei weitem nicht erschöpfend sind, 
läßt sich die eine Gruppe restlos aus den Stellen herleiten, die das 
Dekret Gratians der augustinischen Überlieferung entnommen hat, 
während die andere Gruppe mit den Angaben über den Stoff der 
Amulette, über die Stoffe, auf die der Zauber geschrieben werden soll 
und die dann zu verschlucken sind, sowie über die aufzuschreibenden 
Texte für sich wieder eine klar erkennbare Abhängigkeitsfolge darstellen: 
I F 627 —I F 245 — IV Q 156* — I F 212 — I F 285 — IQ 172; und eng 
verwandt steht daneben der Text des Nikolaus von Dinkelsbühl I F 249 
und die Abschrift daraus I F 176. Ähnliche Texte in diesen Mitt. Bd. IX 
(Heft 18) S. 39. Bei Franz, Benediktionen Bd. II 431 findet sich aus 
der Heidelberger Handschrift CPL 181 Bl. 140: Sunt, qui scribunt contra 
febres uel infirmitates hominum seu animalium caracteres super pomo 
uel hostias, super lauri baccam, super scedulam. Vel scribunt: 
»Jhesus autem transiens« uel »lutum fecit etc«. Daß diese 
kirchlichen Verbote sich auf wirkliche Volksübung der gleichen Zeit 
beziehen, erhellt aus den vielen Rezepten, die gegen Fieber den Genuß 
von Apfelscheiben, Salbeiblättern und ähnlichem mit entsprechenden 
Segensaufschriften empfehlen; vgl. in diesen Mitt. Bd. VII (Heft 13) 
S. 22; Bd. IX (Heft 18) S. 22 f. 

Das schwankende Verhalten der kirchlichen Stellen diesen Segen 
und Amuletten gegenüber hat viel zu ihrer Verbreitung und Erhaltung 
beigetragen. Thomas von Aquin erklärt sie als erlaubt, wenn darin 
nichts auf Dämonen Bezügliches gesagt oder geschrieben ist, wenn sie 
keine unbekannten Namen, keine abergläubischen Charaktere enthalten 
und bei ihrer Verwendung keine abergläubischen Bräuche Vorkommen 
(Summa 2, 2 q. 96 a. 4.). Die Geistlichen ließen das Volk meist ge¬ 
währen; die seit Eligius und Gregor von Tours erlassenen Verbote 
blieben daher wirkungslos. Tatsächlich lassen sich fast sämtliche in den 
angeführten Verboten enthaltene Bräuche auf kirchliche Benediktions¬ 
formeln und Exorzismen zurückführen. Der Ersatz uralter Volksübungen 
durch kirchliche Übungen, die Umgestaltung des echten Volksbrauchs 
durch kirchliche Beeinflussung und die Erhaltung des so umgestalteten 
Brauchs unter kirchlicher Einwirkung tritt nirgends klarer hervor als 
auf diesem Gebiete des Segen- und Amulettglaubens und läßt Rück¬ 
schlüsse auf andere Volksübungen zu; gerade der ständige Kampf gegen 
solche Übungen in Predigt, Beicht und Bußpraxis hat den Blick immer 
wieder auf diese Übungen hingelenkt, ihnen im Volke ein besonderes 
Ansehen verschafft und so erhaltend gewirkt, wo er zerstören sollte. 

Apfelscheiben scheinen verwendet zu werden im Zusammenhang 
mit den kirchlichen Apfelweiheformeln, von denen einige bei Franz, 
Benediktionen I 378 veröffentlicht sind; die eine enthält die Wendung: 
ut quicunque ex ea sumpserint, incolumes esse valeant; eine andere: 


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Josef Klapper 


quicumque fideles . . . ex eo gustaverint, sanitatem mentis et corporis 
. . . percipere mereantur; vgl. auch Franz, Nik. v. Jawor 186, Anm. 3* 

Lorbeerblätter lassen sich in kirchlichen Formeln nicht nach- 
weisen. 

Blei, bei Nikolaus von Dinkelsbühl als gumphus, Nagel, bezeichnet, 
der in einen Zettel geschlagen wird, erinnert an den Zauber gegen 
Zahnschmerz: »contra dolorem dencium gumphos aut alios clavos infixos 
parieti«, von dem bei Nikolaus von Jawor gesprochen wird; vgl. Franz, 
Nik. v. J., S. 184. Drei Nägel werden in einem englischen Fieberzauber 
in einen Lorbeerbaum geschlagen; vgl. Mitt. Bd. VUI (Heft 16 ) S. 14 . 

Oblaten oder Hostien wurden häufig verwendet; vgl. Franz, 
Benediktionen II 430. Gegen die Geschwulst werden sieben kleine 
Oblaten mit dem Namen der Siebenschläfer verwendet in einem 
englischen Rezept; vgl. Mitt. Bd. VIII (Heft 16) S. 22. Frevel mit ge¬ 
weihten Hostien im Glückszauber werden im Mittelalter wiederholt er¬ 
wähnt. Friedrich der Große schreibt am 17. II. 1781 an den designierten 
Breslauer Weihbischof Rothkirch, daß in der Schweidnitzer und Striegauer 
Gegend von Bettelmönchen der Hostienkelch mit Zetteln ausgewischt 
werde, auf denen Bibelverse stehen, und diese Zettel dann den Bauern 
verkauft werden; vgl. Lehmann, Preußen und die kath. Kirche seit 
1640. Bd. V 420. 

Lutum fecit dominus ex sputo et linivit oculos ceci nati et 
abiit et lavit et vidit et credidit deo; die aus Johannes 9, 6 . 7. 18 
gebildete Stelle ist ein Teil einer kirchlichen Benediktion gegen Augen¬ 
leiden geworden, die seit dem 12 . Jahrhundert nachweisbar ist; vgl. Franz, 
Benediktionen II 494. Der Volksbrauch übernahm daraus die Anfangs¬ 
worte. 

Jesus autem transiens per medium illorum ibat ist Lucas 4, 30 
entlehnt und kommt vor als Reisesegen oder Segen gegen Feinde in 
der Münchener Handschrift aus dem Jahre 1338 Clm 4350 Bi. 81; vgl. 
Franz, Benediktionen II 494 Anm. 9. 

Petr.ussedebatinportaje ru sal ein ist derBeginn eines lateinischen 
Segens gegen Zahnschmerz; seit etwa 1400 ist die Formel als Fieber¬ 
segen nachweisbar; vgl. Zeitschr. f. d. Alt. XXVIII 16; Anglia XIX 
79; Heinrich, Ein mittelengl. Medizinbuch, S. 102. Vermutlich ist die 
Stelle verwandt mit den kirchlichen Fieberbenediktionen, in denen die 
Heilung der Schwiegermutter des hl. Petrus nach Lucas 4, 38—39 er¬ 
wähnt wird; vgl. Franz, Benediktionen II 479. 

Homines et iumenta salvabis, domine, ist ein Responsorium 
einer Salz- und Wasserbenediktion »ad pecora«; die Stelle ist Psalm 
35, 7, 8 entlehnt; vgl. Franz, Benediktionen I 171. 

Was Antonin von Florenz von diesen Übungen erwähnt, entspricht 
italienischem Brauche seiner Zeit; als Stoffe nennt er: Mandelkerne, 
Hostien und Bohnen. Die besegneten Leiden decken sich mit den 
in Deutschland genannten: Fieber, Zahnschmerz, Kopfschmerz, Leib- 


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Das Aberglaubenverzoichnis des Antonin von Florenz 


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schmerz, Augenleiden. Die in Nr. 48 von ihm gegebenen Hinweise 
auf die abergläubische Verwendung der Amulettbriefe decken sich mit 
den Bestimmungen über ihre Verwendung bei Thomas von Aquin. 

Nr. 47. Holunder. Brombeerbusch. 

Holunder als Zauberstätte vgl. DM 4 III 465; diese Mitt. Bd. VIII 
(Heft 16) S. 13 imd 78; Bd. XVII S. 35 Nr. 39; Hovorka und Krunfeld 
II 44 ff; E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 85. Der rubus, Brombeere, ist 
als Strauch der Wildnis zu gleichem Zauber geeignet; die Überlieferung 
bei Antonin macht den Eindruck echten Volksglaubens seiner Heimat. 

Nr. 49. Cypriansgebete. 

Die Gebete, die wohl auf den gallischen Centodichter Cyprian, 
der zwischen 400 bis 500 lebte, zurückführen, erflehen die Rettung vor 
den Nachstellungen des Teufels und Hilfe vor Sünde, Unglück und 
Feinden; vgl. Franz. Benediktionen II 394 ff. Die Gebete, die in der 
kirchlichen Praxis reichliche Verwendung fanden, werden wegen der 
abergläubischen Begleiterscheinungen als Amulette von Antonm im 
Sinne des Thomas von Aquin verboten. Im deutschen Aberglauben 
sind sie nicht nachweisbar. 


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Volkskundliches aus schlesischen Städtechronikeu. 

Mitgeteilt von Friedrich Andre ae. 

Weihnachtsgebräuche. „Seit 200 Jahren hatten die Fleischer 
in Liegnitz jeder Ratsperson ein Hinterviertel Kalbfleisch und ein 
Hinterviertel Schöpsenfleisch am Weihnachtsheiligabend durch den 
Knttler zugeschickt, die Bäcker einen Striezel im Werte von 12 bis 
15 Sgr. Auf Befehl des Präsidenten v. Massow wird das 1745 ab- 
geschafft.“ 

Krattert: Chronik von Liegnitz III, 202. 

Aus einer Oppelner Rechnung von 1671: „Auf Heringe so auf 
den Vorwerken am heiligen Abend dem Vieh ausgeteilt wurden, be¬ 
zahlt 2 Gulden“ Idzikowski, Gesell, d. Stadt Oppeln 1863. S. 246. 

Vgl. dazu: „Auf den Wcynacht- Ncu-Jakrs- und H. 3 Köuig-Heilig-Abend 
soll man den Hühnern den Rogen, den Kühen aber die Milch von Heringen zu 
fressen geben, so geben diese viel Milch und jene legen viel Eyer in diesem Jahre. 

Gestriegelte Rockenphilosophie 1722 V, cap. 41. 

Fastnacht. „Mehrere Gewerbe wie die Bötticher, Schneider, 
Schuhmacher, Fleischer, Schiffer und Fischer in Oppeln haben während 
des Fasching ihre Bälle. Am Nachmittag vor dem Ballabend ziehen 
sie mit Musik unter Vortragung ihres Willkommen über den Markt¬ 
platz um das Rathaus und von da auf den Tanzsaal. Nach den 
Fleischerbällen begeben sich die Fleischergesellen, von denen einer 
eine Mulde trägt, zu denjenigen Meistern, welche sich an dem Balle 
beteiligt hatten, und werden mit Stücken Fleisch oder auch mit Geld 
beschenkt. Das erhaltene Fleisch wird dann am Abend gekocht und 
bei einem Tänzchen von kürzerer Dauer verspeist.“ 

Idzikowski, Gesch. v. Oppeln 1861 S. 395 f. 

Lätare. „1749 wurde das Herumlaufen mit dem „Thot“, einem 
ausgestopften Manne am Sonntag Laetare abgeschafft.“ 

M. Vogt, Illustrierte Chronik von Hirschberg 1876. S. 154. 

Maibäume in den Kirchen. „1755 ward auf allerhöchsten 
Befehl publizieret, daß im Monat Mai in den Kirchen beider Kon- 


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Friedrich Audreae 


bekleidet, sei aus der Stadt, auf das Feld und auf hohe Berge ge¬ 
zogen, habe sich in zwei Haufen geteilt, nämlich in die Eingeborenen 
und Fremden, die dann aufeinander losgegangen wären und sich, 
kämpfend unter großem Geschrei, mit ausgerissenen Rasenstücken 
geworfen hätten. Dieses scheint eine Art von Kriegsübung für die 
Jugend gewesen zu sein, die in diesen Tagen (wie Geier sagt) keine 
Schule hatte . . . Daß noch in der Mitte des jetzigen Jahrhunderts 
die Jugend öfter auf den benachbarten Bergen Soldaten spieltg, wie 
noch vielen Lebenden bekannt ist, hat darauf keine Beziehung. 
Diese Spiele mochten mehr eine neuere, durch die schlesischen Kriege 
veranlaßte Belustigung der Jugend sein, als ein Überrest jener Ge¬ 
wohnheit . . . Noch um die Jahre 1760 bis 1770 zogen oft ganze 
Klassen gegen einander aus . . . Seit jener Zeit aber haben diese 
lärmenden Belustigungen glücklicherweise ganz aufgehört.“ 

Joh, Dan. Hensel, Histor. topogr. Beschreibung d. Stadt Hirsch¬ 
berg i. Schl. 1797. S. 129—131. 

Gallustag (16. Oktober) Hahnenkämpfe. „Seit uralten Zeiten 
war in Winzig ein eigentümliches Schulfest üblich, das sogenannte 
Gallusfest. »Am Tage St. Galli brachte jeder Schüler einen be¬ 
kränzten Hahn in die Schule; mit diesen Hähnen zog man in ge¬ 
ordnetem Zuge um den Ring unter Absingung eines possierlichen 
althergebrachten Liedes, dessen Anfang also lautete: 

„Gottlob das Gallusfest ist wieder 
Gesund erlebt, da Hahn und Hahn 
Sich tapfer beißt und schmeißt darnieder 
Auf unserem Schul’- und Tugendplan, 

Drum hört man schon das Hähnefechten 
Mit Kikriki!“ 

Dieser Hahnenschrei wird nach jedem Verse dreimal und durch¬ 
dringend wiederholt. In diesem Liedesanfang ist schon angedeutet, 
was nach dem Umzuge erfolgte, und was jedem echten Englishman 
Freude und Interesse gewährt hätte. Die lustige Schar begab sich 
in die Schulstube zurück, und auf einem hergerichteten Kampfplatz 
und unter Aufsicht der Lehrer, welche die Ordnung aufrecht er¬ 
hielten, wurden die Hähne je zwei und zwei aufeinander losgelassen, 
und endlich die Eigentümer der drei tapfersten Hähne zu Gallus¬ 
königen proklamiert, mit Krone, Zepter und einem weißen Oberhemde 
ausstaffiert und feierlich um den Ring geleitet. Wer einen Halm 


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Volkskundliches aus schlesischen Städtechroniken 


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mitgebracht hatte, zahlte nur einen Silbergroschen in den Fond, wer 
keinen mitbrachte, zwei Silbergroschen, und der gesammelte Retrag, 
unter die Knabenlehrer verteilt, bildete eine Art von Douceur für 
die durch das Fest und dessen Überwachung ihnen erwachsende Mühe 
und Unruhe und als Äquivalent dafür, daß die Galluskönige bis zum 
nächsten Gallusfest Freischule genossen. Die Mädchen hatten an 
diesem Schulfeste weiter keinen Anteil, als daß sie des Abends bei 
dem in der Schulstube veranstalteten Kinderball mittanzen durften. 
Dieses Fest schaffte Bürgermeister Fölkel (1809—15) ab und führte 
zu einer kleinen Entschädigung den Gebrauch ein, daß jeder Knabe 
am Tage St. Georgs eine Semmel erhielt. Wiederum waren die 
aimen Mädchen ausgeschlossen und mußten mit trockenem Munde 
Zusehen, wie es den Jungen schmeckte.“ 

Ph. Hanke, Topogr. Chronik der Stadt Winzig 1*64. S. 401 f. 

Drechsler gibt (Sitte, Brauch etc. I. 64) die Feier des Gallusfestes aus 
Oels nach Sinapius wieder. Renesse, Führer durch d. Oelscr evangel. Kirchen 
1914 S. 13 führt die Schrift des M. Johannes Viebingensis (geb. 1589 Habel- 
schwerdt + 1650 Oels) an: De abroganda alectromachia de legitime modo cele- 
brandi Galli memoriam abusu remota. 

Gänsereiten in Winzig. „Als eine hiesiger Gegend eigentümliche 
Volksbelustigung muß auch das sogenannte Gänse-ßeiten Erwähnung 
finden. Diese Festlichkeit wird, wie auf den umliegenden Dörfern, 
so auch von den Pferdeknechten der hiesigen Ackerbürger von Zeit 
zu Zeit in Scene gesetzt 1 ). Hierzu sammeln sich die Reiter wohl- 
geputzt auf festlich mit Blumen, Bändern und bunten Decken ge¬ 
schmückten, aber ungesattelten Rossen. Jeder hält eine Lanze in 
der Faust, an welcher ein buntes Fähnchen flattert und hat eine 
Festteilnehmerin eingeladen, welche sich in ihrem besten Staate ein¬ 
findet. Endlich ordnet sich der Zug. Voran Harlekin und Pierrot 
von höchst grotesker Toilette und mit der angeraaßten Befugnis, frei¬ 
willige Gaben einsammeln zu dürfen, welche die Festkosten decken 
helfen, gelegentlich derbe Witze reißend und Kläppse austeilend. 
Hinter der nun folgenden schmetternden Feldmusik erscheinen die 
Reiter paarweise; die Mädchen bilden, zu Fuß und ebenfalls paar¬ 
weise, den Nachtrab. So werden Stadt und Vorstädte durchzogen, 
hier und da macht man Halt, bringt ein Ständchen mit Hurra!) und 

*) Nach Drechsler fanden solche Gänsereiten am Fastnachtsmontag während 
der Kirmes oder am Erntedankfest in Schlesien statt. Vgl. Sitte Brauch etc. I, 
61, 161 u. II, 72 f. 


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Friedrich Andreae 


nimmt ein Douceur in Empfang. Endlich gelangt der Zug auf den 
zum eigentlichen Platze ausersehenen Platz, gewöhnlich eine ebene 
Brache. Dort ist ein Gerüst in der Form eines Portals erbaut und 
mit Kränzen und Blumen ausstaffiert. Am Querbalken über der 
Öffnung baumelt eine geschlachtete Gans, an den Füßen aufgehängt, 
den mit Fett bestrichenen Hals und Kopf nach unten. Das Ganze 
ist so hoch, daß, wer durchreitet und sich im Sitze hebt, den Kopf 
der Gans fassen kann, und die Aufgabe ist die, im Trabe oder Galopp 
durchpassierend, die Gans herabzureißen, was indessen seine be¬ 
sonderen Schwierigkeiten haben soll, die nur demjenigen klar werden, 
der es versucht hat. Es ist schon dafür gesorgt, daß die ländliche 
Ritterschaft ihre Tour mehr als einmal machen muß, bevor der Preis 
einem zuteil wird, welcher dann den König des Festes abgibt und 
feierlich in den Teppichkretscham eingeführt wird, woselbst Tanz und 
Trunk den Tag beschließen. Daß während des Turniers die beiden 
Hanswürste ihr Wesen treiben, versteht sich von selbst.“ 

Pli. Hanke, Topogr. Chronik d. Stadt Winzig 1804. S. 412 f. 

Hochzeits- und Totengebräuche. „Daß die jungen Männer 
auf den Dörfern sich bei der Wahl der Braut weniger durch persön¬ 
liche Eigenschaften, als durch die Vermögens-Verhältnisse bestimmen 
lassen, ist nicht bloß eine Eigentümlichkeit der Rybniker. Ebenso 
ist die Sitte, zur Hochzeit durch berittene Hochzeitsbitter einzuladen, 
die, ohne vom Pferde zu steigen, an den Fensteffi oder im Haustlur 
ihre auswendig gelernten Sprüchel hersagen, wohl durch ganz Ober¬ 
schlesien gebräuchlich. Mehr lokal erscheint es mir, daß die Ein¬ 
geladenen keine Brautgeschenke, sondern dafür Brod, Butter, Käse 
und Ähnliches schicken, wovon oft die jungen Eheleute noch lange 
nach der Hochzeit sich nähren. Trifft der Tag der unschuldigen 
Kindlein (28. Dezember) auf einen Dienstag, so wird das ganze Jahr 
hindurch an keinem Dienstag eine Hochzeit gefeiert, obgleich dieser 
sonst immer dazu gewählt wird. Die Leute glauben nämlich, daß 
eine an einem solchen Tage geschlossene Ehe mit zu zahlreicher 
Nachkommenschaft gesegnet sein würde und wählen daher in einem 
solchen Jahre immer den Montag oder Mittwoch. 

Auffallender sind die Gebräuche bei Todesfällen. Stirbt der 
Hausherr oder die Hausfrau, so begibt sich sofort jemand in die 
Viehställe und meldet dem Vieh den Tod derselben an. Darauf geht 
er an die Bienenstöcke und klopft an dieselben und kündigt auch 
diesen den Unglticksfall an. Unterläßt raans, dann gehen in dem 


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Volkskuudliches aus schlesischen St&dtechroniken 


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Jahr Vieh und Bienen ein. — Solange dann die Leiche im Hause 
liegt, darf die Familie sich an keiner schweren Feldarbeit beteiligen, 
weil sonst binnen Jahr und Tag wieder jemand ans der Familie 
eine Leiche wird. — Ist die Leiche beim Anziehen des Totenkleides 
so steif, daß sich das schwer bewerkstelligen läßt, so wird derselben 
mit Nennung des Namens ins Ohr gerufen: „Wir gehen in die 
Kirche!“ und die Steifheit verschwindet. — Bringt man die Leiche 
endlich auf den Wagen, dann muß sie mit den Füßen voran aus 
dem Hause getragen und mit dem Sarg dreimal auf die Schwelle 
der Haustüre geklopft werden, damit der Gestorbene vom Hause Ab¬ 
schied nehme und die Zurückgebliebenen später nicht beunruhige. — 
Der Wagen auf dem die Leiche gefahren ward, muß nach der Rück¬ 
kehr zu Hause dann umgestürzt werden.“ 

Idzikowski, Gesell, d. Stadt u. ehemal. Herrschaft Rybnik 1860. 
S. 180 f. 

Zur Geschichte des Ringes. „Ein Aktenstück aus der Sammlung 
im Ober-Appellationsgericht zu Oppeln vom Jahre 1717, 25. März 
schildert eine eigentümliche Sitte. Nach diesem war es an den 
meisten Orten Oberschlesiens unter dem Adel Brauch, daß wenn einer 
eines ledigen Standes zu einer Dame gleichen Standes kam, er einen 
Bing zum glücklichen Wiedersehen zu begehren ptlegte und auch 
seinerseits übergab. Die Versagung desselben galt für unhöflich, da 
die Ringe restituiert zu werden pflegten und keine Verbindlichkeit 
daraus entstand.“ 

Idzikowski, Gesch. d. Stadt Oppeln 1863. S. 246 f. 

Seelen- und Wetterglocken. „Die St. Annenkirehe in Hirsch¬ 
berg erhielt bei ihrer Einweihung 1716 eine kleine Glocke aul das 
kleine Türmchen, welche die Seelenglocke heißt und auf Verlangen 
geläutet wird, wenn ein Sterbender in den letzten Zügen liegt.“ 

loh. Dan. Hensel, Histor. topogr. Beschreibung der Stadt Hirsch¬ 
berg 1797. S. 116. 

„1704 fuhr der Blitzstrahl durch das einzig offene Glockenfenster 
in den Turm der Stadtkirche . . . Das Unglück wäre wohl nicht ge¬ 
schehen, wenn die unzweckmäßige Gewohnheit, die Wetterglocke zu 
läuten, nicht die Veranlassung dazu gegeben hätte . . . Von nun an 
durfte keine Glocke beim herannahenden Gewitter mehr gezogen 
werden.“ 

M. Vogt, Illustr. Chronik d. Stadt Hirschberg 1876. S. 204. 

„1788 verbot man das Gewitterläuten, das schädlich und nur ein 


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108 


Friedrich Andreae 


Aberglaube sei. Die Gemeinden empfanden dies Verbot z. T. recht 
schmerzlich und entzogen in ihrem Unwillen dem Schulmeister oder 
Glöckner die Wettergarben und Wetterbrote, was die Regierung nach¬ 
mals als unzulässig erklärte.“ 

K. Raebiger, Gesch. d. Stadt u. d. evangel. Kirchengemeinde in 
Herrnstadt Kr. Guhrau 1908. S. 96. 

Über Wettergarben vgl. Drechsler, Sitte, Brauch etc. II, 137. 

„Kurz vor seinem Tode 1650 hatte der Majoratsstifter Georg 
v. Oppersdorf „Zur Ehre Gottes, zur Zierde, zum Trost und zur An¬ 
dacht der Stadt, zur Abwendung des bösen Wetters, so über die 
Stadt kömmt, vornehmlich aber für die Leute, so in Todesnöten und 
letzten Züge liegen, damit ihnen Gott, der Allmächtige in ihrer letzten 
Stunde Gnade verleihen wolle, damit sie selig und wohl bereit aus 
dieser Welt abgehen“, eine schöne, große 78 Zentner schwere Glocke 
anfertigen lassen. Nach der im Stadtarchiv befindlichen Urkunde 
vom 24. Juli sind sieben Personen anzustellen, welche die Glocke 
ziehen und läuten und wofür ihnen zu ewigen Zeiten jährlich 
21 Scheffel Korn, 6 Scheffel Gerste und 5 Scheffel Heiden von der 
Majoratsherrschaft gewährt werden sollen. „Zu ewigen Zeiten soll 
mit der Majoratsglocke alle Tage früh um 8 Uhr ein Puls von 10 
oder 12 Schlägen für diejenigen, so in Todesnöten liegen, desgleichen 
wenn ein Leichenbegängnis vom Schloß stattfindet und bei jedem Ge¬ 
witter, gleichviel ob es bei Tage oder bei Nacht kömmt, usw. ge¬ 
läutet werden.“ 

Schnurpfeil, Geschichte vou Oberglau 1860. S. 168 f. 

Seelenbad. „Unter den Hirschberger Zünften hat besonders die 
Kürschnerzunft eine eigene Stiftung zu verwalten, welche eine ge¬ 
wisse Christina Beata Herzogin in uralten nicht genau bekannten 
Zeiten gestiftet und diesem Mittel zu verwalten übergeben hat. Es 
wird nämlich alle Jahre am 2. November, am Fest aller Seelen, von 
9—12 Uhr in der Stadt-Badstube jedem sich einfindenden Armen 
unentgeldlich geschröpft und zur Ader gelassen, ein Trunk Bier und 
eine Schnitte gebähtes Brod gereicht, so wie an ebeu diesem Tage 
jedem Armen ein kleines Brodchen in der nördlichen Halle der 
katholischen Kirche und bei den Kirchenältesten im Hause ausgeteilt : 
daher man jene Operationen das Seelenbad (weil in alten Zeiten viel¬ 
leicht auch gebadet wurde) und die ausgeteilten Brodchen Seelen- 
brodchen zu nennen pflegt.“ 


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Volkskundliches aus schlesischen Städtechroniken 10fr 

9 

Joh. Dan. Hensel, Histor. topogr. Beschreibung d. Stadt Hirscli- 
berg 1797. S. 716 f. 

„Wenn nämlich“, sagt ein früherer Bericht, „jemand gestorben, der ziem¬ 
lichen Vermögens gewesen, haben die nächsten Anverwandten ein Bad ein¬ 
gerichtet in einem Hospital. Nach dem Bade haben sie den alten oder armen 
Leuten darin eine Mahlzeit gegeben und wer weiß was für Alfanzereien dabei ge¬ 
trieben. Dies ist noch im Anfang des Luthertumes geschehen in St. Jürgens 
Hospital. Götze, Gesch. d. Stadt Stendal 1873 S. 293. Ähnlich bei Pohlmann, 
Histor. Wanderungen durch Tangermünde 1846 S. 125: „Nach dem Tode reicher 
Privatpersonen pflegten ihre hinterlassenen Erben, um mit den Sünden ihrer 
Vorfahren zugleich ihre eigenen Sünden abzuw T aschen, ein Seelenbad zu nehmen 
oder auch sie für andere, besonders Arme zu veranstalten.“ — Nikel Ruprecht 
hatte 1474 den Lorenz von Bandow erschlagen. Er soll dafür unter andern ein 
„Solbad“ auf dem Sande machen und dazu ein Viertel Langwel l ) geben. Klose, 
Darstellung der inneren Verhältnisse der Stadt Breslau 1847. S. 107; desgl. 
war 1474 in Breslau der Hieronymus Laughans erschlagen worden. Die Mörder 
sollten „bestellen und machen vier Selbad“ „zu jeglichem Bade sollen sie den 
armen Badenden ein Viertel Langwel geben zu Trank, die da gut ist“ (Klose, 
ebd. S. 108) — „Eine Stiftung in Priebus war das Seelbad. Das Baden war 
damals in Schlesien und in der Lausitz so gewöhnlich, als es jetzt noch in 
Kurland und Rheinland ist. Jedermann badete sich wöchentlich mindestens 
zweimal . . . Man hielt das Baden nicht nur überhaupt für gesund, sondern 
auch besonders für ein gutes Mittel gegen die Pesj; Viele Personen waren 
aber doch nicht imstande, die dabei nötigen Kosten zu bestreiten. Es ward 
daher eine Stiftung gemacht, nach welcher 6 Personen aus dem Hospital, der 
Schulmeister (Rektor) und die Schüler umsonst gebadet und ihnen dann eine 
Erquickung gereicht wurde. Da diese Stiftung zum Besten der abgeschiedenen 
Seelen gemacht wurde, so hieß sie ein Seclbad.“ Worbs, Gesch. d. Herzogtums 
Sagan 1794. S. 177. — Vgl. dazu auch Samter, Geburt, Hochzeit und Tod. 1911 
S. 208 f.: „Opfer, die ursprünglich den Seelen dargebracht wurden, sind häufig 
in Gaben an die Kirche oder an die Armen verwandelt werden . . . Eine schon 
im Altertum übliche Ablösung einer Opfergabe ist ihre Verwandlung in ein 
Gebäck“ s. a. die zahlreich daselbst zitierte Literatur. 

Diebszauber. „166K wurde in der Stadt Wohlau eine scheu߬ 
liche Missetäterbande abgetan. Die Mitglieder derselben hatten z. T. 
charakteristische Beinamen als: Hans Liehmann, Weinhans genannt, 
sein Weib Barbara Wildin oder Kinderfresserin und beider Sohn, 
Hans Liehmann der Jüngere, Hans Hahn mit dem Beinamen Schramm- 
hans und Georg Wilde oder Wampen-Jörge genannt. Alle waren 
untereinander nahe verwandt und verschwägert . . . Unter den mehr 
als vierzig Totschlägen, die ihnen zur Last gelegt werden, sind be- 


*) Lampfel, lamfcl der Nachguß beim Brauen, auch Tischbier. H. Mark¬ 
graf, Die Straßen Breslaus 1896. S. 108. Anm. 1. 


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110 


Friedrich Andreac 


sonders folgende abscheulich: Weinbaus hieb seinem eigenen neu¬ 
geborenen Kinde in Gesellschaft seines Schwagers Wampen-Jorge mit 
einem Beil das Haupt ab, schnitt ihm den Leib auf, nahm Herz und 
Eingeweide heraus, begrub das letztere und den Kopf, aber der 
Körper und das Herz wurden zugekocht und verzehrt aus dem be¬ 
kannten Aberglauben, dadurch vor Entdeckung sicher zu werden. 
Wampen steckte die Hände des unschuldigen Würmleins ein, um 
damit Zauberei zu treiben. Hinter Schwinaren lockten sie zwei 
schwangere Weiber in den Busch, schlugen sie vor den Kopf, schnitten 
sie auf und fraßen die Herzen ihrer Leibesfrüchte. Eben das be¬ 
gingen sie an einer andern Schwangeren und fraßen das Herz des 
ungeborenen Kindes. Bei der Masel notzüchtigten sie drei Mägde, 
schlugen sie darauf tot, rissen ihnen die Herzen heraus und pulverten 
solche. Dieses Pulver taten sie in den Bierhäusern unter das Bier, 
wovon sie selber tranken und andere trinken ließen, teils um dadurch 
für ihre Person beherzter zu werden, teils in dem Wahn, daß die¬ 
jenigen, welche davon tränken, ihnen nachlaufen müßten, wo sie 
solche dann totschlagen könnten. a 

Fischer u. Stuckart, Zeitgesch. d. Städte Schlesiens II, 40 f. 

Drechsler erwähnt Sitte, Brauch II, 238 ebenfalls diese Mörderbande. Da 
er jedoch nur teilweise darauf eingeht und z. B. auf den Zauber, der das Opfer 
zwingt infolge des im Bier genossenen pulverisierten Menschenherzens seinem 
Mörder zu folgen, nicht zu sprechen kommt, sei hier die Stelle aus Fischer und 
Stuckarts Zeitgeschichte noch einmal angeführt. Zur Ergänzung sei auf die 
Mitteilungen von 0. Meinardus über schlesische Menschenfresser Schics. Gesell. 
Blätter 1916 S. 51 tf. verwiesen, die deutlich zeigen, wie sehr abergläubische 
Vorstellungen in der damaligen Verbrecherwelt überhaupt verbreitet waren. 
Zum Glauben an die Zauberwirkung der Überreste eines Hingerichteten oder 
gewaltsam Getöteten („alles was von ihm herrührt, ist glückbringend.“ Drechsler II 
S. 420) möge noch folgende Stelle aus dem medizinischen Aberglauben der Zeit 
Erwähnung finden: Nach der Erstürmung von Öfen 2. Sept. 1686 „wurde auch 
keiner bei dem Leben gelassen, sondern alle massakrieret und meist die Haut 
abgezogen, das Fett ausgebraten und die rnembra virilia abgeschnitten und grolle 
Säcke voll gedörret und aufbehalten, als woraus die allerkostbareste Mumie 
gemacht wird.“ Meister Johannes Diez erzählt sein Leben. Langew iesche-Brandt 
S. 67. Dazu bemerkt der Herausgeber Consentius: Ärzte und Apotheker ver¬ 
wandten in zahlreichen Krankheitsfällen, sowohl innerlich als äußerlich Mumie. 
Besonders geschätzt war die Mumie, die von Missetätern, die frisch vom Galgen 
kamen, zubereitet wurde. „Das ist die gerecht und krefftigest Mumie: Der Leib 
desz Menschen , der nicht eines natürlichen Todes stirbt, sondern eines unnatür- 
licheu Todes stirbt, mit gesundenem Leib und ohne Kranckheiten. und ehe ihm 
darzu wehe ist.“ 


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Volkskundliches aus schlesischen Städtechroniken 111 

Schatzgräber. „Es hatte sich die Sage erhalten, daß in den 
verschütteten Kellern des Hausberges sich viele Schatze befinden 
sollten, welche daselbst von mächtigen Geistern bewacht würden und 
nur einmal jährlich, nämlich in der heiligen Christnacht von 12—1 Uhr, 
so lange der Gottesdienst in der katholischen Kirche dauere, seien 
sie zugänglich und eine sonst unsichtbare Tür öffne dem Suchenden 
um diese Zeit den Zugang zu den verschlossenen Schätzen. Ein 
durch den Trunk ganz herabgekommener Perückenmacher Reyruann 
hoffte, die Geister des Hausberges würden ihre Schätze mit ihm 
teilen und begab sich in der Mitternacht des Weihnachtsabends von 
1748 mit einer Laterne und einer Geldkatze nach dem Hausberge, 
Was er bei dieser Hebung der Schätze versehen haben mag. und 
warum ihm die mißgünstigen Geister ein Bein gestellt haben, ist 
nicht bekannt geworden; denn er wurde am dritten Feiertage am 
Fuße des Berges mit schwerverletztem Kopfe tot bei seiner Laterne 
gefunden und auf dem Heiligengeistkirchhof begraben. — Noch in 
der Christnacht von 1848 wurden mehrere aus der Umgegend von 
Hirschberg darüber betroffen, als sie den Hausberg in schatzgräberischer 
Absicht heimsuchten.“ 

J. K. Herbst, Chronik der Stadt Hirschberg bis zum Jahre 1847. 
Hirschb. 1849. S. 211, 574. 

Volkstrachten Loslau. „Die Tracht des Bürgers war landmann¬ 
mäßig, oft barfuß bei seinem Geschäft, in einer kurzen Jacke: an 
Festtagen ein langer blauer Rock; seine Frau in einem einfachen 
kurzen Kleide, mit einer aus Gold- und Silbertressen zusammen¬ 
gesetzten pfauenartigen Haube auf dem Kopfe; beide besuchten täglich 
eifrig die Kirche. Der Brand am 12. Juli 1822 verzehrte Häuser, 
Jacken und Hauben, und nun änderte sich die ganze Scene. Viele, 
ja die meisten Abgebrannten wurden von der Mildtätigkeit mit ver¬ 
schiedenartigen Kleidungsstücken versehen, ja manche sogar auf Jahre 
damit versorgt und fanden so Geschmack an den neueren Kleider¬ 
formen ; ahmten nun dem Beispiel größerer Städte nach, und machen 
jetzt immer größere Fortschritte in der Modesucht, so daß gegen¬ 
wärtig auch schon das Dienstmädchen in der beliebten, straßen¬ 
sperrenden Krinoline einherstolziert. Besonders zeichnet sich die 
hiesige Judenschaft durch Einführung der neuesten Moden aus, was 
andere zur Nachahmung reizt, so daß in dieser Hinsicht jetzt völlige 
Gleichheit herrscht, denn die Frau ist nicht mehr vom Dienstmädchen, 
der höhere Beamte nicht vom Handwerker zu unterscheiden.“ 


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112 Friedrich Andreae, Volkskundliches aus schlesischen Städtechroniken 

Henke, Geschichte von Loslau 1860. S. 166. 

Volkstrachten Rybnik. „Auf dem Lande hat sich die alte ge¬ 
schmacklose Tracht der blauen Mäntel mit einem Kragen und schwarzen 
Hut, im Winter der Schafpelz mit Pelzmütze erhalten. Die Frauen¬ 
zimmer tragen gewöhnlich Faltenröcke, um den Kopf ein weißes 
Tuch, weshalb sie auch die Weißköpfe (biate glowy) genannt werden, 
und an den Füßen vielfach rote Strümpfe, obgleich die weißen auch 
schon oft Vorkommen. Meist sind diese nur ein Sonntagsschmuck 
für die Stadt. Scharenweise sieht man am Sonntage die frommen 
Kirchgängerinnen vor der Stadt sitzen und die Strümpfe und Schuhe 
anziehen, die sie bis dahin in der Hand getragen. Nur in der 
Typhus-Zeit 1847 und durch ein paar Jahre nach dieser boten die 
Dörfer oft einen eigentümlichen Anblick dar. Bei den Sammlungen 
für die Unglücklichen hatte jeder gegeben, was er entbehren konnte, 
dieser einen Frack, jener einen Paletot, in ähnlicher Weise die Damen. 
So kam es. daß bei der Feldarbeit so mancher elegante Frack hinter 
dem Ptluge sichtbar wurde, der nun freilich mit den bloßen Füßen 
und der Leinwandhose wenig harmonierte. Ebenso ging es bei den 
Frauen und Mädchen mit eleganten Umschlagtüchern, Jäckchen usw.“ 

Idzikowski, Gesell, d. Stadt u. d. ehemal. Herrschaft Rybnik 
1861. S. 180. 

Schönwälder Tracht. „Im Winter tragen die Frauen kurze blaue 
Tuchpelzjacken mit aufgebauschten Schößen, im Sommer Tuchjacken 
von ähnlichem Schnitt mit Leinwandfutter. Sie tragen Röcke aus 
Tuch oder Zeug mit vielen Falten, rote wollene Strümpfe, wei߬ 
leinene Kopftücher (an Festtagen mit Spitzen besetzt), im Winter 
Mützen mit Kaninchenbesatz, dazu seidene Bänder. Die Schuhe sind 
nur nach einem Schnitt gearbeitet und haben Klappen, welche mit 
grünen Bändern zusammengebunden werden. Bei Trauerfeierlichkeiten 
werden breite, aber kurze Leinwandtücher getragen; bei Ausgängen 
hat die Frau ein großes wollenes Tuch zusammengerollt unter dem Arme.“ 

Nietsche, Geschichte der Stadt Gleiwitz 1886. S. 822 f. VgL 
Gusinde, Schönwald, (Wort und Brauch, Heft 10). 


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Die ältesten Quellen für ein schlesisches 
Wörterbuch. 

Von Dr. Georg Schoppe. 

Auf dem Gebiet der deutschen Wortgeschichte hat in den letzten 
Jahrzehnten die emsigste Tätigkeit geherrscht. Für das große 
deutsche Wörterbuch sind neue Kräfte gewonnen worden; sein Ab¬ 
schluß ist in absehbarer Zeit zu erwarten, nachdem die Akademie der 
Wissenschaften zu Berlin die Weiterführung übernommen hat. Das 
Weigandsche Wörterbuch hat eine neue Auflage erlebt; Hermann 
Pauls Werk erfreut sich großer Verbreitung. Kluges etymologisches 
Wörterbuch erscheint in kurzen Zwischenräumen vermehrt und ver¬ 
bessert auf dem Büchermarkt. Hirt’s gleichnamiges Werk wird ihm 
den Rang nicht streitig machen. Noch kurz vor Ausbruch des 
Krieges konnte uns von dem lange und sorgfältig vorbereiteten 
deutschen Rechtswörterbuch die erste Lieferung beschert werden. 

Bemühen sich diese Werke um Erhellung und die Geschichte 
des Wortvorrates unserer Schriftsprache, so ist — was für uns hier 
das Wichtigere ist, — die Mundartenforschung in gleicher Weise 
eifrig tätig gewesen. Michael Friedrich Tollmanns Wörterbuch der 
Deutsch-Lothringischen Mundarten ist 1909 in einem stattlichen 
Bande erschienen. Das der elsässischen Mundarten von E. Martin 
und L. Lienhart ist seit reichlich 10 Jahren in zwei umfangreichen 
Bänden abgeschlossen, ein unentbehrliches Hilfsmittel für jeden 
Deutschphilologen. Das Schweizer Idiotikon, ein schöner Beweis 
deutscher Heimatliebe und Gelehrsamkeit, hat sieben Bände ab¬ 
geschlossen, der achte mit dem Buchstaben S ist dem Abschluß 
nahe. Das Schwäbische Wörterbuch, von Hermann Fischer betreut - 
und großenteils bearbeitet, kann bald den fünften Band abschließen. 
Müller-Fraureuth hat in zwei Bänden ein Wörterbuch der ober¬ 
sächsischen und erzgebirgischen Mundarten rasch zielbewußt zu Ende 
geführt. Dagegen ist — eine Folge des Krieges — das groß- 

Mltteüungrn d. Schles. Ges. f. Ykde. Ed. XXI. 8 


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114 


Georg Schoppe 


angelegte siebenbürgisch-sächsische Wörterbuch ins Stocken geraten. 
Ein kurzes handliches Werk über die Luxemburger Mundart leistet 
gute Dienste und erfüllt seinen Zweck. Ein Wörterbuch der Lüne¬ 
burger Mundart und des Altmärkischen sollen vollendet sein und warten 
auf Papier und den Drucker. Ein Werk über die Vogtländische 
Mundart wild vorbereitet. — Aber weitausgreifend und weitaus¬ 
sehend ist, was sonst geplant wird. Die Bayrische Akademie der 
Wissenschaften im Verein mit der Wiener plant einen neuen 
Schmeller. Dieser hatte einst den Anfang gemacht mit der wissen¬ 
schaftlichen Darstellung der Mundart eines deutschen Sprachstammes 
und seines Wortvorrats, Werke erstaunlichen Fleißes und verblüffender 
Gelehrsamkeit. Die preußische Akademie der Wissenschaften hat 
die Ausarbeitung eines preußischen Wörtersuches unternommen, das 
den guten alten Frischbier ersetzen soll, ferner plant sie ein Wörter¬ 
buch der fränkischen Mundarten und eins der thüringischen und 
ein Hessen-nassauisches. Die Vorarbeiten zu allen Werken sind be¬ 
gonnen; aber der Weg ist weit, ehe hier an den Anfang einer 
Herausgabe gedacht werden kann. In der Rede, wo Roethe die 
Pläne der Akademie kundgab, wurde von dem schlesischen Wörter¬ 
buch bemerkt, der Opfersinn und die Heimatliebe der Schlesier 
lassen gutes erwarten. (Neue Jahrbücher f. das klass. Altert. Gesell, 
u. d. Liter. 31,67.) 

Wie sehr ein großes schlesisches Wörterbuch fehlt, das fühlen 
nicht nur alle die auf wortgeschichtlichem Gebiet Arbeitenden, auch 
die Herausgeber schlesischer Dichter und Urkunden wären vor 
mancherlei Irrtiimern und Entgleisungen bewahrt geblieben. Ich 
möchte nur auf einen Fall hinweisen. In der großen kritischen 
Eichendorff-Ausgabe wird der in dem Tagebuche des Dichters vor¬ 
kommende Ausdruck Kischka durch ,polnische Wurst‘ erläutert. Ich 
gönnte es der armen oberschlesischen Bevölkerung von Herzen, wenn 
sie sich statt einer Satte Kischka eine polnische Wurst einverleiben 
könnte. — 

Aber konnten oder können die anderen deutschen Sprachstämme 
auf sehr beachtenswerte Vorarbeiten bei ihren großen Untersuchungen 
zurückgreifen, das Schlesische besitzt nur das schwache Heftchen 
Weinholds aus dem Jahre 1855: Beiträge zu einem schlesischen 
Wörterbuche. Dazu kommt jetzt der beträchtliche handschriftliche Nach¬ 
laß auf der Stadtbibliothek. Da heißt es dann selbst frisch zugreifen 
und sammeln oder — wie Weinhold so gern sagte — sich auf die Hosen 


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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


115 


setzen. Und gesammelt worden ist fleißig: die zwanzig Bände der Mit¬ 
teilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde bergen einen 
reichen Schatz; desgleichen einzelne Bände von Wort und Brauch, 
besonders des unvergeßlichen Gusinde schönes Buch über die Mund¬ 
art von Schönwald, nicht zu vergessen Schönborns Untersuchungen 
überdas schlesische Pronomen, Haukes über die Wortstellung im Schlesi¬ 
schen und Unwerths Darstellung der schlesischen Mundart. Von 
der lebenden Mundart, sind große Sammlungen vorhanden,, die 
ständig vermehrt werden. Herr Geheimrat Siebs äußerte uns gegen¬ 
über einmal, daß ihm bei seinen Wanderungen und Beobachtungen 
kaum noch Fremdes auf stoße. Doch anders wird das Bild, wenn 
wir uns die Frage vorlegen: wie steht es mit der Erforschung der 
früheren Sprachstufen der schlesischen Mundart und der Ausbeutung 
der literarischen Quellen? Hier bleibt so gut wie alles zu tun. 
Nur Paul Drechslers Buch über Wenzel Scherfer und die Sprache 
der Schlesier hat ein schönes Vorbild geschatfen. Und gerade für 
Schlesien fließen die Quellen sehr reichlich. So alte sprachliche 
Urkunden wie die oberdeutschen Mundarten besitzt das Schlesische 
nun freilich nicht. Abgesehen von einzelnen deutschen Wörtern, wie 
sie versprengt in lateinischen Urkunden zur Erklärung des Kanzleiaus¬ 
druckes — gewöhnlich eingeleitet quod vulgariter dicitur — Vorkommen, 
beginnt eine reiche Überlieferung seit der Mitte des 14. Jahr¬ 
hunderts. Nur nebenbei will ich als ältere Quelle mit mundartlichen 
Ausdrücken herausheben aus dem Ende des 13. Jahrh. das Breslauer 
Arzneibuch, dessen Handschrift die hiesige Stadtbibliothek besitzt, 
rlas von C. Külz und E. Külz-Trosse 1908 herausgegeben worden 
ist; leider fehlt noch immer der zweite Teil — und dann die von 
Pietsch herausgegebenen Trebnitzer Psalmen. — Worauf ich aber 
besonders mit Nachdruck hinweisen will, das sind die Vokabularien, 
deren ältestes, aus dem Jahre 1340, Gusinde in den Mitteilungen 
XIII/XIV, S. 374 fg. veröffentlicht hat, das des Konrad von Heinrichau. 
Solcher Vokabularien besitzt unsere Universitätsbibliothek ungefähr 40, 
die fast alle nicht verwertet und noch ungedruckt sind. Einzelnes aus 
dem Vokabular des Konrad von Heinrichau hat Hoffraann von Fallers¬ 
leben für seine Fundgruben ausgeschrieben Bd. I, S. 357 fg. Diese 
Auszüge hat dann Laurentius Diefenbach für sein Glossarium teutico- 
gerraanicum Frankfurt 1857 verwertet, auch sonst hat er noch 5 dieser 
Werke ausgezogen. Es sind dies bei Diefenbach die Nr. 8. l*. 15. 
03. 65. 

8 * 


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Original frnm 

PR1NCET0N UNIVERS1TY 



1 lß 


Georg Schoppe 


Aber für ein großes Schlesisches Wörterbuch müssen diese 
Quellen durchgearbeitet und verzettelt werden. Denn ohne diese 
Arbeit ist eine Darstellung des Altschlesischen und der schlesischen 
Wortgeschichte nicht möglich. Mit Recht weist Gusinde darauf 
hin, daß diese Vokabularien als sprachliche Quelle wichtiger sind 
als die Urkunden, denn in den Urkunden zwang Schreibergewohnheit 
mit ihren hergebrachten Formen dem Wort eine gewissermaßen 
literarische Gestalt auf, während es in den Vokabularien allein steht. 
Es mag auch noch aufmerksam gemacht werden, daß die gelehrten 
Schreiber, wo und wann sie einen Volksausdruck zu verwenden hatten T 
sich scheuten, diesen in der mundartlichen Lautgestalt wiederzugeben, 
denn die Volkssprache galt ihnen als unfein, als „platt“, nicht 
passend für das feierliche Gewand einer Urkunde. Diese Vokabularien 
reichen ungefähr bis 1500, so daß es also möglich ist, Wörter und 
Wortformen über einen Zeitraum von 150 Jahren zu verfolgen und 
zu vergleichen. Vielleicht wird es auch möglich sein, durch genaues 
Durchforschen dieser Handschriften im einzelnen den Schreiber oder 
Verfasser etwas näher zu umgrenzen je nach dem Inhalt, d. h. dem 
Wortschatz, den er aufzeichnet. Von vielen ist der Ursprungsort 
bekannt. Dies gibt natürlich eine wichtige Handhabe. Verhältnis¬ 
mäßig leicht wird es sein, die Abhängigkeit des einen vom andern 
festzustellen, so ist z. B. 1. Fol. 9 nur eine Abschrift von 1. Fol. 216. 
Vieles wird auf ältere Vorlagen zurückgehen. Auch kann man bei 
Werken dieser Art die Beobachtung machen, wie längst ausgestorbene 
und verklungene Wörter und Bedeutungen weitergeführt werden. 
Aber das kann uns ja nur recht sein. 

Fragen wir uns nun aber, ob diese Vokabularien wirlich schle¬ 
sisch sind, so kann darauf ganz dreist mit ja geantwortet werden. 
Sie stammen aus Schlesien und sind vermutlich von Schlesiern ge¬ 
schrieben. Sie sind entschieden ostmitteldeutsch und enthalten im 
Lautstand und Wortschatz die Mundart, die damals hier gesprochen 
wurde, so weit wir dies jetzt schon naclnveisen können. So finden 
wir dort für schriftdeutsches a ein o; z. B. 1. Fol. 487, Bl. 287 b : 
dignatio — gunst, gnöden, ibid. moß für maß, stroffunge für 
strafunge; 269“ neben einander streflich — aber stroffindis werkis; 
290“: tribulatio — q uole: für ei findet sich e: alvea — tege- 
trog für Teigtrog (1. Fol. 487“), cataplasma — ben tuch 1. Fol. 487, 
Bl. 116“). Für Arbeit haben wir erbeyt, so z. B. 1. Fol. 216“ 
Bl. 111“: conatus — erbeyt; 1. Fol. 487, Bl. 108“: agrestis — 


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Original fro-m 

PRINCETON UNtVERSITY 



I.)ic ältesten Quellen fttr ein schlesisches Wörterbuch 


117 


■wilde ungeerbit erde; die Form erptin findet sieli in dem Vokabular 
aus dem Kloster von Heinrichau aus der Mitte des 15. Jahrli., und 
als erbt im Cod. dipl. Sil. IV, 104 aus dem Jahre 1504; ,erbitsam 
leben 4 lesen wir 1. Fol. 487, Bl. 270« als Verdeutschung für vita 
aetiva desgleichen in dem von A. Bernt herausgegebenen Kaadner 
Vokabular S. 20 b des Sonderdrucks. Dasselbe haben wir bei Luther; 

.Luther schreibt immer erbeit, nur 2. Mos. 5,9: arbeit. ferner 
erbeyten, arbevtten 1523 Ein Sermon auf! den Pfingstag; er- 
beytter, doch 1522 im neuen Testament Sept. Mark. 10,13 arbeyter; 
1520 Handschr. von den guten wercken schreibt er erbeyHeute 4 mal; 
erbtsam 1517 zu den 7 Bußpsalmen A 4 b ; erbeitsam 1528 Auß-, 
legung der 10 gefp. 13*. Unsere Arbeit stammt aus dem Oberdeutschen. 
Für Wagen finden wir wayn, so z. B. 1. Fol. 487, Bl. 270 8 quadriga- 
waynisstoße; maitlich für magdlich findet sich sehr oft. Dann, wo-- 
rauf Gusinde bereits aufmerksam gemacht hat, erscheint oft im An¬ 
laut Tenuis für Media: putir, hinpritunge, vorterblichkeit, 
tumpheit, tinkil. tichtin, kegen, eoukeler. (Mitteil. (1911) 380 
Anm. 3). — Ihre Heimat verraten diese Vokabularien schließlich 
durch die polnischen Lehnwörter: kreiczim, kreicimer, kozze (zu 
polnisch kosa gehörig), karpe, klette usw. Außerdem aber, und das 
ist von entscheidender Bedeutung für die schlesische Herkunft dieser 
Codices, hat Gusinde in seinem Buche über die Schönwalder Mund¬ 
art eine große Reihe von Übereinstimmungen nachgewiesen zwischen 
dem Schünwaldischen und diesen alten Vokabularien, cs sei hin¬ 
gewiesen auf seine Ausführungen über bärevenko, S. 152, Deichsel 156, 
Dreskamer 157, verderben 162, pfropfen 164, gaußgaule 166, glen- 
stan 167, garnwalze 168, Küchlein 174; Brombeere 130, Leiter¬ 
baum 183 usw. 

Unter den aus dem Polnischen stammenden Wörtern wurde 
bereits das Wort „Klette“ genannt. So lesen wir 1. Fol. 206 Bl. 110*: 

C 

casa — klette oder butte: 1. Fol. Bl. 265«: casa — elete ader butte. 
In keinem der deutschen Wörterbücher von Lexer bis auf das DWB 
findet sich ein Artikel klette in dieser Bedeutung. Nur im nd. 
WB von Schiller-Lübben begegnet Klet — Kleit — kleines Haus, 
Vorratskammer. Das Wort stammt aus dem Polnischen kleta oder 
klita, kletka — klitka und bedeutet schlechtes Bauwerk, elende 
Wohnung, Lehmhütte. Das Wort Klitsche in der Bedeutung 
elendes Gut mit Lehmboden, auf dem nichts wächst, gehört hierher. 
Diese Buchung in den alten Vokabularien führte nur zu der Be- 


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Georg Schoppe 


richtigung einer Stelle im I)WB aus <ler Feder Rudolf Hildebrands, 
Wir lesen Band V, 1153 unter Klettenbau aus Luthers Schrift 
vom Jahre 1517 Freiheit des sermons von ablas und gnade: „ich 
befehl dem lieben winde die übrigen vergeben Wort (der gegners) 
wie die pappenblumen und dürren bletter, nim allein für mich seine 
gründe (grundgedanken) und eckstein seines klettenbaues“. Hilde¬ 
brand bemerkt zu der Stelle, die Gegenschrift ist nicht fester, als 
wie aus Kletten gebaut, bauten die Kinder wirklich Klettenhäuser? 
Was unter einem Klettenbau zu verstehen ist, dürfte nach unseren 
Ausführungen nicht zweifelhaft sein, es sind Lehmhütten gemeint; 
wir können aber nun diese Stelle aus Luther in Anspruch nehmen 
als einen Beleg für Kinderspiel im ausgehenden Mittelalter. So 
konnte auch Hildebrand einmal fehlgreifen. 

Es hat das Wort klette in diesen Vokabularien uns weiter 
geholfen, ein Mißverständnis zu beseitigen. Noch ein anderer Fall 
sei vorgetragen. 1. Fol. 487 Bl. 27t> b steht unter dissolutio- wi 1t- 
hercze. bei Diefenbach finden wir unter dissolutio-wildhirt, das 
auch Lexer in sein mhd. Handwörterbuch mit Beziehung auf Diefen¬ 
bach aufgenommen hat. Ein Wildherz kennen weder Lexer noch 
das DWB noch ein anderes. Konrad von Heinrichau übersetzt 
vagatio raentis mit wildekeit des hercen. (Gusinde a. a, 0. 398 b ). 
Diese Stelle steht auch bei Diefenbach, entlehnt aus Hoffmanns 
Fundgruben. Uni nun wieder auf den Wildhirt zu kommen, so 
übergeht Sütterlin im DWB die Angaben bei Lexer und Diefenbach 
vollkommen. Es scheint, daß ihm Zweifel aufgestoßen sind, und so 
wird auch das Wort aus Lexer und Diefenbach zu tilgen sein; mau 
sieht auch nicht ein, wie die Bedeutung des Wortes dissolatus zu 
der von Wildhirt kommen soll. — 

In demselben Vokabular 1. Fol. 487, Bl. 2G7 b linden wir -dotes r 
ein lipgedinge, brautstucke, morgengabe. Das Wort Brautstück 
hat weder Lexer (wohl aber hat er brutstückel) gebucht, noch findet 
es sich bei Diefenbach unter dos; auffallend ist das Fehlen bei 
Schmeller. Das DWB belegt den Ausdruck aus dem Simplizissimus 
(dos nuptiale), Fischer im Schwäbischen WB aus Augsburg und 
versteht darunter ein Geschenk des Bräutigams an die Braut und 
umgekehrt, und beider an die Gäste. Diefenbach-Wülker S. *290 
bringen eine Quelle aus Nürnberg bei vom Jahre 1598; Martin- 
Lienhart I, 587 im Eis. WB erklären das Wort als Geschenk des 
Bräutigams an die Braut, der Taufpaten an die Braut, der Gäste an 


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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


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die Braut und den Bräutigam, der Braut an Patenkinder und be¬ 
freundete Familien oder Gespielinnen, wenn sie ihre Einkäufe macht. 
Andere Belege aus schlesischen Quellen sind uns nicht zur Hand. 

Hatten wir so Gelegenheit, die Angaben von Wörterbüchern auf 
Grund der Vokabularien zu berichtigen, so bieten sie auch Stoff 
genug sie zu bereichern. Aus der großen Fülle müssen ein paar 
Beispiele genügen: 

1. Fol. 487 Bl. 269®: Prodigalitas — unbehegelichkeit, 
270 b : 9edalium — schiitwarte’, 

269 b : suppositum — ein widersatz, wo Hera ut, 
des wezins gruntfeste’. 

273®: ftlaraeolum — uffhengeling 

1. Fol. 216 Bl. 108»; amaritudo — bitterkeit, trurekeit, 

bittermut 

1. Fol. 487 Bl. 270»: sylogismus — betwangwort, 

1. Fol. 216 Bl.-110»: carex — zirkilkraut. 

Andere Wörter kommen in heut nicht mehr geläufiger Be¬ 

deutung vor, wie z. B. 1. Fol. 487 Bl. 275 b : spectaculum — kaffunge 
oder owginspigil. Dieses gehört zu den Wörtern, die Alfred 

Götze in seiner Abhandlung nomina ante res (Heidelberg 1517) 
14 fg. abgehandelt hat. — 

Anführen will ich hier 2 Wörter, die genau dieselben Laute 
haben und ganz verschiedenes bedeuten, die auch beide sicherlich 
schlesisch sind: 1. Fol. 487 verdeutscht cantaterium mit kadelof. 
Bei Schmeller finden wir I, 1224 Das. (?) Kadel, ein gewisses Maß, 
auch bei Lexer haben wir das Wort, Schmeller verweist auf das 
DWB II, 602, wo unter Cad. z. B. auch ein Beleg aus Günther 
beigebracht wird, und auf V, 16, wo auch die Etymologie des 

Wortes erörtert wird. Nach Schlesien wird das Wort aus dem 

Polnischen genommen sein, wo kad Bottich, Tonne bedeutet. Luther 
verwendet es in der Bibelübersetzung 1. Kön. 17, 12; 14, 16; 18,34. 
Hier bedeutet es Gefäß für Milch, Wasser. Das Wort muß also 
ganz bekannt gewesen sein, sonst wäre es nicht in die Bibelüber¬ 
setzung gekommen. Aber ein Kadelof war trotz eifriger Jagd nicht 
aufzutreiben. Hier half ein anderes Vokabular weiter. 1. Fol. 93. 
Bl. 265 b wird cantaterium durch kadolff wiedergegeben. Eine Ver¬ 
mutung, die sich bereits bei Kadelof aufgedrängt hatte, scheint in 
der Form kadolff bestätigt zu werden. Kadolf und Kadelof sind Er¬ 
weiterungen von Kadel nach Analogie eines anderen Wortes, wahr- 


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Georg Schoppe 


scheinlich haben wir hier zu denken an das von Lexer I, 1304 ver- 
zeichnete kuterolf, das ein langes enges Glas bedeutet und in vielen 
Schreibungen überliefert ist kutterolf, kudrolf, katterolf, kottrolf, 
kodrolf usw. Vielleicht haben wir sogar im kadolf oder kadelof 
dasselbe Wort. — 

Das andere Kadolf ist Übersetzung von epicasterium 1. Fol. 93, 
Bl. 271 b : feür miier ader cadolff, ebenso 1. Fol. 20<i, Bl. 112 b : 
vüer mür ader kadeloff. Weinhold 39* berichtet, daß Kadel, Kasel m. 
Ruß, Rani bedeute, Kadelrom. Man versteht darunter besonders den 
im Handel vorkommenden Kienruß, der von dem Kadelmann in ganz 
kleinen Fässern auf einem Schiebkarren im Lande verfahren wird. 
Der Sack, in welchem der Ruß über dem Herde aufgefangen wird, 
heißt Kadelsack. Lexer im Handwörterbuch belegt Kadel nur aus 
Rosenplüt. Im Oberlausitzschen heißt Kadel auch der Kamin. 
Das Wort stammt aus dem Polnischen kadic: räuchern. Bei Mathesius 
in der Sarepta 107 a haben wir aber auch die Form Kadluff für Ruß, 
das ist das auch in den Vokabularien vorkoramende Wort, nur daß 
es nicht Ruß bedeutet, sondern Feuermauer; diese Bedeutung macht 
keine Schwierigkeit, wenn man weiß, daß auch kadel im Ober¬ 
lausitzschen Kamin bedeutet. 

Ein anderes echt schlesisches Wort bekommen wir oft zu 
lesen: radebar 1. Fol. 216 Bl. 110 b u. 1. Fol. 93 Bl. 266“, die beide 
so das lat. cenofectorium oder cenovectorium übersetzen. Ich weiß 
natürlich, daß das Wort auch anderweit vorkommt, so im Thüringi¬ 
schen, Hessischen und auch in der Schweiz. (Id. 4, 1479). 

Eine andere Aufzeichnung in diesen Vokabularien führt uns in das 
Tierreich und fördert uns hübsch weiter. In diesen alten Folianten 
wird capra mit Ziege wiedergegeben, aber in einem, 1. Fol. 93, linden 
wir das Wort patz Bl. 266 b . Dem Schreiber dieser Handschrift war 
das Wort Ziege natürlich auch bekannt, wie Zusammensetzungen bei 
ihm auf derselben Seite beweisen. Wir sind ihm für sein patz sehr 
dankbar. Zuerst stutzt man freilich, aber bald kommt Licht in die 
Sache. Bis jetzt ist es nirgends nachgewiesen, daß man die Ziege 
so genannt hat. Nur wissen wir aus Schmeller I. 315, daß der Bätz, das 
Bätzlein eine Bezeichnung für das Schaf ist. In demselben Vokabular, 
das uns die Gleichung capra-patz überliefert, wird muto (der 
Hammel) übersetzt mit scheptez 1 besil. in der Vorlage 1. Fol 216, 
BI. 116“ scheps 1 wesil. Der Wechsel von w und b braucht uns nicht 
zu stören, es ist darin eine Annäherung an österreichisch - bairische 


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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


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Aussprache zu sehen, was für Schlesien nichts Auffallendes hat. Den¬ 
selben Wechsel von w und b hat Alois Bernt aus einem Vokabular 
einer Handschr. des Kaadner Stadtarchivs mit zweifellos schlesischem 
Gepräge nachgewiesen. (Prager deutsche Studien VIII, 1, 445, S. 11 
des Sonderdruckes.) Aber in dem wesil oder besil haben wir das¬ 
selbe Wort wie in dem Schmellersehen Bätze, Bätzel und dem Patz. 
Es heißt also auch das geschnittene Schaf Batz, Bätzel hier in 
Schlesien. Das Schwäbische WB. berichtet nun I, 687 f. diese Be¬ 
zeichnung für das Schaf, wo die Formen Bätze, Bätzerle, Batzele 
verkommen, desgleichen wird Bätz das Schaf in der Schweiz genannt 
(Id. 4, 1976). Mit dem gleichen Namen wird aber in der Schweiz 
auch das junge Schwein genannt bis es Eber wird (Id. 4. 1980), und 
auch das verschnittene junge Schwein. In Schwaben heißt aber nur 
das verschnittene junge Schwein Bätze, wie Fischer meldet (WB I. 
683); dasselbe berichtet auch Schmeller aus Bayern 1, 1781. Ge¬ 
läufiger ist uns die Bezeichnung Bätze, Betze, Betzel, Petze für 
den Hund, besonders die Hündin, wie J. Grimm das bereits im 
I)WB I. 116» verzeichnet hat. (Vgl. auch Weigand-Hirt 11. 401.); 
als Schelte für ein liederliches Frauenzimmer wohl auch hier be¬ 
kannt: du alte Betze. In der Bedeutung als Hündin ist das Wort 
erst Irühneuhochdeutsch beobachtet worden. Aber uns allen be¬ 
kannt ist der Meister Petz, eine scherzhafte Bezeichnung des Bären, 
die zunächst im 16. Jahrhundert in Oberdeutschland geläufiger war, 
bei Maaler 1561 Bätz geschrieben. Fischer bemerkt I, 688 im Schw. 
WB.: ‘Die gleiche Bezeichnung Betz für Schaf, Hund, Schwein, Bar 
macht es denkbar, daß hier ein gemeinsamer Tiername vorliegt, ob¬ 
wohl das Gemeinsame gerade dieser vier Tier schwer zu finden ist. 4 
Zu diesen vier Tieren gesellt sich nun als fünftes die Ziege, und 
diese Erkenntnis haben wir bis jetzt allein dem Schreiber des 
Vokabulars zu verdanken. Bemerken möchte ich noch, daß diese 
Tiere alle Haustiere sind, mit Ausnahme des Bären; wie dieser in 
die Gesellschaft kommt, ist auffallend l ). 

Von einer Besprechung solcher Falle, wo Versehen, Schreib¬ 
fehler oder Lesefehler in den Handschriften vorliegen, die erst durch 
Kritik zu beseitigen sind, sehe ich ab: es gibt deren genug. Für 
Pflanzennamen bieten diese Bände reiche Ausbeute: so auch für die 


') Hoi Röslcr, Dorfgeschichten 285 und Heinzei, Viigerle 71. Es wird 
,Betschel‘ das Kälbchen genannt, vgl. Graebisch, Mitteil. XX, 188. 


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Original fro-m 

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Georg Schoppe 


Handwerkersprachen, die leider noch sehr wenig ergründet sind. 
Diese Ausführungen dürften genügen für den Nachweis, einen wie 
wichtigen Schatz wir in diesen alten Vokabularien besitzen. Hier 
ergeben sich neue Erkenntnisse nicht allein für die schlesische 
Grammatik und Wortkunde, sie ergeben sich auch für die Volks¬ 
kunde und werden sich ergeben für die Kenntnis des gesamten 
Lebens der damaligen Zeit, wenn diese Zeugen durch sinnvolle und 
ernste Auslegung zum Reden gebracht sein werden. Ja, man kann 
sagen, daß in diesen alten Folianten die gesamte schlesische Bildung 
von 1350—1500 ruht, die von hier aus zu neuem Leben erweckt 
werden kann. Die zahllose Menge abstrakter Begriffe in diesen alten 
Bänden spiegelt getreu das Fluten und Wogen der gesamten geistigen 
Bewegung dieser durchaus nicht ruhigen Zeiten wieder, wo das alte 
mit dem neuen ringt: denn in diesen Jahrhunderten liegen doch die 
Keime für unser Leben für die neue Zeit. Hier gibt es Spuren 
weiter zu verfolgen, wie sie besonders Burdach in seinen verschiedenen 
Arbeiten gezeigt hat: Schlesiens Anteil am Humanismus und der 
Reformation. Reichen Gewinn wird auch das neugeplante große 
mittelhochdeutsche Wörterbuch einheimsen, denn sowohl der Benecke- 
Müller-Zarncke, wie auch Lexer genügen den Ansprüchen nicht mehr. 
Aber auch für die Siedlungsgeschichte werden neue Ergebnisse zu 
erwarten sein, und hier muß Sprachgeschichte und Wortgeschichte 
Hand in Hand arbeiten. Man wird nicht anders können und darum 
herumkommen, diese alten Folianten durch eine sorgfältige Ausgabe 
allen zugänglich zu machen. Es wird nicht nötig sein, alle mit sprach¬ 
wissenschaftlichen Erklärungen und Erläuterungen abzudrucken. Die 
wichtigsten müßten herausgegriflen werden, und an die andern müßte 
nur angeschlossen werden, was sprachlich, kulturhistorisch oder sonst 
von Wichtigkeit ist. Untersuchungen über die Abhängigkeitsverhältnisse 
dieser einzelnen Werke sind unumgänglich nötig, andere Fragen 
dürften bei eindringender Beschäftigung bald auftauchen. So ver¬ 
mutet ja auch A. Bernt, daß das Vokabular des Konrad von Heinrichau 
auf eine ältere, vielleicht in Schlesien entstandene Sammlung zurück¬ 
gehe. (Ein Beitrag zu mittelalterlichen Vokabularen S. 13). Ein 
Druck empfiehlt sich auch deshalb, weil viel Augen mehr sehen 
als zwei, und wer wollte sich vermessen, bei dem heutigen Stande 
der Forschung alles zu übersehen und zu beherrschen, was nötig ist, 
um solche Werke nach alle Richtungen hin genügend zu erschöpfen 
oder alle Rätsel zu lösen, die sie aufgeben ? So verlassen wir nun diese 


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Original fro-m 

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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


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Quellen und bemerken nur noch, daß alles das, was hier vorgetragen 
ist, den Ertrag darstellt einer kurz bemessenen Frist, mehr nebenher 
aufgepickt und nicht Ergebnis einer planvollen und ernsthaften Durch¬ 
arbeitung. Die Vokabularien beginnen zu versiegen mit dem Beginn des 
Buchdrucks. Aus dem lß. Jahrhundert hat Schlesien kein größeres ge¬ 
drucktes Wörterbuch aufzuweisen. Kleine für den Schulgebrauch be¬ 
stimmte sind vorhanden, die natürlich mancherlei für die Mundart 
abwerfen. Ich nenne nur ein paar: den in Krakau (Orakoviae) I5fifi 
gedruckten Dictionarius seu nomenclator quattuor linguarum, J. Mur- 
melius, Dictionarium triura linguarum, wo bereits der im 1)WB erst 
aus J. Paul beigebrachte Garnbock Jfa erscheint, die Noiuenclatura 
des Görlitzers Martinus Mvlius. Aber einen Grammatiker hat Schlesien 
im lß. Jahrhundert hervorgebracht: Fabian Francke. 1 ">31 finden 
wir ihn als ,Burger zum Buntzlaw 4 . Hier verfaßte er zwei Bücher: 
Ein ,Kantzlei- und Titulbüchlein 4 und eine ,Orthographia’. Von 
der Orthographia sind von 1531 —1538 fünf Drucke nachweisbar. 
Luther ist sein sprachliches Vorbild. Über die schlesische Mundart 
macht er manche Angaben. 

Wenden wir uns nun zu anderen schlesischen Urkunden als 
Quellen für das schlesische Wörterbuch, so stehen an erster Stelle 
die Bünde des Codex diplotnaticus Silesiae. Die ältesten Bände sind 
teilweise sehr mit Vorsicht zu benützen; es wird sich empfehlen, 
sehr oft die Urkunden selbst einzusehen. Planmäßig durchgearbeitet 
sind diese Bände auch nicht. Erschwert wird dies, weil vielen 
Bänden ein Wortregister fehlt, und wo eins vorhanden ist, wie in 
einzelnen der älteren Bände, so ist es unzuverlässig: zum Teil 
finden sich arge Versehen. Leider fehlt noch immer eine Ausgabe 
Eschenloers, die aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts ist ganz 
wertlos. Wenn hier eine Bitte ausgesprochen werden darf, so wäre 
es die, durch Wortregister die Bände für sprachgeschichtliche Arbeiten 
gebrauchsfähig zu machen. So wird mancher erstaunt sein zu hören, 
daß z. B. der 24. und 28. Baud viel Wertvolles enthalten. Diese 
Wortregister erleichtern dem Wörterbuchmann die Arbeit erheblich; 
der ohnehin schon Berge alter Quellen aller Art durchackern muß, 
hat doch Stieler, wenn auch nicht gerade zuerst es ausgesprochen: 

,Man laß ein Wörterbuch nur den Verdammten schreiben, 

Dies’ Angst wird wohl der Kern von allen Martern bleiben 4 . 

In den Fußnoten sind wohl viel Ausdrücke in den beiden 
Bänden, dem 24. und 28. erklärt,' aber hier wäre etwas mehr nicht 


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Original frorn 

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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


125 


Deutsch übertragen hießen die Leute Knauer. Nach ihnen ist 
Knauersdorf genannt, so z. B. 1455 und noch 1580. Am 21. Juli 
1522 erscheint die Form Knurow und im über fundationis Knurowicz. 
Eine slavisehe Wurzel knur gibt es aber nicht. Die Einwohner von 
Schönwald nennen übrigens das Dorf noch heut Knauersdorf. Hier 
haben wir kurz und bündig den Beweis, daß ein deutscher Name 
slavisiert worden ist; so gibt es noch andere Fälle. Dieser eine 
aber soll bei solchen Untersuchungen zur Vorsicht mahnen, und man 
soll derartige Feststellungen denen überlassen, die den Stoff be¬ 
herrschen und die fremde Sprache. — 

Die Durcharbeitung und Verzettelung der Vokabularien, ihre 
mögliche Herausgabe, die Zusammenstellung und Erklärung der Flur-, 
Olts- und Familiennamen werden also noch viel Zeit kosten und Mühe 
machen, ehe mit der Ausarbeitung eines Wörterbuches der schlesischen 
Mundart im großen Stile begonnen werden kann. Leichter zu be¬ 
wältigen ist. die Verzettelung und Durcharbeitung der literarischen 
Quellen. Hierher rechne ich besonders die Chroniken, einschließlich 
der Städtechroniken, die schöne und die kirchliche Literatur und die 
zahlreichen Übersetzungen, kurz alles, was gedruckt seit dem Auf¬ 
kommen der Druckkunst vorliegt. Eine Reihe dieser Quellen ist in 
dem Aufsatz „Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuch“ im 17. Bande 
der Mitteilungen genannt worden. Diese lassen sich leicht an der 
Hand der hiesigen Bibliothekskataloge und des Goedeke vermehren. 
Auf eine sehr wichtige Quelle wird in einem Aufsatz Bd. 20 der Mitt. 
hingewiesen: das Leben der heiligen Hedwig, das hier in Breslau 
1504 bei Baumgarten gedruckt worden ist. Ob sich die Absicht, die 
Handschrift, die Quelle des Druckes, mit sprachwissenschaftlicher 
Einleitung und Wörterbuch bald herauszugeben, verwirklichen läßt, 
ist ungewiß. Hier stoßen wir selbstverständlich auf mundartliche 
Ausdrücke, wie dalde — sofort, bald, ergremsen, eiwisch, aus- 
sprutten, huff für Hüfte, raysse Vermutung (sinistra opinio usw. 
Die protestantisch-theologische Literatur bietet nicht viel: hier herrscht 
das Vorbild Luthers, aber hie und da fällt doch etwas ab. Mehr 
findet sich in den katholischen Schriften, die im bewußten Gegensatz 
zum LutherdeuLch manches alte bewahren bis ins 18. Jahrhundert hinein. 
Aufmerksam gemacht sei auf des Georgius Franciscus Friebel Über¬ 
setzung von Jacob Bidermann Epistolae Heroum et Heroidum. Schweid¬ 
nitz 1704. Mehr werfen die Chroniken und die Übersetzungsliteratur 
ab. Große Dichter hat Schlesien im 16. Jahrhundert nicht gehabt. 


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Original fram 

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Georg Schoppe 


126 

Das protestantische Kirchenlied hat einzelne Vertreter; um die Wende 
des IG. und 17. Jahrhunderts verlangt Calagius ernstere Beachtung. 
In einem Aufsatz des 20. Bandes der Mitteilungen kommt er reichlich 
zu Wort. Georg Göbel verwendet in seinem Drama ,Die Fart Jacobs 4 
(158G) zum ersten Mal die reine Mundart. Die Hirten Max, Cuntze 
und Heinze sprechen in ihr. Die mundartlichen Teile der Dichtung 
hat Alfons Lowack 1905 in den Mitteilungen abgedruckt. — Aber um 
die Wende des IG. und 17. Jahrhunderts treffen wir auf eine wahre 
Fundgrube mundartlicher Ausdrücke: es sind die vielen Schriften 
des Valerius Herberger, des Predigers am Kripplein Christi zu Frau¬ 
stadt. Herberger hat gelebt vom 21. April 1562 — 18. Mai 1627. 
Im 17. Bande der Mitteilungen ist eine umfängliche Lese aus diesen 
Quellen gegeben. Das ist aber nicht alles: viel zu spät kam bei 
der Durchnahme dieses prächtigen Mannes der Gedanke, aufzuzeichnen, 
was für ein schlesisches Wörterbuch von Belang sein könnte, und 
dann wurde verabsäumt, aus den Belegen für das DWB alles das 
zurückbehalten und nochmals zu verzetteln, was für diesen Zweck 
nötig war. Auch die im 16. Bande abgedruckten Zeugnisse für die 
Volkskunde aus den Schriften dieses Mannes werden sich vermehren 
lassen. — Ich stelle es mir überhaupt ■als eine reizvolle Aufgabe vor, 
an der Hand dieser Bücher das Leben eines kleinen Städtchens zu 
der genannten Zeit zu zeichnen. Es werden nicht viel Züge fehlen, 
und diese ließen sich aus gleichzeitigen Quellen leicht ergänzen. Es 
bleibt ein Rätsel, daß dieser Mann noch keinen wirklichen Biographen 
gefunden hat. Wer freilich Herberger den Abraham a Sancta Glara 
der protestantischen Kirche nennt, hat wenig inneres Verständnis für 
ihn bewiesen. Ich habe nie den Eindruck gehabt, daß er auf die 
Lachmuskeln und das Zwerchfeld seiner Zuhörer wirken will, wie 
dies Abraham a Sancta Clara bewußt tut, so kullig und spickig — 
um mich einmal dieser Ausdrücke zu bedienen — manches bei ihm 
klingen mag. Aber das kam bei ihm her von seinem volkstümlichen 
Reden und Denken, wo man nicht die haarspaltende Dogmatik und 
Tüftelei findet. Und was auf uns lachreizend wirkt, brauchte es 
damals nicht zu tun. Dies wäre erst zu beweisen. — Bei Herberger 
finden wir z. B. gern die Verwendung der Wörter auf -enzen, schlesisch 
-inzen, wie pochinzen (nach Pocharbeit riechen), bockinzen (nach 
dem Bocke riechen), kirchinzen, mönchenzen, teufelentzen, 
todäntzen, wilderentzen, wetterintzen, von Kleidern gesagt, 
die nach dem Wetter riechen. Bei ihm ließ sich zuerst das Wort 


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Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


127 


die Kriebehetsche belegen, das dann v. Unwerth, Germ. Abh. 46 
aus Weises Dramen nachweisen konnte, vgl. die Anm. v. Unwerths, 
a. a. 0. 260, wo die andere Literatur verzeichnet ist. In der Görlitzer 
Gegend hieß dieses Gerät ,Kribitsche l , wie wir aus J. G. Pohle 
1797 die Jahre meiner Kindheit S. 184. 187 erfahren. Glückliche 
Bildungen wie sich abeseln für ,sich abmühen wie ein Esel‘ sind 
nicht selten; bei ihm begegnet das nur in Schlesien bislang nachge¬ 
wiesene sich ausqueicheln, ferner sich berähmen, berschersel, 
stertzen (auf den Mertzen wollen wir stertzen), Schwulstei usw. 
Man wird nicht fertig, wenn man anfängt aufzuzählen: der Pirle 
für den Perdelhammer, den großen Zuschlaghammer der Schmiede, 
welchen Ausdruck J. D. Koehler in seiner Schlesischen Kern-Chronik 
ausdrücklich als ein schlesisches Wort (II, 723) aufzählt. 

Als Herberger 1627 starb, hatte Martin Opitz sein Büchlein von 
der deutschen Poeterei erscheinen lassen. Von diesem Jahre rechnet 
man ja den Beginn einer neuen Literaturepoche. Im 17. Jahrhundert 
übernimmt dann Schlesien eine zeitlang die Führung in der Literatur. 
Und hier wäre darauf von der Mundartenforschung zu achten, welche 
Ausdrücke von der schlesischen Mundart in die Schriftsprache ein¬ 
gedrungen sind. Opitz freilich bestreitet es, daß er den Schlesischen 
Dialekt gebraucht habe, in einem Briefe an den Straßburger Venator 
(i. VII. 1628.) Er kann aber hier nur das ganz grob Mundartliche 
gemeint haben (vgl. Reiflerscheid, Quellen zur Geschichte des geistigen 
Lebens in Deutschland während des 17. Jahrhunderts I, 321.) Aber 
so weit wollte ich nicht Vordringen. — Jetzt beginnt bekannteres und 
mehrfach durohackertes Gebiet. 

So sind die Schwierigkeiten und die Vorarbeiten für solch ein 
Werk wie das, welches für Schlesien nun ernsthaft begonnen werden 
soll, keine geringen. Aber wie man aus den früheren Werken dieser 
Art lernen kann, wie man es nicht machen darf, um zum Ziele zu 
gelangen, werden die Vorarbeiten des geplanten Werkes sich gewiß 
schneller bewältigen lassen als die Vorgänger es vermocht haben. 
Nur dreierlei ist nötig. Männer, die zielbewußt nach einem be¬ 
stimmten Plane arbeiten, Zeit und Geld. — 

Schon hier und da wurde angedeutet, welch reicher Ertrag 
wissenschaftlicher Erkenntnis von einem solchen Werke sich erwarten 
läßt. Die Wortgeschichte klebt nicht am Wort, sie sucht hinter 
dem Wort die Menschen, die es gesprochen haben, und will scharf 
die Begriffe erfassen, die mit dem Worte verknüpft waren, d. h. Wort- 


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128 Georg Schoppe, Die ältesten Quellen für ein schlesisches Wörterbuch 


geschichte ist Kulturgeschichte und Sachgeschichte. Wortgeschichte 
will zeigen, welche Gedanken und Anschauungen aus der Vergangen¬ 
heit bis in die heutige Zeit fortleben, sie will zeigen, wenn Worte 
verklingen, absterben, mit dem Wort auch der Begriff untergeht 
oder an die Stelle des Alten etwas Neues tritt. Sie will aber auch 
mit Hilfe der lebenden Mundarten zurückgreifen in die Vergangen¬ 
heit, um diese zu erhellen, wo die Überlieferung versagt. So wird 
die Wortgeschichte oder kann es werden zur Lebensgeschichte eines 
ganzen Stammes oder Volkes, ein hohes Ziel, dem es nachzustreben 
gilt. Denn was gibt es Höheres als die Sprache und das Leben ? 
Sie sind ewig. 


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Niederschlesische Sagen. 

Gesammelt von Will-Erich Peuckert. 

Die hier aus meinen Tagebüchern und Journalen ausgewählten 
Sagen teile ich in zwei landschaftliche Sondergruppen: 1. die Sagen 
des nördlichen Bober-Katzbachgebirges, und 2. die Sagen aus dem 
eigentlichen Isergebirge. Es lag nahe, die von Kynau zuerst angewandte 
Anordnung der schlesischen Sagen auch hier zu gebrauchen, doch sind 
bei vielen Sagen die Unterscheidungsmerkmale nicht derart ausgeprägt, 
daß sie sich von einem Laien ohne weiteres an wenden lassen, und es 
lag mir auch garnichts daran, eine reinliche Scheidung vorzunehmen. 

Wenn ich im Allgemeinen das Gebiet überblicke, finde ich ein 
Vorherrschen der Spuk- und Gespenstersagen in ihrer Mannigfaltigkeit; 
weniger stark ausgeprägt' sind die Sagen um wunderbare Begebnisse 
oder Zwischenwesen — doch spielt das Freimaurertum eine große Rolle. 
Die Zauber-, Wunder- und Schatzsagen knüpfen sich nur an einige bestimmte 
Örtlichkeiten, wie z. B. die Abendburg im Isergebirge, den Rabendocken 
im Vorland. Im Allgemeinen war es bemerkenswert, daß die Wasser¬ 
mannsage hier in einer Lokalsage auftrat, die Cogho im Isergebirge 
aufzeichnete: — mir selbst ist sie garnicht begegnet. Auch mein 
Suchen nach einer Berggeistsage war erfolglos, und ich glaube bestimmt 
sagen zu dürfen, daß es im schlesischen Teile des Isergebirges keine 
gibt: — wie weit das auf die Bergwerksunternehmungen im Vorland 
des Isergebirges zutrifft, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis; im 
eigentlichen Gebirge, dem Hochland zwischen dem Kemmnitzkamm 
und dem wellschen Kamm weiß ich keine, man müßte höchstens die 
Geistergestalten der Abendburg, welche den Schatz hüten, dazu rechnen. 

Ober die Quelle meiner Sagen ist wenig zu berichten: die meisten 
aus dem Vorgebirge hörte ich von meiner Großmutter, einer altein¬ 
gewohnten Bauersfrau aus der Gegend des Gröditzberges; die Isersagen 
von Schulkindern und einigen alten Einwohnern der Iserhäuser. 

Ich gebe sie hier, wie ich sie empfangen habe. 

1. Bober-Katzbachgebirge. 

]. Der Soldat am Brunnen. In Gröditz bei Bleueln kommt 
abends an den Hofbrunnen ein Soldat und wäscht sich: dabei hat man 
ihn verschiedene Male gesehen. Aber es heißt it^mer, alle Leute sehen 
so was nicht, bloß solche, die in der zwölften Stunde geboren sind, 
Mitteilungen d. Schl«». Geg. t. Vkde. Bd. XXI. 9 


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Will-Erich Peuckert 


Werdens gewahr. — Da ist auch ein Kuhmädel gewesen, die hat ihn 
gesehen, wenn sich am Sonnabend die Mädel gewaschen und reine 
Hemden angezogen haben. Da hat das Mädel zur andern gesagt: Siehst 
du nicht, jetzt bückt er sich, jetzt wäscht er sich, — nu, sieh doch. — 
Ich sehe nichts, hat die geantwortet. — Eins siehts eben und das andere 
nicht — (Manche sagen auch, daß ein anderer gekommen ist, und hat 
ihn mit dem Beil erschlagen.) 

2. Gespenstischer Gottesdienst. Bei Wittichen haben sie 
früher, — nu, es werden wohl jetzt schon an die siebzig Jahre her sein — 
einen Schafstall gebaut. Da ist oben im Hainwald (ein großer Wald 
an der Chaussee Goldberg-Löwenberg) eine alte Kirche abgebrochen 
worden, und von der haben sie das Material geholt zum Bau. Und 
da geht die Sage, alle Advent und Fasten fängts da drin an zu orgeln. 

Es muß halt einer immer drin schlafen, denn die Schafe eriennen 
sich sonst vor Angst. Da ist einmal ein Reisender gekommen, der hat 
auch gern wollen ein billiges Nachtquartier haben, da hat er gefragt, ob 
er nicht könnte in einer Scheune schlafen. Nu, da im Schafstall könnte 
er schlafen, haben sie ihm gesagt. Der Schäfer war heilfroh, denn der 
hatte im Dorfe eine Braut und da ist er gerne einmal zu ihr gegangen. 
Der Herr hatte es sonst nicht gern, w r eil die Schafe im Frühjahr ihre 
Jungen werfen und die Trächtigen wuiden immer am ersten ertreten. 
Na, heute konnte er ja nun mal gehen, denn der andere blieb dort, 
ohne daß er was wußte. Er hatte w r ohl wollen ausreißen, aber als die 
Schafe untereinander liefen, hat er keine Tür gefunden und wußte vor 
Angst nicht, wohin, und die Schafe machten immer über ihn weg. Da 
hat er gesagt, in dem Schafstalle schläft er nicht mehr für vieles Geld. 

3. Große Leuchter. Zwischen Gröditz, Neudorf und Alzenau 
geht der große Leuchter; der sieht aus, als ob eine Schütte Stroh 
brennt. — 

Das ist nun in Gröditz gewesen, zwischen Gröditz und Neudorf, 
da sind ein paar zu Verwandten gegangen zum Schweineschlachten. 
Und wie sie eben gehen, ist es furchtbar finster und sie finden sich 
nicht mehr zurecht. Da sehen sie ein Licht von der Seite kommen 
und sie sagen zueinander, — wir wollen jetzt warten, bis die mit der 
Leuchte ran sind. Und da kommt eine Leuchte, aber sie sehn weiter 
keinen Menschen dabei. Sie gehn immer dem Lichte nach, — und 
sie gehn halt immerfort und gehn, bis sie hernach gewahr werden, daß 
sie wieder zuhause sind, — da merken sie, wer das gewesen ist und 
der eine wird veibost und spricht: Leck mich doch am . . 1 Da hat 
ihn der große Leuchter so verbrannt, daß er viele Tage nicht mehr hat 
sitzen können. 

4. Alpdrücken. Gröditz. — Mein Vater erzählte mir, da haben 
eine Menge junger Leute zusammen gesessen, Knechte und Mädel und 
haben gesponnen; da ist einer müde geworden und legt sich auf die 
Bank schlafen. Und wie er eine Weile geschlafen hat, geht sein 
Mund auf und es kommt ein weißes Mäusel raus, das läuft zur Tür raus. 


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Niederschlesische Sagen. 


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Es ist ungefähr eine Stunde, da kommt es wieder. Und während der 
Zeit hat er gelegen, ohne sich zu rühren und Atem zu holen. Wie 
das Mäusel wieder kommt, da haben sie sich beredet und die Bank 
weggerückt, sie haben sich aber die Stellen bezeichnet, wo die Bankbeine 
gestanden haben. Und das Mäusel findet nicht mehr rauf, — es läuft 
immer rum und num und kann nicht mehr an den Bankbeinen rauf, 
weil sie nicht mehr an der richtigen Stelle gestanden haben. Dann 
haben sie die Bank wieder hingerückt und da ist das Mäusel rauf 
gelaufen und zum Munde rein — und da dauerts nicht lange, da wacht 
er auf und fängt an, Atem zu holen. 

5. Alp machen. Gegend von Hartliebsdorf. — Da ist bei einer 
Frau was Kleines gekommen. Und da sind ein paar, die kommen 
gleich und bieten sich als Paten bei dem Kinde an und die Eltern sind 
einverstanden und es wird beredet, welchen Tag getauft werden soll. 
Wie sie in die Kirche kommen, müssen sie aber ein bissei warten, denn 
der Pastor ist noch nicht da. Und wie sie so um den Taufstein rum¬ 
stehen, da steht die Sakristeitür ein bissei auf, und der Küster steckt in 
der Sakristei. Und da hört er, wie die eine zur andern sagt: Nu, was 
wolln wirs denn werden lassen, a Albla oder a Hexla. Und wie der 
Küster das hört, läuft er gleich zum Pastor und sagts dem, was er er¬ 
horcht hat dort. • Da spricht der Pastor, er soll ausrichten, sie möchten 
wieder nachhause gehn, dem Pastor sei plötzlich unwohl geworden, er 
könne das Kind nicht taufen. Richtig, der Küster schickte die Leute 
wieder heim und wie sie eine Weile fort sind, da geht der Pastor in 
das Taufhaus und erzählt dort die ganze Geschichte den jungen Eltern 
und sagt ihnen eben, sie möchten sich andere Paten besorgen. Nun 
gut, die schicken zu den Nachbarsleuten und er tauft ihnen das Kind 
stehenden Fußes in der Stube, ohne daß die andern w r as sehen und 
hören davon. (Sie müssen nämlich während der Taufe ein Sprüchel 
sagen, wenn *sie so etsvas Vorhaben.) 

5. Die blinde Pfütze. Zwischen Töppendorf und Georgenthal 
(zwei Dörfer nördlich des Gröditzberges) ist die blinde Pfütze, — das 
ist ein grüner Rasen weg, der ein Stückei in den Wald rein geht; da ist 
eine kleine Vertiefung mit Gras bewachsen. Von dort geht die Sage, 
wenn man nachts um zwölf vorbei geht und man geht auf der rechten 
Seite, da läßts einen laufen, geht man aber auf der linken Seite, da 
läßts einen nicht weiter. Der Förster Schneider, den haben sie mal 
gefragt darum, ob er dortzu noch nicht gegangen wäre und ob ihm dort 
noch nichts begegnet sei. Er hat eigentlich garnichts gewußt davon. 
Da hat er gesagt, — ach, s’ist grade schön heut abend, da geh ich 
mal vorbei, da muß ich doch mal sehen, was dran ist an der Sache. 
Und richtig, wie er hin kommt, kugelt sich ihm was vor den Füßen 
rum und läßt ihn nicht vorbei — das ist ein Kalb gewiesen, Da hat er 
können rechts oder links vorbei gehen wollen, es ließ ihn nicht vorbei, 
— aber als er quer über den Weg auf die rechte Seite zu gehen ver¬ 
suchte, dort konnte er laufen. Das Kalb hatte keine Augen im Kopfe, 

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Will-Erich Peuckert 


darum hieß die Stelle die blinde Pfütze; — jetzt hat man lange nichts 
mehr davon gehört. 

7. Feuerreiter. In Pilgramsdorf bei Goldberg ist ein Herr ge¬ 
wesen, der hat immer das Feuer versprochen. Da ritt er dreimal ums 
Feuer und jedes Mal über fließendes Wasser, also dreimal übers Wasser, 
— wenn er das nicht konnte, verbrannte er. Und da ist das Feuer 
immer so hinter ihm her geziingelt und hat ganz lange Arme gemacht 
und hat geheult und gepfiffen und nach ihm gelangt, — aber er hat 
sich nicht dürfen umsehen, er mußte bloß immer losreiten, bis er übers 
Wasser war. Dann hatte er Ruhe und das Feuer fiel zusammen. Aber 
gern hat ers nicht gemacht. 

8. Der Leichen weg. Zwischen Georgenthal und Wilhelmsdorf 
(unterm Gröditzberge) da kommt man, ehe man zur Seifenwiese kommt, 
erst durch ein Stück hohen Busch, — dort kommt in der Nacht quer 
über den Weg rüber ein Leichenzug. Der geht durch den Busch aul 
den Mordgraben zu. 

9. Ertrunkene ruft. Zwischen Alzenau und Gröditz, in der 
Kalmje, dort, wo der Kalte Bach von Gröditz nach Adelsdorf fließt, liegt 
der Frauenteich; der gehörte Heher-Schulzen. Der hatte seinen Namerr 
davon, daß sich eine Frau vom Gröditzberge aus unglücklicher Liebe 
drin ertränkt hat. — Dort mußte Großvater mal eine ziemlich große 
Wiese hauen. Er ging früh zeitig weg, weil er allein dazu war und 
weil es früh besser schnitt: deswegen sagte er zur Mutter: Um zwei 
muß ich spätestens aufstehen, sonst wird mirs zu spät. Da wacht er 
in der Nacht auf und da ists ganz hell. Nun sagt er zur Mutter: Jetzt 
muß ich aber gehn, es ist schon spät, die Sonne ist ja gleich raus. 
Die Mutter sagte: Wart ock, ich will dir erst eine Tasse Milch machen. 
Nein, hat er gesagt, ich warte nicht mehr länger, ich geh. Und da geht 
er halt immer raus und draußen fängt er gleich an zu liauen. Und 
wie er ein Weilchen gehauen hat, hört ers immer so wimmern und 
jammern. Da wird er erst ganz wilde und denkt, was ist denn eigentlich 
los, und geht ein Stück lang an der Wiese, da hört er, das Jammern 
kommt aus dem Teich. Und wie er ein Weilchen gestanden hat und 
hat dem Ton so zugehört, da schlägt in Gröditz die Turmuhr zwölf. 
Da ist er stockstill weggegangen und geht wieder ran an die Wiese 
und haut wieder. Aber er hat zur Mutter gesagt, so zeitig geht er nie 
wieder los, er sieht lieber erst nach, wie spät es ist. 

10. Die weiße Frau. In Adelsdorf hats eine Stelle, der Nieder¬ 
hof, da geht die weiße Frau um. Meines Vaters Schwester hat dort 
gedient als Schleußerin und hatte die ganze Milchwirtschaft. Da ists 
im Keller immer nie geheuer gewesen, — sie sagten ihr bald, als sie 
hinkam, sie solle nie bei Licht in den Keller gehn, sondern ihre Arbeit, 
die sie unten hätte, schon bei Tage tun. Das eine Mal war nun auch 
notwendige Arbeit, da ists nicht eher geworden und sie mußte halt 
bei Licht runter gehn. Da auf einmal, wie sie ein Milchäschel in der 


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Niederschlesische Sagen. 


133 


Hand hat, und will es absahnen, da geht die Türe auf und ihr Licht 
ist aus und sie steht im Finstern da; sie sieht nur einen weißen 
Schatten und hat sich gleich aus dem Staube gemacht. 

Die Knechte hatten das Futter für ihre Pferde immer abgeteilt 
gekriegt, jeder sein Gebund. Aber sie haben gerne wollen ihre Pferde 
etwas besser füttern und da ist der Kutscher auch rauf gegangen auf 
den Heustall und hat sich ein Bund gebunden. Und wie er zum Fenster 
raus sieht, sieht er die weiße Frau gerade über den Hof rüber kommen. 
Da weiß er sich nicht zu helfen, denn ehe er bis zur Treppe kommt, 
kommt sie schon die Treppe rauf; da ist er schnell zum Kaffer runter¬ 
geflogen und machte fort. Dann hat er dem Kleinknecht gesagt, er 
müßte mal die Hosen umdrehn, er solle indes das Gebund holen, — 
und der hat auch nichts gehört und gesehn. 

11. Weiße Frau. Der Krause-Briefträgern ihr Vater hat in 
Luxemburg gedient. Und als er auf Wache stand, ist eine weiße Frau 
gekommen, die sagte, er solle mit ihr gehn. Er ist aber nicht gegangen, 
weil er doch auf Wache stand. In der nächsten Nacht ist sie wieder 
gekommen und in der dritten auch wieder und hat jedesmal gesagt, er 
möchte mitkommen und hat immer flehender gebeten Und in der 
dritten Nacht ist sie ganz betrübt abgegangen und hat gesagt, nun müsse 
sie wieder hundert Jahre warten. — Er hat Wache gestanden auf dem 
Schloßplatz und sie ist immer in den Wald verschwunden. 

12. Unheimliche Kammer mit Heergerät. In Modelsdorf 
bei Quegber-Bergern in einer Höhle solls nicht geheuer sein, (Hohlweg), 
dort haben sie einmal Sträucher ausgehackt und soviel Knochen gefunden. 
Die haben sie dem Lumpenmann verkauft. Aber der hat sie wieder¬ 
gebracht, weil er keine Ruhe gehabt hat und man hat sie wieder 
dorthin vergraben müssen. 

Beim Bauer in einer Kammer wars auch nicht geheuer, die war 
immer jahraus jahrein fest verschlossen und niemand kam rein. Und 
da hat der letzte Besitzer, den ich kannte, geheiratet und hatte seiner 
Frau verboten, sie solle ja nicht in die Kammer gehn. Die Frau aber 
war neugierig und wie er einmal abends nicht zuhause ist, geht sie 
rein und sieht, was los ist. Sie haben die Frau bei der Türe bewußtlos 
gefunden, haben sie aufgehoben und sie ist von da an gelähmt gewesen. 
Was sie alles gesehen hat, weiß niemand, — in der Kammer hingen 
nur Halftern und Rüstzeug und Sattelzeug von Soldaten. — Die 
Modelsdorfer Bauern sollen nämlich alle deshalb so reich sein, weil 
13 eine Menge französischer Soldaten aus Modelsdorf nicht mehr raus¬ 
gefunden hat. 

13. Der verbannte Mönch. Auf dem Mönchsberge zwischen 
Adeldorf und Goldberg ist ein Mönch aus Böhmen verbannt. Der macht 
dort allerlei Unsinn und ärgert die Leute. Wenn Fuhrleute vorbeikommen, 
zieht er ihnen ein Rad ab und der Wagen läuft auf drei Rädern solange, 
bis er über sein Gebiet weg ist, — dann fällt er um. Da müssen nun die 
Fuhrleute zurück und müssen die Räder suchen gehn, bis sie sie finden. 


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134 


Will-Erich Peuckert 


Wenn Mähder dort sind, denen holt er ihr Dengelzeug und hängts aut 
die höchsten Bäume, und wenn sies dann suchen, sitzt er auch auf 
einer Spitze und ruft: Holt euch euer klipp-klapp, klipp-klapp. — 
Deswegen heißt auch dort eine Stelle der Mönchsbusch, 

14. Der wiederkommende Tote wird verbannt. Der März- 
dorfer Herr (M. im Kreise Goldberg-Haynau) hat nach seinem Begräbnis 
oben zum Fenster rausgesehen, als die Trauerleute heimkamen, und 
hat gesagt: Nu, kommt ihr erst jetzt, ich bin schon lange da. Und 
da ist halt dort nie Ruhe gewesen, er war nachts in den Ställen und 
hat geärgert. Da haben sie einen Schwarzkünstler holen lassen, der 
sollte ihn fortschafifen. Und der hat sich einen Kutscher bestellt, und 
hat zum Kutscher gesagt: Er möchte sich ja nicht umsehen, was etwa 
hinter ihm vorgeht, wenn ihm sein Leben lieb ist. Da haben sie nun 
mit vier Pferden gefahren und die Pferde haben geschwitzt, als ob sie 
müßten eine schwere Last ziehen. Nach drei Tagen erst ist der Kutscher 
wieder heimgekommen, so weit haben sie ihn fortgeschafift. 

15. Groorok. Beim Pecheisvorwerk, auf den Wiesen zwischen 
Märzdorf und Kaiserswaldau, geht ein Schäfer um. Der hat in seinem 
Leben geschworen, die eine Wiese gehöre dem Märzdorfer Herrn; — 
aber es war garnicht wahr, sie gehörte nach Kaiserswaldau. Deswegen 
nämlich auch hatte er sich Märzdorfer Erde in die Schuhe getan und 
hatte so geschworen: So wahr ich hier auf Märzdorfer Erde stehe, ge¬ 
hört diese Wiese meinem Herrn. — Aber nach seinem Tode mußte er 
nun dort umgehn, da rief er immer: Groorok, Groorok, — (Graurock), 
meiner Seel is nimmermehr kee Rot! 

16. Freimaurer weiß seinen Tod voraus. Als der Herr auf 
dem Oberhof starb, hat ihn der Kutscher mittags von zwölf bis eins 
um den Teich fahren müssen, und durfte sich dabei aber nicht umsehn, 
was hinter ihm los war. Und um eins war der Herr tot. 

17. Freimaurerkleidung. In Goglau (bei Schweidnitz) ist eine 
Kammer, von deren Tür ist die Klinke ausgedreht, und alles ist ver¬ 
mauert. Einmal hat die Jungfer die Baronin gefragt, was dort drin sei, 
sie hat aber keine Antwort gekriegt. — Aber in einem Kasten haben 
die Mädel einmal einen schwarzen Talar gefunden mit einem Stern 
drauf, das war wohl eine Freimaurertracht. 

18. Freimaurer geben einen und kaufen sich los. Die 
Mittlauer Herren waren auch Maurer, — die wußten, wenn sie sterben 
mußten: der eine ist auf den Abort gegangen und ist nicht mehr wieder 
gekommen, der hat dort gesessen. Einer ist auf dem Felde gestorben 
mittags; er hatte bestellt, sie sollten in einer Stunde mit Fuhrwerk 
nachkommen, da liegt er tot draußen. 

Aber wenn die Maurer einen dran geben, brauchen sie nicht fort. 
In Alzenau in einem Gute, ich weiß nicht mehr, werder Besitzer damals 
war, — war dei Herr ein Maurer. Da hatten sie einmal Leute zum 


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Niederschlesische Sagen. 


135 


Kartoffellesen bestellt, und da war auch ein zwölfjähriger Junge aus dem 
Dorfe dabei. Und es war schon spät und ganz finster, da machten 
sie Feierabend. Sie hatten nämlich bloß noch ein Stückei zu machen 
und weils weit draußen war, wollten sie den andern Tag nicht nochmal 
raus. Aber wie sie heimkommen, fehlt halt der Junge. Sie rufen und suchen 
ihn immerfort, aber er ist eben nicht da und da denken sie, er ist 
nachhause gegangen, ohne daß er den andern was gesagt hat. Eine 
Zeit darauf kommen die Eltern von dem Jungen und suchen ihn und 
finden ihn wieder nicht, und da liegt er ein Stück draußen auf dem 
Wege tot. Da hieß es eben, den hat der Herr dran gegeben. 

Die Krausen hat mir erzählt, — da haben sie einen rausgerufen 
aus der Loge, und da hat sie gesehen, daß drinnen ein Ofenstengel ge¬ 
wesen ist, da haben lauter Schwarzkrähen drauf gesessen. Das waren 
die Logenbrüder 

19. Kein Freimaurerkleid anrühren. Als Krause-Meta in Haynau 
diente, war der Herr auch ein Freimaurer, — und wenn er verreiste 
zu den Versammlungen, nahm er ^immer einen kleinen Koffer mit. 
Einmal hatte er vergessen, ihn wegzuschließen, und seine Tochter 
meinte zu der Meta Krause: wollen Sie mal gucken, was drin ist? — 
Sie schloß auf, und da lag in dem mit Samt ausgeschlagenen Koffer ein 
goldenes Kreuz, eine goldene Kette und dito Hammer. — Ein ander 
Mal kam die Meta Krause allein zu dem Koffer, und die Neugierde 
verführte sie, den Koffer zu öffnen und die Sachen in die Hand zu 
nehmen. Darauf bekam sie den nächsten Tag ein schlimmes Bein und 
hat wochenlang gelegen und kein Arzt wußte, was eigentlich mit dem 
Beine los war. 

20. Freimaurer fangen Seelen durch Geschenke. Dann heißt 
es, niemand soll von einem Freimaurer ein Geschenk annehmen, soll 
lieber im Stillen sagen: hebe dich weg von mir, Satan 1 denn mit dem 
Geschenkannehmen sei das so, — daß der Geber dann die Gewalt habe, 
den Beschenkten dem Bösen zu überliefern, wenn seine, des Gebers 
Zeit gekommen sei. Der Meta Herr versuchte auch einmal, ihr drei 
Mark zu schenken, sie hat aber auf das Geheiß ihrer Eltern das Geld 
zurückgeben müssen. Dann verreiste er, kam aber zwei Tage darauf 
unerwartet zurück, machte sein Testament und fuhr wieder weg, nach¬ 
dem er herzzerreißenden Abschied genommen hatte; — kam aber nach 
vierzehn Tagen wieder, und die Leute munkeln, er habe sich wieder 
auf zehn Jahre losgekauft, indem er ein ander Leben geopfert habe. 

Ebenso ein Besitzer aus Aslau, der habe nach und nach alle seine 
Kinder, zuletzt ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren gegeben: 
alle sind plötzlich gestorben ohne vorheriges Kranksein und dann zum 
Ende seine Frau. Frau Krause sagte: Man muß eins geben, das 
seinem Herzen am nächsten steht. 

21. Unheimliche Scheune. In Michelsdorf bei Haynau haben 
drei Fräulein der Kirche eine Summe Geldes vermacht mit dem Bedinge, 
daß alle Sonnabend Mittag eine Stunde zu ihrem Gedächtnis geläutet 


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Will-Erich Peuckert 


wird. Das Läuten mußte der jeweilige Besitzer des Gutes bezahlen, 
wo sie her waren. Als sie nun das Zahlen satt hatten, wollten sie still¬ 
schweigend die Sache einschlafen lassen, und es wurde nicht mehr geläutet. 
Da haben sie in der Scheune nicht mehr dreschen können, immer hats 
ihnen die Flegel oben fest gehalten, und da haben sie wieder läuten 
müssen. Ob sie auch gleich die Scheune einmal wegrissen und wo anders 
hinbauten, das hat doch nichts genützt, sie mußten nur läuten. 

22. Eine Gestalt legt sich ins Bett. Als mein Großvater in 
Modelsdorf, bei Förster-Bergern war, mußte er immer auf dem Flure 
schlafen, weil sich die Herrschaft fürchtete, denn oben auf dem Boden 
wars dort nicht heimlich, — da hats immer geschoart (schoaren = 
schaufeln), als ob dort eins Getreide schaufelt, und dann ists die Treppe 
runter gekommen. Die Tür ist aber immer verschlossen gewesen, die 
auf den Boden gegangen ist, und dort ists durchgekommen durch die 
verschlossene Tür. Er hat sich nun einen Stecken mitgenommen. 
Da hats sich zu ihm ins Bett gelegt, eiskalt, und hat sich neben ihm 
nunter geschmissen, daß er dachte, das Fleisch ginge ihm los — und 
er dreht sich um und will nach ihm greifen und mit der andern Hand 
greift er nach dem Stecken. Es fährt ihm aber aus der Hand, und er 
hat nichts in der Hand, und es steht vor ihm eine weiße Gestalt und 
droht ihm und geht wieder die Treppe rauf; — Dul du! hats zu ihm 
gesagt. — Am Morgen hat er gesagt, er schläft nicht mehr in dem Bett, 
sie möchten ihm eine andere Schlafstelle geben, sonst geht er weg, — 
da haben sie gesagt, er soll nur ruhig dort schlafen, es tut ihm nichts. 

23. Tote fordert ihre Niederschuhe. Das ist in Georgenthal 
gewesen. Dort waren zwei Eheleute, die nie gut miteinander gelebt 
hatten, und da ist die Frau einmal krank geworden. Sie hatte sich 
noch lassen kurz zuvor ein Paar Niederschuhe machen und die hatten 
ihr so gut gepaßt, daß sie sagte: Wenn ich sterbe und du heiratest 
wieder, die Schuhe gebt ihr mir mit ins Grab, "die will ich haben: (Das 
war Röhrich-Friederichs seine.) Er hat aber immer gesagt: Toatsch, 
toatsch, — denn wenn du wirst gestorben sein, brauchst du keine 
Niederschuh. — Das ist nu wirklich so gekommen, sie ist gestorben, 
und die Schuhe haben sie ihr nicht mit gegeben. Und wie halt ein 
paar Wochen weg sind, da geht halt die Sage, Röhrich-Friederichs 
kommt wieder, die hat keine Ruhe. Er hat nun nichts gesagt zuerst, 
aber die Sache ist doch so nach und nach an den Tag gekommen. 
Da soll sie immer gekommen sein und ihm mit der Faust gedroht haben, 
und da soll er einmal böse gewesen sein und hat die Schuhe genommen 
und hat sie hinter ihr her geschmissen: — Hier hast du die verfluchten 
Luder! — hat er gesagt. Sie hat sie aber nicht mitgenommen. Und 
wie es nun garnicht anders wird, da ist er nach Groß Hartmannsdorf 
(Kr. Bunzlau) gegangen zum katholischen Pfarrer, der sollte ihm helfen, 
und der ist auch hingekommen und hat seine Beschwörungsformel gesagt, 
— aber geholfen hat es nichts. Und da hat ers dem Förster Schneider 
geklagt, der hat ihn einmal gefragt darum, und der hat gesagt, er solle 


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Niederschlesiseho Sagen. 


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über jede Tür und jedes Fenster und über jede Öffnung schreiben: Hier 
wohnt Jesus! — Das hat genützt, aber was ihm noch vorher der Pastor 
gesagt hat, er solle die Schuhe auf den Kirchhof schaffen und vergraben, 
das hatte ihm auch nicht geholfen. 

24. Verbannter befreit. (Kr. Bunzlau). Von Groß-Hartmannsdorf, 
nach den Wartaer Brüchen raus ist auf einem Felde ein Rasenfleck mit 
einem Zaun drum, wie ein Gärtel. Und da ist einmal ein Mädel, die 
hat dem Vater Essen getragen, — ob in den Bruch, weiß ich nicht, — 
die ist dort vorbei gekommen. Und da hat ein kleines Männel drin 
gesteckt, das schrie immer: Heb mich raus! heb mich raus! Das 
Mädel hat seinen Korb hingesetzt und hebt das Männel raus. Das ist 
ein kleines Ding gewesen, aber wie es über den Zaun kommt, wird es 
länger und länger wie ein großer Mann, — der läuft über die Felder 
quer rüber und ist fort gewesen. Seine Zeit war alle, denn sie können 
immer nur auf eine bestimmte Zeit verbannt werden. — Das Mädel aber 
hat lange krank gelegen. 

25. Die schwarze Fichte. Meiner Großmutter Bruder war zur 
Kirmes in Alzenau. Da haben sie auch abends lange gesessen und 
haben sich verplaudert, und er ist erst spät nach Hause gegangen: er 
sollte dableiben über Nacht, denn es war ganz finster und neblig, man 
konnte kaum die Hand vor den Augen sehen, aber er ist eben gegangen, 
er hat sich nicht halten lassen. — Und wie meine Großmutter ein paar 
Tage später nüber kam, hat er gesagt: So spät geht er nie mehr nach 
Hause, und wenn er gehn muß, nie mehr an der schwarzen Fichte vorbei! 
— Sie hat ihn gleich gefragt: Aber warum denn nicht? aber das hat er 
nicht gesagt. Großmutter hat ihn noch vielmal gefragt, aber er hat 
gesagt,^es soll über seine Lippen nicht kommen, er wollte es erst auf 
dem Totenbette erzählen. — Und als ich ihn so an vierzig Jahre 
später, — er war fast siebzig, — danach fragte, hat ers doch nicht 
gesagt, sondern von was anderm angefangen zu reden. 

Die schwarze Fichte, — jetzt ist sie gefällt, aber man hat einen 
kleinen Baum wieder hingepflanzt, — steht auf dem sogenannten 
Schriemwege, nicht unweit eines versumpften Teiches, zwischen Georgen¬ 
thal und VVilhelmsdorf in Grätzwalde (= Gröditzwald). 

26 Spuk am Galgenberge. Am Galgenberge zwischen Töppen- 
dorf und Alzenau ists auch nicht geheuer. Da sind drei Jungen in die 
Schule gegangen nach Alzenau und die sind vom Töppendorfer Hofe 
gewesen, und als die Eltern früh sind auf die Arbeit gegangen, da sind 
sie auch schon weggegangen. Und wie sie*runter kommen vom Galgen¬ 
berge sind zwei schon vorneweg und der dritte ein klein Bissei hinten 
nach. — Wie sie nach Alzenau kommen, da war die Schule schon an¬ 
gegangen und es war schon ziemlich spät und sie kommen alle drei 
geweint. Da fragt sie der Kantor, warum sie weinen, ob ihnen jemand 
was getan hat. Und da sagen sie eben, es ist da vom Galgenberge 
einer runter gekommen ohne Kopf, den hatte er unterm Arm, und er 


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Will-Erich Peückert 


hatte einen langen weißen Kittel an. Der Kantor solls ihnen noch aus¬ 
geredet haben, sie würden wohl was anders gesehen, haben, und es wäre 
noch dunkel gewesen. Der eine Junge ist heimgekommen, hat abends 
noch die Krämpfe gekriegt und hat sie drei Tage und drei Nächte 
gehabt und ist dann gestorben. Einem hats garnichts geschadet, und 
der dritte ist sechsundreißig Jahre lang gelähmt gewesen. Der ist vor 
ein paar Jahren erst gestorben. 

26. Hexen. In Alzenau hatte es auch eine, von der ging die Sage, 
sie ginge die Milch ausmelken. Die Hindemithen behauptete steif und 
fest, ihre Kuh würde ausgemolken. Da melken sie Milch an einem 
Handtuch. * 

Da holen sie neunerlei Kräuter und neunerlei Holz. Mit dem 
neunerlei Holz wird gefeuert und auf dem Feuer kochen sie die Kräuter 
und vergraben alles zusammen unter eine Schwelle. Dann muß das¬ 
jenige, was die Milch sich zugezogen hat, am andern Tag kommen und 
Milch oder Butter verlangen. 

Zu den neunerlei Kräutern gehören Gundermann, Neunecke 
^Alchemilla vulg.) und Baldrian. 

28. Einen Menschen verdorren machen. Da hatten sie auch 
in Alzenau einen in Verdacht, daß er das Vieh bespreche, — und der 
ist auf einmal so geschwunden, dabei hat ihm doch nichts gefehlt, aber 
er ist so vergangen. Da sagte meine Mutter immer, daß sie einmal 
gehört hätte, wenn sie einem die Füße in den Rauch hingen, da ver¬ 
ginge er so. — Da muß sein Feind hinter ihm hergehen und wo der 
erste in nassen Boden tritt, sticht der andre die Stapfe aus und hängts 
in den Schornstein. Und so wie die Erde austrocknet, vergeht der Mensch. 

29. Der Heute ich. Wo sich jetzt der Heuteich befindet, stand 
früher ein altes Ritterschloß, das schon vor langer Zeit zerfiel und nach 
und nach im Wasser versank. Nur zu Zeiten sehen Leute, die Mittags 
in der zwölften Stunde vorbeigehn, ein altes Weiblein Wäsche waschen 
oder an unsichtbarer Leine über dem Teiche aufhängen. 

30. Die Heuelse. Dort unten im Heubusch (Wald um den Heu¬ 
teich, gehört zu Aslau) wohnt die Heuelse. Wenn da Leute vorbeigehn, 
huckt sie denen gerne auf und läßt sich von denen schleppen. Einmal 
ist auch ein Fleischergeselle unten bei der alten Ziegelei (gehörte zu 
Kaiserswaldau) vorbeigegangen und hat gerufen: Heuelse! Da ist sie ihm 
aufgehuckt und ist immer schwerer geworden, bis er umfiel und starb. 

Als die Aslauer einmal Heu machten auf einer Wiese am Teich, 
hat eine Frau im Dunkeln die Wäsche hängen sehn. Sie sagt, jeden 
Freitag mittag hängt die Heuelse auf und bleicht. Wer ihr dabei zu 
nahe kommt, den holt sie in den Teich. 

31. Die Leute können nicht weiter. An der Grenze von Aslau 
und Rosenthal ists auch nicht geheuer: an einem Feldwege narrt es 
die Leute, die spät abends vorbeigehn, dadurch, daß sie laufen oder 
fahren können, soviel sie wollen und doch nicht von der Stelle kommen. 


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Niederschlesische Sagen. 


13fr 

Erst, wenn die zwölfte Stunde abgelaufen ist, kommen sie weiter. 
Einige sagen auch, es sei, als ob sich eine ungeheure Last auf den 
Wagen oder die Schultern lege. Der Frau Mechler ist es passiert, daß 
sie abends mit dem Kinderwagen dort vorbei fuhr; sie ist gefahren, 
daß sie schwitzte und kam doch nicht vom Fleck. 

32. Menschenkopf im Stalle. In dem zum Aslauer Dominium 
gehörigen Viehstall geht es um, da schreit zur Weihnachtszeit das Vieh 
zum Gotterbarmen. In diesam Stall befand sich bis vor ein paar 
Jahren ein Sack mit einem Menschenkopf. Einige jeweilige Besitzer 
haben ihn lassen auf dem Kirchhof begraben, aber jedesmal hat man 
ihn müssen wieder holen und im Sack liegen lassen, weil sich jedes 
Stück Vieh in der Nacht losriß und es überhaupt nicht mehr zum Aus¬ 
halten in dem Stalle war. Vor einigen Jahren nun hat der vorige 
Besitzer, als er die Gruft erneuerte, ihn mit vermauern lassen und nun 
soll Ruhe sein. 

33. Erscheinung am Wege. Als Frau Krause noch ein Mädchen 
war, wurde sie von ihrer Mutter abends um elf in die Aslauer Brauerei 
nach Brennspiritus geschickt. Als sie heimging, ging vom Dominium 
aus auf den Kirchhof zu ein Mädchen oder eine Frau, bis zu den Knieen 
bloß, anscheinend nur mit einem Hemd bekleidet, und trug etwas auf 
beiden Armen, so etwa, als trüge sie ein Taufkind. — Frau Krause 
sagt, sie habe noch nie etwas gehört oder gesehen, aber dies lasse sie 
von niemanden ausstreiten, sie wisse, was sie gesehen habe, obgleich 
ihre Mutter sie verlacht und als Angsthase hingestellt habe. 

34. Freimaurer vertreibt Leute. Da war auch einer von den 
Senden-Bibran in Reisig, der hatte auch keine Ruh. (Erzählt im An¬ 
schluß an Nr. 19) Einmal waren zwei Frauen von Aslau im Heu. Als 
sie dann Mittag machten, kamen andere und sagten: Bleibt doch nicht 
gerade hier sitzen; hier geht der Alte um! Aber sie waren zu müde 
zum Weitlaufen und setzten sich hin und aßen. — Auf einmal geht es 
los und es kommt ein Wirbelwind, der das Heu weit weg jagt und in 
den Bäumen haust, als wollte er alles kurz und klein brechen. Dann 
wurde es wieder still und die andern sagten, als sie es erfuhren: Ja, 
das war der Alte, warum bleibt ihr hier sitzen. 

35. Das Gcldhtihndel. In Braunau, zwischen Klein-Krichen und 
Gläsersdorf im Kreise Lüben, auf dem Gute vom dicken Wilhelm, da 
soll das Geldhühndel sein. (Andre sagen, da geht es überhaupt um.) 
Das Geldhühndel ist auf dem Oberboden, dem müssen sie alle Tage 
Futter raufstellen, dafür legts alle Tage ein silbernes Ei. 

In den Dörfern bei Gröditz, da hats auch auf einer Stelle ein Geld¬ 
hühndel gehabt. Und da hat die Frau einmal abends wollen Weggehen 
und hat vorher dem Hühndel eine Suppe gekocht. Die ist noch 
ziemlich heiß gewesen; sie wollte aber nicht mehr länger warten und 
setzt eben die Suppe die Treppe drüber rauf und geht fort. Aber wie 


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Will-Erich Peuckert 


sie ein Weilchen fort ist, da brennt ihr Haus; das hat das Hühndel an¬ 
gezündet, weil sie es verbrüht hatte. 

36. Meineidige Hand aus dem Grabe. Das hat mir die 
Dunkeln erzählt. In Märzdorf, wo sie diente, hatten sie einmal einen 
begraben, der falsch geschworen hatte. Und es dauerte nicht lange, 
da wuchs richtig ihm eine Hand aus dem Grabe, die war ganz blutig. 
Da sagten wir alle; So! das ist die Strafe. 


2. Sagen aus dem Isergebirge. 

1. Kirchhof Flinsberg. Der Wirt aus dem grünen Hirt, einem 
Logierhause, ging früher immer mit Musik machen. Wie sie einmal 
nach Hause kommen, gehen sie über den Kirchhof; da fängt er an: 
Nu hamm mer a Lebenden geblosen, nu wull mer euch o a Stickl 
machen! Wie er das gesagt hat, kriegt er aber von unsichtbarer Hand 
eine mächtige Ohrfeige und es treibt ihn nachhause — und die andern 
auch. Er ist ganz käseweiß heimgekommen und da fragt ihn die Frau: 
Du, was ist dir denn? Aber er sagte, das kann ich dir heute nicht 
sagen! Am andern Morgen hat ers erzählt und gesagt, nie in meinem 
Leben mach ich das wieder. 

Ein andrer Erzähler berichtet, er habe gesagt: Ihr Toten, ihr Toten, 
ihr sollt auferstehn und mit mir zum Branntwein gehn! Dann hat er 
ihnen was gegeigt und nun hats ihn verführt, am andern Morgen hat 
er auf dem Mühlfelde gestanden, weil er nicht mehr heimgefunden hatte 
und immerzu im Kreise rumlief. 

2. Flinsberg. Unterm Haumberg, bei der grünen Koppe, da brannte 
einmal ein Haus ab, und das Dienstmädel ist auch mit verbrannt. Das 
hat der Hauswirt gewußt, er hat sie aber nicht gerufen; sie war nämlich 
in andern Umständen und zwar von ihm, und da wollt ers so aus der 
Welt schaffen. — Das Haus baute er an einer andern Stelle wieder auf. 
Ich hab daneben das Nähen gelernt, und da sagten sie immer: Wenn 
sichs wieder jährt, da hält ers zuhause nicht aus, da geht er fort und 
trinkt sich einen an. Wenn er aber an der Stelle vorbei kommt, da 
hälts ihn fest und er kann nicht weiter. Da steht auch ein kleines, 
weißes Männel da. 

3. Bei Querbach im Püschel ists auch nicht ganz heimlich, da 
geht immer eins mit der Laterne um. 

4. Kirchhof sage: Ort unbestimmbar. Da haben sie einen Jungen 
immer nach Branntwein geschickt, und er ist immer über den Kirchhof 
gegangen. Sie fragten ihn einmal: Junge, fürchst du dich nie? — 
I, wo werd ich mich fürchten! — Da wollten sie ihn einmal fürchtig 
machen, und das Dienstmädel mußte ein weißqs Tuch umnehmen und 
kafferte sich mitten auf den Weg. Der Junge kam und sagte: Gehste 
weg! Da hat sie so ein bissei gebrummt. Er sagte wieder: Gehste 
weg! aber sie ging nicht. Da sagte er: Nu is egal, ob du der Teufel 


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Niedcrschlesische Sagen. 141 

bist oder nicht! und hieb ihr die Külpe auf den Kopf, daß sie gleich 
tot liegen blieb. 

5. Spuk am Weg von Flinsberg nach Groß-Iser. Hat ihnen die 
Männichen nicht erzählt, was einmal dem Richter-Gustav vorgekommen 
ist? Er kam von Flinsberg rauf und an Schulmeisters Tode, (eine Stelle, 
wo ein Lehrer, vom Schlag getroffen, umfiel und starb) — es sfnd jetzt 
schon so sechzig bis achtzig Jahre her — da steht auf einmal eine 
weiße flammende Sache (Gespenst) vor ihm. — Und an der Stelle hats 
mich auch einmal gescheecht. Ich bin hundert-, ja ich möchte sagen, 
tausendmal den Weg raufgekommen, — aber das eine Mal wars, als 
ob eine Zeile Holz umpolterte. Und es hat doch dort nie welches gehabt. 

6. Am Langwiesenfloß*). (Eine Stelle, wo das sogenannte Lang¬ 
wiesenfloß den Weg kreuzt, unterhalb Schwedlers Plan. Man nennt die 
Stelle auch die idürre Fichte«). I. Die Mutter von der Luise Steckei 
wollte für eine Freundin zum Doktor gehn; aber es ist schon spät am 
Nachmittag gewesen, als sie von zuhause weggegangen ist, und es hat 
viel Schnee gehabt, so daß sie hat mit dem Schlitten den Kamm 
runterlahren müssen. Wie sie in die Apotheke kam, ist es schon dunkel 
gewesen Da hat ihr der Apotheker nur schnell gegeben, daß sie wieder 
fort konnte. Und als sie dort überm Förster ist, da ist eine weiße 
Wolke auf dem Wege ihr entgegengekommen; da hat sie sich sehr 
gefürchtet. Und wenn sie hat wollen nach rechts ausweichen, da ist 
die Wolke auch nach rechts gegangen und wenn sie auf die linke Seite 
ging, kam die Wolke auch rüber. Da ist sie schnell drauflos gelaufen 
— und als sie nach Hause kam, da war die Kranke tot. 

II. Es wollten einmal zwei junge Mädchen nach Flinsberg gehn und 
als sie bis über den Förster kamen, sind vor ihnen zwei weiße Gestalten 
gegangen. Da hat das eine zum andern gesagt: Dort gehn zwei Frauen, 
wir wollen springen, daß wir ihnen nachkommen. Aber wie schnell 
sie auch gelaufen sind, haben sie sie doch nicht eingeholt. Und da 
sagten sie zu einem alten Mann, der auch runterwollte: Dort gehn 
zwei weiße Frauen, wir wollen sie gerne einholen, aber wir können 
nicht so schnell springen. Der Mann sagte: Ich seh keine! — Und 
als sie beim Langwiesenfloß sind, da gehen die beiden Frauen rechts 
in den Wald rein und sind weggewesen und die Mädchen haben weiter 
nichts gesehen. 

III. Die Richter-Gustaven erzählte: Als mein Mann zum Langwiesen¬ 
floß kam, da hats ihn auch verscheecht. Es lief immerfort was über 
den Weg rüber und ließ ihn nicht weiter, das war ein kleines, graues 
Männel. Dann kam noch ein großer Wind. — Als er heimkam, war 
er ganz käsebleich. Ich sagte: Nee, Karl, ich bin doch schon soviel 
mal da gegangen und da hats mich nie gescheecht! Wart ock, hat er 
gesagt, wenn wird wieder die richtige Zeit sein, da wird mans schon 
wieder spüren. 

*) vgl. Nachtrag Nr. 46. 


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Will* Erich Peuckert 


IV. Meiner Mutter ist am Langwiesenfloß ein Gespenst mit einem 
Hunde begegnet; das war ein ganz weißer Hund, der hat mitten auf 
dem Wege gestanden und ist nicht weggegangen, — auch, als sie ihn 
angerufen hat, nicht. — Abends, als sie ist nach Hause gekommen, 
haben wir sie gefragt, aber sie hat nichts gesagt; am andern Morgen 
haben >jir sie wieder gefragt, da hat sie es uns erzählt; es ist ein weißes 
Gespenst gewesen mit einem Hunde. 

V. Ja, beim Langwiesenfloß, da hats meine Mutter auch einmal 
gescheecht. Wie sie dort gekommen ist, ist auf einmal was hinter ihr 
wie ein Pferd und so hart, (nahe), daß es immer dicht an ihren Fersen 
runter tritt. Das ist ihr bis zum Förster nachgekommen. — 

7. Wegespuk am Iserkamm. Der Hanne Lobei sagte einmal zu mir, 
als wir den Kamm runtergingen: Du, Mädel, horste, hier ists auch 
nicht ganz richtig. — Er ist nämlich einmal in der Nacht raufgekommen, 
und da ists immer vor ihm gewesen, und dann kams über den Weg 
wie eine glühende rote Schlange. 

8. Wegespuk. Es war einmal ein Mann, der hieß Köhler, der 
wohnte in Rabishau. Dessen Vater war auf dem Rade den Kamm 
runter gefahren (?), und als er beim Pflanzgarten vorbeikam, da haben 
zwei Hirsche auf dem Wege gelegen und drüben im Walde hats ge¬ 
klingelt. — Da ist er immer schneller gefahren und da hat eine Wasser¬ 
rübe auf dem Wege gelegen, die ist immer in die Höhe gehoppst, und 
als er fast bei der Germania (Gasthaus) war, da hats zwei Gespenster 
und ein Feuer mitten auf dem Wege gehabt und um das Feuer 
sprangen die Gespenster. Da ist er schnell vom Rade gesprungen, hat 
sein Rad in den Graben geschmissen und hat geschimpft und mit Steinen 
nach ihnen geschmissen. Aber als er wieder aufsteigen wollte, hat er 
sein Rad nicht mehr losgekriegt und er ging in die Germania rein, um 
sich eine Axt zu holen; wie er hinkam, da war sein Rad fort und er 
mußte zu Fuß nach Hause laufen. Dort sah er sein Rad vor der Tür 
stehn. — 

Diese Sage ist wahrscheinlich stark verderbt und mit Bestandteilen 
aus andern Sagen vermengt; —ich habe sie von einem dreizehnjährigen 
Kinde. Echt ist wahrscheinlich nur das Stück von der Bannung des 
Rades, das er dann zuhause wiederfindet. 

9. Teufel als Ziegenbock. Der Bauden-Robert, der früher Wirt 
in der Michelsbaude war, kam einmal nachts durchs Pferdeloch 1 ). Da 
kam der Teufel auf ihn zu wie ein Ziegenbock: aber er kannte es, weil 

♦ er so viele Hörner hatte. Nun wollte er ihn anreden, aber das ist nicht 
so leicht, da muß man eine ganz bestimmte Form wissen; der Bauden- 
Robert sagte: Du verfluchtes Luder! was willst du ock von mir! — Da 
mußte er gleich ausreißen und der Teufel hat ihn getrieben bis nach 
Hause. 


*) bei Jakobstal, unweit der »alten Zollstraße« Karlsthal-Hochstein-Schreiberhau. 


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Niederschlesische Sagen. 


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Der Teufel ist ihm auch einmal als weiße Frau bei Jakobsthal an 
einem Flössel begegnet. 

10. Wege spuk auf Gr. Iser. — Ieh wollte abends einmal zu meiner 
Großmutter gehn und als ich beim Häusler-Schuster war, kam mir ein 
weißes Gescheech nach. Wenn ich vorwärts gehn wollte, kam es mir 
nach und wenn ich zurück wollte, kam es mir auch nach. Ich konnte 
nicht fort, sondern mußte stehn bleiben: ich wollte rufen, aber ich 
konnte es nicht, ich mußte über eine Stunde laufen, bis ich davonkam 
und sonst braucht man höchstens fünf Minuten. Als ich hinkam, fragten 
sie mich, warum ich so gesprungen käme, aber ich hab nichts gesagt, 
— ich bin dort auch gleich über Nacht geblieben, denn heimgehn 
mochte ich nicht mehr. 

11. Fluchen hilft. Mein Großvater erzählte mir einmal, daß er 
über eine Brücke 1 ) gegangen sei und da wäre immerzu ein Stein vor 
ihm hergerollt. Es war aber noch ein andrer dabei, der hat geflucht 
und nun fiel der Stein ins Wasser, aber sie mußten jetzt immerzu laufen 
und laufen und kamen nicht weiter. Da hat der andere wieder ge¬ 
flucht und auf einmal waren sie zuhause. 

12 Spuk am Wasser. Wenn mein Großvater dem Wasser nahe 
kam, da trat immer eine weiße Gestalt heraus. Deshalb ging er nicht 
gern ans Wasser. 

13. Wassermann. Früher haben die Leute geglaubt, daß es einen 
Wassermann gibt, denn immer, wenn sie ans Wasser kamen, hörten sie 
ihn reinplumpsen: aber gesehen haben sie ihn nicht. 

14. Wechselbalg 2 ). Ein Knabe, der schon zwölf Jahre alt war, 
konnte immer noch nicht reden. Sein Vater nahm ihn einmal mit in,die 
Stadt einkaufen, da kamen sie an einen Teich, daraus riefeine Stimme: 
Wo gehst du hin? 1 Da antwortete der Knabe: Einkäufen 1 — Jetzt wurde 
sein Vater böse, weil er dachte, daß der Junge früher gern nicht hatte 
reden wollen und warf ihn in den Teich. Als er abends nach Hause 
kam und seiner Frau alles erzählen wollte, sah er seinen Sohn wieder 
am Tisch sitzen. Da wunderte er sich, aber schwieg stille. Der Junge 
konnte von dem Tage an reden. 

Auch diese Sage scheint nicht getreu überliefert zu sein: wahr¬ 
scheinlich handelt es sich hier um einen Wechselbalg der Nixen, dessen 
sich der Vater zu entledigen suchte, indem er ihn einfach ihnen wieder 
zurückgab. — Dieselbe Sage hörte ich später noch einmal, ich teile 
sie mit: 

Es war einmal ein Kind verloren gegangen und dafür stellte sich 
abends ein fremdes ein. Als er mit ihm an einem Teich vorbei kommt, 
fragt es auch heraus: Wo gehst du hin?l und das fremde Kind ant¬ 
wortet: Wiesen walzen 1 (Unverständlich, da der Erzähler keine Walze 

l ) Iserbrücke Gr. Iser— Kl.-Iser. *) Weißbach. 


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Will-Erieh Peuckcrt 


kennt, wahrscheinlich soll damit die fremde Sprache angedeutet werden). 
Da hats der Vater in den Teich geschmissen. — 

15. Teufelsbündnis. Gr. Iser. Es war einmal ein Fräulein, die 
hatte sich mit dem Teufel verbunden und da war sie dann so stark, 
daß zehn Männer sie nicht bändigen konnten. Einmal blieb sie wo über 
nacht. Die Leute hatten sie angebunden, aber die Keile, an die sie 
gebunden war, gingen auf ihr Wort aus der Wand heraus, und es wurde 
ein großes Getümmel im Zimmer. Die Leute mußten aus dem Hause 
hinaus, hernach gingen ein paar wieder hinein, um sie festzuhalten, aber 
es war, als wenn Gespenster im Hause wären. 

Auch diese Geschichte lautet in einer Variation anders. 

Es war einmal ein Mädel, die war ganz verlassen und so arm, daß 
sie, weil sie nicht arbeiten konnte, von der Gemeinde erhalten werden 
mußte. Jeder Hausbesitzer mußte sie einen Tag zu sich nehmen : niemand 
wollte sie dabehalten, denn wenn es in der Nacht um 12 Uhr war, 
kamen viele Gespenster, und sie fing an zu toben, daß viele Männer 
sie nicht halten konnten. An einem Abend war sie in einem Gasthause 
übernacht. Die Gäste waren deshalb die ganze Nacht dageblieben und 
richtig, um 12 Uhr fing sie an zu toben. Die Männer hielten sie fest, 
aber da kamen so viele Gespenster, daß die Leute alle aus Furcht das 
Haus verließen. Aber ein paar wagten sich wieder hinein, banden das Mädel 
an Keile und schlugen die Keile fe9t in die Wand. Auf ihr Wort 
jedoch flogen die Keile heraus und sie war los. Nachher tobte sie 
weiter bis zur ersten Stunde. 

Man vergleiche diese beiden Sagen auch mit denen von der alten 
Gotthelfen und vom Lobei. 

16. Geigendes Gespenst. Gr. Iser. Bei der Ernestine Schneider 
schlier ein Mann oben in der Kammer allein und wie die Uhr zwölf 
geschlagen hatte, ist er erwacht. Da sah er vorm Bett ein weißes Ge¬ 
spenst, (nach andrer Quelle einen Mann), das geigt. Der Mann er¬ 
schrak und machte aus dem Bett über die Treppe hinunter in die Stube, 
wo seine Mutter schlief. Er sagte zur Mutter: Komm mal mit rauf r 
dort oben hat es ein weißes Gespenst! Da ging die Mutter mit raut 
und richtig, da stand es immer noch vor der Kammertür und geigte. 
Als aber die Mutter geflucht hat, ist das Gespenst fortgemacht. 

17- Rote Katze. Gr. Iser. Der Hanshenner ging mit seinem 
Weibe zur Bademutter und als er bei Wendeis vorbei gekommen ist, da 
ist eine rote Katze gekommen, die hat solch große Augen gemacht 
und ist ihm immer nachgekommen; da hat er gesagt: Du verdammtes 
Luder 1 und hat den Gürtel genommen und hat sie gehaun, sie aber 
hat ihn gebissen. Da hat er sie r itgenommen. Als er aber überm 
Förster ist, kommen zwei Katzen, die sehn ihn mit großen Augen immer 
so an und spucken ihn an — und wie er nachsieht, ist die rote Kaize 
fortgewesen. 

Wendeis erzählen: Es war einmal ein junges Mädel, die schlier 
ganz allein in der Stube und ihr Vater schlief auf dem Boden. Da 


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Nicderschlesischi* Sagen. 


145 


kam eine rote Katze und die sprach zum Mädel: Schläfste schon: — 
Da hat sie ihren Vater gerufen; — aber als der runter kam, war die 
iote Katze weg. 

18. Hund als Anzeichen. Gr. lser. Eine alte Frau wollte in 
den Stall gehn und wie sie wieder in die Stube rein kommt, da liegt 
ein braunscheckiger Hund unter der Bank. Da hat die Frau gefragt: 
Was willst du von mir? aber der Hund hat gebrummt und ist auf die 
Frau losgegangen und hat sie gebissen, — bloß, wo er hingebissen hat, 
ist kem Blut gekommen. Die Frau hat den Stiefelknecht genommen 
und wollte ihn rausjagen, aber er ist nicht gegangen, sondern hat sich 
wieder unter die Bank gelegt. Da hat sich die Frau gefürchtet und ist 
raus in den Stall gegangen und hat gemolken. Unterdessen ist ihr 
Mann nach Hause gekommen und hat gesagt, der Schul-Steckel ist 
heute im Walde erfroren; da hat die Frau gesagt, deswegen lag der 
Hund unter der Bank, — das ist ein Zeichen gewesen. 

19. Rufe i vorm Tode. Gr. Iser. I. Meine Großmutter war bei der 
Berta Richter, der ihr Kind war krank, und da war sie raufgekommen 
sehn, was das Kind machte. Die Richter-Berta sagte: Ich werde es 
einmal auf den Tisch unter die Lampe legen, — weil es immer so gerne 
mit der Lampe spielte. Da ging die Tür auf und es rief dreimal: 
Berta! Ja, — sagte sie, — was hats denn? - Da ging ein Wind über 
die Treppe rauf und die Richtern guckte raus, aber sie hat nichts ge- 
sehn. Nach drei Tagen ist das Kind gestorben. 

II. Wenn es einen ruft, soll man nicht antworten, dann passiert nichts. 

III. Als der Erdmann Hirt gestorben ist, sagte die Anna Richter, 
seine Braut, da hätte es dreimal gerufen: Anna! — Sie hätte aber nichts 
dazu gesagt, sie hätte sich zu sehr gefürchtet. 

IV. Es war ein Mann gewesen, der hat Junker-Traugott geheißen, 
der ist immer zu Sendern gekommen und hat dort hinterm Tisch ge¬ 
sessen. Und einmal, es war gerade vor Weihnachten, hats mit einer 
Rute ans Fenster geklopft. Der Junker Traugott hat gesagt, die Rute 
soll sich Zeit nehmen, — er dachte, es wäre ein Ruprecht, der ankloplte. 
Da kommt ein weißes Gescheech rein, daß hat die Rute in der Hand 
gehabt und hat den Junker-Traugott unter die Bank geschmissen. Das 
Anpochen ist nämlich das Zeichen gewesen, das seine Tochter Margarete 
gestorben war. 

V. Wenn vom Heinrich Steckei ein Jahr um ist, daß er gestorben 
ist, da scheechts immer im Hause: da schlägts mit Ketten an die 
Haustür und bei Vaters Bett hats ein weißes Gescheech stehn. 

VI. Meine Großmutter erzählte mir einmal, daß in einem Hause 
zwei Schwestern waren. Die rine ist gestorben und lag im Zimmer, 
die andere schlief nebenan ganz a!Da is die Tür aufgegangen 
und sie hat sich so gefürchtet, daß sie viele Wochen krank gelegen hat. 

VII. Wenn jemand stirbt, cD geht in der Wand die Totenuhr. — Es 
starb einmal ein Junge auf der i^er, und »ch war gerade in dem Hause. 
Da klopfte es ganz leis *• n das Fenster und wii erschraken sehr, denn 

Mitteilungen d. Scbles. Ges, f. Vkdo. Bd. XXI. Iß 


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14« 


Will-Erich Peuckert 


es war doch noch nicht zehn Uhr, es war erst acht Uhr, (?) Am andern 
Abend, da rief es ganz leise mit dem Vornamen. 

20. Mühlenspuk. Mein Urgroßvater war ein Müller, der mahlte 
in der Nacht, »und als er Korn ausschütten wollte, gab die Mühle Feuer, 
und eine weiße Gestalt war vor den Schaffern, so daß er nicht ein¬ 
schütten konnte. Als er fluchte, machte das Gespenst fort. Am andern 
Morgen war er krank, und da ließen die Leute einen Pastor kommen, 
der sagte, wenn er nicht geflucht hätte, da hätte ihm die weiße Gestalt 
gesagt, was sie verloren hätte. Von da an ist sie nicht mehr wieder 
gekommen. 

21. Zwang zum Zählen. Meiner Mutter Vater hatte ein Pferd 
verkauft und als er unterwegens war, hat ihm das Geld keine Ruh ge¬ 
lassen, da hat er immerfort müssen zählen. Und auch als er schlief, 
mußte er zählen, und wenn er aufwachte, hat er auch wieder fortzählen 
müssen, immerzu. 

22. Irrlichter. Gr. Iser Wo jetzt Kittelmanns Gasthaus steht, hats 
welche gehabt und ebenso hinten beim Kobelsteckel. 

Ein Mann ist einmal unterwegs gewesen und als es finster war, da 
sieht er vor sich ein Licht. Er geht dem Lichte nach, kriegt es aber 
nicht ein. Endlich wird es Tag und er steht auf einem weiten Plan 
(Ebene, Wiese); — da ging er nach Hause. 

Ein Mann hat sich einmal im Walde verirrt, und da hat er lauter 
Lichter gesehn, denen ist er nachgegangen. Aber das waren auch 
Irrlichter. Da dachte er, weiter geh ich nicht, sondern ist umgedreht 
und schnell nach Hause gelaufen. Ein Irrlicht aber ist ihm nachgekommen 
bis in sein Haus. Dort hat er sich schnell auf eine Bank geschmissen, 
denn ihm ist ganz schwindlich und ängstlich gewesen. Das Irrlicht aber 
ist verschwunden. 

23. Teufel hütet das Gold. Ein Mann, der hieß Lorenz, der hat 
in den Goldgruben am Lämmerwasser (unterhalb der Grünen Koppe) 
Gold geholt. Als er zurück machte und gerade bei der Isermühle war, 
ist ein schwarzer Ziegenbock gekommen, der ist ihm zwischen den 
Beinen durchgelaufen, so daß er rittlings oben saß, und ist mit ihm bis 
zur Iser gelaufen. Dort hat er den Mann in den Sand geworfen; er 
selber ist aber über die Iser gesprungen und hat das Gold mitgenommen. 
Vergl. Kühnau Bd III 2157, wo die Sage anders mitgeteilt wird. 

24. Gold im Sande. In Weißbach (böhmisch; Bezirk Friedland) 
hat ein Mädel Kühe gehütet und dabei einen Ofen im Sande gebaut. 
Und auf einmal hat in dem Ofen Gold gelegen. Wie sie sich noch drüber 
wundert, ruft eine Stimme hinter ihr: Mädel, — deine Kühe gehn ja 
ins Komi — und wie sie sich umgesehen hat, ist das Gold wieder in 
den Boden gefallen. 

25. Abendburg. Am Touristenwege links vom Hochstein liegt 
die Abendburg: dort soll ein Goldschatz vergraben sein. — Man findet 
dort auch Opferkessel, in denen die alten Heiden an ihren Opfertagen 


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Niederschlesische Sagen. 


147 


Menschen geopfert haben, und in die Opferschüsseln haben sie das Blut 
gelassen. 

26. Schatz in den Mittagssteinen. Bei Weißbach, (vergl. oben.) 
In den Mittagssteinen soll es auch verwünschtes Gold haben. Da sind 
einmal drei Männer hingegangen, am Gründonnerstag mittags zwischen 
zwölf uncf eins, und haben wollen den Schatz heben. Aber bei der 
Arbeit sollten sie sich nicht umsehen. Wie sie hinkommen, fängts auf 
einmal an zu regnen, und dem einen kommt ein Ästel in den Hals, 
und als ers rausmachen will, hat er sich dabei umgesehen. Da hat er 
müssen wieder heimgehn. Die andern sind weitergegangen, aber da 
stolperte der zweite, sah sich dabei um und mußte also auch zurück. 
Dem dritten hats oben allerlei vorgemacht, und es hat hinter ihm geblitzt, 
so daß er sich umsah. Da wars eben auch vorbei. 

Eine Frau ist auch einmal zum Mittagssteine gegangen und hat ihr 
Kind mitgenommen. Und wie sie zu dem Felsen kommt, hat es gerade 
zwölf geschlagen, und da ist der Stein aufgesprungen, und sie ist hinein¬ 
gegangen. Drin ist es ganz licht gewesen. Auf jeder Seite hat ein 
Zwerg gestanden, die haben immer geschrieen: Raff! Rafi! Und da hat 
sie sich die Schürze und alles vollgeladen, und unterdessen hat es eins 
geschlagen. Da ist sie herausgesprungen und hat ihr Kind drin ver¬ 
gessen. Aber der Felsen war schon zu. — Im nächsten Jahr ist sie 
wieder hingegangen; — da hat sie aber nicht an die Schätze gedacht, 
sondern hat nur schnell ihr Kind genommen und ist fortgemacht. Das 
Kind hielt einen goldnen Apfel in der Hand, mit dem hatte es gespielt. ' 
— Die Mittagssteine haben jetzt noch einen gelben Streifen, wo sie 
aufspringen. 

27. Das alte Schloß (am Weg von den Kobelhäusern nach dem 
Michelsbaudenplan, — links.) Da muß wohl mal eine Burg verwünscht 
worden sein. — Da hats gewiß auch Geld verbannt. 

28. In Klein-Iser bei Tietzes solls auch nicht heimlich sein. — 
Die Leute sind einmal fort gewesen, und als sie nach Hause kommen, 
da haben die Fässer getanzt, und auf dem Ofen sind lauter Flammen 
gewesen. Unten im Keller sollen lauter Totenköpfe sein. — Aber dort 
ist auch Geld vergraben. 

29. In Weißbach hats ebenso in einem Hause einen Schatz ver¬ 
graben. 

30. Die Sagen vom Lobl. Gr. Iser. Diese Sagen beherrschen vor 
allen Dingen den Geist der Iserleute, ja, sie kennen eigentlich nur noch 
die, — andere sind allmählich ins Vergessen geraten. — Mitgeteilt ist 
Einzelnes schon Kühnau 3. Bd. 1552, 1791, 1792. — Die Sagen vom 
Lobl werden auch als Tappernsagen erzählt. Ich gebe alle mir erreich¬ 
baren hier wieder. 

Beim Tapper kehrten früher immer die Pascher ein. Die hats 
genommen und überall rumgeschmissen; da sind sie dann ausgerückt. 

10 * 


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Original fro-m 

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148 


Will-Erich Peuckert 


Einmal, als meine Mutter hinter Lobln vorbeikam, kam einer mit 
einem Scheitel Holz auf sie zu. 

Beim Tapper haben sie Freikugeln gegossen und dazu einen Toten¬ 
kopf geholt, damit sie eine Form hatten. Aber das Blei ist in der Stube 
rumgespritzt, • weil sie etwas versehn hatten. Da haben sie den Toten¬ 
kopf wieder weggeschafft; aber als sie heimkamen, stand der Totenkopf 
schon wieder auf dem Tische (Var. auf dem Topfbrette, in der Ecke). 
Sie haben ihn dreimal fortgeschafft, aber er kam immer wieder. Einmal 
haben sie ihn in den Backofen geschoben, ohne daß es was nützte. — 
Da hat ihn dann ein Scharfrichter (nach andern der Pastor aus Giehren) 
fortgeschafft, und nun wurde Ruhe. 

Dann ist der Tapper verwirrt geworden. Er hatte nämlich zu weit 
im 4. und 5. Buch Moses gelesen und konnte dann nicht mehr zurück, 
da wurde er verwirrt. — Sie haben ihn müssen mit Ketten anbinden, 
aber der war stärker als die drei Kerle, der lief immer in den Pusch. 
Da hat ihn mein Mann mal mit suchen helfen; er war draußen an einem 
Quell und hat getan wie ein Hirsch, er hat immer mit dem Kopfe in 
den Boden gestoßen und wollte auch nicht mit, als sie ihn mitnehmen 
wollten. — So hat er gefesselt gelegen bis zu seinem Tode. Am 
Montage sagte er: Frau, gib doch mal den Kalender, ich muß mal sehn, 
wenn Neumond ist! — Das war am Mittwoch. Da hat er gesagt: Ach, 
nu muß ichs noch ein paar läge ausstehn! — Der hat nämlich seinen 
Tod vorher gewußt. — In den Ketten, — zwei waren in der Wand an 
Arme und Füße und zwei waren übers Bett und in der Diele fest* 
gemacht, — ist er gestorben. Zuletzt hat er gesagt: Schlagt doch mal 
die schwarzen Männel tot, die hier immerfort rumlaufen. Aber sie haben 
kerne gesehn. Da haben sie den Schlegel geholt und drei harte Schläge 
auf die Diele gemacht. Und beim dritten Schlage ist er gestorben. 

Der Tapper hat die sieben Bücher gelesen und hat sie nicht mehr 
zurücklesen können, deswegen mußte er sterben. Vorher hat er aber 
noch wollen ein Mä lei, da^ dort war, zu sich ins Bett haben, und er 
hat gesagt: Wenn du nicht kommst, werde ich dich töten. — Als er 
tot war, sind die Juden gekommen, die haben sich auf die Bänke und 
den Backoien gelegt (Pascher), aber da ist ein weißes Gespenst gekommen, 
das hat sie von den Bänken und vom Backofen runter geschmissen. 

Als sie den Totenkopf fortgeschafft haben, haben sie ihn in eine 
Holzfeime hinteim Hause gebannt, die sollte der Tapper nie abreißen, 
die sollte dort verfaulen. Er hats aber doch gemacht und deswegen ist 
er verrückt geworden. In dem Hause isis auch später noch unheimlich 
gewesen. 

Meine Mutter half dort manchmal in der Wirtschaft. Da holt sie 
einmal Futter (Heu) von der Bühne (Oberboden im Hause) u.« } s eilt 
den Korb ins Haus. Wie sie wieder aus der Stube kam, brannte der 
Korb lichterloh und ist doch nicht verbrannt. (Sie hat zweimal Wasser 
drauf gegossen, ohne daß es was nützte, behauptet ein andrer Erzähler.) — 
Und dann war das Heu wieder so gut wie zuerst. — Davon ließ sie 
sich nicht abbringen. 


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NiVderschlesische Sagen. 


149 


Im Keller dort ists auch nicht ganz richtig. Deswegen haben sie 
ihn geteilt, und der Lob! (Enkel des Tapper) geht heute noch nie in 
die andre Hälfte, bloß in den Vorkeller. 

Einen Erbschlüssel hat der Lobl auch. 

Der hat auch noch alle Bücher von seinem Vater (eigentlich 
Großvater). Warum würde er sonst solches unheimliche Glück im 
Fangen haben! Denn der braucht sich bloß hinzustellen, da sieht er 
auch schon einen Fuchs, und in den Fallen hat er immer etwas. 

31. Der Nachtjäger. Gr Iser. Der Mann von der Luise Steckei 
hieß Benjamin Sender Der war abends um sieben rausgegangen und 
sagte zu seiner Frau: Komm doch raus! ich seh ja den Nachtjäger! 
Da ist sie auch raus gekommen, aber sie haben nichts mehr gesehn, 
bloß die Hunde haben sie noch bellen hören. Der Naclvjäger ist von 
den Knicsträuchern bis zum dürren Holz-Hübel gegangen; der große 
Hund bellte bloß manchmal, aber der kleine bellte immerzu. 

Meine Mutter ging früher im Flinsbergischen Holz holen, da mußten 
sie aber bei Nacht gehn und den Mondschein abpassen, daß sie die 
Förster nicht erwischten. Da ist oft der Nachtjäger mit lauter kleinen 
Hundein an ihnen vorbei gekommen; die Hundei machten immer 
klift - klaff! — 

32. Die Holzweibel haben auf einem Stamm Ruhe, in den beim 
Fällen drei Kreuze gehauen worden sind, und zwar mußten sie ein¬ 
gehauen sein, ehe der Wipfel des fallenden Baumes die Erde berührte. 
Mein Vater machte sie immer so: Einen Längshieb und zwei Quer¬ 
hiebe. 1—!— 

Auch darf kein Holz an der Seite des Stammes stehen bleiben, da 
kann man sonst einen verknüpfen. Mein Vater schlug allemal das 
Stück weg. 

33. Verdorren. Wenn man von einem Menschen die Fußspur 
aushebt und in den Schornstein hängt, muß der Mensch verdorren. 

34. Nachtjägerhundei. Als ich mit Franz einmal von Neuwelt 
kam, schoß es aus dem Stein (Felsen) wie ein Spitzhundei auf uns zu, 
— immer auf uns zu. Wir haben uns beide ordentlich verführt. 

35. Spuk in Brückenberg. Im Riesengebirge. — Als ich einmal 
nach Milch gmg, brummts auf einmal neben dem Wege und lief immer 
brummend hinter mir her. Da rannte ich bloß schnell, daß ich nach 
Hause kam und dachte: Gehste vom oder hinten rein? — Aber hinten 
wars immer offen, und wie ich ums Haus renne, packts mich an meinem 
Arm. Und als ich rein war, war dort alles zerrissen und ganz fettig, 
und das ist auch nie mehr aus der Bluse rausgegangen. — An der 
Stelle am Wege, wo es losging, war auch hinterher das Gras ganz zer¬ 
drückt. Die drin hatten das Gebrumm auch gehört, aber so, als ob 
es ein paar Häuser weit wäre. — Ein Bär oder ein Hund kanns nicht 
gewesen sein, denn es war keiner im Dorf. Das war eben nicht ganz 
geheuer. 


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150 


Will-Erich Peuckert 


3ti. Im Meffersdorfer Schloß hat es in einem Zimmer ein Bett r 
wenn das abends aufgebettet wird, ist es morgens immer eingesielt, und 
es liegt Geld drin. Das ist ein paar Tage so gegangen, und dann haben 
die Leute nicht mehr drin schlafen können. Erst waren vierzehn Mädel 
dort übernacht und dann vierzehn junge Burschen, aber da sind immer 
weiße Männel rein gekommen mit Hacken, und die Mädel und die 
Burschen haben nicht mehr die Tür gefunden. Da riefen sie dem 
Jäger, der vor der Tür stand, zu, er solle aufmachen, und da haben 
sie endlich rausgekonnt. — Die Leute sagen, wer eine Nacht in dem 
Bette schläft, der dürfe sich das ganze Schloß behalten. 

Im Schloß, wo die Gräfin Hohenlohe wohnt in Meffersdorf, da hat 
es eine Stube, wenn sie dort morgens das Bett aufgebettet haben, da 
ist es am andern Morgen wieder, als habe dort jemand drin geschlafen. 
Und einen Morgen hat es Geld drin gehabt. — Wenn jemand in dem 
Bette schläft, der steht morgens nicht mehr auf. 

(Die zweite Sage hat reinen Sagencharakter behalten, während die 
erste ins Märchen abgewandelt ist.; 

In Meffersdorf, da ist am Schloß eine Kapelle, dort steht ein Bett r 
das mußte alle Tage gemacht werden, und jeden Morgen fand das 
Mädel ein Trinkgeld drin. 

37. Die Harzkirche. Das war in Weißbach. — Da war einmal 
eine Harzkirche, und die hat alle Jahre offen gestanden. Da ist einmal 
eine Frau reingegangen mit einem Kinde und da haben zwei Hunde 
auf dem 'Fische gesessen, zwischen viel Geld, und der eine hat gesagt: 
Raff! Raff! — aber der andere sagte: Raff nicht 1 — Da ist die Erau 
raus gelaufen, und die Tür ist hinter ihr zugeschmissen worden, und 
das Kind hat sie drinnen vergessen. Als sie nächstes Jahr hinkommt, 
da ist das Mädel ein Wechselbalg gewesen, der einen Apfel in der 
Hand hatte. 

38. Tote kommt wieder. Gr Iser. Da, beim August Schneider 
ists auch nicht ganz geheuer gewesen, das weiß der Reinhold Steckei 
noch. Da hats an die Tür geknallt, als wenn eins eine Flasche 
anschmeißt, dann ist sie aufgesprungen und es ging wie ein Wind an 
den Wänden rum, so daß die Tapete abriß. Das Kinderbett hats hoch¬ 
gehoben und wieder runter fallen lassen, daß es bloß so knallte. Und 
dann an der Wand rum und wieder naus. Denen haben alle Haare zu 
Berge gestanden. — Da haben sie den Spuk einmal gefragt, in der 
richtigen Art und Weise, wie man so etwas fragen muß, und da sahen 
sie eine Leiche. Das war die alte Gotthelfen. Als sie noch lebte, hatte 
sie sich nämlich ausgemacht, daß man ihr Verschiedenes in den Sarg 
geben solle und das hatte man nicht getan, deswegen kam sie jetzt 
wieder. Da hat mans ihr gegeben, und seit der Zeit ists nun ruhig. 

Andere sagen, nicht deswegen sei sie wieder gekommen, sondern 
weil sie zu Lebzeiten immer um Neumond und zu solcher Zeit allerlei 
gemurkst hätte. Ein andrer erzählt: Die alte Gotthelfen war zuletzt 
schwach um den Kopf. Und nach ihrem Tode kam sie wieder; der 


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Niederschlesische Sagen. 


151 


Gotthelf kam in den Vollmondnächten darum immer zu mir und blieb 
nicht gern daheim. — Einmal abends, als meine Mutter vorm Schlafen¬ 
gehn noch draußen war und ihr Wasser abschlug, sah sie drüben bei 
ihm ein Licht, so deutlich, daß man die Ofenstängel erkennen konnte. 
Am andern Tage fragte sie ihn: Nu, du hattest ja gestern noch so 
spät Licht? — da sagte er, daß er garnicht zuhause gewesen wäre. 

39. Spuk im Hause. Gr. Iser. Beim Hanshenner, dort, wo jetzt der 
alte Schneider wohnt, da wars auch nicht ganz geheuer. Ich hab ein¬ 
mal die Neumann, was die Schwiegertochter ist, gefragt, aber die lachte 
bloß und sagte: Ich sprech nicht darüber. 

Freimaurer. Die wissen alle ihren Tod voraus. Sie müssen alle 
Jahre bauen und helfen einander viel. Der — in Ullersdorf war auch 
einer. 

In der Karlsthaler Hütte machten wir Freimaurergläser, konisch 
und mit fünf Perlen drin, eine in der Mitte, — unten eine Birne dran, 
und den Fuß. 

41. Der Blitz. Gr. Iser. Als es beim Junker Moritz eingeschlagen 
hat, hat wollen der Moritz mit der Axt auf den Blitz losgehen; da ist 
er rausgemacht. 

42. Teufel quält eine Magd. • ln Friedland beim Bauer war 

ein Mädel, die wollte alle Wochen in die Kirche gehn und da hat der 
Bauer so über sie geschimpft, und eines Tages, als sie wieder gehn will, 
macht sie rauf in ihre Kammer und will sich ihre Kleider holen. Aber 
sie konnte nicht in ihre Lade rein, — da nahm sie ein Stück Holz und 
steckte es ins Schlüsselloch und bohrte damit ein Stück Papier raus. 
In dem Papier war eine Fliege drin, und als sie es auseinandermacht, 
ist die Fliege rausgekommen, und von da an ist es ganz toll mit ihr 
geworden. Wenn sie in den Stall kam und melken wollte, kamen die 
Kannen und die Besen und Mistgabeln auf sie zu, und das ist jeden 
Tag so gegangen. Wenn sie im Bett lag, um zwölf Uhr, nahm es das 
Mädchen und schleppte es fort bis ans Wasser. Der Bauer hat das 
Mädchen fortgejagt, er sagte, es wäre nicht wahr, daß es immer so mit 
ihr umginge. Aber überall, wo sie hinkam, ging es grade so zu, das 
haben die Leute oft gesehen. , 

43. Albsagen. Gr. Iser. I Es war einmal ein Alb, der ist zu* 
Schmidten rauf gekommen', ist dort immer zum Schlüsselloche rein 
gemacht und hat sie bald erwürgt. Sie hat rein gamichts sagen können. 
Als er gegangen ist, rief sie ihm nach: Morgen komm wieder, da 
will ich dir eine Quarkschnitte geben! — Und am andern Tage ist er 
wiedergekommen und hat sie wieder gedrückt und hat sich dann auf die 
Ofenbank gesetzt und hat sich die Quarkschnitte geholt und ist fort- 
gemacht. Er sah ganz schwarz aus, wie ein kleines Männel. 

II. Es war einmal ein Bergmann, der hatte eine junge Frau. Und als 
der Mann am Abend von der Arbeit nachhause kam, sind sie zusammen 
schlafen gegangen. Aber die Frau hat nicht lange bei ihm gelegen, 


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15*2 


Will-Erich Peuckert 


sondern ist fortgegangen. Sie ging nämlich eine Birke drücken. Und 
da hat sie die Birke bis um zwölf Uhr gedrückt und ist dann wieder 
heim gekommen. Natürlich ist sie ganz erfroren gewesen. Der Mann 
fragte sie gleich: wo bist du denn gewesen? und da hat sie geantwortet: 
Das kann ich dir nicht sagen! — Und das ist immer so fortgegangen, 
bis der Mann einmal sagte: Wenn du das jetzt nicht sagst, häng ich 
dich auf! — Da mußte sie Rede und Antwort stehen und sagen, daß 
sie alle Abende zu der Birke müsse und dort die Birke so lange drücken 
müsse, bis sie halb tot wäre. Das tat dem Mann leid und er sagte: 
Ich werde dir unsern großen Bullen geben, den kannst du erdrücken, 
dann wirst du dein Leiden los sein. — Die Frau sagte gleich: Das 
werde ich tun! und ist abends um zwölf in den Stall gegangen, und 
hat so lange gedrückt, bis der Bulle tot war und dann hatte sie Ruhe. 

III. Damals waren die Rochlitzer jungen Burschen hüben Holz fahren 
und die haben bei der Luise Steckei im Stalle geschlafen. Und als 
sie alle schlafen gegangen sind, da hat der eine gesagt; Ich kann immer 
nicht schlafen, zu mir kommt jeden Abend der Alb! und da haben 
die andern gesagt: Geh ock schlafen! Wir werden mal aufpassen. — 
Aber sie haben nicht Obacht gegeben, sondern bloß Dummheiten ge¬ 
macht und sind dann endlich alle eingeschlafen. Aber die Luise Steckei 
ist in den Stall gegangen und hat ein Licht in der Hand gehabt, und 
da sieht sie, daß auf der Brust von dem, zu dem immer der Alb kommt, 
ein Strohhalm lag. Und der Mann hat kein Odem gekriegt. Und da 
hats die Luise Steckei gewußt, daß es der Alb gewesen war und hat 
über den Alb gesagt: Du, kleines Männel, geh ock heim und komm 
morgen früh wieder, ich geb dir auch eine Quarkschnitte! — Und da 
ist der Mann morgens früh wiedergekommen und hat sich auf die 
Ofenbank gesetzt und die Steckein hat ihm eine Quarkschnitte gegeben. 
Da war es der Mann gewesen, der unter der Luise Steckei gewohnt 
hatte, — ein Hüttenmeister aus der Glashütte. 

IV. Aus der Grafschaft Glatz. Der Alb ist ein kleiner Mensch, der 
einem in der Nacht auf der Brust sitzt. Erst ist er ganz klein und dann 
wird er immer größer. Man muß ihm was versprechen, z. B. einen Apfel, 
dann läßt er einen in Ruhe. Einer hat ihm mal einen Apfel versprochen: 
Geh ock, du, — ich gebe dir den Apfel, der dort auf dem Fenster¬ 
brettel liegt! — Am andern Morgen kam der Junge rein und sah den 
Apfel und wollte ihn essen. Aber als er reinbiß, hatte er das ganze 
Maul voller Blut, — denn da war der Alb in den Apfel reingekrochen.) 

V. Wenn ein Kind in einem Hause geboren worden ist, machte man 
über die Tür einen sechseckigen Stern in einem Zuge, einen Albfuß. 
(Hexagramm.) 

VI. Wenn einen der Alb drückt und man drückt die Hand aufs 
Fensterbrettel, so daß alle fünf Fingerkappen darauf liegen, da sieht 
man am andern Morgen, daß dort, wo man hingedrückt hat, das Holz 
ganz gelb geworden ist. 


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Niederschlesische Sagen. 


153 


44. Hexen. Das erzählte mir der alte Hirt aus Flinsberg. Ein 
Handvverksbursche hat ihm einmal erzählt, daß er mit einem andern 
gegangen ist und mitten im Walde sagt der Zweite: Du, gib mir von 
deinem Brotkantel, — er hatte nämlich nur eine Kruste trockenes Brot 
in der Tasche, — ich werde uns was zu trinken besorgen. Ach, woher 
ockl — sagt der. Da ging der zweite an den nächsten Baum und stieß 
sein Messer rein und da kam Milch raus und er hielt sein Maul unter und 
trank sich satt. Dann sagte er zum ersten: So, nun trink du! — Aber 
der mochte nicht. — Als sie dann an einer Wiese vorbeikamen, zeigte 
er ihm eine Kuh und sagte: Siehste, die haben wir vorhin gemolken. — 

Dieses Hirts Frau verstand sich auch auf solche Sachen. Als sie 
voneinander gingen, — sie lebten in Scheidung, — sagte sie zu ihm: 
Von deinen Kühen sollst du keinen Nutzen mehr haben! — Und richtig, 
vorher hatte er Butter über Butter, und dann hatte er bald garnichts. — 
Aber sie hatte immerzu viel. 

45. Vogelhannes. (Aus der Glatzer Gegend). Der Vogelhannes 

war ein Bauer, der in seinem Leben alle Leute betrog. Als er starb 

und es zum Begraben kam, saß er oben auf dem Dachfirst, an einem 
Beine einen Strumpf, das andere nackt, und ließ nach jeder Seite ein 
Bein baumeln. Und sah so seinem Begräbnisse zu. 

Hinterher ist er natürlich wiedergekommen und hat alle geneckt. 
Da hat man mit geweihter Kreide einen Strich um ihn gezogen und 

ihn in eine Flasche gesperrt, und der Priester hat die Flasche raus¬ 

getragen ins Nesselgrunder Revier am Vogelsberg. Dort zog er wieder 
mit geweihter Kreide einen Kreis und bannte ihn dorthin. Dort haust 
er jetzt. Wenn dort jemand, »Kuckuck!« ruft, da hallts aus allen Ecken: 
Kuckuck! wieder; das ist er. — Das Revier ist ganz Dickung, Hoch¬ 
wald und große Haue voll Himbeersträucher, die höher als ein Mensch 
sind. Darin führt er die Graseweiber irre. 

46. Nachtrag zu: Am Langwiesenfloß, am dürren Baume, brennt 
mitten auf dem Wege nachts um 12 ein Feuer. 


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Volkssagen aus dem Isergebirge. 

Von Wilhelm Müller-Rödersdorf. 

(▼gl. Mitt XX, 195 ff.) 

VIII. 

Der Trauring oder das dankbare Mäuslein. 

Nach der kleinen St. Leopoldskapelle, die man 1657 auf seinem 
ackergrünen Hügelrücken erbaute, heißt er der Kapellenberg, während 
er früher den Namen Rabenberg führte. Jeder, der auf der Bahnstrecke 
Görlitz-Hirschberg fährt und unmittelbar hinter Greiffenberg seinen 
Blick auf die westliche Landschaft richtet, hat ihn nahe vor sich. Und 
bis zu den stolzen Bergzügen des Riesengebirges schaut der Wanderer, 
der von der freien Höhe, auf der sich die Leopoldskapelle erhebt, sein 
schönheitumstrahltes Auge schweifen läßt. 

Wie aus dem Rabenberg der gesegnete und würdige Kapellenberg 
wurde, das ist eine gar eigenartige Geschichte. — Es war an einem 
schönen Sommertage, als der Graf Leopold Schaffgotsch, von seiner 
Gemahlin und einem Diener begleitet, auf dem Berge lustwandelte und 
sich an der wundervollen Rundsicht erfreute. Das klare, sonnige 
Wetter verlockte zu längerem Aufenthalte. Als man dann aber schließlich 
die Heimkehr antreten wollte, mischte sich in den Genuß der frohen 
Stunden ein böser Mißklang: der Graf hatte seinen Trauring verloren, 
und wie eifrig man auch danach suchte, er wollte sich nicht finden 
lassen. Am meisten war die Gräfin durch den Verlust betrübt. Be¬ 
sonderen Kummer bereiteten ihr die Worte der »alten Hanne«, einer 
Wahrsagerin des Ortes, die da sagte: »Wird der Ring nicht wieder¬ 
gefunden, so wird das Geschlecht der Schaffgotsch’ bald aussterben.c 

Mehrere Jahre waren seit dem Vorfall dahingeschwunden, da 
befand sich das gräfliche Paar mit der Dienerschaft wieder auf dem 
Berge. Man hatte einen großen Teppich ausgebreitet und sich darauf 
niedergelassen, um einen kleinen Imbiß einzunehmen. Wie man nun 
so saß, huschte plötzlich ein Mäuslein vorüber und blickte auf die 
speisende Gesellschaft mit seinen hellen, munteren Augen. Ein Diener 
nahm es und wollte es töten; aber die Gräfin, welche Mitleid mit dem 
geängstigten Tierchen hatte, sprach: »Tötet es nicht, sondern laßt es 
laufen; wer weiß, ob es uns nicht Glück bringtL Der Diener gab 
darauf dem Mäuslein die Freiheit wieder, und geschwind richtete es 
sich auf und verschwand zwischen Gras und Wurzeln. 


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Wilhelm Mnller-Rndersdorf, Volkssagen aus dem Isergebirgc. 155 

Aber noch ehe man sich vom Mahle erhoben hatte, erschien das 
Tierchen abermals und brachte in seinem Maul den seit Jahren vermißten 
Ring herbei, legte ihn vor der erstaunten und freudig bewegten Gräfin 
nieder und verschwand darauf wieder im Gewirr des Grases. 

Auch den Grafen Leopold und seine Dienerschaft versetzte der 
unerwartete glückliche Fund in die froheste Stimmung. Und man hielt 
es für sicher, daß der Ring seinerzeit in einen Gang der Maus gerollt 
und bis zu seiner Rückgabe durch das dankbare Tierchen darin ver¬ 
borgen war. Angeregt durch diese Offenbarung göttlicher Wundermacht, 
ließ Graf Leopold an dem Orte eine Kapelle erbauen und sie zu Ehren 
seines Schutzpatrons, des heiligen Leopold, weihen. Und kräftig und 
frisch sproßte das Geschlecht der Schaffgotsch fort, das blühende Berg 
reich der Ahnen beherrschend bis zum heutigen Tage. 

Nach Aufz. von A. Groß, Greiffenberg. 1917. 


IX. 

Das Tier in der Steinrücke. 

Vor sechzig Jahren lebte in seinem Hause gegenüber der Querbacher 
Oberschenke der Dreßler-Kramer. Er besaß neben seinen einzelnen 
Ackerstreifen auch ein Stück Rodland, das vormals zu Eckert-Bauers Gut 
gehörte und sich hoch an der Forstel-Grenze hinzog. Merkwürdig und 
unbegreiflich für die Leute aus Querbach und Forstel war es, daß dort 
mehrere Jahre lang eine Steinrücke (Haufen zusammengelesener Feld¬ 
steine) lag. Am meisten wunderte sich Nachbar Weichelt darüber und 
fragte schließlich den Dreßler-Kramer, warum er sein Rodland nicht 
abräume. Was ihm dieser darauf zur Antwort gab, waren Worte voll 
tiefer Klage. Schon längst hatte Dreßler, wie er berichtet, die Absicht, 
die unnütze Steinrücke zu beseitigen; aber immer, wenn er ihr nahe¬ 
trat, brach daraus ein teuflisches Tier hervor, das auf ihn zudrängte 
und ihm nachjagte, bis er in sein Haus flüchtete. 

Die Bedrängnis Dreßlers durch die seltsame Erscheinung dauerte 
auch in der Folgezeit fort, so daß er zuletzt ganz geistesgestört wurde. 
In höchster Not ging er dann schließlich zu dem Pfarrer Pietsch nach 
Giehren und klagte ihm sein Leid. Da dieser in der schwarzen Kunst 
erfahren war, so konnte er ihm ein Mittel weisen, den Geist auf seinem 
Acker zu bannen. Auf Pietsch’ Rat kniete Dreßler mit Bezwingung 
seines Furchtgefühls vor der Steinrücke nieder und betete sieben 
Vaterunser. Jedesmal, wenn er dabei zur siebenten Bitte kam (Erlöse 
uns von dem Übel!), wiederholte er sie siebenmal. 

Daß die fromme Beschwörung dem Dreßler-Kramer half, weiß jeder, 
der ihn kannte und nachmals davon erzählen hörte. 

Nach Mitt. von Pauline Baumert (Witwe Ernst Weichelts), 

Rabishau-Mühldorf. 1916 aufgez. 


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156 


Wilhelm Möller-Rödersdorf 




X. 

Wie die Hexen vertrieben wurden. 

In Querbach wurde eines Johannisabends bemerkt, wie oberhalb 
der Kaiser Wilhelm-Baude Hexen auf Ziegebböcken den Abhang herab¬ 
geritten kamen. Wie nun der Abend des nächstjährigen Johannistages 
hereinbrach, machte sich ein Mann aus dem Dorfe, dem das Hexen¬ 
getriebe zuwider war, mit Heugabel, Dreschflegel, Harke und Spaten 
nach der betreffenden Stelle auf, legte die Geräte auf den Weg unterhalb 
des Hanges, sprach einige Beschwörungsworte und wartete nun des 
Augenblicks, da die reitenden Hexen herannahen und darüber zu Fall 
kommen würden. Nach einiger Zeit hörte er auch ein eigentümliches 
Pfeifen. Schnell rief er aus: »Ihr Hexa, ihr sed mein, an dos ganze 
Grempelzeug is dein!« Wie er ausgesprochen hatte, hörte er einen 
kräftigen Fall — und der abendliche Zauber war verschwunden. Von 
nun an ließen sich keine Hexen mehr am Kemnitzhange von Ober- 
Querbach verspüren. 

Nach Milt, von Frida Wagner, Rabishau-Mühldorf. 1912 aufgez. 


XI. 

Der Große Leuchter bei Querbach. 

Wie eine brennende Schütte Stroh aufflammend, kam er vom 
Kohlen Berge herunter und wanderte bis zu Elsner-Pauls Wiesen. 
Auch hinterm Fischer-Bauer in der »Kirchlücke« hat man ihn häufig 
gesehen. Doch stets an Abenden in der Adventzeit. Der Kohlschulzer- 
Paulin 1 ging der Leuchter zuweilen nach und erhellte ihr den Weg bis 
ins Dorf. Einige der alten Querbacher meinen, daß in der gespenstischen 
Feuerscheinung das Licht dreier Steiger aufflammt, die zur Bergwerkszeit 
Querbachs in der Grube Anne-Marie verschüttet wurden. 

Nach Mitt. von Pauline Baumert, Rabishau-Mühldorf. 1916 aufgez. 

XII. 

Noch etwas vom Großen Leuchter. 

In Langwasser erscheint zur Adventzeit ein großer Leuchter, der 
verschiedenen Personen, die frühmorgens zu den Roratemessen gingen, 
sichtbar wurde. Die Gebäude in seiner Nähe waren von blendender 
Helle überflammt. 

Nach Mitt. des Kantors Teige, Langwasser. 1917. 

In warmen, irrlichternden Sommernächten sieht man den Großen 
Leuchter auch an der Höhe, auf der die Leopoldskapelle steht, hinziehen. 
Seinen Weg nimmt er von der Tumpfütze bei Groß Stoekigt aus. 

Nach Mitt. von Dorfleuten aus der Gegend bei der Leopolds¬ 
kapelle. 1916. 


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Volkssagen aus dem Isergebirge. 


157 


XIV. 

Der Vietzenteich. 

Von der Giehrener Kirche ging’s aus. Schon seit Jahren machte 
sich dort eine geisterhafte Erscheinung bemerkbar. Namentlich bei der 
Sakristei ließ sie sich blicken. Woher sie kam und warum sie um¬ 
wandelte, das hatte man natürlich bald heraus. 

Wie man bei einem Besuche des Kirchenraumes erkennen und vor 
allem aus der Pfarrchronik ersehen kann, wurden in der Gruft unter 
dem Gotteshause die ersten Geistlichen, die nach dem Kirchbau in 
Giehren wirkten, samt ihren Frauen beigesetzt. Die Ehre, die ihnen 
dadurch zu teil wurde, verdienten sie durchaus. Nicht der Fall war 
dies aber bei einer Pfarrfrau, die man nach ihnen in der Kircngruft 
bettete. Und weil sie in der Gemeinschaft ihrer verdienstvolleren Vor¬ 
gängerinnen keine Ruhe finden konnte, wanderte ihr Geist seitdem in 
der Kirche umher. 

Den Giehrenern war die Erscheinung unheimlich. Und da sie sich 
in der Scheu vor einem Zusammentreffen mit ihm kaum noch allein in 
das Gotteshaus hinwagten, beschloß man endlich, den Geist zu verbannen. 

Ein Bauer des Dorfes fuhr mit einem Kutschwagen vor die Kirch- 
ttir, während sich der geisterkundige Piairer Schmidt daran machte, den 
gespenstischen Störenfried zu beschwören. Es gelang ihm auch, ihn in 
die Kutsche zu bringen. Sobald er nun dort eingei.mgen war, schloß 
man die Tür des Wagens und fuhr mit il m die öst.iche Straße hinauf, 
am Giehrener Friedhof vorbei und dem Vietzenteich zu. Dort machte 
der Wagenlcuker halt und öffnete den Schlag der Kutsche, damit der 
entführte Geist in den Vietzenteich verbannt weiden konnte. Bevor er 
dann wieder heimfuhr, bestimmte er, daß der Gebannte sich nicht eher 
wieder regen dtiife, als bis des Teich ausgetrocknet wäre. 

Diese Beschwörung halte lange Zeit hindurch Geltung. Seit etwa 
zehn Jahren aber erblickt man an Steile des Teiches oberhalb der 
Straße nur noch eine flache, wasserleere Wiesenmulde, von Weiden-, 
Erlen- und Birkengesträuch umrahmt, in der d e Geistermacht wieder 
ihre gespenstische Wirkung erlangt haben soll. Ja, schon bevor der 
Teich vollständig ausgetrocknet war, glaubte man Zeichen der un¬ 
heimlichen Spukerscheinung zu spüren. 

Es war in der Geisterstunde einer Sommernacht, als Friederike 
Weichelt aus Querbach, die mit ihren Kindern und Schwiegerkindern 
aus Flinsberg kam, am Vietzenteich vorüberging. In blendender Helle 
lag das Licht des Vollmondes über der schweigenden, einsamen Land¬ 
schaft, und zauberhaft blitzten die Kreuze des Giehrener Friedhofes, 
den sie zu ihrer Rechten erblickten. Kein Lüftchen regte sich. Doch 
als sie in die unmittelbare Nähe des Vietzenteiches gelangten, nahmen 
sie zu ihrer schreckhaften Verwunderung wahr, daß ein heftiger Sturm 
über dem geheimnisvoll blinkenden Wasser tobte. Er war so gewaltsam, 
daß sich die jungen Büsche am Teichrande ordentlich bogen und sich 


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158 Wilhelm Muller-Rüdersdorf 

■schier um sich selbst drehten. Das wilde Sturmgedränge war eine 
Erscheinung weniger Augenblicke. Als die Dahinschreitenden über die 
gespenstische Stelle hinausgelangten, war es um sie herum wieder so 
windstill wie vorher. 

Ihre Überzeugung sagte ihnen, daß der wildtobende und wirbelnde 
Sturm am Vietzenteich durch den dorthin verbannten Geist bewirkt 
wurde. Die Erklärung, daß dort eine Stelle ist, wo der Wind von den 
Bergen heruntertollt und am Pfarrbusch entlang in das Tal einbricht, 
kam ihnen nicht. 

Eine noch seltsamere Beobachtung als die fünf nächtlichen Wanderer 
machte die Lieb’g’n aus dem Rabishauer Mühldorfe. Sie war bei einer 
Schwester in Giehren auf Arbeit und ging gewöhnlich gegen die Mittags¬ 
zeit nach Rabishau hinüber, um ihrem Mann das Essen zu besorgen. 
Als sie einstmals wieder zum Vietzenteich gelangte — es war zu hellichter 
Mittagsstunde, um punkt zwölf Uhr — erblickte sie dicht an der Ober¬ 
fläche des Teiches einen merkwürdigen großen Fisch, der einen regel¬ 
rechten Menschenkopf trug. Trotz der blanken Sonne, die über der 
Gegend lag, wurde sie doch von einem dunklen Schauer erfaßt, so daß 
sie eiliger denn je ihrem Ziele zustrebte. 

Den in den Vietzenteich verbannten Geist hat man auch in der 
Gestalt eines großen, tiefschwarzen Hundes gesehen. So hatte Ernst 
Weichelt aus Querbach, der nun schon längst tot ist, die unwillkommene 
Gelegenheit, den gespenstischen Hund in nächtlicher Stunde kennen zu 
lernen. Weichelt kam spät mit seinem Wagen auf der breiten Straße 
von Giehren her. Obgleich müde gearbeitet, zogen die Pferde dennoch 
die geringe vierrädrige Last ohne viel Not hinter sich her. In der Nähe 
des Vietzenteiches aber machten sie mit einem Male halt und schnarchten 
wie mit Erzittern laut auf. 

Nicht ahnend, daß sich der »scheechendec Hund den beiden kraft¬ 
vollen Tieren hemmend entgegengestellt hatte, gab Weichelt ihnen ein 
paar kräftige Schläge mit der Peitsche. Als dies aber nichts half, kam 
der böse Zorn über ihn und zwang ihn, kräftigere Hiebe auszuteilen. 
Jetzt bäumten die Pferde hoch auf und stürzten dann mit großen, wilden 
Sätzen vorwärts. 

Alle Bändigungsversuche waren vergeblich, zumal auch Weichelt 
schließlich, in Erkenntnis der schreckenden Ursache, die sichere Ruhe 
verloren hatte. Je näher er seiner Behausung zujagte, umso ungeberdiger 
warfen die scheu gewordenen Pferde den Wagen. Und als sie dann 
endlich schweißtriefend und keuchend am Ziel standen, war der ganze 
Oberteil des Gefährtes zerschlagen; die Achse war fast zerbrochen, die 
Räder hatten sich schief und locker gedreht, und die Ladung war ver¬ 
loren. Weichelt selbst sah wächsern wie eine Leiche aus. 

Nach Mitt. von Pauline Baumert, Rabishau-Mühldorf. 1916. 


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Volkssagen aus dem Isergebirge. 159 

XV. 

Die beiden Gänse. 

Ging da eines Abends ein Mann am alten Kunzendorfer Kirch¬ 
hofe vorbei. Und wie er seine Augen, denen nichts von Schwach¬ 
oder Kurzsichtigkeit anhaftete, auf die dämmernden Grabhügel hinter 
Tor und Mauer richtete, gewahrte er auf einem derselben zwei schnee¬ 
weiße Gänse. In dem Glauben, daß sie irgend jemand im Dorfe ge¬ 
hörten, rief er ihnen zu: »Nu, sedd ihr au noch hie?c und ging heim¬ 
wärts. Zuhause angekommen, plauderte er unter anderem auch von 
seiner ungewöhnlichen Begegnung zu so später Stunde. Unmittelbar 
danach fiel er in eine Krankheit, von der er nicht so schnell wieder 
genas. Erst jetzt kam ihm die Gewißheit, daß es keine natürlichen 
Gänse waren, die er auf dem Friedhofe erblickt hatte. 

Nach Mitt. von Frida Elger, Rabishau-Mühldorf. 1912. 

XVI. 

Das Flämmchen am Steinhaufen. 

Ungefähr eine Viertelstunde von der Kesselschloßbaude entfernt 
lag ehemals ein Steinhaufen, über den ein Strauch seine Zweige 
breitete. In dem Steinhaufen war ein Behälter mit Gold vergraben. 
Ein Licht, das jeden Abend dort flimmerte, deutete den verborgenen 
Reichtum an. Als dann einst zur Abendzeit ein Schneider bei dem 
Steinhaufen vorüberging, gewahrte er die Flamme, grub an der be¬ 
treffenden Stelle nach und hob den Goldschatz. Einige junge Fichten 
bezeichnen jetzt den Ort, wo es geschah. 

Nach Mitt. von Elli Weber, Rabishau-Mühldorf. 1912. 

XVII. 

Beim Kochhäusel. 

Wer den Weg zwischen Giehren und Krobsdorf abkürzt, kommt 
an dem einsamen, wetterdunklen Kochhäusel vorüber. Dicht dahinter 
rinnt silberklar ein schmales Wasser zu Tal. Auf einer Steinplatte 
überschreitet man es. Beim Kochhäusel und vornehmlich an dieser 
flachen Stelle des Baches geht es nicht immer mit rechten Dingen zu. 
Davon kann mancher erzählen, der zur Dunkelstunde in die Nähe des 
Kochhäusels kam. 

Auch Karl Weichelt aus dem Rabishauer Mühldorf hatte hier ein 
seltsames Erlebnis. Als er eines Tages spät den Kochhäuselpfad 
wanderte, um über Krobsdorf und Ullersdorf weiter nach Flinsberg zu 
gelangen^ sah er einen Mann aus Krobsdorf, der an dem Wasser auf- 
und ablief und anscheinend nicht hinüberkommen konnte. Von der 
Anstrengung und seiner großen Aufregung bedeckte ihn triefender 


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Wilhelm Müller-Rüdersdorf 


Schweiß Weichelt wußte sofort, daß hier irgend ein »scheechenderc 
Geist sein böses Spiel trieb. Und als ihm der Gepeinigte auf seine 
Fragen keine Auskunft gab und nur bat, ihm zum Weiterweg zu ver¬ 
helfen, griff Weichelt ihn bei der Hand und zog ihn mit vieler Mühe 
nach dem andern Rande des Baches hinüber. Jetzt konnte er mit ihm 
ungehemmt fortschreiten. Welcher Art die Erscheinung war, die dem 
Krobsdorfer Landsmanne zum Hindernisse wurde, konnte Weichelt aber 
auch jetzt nicht erfahren. 

Nach Mitt. des Stellenbesitzers Karl Weichelt, Rabishau-Mühl- 
dorf. 1915. 


XVIII. 

Das Schaumfloß. 

Bei Ullersdorf grfl. strömt sein Wasser in das breite, steinige Bett 
des Queißflusses. Zur Zeit der heidnischen Sorben badete man darin, 
um sich von Slindenschuld zu reinigen, und darum wurde das Bächlein 
auch, »das heilige Bad« genannt. Wer seines Segens teilhaftig werden 
wollte, durfte aber nur in der Morgendämmerung, schweigend und un* 
belauscht, hineinsteigen. Andernfalls traf ihn die strafende Hand der 
Gottheit. Der unzeitig Badende erhielt einen schwarzen Körper, der 
Schwatzhafte wurde mit Stummsein und der Neugierige mit Blindheit 
geschlagen. 

Heute ist das kleine unscheinbare Schaumfloß in Vergessenheit ge¬ 
raten. Doch nicht weit davon, in dem viel besuchten Kurorte Flmsberg, 
haben heilkräftige Quellen Weltruf erlangt. 

Nach Aufz. von Lehrer a. D. A. Groß, Greitfenberg. 1917. 

XIX. 

Der große Pudel in Langwasser. 

So groß wie ein Kalb ist der Pudel, der in Langwasser am Spritzen¬ 
hause und in dem anliegenden Schulgarten geisterhaft herumstreift. 
Einer ganzen Reihe von Leuten ist er zu mitternächtlicher Stunde er¬ 
schienen. Oft folgte er den verspäteten Döillern dicht auf den Fersen, 
so daß sie ihm nur durch die Flucht in das nächstgelegene Haus ent¬ 
rinnen konnten. Die Langwasserer entsinnen sich noch gut des armen 
Schneiders, dem der große Pudel einmal arg nachsetzte. 

Nach Mitt. von Kantor Teige, Langwasser. 1917. 

XX. . 

Der Ottendorfer Pudel. 

Das ist auch ein gespenstischer Pudel, tiefschwarz und mit großen, 
roten Augen. Und ordentlich das Fürchten kommt einem an, wenn man 


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Volkssagen aus dem Isergebirge. 


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ihn gewahrt. Immer taucht er an der Bahnbrücke bei Ottendorf auf. Da¬ 
durch, daß er vor den Leuten hergeht, macht er ihnen das schnelle 
Vorwärtsschreiten unmöglich. Schlägt jemand in mutiger Entrüstung 
nach ihm, so wird er immer größer. Und erst beim Spritzenhause 
verschwindet er wieder. 

Nach Mitt. von Kantor Drescher, Ottendorf. 1917. 


XXI. 

Der Kalte Brunnen. 

Dicht bei Schosdorf, unweit des Weges, der nach Welkersdorf führt, 
am Fuße eines steilen Hügels, strömt die Quellflut des Kalten Brunnens 
aus der Erde hervor. Sie ist kristallklar und eiskalt und quillt so 
kräftig, daß sie kleine Sandkegel mit emporwirft. In der Nähe des 
Bornes ist ein Sumpf, den das abfließende Wasser gebildet hat. Auf 
ihn verweist eine traurige Sage. 

Ein armer Scherenschleifer war in die Gegend gekommen und 
hatte bei den Leuten des Dorfes stumpfe Messer und Scheren gesammelt, 
um sie auf seinem Radstein zu schleifen und zu schärfen. Des Wassers 
wegen, das er brauchte, stellte er seinen Schleifkarren beim Sumpfe des 
Kalten Brunnens auf. Ganz in seine Arbeit vertieft, merkte er garnicht, 
wie die schwere Karre langsam in den modrigen Grund sank und ihn 
zuletzt mit hineinzog. Ungehört verhallten seine Hilferufe, und bald 
war er spurlos im Sumpfe verschwunden. Noch jefzt heißt es im Munde 
der Leute, wenn der lenzliche Westwind vom Kalten Brunnen her über 
Schosdorf fegt und braust: »Es wird Tauwetter werden, der Scheren¬ 
schleifer arbeitetU 

Nach Aufz. von A. Groß, Greiffenberg. 1917. 

XXII. 

ln die Tumpfütze versunken. 

Wenn du mir zum Ostausgange des Ortes Groß-Stöckigt folgst, so 
kann ich dir dort, wo die Grenzmarken der Gemeinden Krummöls, 
Ottendorf und Groß-Stöckigt Zusammentreffen, die viel besprochene 
Stelle zeigen. Sie trug früher einen nun längst trocken gelegten Sumpf, 
der die »Tumpfütze« hieß. Noch jetzt sieht man dort in warmen 
Sommernächten eine nebelhafte Gestalt herumtappen und ein von un¬ 
sichtbaren Händen getragenes Licht in der Richtung der Burgruine 
Greiffenstein allmählich verlöschen. »Der große Leuchter hat gebrannt!« 
sagen dann in Befürchtung eines bevorstehenden Unglücks die Leute 
nnd sie erinnern sich des folgenden Vorfalles: 

Die Tochter des Klostermannos am nahen Buchberge und der 
Leibjäger des Grafen Schaffg tsch auf Greiffenstein liebten einander. 
Der Ort ihrer heimlichen Zusammenkünfte war ein mächtiger, von 
Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 11 


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Wilhelm Müller-Rüdersdorf, Volkssagen aus dem Isergebirge. 


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dichtem Gestrüpp umvvucherter Eichenstumpf in der Tumpfütze, zu der 
nur ein schmaler, verborgener Pfad führte. Oft hatten die Liebenden 
hier in stiller Zärtlichkeit gesessen, denn sicher trug sie ihr Fuß durch 
das Sumpfgelände hindurch. Eines Abends jedoch erwartete das 
Mädchen ihren Geliebten vergeblich. In Todesangst, suchte sie hier 
und dort. Aber umsonst. Auch ihr wiederholtes Rufen verhallte un¬ 
beantwortet. Und schon der nächste Tag zeigte, daß der Geliebte 
verschwunden war. Kr hatte wohl in der Dunkelheit den Pfad verfehlt 
und im moorigen Grunde seinen Tod gelunden. 

Nach Aufz. von A. Groß, Greiflfenberg. 1917. 


Zwei bisher unbekannte Sagen aus dem 
Bober-Katzbach-Gebirge, 

Von Eberhard Gold mann. 

Vor mir liegt eine alte von dem früheren hiesigen Kantor Förster 
im Jahre 1873 verfaßte Ortschronik von Harpersdorf, welche nicht 
nur mühsam zusammengetragene ortsge9chichtliche Nachrichten bringt 
und eine sorgfältige Beschreibung von Land und Leuten enthält, 
sondern auch zwei Sagen aufbewahrt hat, die bisher der Öffentlichkeit 
noch nicht bekannt geworden sind. Diese beiden Sagen — zur Zeit 
des Chronisten noch im Gedächtnis des Volkes lebendig und von ihm 
durch seine Chronik der Vergessenheit entrissen — ranken sich um 
die beiden Berge, welche sich zu beiden Seiten des oberen Teiles 
der bekannten „Langen Gasse“ dicht an der Grenze der beiden Kreise 
Goldberg-Haynau und Löwenberg erheben, den Heiligen Berg 1 ) (330 m) 
und den Probsthainer Spitzberg (501 m). Auf dem ersteren hat in 
alter Zeit eine Wallfahrtskapelle gestanden, welche im Jahre 1428 
von den Hussiten zerstört worden ist. Daran knüpft die Sage an und 
erzählt: 

Wahrend wilde Hussiten-Horden in unsere friedliche Gegend eindrangen, 
hatte sich eine nicht unbedeutende Anzahl frommer Pilger am Fuße des Ueiligen 
Berges gelagert. Durch die Hussiten erschreckt eilen sie in die Wallfahrtskirche, 
werfen sich vor der Hl. Jungfrau auf die Knie und flehen sie um Errettung an. 
Die Hussiten umgeben den Berg, sperren die frommen Pilger in die Kirche, 
legen Feuer an und verbrennen so beides, Gotteshaus und Beter. Seit dieser 


') Die Karten verzeichnen „Heilige Berg“, das Volk sagt „Heiligenberg“ 
oder mundartlich „Hilgaberg“ und „Hilgerberg“. 



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Eberb. Goldmann, Zwei bisher unbek. Sagen a. d. Bober-Katzbach-Gebirge. 1Ö3 

Zeit hört man dort gegen Abend nach heißen Sommertagen im Innern des 
Berges ein leises Singen, und die Geister der frommen Pilger umschweben den 
Horchenden in Gestalt schwarzer geflügelter Ameisen. — 

Die andere Sage betrifft den gegenüberliegenden Probsthainer 
Spitzberg und berichtet folgendes: 

Vor langen Jahren gehörte das Dorf Probsthain einem Grafen von Rödern, 
der sehr strenge gegen seine Untertanen war und die Bauern bei ihren Fron¬ 
diensten gar arg drückte. Mancher Seufzer entrang sich der Brust seiner Unter¬ 
tanen, manche Träne rollte über ihre Wangen herab, und manche Verwünschung 
wurde ihm heimlich nachgeschleudert. Denn alle Bitten um menschlichere Be¬ 
handlung blieben erfolglos. Endlich wurden die gequälten Bauern erlöst, indem 
ihr strenger Gutsherr am Fuße des Spitzberges auf den sogenannten kleinen 
Spitzberg verbannt wurde. Von Zeit zu Zeit erschien er einem Vorübergehenden 
oder einem Holzmachcr, der am Abend seiner Heimat zuschritt und neckte und 
foppte ihn; und bald fürchtete sich die ganze Umgebung vor dem kleinen 
grauen Männchen, das die Gegend unsicher machte. Einst saß in der Nähe 
des kleinen Spitzberges am Waldessaum der herrschaftliche Revierförster, hatte 
sein geladenes Gewehr neben sich hingelegt und verzehrte ein Vesperbrot. Da 
trat aus dem Gebüsch ein kleines graues Männchen keck an ihn heran und 
fragte ihn barsch: „Was beginnst du hier?“ „Ich verzehre mein Vesperbrot,“ 
war die Antwort. „Was wirst du dann tun?“ „Dann werde ich eine Pfeife 
Tabak anbrennen. Hier liegt meine Pfeife.“ Er zeigte auf sein geladenes 
Gewehr. Das graue Männchen warf einen Blick auf die Flinte und fragte: 
„Darf ich, während du issest, ein paar Züge aus deiner Pfeife tun?“ „Von 
Herzen gern,“ antwortete der Forstmann. Das graue Männchen nahm die 
Mündung des Gewehrs in den Mund und begann zu rauchen. „Warte, warte,“ 
sprach der Förster, „ich werde dir erst ein wenig Feuer machen, damit der 
Tabak anbrenne.“ Bei diesen Worten drückte er an den Hahn des Gewehrs, 
der Schuß knallte, und das graue Männlein war im Nu verschwunden und hat 
sich bis auf diesen Tag nicht mehr blicken lassen. 


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Verarmung und Wiedererweckung des 
Volksgesanges. 

Von Wilhelm Sch re mm er. 

Das alte Volkstum will dahinsterben. Man hört auf zu singen. 
Und daneben, schon halb im Abendscheine, stehen die herrlichen 
Schätze der Vergangenheit, steht auch der alte deutsche Volksgesang. 

Noch immer ragt er in seiner Kraft und Naturfrische empor 
wie der deutsche Wald. Er hat dasselbe wunderliche Rauschen und 
dieselben unergründlichen Geheimnisse. 

Bald bricht es aus der Ferne wie Orgelton und wilder Schlacht¬ 
gesang, bald rauschen Töne tiefster Schwermut und quellender 
Heiterkeit. Dann wallt die Leidenschaft. Immer neue Stimmungen 
und Offenbarungen des deutschen Herzens halten uns gefangen; es 
weht zu uns wie ein Klingen, und jeder steht schweigsam und ihm 
deucht, als halte alle Welt den Atem an. Das sind die Augenblicke, 
da man fühlt, daß das menschliche Herz noch verschlungener und 
reicher ist als die laute Welt da draußen mit ihren Ländern, Strömen 
und Meeren. 

Und trotz all der Fülle hat die Verarmung unseres Volks¬ 
gesanges längst begonnen. Er verarmt, weil die Menschen verarmen. 
Je weiter sie sich von der Sonne, von Tannengrün und Buchenfrische 
entfernen, desto mehr bricht Stück um Stück der alten Herrlichkeit 
zusammen. Es wird von Jahr zu Jahr stiller in unserm Volke: die 
alten Lieder verklingen immer mehr. Damit aber stirbt, das lehrt 
die genaue Beobachtung des Volkes, viel wirkliche Sangfreudigkeit 
dahin. 

Dabei ist wohl zu beachten, das Volk hört auf zu singen. Nicht 
darum handelt es sich, daß in dieser und jener Gegend, hier und 
da in der Familie noch Volkslieder gesungen werden. Es gilt, unser 
Augenmerk auf das Volk in der Gesamtheit zu richten. 


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"Wilhelm Schrommer, Verarmung und Wiedererweckung des Volksgcsangcs. 165 

Heute kann der Volksliedersainmler mehr Erfahrungen von der 
Verarmung des Volksgesanges als Volkslieder sammeln. Es bedarf 
gar nicht der jahrelangen Beobachtungen des Sammlers. Horche 
hinaus in das fernste Walddorf, wandere über das Land, tritt ein 
in die Stadt, besuche die Werkstätten, die einzelnen Stände, die 
•einstmals so berühmt durch ihr Singen waren, ziehe die einsamsten 
Straßen: es geht langsam mit dem Singen zu Ende. 

Wohl singt noch hier und da der Bauer, der treueste Hüter 
der Lieder, der Handwerker, der Wanderer . . . Aber einzelne 
erfreuliche Erscheinungen können über die allgemeine Verarmung 
-des Volksgesanges nicht hinwegtäuschen. 

Sie greift viel tiefer, als man gemeinhin glaubt; cs fehlt an 
der Kraft, Neues in Wort und Weise zu schaffen. Das Volk wird 
heute nicht mehr bis in die tiefsten Tiefen des Gemütes ergriffen. 
Leichte Ware wird als echtes Gut aufgenommen, und der Tingel¬ 
tangel begeistert die Herzen. Man zersingt, verflacht alte Lieder, 
ohne ihnen von neuem frisches Leben verleihen zu können. Man 
hole eine einzige Ballade, wie sie etwa in unserer Zeit noch lebt, 
heraus, und vergleiche sie nach Wort und Weise mit dem gleichen 
Liede, wie es die Väter sangen. Welche Verarmung in 60 Jahren! 
Wieviel Lieder sind heute noch sicherer Singbesitz! Armut im 
Singen, im Aufnehmen, im Umgestalten, im Neuschaffen. Überall 
dasselbe trübe. Bild. 

Die Verarmung aber schreitet fort und wird von Jahr zu Jahr 
augenscheinlicher. 

Nicht plötzlich ist es gekommen, daß unser Volk seine Lieder, 
die Kummer und Leid erhellten und immer neuen Glanz zur 
Freude legten, vergißt. Wir können die Spuren bis in die dreißiger 
und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und noch weiter zurück 
verfolgen. Da beginnen die Klagen laut zu werden, die nicht mehr 
verstummen sollten. 

Eine Zeit geht zu Ende, still und langsam, die Zeit der Post¬ 
kutschen, der Volksfeste, der gemütvollen Gelassenheit. Eine neue 
unerklärliche Macht rückt mit Dampf und Elektrizität heran und 
packt die Menschen und faßt jeden Einzelnen bis zum ärmsten 
Manne hinab. Nichts hat die Geister vordem so bewegt. All die 
gelehrten Streitigkeiten bis hin zum Nationalismus rührten den ge¬ 
meinen Mann nicht. Ein großer wirtschaftlicher Umschwung setzt 


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166 


Wilhelm Schrcmmer 


ein. Die Menschen ballen sich in Riesenstädten zusammen, eine 
Völkerwanderung hat begonnen, wie sie noch keine Welt sah, das 
Spinnrad steht still, der Dampfpfiff gellt durch die einsamsten 
Täler, eine fieberhafte Hast und Unruhe bemächtigt sich dei Menschen. 
Alles gerät ins Wanken. Man sinnt und sinnt, als sollte eine Welt 
aus den Angeln gehoben werden. Mit dem alten Frieden ist es 
vorbei. Ungeheure Reichtümer werden gesammelt; das Geld ge¬ 
winnt die Herrschaft über die Menschen. Es kommt das Zeitalter 
der Eisenbahnen, der Telegraphen, der Luftschiffe, die Zeit der 
Maschinen. Mit eisernen Armen wälzt es sich heran. Die Erde 
bebt, es kommt ein Zittern über den Wald der alten Mächte, es 
greift hinaus in die Natur, stürzt den heiligen Wald, läßt sich an 
allen Flüssen und Bächen nieder, schüttet die Leute durcheinander, 
es bindet alle an eine Kette. Ob die Menschen jubeln oder stöhnen,, 
sie müssen alle mit. 

Ein neuer großer, geschichtlicher Wind weht über unser Volk, 
über die ganze Erde. Es kommt etwas, was in Asien, Amerika 
ebenso aussieht wie in Europa. Es weht über alle Weltmeere, in 
alle Häfen, auf dem Lande und in den Bergen. Es kommt eine 
neue Form der Arbeit, des Besitzes, der Gesellschaftserscheinung, es 
kommt das Zeitalter der Großbetriebe, des Sozialismus, eine neue 
über die Erde hin sich ausbreitende Stimmung der. Menschen, eine 
neue Art, Mensch zu sein. Wo ist der Kern der Bewegung, welches 
ist die treibende Kraft hinter den Einzelerscheinungen? Ist es der 
Kapitalismus? Wir ringen immer noch nach dem Ausdruck. Alle 
Erklärung entbehrt der Festigkeit. Selbst die vom Kapitalismus 
sprechen, sind äußerst schwankend, was es denn eigentlich ist, wo¬ 
von sie sprechen. Wir fühlen alle den großen Wind, ein jeder wird 
selbst gestoßen, gehoben, geschüttelt, und keiner ist im Zweifel, 
daß eine einheitliche Kraft hinter den Erscheinungen steckt; wir 
empfinden den harten Zwang und können ihn doch nicht klar be¬ 
greifen. Er aber ist mächtig genug, uns alle zu beunruhigen. 

In dieser Zeit, in dem Aufgange der materiellen Kultur, da der 
Verstand obsiegt und die Quellen des Gemütes stocken, steht der 
Mensch, unser Volk. Dort steht der Mensch mitten unter den 
Maschinen! Hört, wie die Räder summen, wie die Eisenhämmer 
dröhnen! Die alten Lichter sind längst heruntergebrannt, und neue 
umgaukeln seine Sinne. Sie weisen dem Verstände neue Bahnen. 
Wie schnell der Mensch jetzt neben seinem eisernen Gesellen zu- 


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Wilhelm Schreininor 


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Es war noch ein anderes Singen, als man sang: 


Herzlieh tut mich erfrewen 
die frolich summerzeit,' 
all mein geblüt vernewen, 
der tnei viel wollust geit. 


Die lereh tut sich erschwingen 
mit ihrem hellen schal, 
lieblich die vöglin singen, 
vorauß die nachtigal. 


oder: 

oder: 


Innsbruck, ich muß dich lassen 

Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Erden, 
Gottes und Marien Sohn. 


Da standen die Väter noch fest im Glauben, fest in der Sitte 
und fest in der Natur. Welch unerschütterliche Weltanschauung 
ruht nicht hinter dem Humor im alten Gesänge! Das Leid und die 
Freude warf man getrost hinauf zum Himmel: vor nichts scheute 
man zurück, denn man blieb sich selbst treu. 

Da, als die Einheit des Volkes längst verloren zu gehen droht, 
ist es erklärlich, daß auch das schlichte, innige Volkslied in das 
Gedränge kam, daß man es vergißt. Das Ohr liebt nicht mehr das 
Innige, Schlichte, sondern das raffiniert Technische. Das entspricht 
der seelischen Gereiztheit unserer Tage. Man greift zum Gassen¬ 
hauer im übelsten Sinne des Wortes, zu den Variete- und Operetten¬ 
weisen. Heute singt man sie, morgen pfeift man sie. Es ist kein 
wahrhaftes Singen mehr, es ist ein hastiger Sport. Man singt die 
albernsten Worte und Strophen, auch wenn man weiß, daß sie albern 
sind. Wie eine Krankheit hat der Gassenhauer das Volk ergriffen. 
Der Boden war bereitet. 

In dieser neuen Zeit mit ihrem großen wirtschaftlichen und 
geistigen Umschwünge liegen die tiefsten Gründe der Verarmung 
verborgen. Sie hat die Bevölkerung gesellschaftlich timgeschichtet 
und die Gelegenheiten zum Singen genommen. Die Spinnstube, die 
Dorflinde, die Dorfrundgänge, der Brunnen am Tore, die alte Schenke 
werden immer mehr eine alte schöne Sage. 

Am ärgsten liegen die Dinge in der Großstadt. Sie ist der 
Tod des Volksliedes, und immer weiter greift sie in das Land hinaus. 
Früher führten die Straßen aus den Städten auf das Land, heute 
führen alle vom Lande in die Stadt. Draußen summen auch schon 
die Maschinen. Das Stilleben der Dörfer und kleinen Städte schwindet 
immer mehr. 

Daß auch die Obrigkeit der Verarmung durch unverständiges 
Bekämpfen aller Singgelegenheiten Vorschub leistete, ist bekannt. 


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PRINCETON UNiVERP 



Verarmung und Wiedererweckung des Volksgesanges. 


169 


Die Singverbote haben sicli gerächt. Die Behörden wissen das heute. 
Das Singen hat aufgehört, jeder Philister kann ruhig schlafen. 

Durch verständige Pfleger hätten viele Singgelegenheiten für die 
Zukunft erhalten bleiben können. 

An dem Niedergange der Instrumentalmusik auf den Dörfern 
ist die Geistlichkeit nicht frei zu sprechen. Sie hat aus den Dorf¬ 
kirchen die Instrumente verbannt. Manches gute Talent bleibt nun 
unausgebildet. Feste und Musik waren früher gleichbedeutend. 
Heute sind sie es in bedingtem und schlechtem Sinne. Mochten es 
früher Geige, Hackbrett, Klarinette, Streichbaß sein, die alle Volks¬ 
feste verschönten, unbestreitbar bleibt, daß ihr Fortfall Verarmung 
auch im Singen nach sich zog. Die eigentliche Fortbildung im 
Singen ist mangelhaft; in den Schulen werden viel zu wenig Volks¬ 
lieder gesungen. Fis gibt nur noch selten Gelegenheit, Dorfmusik 
zu hören, seit die alten Musikanten gestorben sind. Männergesang¬ 
vereine bestehen wohl, aber sie üben und singen nur Paradestückchen. 
Auch hat die Entvölkerung der kleinen Dörfer ständig zugenommen. 

Man sagt, als das Spinnen aufhörte, hat die Spinnstubenherrlich¬ 
keit aufgehört. Das ist eine irrige Ansicht. Für das Spinnen hätte 
ruhig eine andere Arbeit eintreten können. So war es auch in 
vielen Dörfern der Fall. Freilich, die Verarmung des Volksgesanges 
war nicht aufzuhalten, wie man die alte Einheit des Volkes, wie sie 
gerade im Singen in Erscheinung trat, nicht bewahren konnte. 
Immer weiter lösten sich „bessere Kreise“ vom Volksganzen los. 

Mit der Verarmung des Volksgesanges geht die Verarmung der 
ganzen deutschen Volksmusik Hand in Hand. Die alten Musik¬ 
instrumente, die alten Tänze verschwinden allmählich auch in den 
Bergen. Noch vor 50 Jahren z. B. wurde noch in den schlesischen 
Bergen musiziert mit Lauten, Geigen, Pfeifen. Von den Berg¬ 
wiesen scholl der Schallmeienklang, der Pfeifenklang der Hirten. 
Manch fröhlicher Geselle zog mit seiner Geige und Flöte in die 
Ferne. Das hat aufgehört, da ganze Berufe, wie der der Schäfer, 
der echten Wanderbursche ausgestorben sind. Auf meinen viel¬ 
jährigen Volksliedersammlungsreisen habe ich in den Bergen und 
auf dem Lande Zusammenstellungen von den alten Musikinstrumenten, 
die noch vorhanden waren, gemacht; es sind über 80% verschwunden. 
In einem großen Gebirgsdorfe, von dem der Chronist noch vor 
100 Jahren rühmt, daß der Tag und der Abend hier von Gesang 
und Musik widerhalle, daß in jedem Hause, in jeder Stube mindestens 


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170 


Wilhelm Schremmer 


ein Instrument anzutreft'en sei, sind heute, die Instrumente der 
Berufsmusiker, der städtisch gebildeten Leute abgerechnet, nur noch 
einige Mund- und Ziehharmonikas, eine Flöte, eine Geige vorhanden. 
Der Wegfall jedes einzelnen Musikinstrumentes bedeutet einen 
Verlust. 

Heute läßt man sich von den Grammophonen, die sich wie eine 
Pest verbreitet haben, Musik vormachen, statt sie selbst zu üben. 
Überall herrscht die nützliche Verstandeskultur. 

Und in diese Zeit hinein trat das Kriegserlebnis. W T ird es 
alles ausgleichen, wird es zur Besinnung rufen und allen Einzelnen 
zum Bewußtsein bringen, den Herrschenden und den Dienenden, welchen 
Zielen wir znsteuern? Wird es die Kraft haben zu zeigen und in 
der gewonnenen Erkenntnis zu wirken, wieviel Hohlheit in unserer 
so oft gepriesenen Kultur liegt, daß der Mensch doch eigentlich nur 
bedarf, was die Natur fordert? Vor lauter eingebildetem Kultur¬ 
reichtum waren wir bettelarm geworden. Wir sind es noch, und 
wir werden es bleiben, wenn wir nicht lernen wollen und bereit 
sind, mit allem Ernst und allen Mitteln nun gegen die Gefahren zu 
kämpfen, die unser Volkstum bedrohen. 

Viele wissen es noch gar nicht und wollen es auch heute viel¬ 
leicht noch nicht sehen, wie tief wir schon im Schlamm steckten, 
wie sehr der große Götze Geld schon über alle Ethik herrschte. 

Wieder hat das Volk in den Tagen der Not gesungen, wahrhaft 
gesungen. Noch ist nicht alles verloren. Mir will es scheinen, als 
seien neue Kräfte, wie Stimmung und Gefühl im Aufwachsen. Jetzt 
sehen wir es: nur die Innerlichkeit hat wahren Wert 

Noch ist das deutsche Volkstum nicht gestorben. Dieser Krieg 
wird ihm helfen, Kraft in der Tiefe zu sammeln. Noch steht auch 
der deutsche Volksgesang. Es schien, als sei er schon vom Abend¬ 
scheine umllosseu und halb vergessen wie ein hoher Wald in der 
Ferne. Aber nun leuchtet er wieder zu uns herüber als ein Wahr¬ 
zeichen einer Zeit, da das deutsche Gemüt eine Welt besiegte. 

So hotten wir auf die Zeit, da auf altera Boden neue Kraft in 
grünes Gezweige strömen wird. Die neue Zeit wird ihre Lieder 
haben und die alten auch lieben, die unsere Voreltern erquickten. 
Wir werden uns durch diese Zeit ringen und wollen nicht an der 
Zukunft unseres Volkes verzweifeln. Niedergang und Aufstieg füllt 
die Jahrhunderte; das deutsche Volk hat sich schon oft aus großen 
Tiefen emporgehoben. 


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Verarmung und 'Wiedererweckung des Volksgesanges. 


171 


Wir hoffen heute; die Zukunft wird es lehren. Aber zur 
Hoffnung wollen wir die Arbeit legen. 

Mir ist, als müßten alle, die am Vaterlande hangen, heute einen 
großen Bund zur Abwehr aller Gefahren schließen, die das Volkstum 
gefährden. 

So sollte gerade heute weniger von der Pflege der Volksdichtung 
geredet als vielmehr wirklich und mit Verständnis gearbeitet 
werden. 

Für das Volkslied bemühte mau sich schon seit Jahren. Wieviel 
Worte sind nicht um das unter hohem Schutze entstandene Lieder¬ 
buch gemacht worden, und wie herzlich wenig ist doch dabei heraus¬ 
gekommen! Nicht einmal ein Volksliederbuch ist es geworden. 
Zum Volke wollte man zurück, den Dünkel der kleinsten Dorfgesangs¬ 
vereine zog man groß. Weil man das Volk und sein Empfinden 
immer wieder außer acht läßt, haben wir an allen Ecken Fehlgriffe, 
nur kein nutzbringendes Schaffen. Unsere ganze Arbeit richtete sich 
gar nicht auf das Volk, sondern auf die Museen, in denen sich weiter 
Band an Band reiht. Wie löblich diese Bucharbeit auch ist, dem 
Volke wird damit wenig geholfen. 

Der Weg, den wir bei der Pflege einzuschlagen haben, ist ge¬ 
zeichnet. Daran kann nur der allein zweifeln, der um die Be¬ 
dürfnisse der breiten Masse nicht Bescheid weiß. Wie groß und 
gewaltig auch immer der Ruck sein mag, der in der Maschinenzeit 
auch den einfachsten Mann vorwärts riß, das Volk findet noch immer 
Gefallen an seinen Reimen, Sprüchen, Rätseln, Sagen, Märchen, es 
singt noch immer seine Lieder. Wie ein inneres Klingen geht, es 
durch den Saal, wenn endlich für den Mann des Volkes nach vielen 
Kunstgesängen ein Volkslied erschallt. Das alles gibt uns die tröst¬ 
liche Gewißheit, daß die alten Werte auch heute noch ihre große, 
Kraft üben können. Das Volk muß wieder ein Gefühl für das Wurzel¬ 
echte bekommen, daß es aus eigener Kraft endlich all den Flitter 
von sich wirft. 

Zu dieser Stärkung der Volkskraft tut ganze Arbeit not; es 
muß ein Schaffen von Grund auf sein. Und nur die sollen sich an 
die Arbeit heranwagen, die nicht nur die Natur des Volkes, sondern 
auch der Volksdichtung kennen. 

Der Jugend sind die alten Schätze vor die Seele zu stellen; die 
Schule hat die vorbereitende Arbeit zu leisten. Heute fehlt uns 
noch die Schule, die die Volksdichtung mit aller Kraft pflegt. Dali 


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172 


Wilhelm Schreimner 


wir große erzieherische Wirkungen außer acht lassen, wird mehr 
und mehr deutlich werden, je weiter wir in der neuen Zeit vorwärts 
schreiten. 

Wir wünschen für jede deutsche Schule, von der Volksschule 
herauf, geordnete Vertiefung in deutsche Märchen, Sagen, Sprüche, 
Lieder. Damit ist keine methodische Zerptlückung der Lieder ge¬ 
meint, sondern Erziehung zur Freude und Erbauung an dem Schatze 
der Väter, Verständnis der Volksliedkunst, Aufnahmefähigkeit. Der 
Schüler soll einst allein den Weg in das Land des Volksliedes 
suchen und finden. Die Musikempfänglichkeit ist zu ergreifen. 
Das Lernen ist nicht die Hauptsache. Heute bleibt es ganz dem 
Zufall überlassen, wenn einzelne Schüler mit der Volksdichtung in 
Zusammenhang kommen. Mit dem Einsetzen von Kinderliedern und 
Sprüchen in Fibeln, mit dem vereinzelten Erzählen verstreuter 
Märchen und Sagen, mit gelegentlichen Hinweisen ist noch nichts 
getan. Wie sehr würden es uns die Kinder danken, wenn das Lesen 
ganzer Bücher der Volksdichtung eingeführt würde. Wir haben 
heute ein Tausenderlei zu einem Lesebuche. Daß es die Jugend 
nicht fesselt, ist nur zu natürlich. Wir müssen auch nicht allein 
die Schulzeit bedenken, sondern die Zeit, die hinter der Schulzeit 
steht. Es sollte fortan kein deutscher Schüler die Schule verlassen, 
der nicht neben unserer Kunstdichtung auch die deutsche Volks¬ 
dichtung liebgewonnen hat. 

Eine besondere Beachtung muß dem Volksliede geschenkt werden. - 
Hier fehlt uns noch ein wahrhaftes Volksliederbuch für die Schule, 
das im Anhänge auch volkstümliche und Kunstlieder enthält und 
der Jugend für immer Freude macht und nicht beim Schulaustritt 
in die Ecke fliegt. Der heutige Zustand des Schulgesanges ist 
jammervoll. Die Wirkungen zeigen es. Bei meinem jahrelangen 
Sammeln von Volksliedern habe ich mitten im Volke die Wirkungen 
des Schulgesauges zahlenmäßig festgestellt. Zwei Jahre nach dem 
Schulaustritt sind 7o% der gelernten Schullieder aus dem Gedächtnis 
verloren! Das ist durchaus nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, 
daß viele Lieder niemals aufgenommen waren, und daß später die 
Singgelegenheit fehlte. Die heutige Volksmusik nährt sich von 
Operetten weisen. Nur wenige Volkslieder haben sich hinübergerettet. 
Das ist das Zahlenmaterial vom Lande, wobei ich stets mit dem Lehr¬ 
plan der Schule verglich; in der Großstadt schnellt die Prozentzahl 
noch mehr in die Höhe. 


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Verarmung und Wiedererweckung des Volksgesanges. 173 

Man konnte es in Deutschland nicht oft genug sagen: Volks¬ 
lieder pflegen heißt singen. Jetzt sehen wir es alle Tage. Und 
auf das echte Volkslied, das mitten aus dem Volke herauswuchs, 
das von Ort zu Ort geweht Geschlecht um Geschlecht erfreut, das 
de3 persönlichen Charakters entkleidet ein Lied des Volkes wurde, 
kommt es allein an. Nicht auf die kläglichen, meist sentimentalen 
Nachdichtungen von Kunstdichtern. 

Zu einer mächtigen Bewegung zugunsten des Volksliedes im 
besonderen muß es künftig bei unserer Militärerziehung kommen. 
Vordem trug der Urlauber meist neue Operettenmelodien hinaus in 
sein Dorf, und in vielen. Kasernen erklangen Zotenlieder, weil es 
von Jahr zu Jahr mehr an guten Liedern mangelte. Es würde viel 
Gutes geschaffen, wenn man das Volkslied auch in unserem Heere 
überall stärkte, wo es nur geht; Volkslied und Soldaten gehören 
zusammen. Wer einmal Soldaten deutsche Volkslieder singen hörte, 
weiß, wie es klingt. Das Volkslied gibt dem Krieger alles, wonach 
er verlangt. Der Wetteifer der einzelnen Regimenter könnte bei 
verständiger Leitung leicht angefacht werden. Es fehlt dem deutschen 
Heer vor allem ein wirkliches Soldatenliederbuch voller Volkslieder. 
Jede einzelne Landschaft könnte sich ein Buch schaffen, das die 
schönsten Volkslieder neben besonderen, vielgesungenen Heimatliedern 
enthielte. Die deutschen Militärkapellen müßten überall mit gutem 
Beispiel vorangehen; davon kann aber heute noch keine Rede sein. 
Gerade das Heer darf die Wirkungen des echten Gesanges niemals 
vergessen. Das wußte Napoleon sehr wohl; lange Zeit hat er sich 
mit der Herausgabe eines Soldatenliederbuches beschäftigt. 

Von Wien aus ist auch nach Deutschland der Ruf erklungen; 
Gründet Volksgesang-Vereine! Leider hat das löbliche Beispiel des 
Wiener Volksgesang-Vereins bisher wenig Nacheiferung gefunden. 
Gerade die Gesangvereine sollten die Pffegestätten des alten, deutschen 
Volkes werden. Hier aber schafft Hochmut und lächerliche Nach¬ 
eiferungssucht Schaden. Der kleinste Dorfgesangverein übt die 
schwierigsten Kunstgesänge, um nur dem Nachbarvereine und den 
großstädtischen Sängerkreisen nicht nachzustehen. 

Überall in Stadt und Land gilt es, heute in erster Reihe, nach 
Gelegenheiten zum Volksliedersingen zu suchen. Damit ist für die 
gesamte Volksdichtung oft alles erreicht. Die Spinnabeude sind da¬ 
hin, doch Gelegenheiten zum Singen gibt es noch oft genug. Nur 
der gute Wille darf nicht fehlen. Einen vortrefflichen Weg sah ich 


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174 


Wilhelm Schremmer 


einen Lehrer einsehlagen, der allwöchentlich die schulentlassene 
Jugend zum Volksliedersingen um sich sammelt. Längst eilen 
auch die Alten herbei, um sich an den Gesängen zu erfreuen, und 
in dieser schweren Zeit sucht so mancher dort Trost und Auf¬ 
richtung. 

Zu dieser Pflege gehört ein feines Verständnis und eine zarte 
Hand; der geistige Boden soll vorbereitet werden. Die wichtigste 
Zeit für die Pflege der Volksdichtung liegt in den Stunden nach 
der Schule. Hier aber fehlen heute Singgelegenheiten, auch 
Gelegenheit, wo auf gesanglicher und instrumentaler 
Grundlage die im Volke vorhandene Begabung ausgebildet 
wird. Das Land wird bald ganz entblößt sein von Musik. Gerade 
die Instrumental - Vereinigungen haben im 18. Jahrhundert das 
deutsche Musikleben so reich gefördert. Wir müssen zu einer neuen 
musikalischen Volkskultur hin. Die Familienmusik leidet heute 
durch die mechanischen Musikwerke, besonders unter dem Grammophon. 
Im Dorfwirtshause herrscht der Musikautomat. 

Manche Lehrer und Pfarrer können hier gerade iin freien 
Umgänge mit der Jugend heute viel Gutes schaffen. 

Pflege der Volksdichtung bleibt nicht beim Volksliede, beim 
Rätsel, beim Spruch — sie wird zur Pflege der Heimat überhaupt, 
vor allem auch der heimatlichen Mundart. Keiner sollte sich gering 
achten, sie zu sprechen. Mit der Heimatsprache gewinnt man oft 
am besten die Herzen. 

Bei der Pflege der Volksdichtung packt schließlich das frei 
wirkende Beispiel am meisten. Geht heute überall mit gutem Bei¬ 
spiel voran, ihr Volkserzieher! Die bewußte Pflege hat immer die 
Nachteile des Künstlichen; was sich aber aus dem Herzen zu freier 
Wirkung herausringt, bringt den größten Segen. 


Zwei alte schlesische Tänze. 

Von Wilhelm Schremmer. 

Von den alten Volkstänzen ist auch in den kleinsten Dörfern 
kaum noch etwas übrig geblieben. Der neuzeitliche Gassenhauer hat 
mit seinen Formen des Tanzes auch hier alles verdrängt. Ein Blick 
in den heutigen Tanzsaal zeigt, was wir alles verloren haben. Es 


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Zwei alte schlesische Tänze. 


175 


wäre ein hohes Verdienst der Schlesischen Gesellschaft für Volks¬ 
kunde, wenn es ihr gelänge, recht viele alte Tanzformen zu retten, 
sie in einer Volksausgabe dem Volk selbst wieder dienstbar zu machen. 
Dieser Weg ist durchaus gangbar. Die bisherigen Erfahrungen auf 
dem Gebiete des Volksliedes geben manche Hinweise. 

Viele alte Tänze haben sich in das Volkslied, besonders in das 
Kinderlied gerettet. Ich weise hin auf: der saidt hnt ke brüt im 
haus'). In manchem Kinderliede haben sich bekanntlich uralte 
Volkstänze erhalten. Der Weg der Rettung ist keineswegs neu. 

Im Eulengebirge werden noch heute zu Bauernhochzeiten zwei 
alte Tänze aufgeführt, die ich auch in der Ebene, z. B. im Ohlauer 
Landkreise, angetroffen habe. 

1. Der Korbtanz. 

Ein Stuhl wird an eine schmale Seite des Saales gestellt. Auf 
ihm nimmt ein Tänzer Platz, der in seiner rechten Hand einen Korb 
hält. Die Tänzerinnen treten vor dem Stuhle zu Paaren an, die 
Tänzer ebenso. Die Ordnung ihrer Reihen läßt Platz zum Tanzen. 
Sitzt eine Jungfer auf dem Stuhle, gehen die Tänzer unter den 
Klängen der Musik paarweise an ihr vorüber, neigen sich vor ihr, 
bleiben einen Augenblick stehen. Mit dem Auserwählten wird ge¬ 
tanzt; der andere erhält den Korb, mit dem er auf dem Stuhle 
Platz nimmt. 

Nun schreiten die Tänzerinnen an ihm paarweise vorbei. Das 
wird so häufig wiederholt, als nur die Musikanten blasen können 
und die Belustigung an hält. 

2. Der Besentanz. 

Jungfern und Junggesellen, Frauen und Männer treten einander 
gegenüber und bilden einen breiten Gang. Ein Überzähliger muß 
mit einem Besen den Gang einige Male nach dem Takte der Musik 
auf und ab tanzen und sich manche Neckereien und Spotfcrufe ge¬ 
fallen lassen. Im stillen hat sich der Bespöttelte eine ihm liebe 
Tänzerin ausgesucht; er läßt den Besen plötzlich fallen und ergreift 
sie. Das ist das Zeichen zu allgemeinem Tanz. Jedes Paar fliegt 

l ) Schremmer. Volkslieder a. d. Eulengebirge Nr. 159. Siehe weiter 161, 
166, 170. 


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176 


Wilhelm Schremmer, Zwei alte schlesische Tänze. 


aufeinander zu, sucht sich zu retten, denn alle Listen und alle 
Wechsel sind erlaubt, und tanzt. Eine Person bleibt übrig. Sie 
muß den Besen ergreifen, in der Mitte des Saales stehen bleiben 
oder mit dem Besen tanzen. 

Dann fängt der Reigen des Einzelnen mit dem Besen von 
neuem an. 

Die Musik spielt folgende Weise in mehrmaliger Wiederholung, 
die sich dem Tanz anpaßt. 



Hierin ist Reigen und Rundtanz miteinander verbunden. 


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Zum deutschen Soldatenlied. 

Von Helmut Wocke. 

Während des Weltkrieges ist von maßgebender Seite immer wieder 
darauf hingewiesen worden, wie wichtig es sei, die Lieder zu sammeln, 
die unsere Soldaten in der Heimat und an der Front singen. Neben 
der »Wörterbuchkommission«, die mit großen Vorarbeiten für ein Wörter¬ 
buch der Soldatensprache beschäftigt ist, hat die Bayrische Akademie 
der Wissenschaften nunmehr auch eine »Soldatenliedkommissionc ein¬ 
gerichtet, die unter Leitung von Professor Arthur Kutscher in München 
steht und wieder mit dem Volksliedarchiv in Freiburg i. Br. enge 
Fühlung hat. 

Ich habe Soldatenlieder in den Hess. Bl. f. Volksk. XVI (1917) 
S. 81 ff und in den Mitt. des Vereins f. sächs. Volksk. VII (1918) 
S. 267 ff. veröffentlicht. Nachträglich sei folgendes bemerkt: Das Lied 
»Kommt ihr Lieben, hier die Hand« ist abgedruckt in der Zeitung des 
Landsturm-Intanterie-Bataillons Zittau 1915 N. 1; vgl. Die deutschen 
Schützengraben und Soldatenzeitungen, R. Piper. München 1917, S. 71 
Abweichungen: im Original heißt es Str. 1, Z. 5 *s ist vielleicht das letzte 
Mal; Z. 7 blüh; Str. 2. Z. 8 der vergang’nen Stunden. Beim Argonnen- 
lied, von dem ich mehrere Fassungen mitteilen konnte, hätte ich noch 
hinweisen sollen auf die Bayr. Hefte f. Volksk. IV (1917) S. 123. Zur 
Literatur vgl. noch: John Meier, Das Soldatenlied im Felde, Mein 
Heimatland, 2. Jahrg. 1915; Mitteilungen der Schles. Ges. f. Volksk. 1915, 
S. 121 f; Joseph Beifus, Deutsches Soldatenlied, Bayr. Hefte f. Volksk. IV 
(1917), Heft 1—4, S. 46 ff.; Otto Maußer, Der Liederbestand bayrischer 
Truppen im Weltkrieg, ebendort S. 57 ff; Wilhelm Zemtner, Soldaten¬ 
lied und Operette, ebendort S. 136 ff.; E. Mogk, Zur Geschichte unseres 
Volks- und Soldatenliedes, Mitteilungen des Vereins f. sächs. Volksk. VII 
(1917), S. 146 f.; Kuckei, Vom Soldatenlied im Felde, Das deutsche 
Volkslied XX (1918), S. 26 — 28 (aus der Kriegszeitung der 4. Armee); 
H. Commenda, Lieder der Kopal-Jäger, Das deutsche Volkslied XX (1918), 
S. 47 f.; Erich Schönberg, Unser Soldat und sein Lied, 67 S., Furche- 
Ve r1 ag, Ben. ' 1918; Hermann Tardel, Zur Biologie des deutschen 
Soldatenliedes, Gartenlaube-Kalender 1919, S. 155 — 164. 

Wie eigene Nachforschungen ergeben haben, sind auch folgende 
Lieder gern gesungen worden: Im grünen Wald, da wo die Drossel 
singt; Weh, daß wir scheiden müssen; Es geht bei gedämpftem 

Mitteilungen d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI 12 


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178 


Helmut Wocke 


Trommelschlag; Drunten im Thal, wo der Ostwind weht; Wenn zwei 
gute Freunde sind. In den Tagen der Revolution haben die Soldaten 
oft das Heckerlied 1 ) angestimmt. 

Die Soldatenlieder, die sich in meinen volkskundlichen Sammlungen 
noch gefunden haben, seien nun mitgeteilt. 

I. 

Mel: Vogerl, flieg zum Fenster raus. . . . 

Aus dem Städtchen an der Elbe Strand 

Zog ein deutscher Krieger fort ins Feindesland. 

Ein Mädchen ihm zur Seite 
Gab ihm das Geleite 
Bis zum Bahnhof, wo der Zug 
Ihn in weite Ferne trug. 

Leise er zum Mädel spricht: 

»Mädel, ach, verzage nicht 1 

•/. Wenn die Friedensfahnen wehn, 

Werden wir uns wiedersehn. 

Ich gedenk in Tränen dein, 

O Mädel, bleibe mein.« 

Von der Heimat fern, in stiller Nacht, 

Steht ein deutscher Krieger auf der Wacht 
Bei dem Glanz der Sterne 
Schaut er in die Ferne. 

Sein Gewehr hält er im Arm. 

Wie schlägt ihm das Herz so warml 
Leise er zum Mädel spricht: 

»Mädel, ach, verzage nicht 1 

•/. Wenn die Friedensfahnen wehn, 

Werden wir uns wiedersehn. 

Ich gedenk in Tränen dein, 

O Mädel, bleibe mein.« 

Blitze zucken durch die finstre Nacht, 

Auf den Feldern tobt die wilde Schlacht, 

Die Todeswunden offen, 

Liegt ein Held getroffen 
— — — — — — (fehlt) 

denkt er an sein Heimatland. 

Murmelnd er die Worte spricht, 

Bis der Tod sein Auge bricht: 

l ) Über Lieder auf Hecker handelt John Meier in den Volkslied¬ 
studien, Straßburg 1917, S. 214—246. Vgl. dazu Josef Pommer, Ein 
Rest des alten Heckerliedes, Das deutsche Volkslied 1917, 6/7 Heft, S. 76. 


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Zum deutschen Soldatenlied 


179 


•/. Wenn die Friedensfahnen wehn, 

Werden wir uns nicht mehr sehn. 

Im Traum gedenke mein, 

Es hat nicht sollen sein.c 7 . 

Mittgeteilt von Erich Gabel in Jannowitz. 

II. 

Der Landwehrmann. 

Am Bahnsteig steht ein Landw r ehrmann, 
Gar traurig ist sein Blick. 

Sein einzig Kind an seiner Hand, 

Es bleibt allein zurück. 

Sein Mütterlein, es lebt nicht mehr, 

Drum fällt der Abschied ihm so schwer; 
Ach Vater, laß mich nicht allein! 

Mein Kind, es muß geschieden seinl 

Die Pflicht, sie ruft, mein liebes Kind; 
Der Feind bedroht das Land. 

Und weil wir deutsche Männer sind, 

So stehn wir Hand in Hand, 

Dem Vaterland zu jeder Zeit, 

Zu jedem Opfer stets bereit. 

Leb’ wohl, mein Kind, auf Wiedersehn. 

In seinen Augen die Tränen stehn. 

In Feindesland, in dunkler Nacht, 

Da steht der Landwehrmann, 

Er hält da draußen scharfe Wacht, 

Der Feind schleicht sich heran. 

Ein Schuß, ein Schrei, der Feind traf gut, 
Im Sande rollt sein teures Blut. 

Ein Flüstern leis’ hört man im Wind: 

Ach Gott, beschütze mir mein Kind. 
Mitgeteilt von K. Scharfenberg in Haynau. 


III. 


Hell glänzt des Monden Schein 
Vom Himmelsbogen, 

Wo sanft die Lüfte wehn 
Und sich erhoben. 

Auf weitem Schlachtenplan 
Liegt sterbend ein Ulan, 

Von Blut bedeckt, ganz rot. 
Bald naht der Tod. 


Sein Rößlein ihm zur Seit’, 
Das nicht mehr weiter weiß, 
Schaut an den Reitersmann, 
Er schaut sein Rößlein an. 
O du, mein gutes Tier, 

Hast treu gedient bei mir. 
Kann nicht belohnen dich, 
Mein^Auge bricht. 

12 * 


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180 


Helmut NVocke 


O Kamrad, höre Du, 

Was ich Dir sagen tu. 

Kehrst du zurück nach Haus, 

Richte mir viele Grüße aus. 

* Grüß mir mein Mütterlein, 

Sie soll nicht traurig sein. 

Selbst auf dem Schlachtenfelde hier 
Fällt mir der Tod nicht schwer. 

Mitgeteilt von Wilhelm Hübner in Jannowitz. 

IV. 

Schon wegen seiner Zusammensetzung verdient das folgende Lied 
Beachtung; vgl. Kutscher, Soldatenlied S. 22 f. und 23 f.; zum Anfang 
vgl. Kutscher S. 24, Str. 6 und 7 ; in dem Liede »Heimat, ach Heimat, 
ich muß dich verlassen« (Kutscher S. 61 f.) lauten Str. 3 und 4 : »Bruder, 
ach Bruder, sie haben mich geschossen, feindliche Kugeln, die haben 
mich getroffen. Führet mich geschwinde ins nächste Lazarett, dafr 
meine Wunde verbunden wird. — Bruder, ach Bruder, ich kann dir 
nicht helfen, muß für das Vaterland tapfer weiter kämpfen. Helfe dir 
der liebe, liebe, liebe Gott, denn wir marschieren nach Frankreich fort.« 
In einer schlesischen Fassung desselben Liedes, diesichin meinerSammlung 
befindet, heißen die entprechenden Verse: 

Bruder, ach Bruder, ich bin schon geschossen, 

Eine Kugel vom Feind hat mich getroffen. 

Führ’ mich, ich bitt dich, in mein Quartier, 

Ist ja nicht weit, nicht weit von hier. 

Herzlieber Bruder, ich kann dich nicht tragen, 

Muß dem Hauptmann helfen Franzosen schlagen. 

Möge dir helfen der liebe Gottl 

Ich muß marschieren vielleicht in den Tod. 

Zu Str. 4 sei verwiesen auf Kutscher S. 23 Str. 2 und auf das Lied 
»Es entsteht ja keine Rose ohne Dornen« (Lewalter, Deutsche Volks¬ 
lieder aus Nieder-Hessen, Heft V S. 78 f.), dessen 2. und 3. Strophe 
folgenden Wortlaut haben: 

Schönstes Mädchen, zu dir darf ich ja nicht kommen, 

Denn die Leute haben alle falsche Zungen, 

Sie abschneiden alle deine Ehr. 

Schönstes Mädchen, zu dir komm ich nimmermehr. 

Lasse du dir deine Ehre nicht abschneiden, 

Trage alles mit Geduld im Leiden. 

Trage alle deine Leiden mit Geduld, 

Denn wir beide haben’s gleiche Schuld. 


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Zuui deutschen Soldatenlied 


181 


Zu Str. < vgl. z. B. den 1. und 2. Vers der 3. Strophe in dem 
Liede »Stets in Trauer muß ich leben« (Lewalter, a. a. O. Heft II, S. 21 f): 

Zeit und Stund kann ich nicht sagen, 

Denn ich hör kein Glockenschlag. 

Kam’rad, ich bin geschossen, 

Eine Kugel hat mich getroffen, 

Führe mich in mein Quartier, 

Daß ich werd* verbunden allhierl 

Kamerad, ich kann dir nicht helfen, 

Helfe dir der liebe Gott selber, 

Helfe dir der liebe Gott, 

Morgen früh marschieren wir fort. 

Morgen früh um halber viere 
Müssen wir Soldaten marschieren, 

Marschieren wir zum Tor hinaus, 

Schönster Schatz, komm zu mir heraus. 

Zu dir kann ich nicht kommen, 

Denn es gibt gar falsche Zungen, 

Die abschneiden mir ja meine Ehr’, 

Selber haben sie keine mehr. 

Tun sie dir die Ehr abschneiden, 

Tu alles geduldig leiden, 

Leide alles in Geduld, 

Schönster Schatz, bis ich wiederkomm’. 

Wenn wirst du wieder heimkommen? 

Im Winter oder im Sommer? 

Sage mir die gewisse Stund, 

Schönster Schatz, bis ich wiederkomm 1 . (sic) 

Die gewisse Stund kan ich dich (sic) nicht sagen, 

Denn wir hören die Uhr nicht schlagen. 

Denn wir sind zu weit entfernt 
Von des preußischen König sein Zelt. 

Der König muß alles bezahlen 
Mit seinen preußischen Talern, 

Preußische Taler sind das schönste Geld 
Auf der weit (siel) und breiten Welt. 

Mitgeteilt von Wilhelm Hübner in Jannowitz. 


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182 Helmut Wocke 

V. 

Belgierlied. 

(Mel: Wenn wir marschieren . . .) 

Wenn wir marschieren, ziehn wir ins schöne Belgierland, 
Wollen studieren mit Herz und Hand. 

Darum Mädel, Mädel, weine nicht, 

Alle, alle Kugeln treffen nicht. 

Und wenn eine treffen tut, 

Stirbt ein treu Soldatenblut 

Ach Lüttich, ach Lüttich, das hast du dir wohl nicht gedacht. 
Daß man dich nimmt so über Nacht. 

Darum Mädel . . . 

Brüsseler Spitzen, die stehn auch deutschen Mädeln gut, 
Sollen euch schmücken, wenn’s gut gehn tut. 

Darum . . . 

Schön ist Ostende! Seht euch die Badegäste an, 

Deutsche Soldaten, zehntausend Mann. 

Darum . . . 


Ja, bis Antwerpen geht unser froher Marschgesang, 

Und dann hinüber bis Engelland. 

Darum . . . 

Aus dem geschriebenen Liederbuche von A. Brauner in Jannowitz. 
Bei Kutscher, Das richtige Soldatenlied S. 139 findet sich, ein etwas 
abweichender Text mit Melodie; vgl. auch Bayrische Hefte für Volks¬ 
kunde Jahrg. IV (1917) S. 117. 


Schöne Blum’ der Männertreu, 
Wo bist du zu finden? 

Such ich dich auf Bergeshöhn 
Oder in den tiefsten Gründen? 


VI. 

Sieh, da kam ein schlankes Weib 
Durch das Tal gegangen, 
Schneeweiß war sie gekleidt 
Tränen trug sie auf den Wangen. 


Stelle du dein Suchen ein 
Hier in diesen Gründen. 

Denn die Blum* der Männertreu 
Wirst du hier wohl nirgends finden 


Denn auch ich war jung und schön. 
Ein Jüngling schwur mir Treue. 
Männertreue, die ist schön, 

Später aber kommt die Reue. 


Darum traut den Männern nicht, 
Wenn sie mit euch scherzen. 
Keiner hält, was er verspricht, 
Spielet nur mit Weiberherzen. 
Mitgeteilt von Erich Gabel in Jannowitz. 


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Zum deutschen Soldatenlied 


183 


VII 

Ich wär so gern, so gern daheim, 

Daheim in meiner stillen Klause, 

Wie ist es doch dem Herzen wohl 
Das süße traute Wort zu Hause. 

Denn nirgends in der weiten Welt 
Fühl ich so frei mich von Beschwerde, 

Ein braves Weib, ein herzig Kind, 

Das ist mein Himmel auf der Erde. 

Gewandert bin ich hin und her, 

Und mußte oft dem Schmerz mich fügen, 

Den Freudenbecher setzt ich an 
Und trank ihn aus in vollen Zügen. 

Doch immer zog es mich zurück, 

Zurück zu meinem heim’schen Herde, 

Ein braves Weib, ein herzig Kind, 

Das ist mein Himmel auf der Erde. 

All Abend, wenn der Tag zur Ruh, 

Und ich mich leg zum Schlummer nieder, 

So falt ich meine Hände fromm, 

Es schließen sich die Augenlider. 

Dann bet’ ich zu dem Herrn der Welt, 

Zum Herrn, der einstmals sprach »es werde«: 

»Du lieber Gott, erhalt recht lang 
Mir meinen Himmel auf der Erde.« 

Mitgeteilt von Erich Gabel in Jannowitz. 

VIII. 

Der Kanonier in der Batterie ist ein geplagtes Tier 

Und wenn ihr mir’s nicht glauben wollt, so fragt den Unteroffizier. 

Ja, ja-ja, ja, so fragt den Unteroffizier. 

Gefreite sind in der Batterie soviel wie Sand am Meer, 

Und ist ein Kapitulant dabei, so ist ein Teufel mehr. 

Ja, ja*ja, ja so ist ein Teufel mehr. 

Der Unteroffizier die Tresse trägt und er ist stolz darauf. 

Es ist nicht alles Gold, was glänzt; es ist nur oben drauf. 

Ja, ja-ja, ja es ist nur oben drauf. 

Der Herr Sergeant in der Batterie, er ist schon etwas mehr, 

An jeder Seit’ den Adlerknopf und 50 Pfg. mehr. 

Ta, ja-ja, ja und 50 Pfg. mehr. 


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PRINCETON UNtVERSITY 



184 


Helmut Wocke 


Der Vize ist ein Bösewicht, verheirat’ ist er schon, 

Und dreht er sich im Bett herum, kriegt seine Frau ein’ Sohn. 

Ja, ja-ja, ja kriegt seine Frau ein’ Sohn. 

Stillgestanden: Rieht euchl Jetzt kommt der Feldwebel an, 

Den Bleistift und das Meldebuch hat er stets bei der Hand. 

Ja, ja ja, ja hat er stets bei der Hand. 

Der Hauptmann reitet vor der Front und sucht den Vordermann. 
Und weil er ihn nicht finden kann, schnauzt er den Leutnant an. 
Ja, ja-ja, ja schnauzt er den Leutnant an. 

Und hundert Meter vor der Front, da reit’t der Herr Major. 

Ein’n Wams hat er sich angeschafft, ihm paßt der Rock nicht mehr. 
Ja, ja-ja, ja ihm paßt der Rock nicht mehr. 

Der Stabsarzt reitet vor der Front, den Säbel an der Seit’, 

Er hat schon manchen umgebracht in seiner Dämlichkeit. 

Ja, ja ja, ja in seiner Dämlichkeit! 

Der Herr General, der inspiziert das ganze V. Korps. 

Und hat das Ganze mal geklappt, dann gibt’s ’ne Wurst dafor. 

Ja, ja-ja, ja dann gibt’s ne Wurst dafor. 

Mitgeteilt von M. Katsch in Haynau. 


IX. 

Bei dem ersten Bataillon, bei der sechsten Batterie, 

Da gibt’s ein Zielverein. 

Darfst nicht recken, darfst nicht mucken, 

Ruhig durch die Kimme gucken. 

Gibt im Durchschnitt eine Neun, 

Und zu Hause angekommen, 

Wird die Stellung eingenommen; 

Und da geht das Plumpen, 

Unser Vize an der Spritze 

Läßt uns strecken, bis wir schwitzen. 

Er versteht das Ding famos. 

Ruck, zuck, strecket das Gewehr! 

Das bringt Kräfte ein. 

Wir brauchen keine Schützenschnur, 

Wir sind im Zielverein. 

Mitgeteilt von M. Katsch in Haynau. Einen ähnlichen Text (Mel: 
O Deutschland hoch in Ehren) gibt Imme, Die deutsche Soldatensprache 
der Gegenwart, Dortmund. 1917, S. 80 f. 


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Zem deutschen Soldatenlied. 


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X. 

Mel. Santa Lucia. . . . 

Ei ja, auf dieser Welt ist alles Schwindel. 

Glaub mir's, du wirst geprellt schon in der Windel. 

Welt, o wie schön bist du, so heißt es immerzu. 

Ist alles Schwindel, ist alles Schwindel. 

Kaum bringt’s dich angebracht, heißt auf der Erde, 

’s hätt dich der Storch gebracht. Na solche Märde, 

Kommst aus ’nem tiefen Teich; glaub nicht das närr’sche Zeug. 
Ist alles Schwindel usw. 

Fängst du als Jüngling dann, Anfang der zwanzig, 

Süßholz zu raspeln an, ei Gott verdamm mich, 

Woll’n Sie belämmern dich, trau keinem Einzigen nicht. 

Ist alles Schwindel usw. 

Bist dann so peu ä peu vierzig geworden, 

Hast nichts im Portemonnaie, och noch kein Orden. 
Brüderchen, gräm dich nicht, danach da geht es nicht. 

Ist alles Schwindel usw. 

Bist in die Sechzig dann du erst gestiegen, 

Kriegst du das Zipperlein, ist kein Vergnügen. 

Hin ist die Jugendzeit, aus alle Lebensfreud. 

Ist alles Schwindel usw. 

Drum immer Trullala, lustig mein Bruder. 

Ist erst der Tatrich da, hilft dir kein Luder. 

Strampelst du noch so sehr, ’s gibt kein Gefiepe mehr.. 

Aus ist der Schwindel! Aus ist der Schwindel. 

Mitgeteilt von Max Katsch in Haynau. 


F. A. L. Jakob, ein Pfleger des Volksgesanges '). 

Von Helmut Wocke. 

Das Schulhaus in Konradsdorf bei Haynau in Schlesien trägt eine 
schlichte Gedenktafel: »In diesem Hause weilte vorübergehend in den 
Jahren 1829—1840 der Dichter des Liedes »Deutschland über alles« 

*) Vgl. Fritz Günthers Buch und die dort verzeichnete Literatur. 
Ferner: Haynauer Stadtblatt, 24. April 1872; Der Erzähler, 24. April 1872; 
Schlesische Schulzeitung, 8. März 1878; Haynauer Stadtblatt, 24. Mai 1884; 
Liegnitzer Anzeiger, 28. Mai 1884 (Beilage); Euterpe 1884, Nr. 8; 
Schlesische Schulzeitung, 18. Juli 1884; Preußische Schulzeitung, 
7. Januar 1899. 


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186 


Helmut Wocke 


Hoffmann von Fallersleben bei seinem Feunde, dem Kantor Jakob.c 
Ein Kränzlein der Erinnerung sei ihm dargebracht, dem um die Pflege 
des volkstümlichen und kirchlichen Gesangs verdienten Schlesier. 

Friedrich August Leberecht Jakob wurde geboren am 25. Juni 
1803 zu Kroitsch bei Liegnitz als Sohn eines Kantors und Lehrers. 
Schon in seinem achten Lebensjahre verlor er seinen Vater. * Dessen 
Amtsnachfolger nahm sich des Knaben an; er weckte in ihm die Lust 
zum Lehrerberufe und die Begeisterung für deutsche Art. Frühzeitig 
zeigte sich bei ihm die Liebe zur Musik, die ja sein Leben und Streben 
kennzeichnet. Im Herbst 1819 übernahm er in Herrndorf eine Hilfs¬ 
lehrerstelle, im folgenden Jahre trat er in das Seminar zu Bunzlau ein. 
Nachhaltigen Einfluß übte hier vor allem Musikdirektor Carow auf ihn 
aus. In Lobendau, Kreis Goldberg-Haynau, war er als Adjuvant tätig; 
schon 1824 kam er als Kantor, Organist und Lehrer nach Conradsdorf, 
und hier hat er 54 Jahre segensreich gewirkt. Er beabsichtigte, eine 
Zeit lang nach Berlin zu gehen, um sich dort unter Zelter dem Studium 
der Tonkunst zu widmen; dieser Plan wurde jedoch durch den Tod 
seines Gönners Bobertag vereitelt. 

Mit seinen eigentlichen Zielen machen uns schon die einleitenden 
Worte zu der »Faßlichen Anweisung zum Gesangsunterricht in Volks¬ 
schulen« (1828) bekannt. Der Gesang, heißt es dort, sei ein herrliches 
Bildungsmittel und gut geeignet, auf die Stimmung und Veredlung des 
Gemütes zu wirken,* und deshalb »muß er nicht bloß als ein, manchem 
noch obenein unnötiges Anhängsel, sondern als ein Hauptunterrichts¬ 
zweig dastehen.« In innigem Zusammenhänge mit dem genannten Werk 
steht »Der Singschüler oder Singstoff.« Für das Volksleben sorgt er 
vor allem durch die Volkslieder. »In den sinnigen Volksliedern, die 
wohl von den Gassenhauern zu unterscheiden sind und ganz verschieden 
sind von dem Choral, dem moralischen oder gar moralisierenden Liede, 
spricht sich deutlich die Lebensrichtung des Volkes aus, dessen Eigentum 
sie sind; sie sind ein treuer Spiegel seines Charakters; sie sind Volks¬ 
heiligtümer, die freilich in manchem einzelnen Liede zum Zerrbilde 
herabgesunken sind. Der Deutsche singt gern, insbesondere der Schlesier; 
bieten wir ihm durch die Schule nichts besseres, so werden auch jene 
schlechten Volkslieder noch fortgesungen.« Und dann folgen Worte, 
die Jakobs Bestrebungen trefflich kennzeichnen: »Gut wäre es, wenn 
man zu guten Volksweisen, auf welche das Volk schlechte Texte singt, 
bessere geben könnte; denn manches Lied wird bloß gesungen, weil 
die Weise des Liedes der im Gemüt herrschenden Empfindung durch 
Tonverbindung und Taktfall entspricht.« 

Dem Zwecke, den Gesang zu einem allgemeinen Bildungsmittel zu 
machen, sollten auch andere Sammlungen dienen, »Der Mädchen Blumen¬ 
garten« (1830) und »Vierundzwanzig deutsche Lieder für Volksschulen«. 
Eine Menge Volkslieder, im ganzen gegen 600, hat Jakob im Laufe der 
Zeit selbst gesammelt; ein Teil ist in Ludwigs Erks »Deutschen Volks¬ 
liedern« abgedruckt. Großen Erfolg hatte der »Volkssänger» (1841): 


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F. A. L. Jakob, ein Pfleger des Volksgcsanges. 187 

die erste Auflage in einer Höhe von 5000 Stück war innerhalb drei 
Jahren vergriffen. Das Büchlein enthält ' echte deutsche Volks¬ 
weisen mit alten und neuen Texten und bietet ein schlichtes, für 
Jakobs Art bezeichnendes Vorwort, das wir hier wiedergeben wollen. 
»In den blauen Höhen sang eine junge Lerche, und die Fluren waren 
entzückt von ihrem Liede, und der Mensch erquickte sich an ihren 
heitern Gesängen, die ihr kunstlos, aber rein aus der Kehle strömten, 
voll Empfindung und Seele. Also hatte die Lerche lange in stiller 
Selbstzufriedenheit gesungen, als sie das Lied eines Staares hörte, der 
nichtempfundene Worte schwatzte und Weisen pfiff, die ihm die 
Menschen gelehrt hatten. Da gefiel der jungen Lerche nicht mehr 
ihre einfache, freie Weise, sondern sie stieg herab von ihrer blähen 
Höhe und horchte emsig auf die Lieder des gelehrten Staares, und 
mühte sich, sie nachzuahmen. Und als sie dieselben erlernt hatte, 
stieg sie wieder hinauf in ihre Bläue, und begann verachtend ihre alten 
Lieder, kunstvoll, aber empfindungslos, die erlernten neuen Weisen zu 
zwitschern. Aber es wandte der Mensch sein Ohr hinweg von ihrem 
Liede, und ihre Gesänge gefielen Niemand mehr. 

Da fragte die gekränkte Lerche die Mutter: »Wie kommt es, Mutter, 
daß die Menschen nicht meine mühsam erlernten Weisen hören wollen?« 
Ihr antwortete die Mutter: »Nicht die verschnörkelte Kunst, nur Natur 
spricht zum Herzen.« 

Später folgten das »Liederwäldchen« und der »Liedergarten«. Mit 
Ernst Hentschel und Ludwig Erk gründete Jakob eine musikalische 
Monatsschrift, die »Euterpe.« Ein Unternehmen aber verdient ganz be¬ 
sonders hervorgehoben zu werden: auf seinen Vorschlag hin traten die 
Dörfer um Haynau zu einem jugendlichen Sängerbünde 1 ) zusammen; 
Jedes Jahr fand ein Sängerfest statt. Das erste wurde am 17. Oktober 
1847 gefeiert; alle Lieder wurden auswendig gesungen. Die Zahl der 
Mitglieder wuchs rasch; aber schon von 1852 ab fehlen Nachrichten 
über den Sängerbund; es sollte ihm keine lange Lebensdauer be- 
schieden sein. 

Viele Freunde besitzt heute noch das Werk »Deutschlands spielende 
Jugend«; es ist eine Sammlung beliebter Jugend-, Turn-, Volks* und 
Gesellschaftsspiele, gibt Anleitungen zu Veranstaltungen von Wettkämpfen 
und enthält weiterhin Rätsel, Ab- und Auszählreime. Eine neue, fünfte 
Auflage hat 1911 Martin Gerste besorgt. ♦ 

Große Verdienste hat sich Jakob auch um die Hebung des kirch¬ 
lichen Gesanges erworben. Man denkt da an den »Festtagssänger«, den 
»Kirchlichen Sängerchor« (1845), vor allem aber an das »Reformatorische 
Choralbuch«, das er 1873 zusammen mit Ernst Richter veröffentlichte, 
und zwar »auf Grund einer reichen Erfahrung und langjähriger eifriger 
Studien und Forschungen auf dem Gebiete kirchlicher Musik, namentlich 

Näheres bei Fritz Günther, Die schlesische Volksliedforschung, 
Breslau (1916) S. 49 ft. 


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188 


Helmut Wocke 


des protestantischen 'Chorals.« Ein paar wichtige Sätze aus der Ein¬ 
leitung seien hervorgehoben: »Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wie 
in der evangelischen Kirche eine »Gesangbuchsnotc obwaltete, es auch 
eine »Choralbuchsnot« gibt. Ebensowenig als die bisherigen Kirchen¬ 
gesangbücher können die in demselben Geiste verfaßten und an anna- 
logen (so!) Gebrechen leidenden Kirchen-Choralbücher dem Bedürfnis 
der evangelischen Gemeinen genügen.« Und weiterhin heißt es: »Lied 
und Melodie .... stehen aber, was die Lieder mit Originalweisen an¬ 
langt, zu einander in unzertrennlicher Ehe, und doch hat man ein gut 
Teil dieser Melodien fallen lassen, und manchem Liede eine andere 
Melodie — gleichsam statt dem ebenbürtigen Weibe, eine aufgeputzte 
Buhldirne — beigesellt.« 

Alle Werke Jakobs können wir hier nicht nennen, geschweige denn 
eingehend würdigen. Ihre Zahl ist sehr groß; viele von ihnen sind 
auch für uns heute ohne Wert. Aber sie zeugen insgemein von Jakobs 
unermüdlichem Streben. Erwähnung verdient die »Patriotische Lieder¬ 
harfe,« eine Sammlung von Kriegs- und Heldenliedern aus den Jahren 
1864, 66 und 1870. Der »Abschied des Landwehrmannes« (Heft 1 und 2, 
Berlin 1868 Nr. 13), wird, wie eigene Nachforschungen 2 ) ergeben haben, 
noch heute von unseren Soldaten im Felde gesungen. 

»Arbeiten heißt leben,« lautete Jakobs Wahlspruch. Die Arbeit 
half ihm über die Sorgen des Daseins hinweg. Und Trost fand er 
auch in der Natur, zu der es ihn immer wieder hinzog. Auf zahlreichen 
Reisen, die ihm der Ertrag seiner Werke ermöglichte, lernte er die 
Schönheiten des deutschen Vaterlandes kennen und bewundern. Sein 
Streben fand reichlich Anerkennung; mit vielen bedeutenden Persön¬ 
lichkeiten stand er in schriftlichem Gedankenaustausch; leider hat er in 
einer trüben Stunde seinen »seit 1822 geführten, aktenmäßig gehefteten 
ausgebreiteten Briefwechsel bis auf weniges vernichtet.« »Kleine 
Biographien von mir,« gesteht er in demselben Briefe, »sind in ver 
schiedenen Zeitschriften vorhanden — keine von mir verfaßt. Hätte 
ich nicht meine große Bibliothek (wohl über 5000 Schriften) an meinen 
Schwiegersohn abgetreten, so könnte ich Ihnen die Verfasser namhaft 
machen.« 

Daß sein Lebenswerk nicht vergeblich war und daß er treue Freunde 
weit über die Grenzen seiner Heimatprovinz hinaus besaß, empfand 
Jakob dankbar vor allem bei der Feier seines 50jährigen Amtsjubiläums. 
Von nah und fern, von hoch und niedrig trafen Glückwünsche und 
Ehrungen ein, und Konradsdorf beging den 21. April 1872 wie einen 
Festtag. Hoffmann von Fallersleben, mit dem Jakob seit Jahren treue 
Freundschaft verband, sandte ihm von Schloß Corvey einen dichterischen 
Gruß; erfreut hat ihn gewiß auch Ernst Hentschels herzlicher Brief 
aus Weißenfels, der den Empfänger und den Absender in gleicher 

2 ) Vgl. meinen Aufsatz »Das deutsche Soldatenlied der Gegenwart« 
in den Mitteilungen des Vereins für sächsische Volkskunde VII (1918). 


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P. A. L. Jakob, ein Pfleger des Volksgesangcs. 


m 


Weise ehrt und in dem es heißt: »Was du über den engeren Bereich 
des Amtes hinaus für den Volksgesang und die kirchliche Tonkunst 
gewirkt hast, wird in weiten Kreisen mit hoher Anerkennung genannt 
und wird von Geschlecht zu Geschlecht dazu beitragen, die Jugend frisch r 
fröhlich und fromm zu machen, die schönen Gottesdienste der Christen¬ 
gemeinden zu verherrlichen.c Bis in sein hohes Alter blieb Jakob rastlos 
tätig. Im Jahre 1882 veröffentlichte er noch »Mitteilungen aus dem Leben 
Ernst Hentschelsc; eine Lebensbeschreibung Ludwig Erks beschäftigte 
ihn bis zuletzt. Die letzten Jahre waren oft durch Krankheit getrübt; 
in einem Briefe an einen Freund klagte er, daß ein »rheumatisch-krampf¬ 
haftes, höchst schmerzhaftes Nervenleiden die ihm im hohen Alter noch 
etwa gebotenen Körper- und Geisteskräfte in so hohem Maße beschränke, 
daß er täglich im Durchschnitt nur noch eine Stunde, und zwar vor¬ 
mittags, zu arbeiten vermöge.c 

In Liegnitz hat Jakob seinen Lebensabend verbracht; dort ist er 
am 20. Mai 1884 gestorben. Ein edler Mann voll ernsten Strebens ging 
mit ihm dahin, ein Mann, dessen Herz nur seinem Volke schlug. 

Anhang: Werke von Jakob. 

Ich nenne hier nur die Bücher, die ich selbst eingesehen habe; 
sämtliche Werke Jakobs — ihre Zahl beläuft sich nach seinen eigenen 
Angaben auf 68 — sind heute nicht mehr auffindbar. Das Erscheinungs¬ 
jahr konnte, da es auf dem Titelblatt nicht angegeben ist, bei einzelnen 
Schriften nicht festgestellt werden. Diese Werke werden zuerst ver¬ 
zeichnet. 

1. Der Festtagssänger. A. E. Fischer in Haynau. 2. 24 deutsche 
Lieder für Volksschulen. E. Pelz, Breslau. 3. Sangopfer an den Gräbern 
unserer Lieben. Breslau, Maruschke und Berendt. 4. Hundert drei- und 
vierstimmige Begräbnis-Arien. ^ Essen, G. D. Bädeker. 5. Fünfzig Chöre, 
Hymnen und Motetten. Leipzig, E. Kummer. 6. Hundert 3stimmige 
Figuralgesänge oder sog. Arien. Leipzig, Gustav Mayer. 7. Myrten¬ 
zweige. Eine Sammlung von 25 Gesängen für Trauungen. Görlitz, 

H. Wollmann. 8. Patriotischer Sängerhain. Lieder über den deutschen 
Volkskrieg von 1870/71. Von L. Erk und A. Jacob. Berlin, A. Stuben¬ 
rauch. 9. Teutonia. Lieder über den deutschen Volkskrieg. Von 
L. Erk und Jakob. Berlin, A. Stubenrauch. 10. Orgelklänge oder 
leicht austührbare Präludien in den gebräuchlichsten Tonarten. Von 
G. Filitz, O. Fischer und A. Jakob. Leobschütz, C. Kothe. 11. Weih¬ 
nachtswünsche für Kinder. Von A. Jakob und C. G. Hoffmann. Berlin, 
S. Mode. (Einzelne Wünsche von Hoffmann.) 12. Auserlesene Stamm- 
buchverse. Von J. und C. G. Hoffmann. Berlin, S. Mode. 13. Kinder¬ 
lieder im Freien zu singen und bei Schulfestlichkeiten. Von J. und 
C. G. Hoffmann. Berlin, S. Mode. 14. Jubiläumsgrüße! Von J. und 

C. G. Hoffmann. Berlin, S. Mode. 15. Zur Hochzeit! Von J. und 

C. G. Hoffmann. Berlin, S. Mode. 16. Polterabend-Vorträge. Von 

J. u r ! C. G. Hoffmann. Berlin, S. Mode. 17. Festgesänge und Tafel- 


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190 Helmut Wocke, F. A. L. Jakob, ein Pfleger des Vulksgesanges. 

lieder für Lehrerkreise. Von J. und C. G. Hoftmann. Berlin, S. Mode. 

18. VVorte der Weihe. Von J. und C. G. Hoflmann. Berlin, S. Mode. 

19. Neujahrswünsche für kleine und größere Kinder. Von J. und C. G. 

Hoftmann. Berlin, S. Mode. Einzelne Verse von H. verfaßt. 20. Immor¬ 
tellenkränze auf Gräber geliebter Entschlafener. Von J. und C. G. Hoff 
mann. Berlin, S. Mode. 21. Palmenzweige. Von A. Jakob und 
A. Kretschmer. Strehlen, A. Gemeinhardt. 22. Cypressenzweige. Von 
A. Jakob und E. Richter. Verlag nicht festzustellen. Vertreten sind 
u. a. in dem Bande: E. M. Arndt, Heinrich Alberti, Matthias Claudius, 
Hoftmann von Fallersleben (»Tröste dich in deinem Leid, das dir Gott 
beschieden«), Hölty, Klopstock, A. Kretschmer, Rückert, Schiller (»Rasch 
tritt der Tod . . .«, »Dem dunklen Schoß der heiligen Erde . .<), 
Spitta. 23. Patriotische Liederharfe. Von E. Richter und A. Jakob. 
Berlin, A. Stubenrauch. 24. Der Praeludist. Sammlung von Choral¬ 
vorspielen. Von A. Jakob und E. Richter. Breslau, C. F. Hientzsch. 
25. Der Singschüler. Breslau, J. D. Grüson. Erstes Heft 1828, Zweites 
Heft 1830. 26. Faßliche Anweisung zum Gesangunterricht in Volks¬ 

schulen. Breslau 1828. J. D. Grüson. 27. Der Mädchen Blumengarten. 
Neiße, 1830. Th. Hennings. 28. Feierklänge an den Gräbern der 
Vollendeten, Essen, 1842. Bädeker. 29. Der kirchliche Sängerchor. 
Essen, 1845. Bädeker. 30. Musikalischer Jugendfreund. Von L. Erk 
und A. Jakob. Essen, 1848. Bädeker. 31. Sang und Klang des deutschen 
Volkes. Eisleben, 1851. G. Reichardt. 32. Programm für das kirch¬ 
lich-musikalische Werk: Der evangelische Kirchengesang Thüringens. 
Von Joh. Stangenberger und A. Jakob. Darmstadt, 1852. Ch. Kichler. 
(Abgedruckt aus der Allgemeinen Schulzeitung). 33. Neuester Festtag¬ 
sänger. Leipzig, 1853. C. Merseburger. 34. Die Festfeier der Preußischen 
Volksschule am Krönungstage Sr. Majestät des Königs Wilhelm I. Königs¬ 
berg, 18. Oktober 1861. Herausg. von A. Jakob. 5. Auff, 1861. Im 
Verlage des Herausgebers. 35. Deutscher Liederborn. Leipzig, 18G2. 
C. Merseburger. 36. Fünfundzwanzig neue Texte zu den Begräbnisarien: 
Auferstehn, ja auferstehn — und Wie sie so sanft ruhn. Breslau 1866, 
Maruschke und Berendt. 37. Reformatorisches Choralbuch für Kirche, 
Schule und Haus. Bearbeitet und herausg. von A. Jakob und E. Richter. 
Berlin 1873, A. Stubenrauch. 38. Deutschlands spielende Jugend. 3. Aufl., 
Leipzig 1883. Fünfte Aufl., besorgt von Martin Gerste. Leipzig 1911. 
E. Kummer. 39. Mitteilungen aus dem Leben Ernst Hentschels. 
Leipzig. 1882. 


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Schlesische Volkslieder. 

Von Helmut Wocke. 

In seinem Buche über die »Schlesische Volksliedforschung« (Breslau 
1916) zu dem ich im Oktoberheft der »Oberschlesischen Heimat« Nach¬ 
träge veröffentlicht habe, bringt Fritz Güntler auch eine Anzahl eigenartig 
zersungener Kunstlieder. Nach ihm hat Georg Amft im Gilda Obend- 
Kalender 1918 neue Volkslieder aus der Grafschaft Glatz abgedruckt. 
Einige Nachträge, die letzten Endes auf Friedrich Graebisch in Kudowa 
zurückgehen, und die mir Georg Amft brieflich mitteilte, seien hier an¬ 
gefügt. Zum Winterliede vgl. Heinrich Tschampels Gedichtein schlesischer 
Gebirgsmundart, 5 . Aufl., Schweidnitz, S. 11 ff.; Urtext wenig verschieden; 
Strophe 3 hinter 4; zwischen 4 und 5 fehlt eine Strophe in der Erlitztaler 
Fassung, das Original hat also 11 Strophen. Zu dem Lied »Meine Haimt« 
vgl. »Meine Hejmcht«, Gedicht in Mergthaler Mundart (bei Zwickau in 
Böhmen) von Franz Richter, abgedruckt z. B. bei Franz Tieze, Unse 
liebe Hejmt, Humoristische Vorträge, Gedichte und Erzählungen in allen 
nordböhm. Mundarten, I. Teil, 2 . Aufl. Warnsdorf 1899, S. 101—103. 
Das Gedicht hatte bei einem Preisausschreiben der »Abwehr« 1890 den 
ersten Preis erhalten; es kann auch nach der Weise » Traute Heimat 
meiner Lieben« gesungen werden. Urfassung wenig abweichend. Bisher 
unbekannte Texte aus Schlesien findet man weiterhin in meinem Aufsätze 
»Kunstlieder im Munde des Volkes«, Oberschlesien, Januar und 
Februar 1919. 

Dem Herausgeber der von der Schlesischen Gesellschaft für Volks¬ 
kunde seit Jahren vorbereiteten großen Ausgabe schlesischer Volkslieder 
werden die folgenden Lieder hoffentlich nicht unwillkommen sein. 

Zum Teil habe ich sie während eines längeren Aufenthaltes in 
Jannowitz i/R gesammelt. Die Bewohner des Dorfes kannten mich von 
meinen Spaziergängen her, man sah sich fast täglich; ich unterhielt 
mich gern mit ihnen; im Mittelpunkt des Gespräches stand fast immer 
der Krieg, der auf allen schwer lastete. Sie waren anfangs gewiß nicht 
sehr zugänglich; sobald sie aber aufrichtig gemeinte Teilnahme spürten, 
erzählten sie von dem, was sie am tiefsten bewegte, von der schweren 
Zeit, von ihren häuslichen Sorgen, von ihren Angehörigen, die im Felde 
standen, und deren baldige Heimkehr sie sehnlich wünschten. Der 
Erfolg beim Sammeln von Volksliedern hängt oft von Glück und Zufall 
ab. Meist lautete die erste Antwort: ja, früher, da hätten sie gern und 


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192 


Helmut Wocke 


viel gesungen; jetzt seien sie alt und vergeßlich geworden. Dann ver¬ 
stummten sie einen Augenblick, sie sannen ihrer Jugend nach, die so 
weit hinter ihnen zu liegen schien, und bald leuchtete ihr Auge auf, als er¬ 
stände eine goldene, längst verflossene Zeit aufs neue vor ihrem Blick; sie 
erzählten von entschwundenen Tagen und auch manches Liedes, das bei 
der Arbeit, bei Zusammenkünften, bei Festen erklungen war, ward da ge¬ 
dacht. Nur selten waren meine Gewährsleute dazu zu bewegen, ein Lied 
vorzusingen; eine alte Frau meinte, sie schäme sich; früher habe sie wohl 
eine ganz gute Stimme gehabt. Freundliches Entgegenkommen habe 
ich zumeist gefunden; man wunderte sich, daß ich diese »alten« Lieder 
kennen zu lernen wünschte. Eine Bäuerin hatte aus ihrer Jugendzeit 
ein Büchelchen, in das sie Anfänge von Liedern eingetragen hatte; sie 
wußte meist nur noch die ersten Verse auswendig; aber sie suchte mich 
eifrig bei meiner Arbeit zu unterstützen; zu dieser und jener Nachbarin 
und Bekannten ging sie, und ihrer freundlichen Mithilfe verdanke ich 
manchen Text. Bei anderen Bewohnern klopft man wieder vergebens 
an; eine Frau z. B. teilte mir das bekannte Lied »Die Sonne sank im 
Westen« mit, das ich natürlich längst kannte; sie meinte dann, sie häite 
mir nun »genug« gesagt und rief mir ein recht deutliches Abschiedswort 
zu. Nicht selten brachten die Dorfbewohner dem Sammler alte Schul¬ 
lesebücher; sie erzählten auch, viele Lieder hätten sie sich früher auf¬ 
gezeichnet; sie besaßen noch bisweilen diese Niederschriften; sie wollten 
sie mir bei »Gelegenheit« geben; sie lägen zu tief unter anderen Sachen 
verborgen und jetzt hätten sie keine Zeit, die Hefte herauszusuchc'n. 
Ein solcher Bescheid bedeutet zumeist eine Ablehnung; und durch 
weiteres Drängen würde man nichts erreichen. 

Der größere Teil der hier abgedruckten Texte stammt aus hand¬ 
schriftlichen Liederbüchern, von denen das eine, sehr reiche, sogar die 
Melodie aufgezeichnet hatte. Meinen Schülern, deren ich auch an dieser 
Stelle gedenke, verdanke ich sie zumeist. Im Unterricht berühre ich 
gern sprachliche und volkskundliche Fragen, und freundliche Teilnahme 
ist der Lohn für solche Hinweise. Ich glaube, auf diesem Wege könnte 
man noch manchem verschollenen Volkslied auf die Spur kommen > 
vielleicht folgt der oder jener Lehrer des Deutschen meiner Anregung. 
Den Wert der Liederbücher darf man nicht unterschätzen: sie geben 
auch wichtige Aufschlüsse über die Beliebtheit der einzelnen Lieder beim 
Volke, und aus diesem Grunde sei der Inhalt dreier Hefte abgedruckt, 
die ich selbst eingesehen habe und die mir wichtige Quellen geworden sind. 

A) Geschr. Liederbuch der Frau Hoffmann in Jannowitz. 

Eine Heldin stolz erzogen 

Ach, ach Schatz, reise nicht . . . 

Im Wald, im Wald ist’s frisch und grün 

Aus der Heimat, hinter den Blitzen rot 

Es rauschen die Wipfel und schauern, als machten zu dieser 

Stund . . . 


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Schlesische Volkslieder. 


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Die Heide ist rot, die Birke ist kahl 

Lebe wohl, mein Herz, du meines (sic!) Lebenslicht 

Oft sinn ich und wieder (sic)! was treibt mich zu ihr hin 

Hinaus zu des Berges Gipfel 

Als treulos ich das treue Land verließ 

Du hast ja Diamanten und Perlen 

Kennst du das Land, wo die Citronen blühn (nur Str. 1) 

Wie die Ros’ in deinem Haar 

B) Geschr. Liederbuch von Laura Härtel in Haynau (Zu den einzelnen 
Liedern sind die Noten angegeben). 

Sei doch nicht immer so trübe, Minna, du kränkest mich sehr 

Mein Paradies, du Land, wo Liebe wohnt 

Ach, was sind des Lebens Freuden 

An des Rheines fernem Strande 

Von dir geschieden, bin ich bei dir 

Holdes Liebchen, dort in der Ferne 

In der Heimat ist es schön 

Ist denn Liebe ein Verbrechen 

An der Quelle saß der Knabe 

Leb wohl, mein Bräutchen schön, muß nun zu Kampfe gehn 1 ) 
Ein Kaufmann, der sich Schulze *iennt, lebt in Berlin noch heit 
Ich wünsch mir ein Weibchen, recht niedlich und rein 
Aus deinen schönen, blauen Augen strahlet Liebe 
Ob ich dich liebe, frage die Sterne 2 ) 

Kennst du das Land, wo die Citronen blühn? 

Wenn’s Mailüftler weht, im Wald geht raus der Schnee 

Fliege, Schifflein, durch die Wogen 

Wenn die Schwalben heimwärts ziehn 

Siehst du dort die Wolken eilen 

Zerdrück die Träne nicht in deinem Auge 

Ach aus dieses Thaies Gründen (Schiller) 

Wenn der Frühling kommt 

Ich klags euch, ihr Blumen 

Ich sah sie wohl sich freundlich neigen 

Auf und an, auf und an, spannt den Hahn 

Von meinen Bergen muß ich scheiden 

’s Herz ist ein gespaßig Ding 

Kommt in die Näh mir ein Husar 3 ) 

Als die Juden unsern Herrgott gefangen gehabt 
Als der liebe Gott die Welt geschaffen 
Thaddeus, denkst du daran 4 ) 

1 ) Kriegers Abschied, von Th. Körner 

2 ) Aus dem Buche der Liebe von C. Herloßsohn 

3 ) Aus der Tochter des Regiments 

4 ) Wechselgesang aus dem alten Feldherrn 

MitteUuBgAn d. Schles. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 13 


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194 Helmut Wocke 

Wenn das Herz voll Angst und Pein 
Leb wohl, du teures Land, das mich geboren 
Fordere Niemand, mein Schicksal zu hören 
Schlummere sanft noch, an der Mutter Herzen 
Schier dreißig Jahre bist du alt (Holtei) 

Geiger und Pfeifer, hier habt ihr Geld (Schwäbisches Tanzlied, 

C. M. von Weber) 

In einem Thale friedlich stille, sah eine Rose ich erstehn 

Reich mit des Orients Schätzen beladen 

Ein Vogel auf den Zweigen singt 

Vom Wald bin ich führe, vom Wald bin ich her 

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C) Geschr. Liederbuch von Frau Johanna Konrad in Jannowitz 
Der Sturm bricht los, ihr lieben deutschen Brüder 
Holde Nacht, ein dunkler Schleier 
Falschheit bleibe dein Vergnügen 
Dort, wo die klaren Bächlein rinnen 
Des Abends, wenn es 6 Uhr schlägt 


Diese Lieder sind 
vollständig 
aufgeschrieben. 


Und folgende Versanfänge: 
Als ich an einem Sommertage 
Komm, mein Mädchen, kofam ins Grüne 
Auf der Elbe bin ich geschwommen 
Eine Heldin, wohl erzogen 
Ich ging in mein Schlafkämmerlein 
Die Reise nach Jütland 
Soll ich euch mein Liebchen nennen 
Ich ging einmal spazieren 
Es ging einmal ein verliebtes Paar 
Die Sonne sank im Westen 
Und als die Schlacht bei 
Bin ich doch mein Schätzchen 
Schatz, ach Schatz, reise nicht 
Ich wollte mich umschauen 
Müde kehrt ein Wandersmann 
Gott hat uns zur Liebe 
Steh nur auf, steh nur auf 
Jetzt ist die Zeit und Stunde da 
In Böhmen liegt ein Städtchen 
Was soll ich in der Fremde 
O Straßburg 

Holde Nacht, ein dunkler Schleier 
Es zogen drei Burschen 
Es war einmal ein Graf am Rhein 
Der Mensch soll nicht stolz 
Lebe wohl, es ruft die Stunde 


Go igle 


Original frorn 

PRINCETON UNIVERSUM 



Schlesische Volkslieder. 


195 


O, wie traurig muß ich leben 

Steh ich am eisernen Gitter 

Lieben ist ein schönes Leben 

Des Abends steig ich auf die Berge 

Sag, wo sind die Veilchen 

Von meinen Bergen muß 

Wo die Schneekoppe hoch 

Seht ihr drei Rosse vor 

Das Leben ist ein Würfelspiel 

In des Tales tiefsten 

In des Waldes finstern 

Ein Sträußchen am Hute 

Ich hab mein Feinsliebchen 

Ein reicher Edelknab 

Wie die Blümlein draußen zittern 

Träume hab ich viele, viele . . . 

Diese Lieder, auch die, von denen nur die Anfänge genannt sind, 
hat Frau Konrad in ihrer Jugend in Jannowitz viel gesungen. 

Zwischen Volksliedern und »volkstümlichen« Liedern mache ich 
keinen strengen Unterschied; mit Recht betont John Meier, dessen Arbeiten 
diese oft erörterte Frage endgültig erledigt haben sollten, in der Vorrede 
zu Carl Köhlers Volksliedern von der Mosel und Saar, Halle a/S 1896, 
S. IV: »Es gehört mit zu den Unklarheiten, die über den Begriff 
»Volkslied« noch herrschen, daß man »volkstümliche Lieder« des 
16. Jahrhunderts ruhig als »Volkslieder« betrachtet, aber etwa 100—150 
Jahre alte Kunstlieder, die ebenso wie jene gänzlich in den Volksmund 
übergegangen sind, nicht als »Volkslieder« ansieht.« Für Einzelheiten 
verweise ich auf meinen bereits erwähnten Aufsatz in der Zeitschrift 
»Oberschlesien«. Von der sonst üblichen Einteilung in religiöse, 
Standes*, Liebeslieder u. s. w. bin ich aus guten Gründen abgewichen; 
daß ich die Texte trotzdem nicht in bunter Folge veröffentliche, wird 
der aufmerksame Leser bald spüren. Die Volkslieder genau wiederzu¬ 
geben, mit all ihren Fehlern und Unebenheiten im Texte, galt als 
oberster Grundsatz; nur die Zeichensetzung ist überall richtig gestellt. 


i. Das Vaterunser. 

Andante. 


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selbst sich krän - ket, trost-los in der Ein - sam - keit, 


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PRINCETON UNIVERS1TY 








196 


Helmut Wocke 



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zum Ge - bet, fleht zu Got - tes 

Ma - je - stät. 


2. Betet nicht nach Heuchler Art, 
Die nur leere Worte sprechen, 
Gottes Vaterherz ist zart, 

Auch ein Seufzer kann es brechen 

(siel). 

Das Gebet, was Christus lehrt, 
Wird gewiß von ihm erhört. 

3. Vater unser! beten wir, 

Der du in dem Himmel wohnest, 
Und die Deinen, wenn sie dir 
Treulich folgen, reichlich lohnest, 
Deines Namens Herrlichkeit 
Sei gelobt in Ewigkeit. 


5. Ach, vergib nach deiner Huld, 
Milder Vater! alle Sünden, 

Laß uns wegen unsrer Schuld, 
Herr, bei dir Vergebung finden. 
Und nach Maß, als wir verzeihn, 
Wollst du uns auch gnädig sein. 

6 . In Versuchung führ uns nicht. 
Laß uns niemals unterliegen. 

Gib die Kraft, die uns gebricht, 
Böse Lüste zu besiegen. 

Vater! steh’ uns gnädig bei, 

Mach uns aller Fehler frei! 


4. Zu uns komme, Herr, dein Reich 
Wie im Himmel, so auf Erden. 
Soll dein Wille auch zugleich, 
Herr, von uns vollzogen werden, 
Gib uns auch bis in den Tod, 
Vater, unser täglich Brot. 


7. Wer mit fester Zuversicht 
Glaubensvoll in Jesu Namen, 

Diese sieben Bitten spricht, 

Kann mit Freuden sagen: Amen, 
Amen, ja es wird geschehn, 

Was wir so vom Vater flehn. 


Geschr. Liederbuch von Frl. Laura Härtel in Haynau. 


2 . Das Gebet Jesu. (Vater, den uns Jesus offenbarte . . .) 

Der Text im geschriebenen Liederbuche der Frau Hoffmann in 
Jannowitz zeigt folgende Abweichungen von Am ft Nr. 431: 2,1 Angebetet; 
2,3 Und es ehre dich; 3,2 und durch Liebe blüht; 4,1 Es geschehe, 
Herr, dein Will’ auf Erden: 4,3 Deine Wahrheit, deine Tugend machen; 

5.1 Gib uns, ewig große Lebensquelle; 5,3 Ach, wir bitten nicht; 

6.2 Vater, dann vergib die Missetat; 6,3 Sieh, auch wir, wir wollen 
gern verzeihen; Strophe 8 lautet: 

Dein, Herr, ist das Reich, die Kraft, die Stärke, 

Dein, Herr, ist das Reich der Ewigkeit, 

Alle Himmel rühmen deine Werke 
Von der Wiege bis zur Ewigkeit. 


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Original from 

PRINCETON UNIVERSITV 




Schlesische Volkslieder. 


197 


3- 

1 . Was ist das Göttlichste auf dieser Welt? 

Was hält uns aufrecht im Gewand von Staube? 

Was ist’s, daß uns schon Engeln hier gesellt? 

Es ist das geistig herrlichste, der Glaube, 

Der Glaube, es ist das geistig herrlichste, der Glaube 

2. Wodurch sind wir dem Schöpfer selbst verwandt? 

Wie nennen wir den süßesten der Triebe? 

Was ist der Zukunftsfreuden sichres Pfand? 

Es ist des Heizens Seligkeit, die Liebe, 

Die Liebe, es ist des Herzens Seligkeit, die Liebe 

3. Was macht im Leiden sanft uns zur Geduld? 

Wodurch sehn wir den Himmel hier schon offen? 

Was ist des ew’gen Vaters Huld? 

Es ist der Seele reinste Labung hoffen, hoffen, 

Es ist der Seele reinste Labung hoffen, hoffen. 

4. O möchten doch durch jeden Lebenskranz 
Sich diese Blumen fromm und freudig winden, 

In ihrem milden, unumwölkten Glanz 

Läßt sich das Paradies leicht wiederfinden, leicht finden, 

Läßt sich das Paradies leicht wiederfinden, leicht finden 

Aus dem geschr. Liederbuche des Tischlers Stephan in Haynau. 


4. Das Leben. 

1 . Ein Traum ist alles hier auf Erden, 

Ja, selbst das Dasein ist ein Traum, 

Kaum fängt man an, ein Mensch zu werden, 
Da endet sich der Lebensbaum. 

2. Wie bald muß man die Welt verlassen, 

Eh’ man genossen sie hat kaum, 

Man wandelt die und jene Straßen, 

Weil alles ist ein leerer Traum. 

3. Es träumt dem Jüngling von der Liebe, 

Dem jungen Mädchen ebenso, 

Sie ahnen nicht die falschen Triebe 
Und denken so, wir leben froh. 

4. Und hat man endlich ausgeträumet, 

Auf ewig sich das Auge schließt, 

Wo dann kein Traum uns mehr umschäumet 
Und alles lauter Wahrheit ist. 


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Original fro-m 

PRINCETON UNtVERSITY 



198 


Helmut Wockc 


5. Dann fällt der Schleier vor uns nieder, 

Wir sehn die frohe Ewigkeit, 

Dann sehen wir uns alle wieder 
Vereint in jener Herrlichkeit. 

Geschriebenes Liederbuch der Frau Hoffmann in Jannowitz. Hoff- 
mann-Prahl, Unsere volksttiml. Lieder N. 354; Böhme, Volkstüml. 
Lieder N. 671 (6 Strophen mit je 8 Versen). Meier, Kunstl. i. V. N. 396 
(Verf. unbekannt); Am ft. N. 701 bringt 2 Melodien und abweichenden 
Text mit 12 Strophen. 


5. Myrtill. 

Das im geschriebenen Liederbuche der Frau Hoffmann in Jannowitz 
verzeichnete Lied weicht von dem Haupttext bei Am ft N. 692 in einigen 
Strophen ab. Nach Strophe 10 folgen die 2 Strophen: 


Denkt, er lebe jetzund glücklich, 
Kann im fremden Welltall sein, 
Wüßt’ ich, schiftt’ ich augenblicklich 
Hin zur neuen Welt mich ein. 
Oder lag er auch in Ketten, 

O, dann wollt ich ihn erretten, 
Hütte, Bett und alles drin, 

Selbst mein Leben gab ich hin. 


Tränen mild wie Bäche flössen 
Von des Vaters Angesicht, 
Tränen stark wie Ströme gossen 
Von der Mutter Angesicht. 

Aus gepreßter Herzensfülle 
Ringsum herrschte tiefe Stille, 
Tiefe Stille wie im Grab, 

Und die Tränenflut nahm ab. 


Die vorletzte Strophe lautet: 

Engel schreiben jetzt die schöne 
Tat mit Strahlenschriften an, 

Engel feiern jetzt die Scene, 

Die kein Dichter schildern kann. 

Walter schien das Herz zu brechen, 

Er muß weinen, er muß sprechen, 

Schluchzend und in halbem Ton 
Sprach er: »Ich bin euer Sohn!« 

Verf. des Liedes ist Schlotterbeck; Hoffmann-Prahl, Unsere 
volkst. Lieder N. 737; Meier, Kunstl. i. V. N. 184; dort auch Angaben 
über die Verbreitung des Gedichtes; Vierteljahrsschrift für Gesch. 
und Heimatskunde der Grafschaft Glatz VI, 81—83 (mit Melodie); 
AmftN. 692. 


6. Der Weihnachtstag begann zu lichten. 

Vierteljahrsschrift f. Gesch. und Heimatkunde der Grafschaft 
Glatz VII, 187 — 189 (2 Mel. und 12 Str.); Schlesien 1,451 f (ohne 
Melodie); Am ft N. 695; Schremmer N. 61. Der Text im geschriebe¬ 
nen Liederbuche der Frau Kunzendorf in Haynau weicht von Amft 
und Schremmer in Str. 7 und 8 ab; hier heißt es: 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



Schlesische Volkslieder. 


199 


Str. 7. O Balduin, hör meine Klagen, 

Und handle doch nicht gar so hart, 

Bedenke, daß in diesen Tagen 
Der Heiland uns geboren ward. 

Mögst im Gedächtnis du bewahren, 

• Wie ich dir sonst in frühren Jahren 

Oft freundliche Geschenke bot. 

Und du versagst mir Dach und Brot. 

Str. 8, V. 5-8: 

Er achtete nicht Bitten, Klagen, 

Des Alters Ehre schreckt ihn nicht, 

Und zog, der schändliche Barbar, 

Den Vater noch am Greisenhaar. 

Unser Text entfernt sich also weiter vom Original als Amft und 
Schremmer. Wir haben es — was man bisher nicht beachtet hat — 
mit einem in den Volksmund übergegangenen Kunstliede zu tun; der 
Verfasser ist A. F. E. Langbein; vgl. dessen Ges. Gedichte, Stuttgart 
1854, Bd. II, S. 153—158 (»Die Roßdecke,« 12 Strophen). Zur Ver¬ 
breitung des Stoßes vgl. Grimm, KHM Nr. 78, ferner Bolte und 
Polivka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder 
Grimm, Bd. II, S. 135—140, wo auch die Lieder des H. Sachs an¬ 
geführt werden, und Meusebachs Briefwechsel mit Jacob und Wilhelm 
Grimm, S. 320, Anmerkung zu N. 10. 


7- 


1. Es war ein Bauers sein jüngster 

Sohn, 

Ein Knab von achtzehn Jahren, 
Der mußte um sein Tagelohn 
In die Stadt Hirschberg fahren. 

2. Als er nun zurücke fuhr, 

Kam er in mörderische Hände, 
Es machte mit ihm einen Schluß, 
Er nahm ein schnelles Ende. 

3. »Ich setze dir das Messer an, 
Du mußt des Todes sterben, 
Du mußt mit deinem roten Blut 
Deines Vaters Wagen färben.« 


4. jDu böser Bub, du Henkers¬ 

knecht, 

Was hab ich denn verbrochen, 
Daß du mich um so wenig Geld 
Mit einem Messer erstochen?! 

5. Sein Hund, das treue Tier, 

Riß ihn von seine Mantel (sic) 
Und brachte es den Eltern heim 
Mit Schluchzen und mit Bellen. 

6 . Die Pferde brachten ihn ins Haus, 
Von Blute überströmet. 

Nun, Eltern, seht die grausame 

Tat, 

Was mit eurem Sohn geschehn. 


Mitgeteilt von Frau Ernestine Rolke in Jannowitz. Nach ihr ist 
das Lied im April 1810 von einem Blinden gedichtet worden, doch 
darf man auf Angaben des Volkes über die Entstehung eines Liedes 


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PRINCETON UNIVERS1TY 



200 


Helmut Woclce 


nicht viel geben; vgl. auch John Meier, Volksliedstudien, 108 ff. Der 
Bauerssohn hieß, wie mir mehrfach gesagt wurde, Oefler. Ein Stein 
zwischen Seifersdorf und Jannowitz (beim Zeisberg) erinnert noch heute 
an die Tat. Herr.Reinhold Gebhardt in Jannowitz kannte Strophe 2 in 
folgender Fassung: 

fiel er in mörderische Hände, 

Um wenige paar Groschen nur 
Ward ihm ein schnelles Ende. 

Ich habe das Lied nirgends aufgezeichnet gefunden. 


8 a. 

1 . Ein trotziger Ritter im fränkischen Land, 

In spielenden Waffen gar rühmlich bekannt, 

Bestieg einst, umgürtet mit Panzer und Schwert, 

Zum Streite zu lenken sein mutiges Pferd, 
ti, rall, la la la la lala; a, ti ralllalalah. 

2. Und als er im Felde manch traurige Nacht 
Im Dienste der Waffen getreulich durchwacht, 

Da kam in das Lagei ein Bote gerannt. 

Gott grüß Euch, Herr Ritter, vom fränkischen Land. 

3. Gott grüß Euch, so sprach er und neigte sich tief, 
Schnell kam ihm der Bote entgegen und rief: 

Sag an mir, o Bote, was suchest du hier? 

Im Waffengetümmel, was bringst du mir? 

4. Ach leider, ich bring Ihn ja böses Bericht (sic). 

Seid mannhaft, o Ritter, entsetzet euch nicht 1 

Denn sehet, das Fräulein daheim auf das (sic) Schloß, 
Hat heimlich getragen ein Kindlein im Schoß. 

5. Ach Mutter, der Jüngling, der ist ja so schön, 

Mit dem möcht’ ich wohl bis ans Weitende hingehn, 
Ach Mutter, der Jüngling, der bleibt ja so lang, 

Mir wird ja ums Herze so weh und so bang. 

6 . Kaum hörte der Vater die schreckliche Post, 

So faßt’ ihn ein Schauer. Aufl schrie er erblaßt. 

Auf! Sattelt das Pferd mir, ich brenne vor Wut, 

Ich brenne zu rächen mein adliges Blut. 

7 . Und als er nun abstieg vor sein (sic) einsames Schloß, 
So sprang er voll Wut auf sein Töchterchen los. 

Wo ist der Verführer, du Hurengezücht? 

Wo ist denn der Bube? Verleugnet mir nicht! (sic) 


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PRINCETON UNSVERS1T? 



Schlesische Volkslieder. 


201 


8 . Ach Vater, ach, glaube nicht dem lügenden Ruf. 

Mein Herz ist so rein noch, als Gott es erschuf, 

So sprach sie noch ferner manch bittendes Wort. 
Umsonst — er erfaßte sie und schleppte sie fort. 

9. Er schleppte sie fort in ein tiefes Gemach. 

Komm, sprach er, du Reine, komm, folge mir nach. 

O Vater, o Vater, wo führt ihr mich hin: 

Ach Gott, sei mir gnädig; was habt ihr im Sinn: 

10. Du sollst es erfahren, du sollst es wohl sehn, 

So sprach er, und hieb sie trotz Bitten und Flehn 
Mit Dornen und Geißeln gar bitterlich lang, 

Bis stromweis das Blut aus den Adern ihr drang. 

11. Jetzt sank sie wohl nieder ins finstre Gemach. 

Ihr Auge war dunkel, ihr Atem war schwach. 

Laßt ab, o mein Vater, erbarmet euch mein, 

Der Himmel mög euch und dann mich (sic) es verzeihn. 

12. Verwahret, verpfleget mein Kindelein gut, 

Denn ach es Varamunds Königlichs Blut (sic !) 

Da seufzte der Ritter: Gott sei es geklagt, 

O Töchterlein, hättest du dies eher gesagt. 

13. Und als nun der stürmische Winter verfloß, 

Zog Varamund selber vor’s einsame Schloß. 

Gott grüß euch, Herr Ritter vom fränkischen Land, 

In Waffen und Schlachten seid ihr gar rühmlich bekannt. 

1 4 . Dein schönes, dein liebliches Fräulein zu sehn, 

Verließ ich mein Lager am strömischen (sic) Rhein, 

Drum bist .du zufrieden und führe sie hin 

Und gib ihr ein Küßchen und lasse sie ziehn. 

15. O wohl wär ich zufrieden, wohl ließ ich sie ziehn, 

Doch leider, o König, mein Kind ist dahin. 

Dort siehest du den Grabstein am Hügel hinauf, 

Es wachsen schon gelbliche Blümlein darauf. 

16. Und siehe, kaum redet der Ritter, so fährt 
Aus Varamunds Scheide das blitzende Schwert. 

Hoch fährt es empor aus des Königs Hand 
Und streckte den Ritter dahin in den Sand. 

17. Fahr hin, sprach der Ritter, du trotziger Maun, 

So hast du es meiner Geliebten getan. 

Drauf hob er das Kindlein zu sich auf das Roß 
Und weinend verließ er das einsame Schloß. 


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PR1NCETON UNIVERS1TY 



202 


Helmut Wocke 


Aus dem geschriebenen Liederbuche von Wilhelm Linke 
Doberschau. 


8 b. 

1 . Ein trotziger Ritter aus fränkischem Land, 

Im Dienste der Waffen gar rühmlich bekannt, 
Bestieg einst, umgürtet mit Panzer und Schwert, 
Zum Streite gerüstet, sein mutiges Pferd. 


in 


2. Da kam einst ein Bote ins Lager gerannt, 

Gott grüße dich, Ritter, aus fränkischem Land, 
Gott grüße dich, sprach er und neigte sich tief, 
Schnell lief ihm der Ritter entgegen und riet: 

6 . Sag an mir, o Bote, was suchest du hier? 

Im Waffengetümmel, was willst du von mir? 

Ach leider, ich bring’ euch gar bösen Bericht, 
Seid mannhaft, o Ritter, entsetzet euch nicht 1 


4 . Denn euer hochadliges Fräulein im Schloß, 

Hat heimlich getragen ein Kindlein im Schoß. 
Auf, sattelt mein Pferd mir, ich brenne vor Wut, 
Ich brenne, zu rächen mein adliges Blut. 

5. Und als er nun abstieg vor’m einsamen Schloß, 

So fuhr er voll Wut auf sein Töchterlein los. 

Wo ist der Verführer, du Hurengezücht? 

Wo ist denn der Bube? Verleugne mir’s nicht! 

6 . Ach Vater, ach glaubt nicht dem lügenden Ruf, 
Mein Herz ist so rein wie Gott es erschuf. 

Du sollst es erfahren, du sollst es wohl sehn, 

So sprach er, und hieb sie trotz Bitten und Flehn 

7. Mit Geißeln von Dornen gar jämmerlich lang, 

Daß stromweis’ das Blut aus der Nase ihr drang. 
Er schleppte sie fort in ein finster Gemach, 

Ihr Auge ward dunkel, ihr Odem ging schwach. 

8 . Ach Vater, ach Vater, erbarmet euch mein, 

Der Himmel mög’ euch es, mög’ mir es verzeihn, 
Verwahret das Kindlein und pfleget es gut, 

Denn wisset: s’ ist Pharaoms (siel) Königes Blut. 

9. Ach, seufzte der Ritter, Gott sei es geklagt, 

O Tochter, hätt’st du mir das eher gesagt. 

Und als nun der grausige Winter verfloß, 

Zog Pharamon (sic) König vor’s einsame Schloß. 


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PRINCETON UNIVERSITY 



Schlesische Volkslieder. 


208 


10. Dein hochadliges, dein sittliches Fräulein zu frein, 

Verließ ich mein Lager am strömenden Rhein. 

Und bist du’s zufrieden, so führe mich hin 

Und gib ihr den Segen und lasse sie ziehn. 

11. Gern war’ ich’s zufrieden, gern ließ ich sie ziehn, 

Ach leider, o König, mein Kind -ist dahin. 

Dort siehst du den Grabstein am Hügel hinauf; 

Auch wachsen schon gelbliche Blümchen darauf. 

12. Kaum sagt* es der Ritter, noch zu Pferd, 

Aus Pharaoms Scheide das blitzende Schwert, 

Es fährt hoch empor aus des Königs Hand, 

Und strecket den Ritter dahin in den Sand. 

13. Sieh hier, sprach der König, du trotziger Mann, 

So hast du es meiner Geliebten getan. 

Er nahm das Kindlein zu sich auf sein Roß, 

Und weinend verließ er das einsame Schloß. 

Mitgeteilt von Frau Ernestine Kluge in Jannowitz. 

Lewalter Heft V. S. 83 bringt nur vier Strophen, mit der Be¬ 
merkung, daß er das Lied sonst nirgends gefunden habe; Hoffmann- 
Prahl N. 355; Meier Kunstl. i. V. 82. (Verf: J. Frz. Ratschky, 1779); 
für Schlesien ist das Lied m. W. noch nicht aufgezeichnet. 


1 . Ich habe den Frühling gesehen, 
Ich habe die Blumen begrüßt, 
Der Nachtigall Töne belauschet, 
Ein himmlisches Mädchen ge¬ 
küßt. 


a. 

2. Der freundliche Lenz ist ent¬ 
schlafen. 

Die Blumen sind alle verblüht. 
Ins Grab ist mein Mädchen ge¬ 
sunken, 

Der Nachtigall Lied ist verstummt. 


3. Jetzt blühet der Frühling bald wieder, 

Die Blumen blühn alle zum Licht, 

Die Nachtigall singt ihre Lieder. 

Das Mädchen, ach, kehret mir nicht! 

Aus dem geschriebenen Liederbuche von Wilhelm Linke in Doberschau. 

Verf. unbekannt. Schremmer N. 135 (Melodie und 7 Str.); 
Knappe S. 105 (Melodie und 4 Strophen); Böhme, Volkst. Lieder 
S. 598 N. 4; Hoffmann - Prahl N. G25; Köhler-Meier N. 69 
(5 Strophen mit Melodie). 

9 b. 

Text mitgeteilt von Frau Kluge in Jannowitz. Abweichungen von 
9 a: 1, 2 Fluren; 1, 3 Stimme; 2, 1 verschwunden; 2, 3 das Mädchen; 
2, 4 Und verstummt ist der Nachtigall Lied; Str. 3 und 4 lauten: 


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PRINCETON UNIVERSUM 



204 


Helmut Wocke 



Dort liegt sie, mit Rasen bedecket, 

Veilchen blühen auf ihrem Grab, 

O könnt 1 ich sie wieder erwecken, 

Sie, die einzige Rose mir war. 

Der freundliche Lenz kehrt einst wieder, 

Die Blumen erfreuen die Natur, 

Die Nachtigall schlägt schöne Lieder, 

Doch mein Mädchen kehrt nicht mehr retour. 


9 c. 

Text aus dem geschriebenen Liederbuch von Henriette Schuberth 
in Haynau. Abweichungen von 9 b: 1, 2 gepflückt: 2, 1 Verschwunden 
ist der Lenz und der Frühling; 2, 3 mein Mädchen; 3, 1 Hier liegt sie, 
mit Erde bedecket; 3, 2 Blumen; 3, 3 wiederum sehen; 3, 4 Wie sie 
einstens die Rose mir gab. Str. 4 und 5 lauten: 

Jetzt kehret der Frühling schon wieder; 

Denn die Blumen sind alle erfrischt, 

Und die Nachtigall, die singet frohe Lieder, 

Doch mein Mädchen kehrt nicht mehr zurück. 

Du siehst es, (sic!) o Herr des Himmels, 

Auf Menschen wie auf Tiere herab, 

Doch so wie die Blumen verblichen, 

So findet der Mensch auch sein Grab. 


io. Einsam bin ich nicht alleine. . . . 


Aus Preciosa (Text von P. A. Wolff, Musik von C. M. v. Weber); 
Böhme, Volkstümliche Lieder N. 255 (Mel. und drei Strophen); 
Hoffmann-Prahl N. 337. 

Der Text im geschriebenen Liederbuche von Henriette Schuberth 
in Haynau hat 6 Strophen und weicht in Str. 1—3 von Böhme N. 225 
in Einzelheiten ab. 1, 2 so süß; 2, 4 bleibt; 3, 3 Bist du mir auch 
noch so ferne; 3, 5 meine Seele. Strophe 4—6 lauten: 


Da durchbebt ein neues Sehnen 
Mir die bange, volle Brust. 

Suche dich! Will dich umfangen, 
Und umfange kalte Luft. 


Und mit einigem Verlangen 
Wandle ich auf Rosenduft. 

Suche dich! Will dich umfangen, 
Und umfange kalte Luft. 


Klagt, ihr Töne, tönt, ihr Saiten, 
Ach, ich fühl’s mit trübem Sinn, 
Daß ich in der fernen Weite 
Einsam und alleine bin. 




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Original fro-m 

PRINCETON UNlVERSlTY 




Von dir ge - schie-den, bin ich bei dir. Wo du nur weilst, 



2. Ach dein gedenk ich» bin ich erwacht, 

Du bist mein Stern in dunkler Nacht, 

Am blauen Himmel seh ich dein Bild, 

Im Sternenschimmer strahlst du mir mild. 


3. Im dunklen Haine der Nachtigall 
Hör ich immer deiner Stimme Schall. 
Die Lüfte säuseln mir deinen Gruß 
Und Blütenbalsam haucht mir den Kuß. 


4. Und muß ich weiter, muß weiter fort, 

Ich hör nicht mehr dein süßes Wort, 

O, selige Stunde, o kurzes Glück 
Ruft deine Sehnsucht mir dann zurück. 

Aus dem geschr. Liederbuche von Laura Härtel in Haynau. 
Köhler-Meier Nr. 175; Meier, Kunstl. i. V. Nr. 543 (Verf. 


bekannt). 


ii b. 


um 


Text im geschriebenen Liederbuche von Wilhelm Linke in Doberschau; 
Abweichungen von 11 a: 1, 2 weilst du bei mir; 2, 1 Nur; 2,4 Am; 
3, 1 der Nachtigallen; 3, 2 Hör’ ich nur deine Stimme erschallen; 
3, 4 Und Blütenbalsam mir deinen Kuß; 4, 1 Doch muß; 4, 2 f.: 

O sel’ge Stunden, zu kurzes Glück 
Ruft keine Sehnsucht mir zurück. 


12 . 

1. Komm, mein Mädchen, komm' ins Grüne, 
Sieh, wie uns der Frühling lacht, 

Und der Schmetterling, die Biene, 

Saugt aus allen Blumen Saft. 


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Original frnm 

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206 


Helmut Wocke 


2. Schöne Rosen woll’n wir pflücken, 

Die auf grüner Heide stehn, 

Ihren Busen damit schmücken, 

Alles soll aus Liebe geschehn. 

3. Und solang das Wasser rauschet, 

Und die Felsen trocken sein 
Und solang das Feuer brennet, 

Sollst du jetzt mein eigen sein. 

4. Sollt’ ich aber unterdessen 

Auf dem Sterbebette schlafen ein, 

O, so pflanz auf meinem Grabe 

Die schöne Blume: Vergiß nicht mein! 

Mitgeteilt von Frau Ernestine Kluge in Jannowitz. 

Meier Kunstl. i. V. N. 483 (Verf. unbekannt); für Schlesien noch 
nicht aufgezeichnet. 

13 . Wie wird mir so bang. . . . 

Böhme, Volkstümliche Lieder N. 500 (Melodie); Hoffmann- 
Prahl N. 1290b; Meier, Kunstlieder i. V. N.322 (Verf. Stefan Schütze 1818). 
Für Schlesien noch nicht aufgezeichnet. Der Text im geschriebenen 
Liederbuche des Tischlers Stephan in Haynau zeigt folgende Abweichungen 
von Böhme N. 500: 1, 1 daß ich scheiden soll; 1 3 Weil’s Liebchen; 

1 , 4 Ich drüben am Fenster seh; 1 , 5 Sie schwenkt das Ttichlein und 
winkt und nickt; 1 , 6 Küsse; 2, 1 du an der Garonne Strand: 2, 2 eilest; 

2, 3 in fernem Land, 2, 4 mein Mädchen so fromm und so gut; 2, 
5 du Mädlein; 2, 7 Und flüstert ein stilles Ade; 3, 5 Im Morgenrot; 

3, 6 Werd ich dein liebliches Bild ich schaun. 


1 . Ob. ich gleich keinen Schatz 

nicht hab’, 

Ich werd’ schon einen finden. 

Ich ging die Gasse wohl auf 

und ab 

Bis zu den Linden. 

2. Als ich zu der Linde kam, 
Stand mein Schatz daneben. 

Gott grüß dich, herztausender 

Schatz, 

Wo bist du gewesen? 


14 a. 

3. Wo ich gewesen bin, 

Kann ich schon sagen. 

:,: Ich bin gewesen im fremden 

Land, 

Hab viel Neues erfahren. 


4. Was ich erfahren hab, 

Kann ich Dir schon sagen, 

Ich hab erfahren im fremden 

Land, 

Bei Dir zu schlafen. 


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Schlesische Volkslieder. 


207 


5. Bei mir schlafen kannst du schon, 
Kann ich Dir nicht wehren, 

Aber, mein herztausender Schatz, 
Aber nur in Ehren. 


6. Zwischen Berg und tiefem Tal 
Saßen einst zwei Hasen, 

Fraßen ab das grone, grüne Gras 
Bis auf den Rasen. 


7. Und als sie sich satt gefressen 

hatten, 

Legten sie sich nieder, 

Und wart’ten, bis der Jäger kam, 
Der schoß sie nieder. 

8. Zwischen Berg und tiefem Tal 
Fließt ein helles Wasser, 

Und wenn mich keine haben mag, 
So muß sie’s bleiben lassen. 


Mitgeteilt von Wilhelm Kluge in Jannowitz. 

Mit Str. 6 beginnt ein ursprünglich selbständiges Lied, das Lewalter 
Heft V Nr. 46 abdruckt; zur Vergleichung des ganzen Liedes vgl. 
Günther S. 215. 


14 b. 

Der Text im geschriebenen Liederbuche von Wilhelm Linke in 
Doberschau bietet nur 4 Str.; Abweichungen von 14a: 1,2 Werd ich 
bald einen; 2,1 an die; 2,3 Sei gegrüßet; 3,2 Das will ich wohl sagen; 

3.3 ins weite, breite Feld; 3,4 Und habe was erfahren. Str. 4 lautet: 

Bist du gewesen ins weite Feld, 

Und hast was erfahren, 

Ei bitte, herzenstausender Schatz, 

Bei dir zu schlafen. 

15 a. Teurer, brichst den Schwur. 

Amft N. 085 (Mel. und 9 Str.); Schremmer (Mel. und 8 Str.); 
Köhler-Meier N. 41; über die Verbreitung des Liedes vgl. Meier 
Kunstlieder i. V. N. 532 (Verfasser unbekannt) und Schremmer S. 106; 
Böhme, Volkstümliche Lieder N. 474 (Mel. und 4 Str.). Abweichungen 
des Textes im geschriebenen Liederbuche des Tischlers Stephan in 
Haynau von Böhme N. 474: 1,1 Teurer, brichst; 1,3 Doch Geduld 

trifft sich die Reue (sic 1); 1,4 Warum schlägt für mich dein Herz nicht 
mehr? 2,3 der Unschuld sanfte Tugend; 2,4 war damals dein Beginn; 
3,1 Einst war ich mein (1) alles dir im Leben; 3,2 an deiner heißen; 

3.4 Zank und Streit war dir niemals bewußt. Strophe 4 und 5 lauten: 

Führt dich einst der Weg zu meinem Grabe, 

Fordre deinen Leichenstein von mir, 

Ach, so gönne mir die letzte Tugend, 

Weine eine heiße Träne mir. 

Nimmermehr will ich mein Herz verschenken, 

Weil mir Liebe nicht mehr möglich ist, 

Und solange werd’ ich dein gedenken, 

Bis der Tod mir einst das Auge bricht. 


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208 


Helmut Wocke. 


15 b. 

Text im geschr. Liederbuche von Henriette Schuberth in Haynau ; 
Abweichungen von Am ft Nr. 685: 1,3 Nur Geduld, es trifft dich; 

1.4 Dann schlägt dein Herz von Vorwurf immer schwer. 2,4 mein 
Gewinst von dir; 3,4 niemals mir; 4,2 Riefest; 4,3 ist die Liebe; 4,4 
O, sieh; Str. 5—8 lauten: 

Ü, warum mußte ich dich kennen, 

O, warum schlug dein Herz so heiß Itir mich! 

O, warum tust du mich im Stillen hassen 1 
O, warum bin ich jetzt nicht mehr für dich! 

So ist mir das schwere Los beschieden, 

Daß ich wirklich von dir scheiden muß. 

So lebe wohl, so leb in Frieden 1 
So lebe wohl, o Teurer, lebe wohl! 

Lieg ich einst in meinem Todesschlummer, 

Decket mich die kühle Erde zu. 

Doch frei von Sorgen und von Kummer, 

Dann genieße ich die süße Ruh. 

Führt dich einst der Weg zu meinem Grabe, 

Siehest einen Leichenstein vor dir, 

O, gönne mir die allerletzte Ruhe 
Und weine heiße Tränen hier. 

16. Einst verliebte sich ein Jüngling . . . 

Amft N. 81 (Mel. und 5 Str.); Sch rem m er N. 88 (Mel. u. 5 Str.) 
Abweichungen des Textes, den mir VV. Kluge in Jannowitz mitteilte, von 
Amft: 1,1 Einst verliebte sich; 1,2 Kaum noch; 1,4 Schön und lieblich 
Str. 2: 

Mädchen, ach verweile! 

Dir geschieht dein Schicksal hier, 

Mädchen, ach verweile, 

Nimm mein Herz, ich schenk es dir. 

Unsere Str. 2 fehlt bei Amft; unsere Str. 3, 4, 5, 6, entsprechen also 
hei Amft den Str. 2,3, 4, 5. — 3,1 Allhier werden sie; 3,2 Segenhand: 

3.4 Als er sie im Elend; 4,1 Täglich wurd* es immer; 4,2 um sie her; 

4.4 hungert gar so sehr; 5,1 Als nun der Mann; 5,2 Eilt er nach dem; 

5.4 Nur der Tod gewährt mir Ruh; 5,1 O ihr lieben, jungen Leute; 

6.4 Und der Gram noch viel zu früh. 

17. Gutgemeinter Rat für Mädchens. 

1. Mädchens, laßt euch nur nicht küssen, 

Folget meinem klugen Rat, 

Denn so viel’ es gar nicht wissen, 

Was ein Kuß für Folgen hat. 


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Original fro-m 

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Schlesische Volkslieder. 


209 




2. Küßt ihr heut und morgen wieder, 

O, dann ist’s mit euch vorbei. 

Schüchtern blickt ihr auf das Mieder 
Und euer Herz ist nicht mehr frei. 

3. Rings umflattern oft den Mädchen, 

Liebesbriefe sind sein Spiel. 

Er sucht sich ein Jägerständchen, 

So ganz leise ist sein Spiel. 

4. Mädchen, sagt, hab ich gelogen? 

O, gewiß spricht jedes: >nein€. 

Ihr seid nah und fern betrogen, 

Hintergangen klar und rein. 

5. Liebe Mädchens, laßt euch sagen, 

Trauet nur den Männern nicht. 

Ein’ Schelm im Herz tut jeder wagen, 

Der zu euch von Liebe spricht. 

6. Mädchens, tut mir den Gefallen, 

Kommt so einer euch ins Haus, 

Werft ihn nur sogleich vor allen 
Gleich zur Tür und Tor hinaus. 

7. Mädchens, glaubt nur meinem Worte, 

Liebe ist kein Kinderspiel. 

Denkt, es gibt an allen Orten 
Verdorbne Männer gar zu viel. 

8. Unter hundert ist kaum einer, 

Der euch gibt der Liebe Lohn. 

Kommt zu mir, denn ich bin keiner, 

Der euch lohnt mit Spott und Hohn. 

9. Drum die Männer heutzutage, 

Die der liebe Gott beschert, 

Sind, so hört man meist die Klage, 

Alle kaum ein Dreier wert. 

10. Ungetreu in jedem Falle 

Sind die Männer, glaubt es mir, 

Flattemhaft, doch nein, nicht alle, 

Denn ein braver schreibt dies hier. 

Aus dem geschr. Liedei buche des Tischlers Stephan in Haynau. 
Mitteilungen d. Sehle«. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 14 


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Original frorn 

PRINCETON UNIVERS1TY 



210 


Helmut Wocke 


18 a. 


Moderato. 



For-dre Nie-mand mein Schick-sal zu hö ren, dem aas 



Le - ben noch mann-voll winkt, Ja wohl, könn te ich 



Gei-ster be-schwö-ren, die der A - che-ron bes-ser ver¬ 



schlingt. Aus dem Le - ben mit Schlach -ten ver-ket-tet, aus 



dem Kamp-fe von Lor-beer um-laubt, hab ich nichts, hab ich 



gar nichts ge - ret - tet, als die Ehr* und dies al - tern - de 



Haupt. Hab ich nichts, hab ich gar nichts ge - ret-tet als die 



2. Keine Hoffnung ist Wahrheit geworden, 
Selbst des Jünglings hochklopfende Brust 
Hat im liebeblühenden Norden 

Seiner Liebe entsagen gemußt. 

Zu des Vaterlands Rettung berufen, 
Schwer verwundet, von Feinden umringt, 
Blieb mir unter den feindlichen Hufen 
Nur die Ehr* und dies alternde Haupt 

3. In Amerika sollte ich steigen, 

Und in Polen entsagt ich der Welt, 

Laßt mich meinen Namen verschweigen, 
Ich bin nichts als ein sterbender Held. 


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Original from 

PRINCETON UNIVERSUM 




Schlesische Volkslieder. . 


211 


O mein Vaterland, dich nur beklag ich, 

Ja, du bist deines Glanzes beraubt. 

Dich beweinend zum Grabe hin trag ich 
Meine Ehr’ und dies alternde Haupt. 

Aus dem geschriebenen Liederbuche von Laura Härtel in Haynau. 
Vgl. Fritz Heeger, Polenlieder aus der Rheinpfalz, Blätter z. bayr. 
Volksk. (1917) V, 13 f. ohne Melodie. Heeger vergißt zu erwähnen, daß 
sich das Lied in Karl v. Holteis Liederspiel »Der alte Feldherr« findet; 
vollständiger Klavierauszug von C. W. Henning, Stuttgart bei G. A. 
Zumsteeg o. J. S. 10 f; Josef Pommer bringt in seiner Ztschr. »Das 
deutsche Volkslied« eine studentische Umformung des Liedes mit 
Melodie, Dezember 1917 S. 125. Vgl. noch Hoffmann-Prahl N. 450. 

i3 b. 

Text im geschriebenen Liederbuche von Wilhelm Linke in Doberschau; 
Abweichungen von 18 a: 1, 4 die der Asche vom besseren umschlingt 
(sic!); 1, 6 Schwer verwundet, von Feinden umschnaubt; 2, 4 Seine 

Liebe entsagend gewußt (sic!); 2, 6 Aus dem Kampfe mit Lorbeer 
umlaubt; 3, 5 Armes Vaterland. 



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Original fram 

PRINCETON UNIVERSITY 




























212 


Helmut Wockc 



Sol-dat, Sol - dat, denkst du da - ran? Ich den - ke dran, 



=£= 


-V- 


* -fr- 

—— 

ich 

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dan • ke dir mein Le-ben, 

doch du, Sol - dat, 

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Sol - dat, 

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- 0 M 

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d - 

1 & 

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denkst du da - ran? 


Lagienka 

2. Denkst du daran, wie wir bei Krakau schlugen 
Den Bären gleich, die keine Wunde scheun, 

Wie wir den Sieg durch alle Feinde trugen, 

Von dir geführt, nach Krakaus Stadt hinein? 

Wir hatten keine kriegsgerechten Waffen, 

Die Sense nur schwang jeder Ackersmann, 

Doch machten wir dem kühnen Fried (siel) zu schaffen. 
O, Feldherr, sprich, gedenkst du noch daran? 

Thaddeus 

3. Denkst du daran, wie stark wir im Entbehren 
Die Ehre allem wußten vorzuziehen, 

Gedenkst du an das tückische Verschwören 
Meineid’ger Freunde dort bei Sykopin? 

Wir litten viel, wir darbten, doch wir schwiegen, 

Die Träne floß, das treue Herzblut rann — 

Und dennoch flogen wir zu kühnen Siegen. 

O, sprich Soldat, Soldat, denkst du daran? 


Lagienka 

4. Denkst du daran, wie in des Kampfes Wettern 
Mein Säbel blitzte stets in deiner Näh’, 

Als du verlassen von des Sieges Göttern 
Und sinkend riefest: Finis Poloniae? 

Da sank mit dir des Landes letztes Hoffen, 

So vieler Heil in einem einz’gen Mann. 

Daß damals mich dein treuer Blick getroffen, 
O großer Feldherr, denkst du noch daran? 


Thaddeus 

5. Denkst du daran, weh, meine Stimme zittert 
Und hier erblüht der Freude letzter Glanz. 

Ich sah im Strom der Zeiten schon verwittert. 
Den ich geflochten, unsern Lorbeerkranz. 


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PRINCETON UNIVERSUM 



Schlesische Volkslieder. 


213 


Geh du mit mir, und sinkt mein Haupt darnieder, 

Empfang ich einst den Tod als Held und Mann, 

Dann schließe mir die müden Augenlieder 

Und scheidend sprich: — Soldat, denkst du daran? 

Aus dem geschriebenen Liederbuch von Laura Härtel in Haynau. 
Böhme, Volkst. Lieder N. 96; Hoff mann-Prahl N. 185; Heeg er, 
Polenlieder aus der Rheinpfalz, a. a. O. S. 10; der Wechselgesang stammt 
aus Holteis Liederspiel »Der alte Feldherr;« vollständiger Klavierauszug 
von C. W. Henning. Stuttgart o. J. S. 20 f. 




Hoff-nung ist ver - lo - ren, die ich ge-hegt, zu ruhen einst in 



Freundschafts-gü-te ü - ber*häuft, ich war im Ruhm und Glück 


stets sein Ge - fähr-te, ich will es ihm im Un-glück auch noch 



ich will es ihm im Un-glück auch noch sein. 


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214 


Helmut Wocke 


2. Viel tausend sonnten sich in seinem Blute 
Und dankten seiner Güte, Ehr und Glück, 

Doch kaum verläßt der Sieg des Helden Schritte, 

So zogen die Treulosen sich zurück. 

Ich blieb ihm treu, und will mich ganz ihm weihn. 

Ich war im Ruhm usw. 

3. Ich bin Soldat, mein höchstes Gut die Ehre, 

Ich liebe sie ganz ohne Glanz und Thron. 

Nicht daß mein Name einst unsterblich werde, 

Folgte ich dir dahin, Napoleon. 

Ich folgte dir im wilden Waffentanze, 

Ich teilte mit dir Ehre, Ruhm und Glück. 

Ich war Gefährte dir im höchsten Glanze, 

Gern teil ich auch dein hartes Mißgeschick 

4. Ein nackter Fels fern von Europas Küste 
Wird zum Gefängnis ewig ihm bestimmt. 

Nicht Freundes Trost dringt je in diese Wüste, 

Kein Wesen ist, das Teil am Schmerz hier nimmt. 

Doch wenn ich Tröster meinem Tröster werde, 

So wird mein Schicksal dennoch herrlich sein. 

Ich war im Ruhm usw. 

5. Ist ihm die Siegesbahn gleich hier verschlossen, 

Winkt ihm kein Lorbeer mehr und keine Krön, 

Hat ihn die Welt aus ihrem Schoß gestoßen, 

Wird dieser Fels sein Grab und auch sein Thron, 

Vergebens ruft die Welt mich dann zurücke, 

Ich kann ihm nur des Herzens Triebe weihn. 

Ich war Gefährte ihm im höchsten Glücke, 

Ich will auch treu ihm überm Grabe sein. 

Aus dem geschriebenen Liederbuche von Laura Härtel in Haynau. 
Böhme, Volkst. Lieder N. 95 (Mel. u. 4. Str.; unsere 3. Str. fehlt 
bei ihm); Hoffmann-Prahl N. 809; Meier, Kunstl. i. Volksmunde 
N. 486; Fritz Heeger, Polenlieder aus der Rheinpfalz, a. a. O. S. 12 f- 
(ohne Melodie). 


2i. (Dort liegt ein junger Soldat). 

Text mitgeteilt von Ida Bertermann injannowitz; Abweichungen 
von Schremmer N. 46 (Dort Melodie): 1,3 in; 1,4 In dem deutschen 
Vaterland; Str. 2: 

Dort liegt sein Säbel und Gewehr 
Und alle seine Kleider; 

Und er geht nicht mehr einher, 

Und er ist kein Kriegermann mehr. 


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PRINCETON UNtVERStTT 



Schlesische Volkslieder. 


215 


3,2 Verbind mir; 3,3 Meine Leidenszeit; 3,4 Denn ich muß ins 
Totenhaus; 4,1 Und wenn ich werd gestorben sein; 4,2 Dann tut 
man; 4,3 f. Drei Schuß! Ins kühle, kühle Grab / Senkt man meinen 
Leib hinab. 


22. Jägerlied. 



2. Auf und an! 

Wo er hält, in das Feld 
Haben wir den Fried’ bestellt. 

Aus dem Wald, wo es knallt, 

Treiben wir ihn bald. 

Auf Trara, durch Korn und Dorn 
Schallt das muntre Jägerhorn. 

Darum frei, Jägerei stets gepriesen sei. 

3. Auf und an! 

Rücken wir ins Quartier, 

Ptirschen wir wie im Revier, 

Und mit Lust, bst, bst, bst 
Mädel unser ist. 

Ja, so manches schöne Kind 
Sich der Jägersmann gewinnt. 

Darum frei, Jägerei stets gepriesen sei. 

4. Auf und an! 

Nebenbei, frank und frei, 

Schießen wir mit unserm Blei 
Im Revier; manches Tier 
Das erlegen wir. 

Hirsche, Rehe, Dachse, Füchse 
Schießen wir mit unsrer Büchse. 

Darum frei, Jägerei stets gepriesen sei. 

Aus dem geschr. Liederbuch von Laura Härtel in Haynau. 


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216 


Helmut Wocke 


23. Das Schifflein. 



Flie-ge, Schiff-lein, durch die Wo-gen des Ge-sta-des hier am 



See. Hier darf ich mit Lieb-chen ko-sen t wie ist mir so wohl, so 



weh. Ach wie schlägt das Herz mir bang, zau-dre, Hol-de, nicht so 



lang, ach wie schlägt das Herz mir bang, zau-dre, Hol-de, nicht 



so lang. 


2. Würze, Lüfte, kommt geflogen, 3. Dort am lustgen blauen Haine 

Bringet schnell mein Liebchen Taucht ein weißes Segel auf. 

mir. Ja, sie ist, sie ist die Meine. 

Murmelt lauter, klare Wogen, Fliege, Schiftlein deinen Lauf. 

Sagt von meiner Liebe ihr. Lüfte, ach wie zögert ihr, 

Wiederkehret Freud und Ruh, Bringet schnell mein Liebchen 
Lächelt Liebchen mir nur zu. mir. 

Aus dem geschriebenen Liederbuch von Laura Härtel in Haynau. 

Nach H offmann-Prahl N. 448 ist Verf. wahrscheinlich Adolf 
Licht. 


24. Fischerlied. 



Seht den Fi-scher so kühn durch die Wel - len hin ziehn, auf 



dem brau-sen - den Meer zieht er mu - tig da*her, und sein 



Arm kiäf-tig lenkt, sei-ner Beu • te ge-denkt, sei-ner Beu te ge-denkt 


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Original frnm 

PRINCETON UNIVERSITT 




Schlesisehe Volkslieder. 


217 



2. O Fischlein, hab acht. 

Sei der Freiheit bedacht. 

Fischlein so jung, 

Spiel auf dem Grund. 

Wird das Netz ausgespannt, 

In die Tiefe gesandt, 

Mitgeteilt von Frau D. Bulnheim 


In die Tiefe gesandt, 

Droht euch sicher der Tod. 
Und laut der Fischer singt, 

Daß es durch die Lüfte dringt: 
Tralala,tralala,tralalalala, tralala, 
tralalala. 

in Haynau. 


25 a Das ländliche Leben. 



chelt die schö-ne Na-tur. 


2. DieWachtelsingtindemGetreide, 3. Warum sollt’ich den Städter be- 
Die Nachtigall schlägt in dem neiden, 

• Hain. Den Ehrgeiz und Luxus umgibt. 

Die Lerche auf grünender Heide Das sind nur vergängliche 
Stimmt fröhlich ihr Liedchen Freuden, 

mit ein Die werden durch Kummer 

getrübt 

Mitgeteilt von Frau D. Bulnheim in Haynau. 


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PRINCETON UNIVERSITY 













































218 


Helmut Wocke 


25 b. 

1. Wie schön ist das ländliche Leben, 
Ein Häuschen auf grünender Flur, 
Vom Schatten der Bäume umgeben 
Und freun sich der schönen Natur. 
Triallalala. 


2. Die Schwalbe weckt mich aus dem Schlafe, 
Stimmt fröhlich ihr Morgenlied vor, 

Da hör ich, sobald ich erwache, 

Der singenden Vögelein Chor. 

Triallalala. 


3. Die Städter, sie gehn zum Vergnügen 
Hinaus auf die ländliche Flur 
Und sehn, was der Schöpfer beschieden 
Und freun sich der schönen Natur. 
Triallalala 


4. Sie pflücken die Königskerzen, 

Kehr’n wieder in ihre Heimat zurück 
Und denken dabei im Herzen: 

Der Landmann hat ein schön’ Glück. 
Triallala 


5. Was nützen dem Fürsten die Schlösser, 
Dem König die Krön’ und das Land? 
Sie tragen die Sorgen weit größer 
Und wünschen sich öfter mein’n Stand. 
Triallala 


6. So leb ich ganz still und zufrieden 
Und bau mir ein Häuschen ins Feld 
Und laß mich mit wenig begnügen 
Und achte nicht Lockres der Welt. 

Mitgeteilt von Frau Ernestine Kluge in Jannowitz. 

Das Lied (ohne Melodie, 12 Str.) bei Oscar Scholz, der Spinn¬ 
abend zu Herzogswaldau, abgedruckt in den Mitt. d. Schl. Ges. f. 
Vclksk. 1897, Heft IV, S. 95 f; Böhme, Volkst. Lieder N. 610 (Mel. 
u. 4 Str); Meier, Kunstlieder i. V. N. 447. Verf. unbekannt. 


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Original from 

PRINCETON UNIVERS1TY 


Schlesische Volkslieder. 


219 



4 3 


* 3 


4 4 4 * 


Der Wee - ze-kranz, der Wee-ze-kranz, der VVee - ze-kranz ist do! 


Uff a Sun tich lie - ber Franz, is bei uns der Wee - ze - kranz, 


do giehts uch - sig tul - le her, i do freun rner uns gor sehr, 




















































220 


Helmut Wocke 




gor zu gutt, und de Kar - li - ne de tanzt so schie-ne, 


3=±=J 

de schmeßt 




tr zä 


3 = 




de Bee-ne huch beim Tanz am Wee - ze - kranz. 


Der Kiehraus kimmt, der Kihraus kimmt, 

Dar Weezekranz is aus. 

Ach, du lieber Augustin, mei Ruck und o mei Stuck is hin, 
Ach, wie brummt mer jetzt mei Kupp, 

Schier, als wär’s a hohler Tupp, 

'S schmeckt kee Branntwein, schmeckt kee Bier, 

Ich bin als wie benebelt schier, 

Und die Karline spricht: >0 lieber Franz, 

Du bist beduselt ganz.« 

Dann nimmt se mich 

Fest ungern Arm, fest ungern Arm, 

Und führt mich heem 
So liebewarm. 

Der Mond der macht a schief Gesicht, 






Nischt Schin-ners als a Wee-ze-kranz gibts nicht. 
Mitgeteilt von Frau D. Bulnheim in Haynau. 


-^r=r\— t- 


27. 

1. Zwien Pauern gingen ei die Staod, 

Wo’s lauter schiene Sacha hot, 

Um sich an rechte Lust zu macha 
Und amol aus Herzensgrund zu lacha. 

2. Und do sie komma ei dos Stadla, 

Da hots an Monn und dar verkaufte Katla. 
Aso a Katla möcht ich mir wull keefa. 

Das werd a Geldsack nee siehr reefa. 

3. Na Hons, wos wilste mit dam Katla? 

Dos scheßt der ja uf jedes Bratla, 

Deine Ale werd a schiene Floppe ziehn 
Und werd dich heßa mit dam Katla giehn. 


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Original ffom 

PRINCETON UNIVERSITÄT“ 




Schlesische Volkslieder. 


221 


4. Nu Hons, do macho wos de Lust hust 
Und freu, wos su a Katla kust, 

Dos mir kinn wetter giehn 

Und nee beim Katlanionne bleiba stiehn. 

5. Ihr Monn do ei dam bloa Jackla, 

Was kust es hie vo dann Katla? 

A Biehma kust ees vo a ruta, 

Sechs Gröschlan ees mit schwarza Pfuta. 

Aus dem geschr. Liederbuche von A. Brauner, Jannowitz. 

Amft N. 185 (Mel. und 7. Str.); Schremmer N. 154 (Mel. u. 9. Str.) 

28. Das 45 fache Lied. (Mel.: Ein freies Leben . . .) 

1. Ein freies Leben führen wir 
Im Wald und auf der Heide. 

Nach Frankreich zogen zwei Grenadier 
Und morgen muß ich fort von hier! 

Mädl, ruck an meine Seite. 

2. Es steht ein Wirtshaus an der Lahn 
In einem kühlen Grunde. 

Laurentia, liebe Laurentia mein 
Dir möcht ich meine Lieder weihn, 

Nachts um die zwölfte Stunde. 

3. Mein Lieb ist eine Alperin 
Im Kreise froher Zecher. 

Ein frommer Knecht war Fridolin 

Und wenn die Schwalben heimwärts ziehn, 

Es lebt sich gut beim Becher. 

4. Allons enfants de la patrie. 

Im Herbst, da muß man trinken. 

Das Trinken macht mir keine Müh, 

Und mich ergreifts, ich weiß nicht wie, 

Du Schwert an meiner Linken. 

5. Bemoster Bursche zieh ich aus, 

Sing, wem Gesang gegeben. 

So leb denn wohl, du stilles Haus, 

Grad aus dem Wirtshaus komm ich raus, 

Reich mir die Hand, mein Leben. 

6. Wenn ich mich nach der Heimat sehn, 

Auf, Brüder, laßt uns wallen; 

Denn in der Heimat ist es schön, 


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222 


Helmut Wockc 


Dort sah ein Knab ein Röslein stehn 
In diesen heil’gen Hallen. 

7. Schier dreißig Jahre bist du alt, 

Ach, wenn du wärst mein Eigen 1 

Im Wald, im Wald, wo’s Echo schallt, 

Es regt sich was im Odenwald. 

Viola, Baß und Geigen. 

8. Steh ich in finstrer Mitternacht 
Zu Straßburg auf der Schanz, 

Ich hab darüber nachgedacht. 

Die linden Lüfte sind erwacht, 

Heil, dir im Siegerkranze. 

9. Ich nehm mein Gläschen in die Hand, 

Bringt Blut der edlen Reben. 

Steh fest, steh fest, mein Vaterland. 

Die Gläser füllet bis zum Rand, 

Das Vaterland soll leben! 

Aus dem geschr. Liederbuch des Herrn Gebhardt in Jannowitz. 

Das Lied ist aus den verschiedensten Gedichtanfängen zusammen¬ 
gesetzt; mein Gewährsmann versicherte mir, in seiner Jugend sei es 
sehr beliebt gewesen. Ich habe es nirgends aufgezeichnet gefunden. 


29 a. Lied des Schulze. (Mel: »Da streiten sich die Leut’ herum«, 
aus Raimunds »Verschwender«. 


1. Ein Kaufmann, der sich Schulze 

nennt, 

Lebt in Berlin noch heut, 

Er ist von jedem Kind gekennt, 

Ist fleißig und gescheut. 

Des Tags sitzt er am Arbeitstisch, 
Und arbeit’t fest drauf los, 

So sitzt Herr Schulz im Unter¬ 
frisch 

Und sein Geschäft ist groß 

2. Des Abends schließt er sein 

Comptoir, 

Will einmal gehen aus. 

Er sucht sich Hut und Stock hervor 
Und geht ins Kaffeehaus. 

Dort trinkt er dann, wie es bekannt, 
Wohl 10 bis 12 Glas Grog, 

Und geht im allergrößten Brand, 
Wenn zwölfUhr schlägt die Glock. 


3. Und als er einst nach Hause geht, 
Es regnet fürchterlich, 

Man keine Hand vor Augen sieht, 
Die Straß der Sintflut glich. 

Und als er kommt ans Trottoir 
Der Friedrichsstraßen Eck, 

Da fällt Her Schulz, so lang er war, 
In allergrößten Dreck. 


4. Denselben Abend hatte auch 
Gekneipet ohne End, 

Nach altem braven Burschenbrauch 
Ein Hallischer Student. 

Und als auch der nach Hause geht 
Und kommt an diese Eck’, 

Zum Unglück Schulz ein Bein 

erhebt, 

Plumps, liegt er auch im Dreck. 


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Schlesische Volkslieder. 


223 


5. Potz Wetterl ruftinseinemGrimm 
Ganz wütend der Student. 

Ich glaub, es liegt was neben mir, 
An was bin ich gerennt? 

Herr Schulz, als ein erfahrener 

Mann, 

Spricht: Seien sie doch still, 

Was geht, mein Herr, denn sie 
das an, 

Was ich hier machen will. 


6 . VVer sind sie, ruft in seinem Brand 
Ganz wütend der Student. 

»Der Kaufmann Schulze werd ich 

genannt, 

Ein jedes Kind mich kennt. 

Der Kaufmann Schulz? Der Studio 

spricht: 

Das freut mich, lieber Mann, 

: f : Weil ich dann den Empfehlungs¬ 
brief 

Gleich übergeben kann. 


6 . Nun kam wohl der Empfehlungsbrief 
Nicht in die rechte Hand. 

Bei angeschwollnem Gassenstein 
In allergrößten Brand. 

Doch hat der Spaß erfreuet mich, 

Als er mir ward bekannt. 

:,: Ja, edle Seelen finden sich 
Zu Wasser und zu Land. :,: 

Aus dem geschr. Liederbuch des Tischlers Stephan in Haynau. 
Hoffmann-Prahl N. 321 (Verf. unbekannt). 


29 b. 

Text im geschriebenen Liederbuche von Laura Härtel in Haynau; 
Abweichungen von 29a; 2,1 Um 7 Uhr; 2,2 Ruht dann ein Stündchen 
aus; 2,3 Dann sucht er; 2,5 Da; 2,6 Zehn bis zwölf Groschen; 2,7 
Geht dann nach Haus im größten Brand; 3,1 So wollt er jüngst nach 
Hause gehn; 3,3 Man sah die Hand vor'm Auge nicht; 3,5 kam; 3,8 
Im größten Gassendreck; 4,2 Gesoffen; 4,3 gutem, bravem; 4,5 Und 
als nun der nach Hause schwebt; 4,6 Kommt an dieselbe Eck; 5,1 ff. 

Wer, Donnerwetter, liegt denn hier? 

An wen bin ich gerannt? 

Ich glaub, es liegt was neben mir, 

Ruft wütend der Student. 

5,5 Als bescheidner Mann, 5,7 Sprach: Seien Sie doch nur still; 
5,7 Mein Herr, was geht denn; 6,1 Wie heißt er denn mit; 6,2 Das 
sag er mir geschwind; 6,3 Ich werde Kaufmann Schulz; 6,4 Mich kennt 
hier jedes Kind; 6,5 Herr Schultze? So, das freut mich sehr. Sie 
sind ein lieber Mann; 6,7 Empfehlgsschein; 6,8 überreichen. 7,1 So 
kommt denn der Empfehlgsschein; 7,2 gleich; 7,4 Und fürchterlichem; 
7,5 Gefreuet hat das Späßlein mir (sic); 7,6 es; 7,7 schöne. 


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224 


Helmut Wocke' 


\ 


30 a. 


1 . Warum ist denn die Heiratslust 
Bei Männern jetzt so rar? 

Die Mädchen werden bei der 

Zeit 

So ganz verlegne War’. 

Die Männer werden mit der Zeit 
Jetzt aus Erfahrung klug. 

Denn Heirat, bringt fast nur Be- 
Darum, darum, darum. [trug, 


2. Warum trägt denn die Damen¬ 
welt 

Die Kleider all so lang und weit? 
Und obendrein noch Steifröcke 
Und so entsetzlich weit? 

Weil sie dann die Magerkeit 
Recht gut verbergen kann, 

Und so betrügen sie einen Mann, 
Darum, darum, darum. 


3. Warum putzt manche Mutter denn 
Ihr Töchterchen so sehr? 

Und oft ist an den Töchterchen 
Kein Quentchen Schönheit mehr. 

Das Töchterchen hat Haus und Hof 
Und so was hat Gewicht. 

Da sieht man weiter nicht aufs Gesicht. 
Darum, darum, darum. 

Mitgeteilt von Frau Ernestine Kluge in Jannowitz. 


30 b. 


1. Warum wird denn die Heiratslust 
Bei Männern gar so rar, warum, 
Die Mädel werden auch dabei 
So leicht verleg’ne War’, 

Die Mädel werden bei der Zeit 
Jetzt aus Erfahrung klug, 

Und sprechen 1 Heirat ist Betrug, 
Darum . . . 

2. Warum putzt manche Mutter denn 
Die Tochter gar so sehr, warum, 
Und führt auf Promenaden sie 
Hübsch fleißig hin und her? 

Es brächte jede Mutter halt 
Die Tochter gerne an 

Und suchte gerne einen Mann, 
Darum, darum, darum. 

3. Warum bringt manche Mutter denn 

Die Tochter schnell an Mann, 
warum? 

Und ist doch an dem Töchterlein 
Kein Quentchen Schönheit dran. 


Die Tochter kriegt a Haus und 

Geld 

Und so was hat Gewicht, 

Da schaut man weiter nicht 
auf’s Gesicht, 
Darum, darum, darum. 

4. Warum zieht denn beim Kegel- 

schieb’n 

So manches Stutzerlein 
Sein Modefrackel niemals aus, 
Mag ihm auch warm drin sein? 
Ei hat zwar einen Modefrack, 
Doch unten — welch ein Graus! 
Schaut’s nackte Fleisch zum 
Hemd heraus, 
Darum, darum, darum. 

5. Viel Mädel hängen Köpfchen jetzt 

Und sehen traurig aus, warum?. 
Sie seufzen, weinen auch sogar, 
Was glaubt man wohl, wird draus? 
Man hat halt 24 Jahr, 


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Original fro-m 

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Schlesische Volkslieder. 225 

Die Liebe, die greift an, Und in die Ärmel Reifen drin 

Sie möchten gerne einen Mann, Und so entsetzlich weit? 

Darum, darum, darum. Daß man die Magerkeit darin 

So recht verbergen kann 
Und so die Männer täuschen 

6 . Warum trägt denn die Damenwelt könn\ 

Die Kleider jetzt so weit Darum, darum, darum. 

Aus dem geschr. Liederbuch des Tischlers Stephan in Haynau. 

Das Lied ist weder bei Günther noch bei Meier, Kunstl. i. V 
verzeichnet; auch in anderen Sammlungen ist es mir nicht begegnet. 

31. I, keine Idee. 

1 . Sonst gingen die Leute im ehrsamen Kleid, 

Der Schnitt angemessen, vollkommen und weit. 

Schaut jetzt einen Stutzer, er geht wie verzwickt 
Und hat ein klein Guckglas ins Auge gedrückt. 

Das Ehrenwort war sonst als Darlehn ein Pfand, 

Man ehrte Gesetze und Rechte im Land. 

In jeglichem Haus eine glückliche Eh 
Besteht denn das jetzt noch? I, keine Idee 

2. Vor Zeiten, da wurden die Eltern geehrt. 

Und oft von den Kindern viel Freude beschert, 

Jetzt darbt mancher Vater, hat Sorgen und schwitzt, 
Indes sein Herr Sohn bei der Weinflasche sitzt. 

Solidität war sonst beim Tanz zu spüren, 

Jetzt rasen sie, daß sie die Schuhe verlieren. 

Mit Glockenschlag 10 nahm ein Jeder ade, 

Besteht — — — — 

3. Sonst war jede Wirtschaft gedrechselt und nett, 

Jetzt liegt manche Hausfrau bis 10 Uhr im Bett, 

Und geht sie zu Markte, so ist es ein Glück, 

Wenn sie schon 3 / 4 auf zwölfe zurück. 

Ein Schnurrbart war früher natürlich und fein . 

Jetzt schmieren sie ein Halbpfund Bartwichse hinein. 

Es gab Sitt* und Anstand im Corps de Ballet. 

Besteht —-— 

4. Ostindische Schnupftücher, die England gebracht, 

Die werden jetzt alle in Deutschland gemacht. 

Reell war die Leinwand, doch jetzt, welch ein Graus, 
Guckt unten und oben Baumwolle heraus. 

Sonst wurde freimütig beim Bier diskuriert 
Und nicht von den Nachbarn am Tisch denuriert. 

Es gab Lieb und Freundschaft vom Kopf bis zur Zeh 
Besteht denn . . , 

Milttelungen d. Schics. Ges. f. Vkde. Bd. XXI. 15 


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PRINCETON UN[VERS!TY 



326 


Helmut Wocke, Schlesische Volkslieder. 


5. Musik war vor Jahren noch einfach und zart, 

Bei uns aber wird nicht das Messing gespart. 
Schauspieler verstanden, was Ton und was Schall. 
Jetzt brüllen sie wie die Ochsen im Stall. 

Sonst krönte man Dichter. Was jetzo geschieht. 

Das wird sich gleich zeigen am Ende vom Lied. 
Denn fragt man, nun hats denn gefallen Euch, heh? 
Da schrein’s gewiß alle: »I, keine Idee. 

Aus dem geschr. Liederbuch des Tischlers Stephan in Haynau. 
Mir ist das Lied sonst nirgends begegnet. 


Inhaltsübersicht. 

Nummer 

Auf und an, spannt den Hahn.22 

Der Weezekranz, der Weezekranz ...... 26 

Der Weihnachtstag begann zu lichten .... 6 

Dort liegt ein junger Soldat.21 

Ein freies Leben führen wir.28 

Ein Kaufmann, der sich Schulze nennt .... 29 a—b 

Einsam bin ich nicht alleine .10 

Einst verliebte sich ein Jüngling.16 

Ein Traum ist alles hier auf Erden.4 

Ein trotziger Rittter.8 a—b 

Es war ein Bauers sein jüngster Sohn .... 7 

Fliege, Schifflein, durch die Wogen.23 

Fordere niemand mein Schicksal zu hören ... 18 a—b 

Ich habe den Frühling gesehen ....... 9 a—c 

In Myrtills zerfallener Hütte.5 

Komm', mein Mädchen.12 

Leb wohl, du teures Land.20 

Mädchen, laßt euch nur nicht küssen.17 

Ob ich gleich keinen Schatz nicht hab . . , . 14 a—b 

Seht den Fischer so kühn.24 

Sonst gingen die Leute.31 

Teurer, brichst den Schwur der Treue .... 15 a—b 

Thaddeus, denkst du daran.19 

Vater, den uns Jesus offenbarte.2 

Von dir geschieden.11 a —b 

Warum ist denn die Heiratslust.30a —b 

Was ist das Göttlichste auf dieser Welt? .... 3 

Wenn das Herz voll Angst und Pein.1 

Wie wird mir so bang.13 

Wie schön ist das ländliche Leben.25 a—b 

Zwien Pauern gingen ei de Stoad.27 


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0 rigi na I frorn . _ - 

PRINCETON UNIVEnsffP“ 























Volkslieder und Sagen aus der Umgegend 
des Zobtengebirges. 

Von Karl Olbrich. 

Drei Volkslieder. 

I. Nachstehendes Volkslied verdanke ich einer gütigen Mitteilung 
des Herrn Hauptlehrers Kleiner in Zobten. Seine Frau hat es in ihrer 
Jugend gelernt und, als einmal eines ihrer Kindchen gestorben war, 
immer mit tiefer Wehmut gesungen; so gewann es durch ein entsprechendes 
Erlebnis Leben und Bedeutung. Herr Kleiner bezeichnete es als ein 
>sehr altes« Lied, das jetzt wohl verschollen sei. Wie ich feststellte, 
steht es weder bei Fritz Günther: iDie schlesische Volksliedforschung« 
noch in Erck-Böhmes »Deutschem Liederhort« oder Böhmes »Volks¬ 
tümlichen Liedern « Auch findet es sich nicht unter den handschriftlichen, 
auf der Breslauer Stadtbibliothek aufbewahrten, schlesischen Volksliedern 
Es lautet; 



1. Das macht das dun - kel - grü • ne Laub, daß’s im Wald 

2. Mein Rös - lein, das ist mei - ne Freud', das da blü - het 

3. Und da ging die hol - de Mai - en - zeit und mein sü- 



1 . so fin - ster, ist, und das macht die hol - de Mai - en- zeit, 

2. zur Som-mers-zeit! und der Wald, der dun - kel-grü - ne Wald, 

3. ßes Lieb zur Ruh', und da fielen die Blät - ter all her - ab 



2. nimmt all mein Ge - dan ken ein, und der Wald, der 

3. und deck - ten mein Rös-lein zu, und da fielen die 



1 . hol - de Mai-en-zeit daß so rot mein Rös - lein blüht. 

2. dun - kel - grii-ne Wald nimmt all mein Ge - dan-ken ein. 

3. Blät - ter all her • ab und deck - ten mein Rös - lein zu. 

15* 



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228 


Karl Olbrich 


Der innige Zusammenklang von Natur- und Menschenleben, vor 
allem die ansprechende Weise lassen das Lied als eine wertvolle 
Bereicherung des schlesischen Liederschatzes erscheinen. 

Unter O. Roquettes Liedern findet sich ein Gedicht, das mit obigem 
solche Ähnlichkeit besitzt, daß eine Übernahme sicher ist 1 ). Andererseits 
ergibt ein Vergleich der Texte die überraschende Tatsache, daß das 
Zobtener Volkslied unzweifelhaft höheren dichterischen Wert besitzt. 
Zwei Erklärungen sind möglich: entweder ist Roquettes Dichtung in 
das Volk gedrungen und hat dort eine schöne Umdichtung erfahren — 
was aus verschiedenen Gründen fast ausgeschlossen ist — oder Roquette 
ist das schlesische Volkslied in einer schlechteren Fassung zu Ohren 
gekommen. Die dritte Möglichkeit, daß er es selbst umdichtete, halte 
ich bei Roquettes feinem dichterischen Empfinden für ausgeschlossen. 
Da beide Breslauer Bibliotheken keine vollständige Ausgabe von 
Roquettes Werken besitzen, ist es mir leider unmöglich, festzustellen, 
ob der Dichter selbst sich über den Ursprung des Gedichtes geäußert 
hat; doch finde ich in seiner Selbstbiographie >70 Jahre« (S. 38) die 
Angabe, daß Hanna, das 25 Jahre in der Familie seiner Eltern 
dienende Dienstmädchen, in Sprache, Gewohnheiten, Volkstracht eine 
>echte Schlesierin« war und die • »schönsten Geschichten erzählen 
und die lächerlichsten Volkslieder singen konnte«. Robert Franz hat 
das Lied >im Romanzenton« durchkomponiert. (R. Franz-Album I, 21); 
aber neben seiner künstlerischen Vertonung besitzt die oben-mitgeteilte 
Volksweise doch ihren eigenen Wert. 

(zu Roquettes Vorliebe für Volkslieder vgl. a. O. S. 173 und 199; 
über seine Bekanntschaft mit R. Franz ab. 287). 

II. Ebenfalls einer Mitteilung des Herrn Kleiner verdanke ich den 
vollständigen Text des folgenden Liedes, von dem ich Bruchstücke 
aus dem Munde beerensuchender Kinder vernahm und aufzeichnete. 


Zehntausend Mann, die zogen ins Manöver, 
Zehntausend Mann, die zogen ins Manöver! 
Wiediewum, wiediewum, wiedirallalal 
Die zogen ins Manöver! Wiediewum! 


J ) >Das macht das dunkelgrüne Laub, 

Daß der Wald so schattig ist, 

Das macht die liebe Maienzeit, 

Daß so rot das Röslein ist. 

Meines Schatzes Lieb war das Röslein rot. 
Das blühet am Waldesrain, 

Und das grüne Laub, das grüne Laub, 

Wie all die Gedanken mein. (?) 

Nun ging die schöne Mainzeit 
Und die schöne Lieb’ zur Ruh’, 

Nun fallen die Blätter all herab 
Und decken da- Röslein zu.« 



Original frogi 

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Volkslieder und Sagen aus der Umgegend des Zobtengebirges. 229 


Bei einem Bauer ließen sie sich nieder 
Wiediewum usw. 

Da ließen sie sich nieder, wiediewum! 

Der Bauer hatt’ eine wunderschöne Tochter 
Wiediewum usw. 

Eine wunderschöne Tochter’ Wiediewum! 

Der Ritter (!) sprach: »Die Tochter möcht ich haben.« 
Wiediewum usw\ 

Die Tochter möcht ich haben! Wiediewum! 

Der Bauer sprach: »Was ist dein lieber Vater? :,: 
Wiediewunm usw. 

Was ist dein lieber Vater? Wiediewum! 

Der Ritter sprach: »Ist König von Italien! :,: 
Wiediewum usw. 

Ist König von Italien! Wiediewum! 

Der Bauer sprach: »Was ist denn dein Vermögen? :,: 
Wiediewum usw. 

Zwei Stiefeln und zwei Sporen! Wiediewum! 

Der Bauer sprach: »Da kannst du sie nicht haben!« :,: 
Wiediewum usw. 

Da kannst du sie nicht haben! Wiediewum! 


Das Lied fehlt bei Günther und bei Erck und Böhme. Dagegen findet 
es sich in der handschriftlichen Sammlung der Stadtbibliothek unter 
den von Oberlehrer Dr. Martin Klein gesammelten Volksliedern (Lissa i/P., 
Rawitsch) in vierfacher Aufzeichnung. Die Texte weichen nur in 
Kleinigkeiten von einander ab, nicht unwesentlich aber von dem meinen*). 
Zunächst setzen sie für das auffällige »Ritter« (Strophe 4 ff.) »Reiter,« 
dann stellen sie die Strophen 5, 6 und 7, 8, 9 um und fügen noch vier 


*) Kleinscher Text. Stadtbibi. V. M. 72 r. 4. (Lissa, 1902). 1) ebenso 
2) Sie kehrten ein bei einem reichen Bauern. 3) ebenso. 4) Ein 
Reiter sprach: »Kann ich die Tochter haben?« 5) Der Bauer sprach: 
»Was ist denn dein Vermögen!« 6) Der Reiter sprach: »Zwei Stiefel 
und zwei Sporen.« 7) Der Bauer sprach: Dann kannst du sie nicht 
haben!« 8) Der Bauer sprach: »Was ist denn dein Vater?« 9) Der 
Reiter sprach: »Der König von Italien 1« 10) Der Bauer sprach: Dann 
kannst du sie wohl haben!« 11) Der Reiter sprach: »Jetzt will ich sie 
nicht haben!« 12) »In unserm Land gibts noch viel schönre Mädchen!« 
13) Schwarzbraunes Haar und rosenrote Wangen!« 


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Original ffom 

PRINCETON UNIVERS1TY 



230 


Karl Olbrich 


hinzu. Infolge dieser Änderungen verläuft das Zwiegespräch anders. In 
der Zobtener Fassung geht die Frage nach dem Stande des Vaters der Er¬ 
kundigung nach den Vermögensverhältnissen vorauf: der schlaue Bauer traut 
offenbar dem mit seiner hohen Abstammung flunkernden Reitersmann 
nicht und schließt deshalb unmittelbar daran vorsichtig die Frage nach 
dem Vermögen, deren zweifelhafte Beantwortung die abschlägige Antwort 
nach sich zieht. Anders verläuft die Handlung in den von Klein mit¬ 
geteilten Texten: Hier fragt der Bauer erst nach den Vermögens¬ 
verhältnissen und weist daraufhin den Freier ab; dann aber erkundigt 
er sich nach dem Stande des Vaters, und die hohe Abkunft bestimmt 
ihn nunmehr, den Freier anzunehmen. Jetzt aber will der Reiter 
die Tochter nicht mehr haben, da er gemerkt hat, daß es der schlitz¬ 
ohrige Bauer nur auf das Vermögen des Freiers abgesehen hat, und 
eilt mit spöttischen Worten davon. — Man sieht, beide Fassungen geben 
einen Sinn; die Zobtener ist mehr der Denkart des schlesischen Bauern 
angepaßt; die Kleinschen legen die Vermutung nahe, daß die erste 
Strophe in Soldatenkreisen einem älteren Liede (von der Werbung eines 
vom Stegreif lebenden Raubritters um eine Bauerntochter?) später 
vorgesetzt wurde. Nach einer Randbemerkung in einem der Kleinschen 
Texte wurde das Lied von durchmarschierenden Soldaten gesungen, 
nach einem Zusatz Günters auch von Kindern. Vielleicht haben es die 
Zobtener Kinder von einer einquartierten Truppe einst übernommen. 
Die Weise ist in muntrem Marschtempo gehalten, was mir lebhaft zum 
Bewußtsein kam, als die Kinder auf dem Hindenburgwege, wacker mit- 
marschierend, es mir vorsangen. 

III. Das dritte Lied hörte ich von pilzesuchenden Kindern singen, 
die sich im Walde (in der Höhe des Kreuzsteins) zutraulich dem 
städtischen Konkurrenten gesellten, der auch Galuschel, Schälpilzla und 
Graslatscherl suchte. Auf meine Bitte haben sie mir es dann auf¬ 
geschrieben und zwar mit einer so staunenswerten Gedächtnistreue, daß 
ihre Aufzeichnung wörtlich mit einer später von Herrn Kleiner erbetenen 
übereinstimmt. Das Lied wird überall am Zobten von Jung und Alt 
gern gesungen. 



Es wollt ein Mann in sei - ne Hei-mat reisen, er sehnte 



sich nach sei-nem Weib und Kind. Er muß - te ei-nen tie - fen 



Wald durch-rei-sen, wo plötz-lich ihn ein Räu ber ti - ber • fiel. 


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Qrigiaal frn-m 

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Volkslieder und Sagen aus der Umgegend des Zobtengebirges. 281 

2. »Gib her dein Geld, dein Leben ist verloren 1 
Gib her dein Geld, dein Leben ist dahin lc 

»Ich hab kein Geld, kann leider dir keins geben l 
Komm selber her und öffne mir die Brust!« 

3. Da blieb der Räuber plötzlich vor ihm stehen: 

»Was trägst du hier an deiner blanken Brust?« 

»Das ist das Bild von meiner lieben Mutter, 

Das trag ich schon zwölf Jahr an meiner Brust 1 

4. Zwölf Jahr sind’s her, daß ich sie nicht gesehen!« 

»Zwölf Jahre sind’s, daß ich ein Räuber binl 
Und hier als Räuber muß ich vor dir stehen. 

Verzeih, verzeih, daß ich dein Bruder bin 1« 

Die Zeichensetzung stammt von mir und deutet meine Auffassung 
des Sinnes an. (vgl. die Verteilung der Verse IV. 1. 2. auf die Sprechen¬ 
den). Schlicht, wie die eintönige, stark an den Bänkelsängervortrag 
gemahnende Weise, ist die Erzählung: Der Wegelagerer greift nach 
der Geldtasche des Reisenden, der sich willig nach Geld untersuchen 
läßt, und findet auf seiner »blanken« (schlesisch für »bloßen«) Brust 
statt der gesuchten Beute das dort verwahrte Medaillonbild der Mutter, 
das alsbald zum Wiedererkennen des Bruders führt. Gleich nachdem 
der Bruder in die Fremde zog, ist er selbst Räuber geworden und muß 
nun reuig erkennen, wie nur eine gütige Vorsehung ihn vor dem 
Entsetzlichsten, dem Brudermorde, bewahrt hat: Moritat — der uner¬ 
kannt aus der Ferne Heimkehrende — Schicksalsdrama mit einem, in 
dem gemütlichen Schlesierlande üblichen, glücklichen Ausgangei 

Das Lied fehlt bei Erck, Böhme und in der Sammlung der Stadt¬ 
bibliothek. Doch gibt es bereits zwei gedruckte Texte (G. Amft: 
»Volkslieder der Grafschaft Glatz.« N. 684. und E. Schönbrunn: »Volks¬ 
lieder aus dem Eulengebirge.« N. 58. Amfts Text zerrt den Stoff, ohne 
neue Gedanken zu bieten, lang und langweilig in sechs Strophen zu je 
acht Versen auseinander. Dem entsprechend ist die Weise völig anders, 
gekünstelt und wenig volkstümlich. Die im Zobtener Texte beinahe 
ganz fehlende Reim- oder Assonanzbindung ist hier peinlich, aber un¬ 
geschickt durchgeführt. Man glaubt die »verschönernde« Hand eines 
Umdichters zu spüren! Schönbrunns Text aber, dessen Weise an die 
Zobtener anklingt und der mit dem Zobtener Text auch die Verse 1—6 
gemeinsam hat, ist sonst eine verballhonisierte Kürzung der Amftschen 
Dichtung auf 5 Strophen zu je 4 Zeilen und teilt mit ihr gerade die 
schlimmsten Stellen: z. B. »ich morde dich, sowahr ich Räuber bin, 
ermorde mich, tu mich nicht lange quälen (Amft: II, 6. 7 ich werde 
mich nicht länger mit dir quälen!«), ermorde mich und trifl das Herz 
recht gut.« (= Amft III, 6). Da blieb der Räuber ein wenig (1 Amft 
»betroffen) vor ihm stehen und sprach: »Zu morden hab’ ich keine 
Lust« (1), doch halt! was muß ich plötzlich an (Amft: bei) dir sehen, 


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Original fro-m 

PR1NCET0N UNtVERSITY 



232 Karl Olbrich, Volkslieder und Sagen aus der Umgegend des Zobteagebirges, 

was hängt bei dir an deiner bangen (! Amft: bloßen) Brust?« Die beiden 
nächsten, sinnlosen Verse hat Schönbrunns Text allein: »Es ist das 
Bild von meiner Mutter Tagen (I), es ist das Bild von meiner Mutter 
Herz!» (1) Dann folgen wieder an Amft anschließende Verse: »Zwölf 
(Amft V, 5 zehn) Jahre haben wir uns nicht gesehen, und jetzt muß ich 
als Räuber vor dir stehen« (Amft V, 7). Die rührselige Schlußstrophe: 
»Bald küßt er ihn, bald küßten sie sich beide (! Amft IV, 3), »Ach, 
großer Gott, was hab ich heut getan (Amft V, 8), nun wollen wir uns 
wieder Brüder nennen, und lieben, wie sich Brüder lieben tunlc 
(1 Amft VI, 3 »wir lieben uns als Brüder herzlich wieder«) weist dasselbe 
Zusammenstellen getrennter Verse aus Amfts Texte auf. Das Wichtigste, 
die in der Zobtener Fassung so wirksam vorbereitete Wiedererkennung, 
ist, wie wir sehen, in den beiden anderen plump entstellt. Dramatische 
Knappheit neben großer Anschaulichkeit kennzeichnen dagegen das 
Zobtener Lied als echte Volksballade. • 

Zwei Sagen. 

Ein längerer Ferienaufenthalt in Zobten a/B. ließ mich auch einige 
Sagen entdecken, die in Kühnaus schlesischem Sagenbuche noch nicht 
verzeichnet sind. 

I. Der Reiter ohne Kopf. 

Bei Silbitz Kr. Nimptsch im sumpfigem Gelände führt eine Brücke 
über einen kleinen Wasserlauf. Dort zeigte sich nach allgemein 
verbreitetem Glauben des Landvolkes öfters ein Reiter ohne Kopf. Im 
Jahre 1875 (76?) ging in der Abenddämmerung ein Arbeiter hier Gänse¬ 
futter stehlen. Plötzlich sah er den Reiter ohne Kopf vor sich. Er 
wurde darüber irrsinnig, lief am hellen Tage, nur mit dem Hemde 
bekleidet, herum, schlug mit Stangen die unreifen Früchte von den 
Bäumen und mußte schließlich in die Irrenanstalt in Brieg gebracht 
werden, wo er schon nach wenigen Monaten starb. 

Mitteilung des Hauptlehrers Kleiner in Zobten.) 

II. Der Bankwitzer Geist. 

In der Mitte des Weges zwischen Striegelmühl und Bankwitz führt 
eine Brücke über einen Graben. Rechts hinter ihr erhebt sich der 
»Burghübel«, ein schön erhaltener Ringwall aus slavischer Vorzeit. Bei 
dieser Brücke soll in der Abenddämmerung ein Geist sein Wesen treiben; 
die Landbevölkerung vermied es früher, zur Nachtzeit die Gegend zu 
betreten, oder eilte möglichst schnell vorbei. 

(Mitteilung eines alten Landmanns.) 

Über Brücken als Spukstätten spricht Kiihnau im Sagenbuche I, 
324 f.; über gespenstische Reiter vgl. die im Sachregister (Band VI) 
s. v. Reiter angegebenen Sagen. O. Vugs Beobachtung, daß mit 
»Heidenschanzeno: stets Gespenstersagen verbunden sind, wird durch 
obige Sage II. bestätigt, (vgl. Vug: »Schlesische Heidenschanzen« und 
Kühnaus Sachregister s. v. Schanzen.) 


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Aus einem oberschlesischen Dorfe 1 ). 

Von Alfons Perl ick. 

i. Nachträge zur Volksliedforschung. 

Im besonderen ist der Liederschatz Oberschlesiens noch nicht zu¬ 
sammengestellt worden, doch findet er, soweit er aus der Literatur be¬ 
kannt ist, in Günthers Arbeit gleiche Berücksichtigung mit anderem 
schlesischen Material. Zu den Nachträgen von Dr. Helmut Wocke 3 ) 
gestatte ich mir auch noch einige kleine Hinweise bezüglich Ober¬ 
schlesiens zu liefern. Zu dem Liede »Es hat in den Dienst der Herr 
mich genommen» (Oberschles. Heimat 14, 1918, 101) und dem Nach¬ 
trage: Ein lettisches Lied, S. 116, vergleiche man am Urquell 5, 1894, 49; 
hier gibt A. Treichel denselben Text aus Westpreußen (»Sluzylem u 
pana na piernwsze lato . . .«) und die Übersetzung des siebenstrophigen 
Liedes nebst einer Vorbesprechung. In der Montagsbeilage zum Berliner 
Tageblatt (1893, n. 38), der Zeitgeist, ist der Aufsatz »Die Volkslieder 
der Oberschlesier« von Hermann Menkes enthalten. Beim Liede »Spinn, 
spinn, spinn, Tochter mein« (Tarn na bloniu) in der Oberschlesischen 
Heimat 3. 1907, 208 gibt Günther nicht an, wo es in dieser Zeitschrift 
zu finden ist. In der Oberschles. Heimat wären ferner noch zu beachten: 
»Co sie smiescz glupi Jydzie. . . »Was lachst du dummer Jude« 
(6, 1910, 151), ein sehr verbreiteter Spottsang und »Christkindel Umgang« 
(8, 1912, 178). Bemerkungen zum polnischen Volkslied Oberschlesiens 
gibt J. Gregor in »Oberschlesische Neujahrsgebräuche« (2, 1906, 6). Einen 
kurzen Hinweis enthält auch Böckel, Psychologie der Volksdichtung, 
Anmerkg. S. 213. Weiter herangezogen werden müssen: Ludomir, 
Ozbiorach piesni ludowych na Gornym Slasku (Über die Sammlung 
polnischer Volkslieder in Oberschlesien), Beuthen 1914; Ksiadz, Polska 
piesii nabozna na Görnym Slgsku (Polnische Andachtslieder in Ober¬ 
schlesien), Beuthen 1911; K. Prus, Jösef Lompa, Beuthen 1918; 
E. Grabowski, Land und Leute in Oberschlesien, Breslau o. J., S 36: 

1 ) Zur Einführung in unsere dörflichen Verhältnisse, die auch die 
Eigenart der hier folgenden volkskundlichen Beiträge besser verstehen 
lassen, vergleiche man meine »Materialien zur Heimatkunde des Dorfes 
Rokittnitz«, Gleiwitz 1919 (Verlag des Oberschlesischen Museums). 

2 ) Dr. Helmut Wocke, Zur Geschichte der schlesischen Volkslied¬ 
forschung (= Oberschlesische Heimat 14, 1918, 99); vgl. auch Kunst¬ 
lieder im Munde des Volkes (= Oberschlesien 17, 1918—19, 308). 


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234 


Alfons Perlick 


»Weine nicht Mädchen — laß doch die Tränen« (Hochzeitslied in 
Koslowagora), S. 38: »Es war ein schöner Garten« (Brautlied), S. 39: 
»Polka tanz ich . . . «, » . . . Herr Schmied, Herr Schmied. . .« (Tanz¬ 
lieder) 1 ), S. 66: »Mein Strauch ist grün und schön geziert« (Roßberg, 
Gieiwitz, beim Austragen des Osterbäumchens), »Sind sie gebeten . . .« 
(Jakobswalde), S. 158: »Rote Rosen, rote . . . «, »Kleine Fische, kleine 
. .« (Sommerliedchen 2 ); Oskar Klaußmann, Oberschlesien vor 55 Jahren., 
Kattowitz) [1911], S. 142: »Eine Schwalbe macht keinen Sommer« 
(Soldatenlied von 1866), S. 152: »Hier in dieses Haus treten wir hinein« 
(Sommerliedchen), S. 162: » . . . Herodes, der schaute zum Fenster 
heraus« (Lied der hl. diei Könige 3 )), S. 171: Die Kempner Judenstücke: 
»Das war der Benedek« (1866), »Mac- Mac . . . Mahon« (1870), »Der 
Krach, der große . . .« (1873 4 ). 

2. Verzeichnis der Lieder, die im Dorfe gesungen werden 5 ;. 

Als ich an einem Sommertage. (185) 

An einem Bach, der rauschend floß. (186) 

Auf dem Kirchhof still und klein. 

Blumen blau, der Männer Treu. (187) 

Christinchen saß weinend im Garten. (185) 

Der Himmel ist so trübe. (189) 

Ein Kind kaum sechs Jahre alt. (198) 

Ein Schifflein sah ich fahren 6 ). 

• Ein stolzes Schilf stand einst am Indierstrande. 

Es stand ein Fräulein vor der Himmelstür. 

Es stand ein Schloß in Österreich. (196) 

Es war einmal eine Müllerin. 

Es war einmal’ ne Jüdin. (197) 

Es war einmal ein Graf am Rhein. (197) 

Fs war einmal ein kleiner Mann. (197) 

Es wollt ein Mann nach seiner Heimat reisen. (199). 

Groß-Glogau, eine wunderschöne Stadt. (201) 

1 ) Günther 202: Herr Schmidt; siehe Lewalter-Schläger, Deutsches 
Kinderlied und Kinderspiel, Kassel 1911, 22 (41). 

2 ) Günther 220: Sommersonntagslieder (s. Sitte, Brauch und Volks¬ 
glaube in Schlesien, von Paul Drechsler (= Schlesiens volkstüml. Über¬ 
lief. II, 1) S. 73 ff.) 

3) Günther 191: Dreikönigsspiel (ebenda 53). 

4 ) Günther 218; Nachtrag zu den Scherzreimen aus Klaußmann: 
S. 155 (Aprilschicken), S. 243: »Ix, fix, Gliwice, . . . Vicatorum, Toszek.« 

5 ) Die Sammlung ist zur Zeit noch nicht abgeschlossen; auch sind 
die polnischen Texte und der größere Teil der Soldatenlieder nicht in 
diese vorläufige Zusammenstellung mit aufgenommen worden. Ich ver¬ 
weise hiejr nur auf Günther (Seitenzahl), da die Sammlung unserer Dorf¬ 
lieder demnächst selbständig erscheinen soll. 

c ) Bereits mit Anmerkungefi in »Oberschlesien« 18, 1919 — 1920, 91 
mitgeteilt (1890 schon in Hindenburg von den Schuljungen gesungen). 


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Aus einem oberschlesischen Dorfe. 


235 


Horch, was nähert sich dem Schlosse? 

Hier liegt ein Soldat von 22 Jahren. (203) 

Im Feldquartier, auf hartem Stein. 

In Böhmen (Baden) einem Städtchen. (207) 
Leise tönt die Abendglocke. (195) 

Maria ging in’ Garten. (212) 

Mariechen saß weinend im Garten. (212). 
Mädchen, laß dich noch einmal küssen. 

Meine Mutter kümmert sich. 

Müde kehrt ein Wandersmann. (213) 

"Nach der Heimat möcht* ich eilen. 

Nach Sibirien muß ich jetzt reisen. 

Nichts Besseres kann mich erfreuen. (195) 
Rokittnitz, ein schönes Dörfchen. 

St. Katharina eine Christin war. 

So nimm denn meine Hände. 

Sollte mir das Herz nicht bluten. 

Still rauschend Hießt der Bach hinab. 

Von der Wanderschaft zurück. (223) 

Weit tief im Walde, in einem grünen Tale. 

Zu Baden, ein Städtlein, ein stilles Haus. (207) 


3. Das Lied des Verbannten: Nach Sibirien muß ich jetzt reisen 1 ). 


Laugsam 



Nach Si - hi - ri - en muß ich jetzt rei-sen, muß ver-las-sen die 
Schwer be-la-den mit skia • vi-sehen Ket-ten, war-tet mei-ner nur 











f 1 r* 


Jöi 


blti - hen - de Welt q Si . bi . rien dll e is . kal _ te Zo • ne, 
E - lend und Kält. 




i 




wo kein Zeph’chen die Flu - ren be-glückt, wo kein Fun-ken der 

fc fehr—H -t 












Mensch heit mehr woh net, wo das Aug sei-ne Hoflf-nung nicht j 



l ) Die Aufzeichnung der Weisen hat in freundlicher Weise Herr 
Organist August Dudek-Rokittnitz übernommen. 


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236 


Alfons Perlick 



2. Von den Meinen gewaltsam entrissen, 

Von den Meinen gewaltsam getrennt. 

Kann im Leben mich nimmer mehr küssen, 

Die mich Gatte, mich Vater genannt. 

Ach, wer trocknet den Meinen die Tränen, 

Die der Liebe, der Hoffnung beraubt. 

Mit der Rache will ich mich versöhnen, 

Nenne mir, o Schicksal, den Traum. 

[= Rokittnitz; aus dem Dorfe habe ich vier Belege zur Hand, da¬ 
von drei schon vor dem Kriege bekannt waren. Die vierte, oben mit¬ 
geteilte Form, stammt von einem Sergeanten des Ulanen-Regt. Nr. 2, 
Gleiwitz, der es 1917 bei der Truppe in Frankreich gelernt hatte. Die 
anderen Fassungen sind stark, an vielen Stellen sehr sinnlos, zersungen, 
was aber hinsichtlich des nicht volksmäßigen Textes leicht erklärlich 
ist; z. B. 1 Str., Zeile 7 und 8: »Wo sein Aug' seine Hoffnung be¬ 
glücket, wo das Aug’ seine Menschheit beglückt.« 

Köhler-Meier 1 ) hat dieses Lied nur aus Buchenschachen undPüttlingen, 
Krs. Saarbrücken, Winter 1891, mit noch einer dritten Strophe ver¬ 
zeichnet; auch seine Weise weicht von der unsrigen sehr ab. Nach 
John Meier 3 ) ist das Lied ein Kunstlied, dessen Verfasser bis jetzt noch 
nicht zu ermitteln gewesen war. Robert Riediger hat es für eine 
Singstimme mit Begleitung des Pianoforte vertont (Verlag von Hermann 
Augustin, Berlin). Bei Meier wird das Lied noch aus Prahls Mpte. 
(Westpreußen) belegt.] 


in 


Tarico - waly dwa krup - nio-ki leber - wurst im 

Jeden krupniok no - ga zlomal, drugi mu s>e 


it 


4= 




= 5 =«= 


gral, 

smial 


Dwa krup - nioki taiico - waly, a - ze no-gi 


$ 


^—# 






polö - ma-li, potem plaka - li. 

4. Das Scherzlied: Zwei Graupenwürste tanzten . 
waly dwa krupnioki . . . 3 ) 


(Taiico- 


l ) Köhler-Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar, I. Bd. ( 
Halle 1896, 196 (lö9). 

a ) nr. 4 u. 5 Beiträge zur oberschles. Kinderspielforschung; vgl. 
weiter: Anmerkungen 3, 4, 5, 6, 13 u. 14; Wunschik, Meine Erinnerungen 


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Aus einem oberschl sischcn Dorfe. 


237 


Es tanzten zwei Graupenwürste, 

(Und die) Leberwurst spielte dazu. 

Eine Graupenwurst brach das Bein, 

Die zweite lachte dazu. 

Zwei Graupenwürste tanzten 
Bis sie die Beine brachen; 

Dann weinten sie. 

[- Rokittnitz, doch auch überall in Oberschlesien sehr verbreitet. 
Wie eine Leberwurst bei einer Blutwurst zu Gast war und beinahe von 
ihr eistochen wurde, weil die Blutwurst eine Mörderin war (Bolte — 
Poltvka, Anmerkungen zu den KHM der Brüder Grimm I, 375, Der 
Herr Gevatter nr. 42) — Die Personifikation der Wurst und besonders 
der Graupenwurst findet man in slavischen Liedern und Reimen sehr 
häufig.] 


5. Das Kreisspielliedchen: Ein Bauer zog den Berg hinab. 



-J—J—J-—^—J— J- —-1—J- 



cT- —*— 

Ein 

Bau-er zog den Berg hin-ab, ho, 

-#-- 

ho, Er führt sein 

E - sei 

r e— 

,_ pw ^ 

T 





— 


an der Lein, ki-lein, ki-lein. hopp, hopp, hopp. 


Was macht er mit der Lein? 

Er geht damit zum Schneiderlein. 

Guten Tag, guten Tag, Herr Schneiderlein 1 
Machen sie mir daraus ein Röcklein klein, 

Er geht damit zum Ännchen. 

Wie paßt denn mir mein Röckelein? 

Es paßt ja schön und doch nicht fein. 

Ich geh* gleich damit zum Schneiderlein. 

Guten Tag, guten Tag, Herr Schneiderlein, 

Sie haben verpfuscht mein Röckelein. 

Den Schneider soll der Geier holen, 

Er hat verpfuscht mein Röckelein. 

Die Kinder bilden einen Kreis. Zwei der mitspielenden Kinder 
stellen sich als Esel und Bauer in die Mitte des Kreises. Im Laufe 


an mein frühestes Deutsch (= Die zweispr. Volksschule 26, 1918) S. 168 
(Auszählreim): 1, 2, Polizei lawa Bank, powröz Strang, . . . ; 

(Tanzliedchen): Auf dem Berge saß ein Zaj^c . . . ; Zagrejcie mi 
länder . . . ; Ruzala komm . . . ; S. 179 (Singreime): Auf dem hohen 
Bergelein — siedzi zaj^c . . . ; Pepuczku, podwiedzmi — Was hast du 
gemacht . . . ? 


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238 


Alfons Perlick 


des Spieles treten noch Schneider und Ännchen dazu. Bei der letzten 
Strophe hauen Esel, Bauer und Ännchen den Schneider hinaus. 

[= Rokittnitz; die entstellte Beziehung der ersten zur zweiten 
Strophe ist zu merken. Das vorliegende Spiellied ist eine Variante des 
bei Lewalter-Schläger, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel, Kassel 1911, 
nr. 275 aufgezeichneten Spieles: Es zog ein Mann durch Asienland. . 
Prof. Schläger kann sich dort schon auf Bolle’s Angaben in: Der Bauer 
im deutschen Liede S. 128, nr. 214. berufen. Weitere Ergänzungen dazu 
liefert dann Bolte noch in der Zeitschrift d. V. f. Volksk. 26, 1916, 94, 
wo Karl Haller das »Joppenlied« mit Melodie aus Oberösterreich mit¬ 
teilt (Da Bau'r vakauft sein Ack’r und Pfluag, daß a da Bäurin Jopp’n 
kauf’n tuat ...).] 

6. Zwei Rätsel. 1 ) 

1. Was rumpelt und pumpelt in einer hölzernen Kapelle? Soldaten t 
Granaten, das ist leicht zu erraten. (= Butterfaß). 

[= Rokittnitz, Tarnowitz — Oberschlesien 2, 1903—4, 577 (Lassoth, 
Krs. Neiße): Was rumpelt und pumpelt ei der hilzernen Kopalle?; Mittig, 
d. Schles. Ges. f. Volksk. 1, 1894—96, H. II. 53 (nr. 3): Was rumpelt und 
pumpelt in der hölzernen Kopallr (Dr. P. Drechsler, Jugendbrauch und 
Jugendspiel (= Streifzüge, durch die schles. Volksk.): Leobschütz, 
Kätscher, Liebenthal. Peter, Volkstümliches aus Österreich-Schlesien, 
Troppau 1867, I, 126 (367); Mittig, d. V. f. sächs. Volksk. 2, 1900—2, 
212: Es rumpelt und pumpelt mit eisernen Ketten, Soldaten, Granaten, 
kann’s niemand erraten? (Richter, Kinderreime aus der Schweinsburger 
Pflege; ohne Auflösung). Vgl. Böhme, deutsches Kinderlied und 
Kinderspiel, Leipzig 1897, 692 (nr. 130: Finger und nr. 131: Schub¬ 
lade). 

2. Ich kenne ein kleines Tierchen, 

Hat kein Herz und hat kein Nierchen; 

Und kommt von Würgehvitz 
Nach Nagelwitz; 

Dort findet es den Tod. 

[=r Rokittnitz, Tarnowitz; bei Wossidlo, Mecklenburgische Volks- 
Überlieferungen. Wismar 1897, I. Rätsel S. 21 (nr. 28 a— y) mit An¬ 
merkungen S. 276 (vgl. a. Brodbissen S. 176 nr. 882 a) verzeichnet 
(Ndd. 15 X; 10 hd. x; französ. b. Rolland Eugene: Devinettes ou 
£nigmes populaires de la France, Paris 1877, 41 (79); Frischbier; Die 
Tierwelt in Volksrätseln aus der Provinz Preußen (= Zeitschr. f. deutsch. 
Philologie XI, 1880, 358 (100): Von Buckau nach Kuckau; Englien- 
Lahn, der Volksmund in der Mark Brandenburg, Berlin 1868,-209 (132): 
va Kikersch vor Käkersch.); Blätter f. pommersche Volksk. 6, 1898, 42 


l ) Vgl. Perlick, Der Mann mit der Ziege, dem Wolf und dem 
Kohle. Ein Beitrag zur schlesischen Kinderspitdforschung (= Sonntags¬ 
beilage der Schles. Volkszeitung Nr. 17, Juli 1919.) — 


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Aus einem oberschlesischen Dorfe. 


239 


(Dr. A. Brunk, Volksrätsel aus Pommern): Es kam ein Schwarzer her¬ 
gegangen, zwei Weiße nahmen ihn gefangen. Sie führten ihn nach 
Wirwelwitz, von Wirwelwitz nach Nagelspitz; hier wurde er getötet; auch 

6, 1898, 76 (A. Knoop, Volksk. a. d. Tierwelt); Zeitschr. d. V. f. Volks- 

7, 1897, 302 (154): Bukowina, Galizien; Böhme 692 (137, ohne Quellen¬ 
angabe): Es kamen fünf gegangen, die nahmen einen gefangen, zu 
Rivelbach, zu Nagelbach, da wurde sein Gericht gemacht; so auch 
Lewalter 221 (792, ohne Anmerkung); Simrock, Deutsches Rätselbuch 
5745: Es kamen 2 gegangen, die bringen einen gefangen: Siebringen 
ihn nach Würgelstatt, von Würgelstatt nach Nagelstatt, von Nagelstatt, 
auf Todtenschlag.] 

7. Von der Butterblume (Caltha palustris) und dem 
Vergißmeinnicht (Myosotis palustris) 1 ). 

DieJKinder nennen die im Frühling an den Ufern den Rokitmica 
goldgelb leuchtende Dotterblume kwiat na oko = Augenblume 2 ). Man • 
darf die Blüten nicht ansehen, weil sonst die Augen krank werden; 
mitunter bilden sich sogar Beulen in der Augengegend. Überall da, 
wo eine solche Blume steht, ist auch eine Froschwohnung; denn der 
erste Frosch auf der Welt suchte zuerst eine »Augenblumec auf. Und 
sowie die Butterblumen stehen gelassen werden, hat auch der Frosch 
darunter Ruhe. Viele gelbe Blumen auf der Wiese verderben das Heu; 
besonders darf man es dann nicht als Ziegenfutter verwenden 3 ). 

1 ) John Meier, Kunstlieder im Volksmunde (Materialien und Unter¬ 
suchungen), Halle 1906, 78 (503). 

2 ) Zur oberschlesischen Volksbotanik liegen bereits drei kleine 
Arbeiten vor: Wunschik, Gundermann und Schafgarbe (= Die zwei¬ 
sprachige Volksschule 26, 1918, 91); Perlick, Pilzforschung und Pilz¬ 
namen in Oberschlesien (= Oberschlesien 17, 1918, 44); Peflick, Vom 
Gänseblümchen (= Oberschlesische Heimat 15, 1919, 52) und dem 
Abzupfreim: Er liebt mich von Herzen . . . (S. 54). Ich füge diesem 
letzten Beitrag noch folgende Anmerkg. bei: Vgl. 2. Brief Mariannens 
von Willemer an Goethe (Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft, 2. Bd., 
Weimar 1915, S. 176 u. Anmerkg. S. 192). L’Adultera, Roman von 
Theodor Fontane (Fischers Bibliothek) S. 62 »Und sie bückte sich nieder, 
um an einer Wiesenranunkel die Blätter und Chancen ihres Glücks zu 
zählenc. Einige Formulettes de la marguerite bringt nach Schweizer 
Volksk. 3, 1913, 16 (Hier zählen die Knaben): Elle m’aime un peu, 
beaucoup, par fantaisie, par jalousie, rien du tout; u. a. mehr. 

Zur Butterblume (Paul Drechsler, Sitte, Brauch und Volksglauben 
in Schlesien II, 2: S. 215: (Bei Kreuzburg wird Leontodon Taraxacum 
Augenblume genannt; bei uns führt der Löwenzahn eine andere 
Bezeichnung); S. 296: (Böse Augen von den Samenfäden der Maiblume)) 
und zum Vergißmeinnicht (bei Drechsler nicht angeführt) vergleiche 
Heinrich Marzeil, Frühlingsblumen im Volksglauben. Eine volksbotanische 
Skizze (= Natur und Kultur 8, 1910—11, 417—422). 

8 ) E. Majewski, Slownik nazwisk zoologicznych i botanicznych 
polskich, Warszawa 1894, 154: Byöi oöi (= Jan Bystron. O mowie 


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240 


Alfons Perlick, Aus einem oberschlesischen Dorfe. 


Zwischen der Butterblume und den hier vorhandenen ebenfalls 
gelbblühenden Hahnenfußgewächsen (Ranunculaceae) wird nicht unter¬ 
schieden 1 ). So gilt das von Caltha Gesagte auch für diese Pflanzen 2 3 ). 

Weit lieber haben die Kinder das himmelblaue Vergißmeinnicht: 
Zabie öcka = Froschaugen 8 ). Aus der blühenden Pflanze werden 
schöne lange Kränze gewunden und Blumensträuße (= bukette) zu¬ 
sammengestellt ln Lenkau legen die Kinder mit Vorliebe einen solchen 
blauen Kranz in einen mit Wasser gefüllten Suppenteller, damit sich die 
Blüten recht lange halten 4 5 * * ). Dazu wachsen sie bald senkrecht in die 
Höhe, während der untere Teil schon zu faulen beginnt. Hat jemand böse 
Augen, so bestreicht er die Augenlider mit Vergißmeinnichtblüten und 
es hilft alsbald. Man darf aber beim Pflücken dieser Blumen von 
keinem Frosche gesehen werden; denn dieser zählt sonst dem Pflücken¬ 
den die Zähne und danach richtet sich’s dann der Tod ein (auch in 
Hindenburg bekannt). 

(polskiey w dorzeczu Stonawki i tucyny w ksieztwie Cieszynskiem), Tilsz 
= A. Treichel, Polnisch-Westpreußische Vulgärnamen von Pflanzen, 1881, 
Schriften der Naturforsch. Gesellschaft zu Danzig, Bd. V) und Wole oko, 
kaczeniec, kniat, kniec, latoc, lotoc, lotocian, lotocie, lotasz, majöwka . . . 
(bei uns so die Maiblume (Leont. Taraxacum) genannt). 

*) Vgl. Grimm, Deutsches Wörterbuch II, 583 = Wenn die Kühe 
davon fressen, wird die Butter gelb. 

2 ) Eugene Rolland, Flore populaire ou histoire naturelle dans leurs 
rapports (avec la linquistique et le Folklore) I—II, Paris 1896, S. 91: 
L’ancienne nomenclature a souvent confondu sous ce nom (caltha) le 
populage et le souci (calendula: Ringelblume = Cal&ndula arvensis, 
Bei uns viel im Garten zu finden, führt auch einen besonderen Namen). 
Les fleurs de ces deux plantes sout jaunes. 

3 ) Rolland berichtet u. a. noch weiter von Caltha: >On se sert 
des fleurs. de Caltha pour jaunir le beurre. — La premifere fois, au 
printemps, qu’on trait les vaches en pleins champs, ou met dans le pot 
du lait une fleur de caltha. Parsuite le beurre r^ussira toute l’annöe 
et les sorci£res ne pourront le voler; Dänemark. — Vers le 1er mai, 
le pätre du village distribue aux paysans propietaires de betail, des 
croix faites avec la fleur de caltha, une croix par chaque vache en signe 
que les päturages sont ä leur disposition. Ces croix sont suspendues 
aux poutres du plafond pocr le reste de l’annde; Su6de.« 

4 ) E. Majewski S. 509; Zabie oczka = Schlesien; blotna niecza- 
pominajka; niezabudka; niezapominajka, zabioczy, zabie odko usw. 

5 ) Grimm 12, 445: Ringe von Vergißmeinnicht; nach Grimm: 

Oken, Naturgesch. 3, 1090 . . . Läßt sich im Wasser lange frisch 

erhalten. 








Schlosel und schloweiß. 

Von Karl Rothcr. 

In Volkmer-Hohaus Geschichtsquellen der Grafschaft Glatz 8,87 
findet sich über die Unterhaltung des „Lazarets“ zu Glatz zum 
Jahre 1462 folgende Stelle: Ferner wirdt gereichet daß Jahr vber, 
im Früling Ein Schlossel Puter vnndt zu Michaeli ein Schlosell 
vnd dann zu Martini Ein schlosel. Dass wirdt vnter sie getheylet, 
daß ein jedess desto hass sein ausskommen haben kan. 

Die Grafschaft Glatz 1917 Nummer 1/2 S. 12 bringt folgende 
Erklärung von Volkmer: Zum Verständnis fügen wir bei, daß bei 
dem Worte „Schlosel“ an „Butterschlagen“, oder wie es in der 
Grafschaft heißt, „Putterschlon“ zu denken ist. Ein Schlosel ist der 
Ertrag des einmaligen „Putterschlons“, in unserem Falle wohl das 
Quantum an Butter, das sich ergab, wenn alle dem Hospital zins¬ 
pflichtigen Bauern und Viehbesitzer zu drei Terminen im Jahre den 
Ertrag einer Butterbereitung an das Hospital ablieferten. 

Umfragen meinerseits ergaben, daß „Schlosel“ da und dort, 
besonders in der Grafschaft, z. B. in Altwaltersdorf, heut noch 
lebendig ist, zum mindesten aber sofortiges Verständnis findet. In 
Martinsberg findet sich dafür die Form „Schlofel“, was als Schlag¬ 
voll, ein voller Schlag (Butter) zu deuten ist. Vgl. die Zusammen¬ 
setzungen mit voll, Mitt. XV. 

Obige Erklärung legte nun die Entstehung von schloweiß 
aus schlagen nahe. Tatsächlich haben unsere Krieger in Polen und 
Galizien, wohl auch in Rumänien und Serbien, genugsam beobachten 
können, wie dort die Weiber die Wäsche zum Zwecke der Reinigung 
auf einem platten Steine am Bache mit einem Stück Holz schlagen, 
anstatt sie wie bei uns mit den Händen zu reiben. Auch in Frank¬ 
reich und in Italien soll diese Art der Reinigung noch üblich sein; 

Mittelungen d. Schics. Ges. f. Vhde. itd. XXI. 16 


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24 2 


Karl Rother, Schlosel und schloweill. 


sicher ist sie es früher auch in Schlesien gewesen. Man kann also 
die Wäsche auch durch Schlagen, schlesisch §lön, „blütenweiß“ be¬ 
kommen; sie ist dann in diesem Falle schlageweiß = schloweiß. 
Wir zweifeln nicht, daß dies die einzig richtige Ableitung des bis¬ 
her verschieden gedeuteten Wortes ist. Das Obersächsische Wörter¬ 
buch von Müller-Fraureuth erwähnt die Formen schlohweiß, schlor- 
weiß, schlorschneeweiß, schleerweiß, schlörweiß, schleierweiß, schlo߬ 
weiß, schlußweiß, schloßkreidaweiß, schlooßeweiß, schlosewis, und 
auch schlägerweiß. 


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Wolf von Unwerth t. 

Einen sehr schmerzlichen Verlust hat unsere Gesellschaft, die 
Volkskunde und die germanistische Wissenschaft durch den vor¬ 
zeitigen Tod des außerordentlichen Professors für germanische Philo¬ 
logie an der Greifswalder Universität L)r. Wolf von Un werth er¬ 
litten. In Schlesien geboren und erzogen, außer einigen Leipziger 
Studiensemestern in Breslau germanistisch ausgebildet, hat er auch 
später, als Marburger Privatdozent wie als Greifswalder Professor, 
eine m geliebten Heimatlande Anhänglichkeit und Interesse gewahrt 
und die Ziele, denen die Volkskundegesellschaft dient, in hervorragen¬ 
der Weise wissenschaftlich gefördert. Schon seine Erstlingsarbeit, 
mit der er sich an der philosophischen Fakultät seiner heimatlichen 
Universität einen wissenschaftlichen Preis und die Doktorwürde er- 
warb, „Die Schlesische Mundart in ihren Lautverhältnissen gramma¬ 
tisch und geographisch dargestellt“ (1908 als Heft 3 unserer Samm¬ 
lung „Wort und Brauch“ gedruckt), bedeutete einen Gewinn für die 
schlesische Volkskunde. Aus dem bunten Vielerlei mundartlicher 
Einzelerscheinungen, deren örtliche Verbreitung durch Wencker- 
Wredes Sprachatlasarbeit für jeden Fall im einzelnen festgestellt isL 
wird hier mit klarem Blick zusammengefaßt, was durch sein gemein¬ 
schaftliches Auftreten zum Merkmal einer geographisch fest begrenz¬ 
baren gemeinschlesischen Mundart wird, während andererseits inner¬ 
halb dieser Umgrenzung wieder die Hauptscheidelinien der Unter¬ 
mundarten nach entsprechender Methode gezogen werden. Als eine 
wichtige Ergänzung dieser Darstellung steuerte v. Unwerth, von 
anderem abgesehen, i. J. 1911 zu der Festschrift unserer Gesellschaft 
für das Breslauer Universitätsjubiläum die Abhandlung „Das Ent¬ 
wicklungsgebiet der Schlesischen Mundart“ bei. 

Aber nicht auf Schlesien und nicht auf die sprachwissenschaft¬ 
lichen Aufgaben beschränkte sich sein volkskundliches Interesse. Auf 
den verschiedensten Gebieten der germanistischen Wissenschaft be¬ 
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wandert, neben der deutschen Philologie besonders auch auf dem der 
skandinavischen, hat er das Studium germanischen Volksglaubens, 
germanischer Mythologie und Sagenkunde durch eine glückliche Ver¬ 
bindung scharfsinniger und streng philologischer Interpretation mit 
weiten volkskundlichen Gesichtspunkten wesentlich gefördert. In 
.dieser Richtung bewegen sich vor allem seine schönen „Unter¬ 
suchungen über Totenkult und Odinverehrung bei Nordgermanen und 
Lappen“ (Gennanist. Abhandlungen Heft 37, Breslau 1911), in denen, 
er, dem Vorgänge nordischer Forscher folgend, im lappischen Heiden¬ 
tum alte Einflüsse nordgermanischer Religion nachweist und danach 
auch die Bedeutung lappischer Reise- und Missionsberichte als 
Quellen für die Kenntnis gewisser heidnischer Vorstellungen und 
Gebräuche bei den Nordgermanen feststellt. So werden hier au» 
Nachrichten über lappische Vorstellungskreise des Totenglaubens 
Zeugnisse für entsprechende germanische Anschauungen und Sitten 
gewonnen, und insbesondere werden in dem Kult eines lappischen 
Pestgottes Rota germanische Züge aufgezeigt, die auf Odin als Toten¬ 
gott deuten und den Verfasser zu einer eindringenden Erörterung 
des Odinkultes und der verschiedenen Gestaltung der Odintradition 
in altnordischer Kunstdichtung und Volkssage führen. 

Mit dieser Abhandlung hatte sich v. Unwerth als Privatdozent 
für germanische Philologie an der Universität Marburg habilitiert. 
Seine Vorlesungen aus dem Gebiete der älteren und neueren deutschen 
und skandinavischen, gelegentlich auch der angelsächsischen Sprache 
und Literatur bildeten für uns Altere eine sehr willkommene Er¬ 
gänzung unserer Lehrtätigkeit. Schriftstellerisch wurde er besonders 
durch die Übernahme der Neubearbeitung der althochdeutschen Lite¬ 
raturgeschichte für den Grundriß der germanischen Philologie in 
Anspruch genommen, deren verheißungsvolles Fortschreiteu durch die 
Veröffentlichung einiger eindriugender Einzeluntersuchungen bezeugt 
wurde. Aber auch seine nordischen Studien, die besonders der 
Thidrekssaga und ihren deutschen Quellen galten, führten zu ein¬ 
zelnen, durch die oben gekennzeichnete Methode ausgezeichneten. 
Veröffentlichungen. Unter ihnen berührt besonders der kleine Auf¬ 
satz „Über Namengebung und Wiedergeburtsglauben bei Nordgermanen, 
und Lappen“ die Volkskunde, und auch seine Ausgabe und Unter¬ 
suchung von Christian Weises Dramen Regnerus und Ulvilda (Germ, 
Abh. Bd. 46. Breslau 1914), bei der ihn Beziehungen zur schwedischen 
Literatur und deren Vermittlung durch fahrende Komödianten reizten,. 


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bringt wenigstens nebenbei mancherlei Volkskundliches, darunter 
auch ein wertvolles Rübezahlzeugnis. 

Der Weltkrieg rief auch den jungen Privatdozenten für kurze 
Zeit zum Waffendienst. Es zeigte sich, daß ein Herzfehler ihn zur 
Ertragung der körperlichen Anstrengungen unfähig machte, aber 
seine wissenschaftlichen Studien traten mit unter das Zeichen der 
Zeit, als er im J. 1917 im Aufträge und mit Unterstützung der 
deutschen Kommission der preußischen Akademie der Wissenschaften 
nach dem Schema des Wenckerschen Sprachatlas Dialektaufnahmen 
an deutsch-russischen Kriegsgefangenen vornahm. Das Ergebnis 
waren seine i. J. 1918 in den Abhandlungen der Akademie veröffent¬ 
lichten „Proben deutschrussischer Mundarten aus den Wolgakolonien 
und dem Gouvernement Cherson“, die er zugleich auf Grund des 
Sprachatlas auf ihren Ursprung teilweise aus dem Vogelsberg und 
Spessart, teilweise aus Hessen, der Pfalz und dem nördlichen Elsaß 
mit sicherer Hand zurückführte. 

Inzwischen war ihm auch eine neue Lehraufgabe aus den Zeit¬ 
verhältnissen erwachsen. Die vom Landtag freudig begrüßten Be¬ 
strebungen des preußischen Unterrichtsministeriums zur Förderung 
der Auslandskunde an den preußischen Universitäten hatten zur 
Gründung eines nordischen Instituts und eines Lehrstuhls für skan¬ 
dinavische Sprachen in Greifswald geführt, für das v. Unwerth berufen 
wurde. Der Erteilung des Lehrauftrages folgte bald die Ernennung 
zum außerordentlichen Professor für germanische Philologie. Seine 
weitreichende und gründliche Kenntnis der nordischen Sprachen 
und Literaturen und mancherlei persönliche Beziehungen, die er 
schon früher mit nordischen Gelehrten angeknüpft hatte, konnte er 
nun mit Eifer und Erfolg in den Dienst der vielverheißenden Auf¬ 
gabe stellen, ohne dabei auf die Betätigung als Lehrer und Forscher 
in der deutschen Philologie zu verzichten. Dem von tiefem National¬ 
gefühl Durchdrungenen, der in entscheidender Stunde schon den 
schwedischen Löwen in einem poetischen Aufruf zum gemeinsamen 
Kampf mit dem deutschen Adler gemahnt, der hoffnungsvolle Blicke 
auf Finnlands Befreiung und seine Freundschaft mit Deutschland 
gerichtet hatte, mußte das Wirken für engere geistige Beziehungen 
zwischen den Ostseegermanen in zukunftsfreudiger Zeit doppelt will¬ 
kommen und befriedigend sein. Um so schmerzlicher mußte er dann 
unsern schmählichen nationalen Zusammenbruch empfinden. Er war 
keine agitatorische Natur. Im persönlichen Verkehr zurückhaltend, 


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als Dozent und Forscher schlicht sachlich und zuverlässig ohne alle 
Rhetorik und anspruchsvolle Aufmachung in Rede und Schrift, hatte 
er sich dem politischen Treiben ferngehalten. Jetzt aber drängte 
ihn die Not der Zeit zur politischen Werbearbeit, um wenigstens für 
die Wahlen zur Nationalversammlung zu retten, was noch zu retten 
war. Mitten in dieser ungewohnten Tätigkeit durch die Grippe 
niedergeworfen, raffte er sich am Wahltage fiebernd vom Kranken¬ 
lager auf. um seine Stimme noch in die Wagschale zu werfen; vier 
Tage später, am 23. Januar endete er, kaum 33 jährig, sein Leben. 
Auch er starb für das Vaterland. 

Marburg. F. Vogt. 


Paul Drechsler +. 

Am 5. April 1911) starb der Direktor des staatlichen Königin 
Luise-Gymnasiums zu Zaborze in Oberschlesien, Dr. Paul Drechsler, 
eines unserer rührigsten und um die Erforschung schlesischen Volks¬ 
brauches verdientesten Mitglieder, ein tüchtiger, hochangesehener 
Schulmann, ein gründlicher Gelehrter, ein gediegener Mensch. 

Paul Drechsler wurde am 6. Mai 1861 zu Leobsclnitz geboren, 
besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und bestand dort Ostern 
1880 die Reifeprüfung. Er bezog alsbald die Universität Breslau, um 
sich der katholischen Theologie zu widmen, aber bald zog ihn die 
Philologie in viel höherem Maße an, und so studierte er denn weiter¬ 
hin vor allem Deutsch, daneben auch die alten und neueren Fremd¬ 
sprachen. Im September 1886 wurde er zum Dr. phil. promoviert. 
Von Michaelis 1886—87 genügte er seiner militärischen Dienstpflicht 
beim Oberschlesischen Infanterieregiment Nr. 62 in Ratibor. Im 
Juli 1 *89 bestand er die Staatsprüfung für das höhere Lehramt und 
erwarb die Lehrbefähigung im Deutschen für die Oberstufe, im 
Lateinischen, Griechischen und Französischen für die mittleren Klassen. 
Sein Seminar- und Probejahr leistete er von Ostern 1890 bis dahin 
1892 am Königlichen Gymnasium zu Leobschütz ab, erlangte dar¬ 
nach die Anstellungsfähigkeit und arbeitete als Hilfslehrer noch bis 
Oktober 1893 an derselben Anstalt, dann bis Ostern 1895 am Lehrer- 


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Paul Drechsler + 


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aeminar in Liebenthal, bis 1. Juni 1895 am Gymnasium in Ohlau, 
bis Ostern 1897 am Gymnasium in Jauer, bis Michaelis 1898 am 
Progymnasium in Sprottau, bis Ostern 1899 am Matthiasgymnasium 
in Breslau. Zu diesem Zeitpunkt wurde er als Oberlehrer an die 
damalige städtische Realschule in Beuthen O./Schl. berufen und 
schon ein Jahr später zum Leiter des in Entwicklung begriffenen 
neugegröndeten öffentlichen Progymnasiums in Zaborze gewählt, dem 
Orte, in dem er seine endgiltige Lebensstellung finden sollte. Drei 
Jahre später erhielt die Anstalt die staatliche Anerkennung und er 
selbst den Titel Direktor. Unter seiner geschickten und umsichtigen 
Leitung erfolgte sehr bald in dem damals mächtig emporblühenden 
Industriebezirk der Ausbau der Schule zur Vollanstalt, sodaß er 
schon 1906 zum Königl. Gymnasialdirektor ernannt wurde. Seitdem 
leitete er die Anstalt mit Erfolg, aber unter mancherlei Schwierig¬ 
keiten, die die besonderen Verhältnisse mit sich brachten, bis zu 
seinem Tode. Inzwischen hatte er noch 1896 und 1898 durch zwei 
Erweiterungsprüfungen seine Lehrbefähigungen um die für Englisch 
erst für die mittlere, dann für die oberen Klassen erweitert und zahl¬ 
reiche militärische Übungen als Leutnant der Reserve abgeleistet. 
Im Herbst 1913 wurde ihm der Rote Adlerorden vierter Klasse ver¬ 
liehen. 

Als der Krieg ausbrach, war er leidend und konnte sich nicht 
sofort, wie er gewünscht hatte, dem Vaterlande mit der Waffe zur 
Verfügung stellen. Aber im Januar 1915 meldete er sich freiwillig 
und wurde als Oberleutnant und Kompagnieführer beim Landwehr- 
Ersatzbataillon Cosel eingestellt. Im September wurde er zum Haupt¬ 
mann befördert und tat nun noch in verschiedenen Stellungen in 
Neuhammer und in Oppeln Dienst. Am 30. November 1917 erhielt 
er aus Gesundheitsrücksichten die Entlassung aus dem Heeresdienst. 
Ein Schlaganfall, der ihn betroffen, hatte die Kraft des starken, 
blühenden Mannes gebrochen. Er sollte sich nicht mehr erholen. 
Die Versuche, eine Heilung herbeizuführen, hatten keinen Erfolg. 
Am 5. April 1919 erlöste ihn der Tod von seinen Leiden. 

Drechsler war ein ungemein arbeitsfreudiger Mensch und dabei 
wissenschaftlich gut begabt. Der hervorstechendste Zug seines Wesens 
war seine glühende, begeisterte Liebe zu seiner schlesischen Heimat, 
zu ihrer Natur, zu ihrem Volke in allen seinen Äußerungen in Sprache 
und Lied, Sage und Dichtung, Sitte und Brauch, Glauben und Aber¬ 
glauben. Schon seit der Studentenzeit lockt es ihn, all diesen Er- 


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Paul Drechsler + 



8cheinungen wissenschaftlich nachzugehen und während seiner Wander¬ 
jahre als Hilfslehrer lernt er einen großen Teil Schlesiens aus 
eigenster Anschauung aufs genaueste kennen, überall sammelt er un¬ 
ermüdlich volkstümliche Überlieferungen und weiß auch seine Schüler 
mit bestem Erfolge dazu anzuregen; der deutschen Sprache und 
Dichtung und Volkskunde widmet er seine beste Kraft und seine 
ganze reiche literarische Tätigkeit, für die er sich die Zeit mühsam 
von den starken Anforderungen seiner Berufspflichten abspart. 

Schon seine Doktordissertation „Wencel Scherfler von Scherffen- 
stein. Bin Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur im 
17. Jahrhundert“, die auf seines Lehrers Wein hold Anregung ent¬ 
standen war und 1886 erschien, hatte ihn auf sein eigenstes Gebiet 
geführt, dem er sein Leben lang treu bleiben sollte. Während er 
in dieser Schrift vorwiegend Leben, Persönlichkeit und die literar- 
geschichtliche Stellung dieses seines engsten Landsmannes behandelte 
— Scherflfer war um 1603 in Leobsclnitz geboren —, beschäftigte 
er sich in seinem größeren Werke „Wencel Scherfler und die Sprache 
der Schlesier. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Sprache“ 
(= Heft 11 der von F. Vogt herausgegebenen „Germanistischen Ab¬ 
handlungen“, Breslau 1895) wesentlich mit sprachlichen Fragen und 
kam dabei zu sehr ansehnlichen Ergebnissen. Denn Scherfler war 
bis dahin kaum beachtet worden und ist mit seinen Dichtungen, 
die z. T. rein mundartlich gehalten sind, eine wahre Fundgrube für 
die Erforschung der älteren schlesischen Sprache. Drechsler gibt in 
seinem Buche eine Grammatik und ein Wörterbuch seiner Sprache 
und zieht zum Vergleich in weitem Umfange auch andere schlesische 
Schriftsteller jener Zeit heran. (Vgl. Mitteilungen II. 44)‘. 

Als im Jahre 1894 unsere Gesellschaft gegründet wurde, trat 
ihr Drechsler, damals Hilfslehrer in Liebenthal, sofort bei, setzte 
sich mit dem Vorsitzenden, Professor Vogt, in Verbindung und be¬ 
richtete ihm von seinen Neigungen und seinen reichhaltigen 
Sammlungen, von denen unsere Mitteilungen fortan häufig Proben 
brachten, so gleich der erste Jahrgang 1895/96 im ersten Heft die 
„Sagen vom Wassermann aus der Gegend von Kätscher“ (S. 25—26 ft’.), 
die „Alb- und Geistersagen aus der Gegend von Leobschütz“ (S. 46), 
die „Streifzüge durch die schlesische Volkskunde“ (Heft II S. 22 ff., 
45 ff.), „Geistliche Volkslieder aus mündlicher Überlieferung in 
Kätscher (II S. 74 ff. 99 ff.) — 1895 erschien ferner das Büchlein 
„Albert von Hoditz, der Wundergraf von Roßwald. Ein Lebensbild.“ 


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(Leobschütz) und 1896 die Abhandlung „Handwerkssprache und 
-Brauch“ in den „Beitragen zur Volkskunde. Festschrift für Karl 
Weinhold“ (Germanistische Abhandlungen, Heft 12). Die Mit¬ 
teilungen bringen dann folgende Beiträge: Bd. II, Heft 3 S. 49 ff.: 
„Ich mag sie nicht“. Bd. III, Heft 5 (1898) S. 49 ff. weitere „Streif¬ 
züge durch die schlesische Volkskunde“ (ans Sprottau). Heft 6 
(1899) „Des schlesischen Bauern Werkzeug und Hausgerät“ (S. 57 ft.) 
„Liebesklage“ S. 88 ff. Heft 7 (1900): S. 11 ff’: „Schlesisches 
Kretschamleben“, S. 43ff.: „Der Zippelpelz“, S. 45ff.: „Das Rückwärts¬ 
zaubern im Volksglauben“, S. 61 ff. und 8 (1907), S. 8 ff.: „Beiträge 
zum schlesischen Wörterbuch“, 8, S. 87 ff.: „Volkstümliche Orts¬ 
und Zeitbezeichnung“. — 1901 erschien in der „Zeitschrift des 
Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens Bd. 35 
„Pancracii Vulturiui Panegyricus, die älteste Landesurkunde Schlesiens“, 
und in de Beilage zum Jahresbericht des Gymnasiums zu Zaborze „Das 
Verhältnis des Schlesiers zu seinen Haustieren und Bäumen“, 1902 
an derselben Stelle „Mythische Erscheinungen im schlesischen Volks¬ 
glauben I. Der wilde Jäger und Frau Holle“, 1904 der II. Teil ebenda 
„Die Druck- und Quälgeister“. 1903 erschien ein Bändchen Gedichte 
„Heimatlust und Jugendglück“ und der erste Band seines großen, 
grundlegenden Werkes „Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien“, 
dem 1906 der zweite folgte (= Schlesiens volkstümliche Überlieferungen, 
Bd. II, 1 und 2), der erste, vortrefflich gelungene und ungemein 
wichtige Versuch einer zusammenfassenden Behandlung des weiten 
Gebietes. (Vgl. die Besprechungen in den Mitteilungen 12, 
S. 108 und 14, S. 108 ff.) 

Die Mitteilungen bringen weiter 1905 Heft 13, S. 63ff.: „Der 
schlesische Bergmann unter und über Tage“. 1908 Heft 15, S. 144 ff. : 
„Breslauer Küchenzettel aus dem Jahre 1732“, Heit 16, S. 60 ff. : 
„Flurnamen aus dem Kreise Sprottau“, 1907 Heft 17, S. 95 ff'.: „Das 
auslautende -e im Schlesischen“, 18, S. 115 ff.: „Zur Wortbildung 
im Schlesischen“, 1908, Heft 19, S. 1 ff.: „Die Seele nach dem 
Tode in der Anschauung des Volkes“. S. 81 ff.: „Schlesiens Vogelwelt 
in der Sprache und ira Glauben der Heimat“, Heft 20, S. 71 ff: 
„Sprachliche Erstarrungen im Schlesischen“, S. 104 ff.: „Volkslieder“; 
1909, Bd. 11 S. 94 ff. „Märchen und Sagen aus Oberschlesien“, 
S. 99 ff.: „Scherz- und Ernsthaftes über besondere Zusammensetzungen 
mit aus und be im Schlesischen,“ S. 208 ff.: „Ein alter Vertrags¬ 
brauch“, 212 ff.: „Oberschlesisches vom Wassermann“. Dasselbe 


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Paul Drechsler + 


Jahr 1909 bringt auch wieder ein Buch „Bergbau und Bergmanns¬ 
leben in Schlesien. Ein Lesebuch für den schlesischen Bergmann“ 
(Kattowitz), s. Besprechung in den Mitteilungen Bd. 11, S. 218. — 

Die Festschrift zur Jahrhundertfeier der Königl. 
Universität zu Breslau (= Bd. 13 u. 14 der Mitteilungen) 
enthält S. 648—684 wieder einen wertvollen „Beitrag zum Wörter¬ 
buch der schlesischen Mundart: Die Präpositionen im Schlesischen“. 

Außerdem schrieb er noch einige kleine Besprechungen für die 
Mitteilungen und die Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 
und gab die Jahresberichte der von ihm geleiteten Schule in Zaborze 
heraus, in denen die Geschichte seiner bedeutsamen Berufstätigkeit 
als Schulman enthalten ist. 

So hat denn Paul Drechsler Zeit gefunden, neben seiner ver¬ 
antwortungsvollen und anstrengenden Amtsarbeit, die gerade im 
Industriebezirk mit seinen eigenartigen Verhältnissen nicht immer 
ganz leicht war, noch eine reiche wissenschaftliche Ernte einzubringen, 
und es ist ihm in vollem Maße gelungen, das zu erreichen, was er in 
verschiedenen Vorworten zu seinen Schriften immer und immer 
wieder betont: der Erforschung und der vertieften Erkenntnis seiner 
geliebten schlesischen Heimat nach besten Kräften dienen zu wollen. 
Seine Bücher, Aufsätze und Sammlungen sind und bleiben eine un- 
gemein wertvolle, unentbehrliche Grundlage für alle, die auf dem 
Gebiete der schlesischen Volkskunde weiter arbeiten wollen, und ein 
kaum je versagender Führer und Berater für diejenigen, die Be¬ 
lehrung darüber suchen. Die Heimat aber sollte ihm, einem ihrer 
getreuesten Söhne, die ihr erwiesene Liebe durch ein dankbares und 
ehrendes Andenken vergelten, und sicherlich wird ihm dieses unsere 
Gesellschaft bewahren, der er so Vieles gegeben hat. 

Breslau. H. Jantzen. 


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Literatur 


Indische Märchen. Herausgegeben von Johannes Hertel. Die Märchen 
der Weltliteratur, herausgegeben von Friedrich von der Leyen und 
Paul Zaunert. Buchausstattung von F. H. Ehmcke.) Jena, Eugen 
Diederichs. 1917. 

Den Märchensainmlungen, die wir früher (Band XVIII, S. 229) besprochen 
haben, reiht sich dieses Werk würdig an. Es enthält Erzählungen der nicht- 
buddhistischen Inder, übersetzt von einem der besten Kenner indischer Sprache 
und Literatur. Den Märchen sind Abbildungen beigegeben, die der großen 
Münchener Mahabharatahandschrift entliehen sind. In einer trefflichen Einleitung 
unterrichtet uns der Herausgeber über religiöse Anschauungen der Inder und 
ütfer ihre Auflassung des Märchens sowie Uber dessen prosaische und strophische 
Formen. Die Märchen, von denen einige aus der wcdischen Literatur, die große 
Menge aber aus der Sanskritliteratur und der Literatur der Volkssprachen 
entnommen sind, liegen hier in einer sachlich und stilistisch ausgezeichneten 
Übersetzung vor. Eine Sammlung buddhistischer Märchen wird vorbereitet. 

„ Siebs. 

Heimatblätter. Zeitschrift des Vereins für Glatzcr Heimat¬ 
kunde. Nachdem seit Mai-Juni 1918 alle Mitglieder des Alt-Herren-Verbandes 
der Glaeia der „Vereinigung für Glatzer Heimatkunde“ angcschlossen sind, 
hat auch die Vereinigung den Verlag der ..Heimatblätter“ übernommen. In 
einer trefflichen Sondernummer, die am 1. Januar 1919 herausgegeben ist, sind 
die heimatkundlichen Ziele und Wünsche der Vereinigung ausgesprochen: Studien¬ 
rat Dr. Maetschke setzt in einem geschichtlichen Vorträge auseinander, wie die 
Grafschaft deutsch geworden ist, und tritt mit historischer Begründung etwaigen 
tschechischen Ansprüchen entgegen; Friedrich Graebisch handelt über den so¬ 
genannten „Böhmischen Winkel“, der im westlichen Teil der Grafschaft die 
Kirchspiele Lewin und Tscherbeney umfaßt; Rechtsanwalt Boese spricht über 
die unberechtigten tschechischen Ansprüche auf die Grafschaft, Dr. Futter über 
ihre geographische Zugehörigkeit zu Deutschland; Amtsgerichtsrat Knittel 
fordert zu einer allgemeinen Kundgebung und dom Treugelöbnis für die deutsche 
Sache auf. 

Mit den besten Wünschen und Hoffnungen begleiten wir die Arbeiten des 
„Vereins für Glatzer Heimatkunde“; mögen sie dem wissenschaftlichen Fortschritt 
der Volkskunde dienen. Ss. 


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Literatur. 


Gilda Obend! Glatzer Volkskalender für das Jahr 1919. Heraus¬ 
gegeben von R. Karger. Mittelwalde. A. Walzel. M. 1,50. 

Der neunte Jahrgang des trefflichen Almanachs bringt nach dem eigent¬ 
lichen Kalender, der auch die Kriegsereignisse des verflossenen Jahres berück¬ 
sichtigt, mancherlei Unterhaltendes: Erzählungen in Prosa und ansprechende 
Gedichte in Schriftsprache und in Glatzer Mundart. Bei diesen bedauern wir 
nur, daß die einsichtigen und trefflichen Vorschläge zur Rechtschreibung von 
Friedrich Graebiseh nicht berücksichtigt worden sind. Von Sonstigem sei der 
Aufsatz des Professor Klemenz über „Grafschafter Lehrerdichter“ (Adam Langer, 
Hermann Stehr, Paul Frieben, Robert Karger) erwähnt; ferner eine Sammlung 
von Grafschafter Sprichwörtern und von Pflanzennamen, die Friedrich Graebiseh 
mitteilt; M. Hellmich endlich handelt über „Steinerne Zeugen mittelalterlicher 
Gerichtsbarkeit in der Grafschaft Glatz.“ Wir wünschen dem trefflichen Kalender 
weitere Erfolge. Ss. 

Schlesischer Musenalmanach« Begründet und herausgegeben von Wilhelm 
Wirbitzky. 5 Jahrgang. 2. Vierteljahrsband. Beuthen OS., Verlag von 
Th. Cieplik 1919. 

Der schon im letzten Bande geäußerten Absicht, auch die Kunst der 
Musik zu pflegen, ist der Musenalmanach treu geblieben: ein „Schlesierliod“ 
von Maria Brugger und ein „Kinderlied“ von Bernhard Fischer werden in Wort 
und Weise mitgetcilt. Unter den Gedichten steht als erstes das bekannte 
Strachwitz’schc „Der Himmel ist blau“! — es war ein guter Griff, die präch¬ 
tigen, für unsere Tage so treffenden Verse voranzustellen. Verschiedene lite¬ 
rarische Abhandlungen (vor allem eine über Eberhard König, von Treblin) und 
eine Novelle von Wirbitzky seien besonders genannt. Ss. 


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Mitteilungen 


Zum 28. Juni 1919. 

Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seitdem am 28 . Juni 
1894 in der Universität zu Breslau unsere „Schlesische Gesellschaft 
für Volkskunde 44 gegründet wurde. Eine reiche Zeit segensvoller 
Arbeit liegt hinter uns. In glücklicheren Tagen, als sie uns jetzt be- 
sch ieden sind, hätten wir mit stolzer Freude und froher Zuversicht 
unser Fest gefeiert. Heute, wo das Vaterland darniederliegt und 
Schlesien von schwerstem Unheil bedroht wird, ist jedem Fühlenden 
unter uns die Freude genommen; uns bleibt nur die Hoffnung, in 
weiterer treuer Arbeit erfolgreich im ungeteilten Schlesierlande der 
Wissenschaft zu dienen. 


Am Freitag den 10. Januar 1919 hielt die Gesellschaft in der Uni¬ 
versität ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende, Uni¬ 
versitätsprofessor Geh. Regierungsrat Dr. Siebs gab zunächst einen Bericht 
über die Tätigkeit der Gesellschaft im letzten Jahre. Trotz des Krieges ist 
die Zeitschrift ^Mitteilungen“ wie bisher, ja sogar in erweitertem Umfauge 
erschienen; die Sitzungen und Vorträge haben ihren ungestörten Fortgang ge¬ 
nommen: die Sammlung der Volkslieder und die Wortsammlung fllr das 
Schlesische Wörterbuch sind sachgemäß fortgeführt worden. Nach der 
Rechnungsablage, die Professor Dr. Hippe für den verhinderten Schatzmeister 
Dr. v. Eichhorn erstattete, wurde auf Vorschlag des Rechnungsprüfers Geh. 
Regierungsrat Professor Dr. Appel Entlastung erteilt. Bei der dann folgenden 
Vorstandswahl wurde zum Vorsitzenden gewählt Geh. Reg.-Rat Professor Dr. 
Siebs, zu seinem Stellvertreter Geheimrat Hillebrandt, zum Schriftführer 
Professor Dr. Hippe, zu seinem Stellvertreter Professor Dr. Seger, zum 
Schatzmeister Dr. Kurt v. Eichhorn; weiterhin die Herren Geheimrat Feit, 
Schräder, Professor Dr. Dr. Kühnau, Olbrich, Klapper, Geheimrat 


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Mitteilungen. 


Jantzen und Kroll. Späterhin ward Taubstummenlehrer Rother in den Vor¬ 
stand gewählt. 

Nach diesem geschäftlichen Teile hielt l)r. Klapper einen Vortrag über 
„Zauber buch er in Schlesien.“ Wie aus allen deutschen Gebieten, so sind 
auch aus Schlesien [viele Zauberformeln älterer Zeit überliefert. Wo s*ie in 
schriftlichen Quellen erscheinen, ist es bedeutsam festzustellen, wie sich der 
Schreiber zu seinen Aufzeichnungen stellt, ob er naiv gläubig sie mitteilt, ob 
er als Geistlicher sie bekämpft usw. Unter diesen Gesichtspunkten wurden als 
wichtigste Quellen zunächst die Kampfschriften der Kirche besprochen, die uns 
mit den Zauberformeln bekannt machen, und zwar die sogenannten Summen 
(Wilhelm von Auvergne), ferner die Aberglaubentraktate, die Beichtbücher und 
vor allem die für diese Dinge wertvollen Predigten, die gar manche Formeln 
in der Volkssprache enthalten. Dann kommen als nichtpolemisch die kirch¬ 
lichen Agenden mit ihren vielen Benediktionen in Betracht. Als halbgelehrte 
Aufzeichnungen können sodann die Kabbalistik, die Aufzeichnung der Höllen- 
zwänge und ähnlicher Äußerungen des Zaubers gelten. Viel bedeutsamer als 
alles dieses sind für uns die naiv gläubigen Aufzeichnungen älterer Zeit. So 
stehen die mittelalterlichen Zaubersprüche vielfach mitten unter Rezeptformeln, 
teilweise aber auch auf Einbanddeckeln der Handschriften oder am Rande 
der Seiten nachgetragen. Zusammenhängende Reihen solcher Zauberformeln 
sind in älterer Zeit selten, finden sich aber später in den Zauberbücbern in 
Schlesien. Der Vortragende besprach nun eine große Anzahl von handschrift¬ 
lichen Aufzeichnungen; bei ihnen ist wichtig festzustellen, ob die Zauber¬ 
sprüche zur Zeit der Niederschrift noch als lebendiger Volksglaube empfunden 
wurden, oder ob sie uns nur als mechanische Abschriften vorliegen. In den 
schlesischen Volkssagen spielen nun auch vielfach zusammenhängende Zauber¬ 
bücher eine Rolle, die gehören aber erst in die neuere Zeit. Der Vortragende 
legte solche in größerer Zahl vor: verschiedene geschriebene Hefte, die Höllen- 
zwänge zur Geisterbeschwörung enthalten und aus dem 18. Jahrhundert stammen; 
ferner gedruckte Zauberbücher, die heute noch in Schlesien verbreitet sind, 
z. B. das sogenannte sechste und siebte Buch Mosis und das ziemlich häufige 
Albertus-Magnus-Büchleiu. Diese Drucke enthalten Formeln für Heil- und 
Schutzzauber, während Mittel zu schädigendem Zauber in der Überlieferung 
recht selten sind. Eine reiche Fülle von Stoff legte der Vortragende in seinen 
dankenswerten Mitteilungen vor, und es ist nur zu wünschen, daß die Schlesische 
Gesellschaft für Volkskunde von weiten Kreisen bei der wichtigen Sammlung 
solchen altertümlichen Brauches unterstützt werde. 

Am 21. März 1019 starb der ordentliche Professor der vergleichenden 
Sprachwissenschaft an der Breslauer Universität Geh. Regierungsrat Dr. phil. 
u. Dr. iur. h. c. Otto Schräder. Er war seit langen Jahren Mitglied unseres 
Vorstandes und hat unserer Gesellschaft durch Vorträge und Schriften wert¬ 
volle Mitarbeit geleistet: es sei nur au seinen Aufsatz „Aus griechischer Früh¬ 
zeit“ (Band XIII/XIV, 464 ff.) erinnert, in dem er Schlüsse aus dem homerischen 
Wortschatz für die Beantwortung ethnologischer Fragen verwandte, sowie auf 
seine Schrift „Begraben oder Verbrennen“, ln Otto Schräder haben wir einen 
bedeutenden Gelehrten verloren; durch sein Werk „Sprachvergleichung und 
Urgeschichte“ war er der bahnbrechende Führer auf dem Gebiete der indo- 


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Mitteilungen. 


255 


germanischen Altertumskunde, der linguistischen Archäologie geworden, auf dem 
er die Arbeit von Viktor Hehn fortgesetzt und vertieft hatte. Die reichen Er¬ 
gebnisse seiner Forschungen hat er in dem bedeutsamen und einzigartigen 
„Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde“ zusammen¬ 
gefaßt. Mögen auch Methodik und letzte Ziele der vergleichenden indo¬ 
germanischen Altertumsforscher verschieden bewertet werden, so werden doch 
Schräders Arbeiten durch die Fülle des Stoffes und den Geist der Darstellung 
ihren hohen wissenschaftlichen Wert bewahren, und die volkstümliche Forschung 
wird ihnen stets reiche Belehrung und Anregung danken. 


Als Mitglieder sind der Gesellschaft beigetreten 

ln Breslau: August Görlich, Mittelschullehrerin Margarete Doclle. Pro¬ 
kurist Bertrand Deutsch, Universitätsprofessor Dr. Mollison, Rechtsan¬ 
walt Dr. E. Bohn, Kandidatin des höheren Lehramts Margarete Glatzel, 
Oberlehrerin Emma Sonke, stud. phil. Paul Scholz, stud. phil. Herbert 
Hirschberg, stud. theol. kath. Johannes Kustos, wissenschaftliche Lehrerin 
Ilse von Falkeustein, stud. rer. pol. Dorothea Kische, Schriftleiter der 
Breslauer Zeitung Dr. Bodo Langenstraßen, Oberlehrer Dr. Rodehau, Frau 
Geheiinrat Vera Frech, Oberlehrer Dr. Paul Oczipka, stud. phiL Kurt 
Zarnewski, Evangelisches Konsistorium der Provinz Schlesien, Fabrik¬ 
besitzer W. Neu mann, Frl. Magdalena Stephan. 

von auswärts : Katholische Kreislehrerbibliothek in Wohlau, Erzpriester 
Völkel inDeutschkamitz, Kreis Neiße, Schriftsteller Wilhelm Müller- 
Rüdersdorf in Charlottenburg, wissenschaftliche Lehrerin Else Sonntag 
in Oswitz, Lehrer und Kantor Moritz Maier in München, Rittergutspächter 
Wilhelm Scheller in Kammendorf bei Canth, stud. phil. Gerhard Klein 
in Langenbielau i./Schl., Dr. med. Avenarius in Meißen, Provatdozent Dr. 
Klose in Hirschberg, Amtsrichter Joksch Ditze inPrausnitz Bez. Breslau, 
Dr. Hans Bächthold in Basel, Kaplan Kurt Zimmermann in Alben¬ 
dorf, Kreis Neurode, Volksschullehrer Alfons Perlick in Rokittnitz, Kr. 
Beuthen O./S., Schriftstellerin Magdalene Stahn in Faulbrück bei Reichen¬ 
bach in Schles., Lehrer und Organist Joseph Rücker in Camenz, Lehrer 
Heinrich Gabriel in Schweidnitz. 


Alle diejenigen, denen es gegeben ist, in jetziger Zeit für die 
Aufzeichnung von Soldaten- und Kriegsliedern zu wirken, bitten wir, 
der Bestrebungen unserer Gesellschaft zu gedenken. Wort und 
Weise in allen ihren Besonderheiten und Abweichungen sind für 
die Volksliedforschung wichtig. Auch bemerkenswerte Er 1 ebn isse 
und Erfahrungen in Freundes- und Feindesland bergen manche 
volkskundlich wertvollen Dinge; und für Sammlung und Mit¬ 
teilung solcher Erinnerungen, mögen sie Sitte und Brauch, Volks¬ 
lied oder Mundart betreffen, wissen wir Dank. 


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Mitteilungen. 


Die Schlesische Gesellschaft für Volkskunde, gegründet im 
Jahre 1894, verfolgt den Zweck, der Wissenschaft der Volkskunde 
zu dienen utid das Interesse für volkstümliche Überlieferungen zu 
beleben und zu pflegen; auch will sie möglichst alles, was sich von 
solchen Überlieferungen in Schlesien erhalten hat, sammeln. 

Der Eintritt in die Gesellschaft erfolgt durch Anmeldung bei dem 
Schatzmeister Dr. Kurt von Eichborn, Bankier, Breslau, Blücher¬ 
platz 13 11 oder bei dem Schriftführer Direktor der Stadtbibliothek 
Professor Dr. Max Hippe, Breslau, Brandenburgerstr. 48. 


Der Vorstand besteht aus folgenden Herren: 

Vorsitzender: Universitätsprofessor Geheimer Regierungsrat Dr. 
Theodor Siebs. 

Stellvertreter: Universitätsprofessor Geheimer Regierungsrat 

Dr. Alfred Hillebrandt. 

Schriftführer: Direktor der Stadtbibliothek Professor Dr. Max 

Hippe. 

Stellvertreter: Direktor am Schles. Museum für Kunstgewerbe 
und Altertum Prof. Dr. Hans Seger. 

Schatzmeister: Dr. Kurt von Eichborn. 

Kgl. Gymnasialdirektor Geheimer Studienrat Professor Dr. Paul 
Feit. 

Oberlehrer Professor Dr. Karl Olbrich. 

Oberlehrer Dr. Josef Klapper. 

Oberlehrer Professor Dr. Richard Kühnau. 

Provinzialschulrat Geh. Reg.-R. Dr. Hermann Jantzen. 

Universitätsprofessor Geheimer Regierungsrat Dr. Wilhelm 
Kroll. 

Taubstummenlehrer Karl Rother. 


Schluß der Schriftleitung: 20. September Uü$. 



Buchdruckern A. Fioorke, Breslau 11. 



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